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Jüdische Rundschau · 1926-09-29 · Heft 76-77 (29.9.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 76-77 (29.9.1926)
Date
1926-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1/77 Nr. 70177 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 543 clisclu mchi >r da .. Dei intcr getcib Volks unter׳ [ hiter׳ r be iversi■ u ß c 1 ischet voir 1t zu d c 1! der lausus Jraxu5 i der;egeno/ent׳ ■seneii endet;ungs׳ Lernptorm iehen r det; und wichrsachi t des Sejm■ ei'ai ■rricht : des Abg rrsclic Ischen lehnt, estem issenkein urden :lehnt der bei Yngevisscr;egen Ver- und jrken 1 der ,Inge- Lüfte eßen. daten Klub «t־e-n lister erten tückzung i t e“ Pro•; mit sfun-; ein :ung. gent ären esen die Heraus- ג i t- Siele Der Genfer Minoriiätenkongrefj und die deutsche öffentliche Meinung Von Karl Glaser. Der zweite Kongreß der Minoritäten in Genf, der nicht zufällig kurz vor der Herbsttagung des Völkerbundes stattfand, hat in der deutschen Presse und in deutschen politischen Kreisen ungeheuren Widerhall gefunden. Das ist um so erstaunlicher, als die erste Kundgebung der nationalen Minderheiten Europas im Oktober 1925 fast eindruckslos vorübergegangen war, trotzdem das deutsche Interesse am Minoritätenproblem angesichts der Zahl der in fremden Staaten lebenden Deutschen das aller übrigen Nationen überstieg. Man hat eben in Deutschland bis vor kurzem an der vor dem Kriege herrschenden Theorie des geschlossenen Nationalstaates festgehalten und daher den Anschauungen, die den ersten Minoritätenkongreß beherrschten und die insbesondere der geistige Führer der deutschen Minderheiten, Prof. Dr. Schiemann zum Ausdruck brachte, fremd oder gar feindlich gegenüberstanden. Bedeuteten doch die Austuhrungen der deutschen Vertreter ein ausdrückliches Bekenntnis zum nationalen Selbstbestimmungsrecht der Staatsbürger, zur Trennung von Staat und Volkstum, von Staat und Kultur, ganz ähnlich wie man in vielen modernen Staaten Staat und Kirche voneinander getrennt hat. Mit denselben Worten, mit denen die zionistische Ideologie seit Jahren gegen die Einmischung des Staates in eigenste Lebensbeziehungen seiner Bürger angekämpft hat, mit der auch der zionistischen Argumentation nicht fremden Feststellung, daß der Satz ״cuius regio eius natio“ nicht weniger kultur- und freiheitsfeindlich, nicht weniger friedensgefährdend sei als der durch die Greuel des 30jährigen Krieges entlarvte ״cuius regio eius religio“, hatte Schiemann einer neuen Freiheit eine Gasse zu bahnen versucht. Man hat inzwischen eingesehen, daß Deutschland eine solche Freiheit ertragen kann und ertragen muß, weil nur das Bekenntnis zu ihr in Wort und Tat die Möglichkeit gibt, den Deutschen im Ausland einen Anspruch auf die Behauptung ihres nationalen Eigenlebens zu verschaffen. — Tatsächlich hat sich die Lage der nichtdeutschen Minderheiten im Deutschen Reich in letzter Zeit gebessert; wir glauben, daß die von der Preußischen Regierung cingeschlagene Politik der nationalen Entspannung entscheidende Erfolge zeitigen wird, wenn sie nur folgerichtig weitergeführt wird. — Es ist ein in der Theorie unbestrittener Grundsatz geworden, daß das Bekenntnis zu einem Volkstum, das nicht das der Majoritätsnation ist, keine kultur eilen oder bürgerlichen Nachteile nach sich ziehen solle. Die Minoritätsnationen haben aus dieser Erkenntnis die logische Folgerung gezogen, daß dort, wo sie in die Wirklichkeit umgesetzt wird, von einer Irredenta nicht die Rede sein dürfe, jadaßdie Angehörigen der Minderheitsnationen in solchen Staaten sich ebenso als Träger des Gemeinwesens zu betrachten hätten wie diejenigen der Mehr U eit sn a t i o n. — Die deutsche Presse von ganz links bis ganz rechts vertritt heute den Standpunkt, daß die treue Bewahrung der Muttersprache, der Volkseigentümiichkeit, der kulturelien Eigenart, der besonderen historischen Erinnerungen, daß die Behauptung und Betonung eines nationalen Zusammenhangsgefiihls mit den Connationalen jenseits der Grenze kein Grund mehr sein dürfe, einer Gruppe von Staatsbürgern irgendwelche Rechte bürgerlicher, wirtschaftlicher oder kultureller Art zu verweigern, solange sie dem Staat gegenüber die Loyalität bewahrt, auf die er Anspruch hat. Es soll also aus Gründen der nationalen Zugehörigkeit niemand pebr irgendwelche Beeinträchtigung erfahren. Beamten- und Öffiziersstelleti sollen den andersnationalen Staatsbürgern ebenso offenstehen wie den Angehörigen der Majoritätsnation. Auf dem zweiten Minoritätenkongreß in Genf haben die Vertreter der Juden h eiten des Ostens eine besondere Rolle gespielt. Sie waren cs, die vielfach die glücklichen Formulierungen für die Forderungen gefunden haben, denen der Kongreß in seinen Resolutionen Ausdruck gab. Die zionistische Politik der Normalisierung der jüdischen Lebensbedingungen in der Welt hat auf diesem Kongreß einen großen Erfolg errungen. Die Juden standen in einer Reihe mit den Vertretern anderer Nationen und kämpften für gleiche Ziele in der nahen und einer ferneren Zukunft, für die Gestaltung einer Welt, in der es keine unterdrückenden und keine unterdrückten Völker mehr gibt. In diesem Kampfe aber zeigten sich die Juden als Volk den anderen Völkern als gleichberechtigt und bündnisfähig. Wenn der Präsident des Kongrosses, Dr. Wilfan, am Schluß der Tagung dem Zionismus seinen besonderen Gruß entbot, so wollte er damit in voller Kenntnis der Anomalien, die es verbieten, die Lage des jüdischen Volkes mit der anderer Völker zu vergleichen, die bestehende Interessensolidarität demonstrativ zum Ausdruck bringen. Das nationale Judentum hat von Anbeginn an auf die mechanische Angleichung jüdischer Forderungen an die anderer Nationen verzichtet. In den Ländern des Ostens mit jüdischer Massensiedlung und einem geschlossenen jüdischen Gemeinleben nimmt es Minoritätenrechte für Juden in vollem Umfang in Anspruch. Im westlichen Europa verzichten die nationalgesinnten Juden in Erkenntnis der mangelnden Voraussetzungen auf politische Minderheitsrechte. Das bedeutet keinen Verzicht auf das Grundrecht freier Entwicklung unserer Eigenart Für die deutschen Juden kann von wirklicher Gleichberechtigung in Wahrheit erst dann die Rede sein, wenn sie in Deutschland nach ihren Bedürfnissen ein jüdisches Leben gestalten können, ohne deshalb aufzuhören, vollen Anteil an der Entwicklung des deutschen Staates zu nehmen. — Zweifellos verlangen die nationalgesinnten Juden in Deutsch-!and politisch weit weniger als diejenigen deutschen Staatsbürger, die gleich ihnen nichtdeutschen Stammes sind. Sollen sie, die auf Minoritätenrechte verzichten, weil sie ihrer besonderen sozialen, kulturellen und politischen Situation Rechnung tragen, schlechter gestellt sein als Dänen und Polen in Deutschland, die sie fordern? Wir glauben, daß wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die zwangsläufig zu einer klaren, für das nationale Judentum befriedigenden Beantwortung dieser Frage durch den deutschen Staat und das deutsche Volk führen muß. Widerstand ist vornehmlich von jüdischen Kreisen zu erwarten, die, bewußt oder unbewußt aus Angst vor dem extremen Antisemitismus und vor dem Einfluß, den der deutsche Nationalismus in seiner Prägung von gestern zweifeilos auch heute noch besitzt, immer wieder gegen den zionistischen Anspruch auf Gleichberechtigung des Judentums Einspruch erheben. Wie wenig sie von dem Geist begriffen haben, der von dem Minoritätenkongreß in Genf ausging und der dabei ist, sich den Völkerbund und die Staaten zu erobern, zeigt ihre erbitterte Stellungnahme gegen Staatsbeamte, die Zionisten sind und denen man darum die moralische Berechtigung auf ihr Amt abzusprechen versucht. Hier treten dieselben Juden, die vom ״inneren Frieden“, von Völkerversöhnung und von dein völkerverbindenden Ideal des Judentums reden, von denen so mancher sich als Pazifist bezeichnet, die in ihrer Mehrheit demokratischen Parteien angehören, in der krassesten Form gegen den zukunftsreichen Versuch auf, Minderheiten und Mehrheiten miteinander zu versöhnen, menschliche Verschiedenheiten nicht zum Grund ewiger Feindschaff werden zu lassen, die Monopolisierung des Staates durch eine Gruppe seiner Bürger zu verhindern und alle Staatsbürger gleichgültig welcher Anschauung, welcher Relegion, welcher Herkunft., welcher Gepflogenheiten tnd welcher kulturellen Eigenart gleichmäßig am Staat zu interessieren. Wer die Mißachtung menschlicher Grundrechte zu verewigen versucht, ist ein Feind des Friedens, der staatlichen Konsolidierung und des Menschengeschlechts. Der deutsche Zionismus hat sehr früh die große Chance erkannt, die ein unaggressiver jüdischer Nationalismus für die Schaffung eines anständigen und klaren Verhältnisses zwischen Juden und Umwelt bedeutet. Während das offizielle Judentum und seine politischen Organe noch ganz damit eschäftigt waren, sich auf den Boden der vollzogenen Tat- Sachen zu stellen, bekannte sich —* 6 Jahre bevor der Genfer Minoritätenkongreß den Ausgleich zwischen Mehrheits- und Minderheitsvölkern suchte — das nationale Judentum Deutschlands entschlossen und unzweideutig zum Zukunftsstaat der nationalen Freiheit. Zweifellos ist die staatsbürgerliche Gesinnung des Nationaljuden mindestens ebenso fest begründet als die anderer jüdischer Kreise. B 1 u tn e n f e 1 d nahm die Erkenntnisse und die Formulierungen der Genfer Tagung vorweg, als er auf dem XV. Delegiertentag der Z. V. f. D. im Jahre 1919 der Staaissesinnung der deutschen Zionisten in den folgenden Worten Ausdruck gab: ״Sind wir in unserer Art vom Staat anerkannt, so sind wir ein integrierender Bestandteil des Staatsganzen geworden. Daher glauben wir, daß erst das nationale ludentum in freier Bewegung, in Hingabe am fortschreitenden Leben der Völker und also auch des deutschen Volkes teilnehmen kann.“ Daß große jüdische Parteien, mit denen sich der Zionismus heute im Kampf auseinanderzusefzen hat, seine positive Antwort auf die Frage ״Staat und nationales Judentum“ nicht anerkennen wollen, ist nur historisch zu erklären. Es ist ein Festhalten an dem Grundgedanken der Emanzipation, bei der die damals gar nicht selbstverständliche Staatsbürgerliehe Gleichberechtigung mit einem Opfer erkauft werden mußte, das einem Teil der Judenheit sehr schwer fiel und das mit der heutigen Auffassung von Menschenwürde und mit den grundsätzlichen Forderungen, die anläßlich des Minoritätenkongresses u. a. auch von der ganzen deutschen Oeffentlichkeit erhoben werden, kaum vereinbar ist, nämlich mit dem Verzicht auf jüdische Eigenart. Da wir freilich wissen, in wie hohem Grade in der deutschen Judenheit taktische Gesichtspunkte ausschlaggebend sind, dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß die fortschreitende Wandlung der I deutschen öffentlichen Meinung schließlich auf die jüdische öffentliche Meinung nicht ohne Eindruck bleiben wird. * Wir geben im folgenden aus der unübersehbaren Fülle der Presseäußerungen über den Minoritätenkongreß die einiger einfiußreicher Blätter wieder; Die deutschnationale ״D cutsche T ageszcitung“ schreibt: ״Die nationalkulturelle Freiheit ist ebenso ein geistiges Gut der Kulturwelt wie die religiöse Freiheit. Dieser Grundsatz soll als ein ethisches Prinzip für die Völkerbeziehungen anerkannt werden und soll seinen wirksamen Ausdruck und tatsächliche Geltung in positiven Rechtsnormen finden, so lautet die erste grundsätzliche, auch für den diesjährigen Kongreß und seine Arbeit gültige Zielformel der Minderheitenarbeit. Immer wieder ist — und zwar in ehrlicher Bereisterung — wie sie sich unter diesen Vertretern einer Jungen Idee im Gegensatz zu den meist schon verbrauchten Politikern der Genfer Atmosphäre als Triebkraft über viele Schwierigkeiten hinweg gezeigt hat, dieses Problem der nationalkulturellen Freiheit von einer neuen Seite aufgefaßt worden... Von innen gesehen bedeutet der Verlauf der Tagung und die zutage tretende Solidarität der unterdrückten Nationen ... einen nicht zu leugnenden Erfolg.“ Uefaertreibungen des Nafionalitäten-Prinzips, wie sie in der Forderung von etwa 500 Friesen, eines kleinen Teils eines unzweifelhaft deutschen Stammes, nach Minoritätsrechten zum Ausdruck kamen, sind gerade die Vertreter der jüdischen Minderheiten mit der Feststellung entgegengetreten, daß Minoritätenrechte nur von der Mehrheit der Minderheit gefordert werden können. Die ״Hamburger Stimmen“ weisen darauf hin, daß ein Vertreter der jüdischen Gruppen mit Recht betont habe, ״daß die Friesen mit ihrer Forderung auf dem besten Wege seien, eine große Sache klein und lächerlieh zu machen“. Mehrere Blätter erkennen ausdrücklich an, daß die Haltung der Juden ein nicht zu unterschätzender Dienst gewesen sei, ״der dem deutschen Volk geleistet wurde“. Die ideologische Seile der Frage wurde von der ,Deutsehen Allgemeinen Zeitung“ (Deutsche Volksp.) besonders hervorgehoben. Nachdem das Blatt sich gegen Tendenzen einer Rede Schiemanns gewandt hatte, die scheinbar geradezu auf Auflösung des Staatsbegriffes gez.ielt habe, hebt sie billigend die schließlich vom Minoritätenkongreß akzeptierten Formulierungen des Schöpfers der cstländischen Kulluratilonoinie, Hasselblatt, und des Vertreters der livländischen Juden, Dr. Ro b i n s o n, hervor. Hasselblatt habe deutlich unterstrichen, daß der Sinn der Minderheitenpolitik in der Abkehr der Nationalitäten von jeder Schutz- und Almosen- Wirtschaft liege. ״Hier fiel das Wort vom Nationalstand, das am besten widerlegte, daß eine Selbstbestimmung der Nationalität im Staat nur territorial möglich sei und zum Staat im Staate führen müsse. Hier erwies sich, daß der Autonomiegedanke die Kultur nicht vom Staate trennt, sondern das Rechtsgebilde Staat erst mit der Fähigkeit erfüllt, fruchtbare kulturelle Organe aüszubilden.“ Dr. Robinson ergänzte in einem von dem Blatt als überaus wirkungsvoll bezeichneten, ״mit glänzender Rhetorik vorgetragenen Referat“ diese Ausftihrungen. ״Er bezcichncte die Kulturautonomie sehr glücklich als ein Stück delegierter staatlicher Souveränität. Er nannte sie — eine Andeutung Schiemanns wesentlich vertiefend — ein Mittel zur Ueberwindung des Atomismus und der Gemeinschaftskrise, die den eigentlichen Grund der Krise des Pariamentarismus bilden. Und indem so ein Nichtdeutscher sich mit dem größten Ernst für den kulturellen Autonomiegedanken einsetzte, war die tendenziöse Lieblingswendung gewisser Kreise wohl am besten widerlegt, die diesen Gedanken als deutsche Mache zu verdächtigen suchen.“ Die ״Germania“, das führende Zentnunsblatt, schildert die Schwierigkeit«!; die einer gemeinsamen Arbeit der Minderheiten entgegenständen und «Be glücklich überwunden worden seien. ״Unterscheiden sich doch die verschiedenen Einheiten wesentlich in ihrer politischen, kulturellen, Wirtschaftliehen und sozialen Lage und dementsprechend auch in der jeweils vorherrschenden Zielsetzung. Verschieden ist der geschichtliche Entwicklungsgang, verschieden die Siedelungsweise, je nachdem ein geographischer Zusammenhang mit dem Muttervolk vorhanden ist oder der Volksteil in abgelegenen Enklaven oder aber zerstreut und vermischt unter dem Wirts volk wohnt.“ (Von uns gesperrt.) Auch die ״Germania“ hebt die bedeutsame Rolle der jüdisehen Vertreter hervor. Sie schließt mit der Erklärung, daß es sich auf diesem Kongreß nicht um sensationelle Enthüllungen und Beschlüsse gehandelt habe, sondern um Selbstverständlichkeilen. ״Aber darin liegt ja gerade die tiefe Tragik der nationalen Minderheiten, daß sie um ihre selbstverständlichsten und natürlichsten Menschenrechte kämpfen müssen.“ Die ״Augsburger P os t z e i t u n g“, ein führendes Blatt der Bayerischen Volkspartei, erkennt gleichfalls die Ergebnisse des Kongresses an. Auch hier wird die Haltung der Juden besonders gewürdigt. ״Eine besondere Gruppe Bilden die Ostjuden. Auch diesmal hatte ihr Wortführer, der die Stirn-!dich tmokeit, agen vird an zu : zu den •!bst ss en der Slick ulen /hat mtei »Her!ine! lüel- :htc mtei ge• di« iteralsc di« t es muE nief Der Tempelschatz in Jerusalem wurde sehr oft von Feinden ausgeraubt, aber immer wieder füllte er sich durch die Opfergaben jenes großen Unbekannten, der Volk heißt. Das Wunderbarste dabei war, daß davon nirgends gesprochen wurde. Keine Aufrufe für Sammlungen, keine Propagandisten für diesen Zweck. Wir erfahren nicht, auf welche Weise der Tempelschatz wieder aufgefüllt wurde. Man sprach von vielen anderen Dingen, von der Heiligkeit der Gesetze, von Vaterland, von der Gottesidee, das Opfer an Geld war natürliche Folge. Der Tempelschatz mehrte sich, aber kein Wort wurde darüber verloren. * Das jüdische Volk hat in seinen Klageliedern und Legenden über die Zerstörung Jerusalems nichts aus dem großen Quellenvorrat nehmen wollen, den Josephus der Nachwelt gelassen hat. Welch heldenhafte, erschütternde Momente sich auch in seinem Jüdischen Kriege befinden, das Volk nimmt keine Notiz davon. Es liest am Tischo Beaw den Targum Tanehuma, klagt über die Assoro Harugc Malchus, benutzt geschichtlich weniger beglaubigte Quellen, aber nie jene gewaltigen Episoden, von denen das Werk von Josephus übervoll ist. Nichts von der Verteidigung von Jotapata, nichts von dem Schlußakkord der größten aller Tragödien, ich meine die Belagerung der letzten Veste Massada, der gewaltigen Rede Eleazars, in der er Massen- Selbstmord empfiehlt, der auch von sämtlichen Juden Massadas ausgeführt wurde. Der einzige Quellenangeber für die jüdischen Geschichtsschreiber wird vom Volk vollständig ignoriert. Es will nichts mit dem Römling und Schmeichler der Fremden zu tun haben. Welch hartes Urteil! Aber wie hart, wie bitter waren auch die Krankungen, die Josephus seinem Volke zugefügt hat, obwohl nichts an Erschütterungen seinen Erzählungen und Schilderungen von dem heldenhaften Kampfe der Juden gegen die Römer gleicht. * Die ersten jüdischen Staatenlosen: Als nach dem Sieg über die Juden Titus Antiochien besuchte, wurde er von der Bürgerschaft der Stadt um die Erlaubnis gebeten, die Juden aus Antiochien vertreiben zu dürfen. Daraufhin Titus: Aber ihre Vaterstadt, wohin man sie vertreiben müßte, ist ja nicht mehr, und kein Ort der Welt würde sie mehr aufnehmen. Einen Nansen und Nansen-Pässe gab es damals auch nicht. * A propos Josephus! Die Todesverachtung, mit der das jüdische Volk in seinem Kampf gegen die Römer sich auszeichnete, kann nicht allein nur aus der Liebe zur Freiheit, aus dem Patriotismus erklärt werden. Eine in weiten Kreisen verbreitete pessimistische Weltanschauung mußte dazu beigetragen haben, die Furcht vor dem Tode zu überwinden. Eleazar aus Massada spricht in seiner gewaltigen Rede von der Lehre der Inder. Der Buddhismus ist bis nach Palästina gedrungen. Nur die Assimiianten, die Römlinge unter den Juden waren billige Optimisten, und Josephus war einer von diesen Optimisten. Die Jerusalemer Natioialbibliolhek In letzter Zeit erhielt die National- und Universitätsbibliothek eine Reihe von wichtigen Geschenken. Aus Stockholm erhielt die Bibliothek durch Bemühung des Herrn Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis fünf Kisten, enthaltend wertvolle Bücher aus dem Gebiete der Medizin und Literaturgeschichte. Das Komitee zur Förderung der Hebräischen Universität Jerusalem in Zagreb übersandte eine Kiste veterinärmedizinischer Bücher, welche von Frau Josefine Hirsch aus dem Nachlasse inres verstorbenen Mannes Berthold Hirsch, gespendet wurden. Der bekannte amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair übersandte der Bibliothek seine sämtlichen Werke als Geschenk. Außerdem traf in den letzten Tagen die erste Sendung der Berner Universitat ein, über deren Aktion zugunsten der Jerusalemer Bibliothek an dieser Stelle schon vor kurzem berichtet wurde. Es handelt sich um außerordentlich wertvolle wissenschaftliche Werke aus dem Gebiete «ier Rechtskunde, Philosophie und Theologie. Gleichzeitig mit dieser Sendung traf ein Geschenk der Universitäts-Augenklinik Bern ein, enthaltend ophtalmologische Werke, die teils von dem Leiter der Universitäts-Augenklinik, Herrn Prof. Dr. A. Siegrist, teils von der Augenklinik selbst gespendet waren. Von dem Komitee der Freunde der Hebräischen Universität in Warschau erhielt die Bibliothek vier Kisten mit Büchern aus verschiedenen Gebieten. Ferner erhielt die Bibliothek die Bibliothek von Oscar Straus, New York, die dieser testamentarisch für sie hinterlassen hat, nachdem er schon zu Lebzeiten eine Sammlung von vielen hundert Bänden nach Jerusalem übersandt hatte. Die Bücher, die nunmehr nach seinem Tode an die Bibliothek fielen — etwa 1000 Bände — enthielten außerordentlich wertvolle Werke aus den! Gebiete des Völkerrechts, der allgemeinen Geschichte, der politischen Geschichte Amerikas und der amerikanischen Juden. Die Sammlung enthielt auch eine große Anzahl von Encyklopädien. Im Jahre 1729 ist Moses Mendelsohn geboren, es wird also im Jahre 1929 ein 200j;ihriges Gedenken seines Geburtstages gefeiert werden. Anläßlich dieser Gedenkfeier soll eine große textkritische Ausgabe der gesamten Werke Mendelsohns erscheinen, die auch vieles bisher ungedruckte Material enthalten wird. Die Ausgabe erfolgt seitens der Akademie in Verbindung mit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaff des Judentums. An der Spitze steht eine Redaktionskommission, die sich aus den Herren Prof. Dr. El bogen, Prof. Dr. G u 11 m a n n und Prof. Dr. M i 11 w och zusammensetzt. Die Arbeit ist in vier große Arbeitsgebiete geteilt, in denen den Herren der Haupt-Redaktionskommission jüngere Gelehrte zur Seite stehen. In der Abteilung für allgemeine Philosophie arbeiten die Herren: Dr. Bamberger und Dr. L. Strauß, in der Abteilung für jüdische Philosophie Dr. Rawidov 1 c z in der literatur-geschichtlichen Abteilung, die auch die reiche Briefliteratur behandelt, Dr. Bruno Strauß, in der Abteilung Hebraica, in der auch die hebräischen Briefe sowie die im Hameassef, Jedidjah usw. vorhandene hebräische Literatur berücksichtigt werden, Dr. Borodianski. Die ganze Ausgabe ist auf 10—12 Bände berechnet.

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