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Jüdische Rundschau · 1926-09-22 · Heft 74-75 (22.9.1926) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 74-75 (22.9.1926)
Date
1926-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 74/7* JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 537 Die zionistische Arbeit in Berlin Von Dr. Siegfried Kanowitz. Auch über den Berliner Zionismus hinaus verdient die Frage der zionistischen Arbeit in Berlin Interesse, da Berlin als Zentrale unserer Arbeit und als Zentrum des deutschen Judentums immer entscheidend für die Arbeit in Deutsch• fand sein wird. Es ist nicht zu verkennen, daß das Interesse an der Ortsruppenarbeit seit den letzten Jahren nachläßt. Gerade die esten Zionisten wenden sich bestimmten Einzclaufgaben zu, in deren Bearbeitung sic aufgehen. (Gemeindearbeit, S in• melarbeit für die Fonds, Schulwerk, Berufsvorbereitung lut Palästina usw.) Auch durch die Uebersiedlung einer Reihe führender Gesinnungsgenossen nach Palästina sind uns wert• volle Mitarbeiter hier genommen worden. Aber entscheidend für den augenblicklichen Zustand unserer Ortsgruppe ist wohl die zionistische Atmosphäre, in der wir jetzt leben. Ein Moment unserer Schwierigkeiten ist ohne Zweifel der Errniidungsfaktor. Auch qualifizierte Menschen vermögen nicht, dauernd mit gleicher Intensität ein Ziel zu verfolgen, und man midi immer wieder neue Menschen als Ablösung gewinnen. Ein großer Teil unserer Gesinnungsgenossen hat den Eindruck, weil sie nicht unmittelbar am Palästinaaufbau mitwirken können, gerade an dem Besten und Wesentlichsten unserer Arbeit nicht teilzuhaben und fühlt sich als Hilfstruppe hinter der Front. Dieses Gefühl ist insofern nicht berechtigt, als nach wie vor Entscheidendes für den Aufbau Palästinas im Galuth geleistet werden muß. Dazu kommen die groben persönliehen Sorgen, mit denen unsere Freunde zu kämpfen haben. Damit ist die Atmosphäre gekennzeichnet, in der wir heute unsere Arbeit leisten müssen. Noch ein Moment verdient erwähnt zu werden. Die mannigfachen Funktionen, die heute zu erfüllen sind, haben allmählich zu dem Entstehen eines großen Apparates geführt, der seine Arbeit mit dem Schcmatismus führen muß, der den bürokratischen Betrieben eigen ist. Die Spannung, die sich auch in anderen Bewegungen zwischen den Mitgliedern und dem Büro entwickelt, hat auch bei uns dazu beigetragen, die Arbeitsfreudigkeit herabzudriieken, weil die zionistische Arbeit vielfach den Charakter eines Spezialistentums anzunehmen droht. Zu diesen Schwierigkeiten, unter denen heute unsere gesamte Arbeit in Deutschland steht, kommt noch für die Berliner Arbeit eine weitere hinzu: Die Ueberwindung der Großstadt ist uns natürlich ebensowenig geglückt wie anderen Organisationen. Es ist selbstverständlich, daß hier in Zeiten der Ermüdung die Tendenz, den Veranstaltungen der Ortsgruppe lockendere Veranstaltungen vorzuziehen, besonders groß ist. Entscheidend für die Berliner Arbeit ist aber, daß die B. Z. V. durch die hier ansässigen Zentralen außerordentlich an Einflußmöglichkeiten verloren hat. Die Z. V. f. D. steht natürlich mit ihren Aktionen und auch oft mit ihren Forderungen absolut im Vordergrund des Interesses der hiesigen Zionisten. Die Tatsache, daß hier die großen Zentralen ihren Sitz haben, hat aber auch dazu geführt, daß die B. Z. V. im Laufe der Jahre einer Reihe wesentlicher Funktionen entkleidet worden ist, die überall das Leben der Ortsgruppenleiter und Ortsgruppenangehörigen ausfüllen. Vergegenwärtigen wir utis einmal, welche Arbeitszweige sich heute bereits völlig von dei B. Z, V. emanzipiert haben: 1. die vö'lige Verselbständigung der Fonds, ihrer Büros, ihrer Propagandamethoden usw. In allen anderen Ortsgruppen besteh! zwischen der Arbeit der Fonds und der Arbeit der Ortsgruppe ein außerordentlich inniger Zusammenhang. Die Erfolge dieser Fonds werden durchaus der Arbeit der Ortsgruppe gutgebracht, und andererselts sind die Mißerfolge dort ein ständiger Anlaß zum Nachdenken und zur ernsten Sorge, Hier hingegen führen B. Z. V. und Ponds ein Sonderieben• Die Tatsache des׳ Zusammenhtijgs wird zwar immer wieder festgestellt. In Wirklichkeit aber haben sieh hier die Fonds einen eigenen Kreis von Mitarbeiten! und speziellen Freunden geschaffen, die der Arbeit der Ortsgruppe als solcher sonst!entstehen. Seibstverständ- .Ich macht sich die B. Z. V. die Ergebnisse der Tätigkeit der Fonds für ihre Propaganda zunutze, und umgekehrt empfangen die Fonds ständig Anregungen von der Ortsgruppe. Auch Gemeindearbeit und Schule, die in anderen Ortsgruppen oft im Mittelpunkt des dortigen Interesses stehen, sind in Berlin im wesentlichen der Einflußnahme der B. Z. V. entrückt. Die Ortsgruppe ist hier nicht mehr Trägerin der Gemeindepolitik. Diese Arbeitsteilung hat dazu geführt, daß sowohl die Leiter der Berliner Ortsgruppe, als auch die Mitglieder an Betätigungsmöglichkeiten innerhalb der Ortsgruppe verloren haben. Die Tätigen haben sich diesen Arbeitszweigen zugewandt und verlieren den Zusammenhang mit der allgemeinen lokalen zionistischen Gruppe. Man muß sich also darüber klar werden, was die B. Z. V. als solche leisten kann und was im Augenblick ihre Aufgaben sind, um zu einem abschließenden Urteil über ihre Tätigkeit gelangen zu können. Im folgenden soll ganz kurz ein Arbeitsbericht über das verflossene Wintersemester gegeben werden. Es ist immer beklagt worden, wie wenig sich der Einfluß des Berliner Zionismus auf unsere ganze zionistische Arbeit in Deutschland geltend machte. Nun ist gerade die Herbeiführung einer öffentlichen Meinungsbildung im Berliner Zionismus außerordentlich erschwert. Die allgemeine Mitglieder- Versammlung als solche existiert liier nicht. Die ein- /einen Bezirksgruppen haben wohl Generalversammlungen, die aber bisher nicht genügend Interesse gerade bei den politisch maßgebenden Persönlichkeiten des Berliner Zionismus gefundeu haben. Die einzige Institution, die uns zurzeit für politische Auseinandersetzungen und für die Schaffung einer öffentlichen Meinung zur Verfügung steht, ist die Vertreter- Versammlung. Unter diesem Gesichtspunkt wurde auch die Vertreterversammlung zusammengesetzt. Es sind in ihr die Führer der einzelnen Richtungen des Berliner Zionismus vertreten, und sie ist ein durchaus geeigneter Kreis für politische Diskussionen. Die Vertreterversammlung hat diese Funktionen im letzten Winterhalbjahr recht gut erfüllt. Es fand eine Reihe von Beratungen über die wesentlichsten Fragen unserer Bewegung statt. Wir erwähnen aus der Tages- Ordnung der Vertreterversammlung folgende Themen: die Arbeit der B. Z. V., Auseinandersetzlingen über die im deutschen Zionismus herrschenden politischen Grundauffassungen, über den politischen Kurs der ״Jüdischen Rundschau“ usw. Von Finzelfragen wurde sehr eingehend behandelt: die Frage der Gemeindearbeit, der Schulen und die Tätigkeit unserer Fonds. Die Arbeit der Vertreterversammlung ging immer unter starker Beteiligung ihrer Mitglieder vor sich, und man konnte sogar in letzter Zeit ein starkes Interesse des Berliner Publikums an ihren Diskussionen feststelien. Mit einem Schlagwort kann man die Arbeit der Vertreterversammlung als einen Versuch der Politisierung des Berliner Zionismus bezeichnen. Es sollte versucht werden, durch die öffentliche Diskussion aller unserer wesentlichen Probleme die einzelnen Gruppen und die einzelnen Mitglieder zur stärkeren Anteilnähme zu erziehen, wobei immer wieder betont werden muß, daß das Endziel nicht die akademische Diskussion, sondern die positive Einflußnahme auf unsere Arbeit in Deutschland sein soll. Die Arbeit der Gruppen mußte im wesentlichen zwei Aufgaben erfüllen; einmal die Propaganda und die Repräsentation gegenüber der jüdischen Ocffentiichkeit, zweitens die innerzionistische Arbeit. Die Methode unserer Propagandaarbeit war in der letzten Zeit wiederholt Gegenstand unserer Diskussionen. Es ist hier sehr schwer, die Synthese zu finden zwischen einer wirklich gediegenen, ideologisch fundierten Propaganda und zwischen der Form der großen Kundgebungen, wie sic heute das politische Leben beherrscht. Wir halten es nicht für richtig, daß auch wir den Weg dieser leeren und mit großem Geräusch verbundenen Kundgebungen gehen, die heute die Ocffentiichkeit beherrschen und die naturgemäß eineii viel stärkeren Anreiz auf die Masse ausüben, als unsere Art der Propagandaveranstaltungen, bei denen wir doch den größten Akzent auf ihre erzieherische Wirkung legen. Uns kommt es ja nicht darauf an, Massen für kurze Zeit zu einer einmaligen Aktion in einen Rauschzustand zu versetzen, sondern wir brauchen die dauernde Intensität unserer Menschen, die mir zu erzielen ist, durch eine langsame, aber eingreifende Umformung des einzelnen und der Gesellschaft In diesem Umformungsprozeß ist unser öffentiiehes Auftreten eines der wichtigsten Mittel, und wir müssen uns dieses Instrumentes mit großer Verantwortung bedienen. Auf der anderen Seite wird es bei besonderen Anlässen geboten sein, mit, großen Kundgebungen in die Oeffentlichkeit zu treten, weil wir nicht vergessen dürfen, daß eine nationale Bewegung ihren Anhängern das Massenerlebnis vermitteln muß. Oft fließen aus solchen Eindrücken sehr starke Energien, die es gilt, unserer Arbeit nutzbar zu machen. In den Propagandaveranstaltungen des letzten Jahres versuchten wir Immer wieder, der jüdischen Oeffentlichkeit die Judenfrage ins Bewußtsein zu bringen und neue Anhänger für unsere Organisation zu gewinnen. Jede öffentliche Veranstaltung sollte immer nur der Auftakt einer Werbeaktion sein, die sich dann noch mehrere Wochen auf den Kreis der Besucher erstreckt und die uns jedesmal neue Mitglieder brachte. Folgende große Veranstaltungen fanden im letzten Jahre statt Unsere Propagandaarbeit wurde eröffnet mit einem Vortrag von Herrn Kurt Blumenfeld ״Der Kampf um den Zionismus“. Hier wurde einmal in grundlegender Weise die Stellungnahme des Zionismus zu allen Fragen unseres jüdischen Lebens kurz Umrissen. (Der Vortrag ist inzwischen als Broschüre ers״hiencn.) Ein zweiter Vortrag von Blumenfeld ״Die jüdische Gesellschaft“ fand ebenso außerordentliches Interesse. Hier wurde zum erstenmal versucht, in grundlegender Weise die augenblickliche jüdische Gesellschaftsform auf ihre Entwicklung und auf ihr Wesen hin zu prüfen. Aus unseren größeren Veranstaltungen erwähnen wir weiter einen Vortragsabend mit Herrn Rabb. Dr. Wiener, Stettin, ״Der Charakter der jüdischen Frömmigkeit“, an dem wir Gelegenheit hatten, uns mit führenden Vertretern des Berliner Liberalismus auseinanderzusetzen. Aus den Ijar-Kundgebungen erwähnen wir als besonders bemerkenswert die Vorträge von Blumenfeld und Dr. Sulzbach über ״Das Wesen der Nation und das jüdische Volk“ und mehrere große Kundgebungen. Alle diese Veranstaltungen führten zur Gewinnung von neuen Mitgliedern. (Das letzte Jahr brachte uns mehrere hundert neuer Mitglieder.) Diese großen Propagandaveranstaltungen wurden ergänzt durch eine Reihe von Abenden, die sich mit Fragen des jüdischen Lebens beschäftigten. _ Wir erwähnen liier besonders die Vorträge über das Krimprojekt, den Steigerprozeß, eine Reihe von Palästinavorträgen, über das jüdische Wanderproblem, über die jüdische Schulfrage, Antisemitismus, literarische Fragen* usw. Leider fehlt im Augenblick die so notwendige Ergänzung dieser Propagandaabende durch persönliche Beeinflussung, im wesentlichen Besuche. Unsere Bemühungen, geschulte Zionisten für diese so wesentliche Arbeit zu gewinnen, sind bisher ohne merklichen Erfolg gewesen. Eine besondere Bedeutung innerhalb der Propaganda kam unserer Jugendarbeit za. Hier machte es sich sehr bemerkbar, daß in letzter Zeit die Werbekraft unserer Jugendverbände nachgelassen hatte. Die B. Z. V. versuchte, von sich aus diese Lücke auszufülleii. Wir veranstalteten eine Reihe von größeren Jugendkundgebimgen und einige Jugendzirkei im kleinen Kreise. Wir haben uns mit Führern nichtzionistischer Jugendverbände auseinandergesetzt. Wiederholt ist an die B. Z. V. die Anregung ergangen, von sich aus einige Jugendgruppen neben den bereits bestehenden Jugendverbänden zu schaffen. W'ir haben wohl eine derartige Jugendgruppe hier gegründet, stehen aber im übrigen derartigen Anregungen darum sehr zurückhaltend gegenüber, weil sieh einer Jugendarbeit der B. Z. V. noch größere Schwierigkeiten entgegenstellen, als sie in der eigentlichen Jugendbewegung aufgetaucht sind. Wir haben im Augenblick keine verfügbaren Kräfte, um neben den einzelnen Jugendverbänden noch 'Jugendortsgruppen unterhalten zu können. Eine ganz besondere Bedeutung innerhalb der Jugendarbeit kommt der Arbeit im Bar Kochba zu. Hier haben wir uns bemüht, die zionistische Ausbildung systematisch zu fördern und glauben, daß hier bereits gewisse Ergebnisse zu verzeichnen waren. Unsere mnerzionisfische Arbeit wurde im wesentlichen ausgefütlt durch Gruppenvcranstaltuugen. Hier gab es mit großer Regelmäßigkeit eine große Anzahl von Veranstaltungen im größeren und kleineren Rahmen. Wir haben hier versucht, dauernd unsere Mitglieder zu informieren und sie zur Mitarbeit heraimizichen. Hier erst tauchten unsere großen Schwierigkeiten auf. Der Kreis von wirklich interessierten Zionisten, die ständig Bedürfnis nach zionistischer Information und Aussprache haben, ist bei weitem nicht so groß, wie vir es bei der Anzahl unserer Mitglieder erwarten müßten. Wir werden versuchen, neben den Gruppenversamml ingen Veranstaltungen mit mehr persönlichem Charakter durchzuführen und denken hier vornehmlich an private Zirkel. Unser zionistisches Leben leidet hier außerordentlich an der Möglichkeit, in gcsetlschaftlieber Form zusammenzukommen. Uns fehlt ein zionistisches Heim, das auch den gesellschaftlichen Bedürfnissen unserer Mitglieder mehr entgegenkommt, weil die Form der Vortragsabende naturgemäß dem abgearbeiteten Großstädter auf die Dauer sehr wenig behagt. Leider scheitert die Schaffung eines zionistischen Klubs im Augenblick an kaum überwindliehen finanziellen Schwierigkeiten. Ueberhaupt macht es uns die Knappheit unseres Etats unmöglich, in der Form in der Berliner Oeffentlichkeit in die Erscheinung zu treten, wie es von uns verfangt würde. Um ein Faktor des Berliner öffentlichen jüdischen Lebens zu werden, bedarf es bedeutender Geldmittel. Nun hat es aber die letzte Entwicklung mit sich gebracht, daß der größte Teil der von den Zionisten aufgebrachten Gelder nach Palästina geht und daß nur ein sehr geringer Teil unserer lokalen Arbeit zur Verfügung gestellt wird. Innerhalb der Gruppenveranstaltungen haben wir versucht, Abende für spezielle Interessenten zu veranstalten und erwähnen da im wesentlichen einen Abend über privatwirtschaftliche Betätigungsmöglichkeiten in Palästina, einen zweiten Abend über kinderärztliche Erfahrungen in Palästina und einen dritten über Rechtswesen und Änwaitsberuf in Pa- Fästina, Hier merkten wir außerordentliches Interesse, und dieser Weg der speziellen Interessentenabendc wird weiter auszubauen sein. Wenn die Zahl unserer Veranstaltungen ei1׳ Gradmesser für unsere Wirksamkeit wäre, so könnte man mit der Arbeit des vergangenen Wintersemesters leidlich zufrieden sein. Wir müssen aber weitergehen und müssen uns fragen, ob es uns gelungen ist, dauernd das Interesse unserer Mitglieder wachzuhalten, und den Kreis unserer Mitarbeiter zu vergrößern. Und hier können wir zurzeit nur feststelien, daß das Interesse zu unseren Veranstaltungen in den breiteren Kreisen der B. Z. V. noch vieJ zu gering ist und daß noch eine sehr große Zahl unserer Mitglieder von den Möglichkeiten der Mitarbeit leider keinen Gebrauch macht. R. A. Braväes (Ein Oedenkblatt.) Von Josef Lin. Fünfundsiebzig Jahre sind jetzt verflossen, seit Reuten Ascher Braudes das Licht der Welt in Wilna erblickte; ein Vierteljahrhundert ist seit seinem Tode in Wien verstrichen. Sein arbeitsreiches, aber auch leidvolles Leben fand ein verhältnismäßig frühes Ende. Entbehrung und Armut hatten seine Kräfte zermürbt. Er starb in Eiend, in einem Freibett des Wiener jüdischen Hospitals. Ein Gefühl der Beschämung erfaßt uns, wenn wir Braudes gedenken. S o lebte und so starb ein führender Geist des modernen Judentums! Und es ist wahrlich ein bitterer Trost, daß er das Schicksal vieler seiner Kollegen teilte. — — Braudes gehört zu jener Generation der hebräischen Schriftsteiler, die den Uebergang von der ״Haskalah״-EpocI1e zur nationalen Renaissance-Bewegung bildeten. Man soll da die Grenzen nicht zu scharf ziehen. Die hebräischen ״Maskiüm“ des Ostens sind nicht zu vergleichen mit den assimilatorischen ״Aufklärern" im Westjudentum. Jene verfügten über ein umfassendes und gründliches Wissen des klassischen Schrifttums und der Kultur des Judentums, in der sie innerlich tief wurzelten, und waren von glühender Liebe zur hebräischen Sprache erfüllt. Im Grunde waren auch in ihrem Schaffen nationale Impulse wirksam. Ihr Kampf richtete sich vornehmlich gegen Erscheinungen im jüdischen Leben, die sie als Auswüchse eines erstarrten Konservatismus ansahen, wobei sie sich in der Hitze des Gefechtes zu Uebertreibungen hinreißen ließen. Den Höhepunkt des Kampfes bildete die Forderung nach einer Reform des Zeremonialgesetzts, mit der in erster Reihe zwei Namen verknüpft sind: M. L. L i 1 i en b 1 um und R. A. Braudes. Braudes begann frühzeitig seine literarische Tätigkeit. Mit 17 fahren veröffentlichte er in der konservativen Zeitschrift ״Halebanon" eine Artikelserie theologisch-rebbinischen Inhalts. Unter der tiefen Einwirkung, die er von Lilienblums religiösen Reformbestrebungen empfing, wurde er später ein heißer Anhänger und Verfechter derselben. Sein Hauptwerk auf diesem Gebiete ist sein großer Roman ״Hadaß webachaim“, der allerdings unvollendet geblieben ist. Dieses Bach hat die Stärken und Schwächen, die Vorzüge und Mängel eines Tendenz Werkes. Die zentrale Idee — der Kampf gegen den rahbinischen Fanatismus — verleiht ihm eine gesteigerte Kraft; andererseits aber ist die künstlerische Seite beeinträchtigt. ״Ffadaß wehachaim" erschien zuerst Ende der 70er Jahre in der von G o 111 o b e r in Lemberg edierten Monatsschrift ״Haboker Or“, in der Braudes einige Jahre als Hiifsredaktcur wirkte. Es war ein Produkt der Zeit. Die Ideen der ״Maskilim" jenes Jahrzehnts fanden darin temperamentvollen Ausdruck. Die Zeiten änderten sich Jedoch bald. Die liberale Aera Alexander II. wurde von der finstersten, judenblutgctränkten zaristischen Reaktion der SOer Jahre abgelöst, ln der seelischen und leiblichen Not des Volkes kam die innere Einkehr, die nationale Selbstbesinnung. Die Ideale des Helden im ״Hadaß wehachaini“ verloren ihre Aktualität. Das Buch blieb unvollendet. Braudes veröffentlichte zahlreiche Skizzen und Erzählungen. Seine beste Erzählung, die zu den hervorragendsten Schöpfungen der hebräischen Belletristik gehört, ist ״Zwei Extreme“, ln diesem zweibändigen Werk wird das alte, patriarchalische Leben der Juden im Ghettostädtchen der neuen europäisierten jüdischen Generation der Großstadt gegenübergestellt. Braudes zeigt sich hier, namentlich in der Dar- Stellung der älteren Generation, als Meister hohen Ranges. Die straffe Gliederung der Erzählung, der konsenuente Aufbau der Handlung, die lebendige, farbenreiche Schilderung der Gestalten und Charaktere machen das Buch zu einem abgerundeten Kunstwerk. Das Buch erschien im Jahre 1883. Inzwischen hatte die Chtbath-Zion-Bewegung eingesetzt. Braudes stellte sich in ihren Dienst. Als Redner und Schriftsteiler wirkte und warb er für den Palästina-Aufbau und für die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Zu diesem Zwecke gab er in Rumänien und Galizien verschiedene jiddische und hebräische Zeitschriften heraus, die allerdings nur eine kurze Existenz hatten. Zuletzt redigierte er die jiddische Ausgabe der zionistischen ״W e 11“ in Wien. Worin liegt die bleibende Bedeutung von Reuben Ascher Braudes für die neuhebräische Literatur? Diese ist vornehmlich nach zwei Richtungen hin festzustc'hn: Braudes besaß im hervorragendem Maße das Talent des Erzählens und hat die weitere Entwicklung dieser literarischen Gattung in der hebräischen Moderne beeinflußt. Sodann war er einer der ersten Förderer des neuhebräischen realistischen Stils. Braudes war ein Kämpfer und zugleich positiv Schaffender. * Dr. David Feitelberg sechzig Jahre ln diesen Tagen ist Dr. David Feit eiberg, Syndikus der Berliner Handelskammer, 60 Jahre alt geworden. Das ist eigentlich, so könnte man meinen, eine Angelegenheit, die dem Jubilar selbst, seine Familie und seine engeren Freunde etwas angeht. Denn, ״wer ist David Feitelberg?“ so fragt vielleicht der Zionist in der Provinz, aber auch ein großer Teil der Berliner Gesinnungsgenossen. Seht Ihr Freunde, so schnell vergessen wir, so schnell werden wir vergessen! Die Menschen, die an der Wiege des deutschen Zionismus gestanden haben, sind heute unbekannt geworden. Ihr wißt, Freunde, was der deutsche Zionismus dem Kreise der Männer verdankt, die 1S95 den ״Verein jüdischer Studenten“ an der Universität Berlin gegründet haben. Nun, wenn Ihr Namen wie Heinrich Loewe, Albert Goldberg, Theodor Ziocisii, Max Jungmann, Adolf Friedemann hört, dann sollt und dürft Ihr wahrhaftig auch David Feitelbcrg nicht vergessen. Denn sein Anteil an dem Kampfe dieser jungen Studenten und Akademiker um die Durchsetzung des nationaljüdischen und zionistischen Gedankens in Deutschland ist wirklich nicht gering gewesen. Gewiß, für Feitelberg, den aus Litauen nach Deutschland gekommenen Sohn der Haskala, war es leichter, war es keine Revolution des ganzen Lebens, Zionist zu werden. Er brauchte nur sich selbst auszuleben, seiner Herkunft, seiner Erziehung, seiner Tradition treu zu bleiben, und das Einlenken in die Wege des Zionismus war ihm vorgeschrieben. Aber daß er dieser seiner'Art treu blieb, daß Feitelberg unseren Kampf mitkämpfte, auch als aus dem ״litwischen Bocher“ in überraschendem, verblüffend schnellem Aufstieg der Syndikus der Berliner Handelskammer geworden war, aaß er immer unseren Weg, seinen Weg weiter mit uns ging, dafür wollen wir ihm heute den Dank aussprechen. Und noch für ein zweites wollen wir ihm danken: für die Fröhlichkeit, die er um sich verbreitete, mit der er uns bezwang, die er uns lehrte als eine Waffe für unseren Kampf. Möge ihm diese Freude am Leben, die ihn jung erhalten und immer wieder zum Freund und Gefährten der Jungen gemacht hat, bis ins Alter bewahrt bleiben.!מאה ועשרים שגה *w Georg Herlitz.

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