Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 74-75 (22.9.1926)
- Date
- 1926-09-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 530 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75 Friedrich voa Baden In diesen Tagen jährt sich zum hundertsten Male das Geburtsdatum von Friedrich, Großherzog von Baden, dessen Narne mit den Anfängen des politischen Zionismus untrennbar verbunden ist. Das jüdische Volk, in dessen historischer Erinnerung allen seinen (Tcundeu und auch Feinden Denknkiler errichtet sind, un/erstürharer als Standbilder aus Fr/, und Stein, wird neben Namen uiclitjüdisclier Freunde wie B a 1 f o 11 1 , Ford Cceil, IJuyd George 11. a. auch den Namen Friedrichs von Baden nie vergessen und sic durch die Jahrhunderte in dankbarer Erinnerung kommenden Gcschlechtem überliefern. Nachstehe ul veröffentlichen wir aus llcr/ls Tagebüchern einen Abschnitt, der sich auf Groliherzog Friedrich bezieht. t Plötzlich öffnete sieh die 'Ihre des Arbcits/Immers, und ein alter, kräftig, aber nicht fett ausschender General trat cm: der Großher/og. Wir sprangen von unseren Fauteuils auf. Ich machte zwei Verbeugungen. Der Großher/og reichte Hechler die Hand - von meiner schicklich entblößten Rechten machte er keinen Gebrauch. Er lud uns mit einer 1 tandbew iguiig ein, ihm zu folgen, (eil trat als letzter ein, .schloß die Tür hinter mir. Ich weiß gar nicht, wie es im Arbeitszimmer aussieht, denn die ganze Zeit mußte ich den Großher/og als Sprechender oder Hörender ansehen. Er ist siebzig Jahre alt, sieht aber um sechs bis acht Jahre jünger aus. Drei Fauteuils standen bered. Der, den ich bekam, hatte das volle Eicht aus/uhalteii. Die Armlehnen nicht weit genug auseinander, daß man die Arme am Leih herunter hätte hängen lassen können. Diese Fauteuils sind für bequemes Zurüeklelmeii, wobei die Unterarme auf den Armlehnen rillten können, vielleicht sehr angenehm. Da ich mich aber nicht zurücklchnen durfte, saß ich die zweieinhalb Stunden itt einer gewungene״ Art da, worunter möglicherweise auch mein Vortrag litt. Anfangs sprach ich belangen. Ich glaubte, mit halbem Ton reden zu müssen, wodurch die gewöhnliche Selbstberausch!!»״• im Sprechen wegfiel. Auf die ersten freundliehen Fragen nach meiner Reise und meinem Wohnort sagte ich, was ich sei, und sprach auch von in'ciner früheren Pariser Stellung. Der (iroßher/.og sagte: .,Ich besitze die Neue Freie Presse.“ Er erkundigte sich nach Paris. Ich schilderte die parlamentarische Krise, und insbesondere das jetzige Kabinett Bourgeois. Nach ein paar Minuten unterbrach er mich: ,.Wir wollten ja von anderem reuen/‘ Worauf ich sofort auf die Sache einging und hat, er möge mich durch Fragen unterbrechen, wo meine Ausluhrungeii undeutlich seien. Ich rollte also die ganze Frage auf. Leider mußte ich mich beim Sprechen derart konzentrieren, daß ich nicht gut beobachten konnte. Hechler sagte später, daß die Unterredung hätte stenographiert werden sollen. Er meinte, ich hätte ganz gut gesprochen und einige vortreffliche Wendungen gefunden. Ich weiß .nur, dal! mir der Großher/og mit seinen schönen blauen Augen und seinem ruhigen, guten (jesicht beständig in die Augen schaute, daß er mir mit großem Wohlwollen /.!!hörte; und als er selbst sprach, geschah es mit einer unsagbaren Bescheidenheit, ich hatte nach der zweieinhalbstündigen Anspannung aller Denkkraft eine solche Erschlaffung, daß ich mich an den genauen Gang der Unterrednng nicht mehr erinnere. Jedenfalls nahm der Großher/og meine Siaatbiidung von Antang au vollkommen eftist. Sein Hauptbedenken war, daß man es ihm als Antisemüismus auslegen würde, wenn er für die Sache einträte. Ich erklärte ihm, daß mir d i e Juden gellen sollen, die wollen. Da sich die Juden in Baden unter seiner milden Herrschalt wohl fühlen, werden sie nicht mitgehen, und sie haben recht. 1111 weiteren Verlauf kam ich noch mehrmals von verschiedenen Seiten auf seine Judenlieimdlichkeit zurück und benüf/.te sie verschiedenartig als Argument. Wen« er für die Sache eintrete, werde sie nicht mehr als Judenfeindliche angesehen werden können. Audi seien ja wir, die Führen der Juden, dazu da, um das Volk aufzuklären, daß die Herstellung des Jiidenstaatcs eine Gnade und keine Verfolgung bedeute. Ferner sagte ich: ,.Königliche Hoheit würden, wenn Ihre wohlwollende Gesinnung gegenüber den Juden bekannt würde, einen solchen Zuzug von Juden bekommen, daß es eine große Kalamität wäre.“ Er lächelte. ״Ueberhanpt“. sagte ich, ,,gehört es zum Unglück der Juden, daß man sich mit ihnen gar nicht zu beschäftigen wagt, wenn man ihnen wohlgesinnt ist. Sie sind in den langen Martern so wehleidig geworden,!laß man sie gar nicht berühren kann.'• Der GroßluT/og formulierte denselben Gedanken dann noch einmal. Er befürchtete, seine jüdischen Untertanen zu kränken, wenn er öffentlich auf meinen Plan eingehe. Man wisse zwar, wie er bisher über die Juden gedacht habe, aber man würde ihn dann wahrscheinlich dennoch mißverstehen und glauben, daß seine Anschauung sich eben geändert habe. Er habe über seine jüdischen Bürger nie zu klagen gehabt. ..Ein Jude war 23 Jahre mein Finanzminister." sagte er, ,,und er hat seine Sachen immer /11 meiner Zufriedenheit gemacht. Er hat gut regiert. Er gehört noch jetzt ihrem Glauben an. Allerdings sind auch bei uns in Baden die Verhältnisse nicht mehr wie sie waren. Ein Jude, namens Bielefeld, mit dem ich eine literarische Unternehimitig vorbereitete, riet mir selbst, seinen Namen von der Publikation wegzulassen, weil das in heutiger Zeit Schwierigkeiten bereiten könnte. Wir hatten auch noch andere Scitwie!igkeiten durch den Antisemitismus, tiamentlieh im Justizdienst. Wir haben Juden in allen Instanzen der Rechtsptlege, und das hat einzelne Schwierigkeiten ergeben. Und doch haben die Juden viele gut׳■ l/gciircchatten. Ich soll noch den ersten betrunkenen Juden sehen. Sie sind nüchtern, sparsam, sie wissen immer noch sieh fortzuhelfen. Ein Viehhändler, der den ganzen Tag aus ist, gellt doch in kein Wirtshaus, ja er ißt nicht einmal von früh bis abends, bis er nach Hause kommt. Neben der Genügsamkeit auch große Intelligenz, die freilich manchmal bis zum Betrug geht. Aber wenn man andererseits die Dummheit sieht, die sieh so überlisten ließ, so muß inan sagen, es geschieht den Dummen recht. Jedenfalls werden Sie für die Staatsgri'niduiig ein sehr intelligentes Material haben. Aber wie stellen Sie sich den praktischen Gang der Auslühruug vor?“ teil entwickelte nun den ganzen Plan, den er eigentlich noch nicht anders als durch Hechler kannte. Also von der ,.prophetischen“ Seite, mit der ja ich nicht viel zu schaffen habe. Oer Großher/og meinte, daß. sich die Regierungen erst dann näher aut die Sache einlassen könnten, wenn ihnen die Society ot Jews zu Gesicht stehe. Ich befürwortete nun natürlich den umgekehrten Weg. Einige Fürsten sollten ihr Wohlwollen erkennbar machen; dadurch würde die Society of Jews von vornherein mit mehr Autorität auftreten. Und Autorität sei nötig, wenn man diesen großen Zug in Ordnung durchführen wolle. Die Juden müßten ja auch auf der Wanderung erzogen und diszipliniert werden. Der Großher/og erwähnte die Verwilderung, die nach Zeitungsberichten unter den in London cingcwandcrtcn russischen Juden existiere. Ich sagte: ,,Um dieser Herr zu werden, brauchen wir eine starke Autorität. Dazu wäre es eben unerläßlich, daß wir von den Mächten von vornherein anerkannt werden.“ Der Großherzog sagte: Deutschland!:•muh• da eigentlich nicht gut den Anfang׳ machen. ZunäHist sei es an der Frage nicht in so hohem Grade interessiert, \v. /. ti. Oesterreich. Dort sei ja die Antiscmiten-Schwicrigki it mit Lueger rocht groß. Deutschland habe nicht übermäßig viele Juden. Deren Abzug würde sogar von den Nationalökonomen nicht gern gesehen werden. Ich erklärte nun, wie nur das trop plein abfließen solle, wie das bewegliche Vermögen nie als im Lande befindlich angesehen werden könne, und wie cs nach dieser Losung der Judcitfragc erst recht zttriiekkehren müßte. Jetzt bereite es durch Belebung der Industrie in exotischen Länden! mit billiger Arbeitskraft der einheimischen Schwierigkeiten. Man braucht die Chinesen nicht nach Europa kommen zu lassen. Man baut ihnen draußen Fabriken. So wird, nachdem die Landwirtschaft durch Amerika gefährdet ist, die Industrie durch Ostasien bedroht. Demgegenüber will meine Bewegung nach zwei Seiten hin helfen: durch Ableitung des überschüssigen jüdischen Proletariats, durch Bändigung des internationalen Kapitals. Den deutschen Juden kann die Bewegung nur erwünscht sein. Der Judcnztifhiß vom Osten her wird von ihnen weggeleitet. Der Großher/og murmelte wiederholt zwischen meine Ausführungen hinein': ״Ich möchte, daß es so wäre.“ Er wandte sich dann halb zu Hechler: ״Das Zusammenwirken Englands mit Deutschland ist wohl wenig wahrscheinlich. Die Beziehungen sind jetzt leider sehr gestört. Würde England mithin?“ Ich sagte: ״Dafür müssen unsere englischen Juden sorgen.“ Der Großherzog meinte etwas verstimmt: ״Wenn die es können ...“ * Ich sagte: ״Wenn bekannt würde, daß der Großh.'r/.og von Baden sich für die Sache interessiert, würde das einen tiefen Eindruck machen.“ Er rief: ״Das ist nicht wahr. Meine Stellung ist nicht groß genug. Ja, wen״ es der Deutsche Kaiser oder der König von Belgien täte.“ Ich blieb dabei: ״Ja, wenn ein erfahrener Fürst, der das Deutsche Reich mit machen geholfen hat, bei dem sich der Deutsche Kaiser Rats erholt, für diese neue Unternehmung cintritt, wird das großen Eindruck machen. Königliche Hoheit sind der Ratgeber des Kaisers.“ Er lächelte: ,.Ich rate ihm, aber er tut, was er will.“ Ich: ,,Ich würde mich bemühen, auch dem Kaiser die Sache als nützlich zu erklären. Wenn er mich empfangen wollte, bliebe das ebenso geheim wie diese Unterredung.“ Der Großherzog: ״Ich glaube, Sie müßten zuerst die Society of Jews schaffen. Dann wird man sehen, ob inan sielt mit ihr einlassen kann.“ Ich: ״Das sind dann schon mehrere Köpfe. Die ersten Vorbereitungen, die Keimbläschen, müßten wohl noch von mir geschaffen werden.“ Der Großherzog•: ״Jedenfalls kann es nur gelingen, wenn Wenige darum wissen. In der öffentlichen Diskussion wird alles gleich entstellt.“ Hechler kam mir jetzt zu Hilfe: ״Ob Königliche Hoheit dem Dr. Herzt nicht gestatten wolle, einigen Vertrauenswürdigen in England zu sagen, daß der Großherzog von Baden sich für die Sache interessiere.“ Das gestand der Großher/og zu, indem ״'er sich nochmals atishcdang, daß davon nur außerhalb seines Landes die Rede sein dürfe. Dann fragte er mich, ob ich schon beim Sultan Schritte unternommen habe. Ich sagte, an Newlinsky denkend, daß sich jemand mir schon angeboten habe, mit dem Sultan zu reden. Nun entwickelte ich die Vorteile, die der Plan für den Orient hätte. Würde die Türkei in absehbarer Zeit geteilt, so könnte man in Palästina einen Etat tampon schaffen. Zur Erhaltung der Türkei könnten wir jedoch viel beitragen. Wir würden den Staatshaushalt des Sultans definitiv regeln, gegen Uebcrlasstmg dieses fiir ihn nicht sehr wertvollen Territoriums. Der Großherzog meinte, ob man nicht zuerst einige Hunderttausend Juden nach Palästina bringen und dann die Frage aufwerfen sollte. Ich sagte in entschiedenem Ton: ״Dagegen bin ich. Es wäre ein Einschleichen. Die Juden müßten sich dann als Insurgenten gegen den Sultan stellen. Und ich will alles mir offen und klar, in vollster Gesetzlichkeit., machen.“ Er sah mich zuerst überrascht an, als ich so energisch sprach; dann nickte er beifällig. Ich entwickelte dann die allgemeinen Vorteile des Juden- Staates für Europa. Wir würden den Krankhcitswinkel des Orients assanieren. Wir würden die Schienenwege nach Asien hauen, die Heerstraße der Kulturvölker. Und diese Heerstraße wäre dann nicht im Besitze einer einzelnen Großmacht. Der Großherzog■ sagte: ״Das würde auch die ägvptische f rage lösen. England klammert sielt nur an Aegypten, «eil es da seinen Weg nach Indien sichern muß. Tatsächlich kostet Aegypten mehr, als es wert ist.“ Hechler meinte: . Rußland hat vielleicht Absichten aut Palästina?" Der Großher/og: ״Das glaube ich nicht. Rußland hat in Ostasien für lange Zeit genug zu tun.“ Ich fragte: ״Halten Königliche Hoheit cs für möglich, daß ich vom Zar empfangen würde?“ Er sagte: ״Nach den neuesten Berichten ist der. Zar für niemanden zu sprechen. Er empfängt nur die Minister, wenn es notwendig ist, sonst niemanden. Man könnte es übrigens in Hessen versuchen, ihm Ihr Buch zu lesen zu gehen. Der Zar ist, wie ich glaube, den Juden nicht feindlieh gesinnt, aber er muß mit der Volksstimmmig in Rußland rechnen. Ein Selbstherrscher herrscht keineswegs immer selbst.“ Ich bat um die Erlaubnis, dein Großherzog ab und zu schreiben zu dürfen, was er liebenswürdig annalmi, lieberhaupt eine Bescheidenheit und Einfachheit! Ich schämte mich innerlich, daß ich ilm ins Gewöhnliche hatte reduzieren wollen, bevor ich mit ihm gesprochen. Er ist von einer großen edlen Natürlichkeit. Ich weiß nicht mehr, an welchen Stellen der Unterredung er über Parlamentarismus, Normaltag und anderes sprach. Er beklagt den Niedergang des Parlamentarismus, ״er sei ein aufrichtfg konstitutioneller Herrscher“. Die Gesetzgeberei werde immer schlechter. Man mache viele Gesetze, die nichts wert sind. Er sprach anläßlich meines Siebenstundentages mit der IJeberzeit von Versuchen, die man in dcr Schweiz mit dem Normaltag mache. Die Arbeiter selbst sind damit nicht zufrieden. Icit erzählte ihm cur Psychologie des Arbeiters die Geschichte Tom Sawyers von Alark Twain, wie Tom zur Strafe am Sountagnachmittag seines Vaters Zaun anstreichen muß. und daraus Gewinn zieht. Tom sagt seinen Kameraden nicht: ich muß, sondern: ich darf den Zaun anstreichen. Da drängen sich alle zur Mithilfe. Der Großherzog lächelte: ״Sehr hübsch“. Er erzählte mir dann vom Misoneismus der Leute: wie man in Baden eine nützliche Krecjitkasse habe machen wollen, und es nicht möglich war, weil beschränkte Privatinteressen sich dagegen wehrten. Beim Erzählen und Erklären gebrauchte er öfters die Wendung: ״Sic werden mir beistimmen“ oder ähnliches. Er ist bei aller Würde von einer ritterlichen Bc• schcidcnhcit. Als Hechler dann das Wort nahm und die baldige Erfülhtng der Prophezeiung vorlrug, hörte er still und großartig in seinem Glauben zu, mit einem merkwürdig ruhigen Blick seiner schönen festen Augen. Er sagte schließlich, was er schon einigemal gesagt hatte: ״Ich möchte, daß cs geschehe. Ich glaube, es wird ein Segen sein für viele Menschen.“ Nachzuholen, was mir jetzt einfällt. Ich hatte von den Zuschriften aus Semiiii und Groß- Becskerck gesprochen, wo eine Anzahl Familien gleich aufbrerheu will. Da sagte er: ״Das ist ein trauriges Zeichen für die Zustände.“ Ie!1 erzählte ihm auch von dem Bettler, der von mir nichts hatte annehmen wollen, und daß ich daraus folgere, ich hätte den Weg gerade zum Herzen der Armen gefunden. Er nickte. Gegen das Pariamentarisiereii sagte ich: ״Nicht kann so hoch das Wort ich schätzen. Im Anfang war die Tat.“ Er nickte auch dazu. Wenn iclt mich jetzt besinne, glaube ich, ihn für mich gewonnen ztt haben. Nach zweieinhalb Stunden, die auch für ihn ermüdend waren, denn er griff sich oft an den Kopf, wenn ich etwas Anstrengendes auseinandersetzte — nach zweieinhalb Stunden hob er die Audienz auf. Jetzt reichte er mir die Hand und hielt sie sogar sehr lange. Dazu sprach er gütige Abschiedsworfe: er hoffe, daß ich mein Ziel erreichen werde, usw. Ich ging daun mit Hechler an den Lakaien und Wachen vorüber, die über die lange Audienz staunten. Ich war von der gelungenen Unterredung ein bißchen berauscht. Ich konnte nur zu Hechler sagen: ״Er ist ein wunderbarer Mensch!“ Und das ist er. Freitag Abend in einer kleinen französischen Gemeinde ״Cc vicil enfant, cette longuc figure dure et!«orte ...“ Zola (Nana). Cerardmer. Freitag, den 16. Juli Neunzchnhundertsechsuitdzwanzig. Nachmittags 5 Uhr. Ich nehme meinen ״guide“ der librairie ״Flachette“ zur Hand und finde unter ״Renseigrtcments Pratiques“, Divers, Cultes: ...,,Israelite: synagogue, fatib. de Saint-Die, en face l’Ecole Superieure, le vendredi ä 18 h 30’ et le samedi ä 8 h.“ 18 1130’, alyo 1 •T? Jetzt im Hochsommer um '27? Das ist doch ganz unmöglich! Also entschließe ich mich, zur ״synagogue“ zu gehen, um dort fcstzustellen, wann nun wirklich der Gottesdienst beginnt. Ich bin 6 Uhr 5 dort. Anschlag: Ctilte Israölite, vendredi 611! —?? Nein, um 6Uhr? Ich sehe mich um, vor der Türe der ״synagogue“ zwei Autos, Personenwagen, alle beide Viersitzer,’ ein Renault und ein Berliet. Vielleicht gehören diese beiden Wagen Badegästen (Cerardmer ist ein Bad, une Station climatique); ich schimpfe schon innerlich über diese Taktlosigkeit und denke mir, auch hierher verpflanzt man die Sitten der ״Fasanen-Synagoge“. Aber deren Besucher sind doch etwas ״fairer“. Am Jcc1.־ Kippur lassen sie ״taktvoll“ ihren Wagen schon an der Kantstraße oder am Kurfürstendamm halten. Hier fahren sie aber direkt bis vor die Tür. Shocking! Die Synagoge. Ein Haus w׳ie alle anderen. Ohne Prüfensionen, Ein Wohnhaus. Ich trete ein. Ein Korridor, links eine Tür. Oben der Gottesname angemalt. Ich öffne die Tür und befinde mich in der Synagoge. Die Betenden alles Einwohner von Cerardmer, Cerömois. Ein kleiner Raum, links Betpulte, rechts Betpulte, in der Mitte der Almemur, vorne der Aron hakodesch. Ich zähle die Plätze, 39. Ich zähle die Betenden: ohne mich 9. -f- 1 der Chasan, ohne mich also 10. Minjan. Zufall, daß es gerade 10 sind? Ich glaube es nicht. Diese Neun sind an den linken Betpulten, an den rechten ist keiner. Dorthin begebe ich mich. Alles macht einen etwas ärmlichen Eindruck. Die Menscheu, der Raum, die Ausstattung und last not least der — ״cultc israelite“. Ich wundere mich hierüber. Ich weiß, auch in Cerardmer gibt es reiche ״Israeliten“, der eine hat z. B. eine große Leinettfabrik, die zahlreiche Arbeiter beschäftigt. Aber liier sind keine ״Gwirint“. Einfache Landjuden. Meistens ältere und alte Leute, nur 2 Kinder, 14, 13 Jahre alt. Wären diese nicht, wäre kein Minjan. Zufall? Oben auf der Galerie Frauen, aber nur soviel, daß die unterste Grenze der Pluralbildung möglich ist. Matt beguckt mich. Die Brillen rutschen die Nasen abwärts, die Augen darüber weg, und nun werde ich ungeniert besehen und besprochen, ab und zu, ein ״Omen“ dazwischen geworfen. Der Chasan. Ein alter, gebückter Mann, der sicherlich die Siebzig überschritten hat. So ist auch die Stimme seines zahnlosen Mundes. Schrill, pfeifend, stöhnend, manchmal unhörbar werdend, auf alle Fälle kaum verständlich. Alle paar Minuten holt er ein Taschentuch, räuspert sich. Dann Kiddusch. Er zieht aus der Tasche unter dem Talar ein 50 Gramm- Fläschchen, entkorkt es umständlich und «ttleert es in den!!edier. Ein 50 Gramm-Fläschchen in einem Weinland. Die Ausstattung alt. Ursprünglich alles für Wachskerzen 1-i!gerichtet. Nachträglich elektrische Beleuchtung angebracht. Die Wände meist weiß getüncht. Der Boden Holz, sauber gescheuert. Geruch wie in einer sauber gehaltenen Proletarierwohnung. Alles alt und ärmlich. ׳ Neu nur eins: eine Marmortafd am Eingang mit einer großen Schleife in den Landesfarben, blau-weiß-rot: ״Morts pour la patrie ...“ Sonst alles alt und ärmlich, der culte, der Raum, die Ausstattung, die Menschen — jung nur die Bar-Mizwahknabcn, die in Wirklichkeit Minjan-Männer sind. Wo ist die Jugend, ist das das Judentum von Cerardmer? Ich denke an Bialik: היזדעזע הדד,;■ Der Gottesdienst ist aus. Sang- und klanglos. Frostig. Während des Schlußgebetes nimmt der Chasan schon seinen Tallis ab. Schluß. Er ruft, versucht zu rufen: Demaitt matin ä 9 heitres! Qtiand? ä 9!teures dematn matin. Ich stehle mich aus der Synagoge. Es ist s'D• Noch taghell, Dunkel wird es erst um D10. Noch ist es nicht Schabbes. Die da drin aber... Es war erschreckend. Noch erschreckender aber der Gedanke, daß Cerardmer noch viele Chawerim hat.., Marcel Lew. Geheimrat Dr. Ludwig Justi hat für die Nationalgalerie in Berlin zwei Aquarelle von Hermann Struck erworben: den ״Kopf eines Juden aus Jemen“ und ״Blick auf Jerusalem vom Oelberg“. Es sind zwei der neuesten Arbeiten Strucks.