Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 73 (17.9.1926)
- Date
- 1926-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 524 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Nr 73 Beth - Am Von Cäcilie Sirkes (TcI-Awiw). Das Bcth-Am in Tel-Awiw. Beth-Am, wörtlich ״Das Volkshaus“. Allerdings, dazu muß man schon Phantasie haben, denn von einem Haus bekommt man nichts zu sehen. Die stolze Bezeichnung trägt ein hoher, vielfach mit Stacheldraht umschlungener Bretterzaun. Und drin, auf einer riesigen, gelben Sandfläche eine Unmenge hellgrün bemalter Bänke mit Lehnen, im Halbkreis vor einem nach vorne offenen Bretterverschlag, mit weit ausladenden Flügeln: die Bühne. Der fnnenraum, mit schwarzem Stoff ausgeschlagen, eine elektrische Lichtanlage, zementierter Unterbau fürs Orchester, ein Soufleurkasten — die Bühnenausstattung. Das ist Beth-Am, primitiv, armselig, und doch wurde hier die Basis geschaffen, durch systematische, planmäßige Darbietungen dem Volke geistige Werte zu vermitteln und die Möglichkeit gegeben, in den breitesten Massen den Sinn und das Verständnis für kulturelle Errungenschaften zu wecken. Der Raum faßt über 7000 Menschen, der Eintrittspreis schwankt zwischen 1—2 Piaster. Hier werden volkstümliche Vorträge gehalten, regelmäßige Konzertakademien, Tanzabende, Kinderkonzerte, von Kindern für Kinder Choraufführungen veranstaltet, Dichtungen vorgetragen, hier werden in nächster Zeit Symphoniekonzerte gebracht, Kultur und künstlerische Filme vorgeführt werden. Hier spielte Jascha Chejfiz vor einer 6 — 7000köpf1gen, begeisterten Zuhörerschaft, vorwiegend Arbeitern. An einem flühendheißen Nachmittage, der Ostwind trieb von der Wüste er sehgende Glut (Chamsin), ließen sie die Arbeit liegen und kamen von weit hergelaufen, alt und jung, um den Geigenmeister zu hören. Das minimale Eintrittsgeld wurde vielfach mit Maschbirzetteln bezahlt, dh. mit Konsuman- Weisungen, mit denen die Arbeiter des öfteren entlohnt werden, oder mit anderen Worten, der Kunstgenuß bedeutete Verzicht auf das ohnedies spärliche Brot. Von dieser Tribüne erstattete Prof. Wcizmann seinen politischen Bericht. Die sterblichen Ueberresfe Max Nordaus wurden im Beth-Am aufgebahrt, bevor sie der heimatlichen Erde übergeben worden sind. Hier wurde Heines 70. Todestag gefeiert, die Landeskonferenz der Arbeiterinnen eröffnet, Mozarts Requiem aufgeführt. Beth-Am, nüchtern, dürftig am Tage besehen, wenn der Raum leer, und die Füße im Sande versinken, doch abends, wenn die Lichter aufflammen, wenn vom nahen Meeresgestade der würzige Atem der Brandung erfrischend hinüberweht, wenn die vieltausendköpfige Menge (unter freiem Himmel, dem so nahen, tiefblauen, bestirnten palästinensischen Himmel!) den Raum bis auf den letzten Platz füllt, und mit verhaltemem Atem dem Gebotenen folgt, dann wird Beth-Am zu einer Kunststätte, wie man sie weit und breit nicht zu sehen bekommt, dann bietet Beth-Am auch rein äußerlich einen Anblick von seltener, ergreifender Schönheit. In Tel-Awiw, mit seinen kaum 40000 Einwohnern, die im schwierigsten wirtschaftlichen Kampfe stehen, gibt es eine Oper, zwei Schauspieltruppen, eine Menge konzertierender Künstler, einige Tanzgruppen. Wenn auch die Fülle der Darbietungen, vom Standpunkt der Qualität sehr verschieden zu bewerten ist, so erbringt sie doch den Beweis für das stark ausgeprägte Kunstbedürfnis, welches dem Juden inneliegt. Dabei war die Menge der Veranstaltungen nur den Wenigen, den Bemittelten, zugänglich. Die große Masse, die sich aktiv am Aufbau Palästinas unter schwierigsten Bedingungen betätigt, blieb von der Teilnahme ausgeschlossen. Teilweise, weil die hohen Preise unerschwinglich waren, zum Teil wegen Raummangel Die vorhandenen $91« fassen liöcnstehs 1200 Menschen. Dazu kaM' hocö der ttostand, daß die Darbietungen, die vorwiegend das Merkmal des Zufälligen tragen, vom erzieherischen Standpunkt kein Gewinn waren. Es hieß also für möglichst Viele, möglichst billig volkstümliche Darbietungen veranstalten, die durch ihre Art, — systematische Aufbauarbeit auf dem Gebiete des Geistigen, in langsam nach oben steigender Kurve — dem Volke die Möglichkeit bieten, in das Wesen der Kunst einzudringen. Die rettende Idee mußte nicht erfunden werden, Volks* bildungsheime sind in der ganzen Welt vorhanden, da jedoch die dazu notwendigen Mittel fehlten, blieb das Problem ungelöst, bis ein Einzelner den Mut fand, dem sich steigerndem Bedürfnis Rechnung zu tragen, den frommen Wunsch in die Tat umzusetzen. Ganz allein, ohne Mittel ging Dr. BI u w s t e i n, der geistige Vater und Schöpfer Beth-Ams ans Werk. Trotz Pessi* mismus, Mißtrauen und zahlloser Schwierigkeiten wurde Beth- Am Wirklichkeit. Es war kein leichtes für Dr. Bluwstein willige Ohren zu finden, die ihm den günstig gelegenen Raum für diese Zwecke Übertassen hätten. Um jedes Brett, um jeden Nagel, um jede Arbeiterhand, die sich dabei beteiligte, mußte er Sorge tragen, kämpfen; es dauerte lange, bis er die ersten Bänke, das Podium, den Zaun erzwungen hatte. Der Anfang war gemacht, die ersten Konzerte und Vorträge, wenn auch noch planlos, erfreuten sich einer großen, bewegten und dankbaren Zuhörerschaft. Und eben diese naive Einfachheit der Mittel, mit denen sich Dr. Bluwstein au die Gründung der Beth-Am herangewagt hatte, sind das Wunderbare an der Sache. Ein Raum, einige hundert Bretter genügen, um Tausenden für einen Groschen (für Arbeitslose und Unbemittelte ׳'st der Eintritt frei) Kunst zu vermitteln. Allmählich, dank seiner großen, tiefen Liebe zum Volke, dank seiner hartnäckigen Ausdauer und Willenskraft, die vor keinem Widerständen zurückgeschreckt hat, gelang es Dr. Bluwstein Freunde und Mitarbeiter für Beth-Am zu gewinnen, die ihn hilfreich mit Tat und Rat unterstützten. Im Laufe dieser Saison wurden die niedrigen Bänke durch bequeme Sitzgelegenheiten ersetzt, das Podium zur Bühne erweitert, ein Konzertflügel angeschafft. Ein Chor von 150 Stimmen wurde gegründet, ein gemischtes Vokalquintett wurde dem Beth-Am angegliedert, ein eigenes Orchester ist im Entstehen begriffen. Beth-Am hat ein eigenes Büro, eine Kultur- und Wirtschaftskommission, mit einem Worte: es wurde zu einer regelrechten Volksbildungsstätte erhoben, trotz der sich täglich häufenden Schwierigkeiten. Der chrolische Geldmangel, das Fehlen von Notenmaterial, Instrutienten, fachmännisch ausgebiideter Künstler lähmen vielfach üe Bewegungsfreiheit. Jede Veranstaltung wird mit Mühe nid Not zusammengebracht und trotzdem ist Beth-Am im Aufschwung begriffen, die nach aufwärts strebende Linie be- •eehtigt zu großen und verheißenden Hoffnungen. Allerdings gehen die Pläne Dr. Bluwsteins noch viel *eiter. Er träumt von einem richtig ausgebauten Freilicht- :heater, mit Bibliothek und Lesehallen, er will ähnliches tn Jerusalem und Haifa ins Leben rufen. Er hofft durch die Verbundenheit der breiten Massen mit der Kunst, die schöpfe- Ischen Kräfte im Judentum wachzurufen, er hofft auf die Wiedergeburt der geistigen Größe im Volke. Inwiefern das Leben seinen Wünschen gerecht wird, wird iie Zukunft entscheiden, eines jedoch steht fest, Beth-Am jehört unstreitbar zu den glücklichsten, gelungensten Schöptungen auf dem Gebiete aer Kunst im heutigen Palästina. Die Uebersiedlung des K. H.׳Hauptblros London , 13. September. (J,T. A.) Die Geschäftsleitung des Keren Hajessod in London hat alle Vorbereitungen gctroffen, damit die Uebersiedlung des Hauptbüros des Keren Hajessod von London nach Palästina schon in den allernächsten Wochen erfolgen kann. Durch die Uebersiedlungsmaßnahmen wird eine Unterbrechung der regulären Keren Hajessod-Arbeit nicht erfolgen; der Kontakt zwischen dem Hauptbüro und den Landeskomitees und Delegierten wird aufrechterhalten bleiben. Die Uebersiedlung geht staffelweise vor sich. Das Propagandadepartement unter der Leitung von Dr. Hans K o h n befindet sich bereits in Jerusalem. Die Uebersiedlung von Buchhaltung und Kasse unter der Leitung des Sekretärs A. U1 i t z k i geschieht schon in den nächsten Tagen. Bis zum 15. September sind alle Zuschriften und Ueberweisungen an das Hauptbüro in London zu leiten, von diesem Tag' an nach Jerusalem. Das Sekretariat und das Organisationsdepartement unter der Leitung des General- Sekretärs, Herrn L. Herrmann, setzt die Arbeiten in London bis zum 15. Oktober fort. Ab 15. Oktober ist die für diese Abteilungen bestimmte Korrespondenz nach Jerusalem zu leiten. Es wird gegenwärtig ein Plan der zukünftigen Arbeit aufgestellt, demzufolge ein intimerer Kontakt zwischen dem Hauptbüro und den Zentralkomitees vorgesehen ist. Die in der letzten Sitzung des Aktions-Comit6s gewählten neuen Direktoren, Dr. Arthur Hantke und Leib Jaffe und der Generalsekretär des Direktorenrates Leo Herrmann haben für den 13. September nach Paris eine Pienar- Sitzung der jetzt in Europa weilenden Mitglieder des Direktorenrates des Keren Hajessod einberufen. Die ffldische Einwanderung 11 Amerika Washington, 12. September. (J.T.A.) Der General- Sekretär des Arbeitsdepartements White gab eine Mitteilung über die Verminderung der Immigration nach den Vereinigten Staaten heraus, der zu entnehmen ist: Die Zahl der jüdischen Einwanderer ist in den letzten 12 Jahren stark gesunken. Während noch im Jahre 1914 138 051 Juden in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, kamen in dem Immigrationsjahr 1. Juli 1925 bis 30. Juni 1926 nur 10267 jüdische Ein- Wanderer ins Land. Generalsekretär White teilte ferner mit, daß das Einwanderungsdepartement bereits die Maßnahmen zur Durchführung des Plans der National origins immigration, was eine weitere Einschränkung der Ein wänderun g für die Zukunft bedeutet, vorbereitet, so daß dieses Gesetz schon im kommenden Juli automatisch in Kraft treten wird. Kleine Nachrichten Nach einem offiziellen Bericht kamen im Juli in Palästina 4267 Reisende an, einschließlich der Durchreisenden, Touristen und Pilger; 2339 Einwohner kehrten im selben Monat nach Palästina zurück. Infolge der nach dem Drive einsetzenden stärkeren Tätigkeit des American Joint Distribution Committee ist auch eine Neuorganisierung des europäischen Büros erfolgt. Herr D. J. Schweitzer ist zum stellvertretenden Vorsitzenden des europäischen Büros und Herr Dr. Werner Senator zum Generalsekretär des europäischen Büros ernannt worden. Das New-Yorker jüdische Religionsinstitut hat die beiden Lehrer am Wiener hebräischen Pädagogium Dr. Baron und Dr. Di es end ruck für eine längere Gastprofessur nach New York eingeladen. Gleichzeitig werden Prof. Klein vom judaistischen Institut injerusalem und Dr. R ho de aus England am Wiener hebräischen Pädagogium dozieren. Demnächst begibt sich der bekannte jüdische Gelehrte und Altertumsforscher Prof. Samuel Kraus von der Wiener jüdisch-theologischen Anstalt nach Amerika, um einige Zeit an den jüdischen wissenschaftlichen Instituten in New York und Cincinnati zu dozieren. In Spanien hat jetzt eine Organisierung der Büchersammlung für die Jerusalemer Bibliothek begonnen. Die Sammlung erstreckt sich nicht nur auf Spanien, sondern auch auf die Nachbarländer. Besonders tätig ist ein unter Herrn Bentats in Tanger arbeitendes Komitee. Die ersten Bücher sind bereits nach Jerusalem gelangt. Es handelt sich im wesentlichen um spanische Literatur zur Geschichte der Juden. Cbabor, Chaibar Max Brod stellt uns nachstehenden in Prager Blättern veröffentlichten Aufsatz zur Verfügung. — Red. Aus Jerusalem kam in diesen Tagen seltsame Kunde. Der Sekretär des Wahabltenkönigs Ibn Saud, des Eroberers von Mekka, hielt einen Vortrag, in dem er über einen in Zentralarabien lebenden unabhängigen jüdischen Beduinenstamm, den Stamm Haibar, Verbündeten der Wahabi-Araber, berichtete. Dieser Stamm, 60000 Angehörige zählend, ist kriegerisch und hält die jüdischen Ritualgebote ein, — also ein Stamm unabhängiger kriegerischer Juden. Von einem solchen Stamme behauptete Reubeni, 1523 nach Europa entsandt worden zu sein, um die Juden zu befreien. — Graetz erklärt die ganze Sache für Schwindel, das Königreich Chabor oder Chaibar (auch die Lesart Thabor findet sich) für erdichtet. Nun stimmt sogar der Name. Und mein Reubeni erscheint rehabilitiert. Nein, er war gewiß kein Schwindler. Liest man sein Tagebuch, das im Breslauer Frankelschen Institut in einer Abschrift vorliegt und mehrfach gedruckt wurde (das Original ist auf rätselhafte Art aus der Oxforder Bodlejana verschwunden, wo cs noch 1867 katalogisiert und kopiert wurde), liest inan dieses Tagebuch, so hat man durchaus den Eindruck eines naiven, schlichten Menschen, der nichts als Erstaunen darüber empfindet, daß die Juden Europas seinem Befreiungsrufe nicht folgen. Sehr charakteristisch ist etwa die folgende Stelle: ״Arn Sonntag brachen wir auf, zogen nach Siena und traten in das Haus eines vornehmen Mannes, Ismael Marieto, sein Hort und Erlöser beschützte ihn. Aber er war nicht daheim, sondern in der Stadt; als er später ankam, ließ er uns in ein großes Zimmer seines Hauses eintreten und stellte vier Zimmer und Lager zur Verfügung. Er hatte ein großes Haus, denn er war sehr reich. Und ich fragte ihn: ״Was ziehst du vor? Jerusalem, oder wolltest du ewig hier bleiben?“ Da antwortete er mir: ״Ich habe! kein Verlangen nach Jerusalem und will nur hier in Siena bleiben.“ Das setzte mich in große Verwunderung, daß er den großen Reichtum, den Gott ihm verliehen hatte, nicht zu einer verdienstvollen Tat•, für den Dienst Gottes verwenden wollte, sondern unersättlich in seiner Geldgier war. Wahrlich, der Habgierige wird seines Geldes nicht satt.“ Und so könnte man noch vieles aus diesem ergreifenden Tagebuche anführen, was unsem Reubeni immer wieder in der Rolle des unerfahrenen, ungebrochenen Volljuden gegenüber den hochkultivierten, aber in ihrem nationalen Instinkt schon geschwächten Juden Europas zeigt. Ich gestehe, daß mich die Schimpfereien Graefzens doch etwas angesteckt haben. Zwar sah ich sofort, sogar durch die Oraetzsche Entstellung hindurch, die heroische und tragische Größe dieses Mannes. Aber die Suggestion, daß er lüge, war schon zu tief in mich eingefressen und so machte ich ihn zu einem Halblügner. Er war nach meiner Konzeption zwar in Chabor, aber die Gesandtenrolle hat er erfunden. Nach Graetz war er nie in •Chabor (Chaibar)), weil es einen solchen unabhängigen, jüdischen Staat angeblich damals g,׳u nicht mehr gab. Nur aus Mohammeds Zeit, also von viel früher her, seien noch unabhängige jüdische Stimme in Arabien historisch verbürgt. — Und nun zeigt sich gar, daß ein solcher Name noch heute existiert! Armer RSubcnt, wie unrecht habe sogar ich, dein ehrlicher Bewunderer, dir immer noch getan Es ist ja vermutlich alles durchaus richtig und wahr, was du in deinem ״Neßioth“, dem Reisetagebuche, berichtest. Und nun sollte und müßte man, dem alten Zweifler Graetz und mir ziim Trotz, dein Tagebuch in aller Schlichtheit als hebräisches Volksbuch in einer guten kritischen Ausgabe und auch in deutscher Uebersetzung edieren und die Worte Seumes an den Anfang stellen: ״Wir Wilden sind doch bessere Menschen.“ Ja, als ein rechter Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, reiste dieser rührend kindliche und tapfere Prinz bei den Juden des Westens umher und suchte in ihren erstorbenen Seelen die letzten Funken des Judentums neu zu entfachen. Darüber ist er zugrunde gegangen. Da, jüdische Volk aber hat bis heute seinen Helden nur dadurch geehrt, daß es ihn durch seine Geschichtsschreiber entweder zur Legende verblassen oder gar verleumden und als Gauner und Hochstapler hinstellen ließ. — Wenn mein Roman den Anfang einer gerechteren Würdigung dieser wirklich ergreifenden Figur, einer der liebenswertesten unserer Geschichte, bedeutet (wohlgemerkt: den Anfang nur, die erste Anregung), — dann will ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden sein. In seiner Dissertation über Reubeni, die leider nur eine Teilübersetzung des ״Tagebuches“ enthält, geht Ed. Biberfeld auch auf den Namen Chabor ein, der heute in der Voka lisierung ״Chaibar“ eine seltsame und unerwartete Auf erstehung feiert. Im 2. Buch der Könige (so zitiert Biberfeld) wird von den zehn Stämmen berichtet, die nach der Zerstörung des Nordreichs Israel von Salmanassar in die assyrische Gefangcnschaft weggeführt wurden, und zwar ״nach Chelach, Hora und an den Habor“. Die Namen deuten aut das Hoch- Iand von Iran. Womit auch die in meinem Roman zitierte Quelle (״inciusos intra montes Caspios“), die ich in einem ungedruckten Manuskript der Vatikanischen Bibliothek, im Codex Tizio gefunden habe, sehr gut übereinstimmt. -- Biberfeld meint nun, daß die zehn Stämme von Iran nach Arabien und von da nach Afrika (Falaschas) gezogen seien, wobei sie den Namen Habor auf die von ihnen in Arabien bewohnte Landschaft übertragen hätten. Damit stimmt nun wieder die Behauptung Reubenis {in seinem Tagebuche) überein, daß man in seinem ״Königreiche Chabor“ die Reste der Stämme Reuben, Gad und des halben Stammes Manasse vor sich habe und daß diese Stämme in Verbindung ständen mit den Stämmen Simon und Benjamin, die unter ihrem Könige Baruch ben Jafet zwischen dem weißen und blauen Nil wohnten. Biberfeld verspricht, Beweise für seine Hypothes* zu erbringen. Doch scheint er seine Arbeit über die ״verlorenen zehn Stämme“ nicht abgeschlossen zu haben. — Vielleicht wirkt nun die Nachricht von dem unvermuteten Auftauchen eines solchen verloren-geglaubten Stammes doch ein wenig galvanlsierend auf unsere jüdischen Historiographen und Geographen ein und veranlaßt neue Forschungen auf diesem so arg vernachlässigten Gebiete. Eine ganze Menge interessanter Fragen tauchen aut. Ich will nur zwei andeuten: Ob sich wohl noch im Stamme Chaibar ein Andenken an ihren Stammeshelden Reubeni erhalten hat und in welchem Lichte mag ihnen die verunglückte Expedition ihres Königsfähnes nach •Europa ״ersthelnen'? Stehen diese Krieger den Juden Europas auchheute noch so ablehnend gegenüber wie jene jüdischen Beduinen, von deren Ueberfall auf eine Karawane mir Wolfgang von Weisl erzählt hat? Dieser Ueberfall soll in einer englischen Zeitschrift etwa um 1880 geschildert sein? Weisis Bericht hat meine Darstellung Reubenis entscheidend beeinflußt. Für Mitteilung von Details über diese ganze Angelegenheit wäre ich jedermann dankbar. Die Lage in Polen Warschau, 12. September. (J. T. A.) Eine der früheren reaktionären Regierungen Polens hatte den getauften Juden Jerzy Orenstein zum Direktor des Departements für jüdische Angelegenheiten und jüdische Presse ernannt. Orcnstein nahm in der antisemitischen Bewegung Polens einen großen Rang ein und war ständiger Mitarbeiter der radauantisemitischen Zeitung ״Dwa Grosze“. Noch vor dem Kriege wohnte er der bekannten Minsker Konferenz russischer Zionisten inkognito bei, um der antisemitischen Presse berichten zu können. Er wurde erkannt und aus dem Kongreßsaal hinausgeworfen. Die Bekleidung eines so wichtigen Postens durch den antisemitischen Täufling Orenstein gab in jüdischen Kreisen Polens Anlaß zu mancherlei Besorgnis. Die jetzige demokratische Regierung würdigte diesen Umstand und verfügte die Entlassung Orensteins vom Posten eines Direktors des jüdischen Departements. 0ZET-Konferenz 1■ Moskau Moskau, 12. September. (J. T. A.)) Im Verlauf des Monats Oktober wird in Moskau eine Konferenz der Organisationen der Gesellschaft für jüdische Kolonisation OZET ganz Rußlands abgehalten werden. Zur Teilnahme an dieser Konferenz sind alle amerikanischen und europäischen jüdischen Hilfsorganisationen eingeladen worden. Auch die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland sind eingeladen worden. — Wie wir erfahren, gedenkt Dr. Paul Nathan sich im Namen des Hilfsvereins der deutschen Juden an der Konferenz zu beteiligen. Boykott )Mischer Schauspieler Wie das Organ der deutschen Bühnengenossenschaft in seiner letzten Nummer feststellt, erstreckt sich die antisemitische Propaganda nun schon auch auf das Gebiet des Theaters. Es soll in Deutschland Theaterdirektoren gehen, die — teilweise unter dem Druck von Gemeindevertretungen, die sie subventionieren — das Engagement jüdischer Schau- Spieler ablehnen. Auch vom Bühnenvolksbund werden solche Tendenzen behauptet. Gewisse Teile des Provinzpublikums lassen sich in solcher Richtung fanatisiereu. Die Verhältnisse in der Jfldischen Gemeinue Das Rabbinat der Berliner Jüdischen Gemeinde hat sich in Wahrung der religiösen Interessen veranlaßt gesehen, in die Angelegenheit der beim Polizeipräsidium eingelaufetier, Proteste gegen die Wahlen in die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde einzugreifen. Wie wir erfahren, hat das Rabbinat in mehreren Sitzungen zu der Lage Stellung genommen und die Herren Rabbiner Dr. Wien«! und Rabbiner Dr. Arthur Levy mit der Abfassung einer entsprechenden Erklärung beauftragt. Das Rabbinat hat sich im Anschluß an seine Beratungen an dig verschiedenen Parteien gewandt und sie zu einer Beratung gebeten, um eine