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Jüdische Rundschau · 1926-09-08 · Heft 70-71 (8.9.1926) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 70-71 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 70 71 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 511 Sterne utÄl Sternbilder — sie alle konnten meinen Anblick nicht ertragen und wichen entsetzt zurück. Und alle müssen ihr Antlitz verhüllen, wenn sie meiner ansichtig werden, und sie werden geblendet von der Hoheit und dem Strahlenglanz der Majestät und dem Glorienschein, die über mein Haupt gebreitet sind.“ ״Er fertigte mir einen Thron an nach Art des Himmelsthrones, bezog ihn mit einer Hülle himmlischen Glanzes, strahlender Pracht und überirdischer Lieblichkeit gleich der Decke des Gottesthrones, stellte ihn an den Eingang des siebenten Himmelspalastes und setzte mich darauf.“ ״In jener Stunde verlieh mir der Heilige, gelobt sei er, Weisheit über Weisheit, Einsicht über Einsicht, Klugheit über Klugheit, Wissen über Wissen, Barmherzigkeit über Barmherzigkeit, Lehre über Lehre, Liebe über Liebe, Gnade über Gnade, Kostbarkeit über Kostbarkeit, Demut über Demut, Stärke über Stärke, Macht über Macht, Vermögen über Vermögen, Glanz über Glanz, Schönheit über Schönheit, Wohlgestalt über Wohlgestalt; mit allen diesen erlesenen Vorzügen wurde ich in höherem Grade als alle Himmelsbewohner bedacht.“ ״Der Heilige, gelobt sei er, offenbarte mir alle Quellgründe der Mysterien der Thora, alle Geheimnisse der Weisheit, alle Tiefet׳ der reinen Lehre, die verborgenen Gedanken aller Geschöpfe: alle Rätsel der Schöpfung lösten sich mir, wie sie dem heiligen Schöpfer selber vertraut sind. Ehe der Mensch einen Gedanken fallt, kenne ich ihn, ehe er sich an. der heim- Heilsten Stätte verbirgt, sehe ich ihn, ehe er irgendeine Tat vollbringt, weiß ich es, und es gibt in den Höhen nichts, was mir verborgen bleibt.“ Nach allen Gnadeneiweisen legte mir der Heilige, gelobt sei er, die Hand aufs Haupt und erteilte mir dreihundertfünfundsechzigtausend Segnungen, ich wurde, über alle Dinge erhöht und umfaßte die Maße des gesamten Weltalls. Zweiundsiebzig Flügel wurden mir zuerteilt, je sechsunddreißig an jeder Seite, jeder Flügel von der Ausdehnung einer Welt. Ich wurde mit dreihundertfünfundsechzigtausend Augen versehen, jedes Auge vom Umfang des großen Hirnmelslichts, und es gibt keine Art der Helle, der Lieblichkeit und des Glanzes, die mir nicht zuteil geworden wäre.“ ״In allen Himmclsräumen wurde feierlich verkündet; Meinen Diener Meta fron habe ich zum Fürsten und Befehlshaber über alle Himmelsbewohner eingesetzt, mit Ausnahme der erhabenen acht Himmelsfürsten, die nach mir benannt sind, und jeder Engel, der mir irgend etwas vorzutragen hat, der wende sich an ihn, und alles, was er in meinem Namen euch aufträgt, sollt ihr getreulich beobachten, denn der Genius der Weisheit und der Geist der Einsicht stehen in seinem Dienste, um ihn das Wissen der Himmlischen und der Irdischen zu lehren, die Geheimnisse des Diesseits und des jenseits. Auch ich selber setze ihn über alle Schatzkammern der Himmelspaläste und über alle Vorratshäuser des Lebens in meinen Höhen.“ So ward Metatron zum Engelsfürsten im Innendienste des Allerhöchsten, dessen Amtsbereich das ״Allerheiligste“ des Himmelstempels ist, und dem der Dienst am Gottesthron, am Räderwerk des Thronwagens und an der unmittelbaren Umgebung der GottesherrÜchkeit obliegt7). 3. Das hauptsächlichste Amt Metatrons ist, wie gesagt, ״der tägliche Dienst am göttlichen Thron“. Er wird nicht in die Erdenvvelt entsandt wie die übrigen Engel. Vielfältig sind seine Obliegenheiten: er windet Kronen aus den Gebeten Israels. ״Das Gebet steigt durch vier Stufen empor: zunächst zum Chaschmal (Erz. 1427), von da zu Metatron, von Metatron zur Verhüllung, von der Verhüllung zur göttliehen Thronstitte.“ ״Ebenso sammelt der Weltgeist Metatron alle Lobgesänge der Welt, denn er ist über alle Lobgesänge gesetrf( sfe: emÄäitodn* uttd* vor Gott W'Mngett,“״ *,)Und als der Heilige, gelobt sei er, dert Kindern Israels befahl, das Stiftszelt zu errichten, deutete er den Engeln an, gleichfalls ein Stiftszelt zu bauen. Am Tage, da jenes auf Erden aufgerichtet wurde, ward auch dieses in den Höhen erstellt — es ist die Stiftshütte des Knaben namens Metatron, in dem dieser die Seelen der Hingeschiedenen Frommen als Opfergaben darbringt, um Israel in den Tagen seiner Zerstreuung zu entsühnen*). Ja noch mehr: Tag für Tag sitzt Metatron drei Stunden in den Himmelshöhen und sammelt alle Seelen der im Muttcrleibe verschiedenen ungeborenen Kinder, die Seelen der an der Muiterbnist verstorbenen Säuglinge und die Seelen der beim Lesen der fünf Bücher Mosis heimgegangenen Schulkinder, weist ihnen eine Stätte unterhalb des göttlichen Thrones an, läßt sie in Klassen und Gruppen rings um seine Person niedersitzen und lehrt sie Thora und Weisheit, Gesetz und Agada und beendet mit ihnen das Buch der Thora.“ ״Eines Tages. jedoch strauchelte selbst der Engelsfürst Metatron, als vier Männer ins Paradies Eingang fanden.“ Da er gerade die Verdienste Israels aufzeichnete, blieb er an seinem Orte sitzen und führte hierdurch einen der vier Männer, E lisch a ben Abu ja, in die Irre, so daß dieser wähnte, ״es gebe zwei Mächte, und auf böse Wege geriet.“ Da mußte Metatron, der Himmelsfürst, Strafe erleiden: ״man führte Metatron hinaus und geißelte ihn mit sechzig feurigen Hieben8).“ Seitdem Chanoch die Erdenwelt verlassen hatte und in einen Engel-Metatron — verwandelt worden war, sah er in Moses den ersten Sterblichen wieder. ״Und zu Moses sprach er: Steige zu Gott empor (Exod. 211) — müßte es nicht heißen: Steige zu mir empor? Antwort: Damit ist Metatron gemeint, der den Namen des Allerhöchsten führt.“ Er war es auch, der dem Moses im Himmel die Mysterien der Thora und die Geheimnisse der Schöpfung enthüllte; er war die Menschengestalt, die der Prophet Ezechiel (Erz. 1) erschaute; endlich war er es, der sich dem Hohenpriester R. Isrnael offenbarte, als dieser in die Himmelshöhen emporstieg, um ״den göttlichen Thronwagen zu schauen10).“ Nach einer Ueberlieferung gibt es zwei Engel namens Metatron: einen großen und einen kleinen, einen höheren Und einen niederen Metatron. Jener wird der Metatron der Aziluth (der Welt der göttlichen Emanation), dieser der Metatron der Beria (der zweithöchsten ״Welt der Schöpfung“) genannt. Der erstgenannte war es, den Moses und Ezechiel erschauten, und von ihm heißt es: ״wie die Gestatt eines Menschen über ihm in der Höhe“ (Ez. 126) ״Metatron der Fürst der Gottesnähe hat zwei Triebe, d. h. er besteht aus zwei Engelswesen. Der eine Engel ist über die Barmherzigkeit, der andere über das strenge Recht gesetzt; und er verwandelt den Engel des Rechts in einen Engel der Barmherzigkeit1!).“ ״Und das eine entspricht dem anderen" (Koh. 714). ,,Wie es eine Welt der Heiligkeit gibt, so gibt es eine Welt der Unreinheit, wie Gott im Bereich der Heiligkeit lebt, so spricht die Schrift von einem Abgott.“ Aehnlich wird von Metatron gesagt: ״Die Schule umgibt die Welt Metatrons.“ ״Der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen (Gen. 29) — das Gute ist Metatron, das Böse Samael, der "•) Slawisches Henoch-Buch; Ozar Midraschim 286—287. 8) ״Zwei himmlische Stiftshütten gibt es,“ wird im Buche Sohar (2,159) ausgeführt, ״eine des Erzengels Michael und die andere des Metatron. 9) Chagiga 15; Bamidbar rabba 12; Ozar Midraschim 184; Jalkut Reubeni 27, 28 (ed. Wilhermsdorf 1681). w) Sanhedrift 38b; Ozar Midraschim 184-185; Jalkut Reubeni 28. 11) Sohar 1, 27; Jalkut Reubeni 27. Fürst der Dämonen. Der Engel Metatron aber ist der König der guten Engel1־').“ Dies *also ist Chanoch, der Irdische, Staubgeborene, der in ein geistiges Wesen, in einen göttlichen Engel verwandelt wurde; dies Metatron, der Stellvertreter Gottes, der Träger des göttlichen Namens. In ganz kurzen Worten berichtet uns die Thora über Chanoch — und wie reich und vielfältig ist die jüdische Legende, die dieses schlichte Gewebe mit so zahlreichen lieblichen Sagen umsponnen hat. Ein tiefer Gedanke liegt diesem ganzen Legendenkreis zugrunde, ein Gedanke, der von jeher den jüdischen Mythos in allen Phasen seiner Ent- Wicklung beherrschte: das Göttliche im Menschen, die Verschmelzung himmlischen und irdischen Wesens im menschlichen Geiste. Der Staat ״Der Staat“ (System der Soziologie, II. Band, Gustav Fischer, Jena 1926) ist das abschließende Werk in Franz Oppenheimers Sozialphilosophie. Es ist mehr als eine sozialogische Lehre vom Wesen des Staats und seiner Geschichte, es ist eine Deutung des Weges der Menschheit über den Staat hinaus zu neuen, glücklicheren Formen des Zusammen- Iebens. Zum Wesen des Staates gehört die Verschiedenheit der Lebenslage und Lebensbedingungen seiner Glieder, seine Teilung in Herrschende und Beherrschte, in Klassen von Menschen, die viel besitzen und wenig arbeiten, und von solchen, die viel arbeiten und wenig besitzen. Ist diese Klassen- und Herrschaftsordnung eine unvermeidliche, ein für: allemal gegebene Tatsache allen menschlichen Zusammen- Iebens oder gibt es einen Weg zur Erlösung der Menschheit, zur Harmonie der Humanität? Propheten und Philosophen haben von diesem Weg geträumt und geweissagt, die zünftige Wirtschafts- und Staatslehre ihn jedoch in das Reich der Utopien verwiesen. Ethiker und Anarchisten haben den Monopolcharakter der heutigen Gesellschaft richtig erkannt und inr das Ziel der notwendigen Entwicklung gewiesen, aber sie taten es mehr auf Grund ihres ethischen Gefühls als auf Grund der Lehren der theoretischen Wirtschaftserkenntnis. Oppenheimers großes Verdienst besteht darin, daß er beides vereint, die wissenschaftliche Erkenntnis des Seienden, seiner Entstehung und seiner Gesetze, seiner Statik und seiner Dynamik, aber dieses Seiende — und dies ist Art der jüdischen Sozialethik seit den ältesten Tagen — steht ihm unter der Norm des Rechtes, der absoluten Gerechtigkeit, weist über sich hinaus in einen Zustand, der dem Rechte entspricht und der durch der Menschen ernsten Willen und Werk aus dem bisher Seienden geschaffen werden kann. Oppenheimers Kraft, wodurch er über das hinausragt, was Wissenschaft allein zu geben vermag, liegt in seiner beherzten Menschlichkeit, in seinem gläubigen Optimismus. Er ist ferne dem pessimistischen Relativismus, dem spezialistischen Skeptizismus der historischen Schulen des neunzehnten Jahrhunderts, er knüpft wieder an die große Ueberlieferung der Aufklärung an, an die Zeit des 18. Jahrhunderts, des Naturrechtes, des frohen, starken Glaubens, der über die Enge des Gegebenen hinaus ein umfassendes Weltbild erfaßt. In seinen Methoden aber steht Oppenheimer am Ende der Entwicklung, die zu uns geführt hat. Die klassische Schule der Nationalökonomie, der auch er sich verwandt fühlt, hatte mit psychologisch-deduktiver Methode arbeiten müssen, da es ihr vor allem um die Erfassung der Gesellschaftswirt- Schaft, der verbindenden Funktion zwischen den Menschen, ging, die in allen Epochen und bei allen Völkern grund- , sätzlich identisch ist». ~ Din!historische״Schule der National« Ökonomie hat dagegen die Wirtschaftsgesellschaft vor allem behandelt, den jeweils tragenden Personenkreis der Wirtschaft, und konnte dies nur mit historischen Mitteln tun. Oekonomik ist aber nach Oppenheimers sehr glücklicher verbindender Formel die Lehre von der Gesellschaftswirtschaft einer entfalteten Wirtschaftsgesellschaft. Oppenheimer verbindet daher beide Methoden: er entwickelt seine Theorie aus psychologisch-soziologischen Gesetzen, konfrontiert sie dann mit den aus der induktiven Methode gewonnenen Tat- Sachen der Wirtschaftsgeschichte und der vor allem mit Hilfe der Statistik erfaßten Gegenwart, geht aber noch darüber hinaus, er legt auch den ״aus diesen Betrachtungen sich ergebenden Heilplan“ dar. Seine Oekonomik entwickelt sich zu einer großartigen, auf die radikale Aufhebung der Uebel in der heutigen Staats- und Wirtschaftsform hinziclenden Sozialpolitik. Tatsachen wie deduktive Erwägung erhärten vor allem den Ausgangspunkt von Oppenheimers Staatslehre, den er mit Ludwig Gumplowicz teilt. Der Staat entsteht durch äußere, erobernde Gewalt, mit der eine Menschengruppe sich die andere unterwirft. Die Folge davon ist, daß sich in jedem Staat zwei Klassen gegenüberstehen, die Herrschenden mit Anspruch auf Ehre, Amt und arbeitslosen Genuß, und die Beherrschten, die Untertanen. Der Staat ist eine Klassen- Organisation, während die vorgeschichtliche Stammesgruppe eine klassenlose Gemeinschaft gebildet hat. Will man aus dem heutigen Gesellschaftszustand wieder in jenen der Gemeinschaft gelangen, so gilt es, ״die letzten Reste jener alten Eroberung und Unterwerfung aus unserem Gesellschaftskörper auszurotten, Reste, die in ganz bestimmten, unmittelbar bis auf jenen Zeitpunkt zurückzuführenden Formen des Eigentums bestehen“. Durch seinen Ursprung und durch sein Wesen ist der Staat für Oppenheimer Sünde. (Siehe auch seinen schönen Aufsatz ״Der Staat und die Sünde“ im Januarheft 1926 der Neuen Rundschau.) Er nimmt den Staat nicht hin als Gegenstand der Forschung in Vergangenheit und Gegenwart, er stellt ihn unter das Sittengesetz, das verbietet, den Mitmensehen zum bloßen Objekt seines Willens zu machen, das Gesetz von der Gleichheit der Würde jeder Person, das durch die politische Ungleichheit und wirtschaftliche Ausbeutung im Staat verletzt wird. Diese Sünde des Staates ist auch das Gift, das an seinem Körper frißt, an dem alle Staaten und mit ihnen die großen Zivilisationen zugrunde gegangen sind und an denen auch unsere gegenwärtige Zivilisation zugrunde zu gehen droht. Und auch der Mensch geht darin zugrunde in seiner freien Persönlichkeit, er wird durch die Gruppennormen fast bis zur Bewegungslosigkeit gefesselt, er verläßt seine natürliche Bindung, um in der Großstadt unterzugehen. Einen Ausweg gibt es nur, wenn wir erkennen, was die aus der ursprünglichen Sünde folgenden Machtpositionen sind, die die krankhafte Verteilung der Güter zwischen den Klassen immer noch aufrechterhalten, obwohl die geschriebenen Ver- Fassungen schon längst die Ungleichheit der Stände aufgehoben haben. Oppenheimer ist ein Liberaler im vollen, heute längst nicht mehr üblichen Sinne des Wortes, ein Radikaler, wie man in England und Nordamerika sagt, der aus dem 18. Jahrhundert herkommt und die großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts vollenden will, die das feudale System zerschlagen haben, um das der wirtschaftlichen Harmonie, der freien Konkurrenz freier und gleicher Menschen einzuführen. Statt dessen ist der industrielle Kapitalismus gekommen und ist deswegen gekommen, weil die Revolution nicht zu Ende geführt, die 12) Pardes Rimmoniro, Schaar Hatemuroth 81 und 84; Sohar 3. 282; Pardes, Schaar Haheohaloth 89. letzte feudale Machtposition nicht zerstört worden war: das Großgrundeigentum, das als Monopol wirkt und den Boden sperrt, das daher verhindert hat, daß jemals die freie Konkurrenz, wie die klassische Nationalökonomie sie verlangt hat, wirklich in Erscheinung treten konnte. So entstand die Reservearmee des Kapitalismus, die ihre Arbeitskraft um jeden Preis verkaufen mußte, weil sie durch die Sperrung des Bodens keinen Ausweg hatte, so entstand die Abwanderung in die Großstädte, das Elend des Landarbeiters und die Not der Proletarierviertel, die ständig wiederkehrende Absatzkrise infolge ungenügender Kaufkraft der Arbeiterbevölkerung und des Bauernstandes. Mit der Aufhebung des Großgrundbesitzes werden die freien Arbeiter in der Industrie ein Einkommen beziehen, das dem Nominalbeträge nach über dem Niveau des freien unverschuldeten Bauern auf ausreichendem Lande stehen muß, weil infolge des Transports die Nahrungsmittel in den Städten teurer sind als auf dem flachen Lande. Löhne und Kaufkraft werden ihr mögliches Maximum erreichen und daher wird auch dem Maximum der technisch geglichen Maschinerie die Rentabilität sicher sein. So wird Jurch revolutionäre Bauernpolitik das Ziel des Liberalismus erreicht, die volle Freiheit der Wirtschaft, und zugleich das wahre Ziel des Kornmunismus: die Gleichheit. Die Revolution des 18. Jahrhunderts ist zu Ende geführt, nicht indem sie krampfhaft versucht hat, etwas Neues aufzubauen, sondern indem sie nur noch den letzten Rest des Feudalismus abgebaut hat. Politisch wird dieser Freiwirtschaft die Freibürgerschaft entsprechen. Und hier sieht man, wie sich der wahre Liberalismus mit seinem Kinde, dem ׳Anarchismus, verknüpft. Oppenheimer ist hier nicht nur der Schüler Lessings und Kants, sondern auch Bakunins und Proudhons. In seiner ״Utopie“ gibt cs nicht nur wirtschaftlich den ״Zustand der rationellen Gleichheit“, wo es keine anderen Unterschiede des Einkommens und Vermögens als die der Qualifikation entsprechenden gibt, es gibt auch keine Großstädte, keine Zentralisation, keinen Staat im heutigen Sinne. Die Menschen leben in kleinen, relativ leicht übersehbaren Siedlungen, bei denen volle Autonomie liegt und die nur freiwillig größeren Bünden die unbedingt notwendigen gemeinsamen Kompetenzen abtreten. Dieser weitgehende Föderalismus löst auch das Problem der nationalen Minderheiten, der Fortfall der Zollgrenzen in dem vollendeten Freihandel macht die politischen Staatengrenzen zu etwas, das kaum mehr bedeutet, als bunte Linien auf der Landkarte. Auf dem großen Gebiet der kontinentalen und planetären Politik feiert der Föderalismus ebensolche Triumphe wie auf dem der inneren Politik. Der wahre Völkerbund ist entstanden. Franz Oppenheimers ״Staat“ ist ein großes und menschliches Buch. Es sucht die Vereinigung von tiefem Glauben mit sichern Wissen, die Uebereinstimmung des Gewissens in unserer Brust, das uns unsere Pflicht vorschreibt, mit dem durch Analyse und Logik gewonnenen Wissen. Aus Wirt• schaftswisscnschaft und Staatslehre, aus Geschichte und Statistik öffnet sich ihm die Aussicht auf eine neue Freiheit, auf eine glückliche Menschheit, auf ihre höchste Blüte, die freie Persönlichkeit, die vom Gruppenzwang völlig gelöst, in stolzer Autonomie nur ihrem eigenen Gesetz folgt, das das allgemeine Sittengesetz ist. Hans Kohn. Politische Literatur England Der durchschnittliche Kontinentale versteht nicht viel von England, Das englische Denken und Leben ist in vielen Beziehungen vom kontinentaleuropäischen *verseMfede» und wird entstellt, wenn wir es in Unsere Begrtffswelt pressen wollen. Wer aber mit England politisch zu tun hat, muß zunächst einmal dieses Land und seine Menschen begreifen, um auch ihre Handlungsweise richtig einzuschätzen. Das Buch ״Engländer“ von Rudolf Kircher (mit 32 ganzseitigen Personenbildern, Verlag Frankfurter Sozietätsdruckerei, Frankfurt 1926, 10 M.) gibt in einer originellen und anziehenden Form eine Einführung in die englische Welt. Der begabte Londoner Korrespondent der ״Frankf. Ztg.“, ein ausgezeichneter Kenner Englands und ein objektiver, hellsichtiger Beobachter, läßt die wichtigsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Englands in kurzen charakteristischen Monographien, mit Bild, ah uns vorüberziehen. Balfour una Baldwin, Asquith und Lloyd George, Mac Donald und Thomas sind ebenso vertreten wie die großen Finanziers, Presselords und der Cricketmeister Mr. Hobbs. Jedes Gebiet des Lebens hat seinen Repräsentanten. So wird diese merkwürdige Welt vor uns lebendig, alte konservierende und in bester Tradition hochgezüchtete Mächte und junge umgestaltende Kräfte. Viele Männer, die wir Zionisten gut kennen und mit denen wir zu tun haben, werden in dem Buche geschildert. Von Juden sind vor allem zwei behandelt: Lord Reading, der Jude als Vizekönig — und Lord Bearstead, der Oelmagnat. Diese Kapitel sind außerordentlich aufschlußreiche Beiträge zur Erörterung der Judenfrage. Nicht nlF wegen der fast phantastischen Karriere dieser aus kleinsten Verhältnissen zu weltpolitischem Einfluß aufgestiegenen Juden, sondern wegen der Begleitumstände und der eigentümlichen Haltung der englischen Gesellschaft. Mit Recht weist Kircher, der das Wort ״Jedes Land hat die Juden die es verdient“ zitiert, darauf hin, daß auch in England die Distanz zwischen Juden und Nichtjuden gefühlt wird, aber abgesehen von Ausnahmen begegnet man der jüdischen Eigenart mit Respekt und selbstverständlicher Anerkennung. Dies hängt vielleicht damit zusammen, daß die Engländer gewohnt sind, mit fremden Völkern, mit Menschen andrer Artung zu tun zu haben und ihnen ohne die Haßeiustellung der durch alles Andersartige in seinem Empfinden gekränkten kontinentalen Nationalisten gegenübertreten. Lord Birkenhead, der Readings Minister für Indien war, sagte einmal, das Britentum habe es verstanden, außer Geist, Fleiß und Erfindungsgabe der Juden eine ihrer größten Eigenschaften vollauf mit den eigenen Zielen zu verschmelzen: ״Den Kastengeist und den esprit de corps dieser so homogenen Rasse“. Lord Readings Name ist der großen Oeffentlichkeit bekannt. Weniger bekannt ist Lord Bearstead, vormals Marcus Samuel aus Whitechapel, der durch geschickte kaufmännische und finanzielle Transaktionen England allmählich die Vormachtstellung in der Petroleumindustrie eroberte. — Das Buch von Kircher ist ein Meisterwerk der politischen Essayistik, es ist — auch wenn man in Einzelfragen von dem Urteil des Verfassers abweicht — belehrend und genußreich zugleich. Die Zusammenhänge zwischen Politik und Menschlichkeit leuchten auf. ln dem Buch von Kircher wird von dem katholischen Publizisten Hilaire Belloc gesagt, er sei ״nicht sehr ernst zu nehmen“. Darüber ist Arthur Salz anderer Ansicht, der in seinem — nicht durchaus sympathischen — Vorwort zu dein von ihm übersetzten Buche Bellocs ״Der Sklaven ־ a t“ (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1925) Belloc einen .,:hriftsteller von ״weitestem Umfang des geistigen Horizonts, von erstaunlicher Vielseitigkeit und Fruchtbarkeit“ nennt, der kühn und originell sei ״in einem Maße, das uns Deutsche besonders anspricht“. Seltsam ist nur, daß Salz in seiner eine volle Seite einnehmenden Aufzählung der Gegen stände, über die Belloc geschrieben hat, nur kurz von ״seinem verfehlten Buche über die Juden, das von falschen Voraus- Setzungen ausgeht“ spricht, ohne deutlich zu sagen, daß

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