Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 70-71 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 512 JUEDISCH E RUNDSCHAU Nr 70/71 Belloc der Theoretiker des englischen Antisemitismus ist. Sein Buch ״The Jews“ (London 1922) ist jedoch sehr beachtenswert, weil es eine Reihe tiefer Erkenntnisse über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden enthält. Belloc bestreitet, Antisemit zu sein, er wünscht nur reine Scheidung, er wendet sich gegen das verkappte Eindringen der Juden in ein anderes Volk. Wenn die Juden ihre Nationalität offen bekennen und betätigen, würde sich das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden bessern; Belloc spricht sich jedoch gegen jede gesetzliche oder zwangsweise Separierung oder Unterdrückung aus. Den Zionismus lehnt er gleichfalls ab. Für uns ist besonders die Motivierung seines Antisemitismus interessant, die er keineswegs auf absolute Gegnerschaft gegen das Judentum, sondern vor allem auf Ablehnung jüdischer Mimicry gründet. Der ״S k 1 a v e n s t a a t“ ist bereits 1912 geschrieben und entwickelt den Gedanken, daß der Kapitalismus notwendig zur Neueinführung der Sklaverei treibe. Die einzige Rettung sei nicht der Sozialismus, sondern bessere Verteilung des Eigentums. Das geistvolle Buch zeigt uns eine Seite englischen Dlnkens, die weniger an der Oberfläche liegt und weniger bekannt ist. Doch sind hier Kräfte, die tief im Innern wirken. Es ist dankenswert, daß der deutsche Leser mit diesem interessanten Manne bekanntmachen wird. Treibt das hochkapitalistische England zum Sklavenstaat? Wohin treibt England? Diese Frage wird vom entgegengesetzten Pol der europäischen Welt, wo man Englands Zustand und Entwicklung scharf beobachtet, aufgeworfen. Der Mann, der die Frage stellt, und — in seiner Art — beantworfet. ist Leo Trotzki, dessen Buch ״Wohin treibt England“ jetzt in einer Volksausgabe (im Neuen Deutschen Verlag, Berlin NW 7) erschienen ist. Es erhielt einen besonderen Hintergrund durch den englischen Generalstreik, der in Rußland als Vorbote des wirklichen Endkampfes der Klassen um die Macht aufgefaßt wurde. Trotzki erwartet, daß Englands industrielle und wirtschaftliche Entwicklung mit Naturnotwendigkeit zur Revolution treiben muß. Er wendet sich scharf gegen die Führer der Labour-Party, die den Klassenkampt verraten, aber durch die Wirklichkeit hinweggefegt werden müssen. Vorderhand scheint es, als ob Trotzkis Prognose richtig aktuell sei. Die Macht der Arbeiter ist keineswegs größer geworden. Aber die Schwierigkeiten, die in der neuen Weltsituation für Englands Wirtschaft gegeben sind, dürfen nicht unterschätzt werden. Es ist interessant, das britische Problem auch einmal in dieser Beleuchtung — roter bengalischer — zu sehen. Eines der brennendsten Probleme des britischen Imperiums, das ja erst nach dem Kriege allmählich seine neue Form findet, ist das Verhältnis von Mutterland und Dominions. Die Dominions kämpfen bekanntlich schon lange um größere Selbständigkeit, sie erstreben volle Gleichberechtigung; eine ihrer Beschwerden bestand darin, daß ihre Beziehungen zu England noch immer in die Kompetenz des ״Kolonialministers“ fallen, obwohl sie doch keine ״Kolonien“ sind. Diese Verwaltungsfrage wurde 1925 provisorisch so gelöst, daß das Kolonialministerium in zwei Sektionen geteilt wurde, eine für die Kolonien und eine für die Dominions. Erst kürzlich hat Amery, der gegenwärtige Kolonialminister, im Unterhaus erklärt, es handle sich eigentlich um zwei Ministerien, die nur aus Gründen der Oekonomie zusammengelegt und durch Personalunion verbunden seien. Auch die künftige britische Reichskonferenz im Oktober wird sich vor allem mit dieser auch für uns wichtigen Frage beschäftigen. Da ist es für jeden, der sich über den Mechanismus der Verwaltung und über die geschichtliche Entwicklung des Amtes, dem auch Palästina heute untersteht, orientieren will, angenehm, daß ein kürzlich erschienenes Buch die gesuchten Informationen klar und präzis gibt. Das Buch heißt ״The Dominions and ColonialOffices“, von Sir George V. F i d d e s, einem ehemaligen Kolonial-Unterstaatssekretär (erschienen bei G. P. Putnam’s Sons Ltd., London W. C. 2, Preis 7/6). Das Buch ist in gedrängter Form zugleich eine Geschichte des britischen Kolonialwesens. Auch das Palästina-Mandat wird in seinen Hauptbestimmungen wiedergegeben, ohne weiteren Kommentar, da ja der Autor kein politisches Buch, sondern eine Uebersicht über alle das System der Administration betreffenden Tatsachen geben will. R. W. ״Madae hajaliadut“ Ein Studienband unseres Judaistischen Instituts. Die Jüd. Rundschau hat bereits kurz (S. Nr. 55 ״Zionistisehe Universitätspolitik“) auf den Sammelband hingewiesen, welchen das Judaistisehe Institut der Jerusalemer Universität zum Semesterschluß herausgegeben hat. Er repräsentiert in würdiger Weise die Lehrer und wissenschaftlichen Mitarbeiter dieses am weitesten entwickelten Instituts der Universität. Wenn auch hier nicht der Ort sein kann, die einzelnen Beiträge des starken Bandes (195 Großoktavseiten) wissenschaftlich zu analysieren, so wollen wir doch wenigstens eine Inhaltsangabe derjenigen Arbeiten geben, welche die Antrittsvorlesungen der während des letzten Studienjahres neu ernannten Lphrer des Instituts enthalten, in denen sich wohl am besten die Bestrebungen des jungen Instituts spiegeln. Eröffnet wird der Band mit der Antrittsvorlesung von Prof. Josef Klausner, der, wie bekannt, die Geschichte der neuesten hebräischen Literatur vorträgt. Klausner verweist darauf, daß die Universität in Jerusalem die erste ist, welche für diesen Gegenstand eine Lehrkanzel errichtet hat. Die Vorlesung behandelt ״drei Epochen in der hebräischen Aufklärungsliteratur“. Klausner führt aus, daß man drei Strömungen in der Haskala-Literatur unterscheiden könne, welche im großen drei Epochen entsprechen: die erste Epoche ist die pseudo-klassische, die Zeit der Measfim: sie ist charakterisiert durch den Kampf der Verteidigung der Aufklärung gegenüber der Religion, die zweite Epoche — die Zeit der ״Wissen- Schaft des Judentums“ und der von ihr beeinflußten Dichter — nennt KI. die ״romantische“; sie entspricht der parallelen romantischen Epoche der deutschen Dichtung und ihrer positiven Einstellung zur Vergangenheit. Aber erst die dritte, die ״realistische“ Epoche (Perl, Erter, Schorr, Lilienbitsm, Gordon) ist aufklärerisch im negativen Sinne und kämpft gegen die Religion. Diese negative Geistesbewegung wird dann von der positiven nationalen mit Smolenski abgelöst. Eine für die Geschichte und Beurteilung der Kabbala entscheidende Frage behandelt G. S c h o 1 e m in seiner Antritts- Vorlesung: Hat Mose de Leon das Buch Sohar verfaßt? In ausgedehnter Untersuchung prüft Sch. alle Argumente, die für die Autorschaft Mose de Leons vorgebracht wurden und verwirft sie. Insbesondere erklärt Sch., daß es nichts beweist, wenn Stellen des Sohar mit Stellen bei Mose de Leon übereinstimmen. Man hat in übereilter Weise geschlossen, daß die Schriften Mose de Leons die älteren sind und die Stellen im Sohar, die ihnen entsprechen, von M. de L. hinübergenommen, jedoch (zwecks Mystifizierung) ins Aramäische übersetzt wurden. Sch, weist nach, daß sich dieser Parallelismus nicht nur in Schriften Mose de Leons, sondern auch in den Büchern anderer findet: R. Todros Abulafia, R. Josef Gikatilia. Vielmehr ist der Sachverhalt der, daß schon in der Frühzeit Mose de Leons die zeitgenössischen Kabbalisten Stücke aus dem Sohar kannten und daß solche Stücke auch ln den Hände! Mose de Leons waren, ehe er seine Bücher schrieb. Wie abc״ — schließt Sch. — aus diesen Stücken das Buch Sohar.entstand und ob vielleicht Mose de Leon diese Stücke g e s a m - melt hat, ist eine Frage, für welche die Forschung erst die Vorarbeiten leisten muß. Eine wichtige Frage der hebräischen Sprachgeschichte behandelt Moshe Zwi Segal in seiner Vorlesung über ״die Sprache der Mischna, ihren Ursprung und ihre Geschichte“.!Me Vorlesung ist eine Auseinandersetzung mit der zuerst von Abraham Geiger in seinem Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischna ausgesprochenen und von der später übernommenen Ansicht, daß das Mischna-Hebräisch keine gesproc h e n e Sprache war, sondern eine künstliche Gelehrtenschöpfung, im Jargon des Hebräischen und Aramäischen. Geiger vertrat die Ansicht, daß das Hebräische schon vor Abschluß des biblischen Kanon eine tote Sprache war und diese Ansicht, meint Segal, entsprach Geigers Anschauungen vom jüdischen Volke. Segal hält diese Ansicht für falsch und zeigt, wie das Mischna - Hebräisch im Wortschatz, Dialektentwicklung usw. alle Zeichen einer gesprochenen, und zwar von den Massen gesprochenen Sprache aufweist. Segal skizziert die Geschichte des Mischna-Hebräisch, dessen Anfänge er um das Jahr 450 vor der ehr. Zeitr., dessen Ende er mit dem Zusammenbruch der letzten Aufstände im zweiten Jahrhundert der ehr. Zeitr. datiert. Die Blütezeit ist die der Hasmonäyr. Der Niedergang beginnt mit Herodes, dessen Sprache das Aramäische war, das nun mehr und mehr das Hebräische verdrängte. Aus der Zeit der letzten Kämpfe des Hebräischen um seine Selbstbehauptung stammen die talmudischen Aussprüche, welche das Hebräisch-Sprechen zum Range eines religiösen Gebotes erheben. Ein juristisches Thema, dessen Bedeutung jedoch weit über den Rahmen des Faciies hinausgeht, behandelt Asher Gulak in seiner Antrittsvorlesung: ״Allgemeine Vergleichung des Geistes des jüdischen und des römischen Rechtes“. Nach jüdischer Auffassung liegt die Quelle in objektiven Verhältnissen, nach römischer Auffassung entspringt cs dem subjektiven Willen des einzelnen, der innerhalb der ihm zustehenden Sphäre entscheidet. G. erklärt dies an einer Reihe von Beispielen: das jüdische Familienrecht baut sich auf der natürlichen Tatsache der Blutsverwandtschaft auf und kennt daher keine Adoption, das römische dagegen auf der Herrschaft des Vaters, der patria potestes und der freien Entscheidung des Vaters. Nach römischem Rechte erben die im letzten Willen als erbberechtigt Bezeichneten ohne Rücksicht auf ihre Verwandtschaft, nach jüdischem Rechte erben die Verwandten usw. Ueberall ist — G. führt eine große Reihe von Beispielen an — im römischen Rechte der subjektive Wille entscheidend. Dies gibt dem römischen Rechte eine gewisse Schönheit und Geschlossenheit, aber bedingt auch die Gefahr der Rechtsbewegung gegenüber den Schwächeren. Das jüd'1sehe Recht dagegen baut sich auf objektive Wahrheit und Gerechtigkeit auf, die zu suchen des Menschen Aufgabe und Pflicht bleibt. G. betont die Nähe dieser Rechtsauffassung zu gewissen Gedanken der neuen Rechtsentwicklung. Als ״Gastprofessor“ wirkte im letzten Sommersetnester Prof. Israel Davidson (New York) am judaistischen Institut. Seine Antrittsvorlesung ״Zur Charakteristik der Pijutim“ ist die letzte des Bandes. Sie enthält in gedrängter Kürze ein kulturhistorisch überaus interessantes Material. D. nennt Palästina die Wiege der Pijutim, denn in Palästina wirkten die ältesten Pajtaninr: Josse ben Josse, Janai, Kalir. D. wendet sich gegen die übliche Verachtung der Pijutim als D'chtungen. Die anscheinende Ueberladenheit der Pijutim kommt daher, daß diese Dichtungen 1n einer Zeit der Verfolgungen entstanden sind, wo es den Juden verboten war, die Lehre zu studieren. So vertrat der religiöse Gesang die Stelle der Predigt und des halachischen Studiums und diente als Mittel der Erhaltung der Ueberlieferung. D. bringt überaus interessante Beispiele der ״Deck“sprache, deren sich die Juden in jener Zeit bedienten, er w־ust aber auch nach, daß trotz der durch diese Ums'ände bedingten Ueberladenheit die PijuJim eine sehr strenge Technik 4es dichterischen Aufbans Haben und zeigt dies ife einzelnen durch Analyse der ״Krobha"-Gaftung der Pijutim, jener Hymnen, welche in der Wiederholung des Vorbeters zwischen die drei ersten Segens- Sprüche eingefügt werden und die den einzelnen Wochen abschnitfen entsprechen. Wir begnügen uns mit der Inhaltsangabe dieser Antritts- Vorlesungen, welche der Band enthält und erwähnen nur noch die Titel der andern abgedruckten Arbeiten. Prof. I. N. Epstein analysiert eine in der Jerusalemer Nationalbibliothek aufbewahrte Handschrift, ein unbekanntes halachisches Werk des Elia ben Moses aus London (13. Jahrhundert). Prof. S. Klein schreibt über die Bedeutung der Bezeichnungen ״Ansche Jeruschalaiim“, ״Jakire Jeruschalajim“, ״Nekije hadaat schebijeruschalim“, ״Bne Zion“. Ueber Verordnungen und Gebräuche in bezug auf die Beerbung der Frau durch ihren Mann schreibt Dozent S. Assaf; über einen Abschnitt in der Geschichte Palästinas im Jahre 1490 und den folgenden durch die Einwanderung der spanischen Juden so bedeutsamen Jahren. Dr. G. Scholem veröffentlicht eine Untersuchung über ״Bellar, den König der Teufel“, Dr. G. Schwabe über die Uebersetzung des Ausdruckes ״Ploni Almoni“ in Ruth 4,1 durch ״Kryphie“ in der Septuaginta-Uebertragung. J. Aharoni behandelt ein zoologisches Thema: Putorius foetidus Gray (״Tala ilan“), M. Z. Segal steuert einen zweiten philologischen Beitrag über die ״Verkleinerung im Hebräischen“ bei. David Je 11 in veröffentlicht den Anfang des ״Ben Kohelet“ von Samuel Hanagid aus einer im Besitze von David Sassoon in London befindlichen Hand- Schrift. J. Klausner druckt eine Arbeit über die Entwieklung des Mischna-Stiles in der neuen hebräischen Literatur. Dr. Avigdor Tscherikower schreibt über den Anfang der ״Kriege“ des Josephus als historische Quelle. Diese gedrängten Angaben über die sechzehn Arheiten des Buches zeigen die Fülle des Inhaltes, der zugleich die Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit der Forschungen illustriert, welche im Judaistischen Institut der Univers:tät lerusalem betrieben werden. Für die hebräische wissenschaftliche Literatur bedeutet dieser Band eine sehr bemerkenswerte Bereicherung. —n. Jfldiscbe Erziehnng ״Die Zeitschrift ,Der Jude‘ ist ein unabhängiges Organ für Erkenntnis und Förderung des lebendigen Judentums.“ Es scheint, als glaubten die deutschen Juden nicht mehr oder noch nicht an ein lebendiges Judentum, sonst hätten sie doch nicht aus Gedankenlosigkeit und Kleinlichkeit die Unterbrechung im Erscheinen dieser Zeitschrift hinnehmen können. Wir wenigen, die wir gläubig geblieben sind, vermissen allmonatlich dieses Organ, unser Organ. Sind auch seine Aufsätze ״Aeußerungen der persönlichen Meinung der Verfasser“, so scheinen doch diese Verfasser bei allen Abweichungen in Einzelheiten eine Sprache, unsere Sprache zu sprechen. Wir müssen der Redaktion des ״Juden“ dankbar sein, daß sie in diesem Jahrgang zwei Sonderhefte herausgab, die bestimmte Themen von verschiedenen Seiten beleuchten ließen. Es ist kein Zufall, daß das Thema des zweiten Heftes die Erziehung war. Schlichtestes Denken läßt sofort die politische Bedeutung der Erziehung erkennen: politische Errungenschaften des Tages und der Jahre, ja ehrlich gemeinte Zusicherungen mächtiger Weltstaaten verlieren ihre Kratt, sobald die kommende Generation nicht in Gesundheit und Freiheit, in innerlicher Ueberzeugung und in Erkenntnis ihrer kulturellen Aufgabe die Errungenschaften der Eltern zu wahren und aufzubauen weiß. Zwei Aufgaben hatte dieses Heft zu erfüllen: es mußte über den Stamm des jüdischen Schulwerks der Welt Auskuntt geben, und es mußte den Begriff der jüdischen Er- Ziehung klären helfen. In ästhetisch erfreulicher Auswahl und Gruppierung sind diese beiden Aufgaben voneinander getrennt und doch wiederum miteinander verschlungen, indem die schwierigere Begriffskiärung in je zwei den Hauptteii einleitenden und schließenden Beitragen die mehr berichtenden Aufsätze umrahmt. Es scheint mir notwendig, noch mit ein paar Worten bei dieser scheinbar ganz äußerlichen Feststellung der An- Ordnung zu verweilen. Sie ist Zeichen einer Fonngebungskratt, eines ästhetischen Instinktes, den man im allgemeinen nur bei romanischen Völkern, niemals aber bei dem jüdischen Volke zu finden hofft. So erhielten die beiden Aufsätze über ״Das hebräische Schulwerk in Palästina“ (Fritz Löwenstein) und ״Jugendnot in Palästina“ (Moses Calvary) ihren Ehrenplatz in der Mitte dieses Heftes, das mehr ist als ein Sammelwerk. Die Gründlichkeit, Treffsicherheit und Rücksichtslosigkeit der Beobachtung Fritz Löwensteins ist den deutschen Zionisten bekannt. Durch den Wirrwar der Schwierigkeiten und der mannigfachen Strebungen führt er uns hindurch und stellt dabei typische Tatsachen des Schulwerks und der Schülerpsychologie heraus. Neben erfreulichen auch unerfreufiche. Erfreuliche: höhere Gesundheit der jungen Generation gegenüber Gofuskindern, das kameradschaftlichere Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, die Konzentrationsversuche in der Stoffverteilung der Haifaer Realschule (in Deutschland sind diese Versuche erst in den frühesten Anfängen). Unerfreulich: eine gewisse Ideallosigkeit der Jugend, eine durch mangelnde Anregung (Buch- und Sprachschwierigkeiten!) entstehende Begrenzung ihrer geistigen Interessen. Und als Summe die große Aufgabe des hebräischen Schul- Werks, die es zu erfüllen im Begriff ist: die Schaffung der ״Volksgemeinschaft auf der Basis der nationalen Sprache“. Von der sozialen Seite aus sieht Moses Calvary. Es ist die lebendigere, umfassendere Seite, denn Schulwerk und Schülerschaft bilden nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Jugend, dazu einen durch Schulgesetze, Ueberlieferung und tausenderlei Abhängigkeiten verhältnismäßig starren, lebensfremden Ausschnitt. Jeder neue, aus Lebenserkenntnis und -notwendigkeit erwachsende Vorschlag einer neuen Schulreform, einer neuartigen Methode bedarf erst lang׳- jähriger Erprobung, während das Leben vielleicht schon längst weitergegangen ist. So ergibt sich die positivhistorische Einstellung des Paläsiinaaufbaues, die wir der negativ-historischen Untergangsstimmung des Abendlandes entgegenstellen müssen: ״hier und heute, in dieser Situation unseres Volkes und auf Generationen hin, ergeht an uns der Ruf zu jenen Zielen.“ Welches sind jene Ziele? Der Verfasser fordert: ״selbständige Arbeit, manuelle wie geistige, und damit gefühlsmäßiges Interesse an der Arbeit und ihrer Vollendung, sowie an den geistigen Werten, Naturnähe, Urteilsbildung, Erziehung zur Gemeinschaft“, obwohl gerade er, der ehemalige preußische Studienrat, um besten weiß, daß ״zuw&ilen ein Volk gerade der intellektuellen Ent- Wicklung bedarf“. Aus dem begrenzten Thema ״Jüdische Erziehung“ in das allgemeine ״Erziehung“ scheinen die Berichte von Siegfried Lehmann und Sch. S. Pugatschow hineinzuführen. Siegfried Lehmann, der uns als Gründer des Berliner Jüdischen Volksheims bekannte Leiter des Kownoer Kinderhauses, zeigt uns den Weg der Kinderhausjugend vom isolierten Ich über die parteiliche, erotische Bindung zur Idee des Chaluziuth oder der Volksarbeit im Golus. Sch. S. Pugatschow führt uns in das Kinderdorf im Emek Jesreel, wo es ihm gelang, aus einem autokratisch geordneten Heim ein demokratisches Gemeinwesen zu schaffen, d. h. die schlummernden Kräfte einer ohne ihr Bewußtsein versklavten Jugend zu freier Selbständigkeit zu erlösen. Und doch ist hier zwischen den Zeiten zu lesen, wieviel spezifisch Jüdisches in diesen Entwicklungen verankert ist, wie all das sich niemals im deutschen Landerziehungsheim niemals im englischen College, niemals im amerikanischen camp abgespielt haben könnte. Gerade aber dieses Spezifische ist wiederum Allgemein-Menschliches, nur ganz von unten aut, völlig elementar. Und das macht diese Arbeit dem pädagogisch Berufenen zum Dorado: daß hier bei aller Belastung von Ghetto-Zeiten und Emanzipation her urbar zu machendes Brachland vorliegt. Darum findet der pädagogisch Interessierte (nicht der Schulmeister, sondern manche Eltern und wenige Jugenderzieher) hier eine, die Grunderkenntnis, die alle namhaften Pädagogen alle״ Zeiten und aller Völker im Zusammenleben mit der Jugend machen mußten: Geduld, Geduld, Geduld! — Die Aufsätze über ״Das jüdische Mittelschulwesen in Polen“ (Arjeh Tartakower) und ״Das jüdische Mittel- Schulwesen in Litauen“ (Jacob Robinson) zeigen uns die Schwierigkeiten, unter denen in den beiden Staaten in den letzten Jahren ein jüdisches Schulwesen geschaffen wurde. Sie sind völkerrechtlicher, staatsrechtlicher, soziologischer Art. Lehrermangel, Sprachwirrwarr, Anpassung der Schulprogramme an die der Schulen der Mehrheit, Finanzierung, das religiöse Problem kommen hinzu. Die einleitenden (Leo B a e c k und Viktor K e 11 n er) und die abschließenden (Elfriede Bergel-Gronemann und Ernst Simon) Aufsätze lassen sich nicht ״besprechen“. Etwas bleibt festzuhalten: daß wir in den letzten Jahren in unserer Kulturentwicklung einen Schritt vorwärts gekommen sind. Was vorsichtig im Kreise der Jugendbewegung gelegentlich angedeutet, was zaghaft in Aufsätzen (ich erinnere an den im ״Juden“ 1923 erschienenen von Hugo Rosenthal), in Diskussionen, auf Tagungen berührt, was eigentlich nur hier und da in verschwiegenen Gesprächen Einzelner dringlich erörtert wurde: die Frage der Beziehung zwischen Zionismus und Religion. Hier heißt die Fassung der Frage in der objektiven Betrachtung des europäischphilosophisch gebildeten Rabbiners ״Re'igion und Erziehung“. Sie könnte auch heißen: ״Jüdische Erziehung“. Von unmittelbar aktuellem Werte ist das Problem, sobald der Weg zur Lösung gesucht und gezeigt wird. Eifriede Bergel-Gronemann zeigt ihn für die Gereiften, Ernst Simon für unsere Jugend. Und selbst die im Laufe der Erziehungsdebatte des letzten Delegiertentages geäußerte ״Gefahr“, daß Ernst Simon ״Schüler bekommen wird“, darf uns nicht davor zurückschrecken, diesen Aufsatz unseren Kindern zu geben bzw. ihn im Interesse ihrer fruchtbaren jüdischen Entwicklung selbst zu erarbeiten. Simons abseitige Stellung von den stärksten Strömungen des deutschen Zionismus darf uns nicht beirren: es ist die Tragik eines, der in rücksichtsloser Konsequenz gegen die ejgenen Gefährten seinen Weg gegangen ist. Die anschließenden ״Bemerkungen“ geben manches Einzelproblem, das eine wertvolle Ergänzung bietet. Wir kommen noch einmal zu unserem Ausgangspunkt zurück: Form und Thema dieses Sonderheftes des ״Juden“. Die Not ließ den ״Juden“ eingehen und diese Sonderhefte entstehen. Ist nicht aus dieser Not eine Tugend geworden? Wird nicht damit unserem kulturellen Fortschritt, von dem gesprochen wurde, Rechnung getragen? Sind wir nicht in unserem Palästinaaufbau schon soweit vorgeschritten, daß unser Denken sich nicht mehr in die vielen Ressorts der jiidisehen Tätigkeit und Beobachtung zersplittert? Ist nicht unser jüdisches Denken komplexer, perspektivisch weiter, analytisch tiefer? ‘ Dr. Kurt Wittkowski.