Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 70-71 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 510 JU EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 70/71 Blick und das Verständnis für Realitäten es ihm nicht erlaubten, den Weg der sozialen Experimente zu beschreiten. Er schrie nach Verinnerlichung des Lebens, nach der Ethisicrung der Industrie und des Verbrauches, aber wenn jemand ihm den Vorschlag machte, eine Propaganda für seine Ideen zu entfalten, so stellte sich bei ihm eine Art Angst, eine Unsicherheit ein, und er bat, davon Abstand zu nehmen. Seine Ideen — versicherte er bei solcher Gelegenheit — werden sich schon einen Weg bahnen, wenn sie Wertvolles enthalten. Er sehnte sich nach einem Propheten. ״Es wird“, bemerkte er in einem seiner Briefe, ״viel zu viel geheilt in der Welt und zu wenig Wunder getan und aufervveckt.“ An Karl Marx hat er auszusetzen, daß er nur Gelehrter aber nicht Prophet war. Dagegen mißfällt ihm beim Lesen von Gustav Landauers Büchern, daß er so viel schimpft, wenn auch, wie er bemerkt, aus einem vollen Herzen wie die kleineren Propheten Amos, 1 losea und wie sie heißen. Aber schimpften und fluchten denn nicht auch die großen Propheten? Kam es ihnen nicht vor allem auf den Triumph der Wahrheit und Gerechtigkeit an, wenn dadurch auch eine Unterbrechung, eine Pause in dem geregelten Gang der Wirtschaft und des sozialen Lebens eintreten sollte. Aber gerade vor dieser Unterbrechung, vor dieser Pause hatte Rathenau Angst. Vor seinen Augen standen immer die zwei Milliarden Menschen, die ernährt sein wollen, um deretwillen die Industrie immerfort produzieren muß. Die Sorge lim die Millionen Mitmenschen die durch vage soziale Experimente dem Hunger preisgegeben sein könnten, diese Sorge schrieb ihm die große Vorsicht vor. Um der Menschheit willen läßt er also die Fahne zusammenrollen und hinabsinken ״bis zu den Dingen des Alltags“. ״Das Emporheben der Fackel allein — lesen wir in dem Briefe an Hermann Hesse — erhellt nur den kleinsten Umkreis und erwärmt ihn nicht.“ Man zählt Rathenau zu den großen Utopisten und Sozialrcformern. Aber er war Utopist mit einer Scheu vor jedem ernsten sozialen Experiment. Ihm blieb /.war jenes Fiasko erspart, das sich ein John Ruskin, ein Robert Owen leisteten, dafür strömten aber auch nicht Scharen begeisterter Jünger zu ihm, wie es bei Ruskin der Fall war. Dem Argwohn, ja dem Haß vieler Kapitalstarken setzte sich Rathenau aus, den Beifall und den Zuspruch der anderen Seite aber eiwartete er vergebens. Er begegnete Mißtrauen, er hörte Vorwürfe wegen!Dilettantismus und Inkonsequenz. Wohl die interessantesten Briefe sind jene, in denen sich Rathenau vor den Nur-Geistigen, Nur-Schriftstellern quasi rechtfertigt. Sie sahen in ihm, als seine Schriften erschienen, den ihrigen und bemängelten den Widerspruch zwischen Wort und Tat. Daß Rathenau, trotz der Analyse, die er von dem sozialen Leben der Jetztzeit gegeben hat, so seelcnruhig zu den Aufsichtsratssitzungen gehen konnte, dal( er es unterlassen hat, in seinen eigenen Unternehmungen ein Exempel der ״neuen Wirtschaft“ zu statuieren, das nahmen ihm die Geistigen übel. Da ist z. B. unter seinen Korrespondenten ein Dr. P. A., der ihm ganz besonders arg zusetzt. Er greift die Doppelexistenz Rathenaus an, er versteht nicht den Widerspruch, der zwischen dem sozialen Apostel und dem überaus erfolgreichen Unternehmer herrscht. Er läßt nicht locker, dieser strenge Richter der Inkonsequenz, die Antworten Rathenaus an ihii sind leidenschaftlich; man spürt, wie weh ihm diese Angriffe tun, ״Daß neben dem Denken, um dessentwillen ich lebe, ich ^1« Htamdp*!rk.,beteibß«.—1״»i(i1t|die.;CM«ssd1Ifjferei, Spinozas, noch die Aemter Leibnizens, noch die Professuren der neudeutschen Denker, sondern das Hand- und Kopfwerk unserer Zeit, die Industrie —, das geschieht weder der Macht noch dem Geld zuliebe, sondern um das Leben und das Werkzeug der Erde zu erkennen und daran tüchtig zu werden.“ »Gleichviel, diese Doppelexistenz, die er führen mußte, machte ihm innerlich viel zu schaffen. Ueber diesen wunden Punkt mußte er den Geistigen Rede stehen, und vielleicht erklärt dieser Umstand jene — man möchte sagen — Verlegenheit und Befangenheit, sobald er mit Literaten, mit nur-geistigen Menschen Briefe wechselt. Der größte Teil der Schriftsteller, an die Rathenau schrieb, gehörte zu der Kategorie der Leute, die, wie Heine oft bemerkte, nur ״solange sie leben, unsterblich sind“. Wenn sie längst schon vergessen sein werden, wird man zu den Werken Rathenaus noch greifen. Und dennoch dieser Ton, als wäre er der jüngere Bruder, als wäre er ein Novize, der die Prüfung noch zu bestehen hat. Es ist doch nicht die Gunst, um die Rathenau bei den Schriftstellern werben konnte, es kann auch nicht die Selbstunterschätzung gewesen sein, nichts von alledem, sondern es ist das Bewußtsein, daß alle diese Menschen keine Dttppelexistenz, wie er, zu führen gezwungen sind. Somit war diese Beklommenheit, dieser lyrisch stille Ton vielleicht verborgener Neid des jüngeren Bruders, des ärmeren Bruders, ärmer an Harmonie. * Wir kommen zu jenen Briefen Rathenaus, in denen von seiner Stellung zum Judentum die Rede ist. Er hätte aus sieh selbst solche Briefe nicht geschrieben, denn für ihn war das Judentum kein Problem mehr. Er war stolz auf die großen Ahnen, er wußte, daß unfer der kleinen Zahl der Auserwählten, die die Welt während Jahrtausenden beeinflußt haben und noch beeinflussen, auch das jüdische Volk seine Gesandten hatte, sogar in viel größerer Zahl als andere Völker. Dieses!Bewußtsein genügte ihm; sonst aber fühlte er sich als Deutscher, hur als Deutscher. Mit einem Wort, was das!Judcnproblem anbetrifft, war er ein maßloser Utopist und verlor er den klaren Blick für Realitäten. Er meinte, daß ein Jahrhundert Emanzipation und Goethe-Verehrung schwerer wiegen als gemeinsame Geschichte und Schicksal von Jahrlausenden. Wie gesagt, aus eigenem Antrieb hätte er wahrscheinlich keine Briefe über jüdische Probleme geschrieben, aber er hatte einen Freund, Wilhelm Schwaner, der sich sehr viel mit Rassentheorie beschäftigte, dieser Schwaner drängte in Rathenau, betonte immerzu ״mein Volk“, ״dein Volk“, dieser Schwaner wollte nicht zugeben, daß Gemeinsamkeit des Bodens, der Sprache und Kultur ausreichend wären; er drängt, Rathenau antwortet, nimmt Stellung, leidenschaftlich verteidigt er sein Nur-Deutschtum. Wir wollen bei diesen Briefen nicht länger verweilen (es sei nur die Tatsache verzeichnet, daß im letzten Brief von seiner Absicht, einmal nach Palästina zu reisen, die Rede ist), es sind bekannte Ansichten und Gedankengänge. Wozu sie widerlegen, da doch Walter Rathenau in die jüdische Geschichte als Märtyrer einkehrte. Ach! Sie finden schließlich immer heim. Ob es der ehrgeizige Finanzmann und Hofjude des 17. Jahrhundert.-, Joseph Oppenheimer, ge- Bannt ״Jud Süß“, ist oder der edle Denker und um die Menschheit besorgte Walter Rathenau, immer kehren sie zurück. Sie wähnen sich entfernt und meinen, keine Stellung mehr nehmen zu müssen — die Welt aber mordet sie als Juden. Man hätte den verstümmelten, zerschossenen Körper Walter Rathenaus in einen Talles einwickeln sollen, wie es die Juden mit ihren Märtyrern immer getan haben. Gestalten ans der jüdischen Mystik Von Dr. S. A. Hör o d c 7. k y. 1. Chanoch •Mctatron. 1. Die Bibel entbehrt der üppigen religiösen Phantasie, die uns in den Literaturen anderer antiker Völker begegnet. Der monotheistische Gottesbegriff, obgleich noch in den Anfängen seiner Entwicklung, hemmte den freien Flug der schöpferischen religiösen Einbildungskraft, der die von Haus aus polytheistisch eingestellten Völker kennzeichnet. Nur an zwei Stellen der Bibel können wir das freie Walten der Phantasie beobachten. Chanoch und E I i j a h u , zwei Männer, die wie alle sterblichen Menschen auf dieser Erde gewandelt waren, wurden lebend in himmlische Regionen entrückt; in ihrer Leiblichkeit wurden sie ״hinweggenommen“ und in geistige Wesen verwandelt. ״Aus den Körpern Ehas und Cnanochs wurden himmlische Gestalten gebildet.“1) Ueber Chanoch, diese ,.Wundergestalt der Gotteserkenntnis (Ben Sira 44, 16) berichtet uns die Thora ganz kurz und schlicht: ,,Chanoch wandelte mit Gott und war nicht mehr da, denn Gott hatte ihn hinweggenommen (Geil. 5,24).“ In so knappen, schmucklosen Worten wird hier dieses wunderbare Geschehnis dargestellt. Allein die jüdische Legende weiß uns sowohl über Chanoch, den Menschen und geistigen Führer seines Zeitalters, als über Chanoch, den Engel, und seine himmlische Wirksamkeit gar merkwürdige und geheimnisreiche Dinge zu erzählen. Als das Menschengeschlecht gesündigt und sich Gottes Geboten widersetzt hatte, wuchs die Sünde riesengroß heran und breitete sich über den ganzen Erdkreis aus. Ja, die Sünde reckte sich selbst zum Himmel empor und umfaßte die himmlischen Heerscharen. Unter den Engeln selber gab es welche, die sich gegen die Gottheit auflehnten. ״Die Nephiljm waren in jenen Tagen auf Erden, und auch nachher: es kamen nämlich die Söhne des Himmels zu den Töchtern des Menschen, und diese gebaren ihnen. Das sind die Helden der Vorzeit, die berühmten Männer.“ (Gen. 64.) Zweihundert Engel mit ihrem Oberhaupt Seinjasa an der Spitze empörten sich wider Gott. Sie sahen die schönen und lieblichen Töchter der Menschenkinder und es gelüstete sie nach ihnen. Sie ließen sich auf den Gipfel des Berges Hormon herab, wählten sich Weiber unter den Menschentöchtern und verunreinigten sich an ihnen. Es wurden ihnen 3000 Ellen lange Riesen geboren, die den Erwerb der Menschen aufzehrten. Diese ״Nephilim“ stifteten Verderben aut Erden und verstrickten die Menschen in die abscheulichsten Laster, so daß die Erde sich mit Unreinheit und Gewalttat füllte3). Es war um jene Zeit, da faßte Chanoch den Vorsatz, sich von den Menschen abzusondern und sich vor ihnen zu verbergen. ״Er verabscheute den bösen Wandet der Menschen, fand Gefallen an der Zucht Gottes, an der Weisheit und Vernunft, und lernte die Wege des Herrn kennen.“ Chanoch fand Gunst in Gottes Augen, und er offenbarte ihm den Ort, wo das heilige Buch verborgen war, das der Engel Rasiel dem Adam überliefert hatte, ״darin waren hocherhabene Aufzeichnungen und hehre Weisheitslehren; zweiundsiebzig Grundregeln der Weisheit verzweigten sich von da zu sechshundertundsiebzig Schrifttafeln höchster Mysterien. In der Mitte des Buches befand sich eine Tafel, die fünfzehnhundert Schlüssel der Erkenntnis enthielt, welche selbst den hohen heiligen Wesen vorenthalten blieben. All dies lag in jenem Buche beschlossen.“ Chanoch nahm nun jenes Buch ״und blickte daraus zur Herrlichkeit des Allerhöchsten empor“. So wandelte Chanoch lange Zeit mit Gott, in tiefster Einsamkeit und den Blicken der Menschen entrückt. ״Und es geschah nach Ablauf vieler Tage und Jahre, als Chanoch dem Dienste Gottes oblag und sein Gebet verrichtete im innersten Gemache. Da rief ihm ein Enge! Gottes aus dem Himmel, und er antwortete: Hier bin ich. Der Engel sprach zu ihm: Auf, verlasse dein Haus und deinen Wohnort, wo du dich verborgen hältst, und gehe zu allen Menschen, um sie den Weg zu lehren, den sie beschreiten und die Taten, die sie üben sollen, um in Gottes Pfaden zu wandeln. Chanoch erhob sich und verließ sein Haus und seinen Wohnort nach Gottes Geheiß. Er begab sich zu den Menschenkindern und lehrte sie den Weg Gotte. An die Sünder und Gottlosen aber wandte er sich und ermahnte sie in ernster Strafrede: Beobachtet, wie alle Werke am Himmel ihre Bahnen nicht ändern, und wie die Lichter am Himmel alle auf- und untergehen ein jedes nach bestimmter Ordnung zu ihrer festgesetzten Zeit, und an ihren Festtagen erscheinen und ihre besondere Ordnung nicht übertreten! Betrachtet die Erde und beachtet die Werke, die von Anfang bis Ende* auf ihr geschehen, wie sich keines von ihnen auf Erden verändert, sondern alle Werke Gottes zum Vorschein kommen.... Beobachtet, wie sich die Bäume mit Blättergrün bedecken und jede Frucht von ihnen zu Ehr und Ruhm Gottes dient... Seht, wie das Meer und die Flüsse in gleicher Weise den Dienst verrichten und ihr Tun seine Worte nicht ändert. Ihr aber habt nicht ausgeharrt und das Gesetz des Herrn nicht erfüllt, sondern ihr seid abgefallen und habt durch hochmütige und trotzige Worte aus eurem unreinen Munde seine Majestät geschmäht.“ Darum wird Gott ein furchtbares Strafgericht über die Menscheil verhängen: ״Und siehe, er kommt mit Myriaden Heiliger, um über alle Gericht zu halten, und er wird alle Gottlosen vernichten und alles Fleisch zurechtweisen wegen all der gottlosen Werke, die die gottlosen Sünder begangen, und wegen all der heftigen Reden, die sie besprochen, und wegen all dessen, was sie über ihn Uebles geredet haben.“ So redete Chanoch und wies die Menschen zurecht. ״Und er ließ an allen Wohnstätten der Menschen verkünden: Wer die Wege Gottes und die gottgefälligen Werke kennenlernen will, der komme zu Chanoch. Und es scharten sich um ihn alle Menschen in jener Zeit, und wer am Guten Gefallen fand, der begab sich zu ihm. So regierte denn Chanoch über alle Menschen nach Gottes Wort. Sie kamen und verneigten sich vor ihm und hörten allesamt seine Worte an.“ Also tat Chanoch alle die Zeit her. Eines Tages, als sämtliche Könige und Fürsten und unzähliges Volk bei Chanoch versammelt waren und dieser sie in Gottes Wegen unterwies, da rief ein Engel Gottes dem Chanoch vom Himmel zu und verkündete ihm, daß er emporgehoben werden sollte, aut daß er über die Söhne des Himmels in der Höhe gebiete, wie er bis dahin über die Menschenkinder aut Erden geherrscht hatte. Als Chanoch diese Worte vernahm, ging er hin, berief alle Erdenbewohner zu sich und lehrte sie Weisheit und Gottesfurcht. Er sprach zu ihnen: Ein Ruf ist an mich ergangen, zum Himmel emporzusteigen, ich kenne den Tag meines Scheidens nicht, so laßt mich denn euch Weisheit und Gottesfurcht lehren. Es ') Jalkut Reubeni 27. s) Henoch, Kap. 6 und 7. war mm um jene Zeit, als die Menschen gerade bei Chanoch saßen und er sie belehrte, da erhoben sic ihre Augen und erblickten die Gestalt eines mächtigen Rosses, das im Sturme zur Erde niederfuhr. Sie berichteten Chanoch, was sie gcsehen hatten, er aber sprach zu ihnen: Um meinetwillen steigt das Roß zur Erde nieder. Fürwahr, der Tag ist gekommen, da ich von euch scheiden und euch nicht mehr Wiedersehen soll. Darauf Heß sich das Roß herab, stellte sich vor Chanoch hin, und alle Menschen, die bei Chanoch waren, sahen es. Chanoc h aber schwang sich aut das Roß und ritt davon. Es folgten ihm alle Menschen nach, etwa achthunderttausend Mann. Es geschah nun am siebenten Tage, da stieg Chanoch auf feurigen Rossen und feurigem Wagen zum Himmel empor5). 2. Chanoch, der Staubgeborene, Sterbliche, gelangte lebend in den Himmel. ״Der Heilige, gelobt sei er, nahm Chanoch von der Erde hinweg, hob ihn in Himmclshölien empor und iibergab ihm alle verborgenen Schätze der himmlischen Welt und 45 Schlüssel der geheimen Schrifttafcln, deren sich die Engel bedienen — sic alle wurden ihm aiisgehändigt.“ ״Er ward in den Himmel entrückt durch Gottes Wort, und Gott nannte ihn Mctatron, den hohen Schreibe r.“ So wurde er ״der Auserlesenste unter allen Himmlischen“, ״größer als alle Fürsten, höher als alle Engel, geliebter als alle Diener des Herrn, angesehener als alle Heerscharen“1). Chanoch, der irdische Mensch, war nicht mehr da, denn er war in einen Engel verwandelt worden; auch ein neuer Name wurde ihm nun verliehen: Metatron. Für seinen früheren Namen, der ihm von irdischen Wesen, seinen Eltern, beigelegt worden war, gab cs keine Stätte unter den himmlischen Scharen. Gott verlieh ihm weitere 70 Namen, die ״alle auf den König aller Könige hindeuten“. Unter allen diesen Namen war es jedoch der Name Naar (Knabe), mit dem er in Gottes und der Engel Munde benannt wurde, denn er war der Jüngste unter den himmlischen Wesen, ״der Kleinste in ihrer Afitte und ein Knabe in ihren Reihen an Jahren und Tagen“5). Die jüdische Legende berichtet uns im einzelnen aus Metatrons Munde selber — in den Gesprächen, die. er mit dem Hohenpriester R. Ismael pflog, als dieser ״emporstieg, um die Merkeba (den göttlichen Thronwagcn) zu schauen“ — über die erste Begegnung der Engel mit Mctatron nach seiner Himmelfahrt und über alles, was ihm hierbei widerfuhr. Denn es ereignet sich ja nicht alle Tage, daß ein Staubgeborencr in einen Engel verwandelt wird. Allerdings standen die Engel schon früher in vertrautem Verkehr mit Adam, bevor dieser der Sünde anheimgefallcn war. ״Der erste Mensch speiste im Garten Eden, und die Engel standen ihm gegenüber, brieten ihm Jrieisch und kühlten ihm Wein“, ja die Erzengel Michael und Gabriel selber waren seine Brautführer, als er sich mit Eva vermählte. Allein all dies hatte sich vor dem Sündenfall ereignet; auch war Adam nicht von einem Weib geboren, sondern von Gottes Hand gebildet. Ferner war er bloß um vier Tage jünger als die Engel, denn diese wurden am zweiten Schöpfungstage erschaffen. Anfangs ״gingen die himmlischen Wesen beim Anblick Adams in die Irre und wollten das Kadosch (״Heilig, heilig, heilig ist der Herr“) vor ihm ausrufen. Als jedoch Adam gesündigt hatte, verabscheuten ihn die Engel und hielten sich fern von ihm. Mit einemmal war nun wieder einer der Erdensöhne in ihrer Mitte aufgetaueht, ja er war ihnen gleich geworden. Großes Getöse entstand in den Reihen der heiligen Chajoth, der Ophanim, der Seraphim, der Cherubim und all der flammenden Diener des Höchsten, die den Hauch des Menschensohnes in einer Entfernung von fuofundsechzigfausend und dreihundert Meilen wahrnahmen und erschreckt amriefen: Was ist der Hauch des Staub* geborenen, und was gitt der im Mutterschoß Empfangene, daß er in die himmlische Höhe emporsteigen durfte und in den Reihen der flammenden Geister Dienst verrichten will? Doch es entgegnete ihnen der Heilige, gelobt sei er: Meine Heerscharen, ihr meine Cherubim, Ophanim und Seraphim, laßt euch dies nicht verdrießen. Alle Menschenkinder habe! mich und mein Reich verleugnet und Götzenbildern gehuldigt. Ich mußte meine Glorie aus ihrer Mitte entfernen 1111׳' mich in unsichtbare Höhen zurückziehen. Aber dieser, den ich aus ihrem Kreise fortgenommen habe, ist der erlesenst unter ihnen, und er wiegt sie alle auf an Treue, Gercchtigkeit und Tugend. ״Da beruhigten sich die himmlischen Wesen, und sie erhoben sich allesamt, verneigten sich vor Metatron und sprachen zu ihm: Heil dir und Heil deinen Eltern, an denen dein Schöpfer Wohlgefallen gefunden 11at.“s) Wie konnte sich jedoch ein menschliches Wesen in einen Engel Gottes verwandeln? Und welches war die Be- Stimmung und das Amt, zu dem dieser neue Engel auscrsehen war? Hierüber berichtet Metatron dem Hohenpriester R. Ismael in aller Ausführlichkeit: Gott hatte dem Erzengel Michael befohlen, Chanoch seiner Gewänder zu entledigen und seinen Leib mit heiligem Oel zu salben. ״Allsogleich verwandelte sich mein Leib in eine Feuerflamme, meine Sehnen in lodernde Glut, meine Knochen in sprühende Kohlen, der Glanz meiner Wimpern in das Strahlen des Firmaments, ineine Augäpfel in leuchtende Fackeln, mein Haupthaar ft! zuckende Blitze, alle meine Glieder in flackernde Flammenzungen, meine ganze Gestalt in eine lohende Feuergarbe, zu meiner Rechten züngelten mächtige Feuerbrände, zu meiner Linken zischten Raketen empor, rings um mich rasten Stürme, vor mir und hinter mir erscholl gewaltiges Brausen.“ ״Er hüllt mich in rin Gewand der Hoheit, woran Leuchtkörper aller Art angebracht waren, fertigte mir eine Königskrone an, geschmückt mit neunundvierzig Edelsteinen, die wie das Sonnenlicht funkelten, dessen Glanz alle Himmelsräume und die vier Weltgegenden durchdringt, setzte mir diese Krone aufs Haupt und nannte mich den kleinen Träger seines Namens vor den versammelten himmlischeit Scharen... Mit einem Flammengriffel in seinen Fingern schrieb er an die Krone die Schriftzeichen, womit einst Himmel und Erde erschaffen worden waren, andere Zeichen, die zur Erschaffung der Meere und Ströme gedient hatten, Buchstaben, womit Berge und Hügel, Sterne und Sternbilder, Blitze und Donner, Schneestürme, Hagelschlag und Wirbelwinde ins Dasein gerufen, womit die Himmelsbahnen und sämtliche Geheimnisse der Schöpfung hervorgebracht worden waren, und jeder einzelne Buchstabe strahlte hell ins Angesicht, wie das Licht der Sonne, des Mondes und der Sterne. Als mir der Heilige, gelobt ,sei er, diese Krone aufsetzte, erbebten alle Himmelsfürsten in den Höhen vor mir, die Heerscharen aller Himmelsgewölbe, ja selbst die Oberhäupter der Erelim, die vor dem göttlichen Thron Dienst tun, fuhren bei meinem Anblick scheu zurück. Sogar der Bösewicht Satnael, das Haupt aller Ankläger, wurde von Angst ergriffen, und der Engel des Feuers, der Engel des Hagels und des Regens, der Genius des Tages und der Fürst der Nacht, die Geister aller 3) Henoch 19, 21—22, 513 514־; O/ar Midraschim, Artikel Chanoch, S. 182—183; Sohar 1, 55; Rasiel Hamal’ach, Anfang und Schluß. *) Sohar 1, 56; Targuin Jonathan zu Geil. 5, 24; Ozar Midraschim, Artikel Chanoch, S. 184; ibid., Artikel Metatron, S. 285. 6) ibid., S. 286. 6) Aboth di R. Nathan 1; Bereschith Rabba 8; Ozar Midraschim 286,