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Jüdische Rundschau · 1926-09-08 · Heft 70-71 (8.9.1926) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 70-71 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr.1ד/0ד JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 509 Literatur-Blatt Chaim Grawitzer*) (Die Geschichte von dem Gefallenen.) Von Fischei Schneersohn. — --Und noch eine andere Geschichte weiß man von dem Gefallenen: Zur ersten Jahrzeit nach Chaim Grawitzers Tod stürzten die Chassidim, ohne jegliche vorherige Verabredung, zum Rebben von Lubawitsch. Es kamen soviel Gäste, daß man den großen Saal öffnen mußte, der doch sonst eigentlich nur zu den ״jomim neuroim“ benutzt wird, zu den ״furchtbaren Tagen“, wenn nach Lubawitsch Durstige und Verschmachtete von allen Enden der Welt kommen. Der dichte, vollgedrängte Saal sah ungewöhnlich feierlich aus. Um so auffallender aber war es, daß man gar nicht davon sprach, warum man nach Lubawitsch gekommen war — man erwähnte sogar nicht einmal den Namen des Verstorbenen, lieber allen lag ein Druck von etwas Unausgesprochenem. Es war, als ob der Flügelschlag eines unruhvollen Geheimnisses die Atmosphäre durchzitterte. Schon im frühesten Morgengrauen begann im großen Saal das Leben zu sieden und zu kochen. Und wie zu den Feiertagen betete man nicht vereinzelt In Gruppen, sondern tat sich zum gemeinsamen Morgengebet zusammen. Da aber geschah etwas ganz Unerwartetes: gerade als man zu beten angefangen hatte, trat plötzlich der Rebbe ln den großen Saal. Aber nicht nur das: der Rebbe schritt etwa nicht in sein ״Stübl“ dessen Tür zum Betsaal nur bis auf einen schmalen Spalt geschlossen bleibt. Nein, wie an den ״furchtbaren Tagen“ betete er zwischen allen anderen an der Ostwand des Betsaales, wohin man sofort einen besonderen Stuhl gestellt hatte. Die unerwartete und ungewöhnliche Anwesenheit des Rebben rief die äußerste Erregung hervor, die sich zu einer unterdrückten Extase steigerte. Keiner fragte jetzt mehr danach, was eigentlich nach dem Beten werden solje. Keiner kümmerte sich mehr darum, ob man den chassidischen Gedlchtnistrunk, den ״tickun“, auf den Dahingeschiedenen trinken werde; keiner dachte mehr daran, ob das unerträgliche Schweigen endgültig gebrochen würde. Nach dem Beten richteten sich alle Augen auf den Winkel des Rebben. Dieser hatte die Tefiliim abgelegt und stand nun im Gebetmantel da, das Gesicht dem Volke zu gekehrt. Nun glühte auf seinem Antlitz jenes schmerzvollselige Lächeln, das immer vor dem ״Sagen“ erschien. Ein Schauer — ein leidenschaftliches Entzücken durchbebte all die Tausende im großen Saal, und jeden Einzelnen zog es mit Gewalt zum Winkel des Rebben. Es war, als ob sich unerwartet ein frischer Quell vor den zu Tode Verschmachteten geöffnet hätte. Die Welt ist vergessen -- alles ist vergessen —, mit allen Kräften drängt man sich zum Winkel des Rebben. Man hat sich gehörig gedrängt und gestoßen, man ist auf Stühle und Bänke gebrochen, über Köpfe und Schulter gestiegen. Diejenigen, die dicht um den Rebben stehen, müssen ihre Schultern wie eiserne Säulen den ungeheuren Sturzwellen entgegenstemmen, die sie von ähren Plätzen wegzuschwemmen drohen. Aber trotz des fürchterliehen Gedränges machte man dem Rebben sofort einen Weg ZU dem inmitten des Saales §t£hende« Almcmor frei. Wie aus *fanä' auch sogleich rin Stuhl da, äut den sich der Rebbe langsam setzte. Und dicht gedrängt —■ Kopf an Kopf — Schulter an Schulter — stellte mau sich um den Altnanor, die Köpfe weit hervorgestreckt — die Münder verschmachtet geöffnet. Man hielt den Atem an - Todesstille trat ein. Der Rebbe hatte lange die Augen geschlossen gehalten und sich hin und her gewiegt. Er atmete schwer, zeitweise stockte sogar sein Atem. Sein Antlitz zeigte die Spuren tiefer Leiden. Man sah, wie er mit seiner überwältigenden Extase rang. Aber nun hatte er sich bezwungen und seltsame Ruhe durchleuchtete sein Antlitz. Sachte legte er die Hände auf seine Kniee und fing an zu ״sagen“. Laut, klar und deutlich sprach er, wieder übersetzte und wiederholte er jedes Wort, aber nicht demütig still, sondern in heiliger Extase aufflammend, so daß manchmal der ganze Saal bebte. Diese Rede, die fast zwei Stunden dauerte, haben sich die Chassidim noch am selben Tage unzählige Male wiederholt. Viele ״anachoth“ (Fassungen) wurden dargeiegt und unzählige Abschriften gemacht. In kurzer Zeit war die Rede ln unzähligen Städten und Städtchen verbreitet, die sie wie verzückt lasen und unzählige Male wiederholten. Dieser ungeheure bedeutungsvolle Vortrag allein zeigte, wie ungeheuer die Erschütterung war, die der ״Gefallene“ in der ganzen ״chabadischen“ Welt hervorgerufen hatte. ״Schewa ipol zadik wekam“ begann der Rebbe und übersetzte gleich Jedes Wort dieses Bibeltextes: ״siebenmal fällt der Gerechte und erhebt sich wieder“, so sagt die Heilige Schrift. Wie ist das zu verstehen? Was ist der Sinn von ״siebenmal“ und was ist überhaupt der Sinn vom Fallen eines Gerechten? Der Sinn ist: Nur ein Gerechter kann sich erheben und nur er kann fallen. Wir sehen es hier auch auf unserer Erde. Wenn man am Boden liegt, kann man überhaupt nicht fallen, und je höher man sich von der Erde erhebt, desto tiefer ist der Fall. Jeder Aufschwung einer Seele trägt schon die Möglichkeit eines Fallens in sich, aber in jedem Fallen ist auch die geheime Verheißung der kommenden Erhebung. Denn Fallen und sich Erheben — das ist das Wesen eines wahrhaften Gottesdienstes. Das ist das Umherirren einer Seele, die sich immer höher und höher emporschwingt Und so hat auch Ezechiel, als ihm der heilige Gotteswagen offenbart ward, die umherirrenden himmlischen Geschöpfe gesehen. — Je höher der Aufschwung, desto tiefer der Fall. Wenn man sich in die höchsten Himmel erhebt, so kann man auch in die tiefsten Abgründe sinken. Und so sagen die Weisen: ״Je größer der Mensch, desto mächtiger die Gewalt seiner Leidenschaften.“ Wie ungeheuer ist der Aufschwung eines Propheten! Wird doch von Elias erzählt, daß er lebendig ln den Himmel emporgehoben wurde. Fürwahr — ein Prophet kann lebend in den Himmel emporsteigen. Das ist eine Offenbarung Gottes, die über allen Welfen steht — über jedem Unterschied von Tod und Leben. Das ist die Stufe von ״naschke schmaja weaara“, die Stufe, wo Himmel und Erde in innigem Kusse vergehen. Deshalb ist auch die Gewalt, mit der ein Prophet fällt, so ungeheuer — Gott schütze uns Der einfache Mensch glaubt mit kindlichem Herzen an die Heilige Thora und befolgt mit grenzenloser Hingabe Gottes Willen. Kann es denn aber überhaupt einen Menschen auf der Welt geben, und wäre es der allerniederste, der Gottes heilige Stimme vernommen hätte und doch nicht davon erschüttert wäre? Nur lona, der Prophet hat die Sendung des Höchsten nicht erfüllt: Vor Gottes Berufung Ist er entflohen — man wirft ihn ins Meer, und er sinkt in den tiefsten Abgrund des Fallens. Doch schon bald ist sein *) Aus dem Buche ״Chaim Grawitzer“ (jiddisch), 1926, Berlin, Jalkut-Buchhandlung. Fallen von dem strahlenden Aufschwung eines Propheten erfüllt. Denn eine Seele wird nicht nur an der Höhe ihres Aufschwungs erkannt, sondern auch an der Tiefe ihres Fallens. Nur Seelen von Bösewichtern haben nicht das ״razo-waschuu“, das sind wirklicli ״Tote Seelen“. Denn mit der Abwendung vom Leben fängt die steinerne Ruhe des Todes an, und deswegen nennen die Weisen die Bösewichter schon bei Lebzelten: Tote. —• Das Leben der Bösewichter ist gleich dem Tode. — Aber um noch tiefer in den Sinn einzudringen: Tatsächlich ist doch das Fallen der Grund und der Ursprung der Weltenschöpfung, denn die ganze Erschaffung der Welt ist doch das erste und tiefste Fallen. Das Herablassen Gottes in die Welt, der Seele in den Körper — ja, kann es denn noch ein tieferes Fallen geben — ein niederes Sinken! Das Wesen des unendlichen Lichts ist zusammengeschrumpft, ״zimzem — azmuto“. Aber eben dieses Fallen trägt die leuchtende Verkündigung der großen Erhebung in sich. — Das ist doch die ganze Absicht der Weitenschöpfung, sinken, um höher emporzusteigen. Denn Körper und Welt leben doch in Ihm — gesegnet sei Er —- und von Ihm! Darin besteht ja das große Wunder der Schöpfung, denn in Wirklichkeit ist alles und überall Er, und nur Er. Und doch leben Welten gleichsam für sich, als hätten sie sich von Gott getrennt. — Eine Absonderung von Gott und Welt — von Schöpfer und Schöpfung. Aber der Untergang der Sonne in einem Ende der Weit bedeutet ihren Aufgang in der anderen und die Beschränkung, das Herablassen der Gottheit bei der ersten Weltschöpfung enthält den leuchtenden Aufsclnvung weiterer Weltenschöpfungen, die dem Menschen selbst gegeben sind. Jeder Mensch kann und soll das Sein aus der Abgesondertheit aller abgesplitterten Welten erlösen und mit ihnen zusammen in Gott aufgehen, denn in Wahrheit geht doch alles in Ihm auf und ist in Ihm enthalten Je länger der Rebbe gesprochen hatte, desto inbrünstiger schwang er sich empor, desto ungewöhnlicher wurde sein Reden. — Noch nie hatte man ihn so gehört. ״.... und deswegen, fuhr er fort, haben die Gerechten Teil an der Weltenscnöpfung — sie sind gleich dem Schöpfer. Aber wehe über das Zeitalter., in dem der Gerechte der Einzige seiner Generation ist. Denn die Möglichkeit, ein ״Zaddik“ rin Gerechter zu sein, ist jedem Menschen gegeben. ״Jedermann“, so steht es geschrieben, ״kann sein wie Mose“. Möge er nur die Quelle seiner Seele erlauschen, die doch ein Teil der Gottheit ist —- wahrhaft ein Teil Gottes. — So kann der niederste Mensch in einem Augenblick zum Herrscher von Welten werden. Die armseligen ״Wäscher von Lud“ haben in einem Augenblick der Hingebung alle Welten erobert, so daß sre schon jetzt keiner mehr in ihrer hejligen Höhe erreichen kann. Q Mensch, wer Du auch sein mögest, Tod und Leben gebe ich in Deine Hand, so spricht der Ewige. Wähle das Lebeu und Du hast den Thron der Herrlichkeit erreicht, bist Schöpfer und Herrscher von Welten, ohne Maß und Zahl — Ohne Maß und Zahl — Ueber Maß und Zahl! Der Zaddik befiehlt und Gott erfüllt. Auf dem Berge Sinai, als die Thora gegeben wurde, da hat jeder, wahrhaft jeder, zwei Kronen erhalten. Denn jeder Mensch, der die Thora besitzt, ist schon auf dem Wege des wirklichen Lebens. Der Mensch selbst erhebt die Welten und schafft sie aufs neue in sdhem Atiftritwüpf- Dim» feuchtet die Krone der Schöpfung von!einem Haupte, und jede errungene Stufe bringt ihm die strahlende Krone der Ewigkeit. In der Kabbala heißt es, daß... .“ Es würde zuweit gehen, wollte man den ganzen Vortrag wiedergeben, nur noch eine Stelle sei nacherzählt: ״.... Und kommt es doch einmal vor, daß ein Großer seinen Fall nicht überlebt, so wird zwar der kommende Aufschwung in ihm schon geahnt, aber noch nicht erreicht, und er stirbt als ein Gefallener. Die Menschen haben mit ihm Mitleid: ״Der Gefallene“. Oh, Blindei Sie sehen nicht den einheitlichen Strom lebendigen Lebens, der durch die Geschlechterreihen zieht, denn der Fall des einen Geschlechts ist doch die strahlende Verheißung von des kommenden Geschlechtes Aufstieg. Das ״Geschlecht der Wüste“ ist unter Gottes Zorn aus gestorben, aber es hat der Erhebung der nächsten Generation den Weg gebahnt. Ist denn aber wirklich das ״Geschlecht der wüste“ ausgestorben? Blinde! Sie ahnen nicht die große Fülle des Lebens, ln der Heiligen Schrift ist ״Chaim“ — Leben — bloß in der Mehrzahl ausgedrückt, denn jedes Leben ist doch unendlich vielgestaltig und zahllos in seinen Erscheinungsformen. Der Tod der einen Form jst doch nur der strahlende Aufschwung der höheren Form...“ Als der Rebbe geendet hatte, standen alle mit weit aufgerissenen Mündern unbeweglich da — wie versteinert. Und jeder Einzelne hatte im Innersten seiner Seele ein Gefühl, als ob sich ein wildes Geschrei, eine flammende Extase aus seinem Herzen losreißen wollte. Der Rebbe hatte eine silberne Münze herausgenommen, legte sie auf den Tisch nieder und sagte: ״Nun habt Ihr das Erste zum ״tickun“. Trinkt, seid fröhlich ohne Ende. So hat mein Großvater — gesegnet sei sein heiliges Andenken — gesagt: Freut Euch, Kinder, seid fröhlich, Ihr Juden. Jagt nicht nach den Himmeln und habt keine Angst vor Abgründen. Wenn Ihr nur wollt, so werden alle Himmel vor Euch knien. Der tiefste Abgrund des Fallens ist schon zu der schwindelnden Höhe der höchsten Erhebung erhöht worden, und die furchtbarste, schwärzeste Sünde wird die Seele der heiligsten Hingebung werden. Alle Welten haben sich durch Deine Tränen erhoben, Chaim Grawitzer, und der Schmerz Deines Fallens ist nicht umsonst gewesen. In der Knechtschaft bist Du schon ausgelöst, und in Deinem Fallen bist Du schon erhöht. Juden, alle Tore haben sich geöffnet — trinkt und freut Euch ohne Maß....“ Mit diesen Worten stand der Rebbe aut und schritt davon. Die bewegungslose Menge schaute ihm brennenden Auges mit andächtigem, hingebungsvollem Entzücken still nach. Als sich aber die Tür hinter ihm geschlossen hatte, da durchzitterte ein gewaltiger, unbezähmbarer Jubel den Siaal. Wie ein langaufgehaltener Sturm riß sich der Chaim-(ir,!w;!/er Nigen aus der Brust von Tausenden los. Der feurige Nigen zündete alle Ecken an, und der große Saal jglühte wie in Flammen. Seine Wellen stiegen "immer mächtiger empor, sie überfluteten, hoben und drehten alles in einem Wirbelwind ungeheurer, glühender Freude. Und doch zerrissen die Herzen nicht. Gewaltig, fast unheimlich wuchsen die Herzen und glühten zusammen mit dem Jubel. Es war, als ob sich uralte Extasen von ihren Ketten losgevissen hätten, Extasen, die keinen Anfang ,und kein Ende haben. Wie in einem ewigen Rausch umfaßten sich die Menschen und tanzten in eng versehlungenen Reihen um den Tisch. Andere verflochten sich mit den Händen und ließen in vollkommener Verzückung alles mit sich geschehen. Gebettänze tanzten sie, verzückte extatische Gebettänze. Schon rissen sich einige am den Reihen los, und wie ein Wirbelwind trug es sie hinauf auf den Tisch. Und mit zurückgeworfenen Köpfen, geschlossenen Augen, erhobenen Händen tanzten sie sich fast die Seele aus dem Leib. (Aus dem Jiddischen von Martha Nothmann.) Die Briefe Waller Rathenaus Von Sch. Oorel ik. Die in zwei Bänden gesammelten Briefe Walter Rathenaus erschließen uns einen überaus einsamen Mensehen. Er klagt nicht so laut über diese Einsamkeit wie es Dichter und Künstler von altersher zu tun pflegen. Der Großindustrielle, der kühle, strenge Denker ließ besondere Gefühlsausbrüclie nicht zu. Und doch klagt er oft in Worten die zu Herzen gehen. Die allzu Neugierigen erwarten noch weitere Publikationen aus dem Nachlasse Rathenaus in der Hoffnung, noch tieferen Einblick in das Seelenleben dieses außerordentlichen Menschen zu tun. Jene Neugierigen vermissen in den Briefen Rathenaus besonders die Hinweise auf das ״Ewig Weibliche“, und sie können sich schwer mit dem Gedanken befreunden, daß man cs hier vielleicht mit einem Leben zu tun hat, das ohne Stürme und Leidenschaften in diesem Punkte verlaufen ist. Der Beruf und die schwere Arbeit des Denkens haben ihn verzehrt, und wenig, eigentlich nichts ließen sie für die Annehmlichkeiten und Zerstreuungen der Seele und des Herzens übrig, für all das, was Menschen in diesem kurzen Erdenaufenthalt mit Glück bezeichnen. Die Freunde Rathenaus aus der Geschäftswelt staunten über das Doppelleben, das er führte, sie staunten darüber, daß er es fertig brachte, an der Spitze von Dutzenden von Unternchmungen zu stehen und sich dabei noch intensiv der Schriftstellerei hinzugeben. ״Woher er denn noch Zeit nähme“, fragte ihn einst Ballin, ״Bücher zu machen“. Erst viel später, drei Jahre vor seinem tragischen Tode gibt er die tragische Antwort darauf. In einem Brief an Hermann Bahr schreibt Rathenau: ״Doch wenn man berechnet, daß die Doppelheit des Berufes, die ich nicht freiwillig auf mich genommen habe, mich ein Familienleben und die Erholung eines Menschenalters und die Hälfte meiner Nächte gekostet hat, so wird man die Sache erklärlich finden.“ Es hat noch viel mehr gekostet, worüber Rathenau sich ausschweigt, aber wir wissen und fühlen es beim Lesen seiner Briefe. Dieses Aufgehen im Dienst und im Denken hat ihn des Frühlings und Sommers seines Lebens beraubt, hat keine Blumen auf seinem Wege aufblühen lassen. Weich unfrohes Dasein, trotz der Macht und des Einflusses, die er hatte. Ob es das kleine Schloß Freienwalde oder die geschmack- und kunstvoll eingerichtete Villa im Grunevvald waren, wohin Rathenau nach seinem Dienst am Abend zurückkehrte, immer glich seine Arbeitsstube einer Mönchszelle, denn meistens warteten seiner nur Bücher. Verzicht leisten, sich ausgeben, ln Arbeit Trost und Befriedigung suchen, wird die herrschende Regel seines Lebens und gewinnt immer mehr Macht über ihn. Und wenn eine Hand sich ihm entgegenstreckt, wird er sie nicht mehr ergreifen können und wollen. Lore K., die für ihn ״da sein wollte“, antwortete er: ״Sie können nicht für mich da sein in dem Sitjne, wie die Menschen es verstehen. Ein Motor, wie ich einer bin, braucht nur wenig Oelung; die wird ihm von irgendeiner Hand gegeben. Er läuft seine Zeit, «»lange die Feuerkräfte reichen, die ihn erneuern ״ Flucht vor dem, was man Glück nennt, Flucht vor dem Leben in den Dienst für die Gesamtheit. Als einzige Erholung das Denken und als Trost das Bewußtsein, daß das, was er der Gesellschaft zu sagen hatte, von ihm gesagt worden ist. Was soll er mit einer dargereichten Hand anfangen? Ohne besondere Resignation bemerkt er, daß er immer älter und grauer wird. Vielleicht spürte er heimlich eine gewisse Genugtuung dabei; man erlangt die letzte große Freiheit. Ein Brief vom Jahre 1918 an seinen Freund Wilhelm Schwaner schließt mit folgenden Worten: ״Ich bin wie einer, der beim Packen ist . . . In jenem neutralen Lande, zu dem keine Eisenbahn führt, erwarten mich mein Vater und mein Bruder, sie begreifen nicht, warum ich verweile. Ich habe noch rin paar Rückstände zu erledigen, aber nichts, das mich selbst betrifft und trage keinem etwas nach. Für meine Gedanken ist gesorgt.“ Der so schreibt, gehört zu den großen Industriellen Deutschlands, ist Mitglied vieler Aufsichtsräte, ist einer von jenen Dreihundert, die, wie Rathenau einmal bemerkte, die Weltwirtschaft beherrschen und kontrollieren. Aber keiner aus dieser Gemeinde hätte vermutet, daß der unermüdliche Arbeiter auf dem Felde der Wirtschaft solchen Stimmungen ausgesetzt ist. Er ist ihnen schon Sonderling genug dadurch, daß er Bücher schreibt oder, wie sich Ballin ausdrückt, ״Bücher macht“. Rathenau bemerkte bei diesem Anlaß, daß diese Herren wahrscheinlich die Aerzte herbeigeholt hätten, um ihn auf seinen Gesundheitszustand zu prüfen, wenn er ihnen die Erklärung abgegeben hätte, daß das Bücherschreiben sein eigentliches Lebensziel ist und alles andere nur Spiel. * ״Für meine Gedanken ist gesorgt.“ Diesem Ausdruck begegnen wir einige Male In den Briefen Rathenaus. Hier äußerte er seine Zuversicht, daß seinem Werke der Weg zu der Menschheit offensteht. Fand Rathenau endlich in seinem geistigen Schaffen die hohe Befriedigung, die ihm sonst im Leben versagt blieb? Es will scheinen, daß gerade hier auf diesem Gebiete die Ursache seiner schweren Stimmungen, seiner Vereinsamung zu suchen ist, daß sich hier seine Tragik offenbarte. Nicht etwa, daß Rathenau irgendwelche Zweifel über den Wert seiner geistigen Leistungen hegte. Das Gegenteil ist der Fall. Rathenau kannte, fühlte den hohen Wert seiner Schriften und war sich ihrer großen Bedeutung bewußt. Er glaubte, für kommende Generationen geschrieben zu haben. Er schrieb sich ein großes Verdienst zu, Karl Marx und seine Theorie vom Mehrwert widerlegt zu haben. Er glaubte, der Menschheit einen Weg gezeigt zu haben, wie man die Tyrannei der Mechanisierung überwinden soll, wie die Versittlichung der Wirtschaft durchzuführen ist. Er gab eine umfassende und schonungslose Kritik der bestehenden Wirtschaftsordnung und entwarf ein Bild der neuen Gesellschaft, die das, was sie verwirklichen soll, zwar nicht Sozialismus nennen wird, aber dennoch die Aufhebung der Zweiscliichtigkeit, d. h. das Verschwinden des Proletariats zum Ziele hat. Rathenau war also über die Bedeutung seiner geistigen Leistungen im klaren. Aber ein Zwiespalt, ein Widerspruch nagte an seinem Innern und mußte die eigentliche Tragik seines Daseins hervorrufen. Sie bestand darin, daß einerseits seine edle Seele, sein soziales Gewissen die Alechanisierung unseres Zeitalters als die Ursache aller Uebel betrachtete, andererseits aber seine Erfahrung, sein nüchterner

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