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Jüdische Rundschau · 1926-09-08 · Heft 70-71 (8.9.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 70-71 (8.9.1926)
Date
1926-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 70 71 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 507 Die nächsten׳ Aufgaben Von den Erscheinungen im verflossenen Jahre verdienen am Jahresende vier in Erinnerung gebracht zu werden, von denen zwei erfreulich, zwei unbefriedigend waren. Zweifellos ist seit dem letzten Kongreß in Wien eine wesentliche Stärkung der Zionistischen Organisation erfolgt, und der Zusammenhang zwischen zionistischcm Zentrum und zionistischer Peripherie hat sicli inniger gestaltet. Die letzte A.-C.■-Sitzung i!1 London war ein i 111• fälliger Ausdruck dieser Wandlung:, Die Crundlinic der 7 i o n i s t i s c 11 e 11 Politik hat sich im verflossenen Jahr als den tatsäc 11liehen Gegebenheiten entsprehend erwiesen. Nur die auf Vertrauen gegründete Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht gibt und kann uns auch in der Zukunft die Möglichkeit geben, in leidenschaftsloser Beharrlichkeit Stein zu Stein unseres Aufbauwerkes zu fügen. Die Verhandlungen vor der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes haben klar gezeigt, daß der entscheidende Machtfaktor in Palästina England ist. Mit dieser Tatsache hat unsere politische Leitung immer gerechnet und diese Tatsache bestellt unverrückbar. Im einzelnen kann man über gelegentliche Aktionen bei Palastina-Regierung, Colonial Office und bei anderen Faktoren verschiedener Meinung sein — die Grundlinie der Politik wird dadurch nicht berührt. Ln abgclaufenen Jahr ist leider der von uns mit großer Besorgnis vorausgesehene Rückschlag der vierten Alijah eingetreten und hat in seinem Gefolge eine Krise gezeugt, unter der das arbeitende, kämpfende, sorgende Erez Israel schwer leidet. Die von manchem Zionisten insbesondere in Polen gcpredigte Methode des ״laisscr faire Iaisscr aller“ hat sich als unpraktikabel erwiesen. Schließlich sind die Eingänge des Keren Hajcssod im abgclaufenen Jahre nicht in der Höhe aufgebracht worden, wie man auf dem Kongreß in Wien präliminiert hat. Dadurch konnte vieles, was für das abgelaufene Jahr geplant war, nicht zur Durchführung gelangen. Diese Feststellungen waren nötig, um in knappen Worten zu sagen, was im nächsten Jahre unsere Aufgabe ist. Gestützt auf die gefestigte Organisation,, bemüht das vortrauensvollc Verhältnis zwischen Mandatarmacht und Zioiüstischer Organisation zu bewahren und auszubaueit, müssen wir im Jahre 5987 die Zionisten und die gesamte Judenheit in der Oialuth zu größeren Leistungen für den Palästinaaufbau bcwegen. Eine Erhöhung der Eingänge für Keren Hajessod und Keren Kajemcth ist die Voraussetzung für den weiteren Aus- und Aufbau in Palästina. Die Stärkung der zionistischen Palästina-Exekutive, die Zusammenfassung und Koordinierung aller den Aufbau leitenden und bcwirkenden Faktoren im Lande wird leichter fallen, wenn man nicht sozusagen von der Hand in den Mund lebt. Eine Entlastung auf dem Gebiete der Finanzierung des schon Vorhandenen wird Kräfte freimachen für das Studium und die Durchführung־ von Aufbauarbeiten großen Stiles, die durch Anleihen zu bewerkstelligen sind. Daneben, die Erfahrungen der vierteil Alijah haben dieses Postulat erhärtet, muß die Erziehung von Personen, die menschlich und zionistisch dem schweren Werk des Aufbaues gewachsen sind, mit verdoppeltcm Eifer und noch größerer Gewissenhaftigkeit als bisher im Auge behalten werden. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat auf dem letzten Delegiertentag ihren einmütigen Willen kundgetan, sich in den Dienst der bezcichneten Aufgaben zu stellen. Für ihre Tätigkeit werden nach wie vor in erster Linie die Notwendigkeiten und Bedürfnisse des Palästinaaufbaus maßgebend sein. Die Annahme maneher zionistischen Gegner in Deutschland, daß der Delegierten- ס" hauptsächlich eine Kampfansage gegenüber den Assimilatii nsjuden in Deutschland bedeutet habe, ist unzutreffend. Wir scheuen den Kampf gegen unsere Gegner nicht und werden ilnn, wenn er nötig ist, nicht aus dem Wege gehen. Niemals jedoch stand er im Mittelpunkte unserer Arbeiten, und auch im kommenden Jahre wird die Z. V. f. D. fleißiger die Kelle als das Schwert schwingen. M. W. Warschau, 1. September. (J. T, A.) 250 jüdische 1 migranten aus Polen haben sich gestern über Konstanza nach Palästina begeben. Rückblick aal die Misrachi -Weltkonferenz Uns wird geschrieben: Lieber die W e! t k o n f e r e n z des M! s r a c 11 i in Aufwerpen haben wir bereits eine sachliche Schilderung gcgehen. Es entspricht aber der Bedeutung des Tages, noch einen kurzen Rückblick zu geben. Bemerkenswert war zunächst die überaus rege Anteilnahme weitester Kreise an der Tagung. Es waren etwa 100 Delegierte aus allen Ländern, in denen Misrachiorganisationcn bestehen, erschienen. Allein Erez-Israel hat 14 Delegierte entsandt, die alle Schichten der dortigen Bevölkerung wicdcrspiegelten: Rahbiner, Lehrer, Beamte, Kaufleute und Arbeiter, da der Arhcitsplan der Konferenz sich im wesentlichen mit den Fragen der palästinensischen Siedlungen beschäftigen sollte. Unter den Begrüßungen war besonders ein warm gehaltener Brief des palästinensischen Oberrabbiners K u k zu erwähnen, der der Versammlung zum Bewußtsein brachte, in wie weitgehendem Maße das Schicksal des traditionstreuen Judentums in Erez- Israel mit dein Misrachi verbunden ist. Der Chiefrabbi von England, Dr. Hertz, war persönlich in Antwerpen erschienen, um die Konferenz zu begrüßen und den Standpunkt zu hegründen, den er und seine Freunde im Kuratorium der Univcrtat eingenommen hatten. Die Beteiligung der Antwcrpencr Bevölkerung war sehr rege. Am Schabbath fanden in einer Reihe von Synagogen Ansprachen von verschiedenen Delegierten statt, die zur Anteilnahme an dem Werk des Aufbaues Erez-Israels aufriefen und ihren Eindruck auf das Publikum sicherlich nicht verfehlten. Abgesehen von dem politischen Referat von Färbst ein beschäftigten sich alle übrigen Referate mit Fragen des Misrachi in Erez-Israel. ln dem Bericht von F is chmann mußten sich dieselben Nöte widerspiegeln, die auch in dem Bericht des A.-C. zum Ausdruck kamen, und auch in der Debatte wurde darauf hingewiesen, daß nur eine regere Anteilnahme der Judenheit als bisher imstande sein könne, der Schwierigkeiten der Lage Herr zu werden. Die Debatte beschäftigte sich im wesentlichen mit der Stellung der Exekutive zum Waad Haleumi und zun! Gemeindegesetz. Es kam hierbei der einmütige Wille zum Ausdruck, die EinheitdcrGcmcindcn zu stärken und in einem Organisationsgesetz die gesamte Judenheit zu erfassen. Meir Berlins Referat beschäftigte sich im wesentlichen mit den kulturellen Aufgaben, die der Misrachi in der Zukunft zu erfüllen habe. Insbesondere wurden von Raw Fischmann und Meir Berlin festgcstellt, daß die Angriffe der Agudas Jisroel gegen den Misrachi jeder Grundlage entbehren, und daß es dem Misrachi gelungen sei, sein Schulwcrk, 50 Anstalten der verschiedensten Typen mit 1900 Schülern, zusanimerraifassen, daß dabei die Behauptung der Agudah, daß sie selbst in einem Schulwerk 3000 Kindern Unterricht gäbe, nicht im geringsten den Tatsachen entspreche; es seien bestenfalls etwa 3 500 Schüler, die ihrer Aufsicht unterstehen. (Gegen diese Behauptung hat sich die Pressestelle der Agudah verwahrt und behauptet, daß 1200 Schüler in ihren Schulen unterrichtet werden, weitere 2100 in ״gesinnungsverwandten Anstalten“ und damit ist wiederum die Agudah der mehrfach an sie gerichteten Aufforderung nicht nachgekommen, einmal mitzuteilcn, wo denn eigentlich ihre Schulen sich befinden, und es ist weiter bemerkenswert an dem Dementi, daß die in ihrem Bericht angegebene Zahl von 3000 Schülern schon auf 1200 vermindert wird. Daß sie kein Recht hat, ״gesinnungsverwandte Anstalten“ als eigene Leistungen mit aufzuführen, braucht nicht betont zu werden.) In der Debatle wurde von seiten eines polnischen Rahbiners die Stellung der Exekutive zu der Frage des Wahlrechtes in Erez-Israel scharf kritisiert. Die Haltung des Mcrkas wurde indessen von fast allen Delegierten gebilligt. Ueber die Referate von Landau über ״Kolonisation und Arbeit“ sowie über das Bankreferat von Perlmann und Pinkas wurde bereits berichtet. Die Misrachi-Bank berichtete über monatlich steigende Umsätze und Depositen. Ein Etat, balancierend mit £ 34 200, wurde angenommen. Als notwendig ergab sich eine Erweiterung des Merkas, der bei der vorjährigen Konferenz in Wien gewählt worden war. Damals hat man die Zentrale zusammengesetzt aus Raw Meir Berlin, Raw Fischmann und Landau mit der Aufgabe, 2 Palästinenser, nach Möglichkeit einen Sephardi und einen Aschkenas, hinzuzuwählen. Da eine solche Zuwahl bisher noch nicht möglich gewesen war, so wurde jetzt beschlossen, ein weiteres Mitglied in den Merkas zu delegieren, das sich mit den finanziellen und wirtschaftlichen ־ Angelegenbeiten zu beschäftigen habe. Hierfür wurde der Sejmdeputierte und Advokat Dr. Feld mann gewählt. Die Resolution am letzten Tage der Konferenz, die über das Verhältnis der Agudas Jisroel verröffentlicht worden war, bedarf einer Korrektur. Der Antrag; ״Die Weltkonferenz des Misrachi bedauert die in den Reihen der orthodoxen Judenheit bestehende Spaltung und fordert den Merkas-Olami (Weltrat) Misrachi auf, wieder in Fühlung mit der Agudah zwecks Herbeiführung einer Verständigung und Vereinigung der gesamten orthodoxen Judenheit zu treten“, der von Raw Hager geplant worden war und gegen dessen Fassung sich Rabbiner Brod, Lipno, und Lazarus Barth wandten, wurde vom Antragsteller zugunsten eines anderen Vorschlages von Oberrabbiner Dr. Hoff man 11, Frankfurt a. M., zurückgezogen. Mit Berücksichtigung, daß die Anerkennung des palästinensischert Oberrabbinats und die Förderung der Bestrebungen zur Organisation der palästinensischen Gemeinden dem Misrachi außerordentlich wichtig sind, während sic von der Agudah bisher bekämpft werden, war der Antrag Hager nur annelmihar, wenn die Wahrung des misrachistischeu Standpunktes in der Resolution zum Ausdruck käme. Zu erwähnen ist von der Tagung noch daausgezeichnete Referat von Ussisclikin über die Nalionalfondsnrbcit, das nicht nur auf die Versammlung, sondern auch auf die Zuhörer einen starken Eindruck machte und zu einer Aussprache Anlall gab, in der die Fragen des Nationalfonds geklärt werden konnten. Die Ergebnisse der Paale Zion-Konferenz in Polen W a r s c h a u , 3. September (J. T. A.) Zu unserem Bericht über die Konferenz der mit den Zionisten-Sozialistcu vereinigten Poale Zion in Polen wird uns noch ergänzend mitgctcilt: Ende August fand hier der erste Parteitag der aus der Vcr« cinigung der rechten Poale Zion mit den Zionisten. Sozialisten hervorgegangenen Partei statt. Die bereits 11t der feierlichen Eröffnungssitzung stattgefundenen Auseinander- Setzungen über die Spraclienfragc bewiesen, daß -- wie nicht anders zu erwarten war . in dem Jahre seit der Vereinigung die zwischen den alten Parteien vorhanden gewesenen Meinungsverschiedenheiten iti dieser Frage auch in der gemein- Samen Partei noch nicht restlos aufgehört haben. Immerhin besteht in der Partei eine geschlossene Mehrheit, deren Steh lung auch die offizielle Stellung der Partei ist. Die Partei als solche führt die Schul- und Kulturarbeit in jiddischer Sprache, wobei der hebräischen als Lehrgegenstand ein breiter Raum gewidmet ist. Der Minderheit ist auf Grund der Be- Schlüsse des Weltverbandes die Schularbeit mit Hebräisch als Unterrichtssprache und Jiddisch als Gegenstand ermöglicht. Der Parteitag hat mm die Mehrheitsstelhmg noch einmal unterstrichen und die Beteiligung an der Zentralen Jiddischen Schulorganisntion beschlossen, wobei innerhalb der letzteren ein energischer Kampf gegen vorhandene antizionistische Tendenzen geführt werden soll. Im allgemeinen hat der Parteitag den Eindruck erweckt, daß die vereinigte Partei ein beachtenswerter Faktor in der jüdischen Arbeiterbewegung Polens geworden ist. Darauf lassen vor allem ihre bedeutenden Erfolge hei den Munizipalwählen in einer Reihe von Städten (Czcnstochau, Piotrkow, Kolo, Zamosc, Chrzanow, Alexandrow u, a.) schließen. Auch in der Gewerkschaft und in der proletarischen Kulttirbewegung ist der Einfluß der Partei im Wachsen. Bei der Behandlung der politischen Lage in Polen zeigte sielt eine vollkommene Einigkeit in der Ablehnung jeglieber politischer Zusammenarbeit mit den bürgerlichen jüdischen Parteien. Meinungsverschicaenhciten riefen die Stellung zur polnischen sozialistischen Partei hervor, deren allgemeine Taktik, insbesondere während und nach den Mai-Ereignissen, vielfach kritisiert wurde. Zum Schluß wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die für die Parlamentswahlen die Schaffung eines Blockes aller sozialistischen. Parteien der Republik fordern. Weitere Refcrate wurden gehalten über ״Politische Weltlage und sozialistische Internationale“ (Locker), ״Lage in der Weltbewegung“ (Locker), ״Lage in Palästina“ (Tabenkin), ״Aufgabe und Taktik innerhalb der zionistischen Bewegung“ (Kaplansky), ״Hilfsarbeit“ (Cheifez), ״Gewerkschaftsarbeit“ (Bir). David Yellin Leiter des hebräischen Schnlwerks Jerusalem, 3. September. (J. T. A.) David Yellin, der Direktor des hebräischen Lehrerseminars zu Jerusalem, ist zum Leiter des Erziehungsrates (Waad Hachinuch) der Zionistischen Organisation in Palästina bestellt worden. Dr. Joseph Lu r j e, der frühere Leiter des Erziehungsrates, war im Jahre 1924 unter Hinweis auf das nach seiner Ansicht un/.ureichende Erziehungsbudget zurückgetreten. Seine beiden Mitarbeiter, J. Aza r ja hu und A. M. Lifschitz die gleich ihm ihren Rücktritt erklärt hatten, haben sich hernach bereit erklärt, bis zur Ernennung eines neuen Leiters die Arbeit fortzuführen. Jerusalem, 3. September. (J. T, A.) In der Umgegend von Akaba kam es zu ernsten Kämpfen zwischen den ßeduinenstämmen, die am Golf von Akaba wohnen, und Beduinen, die aus Aegypten herübergekommen sind. Die Kämpfe nahmen einen so bedenklichen Charakter für das ganze Gebiet an, daß ein britisches Kriegsschiff in den Hafen von Akaba eingelaufen ist, utn die Einwohnerschaft zu schützen. Emir Shaker, einer der Führer der transjordanischen Stämme, ist in Akaba eingetroffen und bemüht sich, Frieden zwischen den kämpfenden Stämmen zu stiften. Werkes* *) des neuerdings bekanntgewordenen spanischen Denkers und Dichters Miguel de Unamuno beschäftigt ist. Unamuno plädiert hier mit Wärme für Unsterblichkeit, und zwar für Unsterblichkeit in deren unmittelbarsten und elemenfarsten Bedeutung, wie sie von jedem Menschen gewünscht wird — Unsterblichkeit als Individuum, als Einzelperson, als Ichheit in der ganzen Fülle und Eigenart ihrer Besonderheit. Wissenschaftliche und metaphysische Unsterblichkeit als Fortexistenz in irgendeiner unbewußten oder transzendenten Substanz verwirft Unamuno als unbefriedigend und ihren Zweck nicht erreichend. Es ist hier nicht der Platz, auf die Ausfülirungen unseres Autors einzugehen, und es ist auch nicht unsere Aufgabe, denn nicht die Art seiner Beweisführung intercssiert uns hier, und auch nicht der Versuch, das von der Wissenschaft und Philosophie verlorengegebene Ich zu retten, sondern lediglich der Umstand, daß ein Denker modernster Observanz einmal den Mut in sich findet, allen Verschleierungen, Verheimlichungen, Ausreden und Klauseln zum Trotz die unvertilgbare, und einem modernen Menschen besonders naheliegende Tatsache eines absoluten Eigenwert besitzenden und ewigkeitssüchtigen Ich unumwunden anzuerkennen und in den Vordergrund des Interesses zu rücken. Unamuno sucht einen Rückhalt am Christentum und findet ihn. Er weiß sich eins mit diesem in seinem Streben. Für einen denkenden Juden moderner Observanz, der gleichfalls und entsprechend einen Rückhalt am Judentum finden möchte, eröffnet sieh hier eine vielverheißende und lohnende Aufgabe. Es gilt den Widerspruch zwischen dem im Judentum so stark betonten Moment aer Bewußtheit und mithin der Individualität einerseits und der nicht genügenden Beachtung dieser selben Individualität andererseits möglichst auszugleiclien. Anhaltspunkte für einen derartigen Ausgleich gibt es im religiösen jüdischen Schrifttum genug. Man habe bloß die vielen Seitensprünge im Judentum — von denen oben die Rede war — zu einem einzigen, weit ausholenden Sprunge zu vereinigen. Es gilt ein wenig auch nach dem• unsichtbaren, so- Zusagen unterirdischen Judentum Ausschau zu halten, statt sich immer und ewig auf der Oberfläche des Sichtbaren zu bewegen. *) Das tragische Lebensgefühl. Von Miguel de Unamuno, Meyer u. Jessen Verlag, München. Reaben Brainin (Anläßlich seines Berliner Besuches.) Für die Berliner hebräischen Kreise ist Brainins hiesiger Besuch ein Ereignis und ein freudiges Wiedersehen. Hat er hier doch vor seiner Uebersiedlung nach Amerika mehrere Jahre hindurch an der Spitze der hebräischen Bewegung gestanden und für sie mit rastloser Hingabe gewirkt. Als hier um die Jahrhundertwende der erste hebräische Verein in Deutschland ״Safah Bernrah“ von einigen jungen Akademikern begründet wurde, um das Hebräische als lebende Sprache zu pflegen, da verhielten sich zunächst die meisten in Berlin wohnhaften hebräischen Schriftsteller etwas skeptisch. Man glaubte nicht recht an den Erfolg der angedeuteten Bestrebungen und hielt diese Tendenzen mehr für eine Utopie jugendlicher Schwärmer. Brainin erkannte jedoch die zukunftsreiche Kraft der neuen hebräischen Bewegung und wurde ihr Herold und Vorkämpfer. Hierin zeigt sich ein Grundzug seiner Persönlichkeit. Mit der scharfen künstlerischen Beobachtungsgabe des Kritikers vereinigt Brainin in sich Schwung und Phantasie des Geistes. Er hat die Fähigkeit, die Keime neuen geistigen Werdens zu erfassen, und er pflegt zu sagen: am Anfang ist das Ideal. Die Idealisten sind die Schöpfer neuer Wirklichkeiten, die Bahnbrecher für nationale und menschheitliche Entwicklung. Es ist ein besonderes Verdienst Brainins, junge Ta* 1 e n t e zu wecken und zu fördern. Durch das Gestrüpp der Ungeschliffenheiten des Anfängers erkennt er den Kern der literarischen Begabtheit ur.d scheut keine Mühe, auf sie befruchtend einzuwirken. Manche hebräischen Schriftsteiler und Dichter von Ruf haben ihm ihre literarische Laufbahn zu verdanken. Als Schriftsteller ist Brainin vielseifig; Literaturkritiker, Publizist, Essayist, Skizzendichter, Uebersetzer. Seine Hauptbedeutung liegt jedoch auf dem Gebiete der literarischen Kritik. Zu seinen besten Leistirngen gehört sein zweiteiliges Werk über Abraham M a p u , den Schöpfer des hebräischen Romans. Bei aller wahrheitstreuen Analyse und abwägenden Objektivität zeugt das Buch von Anhänglichkeit und Liebe des Verfassers zum großen Dichter. Schärfer, unerbittlicher sind seine berühmt gewordenen Kritiken über Jehuda Löb Gordon und P e r e z Smolensk v, die heftige Kontroversen hervorriefen. Es gehörte Mut dazu, an diesen gefeierten Koryphäen der neuhebräischen Literatur negative Kritik zu üben — und diesen Mut muß man anerkennen, mag man auch über diese Kritik selbst verschieden denken. Mit seinen zahlreichen Arbeiten aut dem Gebiete der Literaturkritik hat Brainin zur Gcschmacksbiklung des hebräischen Publikums im Osten viel beigetragen. Er ist nach dieser Richtung hin in eine Reihe mit David Frise 11111 a 11 11 zu stellen. Von seinen Ucbersetzungen sei die hebräisch:■ Uebertragung von Herzls ״Das neue Ghetto“ und Nordaus ״Paradoxe“ genannt. (Brainin stand Her/I und Nordau persönlich nahe.) Brainins hebräischer Stil zeichnet sich durch triastische Klarheit und Schönheit aus und bietet stets dem Leser den Reiz eines ästhetischen Genusses. Josef Li 11. * Vor kurzem veranstaltete, wie wir bereits gemeldet haben, der ״Beth-Waad“ in Berlin einen Empfang zu Ehren vo!1 Reuben Brainin. Der Gast wurde von Saul Tschcr. nichowskv ,und Prof. I s a k M a r c 0 11 begrüßt, worauf er eine Schilderung seiner Eindrücke und Erlebnisse in Palästina und den Fortgang des jüdischen Aufbauwerkes gab. Am 1. September abends versammelten sich die jüdischen Kulturkreise in Berlin im Sclialoin Alechem-Kliib, um einen Bericht Brainins über das Kolonisationswerk in Rußland anzuhören. Nachdem Brainin von Dr. S i 11 g a - lowsky herzlichst begrüßt wurde, schillerte er das Werden eines neuen Lebens in den jüdischen Kolonien Rußlands und sprach von der Notwendigkeit, daß Hebraisten und Jiddischistcn in Palästina wie in Rußland den gegenseitigen Kampf ruhen lassen. Warschau. (J. T. A.) Die hebräische Tageszeitung ״Hazcfirah“, die vor einigen Jahren ihr Erscheinen eingestellt hatte, soll demnächst wieder als Tageszeitung in Warschau zu erscheinen beginnen.

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