Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 70-71 (8.9.1926)
- Date
- 1926-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652848--18524-2676300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 500 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70/71 Nr. 7( I nensische Landesvolkshochschule, und die Institutionen, die etwa in dem einen oder anderen Land der Diaspora realisiert werden können, bilden einen einzigen Zusammenhang, weil es sich eben nicht um allgemeine Erziehung handelt, sondern um Heranbildung dieses zweifachen Menschentypus, den wir für unsere nationale Aktion brauchen. Unsre palästinensische und unsre Diaspora-Volkserziehungsarbeit sind durch ihre einheitliche Aufgabe und ihre einheitliche Struktur verbunden; sie müssen stets auch verbunden bleiben, soweit es möglich ist, durch lebendigen Austausch von Menschen und von Er• fahrungen. Ich betone dies immer wieder: es gilt nicht eine allgemeine Bildung, sondern es gilt diese besondere Heranbildung des Menschen, den wir brauchen. Unsere Erziehungsarbeit unterscheidet sich vielleicht von aller anderen Erziehungsarbeit der gegenwärtigen Welt dadurch, daß sie ein exakt bestimmbares Wohin, Woraufzu hat. Ich weiß nicht, ob irgendeine andere Gruppe der Welt diese Frage heute zu beantworten imstande ist: Woraufhin erziehen wir? welcher Mensch ist das Ziel unsrer Erziehung? Wir aber wissen, welche Art Menschen es sind, die wir brauchen, für die Taten, die von uns getan werden wollen, zu diesen Taten fähige und bereite Menschen; wir können ihr Bild zeichnen; und wir wissen, was wir tun müssen, damit solche Menschen immer wieder entstehen. Diese besondere Erziehung für eine die Dorot umfassende gesamtnationale, einzigartige Aktion ist unsere Aufgabe, unsere Notwendigkeit. , Ich sagte schon, daß die Volkshochschulheime nur als Zentren, als Kerne, als Knotenpunkte dieser unsrer Arbeit zu verstehen sind. Sie sind die Stätten der ״intensiven“ Volkserziehungsarbeit, der Arbeit an verhältnismäßig wenigen, die aber die eigentlichen Träger der Werktradition, der Kontinuität werden sollen. Von diesen Zentren aus soll sich aber eine stete Ausstrahlung in die mehr ״extensive“ Arbeit hinein vollziehen. In der Diaspora ist eine stete und innige Fühlung mit den jüdischen Lehrhäusern und Volkshochschulen erwünscht. Aber weit enger muß der Zusammenhang in Palästina sein. Die Landesvolkshochschule soll dort dreierlei umfassen: die ländlichen Heime, die städtischen Lehrhäuser und die Wanderkurse. Die Menschen, die an den Heimen wirken, sollen von Zeit zu Zeit in die Städte gehen und deren Vorlesungen und Uebungen mit dem Geist des Zusammenlebens erfüllen. Sie sollen auch in die Wanderkurse gehen. Sie sollen eine Zeit haben, wo sie von einer Siedlung zur anderen wandern und die Menschen um sich versammeln, die sich aus Zwangsgründen der Wirtschaft an der intensiven Volkshochschularbeit nicht beteiligen könnten. Schon daraus ergibt sich, daß die Arbeit in Palästina streng zentralisiert werden muß. Freilich denke ich nicht daran, daß etwas oktroyiert werden könnte. Alles muß unter aktiver Beteiligung aller Schichten, insbesondere der Arbeiterschaft stattfinden, aber ebenso einheitlich am Aufbau. Es muß eine Landesinstitution werden, die ihre Leute heranbildet, ihre Führer entsendet in die verschiedenen Arbeitsbezirke, in die ländliche, die städtische und die Wanderarbeit. Ich glaube Ihnen nicht sagen zu müssen, daß unsre Aufgabe in Palästina besonders schwer ist. Es handelt sich dort um die Bewältigung des verschiedenartigsten Menschenmaterials, zum Teil eines Menschenmaterials, das der Erziehung zu dem Menschentypus, den wir brauchen, aufs äußerste widerstrebt Diese Aufgabe kann mir durch eine große einheitliche Institution bewältigt werden. Zum Schluß will ich etwas erwähnen, das nicht unerwähnt bleiben darf: das Verhältnis einer palästinensischen Landes- Volkshochschule zur Universität. Sie wissen, daß wir in Palästina eine Universität haben, das heißt, wir haben sie und haben sie nicht. Wir haben eine Anzahl von Forschung«- insiituten, die mehr oder weniger im Aufbau begriffen sind, und deren Zusammenfassung, deren Gesamtheit man getrost im Hinblick darauf, daß sie einen Rahmen für spätere Ent- Wicklung abgeben, eine Universitas nennen kann. Aber ich wünsche durchaus, daß diese Universitas von Forschung«- Instituten sich nicht allzu schnell zu einer Universität im europäischen Sinne auswachsen möge. Bei allem, was In Palästina an Institutionen überhaupt, und insbesondere an kulturellen Institutionen, geschaffen werden soll, muß man immer einen Gesichtspunkt unverrückbar vor Augen behalten: wir haben jeweils nur das zu schaffen, was das wirkliche Interesse des palästinensischen Jischuw verlangt und in dem Maße, wie dies Interesse es verlangt. Man soll sich nicht danach richten, was andere Völker haben und wir also auch haben sollten, nicht ausgehen davon, daß wir dort einige schöne Veranstaltungen ausstellen müssen für die abendländischen Touristen, sondern wir haben zu fragen, und zwar Jahr um Jahr neu: wieweit ist es mit dem werdenden Volk in Palästina? welche Stunde seines Werdens ist diese? was wird also heute schon gebraucht? Forschungsinstitute zu seiner Erschließung, Sanierung, Erforschung braucht das Land; eine ״Universität“, die alljährlich soundsoviele Leute mit fertigen Diplomen und Titeln in die Welt entsendet, in die Welt, nicht nach Palästina, denn die palästinensische Gesellschaft kann sie nicht aufnehmen, braucht das Land nicht. Was es aber über alles braucht, das ist eine Institution wirklicher Volkserziehung, nicht für einzelne Schichten mit einem Bildungsprivileg, sondern, wie der Name Volkshochschule sagt, für das ganze werdende Volk. Der Mandats-Bericht Genf, 3. September. (J. T. A.) Der Völkerbundsrat beschäftigte sich in seiner heutigen Sitzung mit dem Bericht der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, den der Schwede U n d ö n erstattete. Es kamen zunächst die rein technischen Fragen zur Behandlung, die Erörterung der Spezialberichte über die einzelnen Mandatsvenvaltun gen wird wohl erst später folgen. Zur Debatte standen zwei Anträge der Kommission: 1. den Fragebogen für die Berichterstattung der Mandatarmächte wesentlich zu erweitern, und 2. der Mandatskommission das Recht zu gewähren, in bestimmten Ausnahmefallen Unterzeichner von Petitionen aus den Mandatsgebieten persönlich anzuhören. Einen bestimmten Vorschlag wolle die Kommissi*n nicht machen, jedoch erscheine es dem Berichterstatter zweckmäßig, zu erwägen, ob nicht die Kommission zur Ausarbeitung eines entsprechenden Vor- Schlages aufgefordert werden solle. Die Kommission sei 'grundsätzlich der Auffassung, daß ein solches Verfahren nur in Ausnahmefällen angewendet werden solle, und daß sie nicht befugt sei, gewissermaßen ein Tribunal darzustellen, das über die Streitfragen zwischen den Petenten und den Mandatarmächten entscheide. Ferner wies Undcn darauf hin, daß die jährlichen Berichte der Mandatsmächte aut Grund eines vor fünf Jahren aufgestellten und sehr umständlichen Fragebogen erstattet werden, und daß eine Umgestaltung des Fragebogens eine wesentliche Vereinfachung bedeuten würde. ln der Diskussion nahm als erster der britische Außenminister Chamberlai n das Wort. Er sprach gegen die Anträge der Kommission und führte aus, ein erweiterter Fragebogen werde die Autorität der Mandatskommission über Gebühr stärken, was gleichzeitig eine Schwächling der Autoritat des Mandatars bedeuten würde. Dies widerspräche aber dem Völkerbundspakt, der die Aufsicht über die Mandatsgebiete bestimmten Mächten übertragen habe. Jedenfalls möge der Rat über den Fragebogen keine Entscheidung treffen, ehe sich nicht die Mandatarmächte dazu geäußert hätten. Betreffs der Anhörung der Petenten aus den Mandatsgebieten erklärte Chamberlain, diese Frage sei von großem Emst, der Vorschlag der Mandatskommission sei unklug und es würde weittragende Folgen haben, wenn der Rat ihm zustimme. Auch hier solle der Rat keinerlei Entscheidung treffen, bevor sich nicht die Mandatarmächte darüber ausgesprochen haben. Als zweiter sprach B r i a n d, der Chamberlain in vollem Umfange recht gab und insbesondere darauf hinwies, es bestünde bei einer voreiligen Beschlußfassung die Gefahr, dä$ ein Konflikt zwischen dem Völkerbund und den Mandatar- . machten heraufbeschworen würde. Die Petitionen seien oftmals ein Mittel zur Verfolgung wenig respektabler Zwecke, und unter dem Vorwand der Petitionen könnten sich im Schoß des Völkerbundes Zentren von Intrigen bilden, die ganz andere Ziele hätten als eine Verbesserung der Verwaltung der Mandatsgebiete. Man dürfe nicht eine Art Tribunal errichten, vor dem alle Unzufriedenen, selbst die wenig Respektablen, erscheinen könnten. Der Japaner Ischii sprach in dem gleichen Sinne, während der Belgier Vandervelde ein sehr beschränktes Petitionsrecht bei Vorkehrungen gegen Mißbrauch einräumen wollte. Der Holländer van Rees, Vizepräsident der Mandatskommission, verteidigte sehr warm die Anträge der Kommission. Der Völkerbundsrat beschloß die Rück Verweisung der Anträge an den Berichterstatter. Unden soll einen neuen Bericht ausarbeiten, in welchem aut Grund der Debatte festgesteilt wird, daß die Kommission sich zunächst mit den Mandatsmächten über ihre Wünsche verständigen muß. Genf, 5. September. (J.T. A.) ln der gestrigen Sitzung des Völkerbundsrates wurden die neue Resolution U d i n, sowie der Bericht der Mandatskommission angenommen. Laut der Ud£n-Resoiution muß die Mandatskom- J mission vor der persönlichen Einvernahme von Petitionären aus den Mandatsländern die Meinung der Mandatsmächte einholen. Im einzelnen lauten die Beschlüsse: Der Rat nimmt die Jahresberichte betreffend die ach{ Mandatsterritorien, den Bericht der Ständigen Mandatskommission über ihre Arbeiten im Verlauf der 9. Session, die Darlegungen des beglaubigten Vertreters einer der Mandatarmächte, sowie den Bericht des schwedischen Vertreters zur Kenntnis und beschließt: Allgemeine Fragen. I. Vernehmung der Petitionäre: Der Rat beauftragt den Generalsekretär, die Mandatarmächte zu ersuchen, ihm ihre Ansichten darüber bckanntzugeben, ob es opportun sei, daß die Ständige Mandatskommission in gewissen Ausnahmefällen Pctitionäre aus Mandatsterritorien persönlich hört. II. Fragebogen betreffend Mandatsterritorien B und C. Der Rat ersucht den Generalsekretär, die Formulare des Fragebogens zunächst den Mandatarmächtcn zu unterbreiten. Petitionen: Was die Petitionen betreffend Palästina angeht, billigt der Rat die Beschlüsse der Mandatskommission und ersucht den Generalsekretär, diese Beschlüsse der Mandatarmacht und den respektiven Petitionären zu übermitteln. Nahtun Sokolow Aber die Lage Jerusalem, 3. September (J. T. A.) N a h u m Sokolow ist am 2. September nach London abgereist. Unmittelbar vor seiner Reise gewährte er dem Vertreter der Pal. Tel.-Agentur ein Interview, in dessen Verlauf er sicli über seine Eindrücke und Erlebnisse im letzten Monat in Palästina äußerte. Trotz der ökonomischen Krisis im Lande, sagte Nahum Sokolow, sind im letzten Jahre dennoch betrachtliehe Fortschritte gemacht worden. Lord PI um er bemühte sich ehrlich, die Politik des jüdischen Nationalheims durchzuführen. Hinsichtlich der Landfrage habe das britische Kolonialamt eine Haltung eingenommen, die dem jüdischen Postulate günstiger ist. Es sei durchaus möglich, die Aufbauarbeit auf Trans jordanien auszu - dehnen; die Regierung hoffe, das Land durch jüdisches Kapital und jüdische Initiative zur Entwicklung bringen zu können. Schließlich sagte Herr Sokolow, die zionistische Exekutive hätte ihre Forderung hinsichtlich der Teilnahme von Juden an dem transjordanischen Grenzverteidigungskorps Keineswegs fallen gelassen; es werden dauernd über diese Fragen Verhandlungen geführt. Herbert und Lady Samuel in Nürnberg Anläßlich eines mehrtägigen Aufenthaltes Herbert S a - muels und seiner Gemahlin in Nürnberg hielt er auf Anregung der Nürnberger Zionistischen Ortsgruppe vor einem geladenen Kreise einen Vortrag über die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina und über die Aussichten der jüdischen Kolonisation. Sowohl die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten wie auch die Entwicklungsmöglichkeiten des jüdischen Aufbauwerkes werden von Samuel sehr günstig beurteilt. Herbert Samuel hob die geistige und moralische Bedeutung einer jüdischen Heimstätte in Pa'ästina für das gesamte Judentum hervor und erklärte es für wünschenswert, daß die Juden der ganzen Welt an diesem Werk teilnehmen. Lady Samuel sprach gleichzeitig vor einem Kreise jüdischer Frauen über jüdische Frauenarbeit in Palästina. Ile nene WÄrrag "Ür PaiiStfai London, 2. September. (]. T. A.) Das britische Kolomalamt veröffentlicht ein Kommunique über die Währung Palästinas. Darin wird mitgeteilt, daß der Kolonienminister einen Ausschuß zur Fertigstellung des Projekts einer eigenen palästinensischen Währung, die auf dem Pfund Sterling basieren soll, eingesetzt hat; der Ausschuß soll auch die palästinensische Valuta kontrollieren. Dem Ausschuß gehören die folgenden Personen an: P. H. Ezechiel, einer der Kronagenten für die Kolonien, als Vorsitzender; Lesiic Coupe r, Hauptleiter der Bank für Britisch-Westafrika; A. J. Harding, Beamter des Kolonialamts; F. Philips, Ehrenmitgüed der Schatzkammer, und H. C. Ransom als Sekrctär. Sitz des Ausschusses ist: 4, Miilbank, Wcstminstcr, Loridan S. W. 1. Eine von der Regierung ernannte Kommission zwecks Festsetzung der Benennungen der neuen Währung (diese Kommission setzte sich aus jüdischen und arabf■ sehen Palästinensern zusammen) beschloß im [anuar 10?5, daß das Pfund Sterling, weiches die Währungseinheit zu bilden hat, in Palästina ״Dinar“ heißen soll. Der zehnte Teil des Dinars (2 Schilling) sollte hebräisch Schekel“ und arabisch ״Miskal“ heißen. Von am Jalin denen zv Zwei wesentlic s a t i o n nistischcr gestaltet, fälliger } Die 11 a t sic liehen Nur die Mandatar Möglichk zu Stein vor der S klar gc7A England immer g Im einzel stina-Reg verschied dadurch Li n a Besorgnis getreten der das leidet. D predigte als tinpra Schiit abgciatife wie man durch ko war,!lieh Diese zu sagei (icstiitzt trauensvo scher Orj im Jahre (ialuth zi wegen. I jessod für den י kung der fassung u wirkenden man nicht Entlastunj handenen Durchfühl Anleihen der viert! Erziehung schweren peltcm Ei im Auge 1 Die dem lefzi getan, sic Für ihre Not w c 1 s t i n a a 1; eher zioni t;:׳־ Haupt tk nsjuden scheuen c ihm, wem jedoch st; im komm als das S1 W a r I migrant« nach P a ] Das Problem der Individualität lm Jaientnm Von R. Seligmann. Ein Freund von mir, der geschäftlich in einem kleinen Orte innerhalb der karpato-russischen Gebiete weilen mußte, teilte mir einmal folgende recht charakteristische Einzelheit aus seinen Beobachtungen in dieser Gegend mit: Die aufwartende Frau des Gasthauses, in dem er sich aafhielt — eine Nichtjüdin — hatte bereits seit einiger Zeit den Leichnam ihres toten Kindes bei sich zu Hause liegen, und auf die Frage, warum sie ihr totes Kind nicht beerdigen läßt, gab sie zur Antwort, daß im örtlichen Krankenhause noch ein Kind von ihr sich befinde, das momentan im Sterben liege, und nun wolle sie abwarten, bis auch das zweite Kind soweit ist, um dann zusammen mit ihrem bereits toten Kinde beerdigen zu lassen; dies würde die Begräbniskosten erheblich verringern. Ein paar Tage darauf wurde er Zeuge eines in diesem friedliehen Städtchen ungewohnten Auflaufs, ein Haufen aufgeregter jüdischer Männer und Frauen scharte sich unter sichtbarer Teilnahme um eine jammernde jüdische Frau, die den Mittelpunkt des Auflaufs bildete. Mein Freund erfuhr dabei, daß besagte Person, die Frau eines armen jüdischen Tagelöhners und Mutter von elf Kindern die Nachricht erhalten hatte, daß ihr elftes Kind im städtischen Krankenhause sich in einem schweren und wie es scheint hoffnungslosen Zustände befindet. Zwei Mentalitäten, zwei Welten. Resignierte Hinnahme des Todes als eine natürlich-gesetzmäßige Begebenheit und verzweifelte Auflehnung gegen denselben, als handle es sich um irgendeinen gewaltsamen, widernatürlichen Eingriff. Die zähe Anhänglichkeit des jüdischen Menschen am Leben ist übrigens eine zu gut und zu allgemein bekannte Tatsache, als daß es nötig wäre, sie durch anderweitige Beispiele zu illustrieren. Diese Anhänglichkeit ist ihm nicht etwa bloß durch irgendwelche besondere Lebensumstände äußerlich anerzogen worden, sondern bildet einen Grundzug seines nationalen Wesens und wurzelt in einem spezifischen, dem jüdischen Menschen eigentümlichen Verhalten zur Welt, solange er, natürlieh, dem Boden seiner nationalen Traditionen nicht restlos entfremdet wird. Genauer besehen ist es kein bloß instinktives Hangen am Dasein, das ja jedem Menschenkinde, wie jedem Lebewesen überhaupt eigen ist, sondern eine spezifische Wert- Schätzung des Daseins als solchen und ganz insbesondere des menschlichen Seins, eine Wertschätzung, die sehr weit zurückgreift — bis in die Ursprünge der jüdischen Religion hinein. Eine Religion, die das bewußte Moment, wie das ethische eines ist, in den Vordergrund des religiösen Interesses rückte, mußte auch den spezifischen Träger der Bewußtheit, das menschliche Leben mit einem besonders hohen Wert belegen. Aber wer bewußtes Leben sagt, sagt zugleich Individualität, Einzelperson, Ichheit. Das Gefühl des Ich steht und fällt, steigt und sinkt mit dem Auftauchen und Auftreten des bewußten Moments. Wir verstehen nicht, warum cs so ist, aber wir müssen konstatieren, daß dem so ist. Erst im vollen Lichte der Bewußtheit beginnen die Umrisse des Ich am schärfsten und deutlichsten hervorzutreten, und wer das Gefühl seines Ich loswerden möchte, dem ist zu empfehlen, sich vor allem in einen Zustand des Halbwachseins zu versenken. Man sollte also meinen, daß die Individualität in ihrer konkreten Ergebenheit, die Einzelperson als solche im vollen Bewußtsein ihres absoluten Eigenwerts, beim luden turne sehr gut wegkommt und hoch in Ehren steht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Einzelperson als solche erfreut sich im Judentum keiner besonderen Aufmerksamkeit, keiner besonderen Gunst. Und zwar meinen wir das Judentum in seinem weitesten Umfange, bis in seine letzten Verästelungen und Ausläufer hinein, angefangen von den Ursprüngen des jüdischen Gemeinwesens bis zu den modernsten bereits religionslosen Gemeinschaften, wo eine gewissermaßen jüdische Lebensweise sich noch erhalten hat. Im antiken Judentum hören wir bloß von der Nation, der Gesamtheit; das Individuum als solches tritt bescheiden in den hintersten Hintergrund zurück. Nach dem babylonischen Exil und zur Zeit des zweiten Tempels werden allerdings ziemlich starke Konzessionen an die Person gemacht. Schon daß der Begriff der Nation sieh zu dem der Gemeinschaft zu erweitern beginnt, gibt der Einzelperson größeres Gewicht und weiteren Spielraum; Gemeinschaft klingt nicht so unpersönlich wie Nation oder Volk. Der Person werden auch abgesehen davon ganz positive Zugeständnisse gemacht. Es wird ihr Unsterblichkeit gesichert, und sie wird für ihr Tun und Lassen verantwortlich gemacht. Allein dies sind bloß Konzessionen, wenn auch starke, denn im Mittelpunkte der Betrachtung steht noch immer nicht die Person als solche, sondern die Gemeinde Israel als Trägerin und Hüterin der Ueberiieferung. Gewiß, es gibt auch Seiten- Sprünge — Hiob, Koheiet und von früheren Zeiten her das Hohelied. Aber wir wissen, mit weichein Kopfschütteln diese Seitensprünge aufgenommen wurden und wie eifrig darüber gewacht wurde, daß die Individualität mit ihren Sondereriebnissen nicht überhandnehme. Diese Auffassung vererbt sich auf weitere Generationen und dauert das ganze lange Exiileben an. Ja, das Mittelalter, und insbesondere das später';, brachte es notgedrungen mit sich, daß die Person an die Schicksale der Gesamtheit noch enger gekettet wurde. Die größere Bewegungsfreiheit in Spanien während gewisser Perioden und in manchen anderen Ländern und Knochen hat es freilich nicht vermocht, die große Linie des jüdischen Denkens von ihrem gewohnten Geleise abzubringen. Seitensprünge gab es allerdings auch hier, aber sie blieben eben vereinzelte Seitensprünge Auch die kabbalistische Mystik hat bei all den gründlichen von ihr vollbrachten Umwälzungen gerade in diesem Punkte fast nichts geändert. Die Person büch nach wie vor auch hier nichts weiter als Durchgangspunkt — ein Durchgangspunkt für göttliche Eingebungen und Erietichtungen, aber nicht etwa an sich Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens der Gottheit. Ein solcher Gegenstand blieb nach wie vor die Gemeinde Israel in ihrer Gesamtheit. Diese Auffassung, wenn man will Mentalität, bleibt auch mit dem Verschwinden der Religion und der Modernisierung des jüdischen Lebens bestehen. In den modernisierten jüdischen Gemeinschaften, die nicht mehr unter der Aegide der Religion leben, (gemeint sind die ostjüdischen Gemeinschaften) nimmt das Parteiwesen überhand und verschlingt eine nicht immer erfreuliche Gesellschaftlichkeit die Einzelperson mit ihrem individuellen Denken und Fühlen. Da der sinn- und zweckgebende religiöse Gedanke hier seine Wirksamkeit bereits seit langem eingebüßt hat, so gestaltet sich hier die ewige Partei- und Gesellschaftiichkeitsmeierei zu einem besonders geisteshemmenden und geistestrübenden Faktor. Auch in der modernisierten jüdischen Literatur gibt sich das mangelnde Gefühl für den Eigenwert der Person stark zu erkennen. Sie erhebt sich selten über den Rahmen von Milieuschilderungen, und wo sie es mitunter tut, so ist es jedenfalls nicht ihre starke Seite. Ihre Gestalten sind meistens der zu Einzelfiguren geronnene Habitus der Gesamtheit. Solche und ähnliche Gedankengänge mögen sich einem in den Sinn drängen, wenn er mit der Lektüre des Haupt׳ Werkes*) kers und Unamuno zwar für farsten B wird — I Ichheit in Wisscnsch existenz i stanz ven nicht errc führungen unsere Au cssiert 1111 Wisscnsch sondern 1 Observanz gen, Verl die unver uaheiieger und ewigl den Vord einen Rüc eins mit < Für 1 gleichfalls finden mä nende Au Judentum iiin der lr achtung d zugleiclien es im reli die vielen Rede war vereinigen Zusagen u immer um *) Da Meyer u.