Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 68 (31.8.1926)
- Date
- 1926-08-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652846--18505-2676279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
18 Nr 68 JUEDlSCHE RUNDSCHAU Seite 489 listimtcu :igcn jung port- :hr!!. zioenge ichcr gencl vor, ampf Bar eben ünde eben läßig Kraft ieses lurch bund ungichsionanicht hier rarer iescr raus: unkt, Ost- :jaht. ation deut- :1 es Der des der ereil, von be- •such >]gcn ausnderhend;ung. chen idermen, I aus ruug viel uzim einer : die t .Ulf doch esem ge- ,vestdes ge- 1 als vorgecltcn iderjmpt r die chen :hen. riete, I zu 1sam ation Aufdien, 1, so iirde forbei Vorrßerchen , Es it in ist. :והו er rorts atiocneii :ben: um״, heint dicheiner daß minam gend :acht Vorwo inen. die eren. an.;eins nnit. endeues werdie Ligen und politischen Leben Europas bedeutet. Distanz in dem Sinne, daß erkannt wird, daß es keine geistige und politische Bewegung Europas gibt, die die Lösung unseres persönlichen judenproblems verheißt. Die Kenntnis' unserer Umwelt, die immerwährende Beschäftigung mit ihren Problemen ist not- «endig, weil unsere Bewegung ja aus dieser geistigen Welt tierausgewachsen ist und weil wir ständig unsere Antworten messen müssen an der geistigen Entwicklung Europas. Wir «erden uns nur solange durchsetzen können, solange beste und reichste Geister dieser Welt unsere Bewegung als Fortschritt empfinden. Diese immerwährende Beschäftigung mit unserer Umwelt, mit dem Ziel immer wieder die Distanz lierzustellen, bedarf der Ergänzung durch die Uebermittlung jüdischen Kulturgutes. Ich möchte mein Erziehungsprogramm hier schlagwortmäßig zusammenfassen, da ja in einem eigenen Bildungsreferat diese Fragen ausführlich behandelt werden. Für unsere Erziehungsarbeit sind folgende Forderungen zu;teilen. 1. Hebräisch, 2. Geschichte, 3. jüdische Volkskunde, i. jüdische Kultnrkunde. Daß Hebräisch die Kernfrage unserer gesamten Erziehungs- und Bildungsarbeit ist, ist heute unbestritten. Hebräisch ist der Schlüssel zum Leben Palästinas, hebräisch ist aber auch der Schlüssel zur Erschließung unserer gesamten hebräischen Literatur. Wo gibt es eine nationale Renaissancebewegung, deren Verkünder so wenig die Sprache und die Literatur der Vergangenheit und der Gegenwart dieses Volkes kennen, wie bei uns. Daß das Schicksal unserer Men-;chen in Palästina von der Kenntnis des Hebräischen so ent-;eheidend abhängt, findet wieder eine volle Bestätigung in einem Aufsatz ״Akklimatisierung“, den wir vor ganz kurzer Zeit in der Rundschau lasen. Unter jiMFcher Volkskunde verstehen wir die L>ar-;telhmg des jüdischen Lebens der Gegenwart, unter Kulturkünde die Kenntnis der biblischen, nachbihlischen und modernen hebräischen Literatur. Besonders wesentlich innerhalb der Eruchungsarbeit ist jüdische Geschichte. Hier wird sich am fliesten Bildimgssioff in erzieherische Werte umset'cn lassen, ivie überhaupt das letzte Ziel jüdischer Kulturarbeit für diese Qeneration bedeutet: Stärkung des nationalen Willens, Um- Setzung von Erkenntnis in Willen. Aus dem Gebiet der Erziehungsfragen soll noch hier he-;onders behandelt werden der Unterschied in der Erziehungsmethode Jüngerer und Aelterer. Wir haben schon bei der Behandlung der Kadimali angedeutet, daß auch wir es ablehnen. Jugendliche zu ״Partcizionisten“ zu erziehen. Unsere Erziehung in diesem Alter soll nur eine bestimmte Atmo- Sphäre schaffen, aus der heraus dann Zionismus erwachsen kann. Diese Atmosphäre soll geschaffen werden nicht durch Uebermittlung von Programmen, sondern durch Zeichnung von Bildern. Der Anschauung des Knaben müssen aus unserer Geschichte, aus dem Leben unseres Volkes, aus dem Leben Palä'tinas diese Bilder gezeichnet werden. Ganz andere Funktionen hat die Erziehung der Aclteren zu erfüllen. Hier kommt es an auf politische Bildung und politischen Charakter. Aus dem Bund der Aelteren müssen Menschen hervor- ׳!״heu, die Träger der geistigen Auseinandersetzung sein können, die auf Grund ihrer Bildung und ihrer Kenntnisse fähig sind, politische Entscheidungen zu treffen. Eine solche Durchbildung wird Menschen davor bewahren, falschen Prophet״n anheimznfalien. Sie werden erkennen, daß uns mit primitiven, durch ihre Gradlinigkeit bestrickende Lösungen nicht geholfen ist. Wo soll sich nun eine so erzogene Jugend bewähren? Sie hat die Funktion bei dem Neuaufbau einer jüdisch״!! Gesellschaft immer wieder die vordersten Positionen einzunehmen. LTnsere zionistische Gese'lschaft bedarf dringend einer Auffrischung ihres Menschenbestandes. Unsere lugend wird sehr bald die Menschen stellen müssen, die hier die Funktionen der Arbeit übernehmen köunei!. Nur eine lebendige Jugend ist imstande, den unvermeidlichen Bürokratisierungsprozeß unserer Bewegung aufzuhalten. Entscheidend ist aber die Frage, wie bewährt sich unsere Jugend in Palästina? Hier steht bereits eine bestimmte Enorhe hinter uns, voll schmerzlicher, aber heilsamer Erfahrttn״en. Diese Epoche ist sicherlich zu kurz, um ein end<u!lti״es Urteil über die Möglichkeiten deutscher Chaluzim in Palästina 7u fällen. Seit dem Jugendtag von 1918, auf dem zum erstenmal die Losung der Berufsumschichtung im Blau-Weiß ausge״chen wurde, sind erst acht Jahre verflossen; eine zu kurze Zeit, um über diese Jugend dm Stab zu brechen. Was haben wir aus -dieser kurzen Spanne Zeit gelernt? Alle Siedlungsversuche deutscher Jugend sind fehlgeschlagen. Sind es nun nur wirtschaftliche Gri'wde — denn in dieser Periode des Experimentierens ist es in Palästina nichts Außergewöhnliches, daß wirtschaftliche oder landwirtschaftliehe Gründungen sich nicht durchsetzen — oder sind es auch besondere Eigenheiten unseres Menschenmaterials. Es muß zugegeben werden, daß unsere deutsch-zionistische Jugend eine Reihe von Eigenschaften mitbringt, die ihre Akkümatisierung dadurch außerordentlich erschwert. Man wird diese Eigenschaften weitgehend durch Erziehung beeinflussen können. Es wird aber wohl bei allen in dieser Generation ein nicht aufziilösender Rest hleiben. Hier gibt es nun zwei Wege, der eine, der vom J. I.W. B. versucht wird, unter Ignorierung dieses nicht aufzniösenden Restes immer wieder die Ueberwindung von seinen Menschen zu verlangen und das Erziehungsziel schon jetzt vorwegzunehmen. Noch wissen wir nicht, ob dieser Weg ihm gelingen wird, ja es scheint, als ob auch aus seinen Kreisen der Ruf nach dem anderen Weg ertönt, nämlich der westiüdischen Siedlung. Wir möchten uns heute hier auch für diesen Weg einsetzen. Man muß sich bei der Behandlung dieser Frage ganz frei von allen Dogmen machen. Das Ziel unserer Erziehung muß bleiben die Schafhing eines einheitlichen jüdischen Volkstums in Palästina, die Ueberwindung der Galuthherkunft zugunsten eines neuen Typus. Aber es wird das nicht bei allen hier schon gelingen. Das Galuth stellt sich uns dar als Heimatlosigkeit und Zerrissenheit. Diese Generation wird zwar durch ihre Febersiedlung die Heimatlosigkeit räumlich überwinden können, die Zerrissenheit zu überwinden wird nur wenigen Menschen dieser Generation gelingen, erst eine zweite Generation wird das erfüllen. Das Schicksal der bisherigen deutschen Chaluzim läßt die Frage entstehen, ob unter diesen Umständen noch ivestjüdische Menschen zur Chaluziuth bereit sein werden. Wir jehen im Augenblick keine andere Möglichkeit, dieser Jugend ihre außerordentlichen Schwierigkeiten zu erleichtern, als die Schaffung einer Siedlung westjiidischer Prägung, als Ueber-?angsstadium, um hier die Akklimatisation an das Land und!n die Menschen einzuleiten. Wir sind der Meinung, daß kein Versuch unterlassen werden darf, um dieser Jugend den Zu-?ang nach Palästina zu ermöglichen, weil es nicht angeht, faß sie auf Palästina verzichtet. Es könnte scheinen, als hätte die Bilanz unserer zionisti-;chen Jugend in Deutschland mit einem Minus geendet, ich habe hier rückhaltlos ihre Schwierigkeiten, die Dunkelheit ihres Weges gezeigt. Ich hätte nicht die Kraft zu dieser Unter- Buchung gefunden, wenn ich nicht die unzerstörbare Gewißheit hätte, daß diese Jugend vor ihrem Werk bestehen wird. Diese Generation mußte sich erst, ebenso wie die gesamte zionistische Welt, von vielen falschen Vorstellungen frei machen, aber diese Phase des Rückschlages hat ihren tiefsten Punkt überwunden. Viele haben sich von uns getrennt, Menhen, die nie richtige Zionisten waren, Romantiker oder Abenteurer oder seelisch labile Naturen. Die sich heute neu zusammenfinden, fühlen sich stark genug, um alle Schwierigkeiten tu überwinden. Immer noch empfindet diese Jugend die Unerträglichkeit unseres jüdischen Lehens hier. Immer noch ist ihr Zionismus der Weg, der aus dem Dunkeln herausführt. Diese Jugend sucht im Zionismus keine Glückseligkeit oder Harmonie. Sie sieht in ihm Symbol des Anfangs, Symbol der Jugend in einer Zeit, wo alles von Dekadenz und Untergang spricht. Dieses Licht des Anfangs wird vor ihr herleuchten auf ihrem Wege nach Zion. Das zionistische Bildungsproblem in Deutschland Referat Dr. Oskar Wolfsberg. Ich spreche vor Ihnen als Angehöriger einer Föderation, die eine ganz bestimmte Einstellung zu den Bildungsfragen hat. Aber ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Ihnen darum eine ganz ausgesprochen misrachistische Gedankenfolge vorzutragen. Das kann nicht der Sinn eines Kulturreferates auf einem Delegiertentag der Z. V. f. D. sein. Es kann nicht meine Absicht sein, ein getreues Bild des Bildungsstandes der Zionisten Deutschlands zu entwerfen. Es kann nur meine Aufgabe sein, die Lücken aufzuweisen und darzutun, welche entscheidenden Elemente im System unserer Bildung fehlen. Schon an dieser Stelle sei gesagt, daß es sich durchaus nicht nur um den rein religiösen bzw. traditionellen Komplex handeln wird. Der Begriff der Bildung soll unser Ausgangspunkt sein, ich vermeide an dieser Stelle eine exakte Definition, um nicht den Weg zu einer Ausweiterung zu verbauen. Nur das darf gesagt werden, daß er keineswegs mit Wissen zusammenfällt. Neuerdings ist es beliebt geworden, zwischen Wissen und Weisheit zu unterscheiden, und jenes auf Kosten dieser herabzusetzen. Ich mache durchaus nicht diese Bewertung mit, weil sie die Bedeutung des Wissens als unentbehrlichen Quells für alles Gestaltende verkennt und andererseits zu einem gewissen Hochmut führt, wofür es in unserer Gegenwart Beispiele gibt. Aber ohne Frage gibt es, objektiv gesehen, Wissende und W'eise. Bildung steht nun irgendwie zwischen Wissen und Weisheit, will mehr als Anhäufung von Kenntnissen, anderes als ein strenges Wissenschaftsgebäude, ist aber zu bescheiden, als daß sie sich mit der Krone der Weisheit schmücke, ln der Bildung des Menschen kommt vielmehr im Idealfall die Verwertung und Gestaltung des Wissensmosaiks zur Verwirklichung. I. Unser Bildungsproblem ist sehr ernst und schwer. Es ist zur Krise geworden durch alles, was seit mehr als 100 Jahren auf uns einstürmt. Die Haskalah hat unsere spezifische Geistigkeit erschüttert, unseren Habitus verändert und alle Versuche, psychologisch und psychoanalytisch moderne jüdische Geistesleistungen — ich halte sie durchaus nicht alle für gewaltsam — irgendwie als Umsetzungen zu deuten, helfen nicht darüber hinweg, daß wir großen Umformungen gegen- Überstehen. Außer der geistigen Erschütterung hat die soziale und politische Revolution in Osteuropa große Massen unseres Volkes unter ganz veränderte Bedingungen gesetzt. Ich spreche nicht von jenen, die über Kommunismus reden, sondern die die Bewegung er gri f f en und verändert hat. Zu diesen Eruptionen gesellte sich nun die jüdisch-nationale Bewegung, der Zionismus, teils die vorhandenen Entwicklungslinien in sich aufnehmend, teils sie überwindend. In unsere Ueberzeugungen trat der nationale, der politische. Gedanke mit der ganzes Wirksamkeit einer sieghaften Bewegung. Natürlich wurde er zunächst überwertig. — Nun aber zum Thema: Der deutsche Zionist hat ein eigenartiges geistiges Gepräge. Durch die oben angedeutete Entwicklung Ist seine geistige Physiognomie stark durch das politische Moment bestimmt Dieses ist in gewissem Grad mitschuldig an dem Rückgang der Geistigkeit. Zwar haben unsere Nationalisten — das sei ihnen zur Ehre und zum Ruhm gesagt — auch die Politik vergeistigt. Ohne Frage lesen wir viel Gutes auf politischem Gebiet in unseren Zeitungen, deren Niveau in dieser Hinsicht sehr beachtlich ist. Aber doch ist Politik eine geistige Arbeit, zu der viel weniger Disziplin gehört als zu anderen Arbeitsgebieten. Wahrhaft tiefe Bildung von Dauer ist hier viel weniger zu gewinnen als anderwärts. — Der moderne Zionist im Westen hat außerdem im allgemeinen recht gute Kenntnisse der modernen Literatur, kennt auch oft neuhebräische Schriften, meist leider nur in Uebersetzungen, und jüdische Geschichte. Zu diesen Wissens• elementen geseilt sich dann ein mir beneidenswert vorkammendes Selbstgefühl und Selbstbewußtsein. Dies ist nicht nur kausal zu erklären und erklärt worden als sehr notwendige Reaktion auf die Würdelosigkeit, den ״Mah Jufeß“-Typ vergangener Zeiten in allen Abarten, sondern ist auch als Ausgangspunkt geistiger Entfaltung zu werten. Man darf jedenfalls sagen, daß durchschnittlich die Bildung des deutschen Zionisten sich material aus den Kenntnissen der modernen und der Zeitkultur zusammensetzt und formal durch das jüdische Nationalgefühl, unsere politischen Aspirationen, die 30 Jahre zionistische Geschichte und im letzten Fall durch die hebräische Sprache bestimmt wird. Das ist zu wenig. Vor allem fehlt die Dimension der Tiefe, gleichsam die dritte Dimension, die mit der Rolle der jüdischen Tradition im weitesten Sinn zusammenhängt. — Wir sind hier an einem wichtigen Punkt angelangt und holen hier absichtlich etwas aus. Wir blicken noch nicht auf eine Geschichte moderner jüdischer Bildung zurück. Wir haben keine ähnliche Linie wie die, die von W. v. Humboldt zu Spranger führt, und daher könnte man für Deutschland und die westeuropäischen Länder die Linie noch sveiter nach rückwärts verlängern; aber ich habe sie gerade so begrenzt, weil dieser Abschnitt noch im Bewußtsein vieler lebendig ist. Bildung setzt geradezu die Dimension der Tiefe voraus. Erst auf dem Hintergrund der Kulturgeschichte und im organischen Gefüge der übrigen Elemente erhält ein spezielles Wissen einen Bildungswert. Im Gegenwärtigen muß das Vergangene aufgehoben (in Hegels berühmtem Doppelsinn) sein. Bildung, und insbesondere nationale Bildung, ist durchaus nicht identisch mit Wissenschaft und jedem dernicr cri. Nach meiner Meinung darf man so formulieren: es gibt rein wissenschaftliche, rein religiöse und gemischte Systeme. (Diese Formulierung erhebt keinen Anspruch auf Exaktheit und Vollständigkeit.) Jene ersteren gehören eigentlich nur Individuen an, sie sind ihrer Entstehung und ihrer Bestimmung nach vorwiegend individualistisch und nicht gemeinschaftsbildend. (Sie sind höchstens zur Analyse geschaffen.) Die Anschauungen und Theoreme der Gemeinschaften sind anders strukturiert, gehören also den in zweiter Reihe bezeichneten Systemen an. Diese Erkenntnis scheint mir von Bedeutung. Sie besagt, daß wohl ein Individuum sich losreißen kann von einem System, in das es hineingeboren ist. Anders die Nation: sie kann nicht ungestraft ihrer Aufgabe untreu werden. Geschichte und Vergangenheit sollen nicht lediglich Gcschichte und Vergangenheit für uns sein, lediglich als Wissenschaff. Fichte hat einmal Leben als Nichtwissenschaft und Wissenschaft als Nichtleben definiert. Ich möchte glauben, daß für unsere Zwecke irgendwie die Grenze zwischen Wissen und Leben Yerwiscl1t werden muß. Gerade das führt zur Bildung. Ein Deutscher, der nicht das Nibelungenlied und Gudrun mittelhochdeutsch lesen und würdigen kann, ja, wer dem Hildebrandlied oder den Merseburger Zaubersprüchen fremd gegenübersteht und in all diesen frühen Dokumenten nicht die Vorstufe späteren geistigen Schaffens erkennt, wird nicht als gebildet gelten. Ja, wir verlangen von ihm gut gegründete Kenntnisse des klassischen Altertums (von anderem zu schweigen), und es ist noch lange her —- und wieder streben Erzieher dahin —, daß es nicht mit dem Wissen allein getan war. Vielmehr wollte man dem Leben der Gebildeten den aus der Klassik usw. fließenden Geist einhauchen, die Begriffe der Sophrosyne, der virtus usw. lebendig erhalten, wollte hellenisches Denken in die Gegenwart als Bestandteil einführen. fl. Wo stehen w i r? Uns droht die Gefahr, der Wurzeln unserer Kultur beraubt zu werden. Bereits in weitesten Schichten, selbst im Osten, wird in nationaljüdischen Kreisen das Studium des Talmud und der traditionalistischen Literatur immer seltener. Die Er- Ziehung und Bildung der Jugend wird auf der Ebene der Gegenwart errichtet bzw. erhält ein zeitloses und damit imaginäres (oder virtuelles) Gepräge. Der Geschichtsunterricht kann selbstverständlich nicht die Vertrautheit mit den Quellen ersetzen. Die Geschichte der Sprache und der Kultur lassen sich wohl darstellen, aber man kann auf Grund solcher sekundären Quellen keine unmittelbare Verbundenheit mit den Anfangen gewinnen. Ganz gewiß scheint es mir eine arge Selbsttäuschung, zu glauben, daß eine gesunde Fortentwicklung von Sprache und Kultur auf diesem Wege zu erhoffen ist. Sie läßt siel! nur aus einer wirklichen Kontinuität erwarten. Nirgends aber ist die Kenntnis der Originalliteratur mehr vonnöten als bei uns. Denn sie erhält ihr Gepräge von der H a 1 a c h a h und der ganz eigenartigen Form, in der sie in der taimudischen und rabbinischen Literatur vorliegt. Diese Halaciiah, der wahre große Besitz des jüdischen Volkes, sein spezifischer Beitrag zur Menschheitskuitur, ist unser Schicksai. Es ist töricht zu glauben, daß wir ihm entrinnen können. Viele, viele Jahrhunderte haben unseren Volksgeist in diese Richtung gelenkt und ihm längst eine Organspezifität verliehen, ihn dahin differenziert, nach dieser Richtung weiter zu bauen. Die Halaciiah ist ein wesentlicher Faktor unserer nationalen Bestimmung geworden. Wir sind viel weniger frei als wir meinen, besonders als Nation. Ich glaube, Freiheit haben wir etwa in dem Sinne, wie es Scheliing in seinem Alter meinte: Wir haben die Freiheit, ja oder nein zu unserer Aufgabe zu sagen. Darüber hinaus sind wir aber nicht mehr Herren unseres Schicksals. Wir können sie ablehnen, aber was dann? Ein Volk, zumal in solch kultureller und nationaler Bedrängnis wie das unsere, sollte Bedenken tragen, den Schritt ins Ungewisse zu tun. Er könnte zum Verhängnis werden. Gewiß wird der eine oder andere darauf hinweisen, wie manches Volk oder Volksgruppe sich von dem Joch der Kirche usw. befreit hat. Zunächst unterschätzen wir die Rolle von Religion, Kirche usw. in modernen Staaten und neigen dazu, im jüdischen Volk die intellektualisierten Schichten zu überschätzen. Der Nährboden der Nation ist die Masse, die auch gar oft beachtliches Bildungsniveau hat, ohne den Rationalisierungsfanatismus der sog. Intelligenz. Sodann aber ist die Parallele verkehrt. Unsere Halachah ist nicht lediglich, ia nicht einmal vorwiegend ״Hasagah psukah“, sondern vor allem ein geistiges Schreiten, eine spezifische Denkform. Sie gibt uns das Gepräge. Sie hindert auch nimmer daran, von Geschlecht zu Geschlecht neue Synthesen vorzunehmen mit den Ergebnissen der Forschung usw. Umgekehrt: Auf dem Fundament des Gesetzes und der halachisehen Methode entsteht erst die Möglichkeit, das individuelle Erleben (religiöses und anderes) und den geistigen Fortschritt, ■unserer ׳•h!st0ri1chen..1n.wi0lheipüsßhea .Lehre;־ eittais gtiedefn. Ohne hier Misch zu dir Frage ״OfleataKihi» üirif Okzidentalismus“ Stellung zu nehmen, sei gesagt, daß auf der Basis der Tradition die Orientierung nach dem Abendland unserer Kultur nicht die Originalität raubt. Es ist hier nicht der Ort, und ich bin nicht der Mann, über die Halachah zu handeln. Daß sie die charakteristischste und bedeutsamste Leistung unseres Volkes ist, hat ja auch Bialik anerkannt*). Man muß Halachah bei einem großen Meister lernen, um ihre Tiefe zu erkennen und zu erfassen, wieweit sie Begriffe wie Pilpul usw. hinter sich zurückläßt. Die Aggadah tritt demgegenüber vielleicht an Bedeutung zurück. Streifen müssen wir auch sie in diesem Zusammenhang. Sie ist als poetisches und ethisches Stoffgebiet geschätzter. Aber sie will mehr sein. Man beachte z. B. den Satz, in dem die Aggadah sich über ihre Bedeutung selbst ausspricht: רצונך שתכיר את מי שאמר והיה העולם, למד אנדה, שמתוך בך אתה מכיר את הקב״ה ומדבק בדרכיו. Hier kommt ein Mehreres zum Ausdruck: zunächst: die Aggadah ist ein Hilfsmittel der Erkenntnis, der religiösen Erkenntnis besonders wohl für den schlichten Mann. Aber sie lehrt auch ein großes jüdisches Geheimnis: ומדבק בדרכיו Der Zusammenhang von Erkenntnis und Tat oftenbart sich ebenso in der Aggadah wie in der Halachah. Diese scheint mehr zur Tat bestimmt. Aber dennoch ist gerade diese zur Praxis führende Halachah zum charakteristischen Merkmal jüdischen D e 11 k e n s , der Theorie, geworden, so daß man von einer spezifischen Logik bzw. Ordnungslehre sprechen könnte. Die Aggadah aber — zunächst beschaulich und erbaulich — wird auch zum Ferment der Tat. III. Unter unser Thema fällt aber noch eine ganz andere Betrachtung: Die allgemeine jüdische Geisteslage im Verhältnis zur Moderne. Unsere Bildung — eine Folge überstürzten Eintritts in das moderne Kulturleben — gerat in die Gefahr, chronisch dem Anachronismus anheimzutallen. Aufmerksame Kulturkritiker werden mir zustimmen. Wir glauben zwar immer, auf der Höhe der aktuellen Geistesfragen zu stehen, aber dem ist nicht so. Sehr oft sind wir im Hintertreffen. Wir waren noch orthodoxe Darwiniancr, als die besten Köpfe Europas sich von der Lehre abwandten. Wir huldigten in der Philosophie den naturalistischen Lehren, als sie überholt waren. Wir übernehmen d i e bibelkritischen Auffassungen, die von der Forschung schon ad acta gelegt sind. Uns genügte die Radikalisierung der Anschauungen ohne Rücksicht auf ihre Haltbarkeit. Unsere denkerische Ein- Stellung war zu sehr vom Affekt bestimmt — und darunter litt auch das Ethos. Denn Ethik ist sachliche Gesinnung (Stumpf). — Wie wenig prägt sich in unserer nationaljüdisehen Literatur und geistiger Attitüde die gegenwärtige Situation und der Schichtenbau der heutigen Wissenschaft aus! Aufklärerischer Rationalismus und gleichrnacherische Bewertung der heterogensten Wissensgebiete herrscht noch. Dabei haben die besten Europäer uns den Stufenbau, der von den anorganischen über die organischen Naturwissenschäften zur Psychologie, Ethik, Geschichte usw. führt, gelehrt und die Besonderheit jedes Gebietes aufgewiesen. Selbst die Revolution innerhalb eines Gebietes, wie es die Psychologie ist, blieb vielfach unbekannt (Dilthey, Spranger, Gestalttheone). All das kann doch nicht ohne tiefe Wirkung *) In dem berühmten Essay ״Halachah und Aggadah“. Aut seine Stellung zur Tradition braucht hier nicht eingegangen zu werden.