Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 66-67 (17.8.1926)
- Date
- 1926-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 60/67 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 470 Was nmg 1che> nhc. Tat :in dann ,gen. ־ete« tl!Kj chatl vcr. kfen Cris<? ׳ulit. ntag und be Exe labe,? is! imei ' de! , die unen als Vertreter der englischen Zionistenföderation an den Beratungen teilzunehmen, bedauert in einem Schreiben, im letzten Augenblick an der Ausübung seines Vorhabens verhineiert worden zu sein. Namens der Poale Zion richtete Herr ßerl Locker ein Schreiben an den Delegiertentag, in dem er zum Ausdruck bringt, daß die Z. V. f. D. seit jeher vollstes Verständnis für die zionistischen Probleme, namentlich sofern diese die Arbeiterschaft betreffen, gezeigt habe und daß er darum besonders bedauere, wegen einer dringenden Reise zu einer Parteikonferenz nach Polen der Einladung nach Erfurt nicht folgen zu können. Herr Pinthus, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Erfurt begrüßt den Delegierteniag Schriftlieh und bedauert seine Abwesenheit aus Erfurt, die ihn verhindert, persönlich zu erscheinen. Der B e t h HawaadHaiwri, Berlin, und die Turnertagung des Weltverbandes Makkabi in Leipzig schicken Glückwünsche. Dr. Schmarja L e v i n bedauert, an der Teilnahme verhindert zu sein und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Zionisten in Deutschland nach ihrer gegenwärtigen vielleicht letzten, aber sehr ernsten Aliscinandersetzung mit den Gegnern auch fernerhin im Vordergründe der zionistischen Welt ihren Platz einnehmen werden. Außerdem schickten Depeschen Justizrat Bodenheimer, Köln, Herr Max Kober, Berlin, u. v. a. Von stürmischen Beifall begrüßt, ergreift Kurt Blumenfeld das Wort zu seinem Referate: Referat Blumenfeld ru!1״ zio. eben den ative rußt Exe. jrufl Kort, cheu »unS ischc Exe. aus zum- XXL :inet! und sagt: eite! ׳ehn. und lan• 1, In nder n in!llgS- : als wir gina atiohren ei ler istlei ffens rtün» eben riffe inen. 1 an :ines mit Arno ihig-; an 1er, in- > im f in Salo ־thur Ruth Iber- Le. Viarlin; :rlin; endrg, eniden, Kaad eund des g in 1 die itina, n s - hat den ides- Der Jachrfüllt und Jen!• ings- 1 b i - und isten Jubiition nd, ina :ages latte, Zionistische Arbeit in Dentsehland Anmerkung: Wir geben das Referat, das fast zwei Stunden dauerte, auszugsweite und stark gekürzt wieder. Das Referat wird im Wortlaut erscheinen. Ich habe die Aufgabe, über die zionistische Arbeit in Deutschland zu sprechen. Ich will versuchen darzustellen, wie unsere Arbeit in Zukunft gestaltet werden soll und glaube das dadurch zu erzielen, daß ich die Voraussetzungen der Arbeit untersuche. Wir haben immer das Bedürfnis, die Bedingungen der zionistischen Arbeit auf Grund der Kenntnis des jüdischen Lebens zu suchen. Unsere Aufgabe lag darin, ein entjudetes Judentum zur Klarheit über seine Situation zu bringen. Der größte Erfolg war, daß wir Menschen zur Erkenntnis ihrer Situation brachten, so daß sie bestimmte Konsequenzen daraus zogen. Die zionistische Arbeit hat sich im Laufe der Jahre vielfach gewandelt. Das ist uns schon oft zum Bewußtsein gekommen und wir haben oft allgemeine Ent- Wicklungen in unser zionistisches Bewußtsein aufgenommen. Der stärkste Riß in der zionistischen Entwicklung war der Krieg. Vorkriegszionismus und Nachkriegszionismus standen unter verschiedenen Bedingungen. Vor dem Kriege lebten wir in einer Welt, die relativ stabil war; wir glaubten nicht, daß die Grenzen der Staaten sich ändern weiden und rechneten mit feststehenden Größen und Machtfaktoren. Auch unsere innere Situation ist eine andere geworden. Vor dem Kriege wirkten geistige Bewegungen anders als heute. Es ist immer schwer, eine Gegenwart richtig zu beurteilen, den Mitlebenden fehlt jene Einsicht, aus der wir zu richtigen Ergebnissen gelangen. Ein Behelf in unserem Bestreben sind die Erkenntnisse hervorragender Geister der allgemeinen Welt. Wir haben das Gefühl, in einer Zeit des Niederganges des Kulturbewußtseins zu leben. Es gibt Zeiten, wo Menschen glauben, mit der Gegenwart zufrieden sein zu können, Zeiten, in denen die gleichen Menschen keinen Ausweg sehen, ratlos sind und sich deswegen außerhalb als Betrachter stellen. Heute gibt es eine Weitsituation, wo die Intelligenz außerhalb steht und resigniert ist. Sie hat das Gefühl, das etwa Troeltsch kurz vor seinem Tode so ausgedrückt hat: ״Die Barbarisierung, die heute für viere als drohend« Gespenst oder als lockende Erlösung1 umgeht, ist, wo sie eimritt, die Folge allgemeiner Welt- Umwälzungen, nicht Entschluß einer in der Büchermasse erstickenden Jugend. Sie ist das trübselige, unendlich lang sich hinziehende Ende überalternder Kultur, nicht eine tröhliehe Erlösung zu Kraft und Frische.“ Etwas Aehnliches empfinden wir. Wir fühlen etwas wie innere Unsicherheit, wenn wir daran denken, daß wir uns nochmals durchsetzen müssen in einer Welt, die sittliche Werte nur als große Worte verwendet zur Bemäntelung irgendwelcher Interessen. Wir leben heute in einer Zeit, wo man weniger auf die emporflutende Kraft rechnet, wo die Feinsten abseits stehen und die anderen nur darauf wartet!, daß das Chaos geregelt wird durch irgendwelche brutalen Kräfte. Eine solche Entwicklung, die wir als reaktionär zu bezeichnen gewohnt sind, ist unserer Bewegung nicht günstig. Wir sehen das deutlich an der Entwicklung, die die jüdische Welt gleich nach dem Krieg genommen hat. Für die Erkenntnis unserer Situation ist die Beobachtung und Erforschung der jüdischen Welt innerhalb allgemeinen Weltgeschehens von hoher Bedeutung. Es ist die Aufgabe des Zionismus, diese Entwicklung so darzustellen, daß die allgemeine jüdische Welt erkennt, wo die Wahrheit liegt und was sie zu tun hat, wenn sie den Wunsch hat, zu einem Eigenleben auch gegen diese Welt zu gelangen. Wir haben im letzten Jahr Versuche einer solchen soziologischen Untersuchung begonnen. Es ist dies der Anfang einer Arbeit, die wir fortzusetzen haben. Die ersten Erkenntnisse ■sind folgende: wir begreifen heute die jüdische Entwicklung seit der Emanzipation anders als noch vor wenigen Jahren. Die erste Phase dieser Entwicklung, die etwa bis 1880 reicht, ist gekennzeichnet durch den Freiheitsbegrift der französischen Revolution. Seit 1880 erfolgt die immer stärkere gesellschaftliche Isolierung der Juden. Im Zusammenhang mit politischer Konsolidierung und neuer Wirtschaftsentwickfung setzt eine antisemitische Weltwelle ein. Die Zusammenhänge zwischen der jüdischen und nichtjüdischen Welt sind immer geringer geworden. Die jüdische Gesellschaft hat sich gebildet, sie lebte unter sich und das ist nicht nur aut Deutschland beschränkt, sondern der Prozeß trat ebenso stark in Amerika in Erscheinung und zeigte sich auch deutlich in den obersten Schichten der Judenheit. Neue Situationen im Innern des Judentums waren entstanden. Selbstverständlich ist auch der Zionismus als Ergebnis einer bestimmten historischen und soziologischen Entwicklung zu verstehen. In der ersten Phase seines Auftretens fand er zunächst eine leidenschaftliche Ablehnung in der jüdischen Welt Man leugnete die Existenz einer jüdischen Frage, oder irgendwelcher jüdischen Probleme. Man hielt das für eine Erfindung der Zionisten und glaubte, daß durch diese Erfindung eine verschärfte Situation für das Judentum geschäften sei, denn man bemerkte nicht, daß man sich mitten in einer das jüdische Leben umformenden Entwicklung befand. Da man isoliert lebte, überlegte man sich, was hat man für ein Programm aufzustellen. Heute, wo die Judenheit fast überall jüdisch organisiert ist, haben sich alle jüdischen Parteien Programme zugelegt. Ueberall in diesen Programmen finden wir schlagwortartig auch Bruchstücke zionistischer Parolen und Erkenntnisse. In der Nachkriegsentvvicklung haben die anderen jüdischen Parteien unwillkürlich die Erkenntnis zionistischer Entwicklung aufgenommen. Man versucht den Zionismus historisch zu begreifen und sich mit ihm abzufinden, indem man feststellt, daß er große Aufgaben erfüllt hat, z. B. jüdisches Selbstbewußtsein gestärkt usw. Heute aber sei man über ihn hinaus zu einer ruhigeren Auffassung gelangt und müsse den Zionismus als treibende Kraft ablchnen. “ Diese Erscheinung konstatieren wir schon seit Jahren und sehen, wie heute in einer flachen Weise von dieser Seite das jüdische Problem dargestellt wird. Man versucht auch heute noch wie zu der Zeit, als der Central-Vcrein gegründet wurde, sich mit der Umwelt zu identifizieren und ihr gegenüber Beteuerungen abzugeben. Wir müssen uns wahrhaftig die Frage vorlegen: Wie ist es möglich, daß trotz unzähliger Enttäuschungen durch viele Jahre die Juden noch immer an diesem Gedanken festhalten. Zu einer Erklärung verhilft uns vielleicht die Psycho- Analyse, die den Begriff der Identifikation aufgc.stcllt hat, jenes merkwürdigen seelischen Prozesses, durch den ein Mensch sich selbst an die Stelle eines anderen so versetzt, daß er dessen Affekte wie die seinigen empfindet. Nicht nur Individuen, sondern auch soziale Schichten erliegen diesem Gesetz, das jedoch ein psychopathologisches ist. Wir finden auf das Problem, das uns hier beschäftigt, eine Antwort in einem Satz, den Siegfried Bernfeld in seinem neuen Buche Sysiphos formuliert, er sagt: ״Eine tüchtige Identifikation erzeugt Hoffnungen, die auch durch lebenslangliehe Enttäuschung nicht erschüttert werden.“ Dieser Art ist die Identifikation der assimilatorischen Juden. Die Diskussion mit dieser Welt ist so schwierig, weil Menschen, die fest daran glauben, daß sie mit ihrer Umgebung übereinstimmen, gar nicht merken können, wie die Umgebung in Wahrheit auf sie reagiert. Sogar vorausgesetzt, man wäre schon identisch, so dürfte man doch nicht dies den anderen verkünden, sondern müßte die Zähne zusammenbeißen und aut das Wort von der anderen Seite warten, statt sich selbst zu offerieren. Nur wenn wir diese Pathologie begreifen, werden wir verstehen, warum auch feiner differenzierte Mensehen antworten: ״Wir haben das deutsche Erlebnis, daher dürfen wir dies sagen.“ Aber dieselben Menschen, die den Identifikationsversuch unermüdlich wiederholen, wissen zugleich Bescheid über die jüdische Problematik. Sie schreiben Artikel, wie sie vor 20 oder 15 Jahren von Zionisten nicht viel anders geschrieben worden wären. Schließlich kommen sie zu einer Form des Reagierens, die ich schon vor Jahren als grotesk dargestellt habe: Will man sich assimilieren, so darf man das doch nicht in organisatorischer Form tun. Dieses ganze Judentum jedoch organisiert sich als Verein und will sich in seiner Gesamtheit mit der Umgebung identifizieren. Wir finden heute dieses Postulat des Sichabschließens sogar in dem Material, das gegen den Zionismus geschrieben ist. Die Polemik unserer Gegner muß notwendig banal und dürftig sein, denn man hat von unseren Voraussetzungen vieles akzeptiert und darf nicht zi^den nämlichen Konsequenzen kommen. Man betrachtet das jüdische Problem als statisches, nicht als dynamisches. Redner verliest zur Illustration eine Reihe von Zitaten aus der C.-V.-Zeitung. Er stellt z. B. einer Aeußerung Dr. Holländers in der Hauptversammlung des C.-V., die Anerkennung eines mehr als religiösen Zusammenhanges der Juden sei eine Phrase, die Ausführungen eines anderen offiziellen Referenten, Rabb. L e w i n , gegenüber, der in derselben Versammlung des C.-V. von jüdischer ״Schicksalsgemeinschaft“ und vom Begriff der ״jüdischen Menschen“ schlechthin sprach. Man hätte diese Sache noch vor kurzer Zeit als zionistisehe Darlegung betrachten können. Heute wird sie als Mittel des Kampfes gegen den Zionismus verwendet. Und zwar kommt man zu diesem Resultat, indem man dem nun gefundenen ״jüdischen Menschen“ dem ״deutschen Menschen“ gegenüberstellt. Man treibt ein Doppelspiel: Man gibt die Piu hcmatik zu, die man in der gleichen Rede wieder leugnet, denn sie kann für die eigenen Bedürfnisse nur so dargestellt werden, daß man jede Konsequenz verhindert. Aehnliches ist nachzuweisen an einem Aufsatz von Cahnmann in der Zeitschrift ״Der Morgen“. Es ist notwendig, daß wir uns nicht mit einer Ablehnung det assimilatorischen Theorie begnügen, sondern wir müssen diese Menschen, über deren persönliche Anständigkeit kein generelles Urteil abgegeben werden darf, aus ihren Voraussetzungen heraus begreifen. Der Zionismus will sie nicht verdammen, sondern ihnen aus ihrer eigenen schwierigen inneren Lage heraushelfen. Um so notwendiger ist es, daß wir in unserem Auftreten mit aller Schärfe die Konsequenzen aufzeigen, die sich aus diesen Voraus- Setzungen ergeben. Zu diesen Konsequenzen gehört auch die Erkenntnis, daß nur der Zionismus die Möglichkeit gibt, ein anständiges Verhältnis zwischen Juden und ,Nichtjuden zu schaffen, weil er mit letzter Ehrlichkeit die jüdische Welt erkennt und sich der allgemeinen Welt so darbietet, wie wir uns sehen. Es wäre wichtig, daß in unserer Arbeit diese Materialien unserer Gegner (ich erwähne hier nur Artikel der C.-V.- Zeitung wie ״Gesellschaftlicher Boykott“, ״Gesperrte. Berufe“ u. ä.), verwendet werden. Wir müssen wissen, wie der geistige Habitus dieser nichtzionistischen Welt, mit der wir zu tun haben, beschaffen ist: halbe Erkenntnisse, Femhalten aller Konsequenzen, Banalisierung der jüdischen Problematik, Befriedigung mit einer leeren, für die eigenen Bedürfnisse hergerichteten und obendrein recht geschmacklos vorgetragenen Formel. Dieselben Menschen, die dies tun, würden sieh hüten, über irgendeine andere Frage des Lebens in derselben Weise zu sprechen, denn dort habm sie Bildung, Geschmack, Schulung, kritisches Gefühl. In jüdischen Fragen aber hat sich dieses Judentum eine Lebensdiät zurechtgelegt, eine Art Coueismus innerhalb eines jüdischen Progratnms, in dem man sich selbst versichert, es werde von Tag zu Tag besser. ״Zwar Ist die Lage schlecht, aber man glaubt mit ,jüdischem Optimismus‘ an den Fortschritt.“ Ein solcher Optimismus tritt z. B. zutage in einem Aufsatz von Dr. Felix Goldmann in der C.-V.-Zeitung, der die Isolierung der Juden als taktische und nicht als grundsätzliche Frage behandelt. Am deutlichsten sehen wir den Zwiespalt an der Art und Weise, wie der Zionismus heute verfolgt wird, etwa in der ״Liberalen Zeitung“ und in anderen Blättern. Wir fragen uns erstaunt, warum diese Menschen solches tun. Da sie Palästina nicht mehr als Wirklichkeit leugnen können, darum sagen sie: Es ist zwar da, ist aber minderwertig; wir haben die großen Ideen, die hohe Ethik usw., ihr jedoch habt diese gemeine Wirklichkeit. Nachdem der Zionismus es zustande gebracht hat, daß Judentum und Leben wieder eine Einheit geworden ist, suchen sie trotz ihrer hohen Ethik die Wirklichkeit eines ringenden jüdischen Lebens zu diskrederen. Für sie existiert nicht der Zionismus als Idee, sie merket! nur den empirischen Zionismus in minderwertigen Exemplaren und konstatieren mit hämischer Freude seine Mißerfolge. Unsere Gegner versuchen jetzt, mit Hilfe aller möglicher Menschen, zum Teil auch ernster Menschen, die man ins Land schickt, ein Kompendium alles Minderwertigen in Palästina fertigzustellen. Es nedarf einer Analyse der jüdischen Welf, um zu verstehen, warum sie zu einem solchen Verhalten gezwungen ist; sie muß nämlich die Entlarvung der jüdischen Welt dadurch verhüten, daß sie verhindert, daß auch aut der anderen Seite Menschen sehen: hier ist ein Versuch — gleichgültig, wie Einzelheiten beurteilt werden —, um aus der unhaltbaren Lage des Judentums herauszukommen. Ich erwähne diese Angriffe nur darum, weil sie uns die jüdische Situation illustrieren. Die jüdische Situation stellt sich uns also dar als ei:1 Teil der allgemeinen Weltsituation, die ungünstig ist für eine kämpfende idealistische Bewegung. Die jüdische Welt hat das Bedürfnis, sich zu beruhigen und wendet sich mit allen Mitteln, auch mit unerlaubten, gegen die Störenfriede, die durch eine Darlegung der wahren Verhältnisse die innere Selbstsicherheit gefäh _ Wir haben stets versucht, das Niveau des innerjüdischen Kampfes auf einer Höhe zu halfen; wir haben es vermieden, unsere Gegner moralisch zu diffamieren, sondern wollten Erkenntnis gegen Erkenntnis setzen. Unsere Gegner wollen aber den Kampf der Geister vermeiden, weil ihre Welt brüchig ist und sich wehren muß gegen die anstürmende neue Welt. Daraus folgt, daß, wenn es uns gelingt, die Juden wirklich zu informieren — nicht durcli eine gelegentliche Broschüre, sondern durch dauernde Aufklärung und Analyse —, die Besten versuchen werden, sich nochmals die Judenfrage zu überlegen, und wir wissen, daß sie dann zu Resultaten kommen werden, die sie in unsere Nähe oder unmittelbar in unser Lager bringen werden. Geehrter Delegiertentag! In unserer eigenen Entwicklung werden die Wirkungen der charakterisierten Weltsituation . nur ein Anfang, und so kann es nur im Anfang sein/ Jed# Bewegung muß sich entwickeln, auch die Forderung des Programmes muß sich entfalten und bedarf dann der Deutung, unsere Bewegung ist gewachsen und hat wirkliche Ergebnisse errungen. Solange die Formel allein wirken konnte, hatte man Gefühl nur für die Dynamik der Bewegung. Als man jedoch reale Werte schuf, und die Verwaltung selbst ein großer Wert wurde, gab es eine natürliche Spaltung zwischen Verwaltung und Bewegung, zwischen den Momenten der Statik und Dynamik. Es bestehen alle jenen Gefahren, von denen jede demokratische Bewegung bedroht ist. Zwischen diesen beiden Momenten heißt es den Ausgleich zu finden. Die Nachkriegszeit brachte im ersten Ansturm für uns die großen politischen Erfolge, die außerordentlich waren, aber naturgemäß bei den Zionisten das Bedürfnis erzeugten, daß diese Erfolge nun ihr volles Aequavilent in der Verwirklichung finden müssen. Die Zionisten hatten lange gearbeitet und Opfer gebracht, und wenn man jetzt im Sieg der politischen Formel ans Ziel gelangt war, so konnte man sich nicht vorstellen, daß nun alle die .Mühen der Opfer heischenden Arbeit ein ganzes Leben lang weitergehen werden. Man glaubte, daß nun die Bewegung übergeleitet werden kann in eine große Verwaltung. Zunächst drückte sich das darin aus, daß die Zionisten für Palästina ein Maximum erwarteten, und die Erfüllung selbst erleben wollen; gleichzeitig jedoch verhielt man sich in dem Zionismus, wo man selbst stand und arbeitete, viel zurückhaltender und wußte, daß man unter bestimmten Bedingungen lebt und keine übertriebenen Forderungen stellen kann. Heute übersehen wir eine Reihe von Jahren und können uns klar machen, wie die innere Entwicklung des Zionismus sich gestalten muß, trotz ungünstiger Zeitströmungen, wenn er seiner Aufgabe gerecht werden soll, ln Palästina bedarf es des Augenmaßes, des Verständnisses für Realität: das bedeutet natürlich keinen Verzicht, sondern das Bewußtsein, daß nur ein Teil der Kräfte, die die Bewegung erzeugen muß, für die reale Arbeit eingefangen werden kann. Oie Bewegung ist wie ein Niagara; die ganze Wassermasse muß herabstürzen, damit ein Teil dieser Kräfte eingefangen werden kann. Daher muß eine überflutende, immer nachströmende Kraftquelle vorhanden sein, die es möglich macht, noch Tausende von Energien für die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aktionen zu gewinnen. Die Bewegung verlangt Maßlosigkeit des Zionismus im Galuth und verlangt Ordnung und Regelung der Kräfte in Palästina, innerhalb dieser zionistischen Welt gibt es heute eine Menge von Enttäuschten, die mit übertriebenen Hoffnungen an die Sache herangingen, und da besteht die Gefahr, daß man selbst müde wird, und ohne es zu merken sich eingliedert in eine Welt, die uns von Grund auf ablehnt. Tn der Politik müssen wir uns klarmachen, daß alle Beschlüsse, die Völkern neue politische Formen gaben, impier nur etwas konstituierten, was in der Realität schon weitehfnd vorhanden war. In einem Frühstadium der Ent- < Wicklung gab uns die Gunst der Stunde eine Chance. Die Galuthfront des Zionismus ist heute bedroht durch die lnkongruenz zwischen Organisation und Pioniertun!. Beide sind reformbedürftig. Wir sehen die ■Schwierigkeit, zionistischen Menschen einen neuen Blickpunkt zu geben. Ohne ständige Erneuerung erlebt die Bewegung den Prozeß des Alterns, dann kommt sie rettungslos zu dem Zustand, wo Verwaltung an Stelle von Bewegung tritt, beruhigter Ausgleich an Stelle einer durch die Idee entfachten Leidenschaft. Wir haben dennoch heute die innere Sicherheit im Zionisimis, weil unsere Erkenntnis der jüdischen Gegenwart uns zu deutlich zeigt, daß die Juden dazu kommen müssen, aus ihrer Lage Konsequenzen zu ziehen. Diese Analyse der eigenen Lage ist darum das wichtigste Mittel unserer Arbeit, und in dieser Hinsicht haben ■wir auch dem Weltzionismus noch etwas zu geben, weil man in anderen Ländern mehr auf noch vorhandene jüdische Instinkte stößt, mit deren Hilfe man die Masse zu gewinnen hofft. Ich glaube jedoch, daß diese Methode immer weniger wirksam wird, denn wir haben in anderen Ländern denselben Prözeß wie in Deutschland. Von Jahr zu Jahr wird deutlicher, daß, wer nur die Außenseite unserer Sache kennt, leicht wieder verloren geht, wenn sich Gegenwirkungen einsteilen. Wir können nur mit den ganz gewonnenen Menschen rechnen, und durch sie werden wir, wo es nötig ist, auch auf die Masse wirken. Welche Konsequenzen haben wir aus diesen Erkenntnissen zu ziehen? 1. Für die Politik: Wir unterstützen die Politik, wie sie heute von Weizmann gemacht wird und unterstützen die Forderungen des A.-C. Wir empfehlen nicht eine Politik des Zurückweichens und der Schwäche. Ich muß die Meinung zer. stören, als ob es bei uns Menschen gäbe, die weniger stark unser nationales Ziel wollen als andere. Es soll nicht bei 1111s die Methode einreißen, daß man Freunde, die anderer Ansicht sind, diffamiert als Menschen mit .,schwü Lerer nationaler Gesinnung“. 2. Für Palästina: Eine Bewegung, die alle Kräfte mobilisiert, muß ein Maximum an gesunden, existenzfähigen Realitäten in Palästina schaffen. Wir bestehen auf einer Konsolidicrung der Betriebe und Rationalisierung der Wirtschaft. 3. Für unsere Fonds, Keren Hajcssod und Keren Kajemeth: Dies ist die Frage des Tempos unserer Arbeit, die heute vom Vertreter der Exekutive hier aufgeworfen wurde. Ich glaube, wir müssen in dieser Linie zwei Typen unterscheiden, die beide ein schnelles Tempo wollen. Die einen brauchen eine konkrete Vorstellung von der Zukunft und haben ein bestimmtes Schema; die anderen jedoch wollen das Maximum herausholen, weil sie die unbedingte Notwendigkeit erkannt haben. Nur dadurch, daß die Menschen siel! aus innerer Not- Wendigkeit, nicht aus äußeren Versprechungen, unlösbar schicksalhaft mit diesem Werke verknüpft fühlen, wird man Menscheu auf Jahrzehnte in einer Spannung halten können. Diese Uebcrzeugung haben wir versucht, für die Arbeit von Keren Hajcssod und Keren Kajemeth fruchtbar zu machen, und die bescheidenen, aber doch bemerkenswerten Ergebnisse, die wir in unserem Versuch, das Palästinawerk materiell zu stützen, erreicht haben, sind auf diese Tatsache zurückzuführen. 4. Es ergibt sich noch eine Konsequenz, die betrifft die Frage der aus unserem Kreise hervorgegangenen Menschen in Palästina. Wir können dafür keine allgemeine l.ösunj» sagen, weil jeder derartige Versuch einer“ Generalisierung dilettantisch wäre. Wir müssen jedoch versuchen, mit Mitteln, die wir aufbringen, das Problem der Seßhaftmachung von Leuten aus unserem Kreise näherzukommen. Es wird uns darauf ankommen, z\nriccllung:.n׳ö;;l::hkeitcn für jene zu schaffen, die mit einigen Mitteln hingehen und ii! diesem Sinne