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Jüdische Rundschau · 1926-08-17 · Heft 64 (17.8.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 64 (17.8.1926)
Date
1926-08-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr, 6* JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife 463 Pann, wenn ihr türkischen Juden euch voll und ganz turkifiziert haben werdet, werden wir zuschen, ob wir in der Lage sind, euch Gleichberechtigung zu gewähren. Vorläufig jedenfalls kann nicht daran gedacht worden, die Beschränkungen, die für Nichtmuselmanen an öffentlichen und halböffentlichen Institutionen festgesetzt sind (750;״ aller Angestellten in öffentliehen Unternehmungen: Banken usw. müssen Türken, d. 11. jach Auffassung der Regierung, Mohammedaner sein), auf-;uheben. Es bleibt nun übrig, auf die Haltung der Juden diesen schmachvollen Bedingungen gegenüber einzugehen. Zunächst muß betont werden, daß man die verantwortlichen Führer der türkischen Judenheit ganz einfach durch beruhigende l rkiarungen seit Monaten irregeführt hat, so daß, als vor einigen Jochen die Forderung der Regierung in ihrer ganzen Bruialität einem kleineren Kreise mitgctcilt wurde, eine allgemeine Bestürzung Platz griff. Und ein Zweites kommt hinzu, ln diesem historischen Moment der Geschichte der Juden jti der Türkei fanden sich jüdische Verräter. Es gibt Oriinde genug, anzunehmen, daß die scharfe Tonart in den Verhandlungen der letzten Zeit durch einen kleinen Kreis bereits turkifizierter Intelligenz — an ihrer Spitze ein gewisser Ferid Asseo Bey — verursacht worden ist. Die konsti- (liierende Versammlung hat mit Bedacht diesen bekannten Renegaten niciit in die mehrmals erwähnte Dreizehncr-Kummission, die die Verhandlung mit der Regierung geführt hat, gewählt. Aber Ferid Asseo Bey fand in seinem Ehrgeiz eine Rolle, und es sei auch nur die des Totengräbers des türkischen Judentums zu spielen, andere Wege nach Angora, und als die Vertrauenspersonen einer immerhin teilweise gewählten Versammlung zum Minister nach Angora kamen, fanden sie Ferid Asseo Bey bereits im Zimmer des Ministers vor. Von ihm und dem kleinen Kreis seiner Freunde wurden die Forderungen der Regierung formuliert, von ihm und seinen Freunden wurde die Regierung zum schärferen Vorgehen gegen die jüdische Minderheit, zur Forderung der Assimilierung gedrängt. Und nicht genug damit! Derselbe Kreis, dem im Gegen- Satz zu ähnlichen Erscheinungen in westeuropäischen Ländern nicht einmal angesehene Persönlichkeiten des türkischen Judentums angchören, dieser selbe Kreis von Personen hat es übernommen, für die Erlaubnis der Assimilation auch noch eine anständige Bezahlung vorzuschlagen. Man hat die Vcreinigurig ״Judaeo-Turque“ gegründet mit dem ausgesprochenen Zweck, Ltqs. 150 000, d. h. mehr als 80 000 Dollar, nicht etwa für jüdische philanthropische Institutionen, nicht etwa für die zugrunde gehenden jüdischen Schulen, nicht etwa für die hungernden Kriegswaisen und auch nicht für gemeinsame jüdisch-türkische philanthropische Zwecke, sondern - man höre und staune — für die türkische Luftflotte zu sammeln. Und der Plan der Verräter geht noch weiter. Die Aussichten, dal! die Vertreter des türkischen Judentums — sogar die Notabeln-Vcrtreter — auf die schmachvollen Forderungen der Regierung eingeheu, sind zurzeit wenigstens sehr schwach. Denn auch in den national gleichgültigen Kreisen haben die Forderungen der Regierung, die einen Eingriff in den religiösen Kultus der Juden darstellen, größte Erbitterung hervorgertifen. Jedenfalls aber wird sich bei der heutigen Lage kaum eine Vertretung der Juden bereit finden, ohne eine eingehende Beratung und Befragung der Massen einen solchen Verzicht auszusprechen und che Vorschläge der Regierung anzunehmen. Deshalb plant die Gruppe von Ferid Asseo Bey nach dem Vorbilde gewisser Versuche innerhalb der griechischen Minorität, die aber von der nationalen Empörung der griechischen Bevölkerung schnell erstickt wurden, v o n 1 s i c h aus einen solchen Verzicht auszusprechen, um dadurch das türkische Judentum vor ein fait accompli zu stellen und der Regierung eine Sicherung gegenüber etwaigen Interventionen der Signatarmächte des Lausanner Vertrages zu schaffen. Ueberfliissig zu sagen, daß wir mit größter Sorge die Entwicklung der Dinge, die sich immer kritischer gestalten, verfolgen. Abgesehen davon, daß die Annahme der Regicrungsvorschlägc, die das Ende des türkischen Judentums als eines nationalen Judentums, daß cs jahrhundertelang gewesen ist, bedeuten würde, müssen wir schon aus allgemeinen politischen Gründen eine Verzichterklärung als sehr gefährlich ansehen. 1501111 es unterliegt keinem Zweifel, daß das türkische Judentum mit einem Verzicht auf seine Minoritätenrcchtc, und der Annahme dieser aufoktroyierten Verfassung sich die Feindschaft der Griechen und Armenier zuziehen würde. Das ausgesprochene Ziel der Regierung ist es ja eben, sich der jüdischen Minorität zu bedienen, um Griecheii und Armenier, die soweit gefährlicheren Konkurrenten der Nationaltürken, in ihrer nationalen Existenz zu bedrohen. Die jüdische Minorität muß aber auch die Gefahren im Auge behalten, denen das griechische Judentum ausgesetzt ist, wenn es sich im Konflikt der Minoritäten mit den Nationaltürken heute auf die Seite der Türken schlägt, ohne daß irgendwelche Zusicherungen gemacht wären, die die Weiterexistenz einer jüdischen nationalen Gemeinschaft gewährleisten. Gewiß ist die Einmischung internationaler Faktoren und fremder Mächte in die Angelegenheiten eines Landes immer eine mißliche Sache. Zuweilen aber muß man, will man nicht damit einverstanden sein, daß feierlich verbriefte Rechte und ernst gemeinte Verträge als ,,ein Stück Papier‘“ betrachtet werden, dennoch zu diesem Mittel greifen. Es ist unsere Pflicht, an das Gewissen der Welt zu appellieren, wenn jüdische Rechte mißachtet werden, wenn ein Teil unseres Volkes vergewaltigt und von nationalem Untergang bedroht ist. Wir haben dieses Recht nicht nur, wenn es sich um große Massen handelt, wir müssen unsere Pflicht auch dann tun, wenn die nationale Existenz von ״nur‘“ 150 003 Seelen auf dem Spiele steht; und wir können das mit um so größerem Recht, und sind als Minderheitsvolk katexochen zu einem solchen Vorgehen um so mehr verpflichtet, als cs sich in der Türkei nicht nur um das jüdische Problem handelt, sondern um das Schicksal der Minderheiten dieses Landes überhaupf. Das türkische Judentum aber seinerseits muß, was es bisher versäumt hat, mit größter Beschleunigung darangehen, die Fühlung mit anderen Minoritäten, mit Griechen und Armeniern, aufzunehmen, die gemeinsamen Nöte gemeinsam zu besprechen. Auch der Versuch, doch noch mit Angora zu einer Verständigung zu kommen, muß gemacht werden. Dann aber soll das türkische Judentum eine klare Darstellung seiner Lage und der Lage der bedrohten Minoritäten der Türkei überhaupt, dem Minoritätenkongreß, der im August Zusammentritt, unterbreiten. Die Minderheiten Europas organisieren sich heute. Die unhaltbare Idee des Nationalstaates bricht zusammen. Immer mehr wächst das Verständnis für die vielfältigen Probleme der Nationalitäten in dem Staatswesen anderer nationaler Majoritäten. Die Minderheiten fast aller Völker Europas finden sich auf diesem Kongreß zusammen und suchen gemeinsam eine Lösung der Schwierigkeiten, die das Problem des Zusammenlebcns verschiedener Völker auf demselben Territorium gewiß mit sich bringt. Vor dieses Forum und vor das Forum des Völkerbundes mögen die Vertreter der türkischen Judenheit treten und ihre Sache, die gerechte Sache des Willens zurr! kulturellen Eigenleben führen. Wir sind gewiß, daß die neue Türkei einer Mahnung des Völkerbundes, die auf eine öffentliche Diskussion der Minoritätenfragen in der Türkei auf den Minoritätenkongreß hin erfolgen würde, keinen Widersfand leisten wird. Die Verzichterklärung erfolgt Konstantinopcl, 8. August. (J.T.A.) In dieser Woche tagte hier die Nationalversammlung der türkischen Juden, die von 70 Delegierten besucht war. Nach einer Ansprache des Oberrabbiners der Türkei berichtete der Vorsitzende der Drei/ehncrkommission über die Verhandlungen mit der Regierung, woraufhin die Versammlung die folgenden Entschlüsse faßte: 1. Die Juden der Türkei erklären feierlichst ihren Verzieht auf die ihnen laut dem Lausanner Vertrag z 11 k 0 in - mendtn M i 11 o r i t ä t s r e c h t e. 2. Die Regierung wird ersucht, auf die Verwaltung der Gemeinde, ihre Wohltätigkeits-, Schul- und andere Institutionen ihr Augenmerk zu richten und Mittel bereitzustellen, um die moralische und materielle Existenz der Gemeinde und ihrer Einrichtungen zu sichern und ihnen gesetzlichen Schutz zu sichern. 3. Die Regierung wird ersucht, das Gemeindestatut Gesetz werden zu lassen. — Die Dreizehnerkommission erklärte mit Zu- Stimmung der Versammlung ihren Rücktritt, worauf eine Fünfcrkommission, bestehend aus den Herren Hessin Masliali, Ferrid Asseo, Awram Nahon, Moise Cohen und Isidore Galimidi, gewählt wurde, die der Regierung die Resolution 711 überreichen und die weiteren Verhandlungen zu führen haben wird. — In einer weiteren Resolution wurde der Regierung die bedingungslose L 0 y al i t ä t d e r türkischen Juden ausgedriiekt und darauf hingewiesen, daß die Juden niemals daran gedacht haben, auf Rechte, die auf dem Lausanner Vertrag fußen, irgendwelchen Anspruch zu erheben, mögen ihnen solche Rechte welchen Vorteil immer bringen. — Die ganze Versammlung Unterzeichnete die Verzicht’serklärung. (Die vorstehende Nachricht findet ihre Erklärung in der — bereits längere Zeit zurückliegenden — Darstellung unseres Korrespondenten. Es scheint, daß die ״Nationalversammlung“, die den Verzicht ausspraeh, keineswegs aus den wirklichen Repräsentanten des türkischen Judentums bestand, sondern von jener Clique um Ferrid Asseo arrangiert war, die von unserem Korrespondeten nach Gebühr charakterisiert wird. —• Red. ״J. R.“). New York, 13. August. (J. T. A.) Louis Marshall, der Präsident des American Jewish Committee, veröffentlicht heute eine Erklärung, die sich mit den Minoritätsrechten der türkischen Juden befaßt. Er verurteilt in scharfen Worten die Absicht der Rep rasentanten der jüdischen Gemeinden in der Türkei, auf die Minderheitsiechte, die ihnen auf Grund des Lausanner Vertrags zukommen, Verzicht zu leisten und sagt, ein solcher Verzicht wäre schmachvoll und v ö 11 i g n u t z 1 o s. Wiirden die türkischen Juden einen solchen Verzicht wirklich aussprechen, so würden sie. sich der Verachtung seitens aller Freunde wahrer Menschlichkeit und menschlicher Würde preisgeben. (Inzwischen ist der Verzicht auf die Minderheitsrechte seitens der Versammlung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinden in der Türkei bereits ausgesprochen worden.) Die ildische Reltnagsarbeit ii Polen Warschau, 12. August. (J.T. A.) Aus Anlaß der Anwesenheit des europäischen Joint-Direktors, Herrn Bernhard Kahn, in Polen veranstaltete das Zentralcomite für jüdische Rettungsarbeit eine Beratung, zu der Herr Dr. Kahn erschienen war. Den Vorsitz führte der frühere Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde, Herr Bregman, der an Herrn Dr. Kahm Worte des Grußes und des Dankes richtete. Die Herren Grodzienski, Redakteur A. Goldberg, Münz und Liebermann schilderten die Lage der verschiedenen Schichten der polnischen Judenheit und machten Vorschläge zu deren Besserung. Herr Dr. Kahn erwiderte auf alle Ansprachen und sagte, er könne bestimmte Zusicherungen nicht geben, man müsse bedenken, daß der Joint-Drive in Amerika für drei Jahre berechnet ist und außer Polen mehrere andere Länder im Auge haben muß. Unberechtigt sei aber der Vorwurf, daß man Polen nicht genügend ins Kalkül ziehe. Ich bin mir, setzte Dr. Kahn fort, des ganzen Ernstes der Krise bewußt, von der die polnische Judenheit jetzt heimgesucht wird. Es muß dafür gesorgt werden, daß das Rettungswerk einen stabilen und auf bauenden Charakter tragen solle. Vorläufig könne Joint für das polnische Hilfswerk allmonatlich 50 000 Dollar zur Verfügung stellen. Er habe aber seine amerikanischen Freunde auf die Notwendigkeit, das polnische Hilfswerk auf eine breitere Basis zu stellen, aufmerksam gemacht. Herr Dr. Kahn hat eine Studienreise durch ganz Polen angetreten. Sendet rechtzeitig Eure Glückwunschspenden, damit sie im Rosch Haschanah - Ausweis erscheinen! תרפ״ז Jost eure GLÜCI4 WÜNSCHE ROSCH HASCHANAH durch den ICEREN ICAJEMETH Nachlese Die Hauptschlacht im Fall Haas ist geschlagen. Der unschuldig in Haft gehaltene Jude befindet sieh in Freiheit. Die Machenschaften der Magdeburger Richter liegen klar vor aller Augen. Mögen die Faktoren, denen die verantwortungsvolle Sorge für die Entwicklung Deutschlands obliegt vom allgemein staatlichen Standpunkte die Nutzanwendung aus dem Magdeburger Justizskandal ziehen. Unseres Amtes ist inEvidenz zu halten, inwiefern die Magdeburger Affäre die Juden als Juden angeht. Mit Genugtuung können wir fcststellcn, daß die jüdische Ocffentlichkcit in der Beurteilung der Magdeburger Ereignisse ziemlich einmütig war und die Hintergründe dieser Skandalaffäre richtig beurteilt hat. Spät aber doch beschäftigt sich die ״C. - V. - Z e i t u ון g“ mit dem Fall Haas. Wir stehen nicht an zu erklären, daß die Darstellung der Affäre und die Folgerungen, die in der ״C.-V.-Zeitung“ aus dem Magdeburger Vorfall gezogen werden, durchaus zu treffen. Desgleichen beleuchtet der Frankfurter ״Israelit“ die Angelegcnhcit ganz richtig. 1 >as ״J ii d i s c h e Woche 11 b I a 11“ Frankfurt stimmt in der Beurteilung des Falles Haas mit der Ansicht aller mit den tatsächlichen Verhältnissen in Deutschland und in der deutschen Justizpflege vertrauten Beobachtern überein. Von den Aufsätzen in der nicht jüdischen Presse verdien! der Artikel Stefan Großmanns im ״Tagebuch“ vom 1-1. August besondere Erwähnung. Grofiuianu veröffentlicht einen vom 21. Mai 1027 datierten Verhandlungsbericht der Htigenberg-Presse über den Mordprozeß Helling, wie er hätte kommen müssen, wenn es ungestört nach den Absichten Köllings und Tenholts gegangen wäre. Ztisammenfasscnd kann man ohne Uebertreibung sagen, daß die seit Jahrzehnten von den Zionisten gelehrte Betrach־ tungsweise judenfeindlicher Vorkommnisse geradezu Allgemeingut der jüdischen Ocffentlichkcit geworden ist. Die Versuche zu beschönigen und die Juden einzuschläfern sind im Falle Haas nicht wiederholt worden. Diese Stellungnahme bedeutet vom jüdischen Standpunkt aus einen Fortschritt. Ist einmal die Diagnose richtig gestellt, so kann man hoffen, daß man zu einer vernünftigeren Therapie gelangen wird als man sic bisher angewendet hat. Originell ist die Stellung des ״Hamburger Israelitischen Familicnblattcs“. Sein Artikelschrcibcr kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie die anderen jüdischen Zeitungen. Er ist sich klar darüber, daß Haas wegen seines Judentums und seiner Gesinnung zu Unrecht beschuldigt wurde. Er sieht ein, daß Köiling keine Ausnahmserscheinung, sondern ein Gattungsbegriff ist. Er erkennt schließlich, daß eine Besserung aer Verhältnisse für die Juden in Anbetracht der Mentalität der deutschen Richter für absehbare Zeit nicht zu erwarten ist. Aber diese Ausführungen würzt er gänzlich unmotiviert mit An rempc Jungen des Zionismus und der zionistischen Presse. Er wirft dieser vor, daß sie zwischen Magdeburg und dem Fall Lessing einen — naheliegenden! — Zusammenhang findet, stellt aber selbst ungeniert eine Analogie zwischen Magdeburg und Steiger-Prozeß her. Er behauptet ferner, daß der Verfasser eines in der zionistischen Provinzpresse erschienenen Aufsatzes über den Fall Haas die ganze Affäre mit einem nassen und einem trockenen Auge betrachtet, womit er sagen will, daß die Zionisten sich über diesen Fall als Agitationsstoff freuen. Ganz unmotiviert erwähnt er zwischendurch, daß die Araber in Palästina die ’ Zionisten nicht mit Rosen bestreuen. Diese Bemerkung macht er deswegen, weil in der zionistischen Presse der Fall Lessing, die Ritualmord-Legende in Breslau und der Fall Haas als Begleiterscheinungen des Golus dargestellt wurden. Wo bleibt da die ״Neutralität“, auf das sich das ״Fsnrilienbtatt״ sonst soviel zugute tut? Eine Ausnahme ist in der Stellungnahme von Juden in bezug auf den Fall Haas zu verzeichnen: natürlich ein langer Aufsatz des ״Ehrenvorsitzenden“ des Verbandes nationaldeutscher Juden Max Naumann in der antisemitischen Berliner ״Bö r s e n-Zei t u n g“. In• diesem Aufsatz zieht Naumann eine Parallele zwischen dem Fall Haas und der Dreyfus-Affäre. Seine Stellungnahme zur Drevfus-Affäre verdient bekannt zu werden. Sie ist originell: ״Erinnern wir uns noch der echten, der französischen Drcy fus-Affäre? Als wir, die heute Aelteren, sie vor Jahrzehnten fern vom Schuß erlebten, war sie uns ein Wirrsal sich kreuzender Zweifel, ein Gemisch von fassungslosem Staunen und menschlicher Anteilnahme, von gekränktem Rechtsgefühl und — seien wir ehrlich — instinktiver Befriedigung ob der Sclbstzerfleischung des gefährliehen Nachbarvolkes. Wir bedauerten das Opfer, an dessen Schuld kaum ein Deutscher ernstlich glaubte, wir bewunderten die wenigen Ehrenmänner, die, persönlich unbeteiligt, aus reinem Gerechtigkeitssinn sich dem Haß und der hem• mungslosen Wut einer zur Parteiraserei aufgepeitschten Menge preisgaben. Und wir waren als Menschen zufrieden, aberals Deutsche doch ein wenigenttäuscht, als schließlich die Wahrheit siegte, als die Wogen der Erregtheit verebbten und am Ende das Volk, das unsere Gren• zen seit Jahrhunderten unablässig bedroht, sich doch wieder zur nationalen Einheit zusammenschloß.“ Naumann stellt Köiling ein Wohlverhaltungszeugnis aus und bezeichnet die Stellungnahme der jüdischen Presse zugunsten von Rudolf Haas als das Eintreten der jüdischen Sippe für einen Stammesgenossen, ohne sich erst lange mit der Frage von der Schuld oder Unschuld dieses Genossen zu beschäftigen. Naumanns Stellungnahme, die uns nach seiner Vergangenheit keineswegs in Erstaunen setzt, fand im ״Vorwärts“ in einem Artikel ״Juden und Antisemiten Hand in Hand“ eine entsprechende Beleuchtung. Der ״Vorwärts“ schreibt 11. a,: ״Das (ein Nothelfer) ist nämlich der jüdische Rechtsanwalt Dr. Max Naumann, Gründer des Verbandes deutschnationaler Juden, der ausgerechnet die antisemitische ,Börsenzeitung‘ benutzt, um die Methoden des Köiling zu beschönigen! Das ist leider gar nicht mehr befremdlich. Auch nicht, daß der jüdische Anwalt die Aufdeckung des Magdeburger Justizskandals in literarischer Verbrämung - er zitiert sogar Anatole Frances ,Insel der Pinguine‘ — all eine Mache des versippten Judentums darstellt. Das war bisher zwar den Antisemiten in Reinkultur vorbehalten — nicht einmal Hilgenberg hat sich soweit verstiegen —, aber wenn der Führer der dcutschnationalen oder ,nationaldeutschen‘ Juden es in einem antisemitischen Börsenblatt schreibt, dann wird man keine Ursache haben, den Wulle oder Sodenstern besonders gram zu sein.“ Da es erfahrungsgemäß bei Naumann zum Sport gediehen ist, jeder Kritik durch einen Gang zum Kadi zu begegnen, so ist es wahrscheinlich, daß er den ״V 0 rw ä r t s“ gerichtlich belangen wird. Wir sind neugierig, ob auch in diesem Falle der Reichstagsabgeordnete, Volksbeauftragte und gewesene Gesandte Dr. L a n d s b e r g , der Herrn Naumann bei seiner Preßklage gegen die Breslauer ״Jüdische Zeitung für Ostdeutschland“ Rechtshilfe geleistet hat, die Verfretung des Herrn Naumann gegen den ״Vorwärts“ führen wird. M. W. Die Zahl der jüdischen Arbeiter in Tiber ias hat sich in letzter Zeit fast verdreifacht. Tiberias zählt jetzt etwa 3C0 jüdische Arbeiter.

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