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Jüdische Rundschau · 1926-08-17 · Heft 64 (17.8.1926) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 64 (17.8.1926)
Date
1926-08-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64 Nr. 64 Seife 462 1 erklärt M:!u.,chcl, er sei der Verteidiger und Hüter der Religion; er wagt es, von den Propheten zu sprechen, die sich ja leider dagegen nicht mehr wehren können. Jeder anständige Nichtjiide wird von diesem sich anbicclerudcn T\ pus Juden mit einem bitteren Oeschniack auf der Zunge sich abwenden. Wir Juden sind leider mit ihm zu einer Volkseinheit verbunden und wir müssen zähneknirschend schweigen zu jeder Gemeinheit, die er vollführt, aber er ist für ,uns ein guter Stimulus, denn niemals empfinden wir so deutlich die brennende Schande unseres Golusdaseins und die zwingende Notwendigkeit des Zionismus, wie wenn Manschei uns über den Weg läuft. Die letzte Nummer der ״J ü d i s c h - L i be r a 1 e n Zeitung‘‘ ist ein Dokument unserer Golusschande. Sie ist fast vollständig dem ״gescheiterten Zionismus“ gewidmet. Es ist unter unserer Würde, uns sachlich mit dem publizistischen Abschaum, der dort verspritzt wird, auseinanderzusetzen. Die vier oder fünf Artikel des Blattes, die dem Zionismus gewidmet sind — ob diesmal auch Wechselfülscltcr unter den Verfassern sind, können wir infolge der Psendonymität nicht feststellen — sind so voll von Unsinn, Widersprüchen und Belanglosigkeiten, daß ein Eingehen darauf auch dann nicht lohnen würde, wenn sie in anständigerer Form aufgetischt würden. Das Entscheidende aber ist die Art der Aufmachung und der Ton, der das Niveau minderwertiger völkischer Presseerzeugnisse erreicht, ganz abgesehen von den Todsünden dieser deutschen Nationalisten gegen die deutsche Sprache, Die Freude, mit der hier im Schmutz gewühlt wird, mit der alles zusammengesucht wird, was dem jüdischen Namen Unehre macht, die hämische Schadenfreude über vermeintliches oder wirkliches Scheitern jüdischer Existenzen, die sensationellen, schreienden Ueberschriften, die kindische Oberflächlichkeit des ganzen Geschwätzes, dies alles ist so beschämend für uns — nicht als Zionisten, sondern — als Juden, daß wir absolut nicht begreifen können, wie ein auch nur durchschnittlich gebildetes jüdisches Bürgertum, das doch sonst etwas höhere An- Sprüche zu stellen pflegt, es dulden kann, so ein Zeug vorgesetzt zu bekommen. Begreiflich wird es allerdings, wenn wir bedenken, daß es hinter dieser jüdisch-liberalen Zeitung keine lebendige Bewegung gibt, die ihr Organ kontrolliert, sondern daß dieses Blatt ja das Blatt der jüdisch Uninteressierten ist, die vielleicht aus Rachmones die Zeitung abonnieren, aber sie offenbar nicht lesen. Infolgedessen kann sich eine kleine herrschsüchtige und aus irgendwelchen Gründen gekränkte Clique dort austoben, wie es ihr gefällt. Daß diese Zeitung ihren Lesern nichts Positives zu geben hat, daß die erbärmliche Flachheit, mit der sie die Fragen der jüdischen Religion oder des jüdischen religiösen Lebens manchmal behandelt, keine ־.׳ ■iP Richtung sich in dieser Weise als politisches Revolverblatt demaskiert, ist doch nur durch Psycho-Analyse zu erklären: Es liegt ein Minderwertigkeitskomplex vor; das Bewußtsein der eigenen jüdischen Impotenz soll überkompensiert werden durch hysterisches Geschrei gegen andere. Wir wünschen dieser Nummer der ״Jüdisch- Liberalen Zeitung“ weite Verbreitung. Dieses Dokument wird vielleicht doch den Teil der deutschen Juden, in denen das Ehrgefühl noch nicht völlig erstorben ist, zur Besinnung bringen. Für uns Zionisten aber, die wir Volkspolitik treiben, ist auch diese Psychologie von großer Bedeutung. Denn wenn wir oben sagten, nach unserer Hoffnung würden sich im palästinensischen Werke, schon weil es große Anforderungen stellt, die besten geistigen und sittlichen Kräfte des Judentums entfalten, so muß es uns stutzig machen, daß Mauseliel heute sich auch für Palästina interessiert und dort tatsächlich Erscheinungen findet, die seinem Verständnis adäquat sind. Mit großem Spürsinn findet er dort das Minderwertige und Gemeine heraus, und er stellt es mit heuchlerischem Bedauern fest. Wenn sich solche Leute z. B. über die Boden- Spekulation in Palästina aufregen, so muß doch daran erinnert werden, daß dieselben Kreise in Deutschland und anderswo keineswegs so empfindlich sind und nicht immer untersuchen, womit sich Menschen in ihrem Geschäft befassen, sondern denjenigen ehren, für den der materielle Erfolg spricht. Die Umwertung der Werte, die wir in Palästina durch die moralische Macht des Zionismus bewirken wollen, läßt uns erst auch die Ökonomische Tätigkeit der Menschen unter dem Gesichtspunkt des G e m e i 11 \v o h 1 s beurteilen, aber diese Wertskala darf sich nur der zu eigen machen, der an die Kraft der Idee glaubt Wer mir das Banale überall sieht, den darf doch nicht wundern, daß unter den 100 000 Juden, die nach Palästina kamen, auch viele waren, die damit «;ercehnet haben, sich an der Palästina-Sehnsucht der Massen bereichern zu können. Und wir Zionisten wissen sehr gut, daß in einem solchen Prozeß der Umsiedlung und des kolonialen Aufhaus chaotische und selbst bedenkliche Begleiterscheintuigen 11 n v e r in e i d 1 i c 11 sind. Aber weder der moralische noch der ökonomische Erfolg läßt sich danach beurteilen. Wer etwa Schilderungen liest, die ״Sachverständige“ vor etwa 60 Jahren von der völligen Aussiehtslorfgkeif einer Besiedlung Kaliforniens gaben, wird vorsichtiger im Uitei! werden und wissen, daß nur Narren es sind, die nach unvollendeten Anfängen eine Sache abscliätzcn. Dies betrifft die ökonomische Seite. Was aber die moralische Seite der Sache anlangt, so müßten Menschen, die nur eine Spur wirklicher Be- Ziehung zum religiösen Judentum haben, die Zuversieht haben, daß in einem jüdischen Gemeinwesen die Religiosität des Judentums viel auch im Alltag durchzusetzen streben wird, — so daß wir zwar noch lange kein Idealbild eines Gemeinwesens haben werden, aber die Verworfenheit nicht unangefochten im jüdischen Land sich breit machen wird; was dann wird und wie es wird, können wir nicht sagen, aber wir haben den Glauben an das Judentum. Die Leute, die nirgends das Große, sondern überall nur Ihresgleichen sehen, können wir nur bedauern. Wie arm sind sic, die Armseligen! Rekord-Monat des Keren Hajessod Das Hauptbüro des Keren Hajessod in London teilt mit, daß die Bareingänge beim Hauptbüro im Monat Juli die Rekordziffer von £ 75073 erreicht haben. Die höchste bisher erreichte Ziffer der Monats ei ngänge betrug £ 56236 im Mai 1923. In den Eingängen des Juli sind die Vereinigten Staaten mit £ 29000 vertreten, aus England ist ein Beitrag von £ 25 000 zu verzeichnen, der der Spende von Bernhard Baron zu verdanken ist. Südafrika überwies £ 5000 und bat nunmehr schon die regelmäßigen Monatsüberweisungen auf Konto der ln der Kampagne erzielten Zeichnungen aufgenommen, die Ende Juli schon über £ 106000 betrugen. Kanada überwies im Juli £ 3704 und macht alle Anstrengungen, um im Laufe der letzten Monate des Jahres noch die ausstehenden Zeichnungen im Betrage von 8 100000 einzukassieren und zu überweisen. Deutschland führte im Juli £ 2233 an das Hauptbüro ab, Argentinien £ 2000 und Palästina £ 1661, worin der Betrag von £ 1025 enthalten ist, den der Keren Hajessod aus der Hinterlassenschaft des verstorbenen M. E. Lange für die Universitatsbibliothek empfing. Gesamtpolen überwies im Juli £ 1661, Gesamt-Rumänien £ 869, Jugoslawien £ 769 und die Tschechoslowakei £ 676. Die anderen Länder erreichten mit ihren Ueberweisungen nicht die Grenze von £ 500. Das K. H.-Hauptbüro gibt zu den Ziffern den folgenden Kommentar: ״Die im Juli erzielte Rekordziffer darf nicht darüber täuschen, daß die Lage in Palästina keineswegs ohne schwere Sorge betrachtet werden darf. Bevor das neue Arbeitsjahr mit seinem neuen Budget beginnt, sind noch sehr große Verpflichtungen aus der laufenden Arbeit zu erfüllen. Es muß mit allen Mitteln darauf hingearbeitet werden, eine Erhöhung der Defizite zu vermeiden, zumal die Arbeitslosen- Ziffer in Palästina nicht gefallen ist und sich daraus die Notwendigkeit neuer Notstandsarbeiten ergibt. Das Direktorium des Keren Hajessod fordert alle K.H.-Komitecs und alle Mitglieder des Keren ,Hajessod auf, die allergrößten Anstrengungen zu machen, um die Ueberweisungen an das Hauptbüro zu vergrößern. Die Uebersiedlung des Hauptbüros von London nach Jerusalem darf nicht mit einem Rückgang der Ueberweisungen zusammenfallen, durch den der Keren Hajessod bei seinem Einzug in Jerusalem von vornherein in eine Zwangslage versetzt würde.“ Der Genier Mlnderheilenkongreß Wie schon mitgeteilt, wird Id Genf vom 25. bis 27. Aug. der zweite Kongreß der europäischen Minderheitsnationen abgehalten Werdas, attf welchem die jüdischen MHtädr* 'Urttet lrPotth, der baltischen Staaten, der Tschechoslowakei, Oesterreich usw. durch etwa 20 Delegierte vertreten sein werden. Die soeben festgesetzte Tagesordnung des Kongresses enthält u. a. folgende Hauptpunkte: 1. Die Frage der Sicherheit der kulturellen Freiheit, 2. die Regelung der Sprachenfrage, 3. die Sicherheit der Gleichheit der ökonomischen Beziehungen, 4. das Bürgerschaftsrecht und das Wahlrecht der Minderheiten und 5. die Lösung von Streitigkeiten zwischen Regierungen und nationalen Gruppen. Die Zahl der Juden in Palästina ״Mi schar Wetaasia“ vom 25. Juli veröffentlicht Angaben der Gesundheitsabteilung der Palästinaregierung über die Zahl der jüdischen Einwohner Palästinas. Laut den Angaben der amtlichen Zählung vom Jahre 1922 gab es damals in Palästina 83 794 Juden, d. s. 1t,50/0 1. Januar 1924: 91000 ״/״11,7 ״ ״ ״ 1. lanuar 1925: 10400» ״/״12,9 ״ ״ ״ 1. Januar 1926: 138000 ״/״16,2 ״ ״ ״ 1. Juni 1926: 147 000 ״/»17,0״״ ״ der Gesamtbevölkerung. Laut Schätzungen jüdischer statistischer Kreise, schreibt ״Mischar Wetaasia“, soll jedoch die Zahl der Juden am 1. Juni 1926 bereits gegen 175 000 oder 19,6«/״ der Gesamtbevölkerung betragen. (Ziko.) Die Arbeitslosigkeit ״Mischar Wetaasia“ veröffentlicht folgende Zahlen über die Arbeitslosigkeit in Palästina: Die Arbeitslosigkeit stieg in der Zeit vom Juli bis Dezember 1925 allmählich an und betrug im Juli 300, August 950, September 975, Oktober 1750, November 2000 und Dezember 2700. Rapide zu wachsen begann sie im Jahre 1926 und betrug im Januar 4729, Februar 4741, März 4902, April 5657, Mai 6113 und Juni 6400. Sic hat demnach vom Januar bis Juni um 1671 zugenommen. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß in der ersten Hälfte dieses Jahres gegen 5000 Arbeiter neu cingewandert sind, von denen demnach über 3000 Beschäftigung finden konnten. Von den Arbeitslosen sind 3500 in Tel-Awiw, 1503 in H a i f a und 300 in J e r u s a 1 e m. Der Arbeitsmangel macht sich jetzt, vor Aufnahme der Erntearbeiten, auch in den Kolonien bemerkbar. Besonders stark ist die Arbeitslosigkeit unter den Bauarbeitern; Tel-Awiw zählt derzeit gegen 2000 arbeitslose Bauarbeiter und Haifa 630. (Ziko.) ArbeiterzIMnng in Palästina Die statistische Abteilung der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Palästina (Histadruth) hat beschlossen, am 1. September eine allgemeine Zählung aller Arbeiter in Paläitina durchzuführcn. Gezählt werden sollen alle Lohnarbeiter, ohne Rücksicht darauf, ob sie Mitglieder der Histadruth sind oder nicht, alle Mitglieder der Kwuzoth, Moschawim•‘ und Kooperativen, die Mitglieder der Histadruth sind, Lehrer, Angestellte und Beamte (außer Leitern), die gegen Lohnarbeiten, angcsteilte Acrztc und Apotheker und alle Arbeitslosen, auch wenn sic im Arbeitsbüro nicht registriert sind. (Die erste, von der Histadruth durchgeführtc Zählung fand vor vier Jahren statt.) In Palästina wurde dieser Tage ein Verband Von jüdischen Vegetarianern gegründet, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, eine landwirtschaftliche Kolonie von Vegetarianern zu gründen. (Ziko) Die neue Wendung in der Türkei Von unserem Korrespondenten Dr. S. W. Der nachfolgende Artikel verdient insbesondere in Hinblick auf den bevorstehenden Minoritätenkongre!; in Genf größte Beachtung. Red. Es wurde hier vor einiger Reit über die Entsendung der jüdischen Delegation nach Angora berichtet. Monatelang schien es, als ob die treibenden Kräfte innerhalb der türkischen Regierung, die vom türkischen Judentum eine Verzichterklärung auf seine durch den Lausanner Vertrag garantierten Minderheitsrechte fordern, besserer Einsicht geworden wären. Es gelang, ein gutes Verhältnis mit dem Abgesandten des Innenministeriums, der zur Wetterführung der Verhandlungen nach Konstantinopel gekommen war, herzustellen. Man bereitete die von der Regierung verlangten Memoranden vor, und es sah eine Zeitlang so aus, als oh die Vorschläge der jüdischen Organisationskonimission doch schließlich in den wesentlichen Punkten von der Regieruu״ angenommen werden würden. Um so stärker war dann die Enttäuschung, die die endgültige Antwort der Regierung brachte. Die Abänderungen, die die Regierung an den Vor- Schlägen der Organisationskommission vorgenommen hat, bcdeuten die Vernichtung der Gemeinschaft des türkischen Judentums. Die Regierung erstrebt ganz klar die T u r k i f i - zierung der jüdisch-nationalen Minderheiten, und was die Lage noch kompliziert, sie will die Juden gebrauchen, um mit ihrer Hilfe auch gegen die anderen Minoritäten vorzugehen. Die Organisationskommission hatte einen Entwurf für die Organisierung des türkischen Judentums vorgelegt. Die Regierung lehnt es kurzerhand ab, über diese Frage zu verhandeln. Sie ist nur bereit, über gewisse technische Fragen, die mit der Organisation der jüdischen Bevölkerung in K011stantinopel Zusammenhängen, zu verhandeln. Die eigentümliche geographische Lage Konstantinopels und die Art der Siedlung der Juden in den verschiedenen Stadtteilen Konstantinopels, macht eine besondere Organisation, die in gewisser Weise dezentralisiert sein muß, notwendig. Das Projekt der Organisationskommission sah diese notwendige Dezentralisierung vor, konstituierte aber gleichzeitig eine zentrale Gesamt- Vertretung dieser zahlenmäßig sehr bedeutenden Konstantinopler Judenheit, nachdem die Regierung, wie gesagt, Vor- Schläge, die sich auf die Organisierung des Gesamtjudentums der Türkei bezogen, abgclehnt hatten. Auch diese Anträge, die eine zentrale Vertretung des Konstantinopclcr Judentums vorsahen, wurden von der Regierung abgelehnt. Nachdem seinerzeit die Regierung der Kommission bereits erklärt hatte, daß das Steuerrecht einer nichtstaatlichen Organisation nicht gcgeben werden könne, Hatte man Zwangsbeiträge bis zur Höhe von Ltqs. 24.— —1 so hoch dürfen nach dem türkischen Vercinsgesetz Mitgliederbeiträge sein — gefordert und wollte für die reicheren Steuerzahler das System der Donationen einführen. Auch diese Forderung wurde von der Regierung abgelehnt. Dagegen zeigte die Regierung in einem Punkt eine gewisse Nachgiebigkeit: sic erklärte sich damit cinverstanden, daß die Gemeinden — wohlgemerkt die einzelnen Gemeinden in den verschiedenen Stadtteilen Koiistantinopels und nicht etwa die zentrale Gemeinde — eine Flcischstcuer analog der Koropka oder der Gabelia erbeben und daß die Gemeinden das Recht des Mazzothbackens haben sollten. Aber, auch für die Durchführung dieser Maßnahmen wird jede staatliche Hilfe abgelehnt. Damit wird also lediglich die Möglichkeit einer höchst ungerechten, vor allem die ärmere Bevölkerung treffenden Steuer gegeben, abgesehen davon, daß wahrscheinlich eine Anzahl Gemeinden dieser, kÜnstiiSh; zersplitterten Judenheit Konstäritttiöpelr von sich" aus gar nicht imstande sein werde, die erforderlichen Institutionen zu schaffen bzw. Angestellte zu besolden, um diese Maßnahmen durchzuführen. Und während bisher durch die Zentralisierung gewisser Rechte beim Großrabbinat dieser zentralen Instanz laufende Einkünfte gesichert waren, aus denen die religiös und kulturell wichtigen Anstalten unterstützt werden konnten, ist jetzt mit dem Fortfall dieser zwangsmäßig einlaufenden Beiträge die Existenz zahlreicher Institutionen in Frage gestellt. Die Regierung will sich aber in Zukunft, wie es scheint, noch ganz anders auch in die internen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft einmischen, und man bleibt nicht bei den Lebenden stehen. Dem Toten wird es verwehrt werden, auf einem eigenen jüdischen Friedhof beerdigt zu werden. Die europäisierte Türkei schafft Munizipalfriedhöfe mit Abteilungen für die verschiedenen Konfessionen. Fragen wir uns, warum dieser ״Fortschritt“, so gibt uns sehr schnell eine Antwort die Verfügung der Regierug, daß die jüdische Beerdigungsorganisation, die ״Chcvrah Kadischah“, nicht berechtigt ist, für Beerdigungen irgendwelche Gebühren zu nehmen. Diese fallen vielmehr der Stadt zu: wohlgemerkt: bei wohlhabenden Leuten. Es ist aber der ״Chewrah Kadischah“‘ überlassen, die Armen auf ihre Kosten zu beerdigen. Und damit nicht genug. In allen europäischen Staaten und auch im bolschewistischen Rußland, das doch prinzipiell eine feindliche Steilung zur Religion einriimmt, Hat man sich in die internen Angelegenheiten des religiösen Kultus nicht eingemischt. Der modernen Türkei, der ״aufgeklärten Regierung“ Kemal Paschahs, war es Vorbehalten, auf diesem Gebiete neue, bisher noch nicht gesehene Leistungen zu vollführen. Es ist schon lange, daß man den Großrabbiner in der Türkei zum Basch-Chacham, zum Oberrabbiner von Konstantinopel, gemacht hatte. Jetzt geht man weiter. Mail schafft kurzerhand das Bcth-Din ab, und der künstlich zersplitterten Konstantinopeler Gemeinde bleibt neben dem Basch-Chacham, dessen Funktionen völlig unklar und jedenfalls völlig bedetitungslos _ sind, für die Gemeinde jedes Viertels statt der Chachamiin ein Vorsteher, ein Chacham. Die Leser der ״Rundschau“ erinnern sich vielleicht des Sturmes der Entrüstung, der sich in der jüdischen Presse erhob, als vor einiger Zeit in der Warschauer Gemeinde die Regierung Polnisch als Verhandlungssprache forderte. Oie polnische Regierung hat ein Einsehen gehabt und nacligegeben. Der Kenntnis und der Kritik des europäischen und amerikanisehen Judentums und der Kulturwelt weiter entfernt, dekretiert die kernalistische Regierung kurz und bündig das Verbot jeder anderen als der türkischen Sprache in den Verband- Jungen der Gemeinden. Und mit dieser kulturellen Vcrgewaltigung der Verwaltung geht Hand in Hand die Turkifizierung der Schulen, über die neulich schon berichtet wurde. Das sind im wesentlichen die wichtigsten Forderungen, die die türkische Regierung an das türkische Judentum stellt. Aber die Staatsmänner der neuen Türkei zeigen, daß sie die Methoden des Despotismus, die Methoden Abdul Hatuidscher Politik noch nicht vergessen haben. Dies sind -- so teilte man den Abgesandten des türkischen Judentums mit -- die Forderungen, die das türkische Judentum gleichzeitig mit der speziellen Verzichterklärung auf die Minoritätenrechte des Lausanner Vertrages an die türkische Regierung richtet, und um deren Erfüllung es untertänigst bittet. Mit diesem Organisationsstatut des türkischen Judentums und mit der Verzichterklärung der Juden auf ihre Minoritätenrechte werden wir dann, so ließ man bei den Verhandlungen d 11 rehblicken, zu den anderen Minderheiten, zu Griechen und Armeniern, kommen und von ihnen unter Berufung auf die ״loyale'“ Haitung der jüdischen Minorität ebenfalls entsprechende Organisationsvorschläge und entsprechende Deklarationen fordern. 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