Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 63 (13.8.1926)
- Date
- 1926-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 63 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 455 Möglichkeiten zu sprechen, die Eingänge des Keren Hajessod im kommenden Jahre beträchtlich zu erhöhen. Diese Ver- Handlungen, an welchen ebenfalls Weidmann entscheidenden Anteil hatte, waren erfolgreich. Eine ernste Prüfung der Lage und der Arbeitsmöglichkeiten von seiten Dr. Wcizmanns und des Direktors des Keren Hajessod, Dr. Fcivvcl, einerseits, der Führer der Landcsorganisationcn andererseits, führte zu ganz bestimmten Zusagen der letzteren, durch welche die Eingänge des Keren Hajessod im kommenden Jahre nahezu um die Hälfte erhöht weiden sollen. Das schuf die Möglichkeit, ein Budget aufzustellen, das wenigstens die notwendigsten Erfordernisse der Arbeit in Palästina deckt und eine befriedigende Weiterführung der Siedhmgsarbeit gewährleistet. Es ist aber nicht zweifelhaft, daß es harte Arbeit kosten wird, diese Zusagen zu realisieren. Die Aussichten sind günstig. Das Hauptbüro des Keren Hajessod verlegt schon in den nächsten Wochen seinen Sitz nach Jerusalem und dieser enge Kontakt der Leitung unserer Propaganda mit der Wirklichkeit des Lebens in Palästina wird sicher neuen Schwung und neue Energie auch in die Tätigkeit aller Landesstellen des Keren Hajessod bringen. Dr. Weizmann fährt im Herbst nach Amerika und die amerikanischen Zionisten sind voller Zuversicht, mit seiner Hilfe die großen Leistur,gen, die von ihnen erwartet werden, auch wirklich vollbringen zu können. Die Länder von Mittel- und Osteuropa leiden immer noch schwer unter der wirtschaftlichen Depression, die naturgemäß auch auf unsere Arbeit einen starken Einfluß hat; doch sind ihre Arbeitspläne für den kommenden Winter eben jetzt in London eingehend besprochen worden und es ist zu hoffen, daß auch hier die neue Zuversicht und das gestärkte Sclbstbewußtsein der Zionistischen Organisation in erhöhten Erfolgen des Keren Hajessod seinen Ausdruck finden wird. Auch die zionistischen Sonderverbände, der Misrachi und die sozialistischen Gruppen, haben erklärt, daß sie bedingungslos für die Arbeit des Keren Hajessod eiutreten und zu jeder Leistung bereit sind, die das Interesse des Keren Hajessod von ihnen fordert. Die Debatte über den Keren Hajessod während der L011dotier Sitzung hat zur Arbeit und Propaganda des Keren Hajessod selbst im Grunde keinen neuen Gedanken hervorgebracht, cs wäre denn die Erkenntnis, daß der Keren Hajessod der notwendige Anfang, die erste Stufe einer Entwicklung ist, die über seine heutigen Formen weit hinausgehen wird. Vielleicht kann aber auch eine Beratung wie die des Aktions- Comites keine Beschlüsse für die tägliche Arbeit produzieren; sie kann Voraussetzungen schaffen, sie kann vor allem die notwendige Stimmung, den Willen zur Tat hervorbringen. Und in dieser Beziehung hat die Aktions-Comitd-Sitzung in London gutgemacht, was frühere Tagungen sündigten. Wir hatten uns fast schon daran gewöhnt, daß zionistische Beratungen, Kongresse und Aktions-Comite-Sitzungen nicht zu einer Kräftigung, sondern zu einer Schwächung der Zuversicht führten, daß unsere tägliche Arbeit, statt von den fmpulsen solcher Tagungen getragen zu werden, gegen ihre Auswirkung ankämpfen mußte. Diesmal ist es anders gewesen. Die ganze schwere und ernste Tagung war erfüllt von jenem Geiste, der wiederum am schärfsten und klarsten in Weizmanns Keren Hajessod-Rede ausgedrückt ist, in den Worten:;1״Argumente helfen solange in Verhandlungen, ״als bei dem anderen Partner der Glaube vorhanden ist, daß wir selbst die Fähigkeit haben, ein wirklich großes Werk zu vollführen. Diesen Glauben können wir einflößen, wenn wir ihn selbst haben.“ London, den 4. August 1926. Dr. Hugo Herrmann. Eide der Blia Weiß Werkstitten Wie aus Jerusalem gemeldet wird, mußten die Blau- Weiß-Werkstätten infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten zur Liquidation schreiten. Das Unternehmen, das hoffnungsvoll begann und an dem zahlreiche deutsche Zionisten begreiflicherweise lebhaft interessiert waren, ist ein Opfer der allgemeinen Krise geworden, da es nicht gelang, den 1' trieb auf die heutigen palästinensischen Verhältnisse ohne große Verluste umzustellen. In der Zeit ihres Bestandes hatten die Werkstätten einen guten Ruf, begründet vor allem in der Tüchtigkeit ihrer Arbeiten; leider war die Wirtschaftliehe Seite nicht ebensogut organisiert. Der Zusammenbruch der Blau-Weiß-Werkstätten wird fraglos in weiten Kreisen des deutschen Zionismus lebhaft bedauert werden. unserer Tage finden keinen Widerhall, und Hand und Mund werden der nutzlosen Arbeit müde. In den Zeiten solcher Verarmung Ist es auch schwer, das Erscheinen großer Talente und mächtiger, lebenerfüllter Bewegungen zu erwarten, Armut macht blutleer. Pflicht des zionistischen Publikums ist es, der hebräischen Literatur zu Hilfe zu kommen, ihr ein Publikum zu geben, Möglichkeit des Gedrucktwerdens, Möglichkeit des Lebens. Ein Weiser, wie Achad Haam, auf dessen Lebenswerk, das ausschließlich der Erziehung des Judentums gewidmet war, jedes Volk stolz wäre, begeht seinen 70. Geburtstag, wo ist das Echo, das dieses Ereignis im Volke, ja auch nur unter seiner Intelligenz findet? Ein hebräischer Dichter wie Tschernichowski, der zu den Klassikern der neuen Literatur gehört, lebt in Not. Vielleicht der glänzendste Publizist der gegenwärtigen hebräischen Literatur, J. Wilkanski, ein Mann, der in jahrelanger wissenschädlicher und praktischer Arbeit, wertvolle Erkenntnisse auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation gesammelt hat, bleibt unbeachtet. Dabei aber liest man oft in der zionistischen und palästinensischen Presse von den Rechten des Fünfzehnmillionenvolkes, eines Volkes, dessen Herzen, wie die Verfasser der Artikel gewöhnlich hinzuzufügen vergessen, weder Palästina noch der hebräischen Literatur zugewandt sind, und das auch gar nicht in uns seine Repräsentanten sieht. Eine große Erziehungsarbeit liegt vor uns. Sich aber von dem Schicksal der neuhebräischen Literatur abzuwenden und etwa das Heil davon zu erwarten, daß in- und außerhalb Palästinas ein jüdisches Geschlecht heranwächst, fremd dem Buche und den Werken des Geistes, heißt das Judentum aufgeben, das Lernen war, Dienst am Geiste, der im Schrifttum seinen Niederschlag fand. Lebendiges Verhältnis zur Literatur des Volkes, zur ringenden und unter schwersten Verhältnissen kämpfenden, armen und mit vielen Makeln behafteten hebräischen Literatur kt nicht Luxus einer Intelligenzklasse sondern ist Voraus- Setzung jedes nationalen Lebens. Wir müssen versuchen, der hebräische־’ Literatur eine Gemeinde zu schaffen! Akklimatisierung Von Gerda Arlosoroff-Goldberg (Jerusalem). Motto; ״Doch mein Divan bleibt weitweitUch“ . . .? In den letzten Jahren ist die Zahl der deutschen P a 1 ä s t i n a w a 11 d e r e r erheblich angewachsen. War früher der deutsche Jude im Lande fast eine Ausiiahmeerscheinung, so haben sich heute auf dem Lande und in den Städten ganze Kreise von Deutschen gebildet, abgesehen von den einzelnen, die an den verschiedenen Stellen verstreut sind. Die Eingliederung dieser Elemente in das ״Palästincnscrtum“ ist ein umfangreiches und nicht leichtes Problem, eine Frage, die für alle, oder fast alle Teile der deutschen Einwanderer besteht und die selbstverständlich je nach den Bedingungen, in die der einzelne hineingestellt ist, sich nuanciert. Wir haben heute bereits gewisse Erfahrungen über die Art, in der der Deutsche auf Palästina, seine Verhältnisse und Menschen reagiert, wie er sich gewöhnt und in welcher Richtung er sich entwickelt. Und es scheint wichtig, zu versuchen, Beobachtungen und Tatsachen auf diesem Ge• biete zusammenzustellcn und einige Konsequenzen zu ziehen. Die deutschen Einwanderer — damit sind immer nur die gemeint, die von mehr oder minder eingesessenen Familien abstammen, oder die den großen Teil ihrer Bildung und Erziehung in Deutschland genossen haben — entstammen bis auf nicht zahlreiche Ausnahmen der kleinen und großen Bourgeoisie. Die Abkömmlinge kleiner und ganz kleiner Händler und Handwerker, wie sie die Masse des Ostens ausmachen, fehlen fast gänzlich. Und wenn der Hechaluz heute in Deutschland zu einem beträchtlichen Teile solche nicht bourgeoisen Elemente umfaßt, so ist das eine Neuerscheinung, die sich außerdem zu einem hohen Prozentsatz aus dem Eindringen östlicher Elemente erklärt. Es scheint uns — und wir werden später darauf zurückkommen — daß dieses Milieu einen wesentlichen Faktor in der Entwicklung der Einwanderer darstellt und sie sowohl günstig wie nachteilig beeinflußt. Daß im Hinweis auf den Ursprungsort keinerlei Werturteil liegt, sondern damit lediglich eine Tatsache konstatiert wird, bedarf wohl keiner Erwähnung. Obwohl nun das Gros der Deutschen im Lande dem gleichen sozialen Milieu entstammt, treten die einzelnen durch objektive Bedingungen oder den eigenen Willen veranlaßt, in verschiedene Verhältnisse und damit andersgeartete Umgebungen ein. Daher gilt das, was man über die deutschen Chaluzim auf dem Lande aussagen kann, nicht in allem für die in der Stadt und das Urteil über die Chaluzim insgesamt muß anders ausfallen als über die sogenannten ״bürgerlichen“ Kreise. Aber allen bleibt eine gewisse Note gemeinsam, die in der gleichen Aasgangswelt und ähnlicher Erziehung und Bildung begründet ist. Im Lager der deutschen Chaluzim hat sich in den Jahren nach dem Kriege schon vieles geändert. Es haben sich viele Begriffe und Urteile gewandelt und die Erziehung in den deutschen Jugendbünden hat eine neue Farbe bekommen. Gerade heute stehen wir wieder in einem Anfang, und was von dem deutschen Chaluz vor drei Jahren galt, stimmt für den von heute nur in einem gewissen Umfange. Es hat sich gezeigt, daß die strenge Zusammenfassung und Abschüe&ung der Jungen und Mädchen, die Anwendung des Begriffes ״Gemeinschaft" auf den eigenen Kreis und nur auf ihn, eher eine Schwächung als eine Stärkung des einzelnen bedeutete. Die deutschen Landwirte und Handwerker, die heute im Lande arbeiten, tragen andere Züge als die ersten. Sie bilden in gewisser Beziehung bereits eine Auslese, da bekanntlich ein erheblicher Teil zurückgegangen ist. Uns im Lande hat bei dieser Rückwanderung vor allem ein Umstand stutzig gemacht: daß es sich hier um sehr junge Menschen handelte, die verhältnismäßig kurze Zeit im Lande waren. Um überhaupt zu wissen, ob man für Palästina geeignet und in welchem Berufe man unter den spezifischen Bedingungen am Platze ist, um das Land, das ja bekanntlich die schwierigsten Probleme birgt, auch nur einigermßen kennenzulernen, braucht es für den Durchschnitt länger als ein oder anderthalb Jahre. Das gilt schon für den, der einigermaßen gründlich informiert ins Land kommt und die Sprache soweit beherrscht, daß er am öffentlichen Leben teilnehmen, d. h. in diesem Falle mit Menschen sprechen und die Presse lesen kann. Für jemanden, für den diese beiden Bedingungen nicht zutreffen, bedarf es selbstverständlich viel längerer Zeit und er wird immer nur Ausschnitte aus dem Ganzen sehen, da er sich notwendigerweise in einem engen ähnlich wie die Soncinogesellschaft eine solche dem Luxusdruck älterer Werke geschaffen hat. Bei der Armut unserer Verhältnisse muß die kostbare Ausgabe von Werken, deren dringende Notwendigkeit oft von niemandem empfunden wird, fast unangemessen erscheinen. Es müßte die Soncino- oder eine andere Gesellschaft ihren Mitgliedern und dem Publikum gute Ausgaben der neuen hebräischen Dichtung und Publizistik geben, was ihr ein Publikum erziehen, die Liebe zu ihr wecken und ihre Arbeiter auch materiell stützen könnte. Dies wäre eine dringende und wichtige Aufgabe; neues Leben könnte in die hebräische Literatur einziehen, junge Talente gefördert werden, Schriftsteller ermutigt werden. Ein Netz solcher Gesellschaften, fern jedem Snobismus, von wahren Freunden der jüdischen Literatur geleitet, in allen Ländern mit größerer jüdischer Siedlung, miteinander und mit Palästina verbunden, könnte auch für die jüdische Kulturarbeit und die Verbreitung der hebräischen Sprache viel tun. Neben Originalausgaben obläge diesen Ge- Seilschaften auch die Herausgabe guter Uebersetzungen aus dem Hebräischen, für deren ‘Verbreitung die Mitgliedschaft der Gesellschaften den Grundstock der Leser lieferte. Es ist ein betrübliches Zeichen der Zeit, daß die vom jüdischen Verlag so verdienstvoll begonnenen Uebersetzungen von Achad Haam und Mendele Mocher Sforim infolge der Teilnahmlosigkeit des jüdischen Publikums nicht m Ende geführt werden und daß ein Buch wie Bialiks Essays in vorzüglicher deutscher Uebertragung beinahe unbeachtet bleibt Dies alles sind nicht abwegige Probleme, sondern führen uns mitten in das Herz des Problems unserer nationaien Aufgabe: nur ein zur Liebe zum Judentum erwecktes und erzogenes Volk wird bereit sein, für das nationale Leben und seine neue Gestaltung sich einzusetzen. H. K. David Bergeisen, der in den letzten Jahren in Berlin fdebt hat, ist weh Rußland za dauerndem Auf entalt abgerefei Kreise bewegt und seine Anschauungen und Urteile — hewußt oder unbewußt — annimmt. Für einen bedeutenden Teil der deutschen Chaluzim trafen diese Bedingungen zu. Sehr jung, waren sie des Hebräischen nicht mächtig, wurden meist nur durch den engen Rahmen ihrer Gemeinschaft (z. B. des Blau-Weiß) aufrechterhalten und gerieten mit dem Moment, wo dieser Rahmen eine Sprengung erlitt, ins Schwanken. Der Teil dieser Menschen — die absolut gesehen ein ausgezeichnete, Mensclicnmnterial darstellen — der nicht nach Deutschland zurückging, versuchte und versucht, sich mit größter Anstrengung und den eigenen Kräften weiter zu helfen und hat heute vielleicht einen scinverereti Kampf zu bestehen als der Chaluz aus dem Osten, der in gewissen! Sinne selbstständiger und anpassungsfähiger zugleich ist. Bei der Lage, die sich zurzeit herausbildet, entsteht nun für einen Teil der deutschen Handwerker iii den Städten noch eine besondere Komplikation. Sie gehören ihren Tendenzen und vielleicht auch ihren Sympathien nach zu den Kreisen mit gehobener Lebenshaltung, während sie ihrem Standard of iife nach zur Arbeiterschaft zu rechnen sind. Sie haben also keinen rechten gesellschaftlichen •und sozialen Rückhalt, ohne den sich ein produktives Wirken und das daraus entspringende Gefühl der Befriedigung nur schwer denken läßt. Das wird in Palästina um so schmerzlicher empfunden, als die Arbeiterschaft in ihren besten und ausschlaggebenden Teilen nicht dem iicrköminlichen Begriff des Proletariats entspricht, sondern was Niveau und Ziele anbetrifft, auf einer hohen kulturellen Stufe steht. Wir haben aber auch einen zweiten C 11 a i u z t y p u s im Lande, der, obwohl auch aus einer ziemlich festgefügten Jugendbewegung heratisgewachsen, dennoch von vornherein in einen weiteren Rahmen hineingestellt ist und dadurch sowohl einen weiteren Horizont als auch eine größere Stütze besitzt. Wir meinen jenen Kreis der deutschen Jugendbewegung, der sich als Reservoir der allgemeinen Arbeiter- Organisation betrachtet und sicli dadurch in eine große und machtvolle Gruppe hineinstellt, die fähig ist, ihn bis zu einem gewissen Grade zu assimilieren. Auch hier geht dieser Prozeß nicht ohne Schwierigkeiten vor sich und besonders nicht bei denjenigen Elementen, die uns hier besonders beschäftigen, nämlich die aus einem rein deutschen Milieu herausgewachsen sind. Die Ursachen sind klar. Da diese Gruppe schon in Deutschland stark von ostjüdischen Eie■ menten durchsetzt ist, wird auch den westjüdischen die Assimilation an dem anders gearteten Lebensstil des palästinensischen Arbeitermilieus erleichtert. Andererseits, wie z. B. im LI. W. B. oder zumindest einem großen Teil der dem 1.1. W. B. entstammenden Chaluzim liegt die Verlockung für diese Westjuden sehr nahe, im Ueberschwang des revolutionierenden Erlebnisses radikalen Forderungen zu erliegen. Dabei sind sie nicht in der Lage, vor dar Entscheidung alle, auch die gemäßigteren und vielleicht in der Wirklichkeit Palästinas stärker verwurzelten Lebensformen und daraus erwachsenen Ideologien auf ihre Tragweite hin zu prüfen. Wie die Verhältnisse heute liegen, scheint es, als ob nach der etwas gewaltsamen ״Reinigung“ die Entwicklung der deutschen Chaluzim eine langsame, vielleicht von Rückschlagen nicht freie, aber günstigere Entwicklung nehmen wird als bisher. Es sind mancherlei Vorurteile überwunden and mancher unberechtigte Stolz aufgegeben worden. Es hat sich gezeigt, daß die gründlichere Fachausbildung, von der man soviel gesprochen hat, und die bei einem Teile sicher vorhanden ist, allein nicht den Mangel an Biegsamkeit und Anpassungsfähigkeit an ungewöhnliche und ungeordnete Bedingungen aufwiegt, wie sie in einem Kolonisationslandc in der Art Palästinas nicht zu vermeiden sind. Und es ist heute notwendig, unsere Menschen für die Bedingungen des Landes, wie es heute ist, fähig zu machen, und wir können nicht versuchen, gute, aber fremde Gesetze bereits heute dem Lande aufzudrängen. Dieses kann erst durch Menschen geschehen, die ihre Ideale nicht vergessen haben werden, auch dann, wenn sie mit Fug und Recht sich als vollwertige Bürger Palästinas werden betrachten können. * Ein großer Teil der sogenannten ״bürgerlichen Kreise“ in Palästina entstammt einer älteren Generation des deutschen Zionismus. Der ausschlaggebende und beste Teil dieser Gruppe ist der Vortrupp der alten deutschen K. I.V. er Generation. Es sind das Menschen, für die wirtschaftliche Momente für die Uebersiedlurtg fast nie ausschlaggebend waren, die im Gegenteil fast immer eine gesicherte Existenz gegen neue und ungekannte Bedingungen eintauschten. Viele von ihnen können als gute Fachleute angesehen werden und füllen die Stellen, die sie innehaben, beruflich gut aus. In vielen von ihnen war die Tendenz lebendig, sich dem Leben des Landes einzugliedern, während aber die rechte Vorstellung davon fehlte, was das in der Praxis bedeute. Daraus ist es zu erklären, daß man in allen städtischen Zentren dieselbe Erscheinung beobachten kann. Nach vergeblichen Versuchen, sich auch in anderen Kreisen einzuleben, kristallisiert sich nach und nach wieder eine deutsche Gruppe, die, durch Sprache, Lebensstil und Geschmacksrichtungen zusammenge• halten, sich — gewollt oder ungewollt — nach außen ab• schließt. Die Gründe hierfür sind mannigfach. Einer der wichtigsten ist die mangelnde Kenntnis des Hebräischen. Obwohl viele allein schon im Beruf die Sprache erlernen (der Arzt, der Beamte in den zionistischen Institutionen, der Kaufmann) und obwohl die Wichtigkeit dieser Forderung durchweg anerkannt ist, gelingt es nur wenigen, sich wirklich in die hebräische Kultur hineinzuleben. Man sieht selten Deutsche aus diesen Kreisen in Versammlungen und es gibl so manches Haus, wo die palästinensische Presse nicht regelmäßig verfolgt wird. Auch ist es charakteristisch, daß dei der deutsche Kreis mit Interesse die ״Jüdische Rundschau“ liest, weil sie die bequemste Informationsquelle über Pa lästina darstellt. Ebenso entscheidend wie das Hebräische ist jedoch dei gesamte Lebensstil, der sich nur schwer ändern läß1 und den sich jeder Jude in seinem Ausgangslande geformt hat Einen palästinensischen Stil in voller Blüte findet mar jedoch nur auf dem Lande und in gewissen Kreisen dei Stadt An vielen Stellen herrscht heute in Palästina russische und polnische Sitte und eine Verschmelzung ist sehr schwer vielleicht nur in der nächsten Generation anzubahnen. Was Wunder, daß der deutsche Zionist, wenn er nicht gerade als Arzt im Emek oder im Jordantale oder in Akko sitzt, 11ich< geneigt ist, seinen Stil der Mehrheit anzupassen, mit dei er überdies außeramtlich gar nicht in Berührung kommt Anders ist es mit Angestellten nationaler Institutionen, voi «Rem im Kreise der Arbeiterschaft z. B. der Kupat Cholim.