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Jüdische Rundschau · 1926-08-10 · Heft 62 (10.8.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 62 (10.8.1926)
Date
1926-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 450 ]UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 62 Der neue Kurs in Polen Der Veriasiungskampf und die Juden - Parlament und Regierung — Mutige Worte de* polnischen Ministerpräsidenten - Ausblicke (Von unserem Korrespondenten.) — g. Warschau, Ende Juli. Es mag wirklich den aktiven zionistischen Parlamentariern in Polen schwer geworden sein, in den letzten Tagen Warschau zu verlassen, um sicli zur Sitzung des Aktions-Comites zu begeben. Galt es doch auf der Wacht zu stehen, um nach den bekannten Maiereignissen die Interessen der polnischen Judenschaft wahrzunehmen. Die Situation in Polen ist eigenartig. Der Maiumsturz, der im Zeichen der ״moralischen Sanierung" stand, hatte eine fortsclrrittlich-deinokratische Regierung ans Ruder gebracht, die sich aber im Sejm nur auf eine kleine Parteigruppe stützen konnte. Wolil begegnete die Regierung ursprünglich der Sympathie der ganzen Linken, aber in dem Maße, als die Regierung ihre Pläne zu verwirklichen begann, rückten allmählich die größten linken Parteien von ihr ab. Dagegen begann die Rechte mit der neuen Regierung zu paktieren. Der neue Kurs in Polen nahm nämlich ähnliche Formen an wie in manchen anderen Ländern Europas. Man stürmte gegen den Parlamentarismus los, machte ihn zum Sündenbock für alle Uebel im Staate und verlangte folgerichtig eine starke Begrenzung der gesetzgeberischen Gewalt zugunsten der obersten Vollzugsorgane. Dies konnte aber nur geschehen im Wege einer durchgreifenden Verfassungsrevision und eines um fassenden Ermächtigungsgesetzes für den Präsidenten der Republik. In diesem Sinne hatte auch die Regierung dem Sejm genau ausgearbeitete Vorschläge unterbreitet und verlangte deren rascheste Annahme. Mit anderen Worten: die Regierung berief sich auf das in weitesten Bevölkerungskreisen vorhandene Mißtrauen gegen den Sejm, forderte aber von diesem, sein eigenes Todesurteil zu fällen. Die Enttäuschung auf seiten der Linken war ungeheuer. Mehrere Parteiorgane, weiche den Pilsudskischen Staatsstreich unterstützt haften, begannen, die Schritte der Regierung Pilsudskis einer scharfen Kritik zu unterziehen, so daß Pilsudski ezwungen war, ein neues Tageblatt in Warschau, ״Glos rawdy“ (״Stimme der Wahrheit“) herauszugeben. Man war zu allererst tief enttäuscht, daß die Regierung es unterlassen hatte, was im Mai als sicher galt — den Sejm aufzulösen. Nicht der Parlamentarismus, behauptete man, tauge nichts, nur dieses polnische Parlament, das keine feste Sejmmehrheit besitzt. Und die demokratisch-fortsehrittliehen Elemente in Polen hofften mit Bestimmtheit, daß sofort ausgeschriebene Neuwahlen ihnen eine Mehrheit bringen würden. Pilsudski wollte es aber anders. Er möchte mit Hilfe parteimäßig nicht engagierter tüchtiger Männer auf allen Gebieten des staatlichen Lebens weitgehende Reformen, und zwar in demokratischem Geiste, durchführen, ohne aber hierbei vom Sejm (ganz egal welchem) gestört zu werden. Und deshalb betrachtete er es für überflüssig, den Sejtn schon jetzt aufzulösen und das Land einem Wahlfieber auszusetzeu. Die Hauptsache für ihn ist die Möglichkeit, ungestört zu regieren. Dies begegnete aber — mit Recht — dem Mißtrauen der parlamentarischen Parteien, mit Ausnahme der Rechten, welche die Gelegenheit ausnutzen wollten, um die Staatsgewalt zu stärken, in der Hoffnung, daß Pilsudski■; Regime nicht allzu lange währen wird und daß dann sie — die reaktionären Elemente — ■die breiten Vollmachten der Vollzugsgewalt ausnützen werden, um das Land in ihrem Sinne zu regieren, Dieses gefährliche tSßieL fratten rar aftett cfre jlicuscheh Abgeordneten voraus gesehen, und nun begann der pariamentarische Kampf. Die Juden befinden sich in einer tragischen Situation. Einerseits sind sie (und müssen cs sein) die allerentschiedensten Anhänger des parlamentarischen Systems. Denn nur eine demokratisch-parlamentarische Staatsverfassung gibt den Juden — in allen Ländern — die Möglichkeit una die Gewähr einer erfolgreichen Wahrung ihrer bürgerlichen und nationalen Rechte. Nur dort, wo eine öffentliche Meinung vorhanden ist, und wo eine starke gesetzgeberische und Kontrollinsfanz vorhanden ist, kann die jüdische Minderheit Schutz und Freiheit erhoffen. Eine starke Staatsgewalt kann zwar im Einzelfalle den Juden sehr günstig gestimmt sein, aber in der Mehrzahl der Fälle wird sie für die Juden nur Unheil und Schaden bringen. Diese Anschauung ist logisch und im Prinzip richtig. Die polnische Wirklichkeit lehrt uns aber eines anderen. Die Regierungen waren in Polen — was die Juden anbelangt — immer besser als die Parteien. Der antisemitische Terror war bis unlängst in Polen so stark, daß er es auch den liberalen und fortschrittlichen polnischen Elementen unmöglich machte, offen für die Juden emzutreten. Niemand in Polen hatte den Mut dazu. Nicht nur die National- Spiegel“, den er dem vorzüglichen Jahrbuch ״Der eiserne Steg 1926“ (Frankfurter Sozietätsdruckerei-Verlag) beigesteuert hat. Er bezeichnet als den größten Vorzug dieser amerikanischen Schriftsteller ihre Freiheit von ״Romantik“, von geschichtsbedingten Vorurteilen rassenmäßiger Art, ihr unbedingtes Eintreten für Vernunft und Duldung, ln der ersten Reihe dieser Schriftsteller steht Sinclair Lewis, von dem nach dem berühmt, ja sprichwörtlich gewordenen ״Babbit“ nun auch der neuere Roman ״Dr. Arrowsmith“ in deutscher Sprache erschienen ist (in der Serie Amerika- Bücher des_ Verlages Kurt Wolff, Leipzig). ״Arrowsmith“ ist nicht nur Satire und Geißelung der vom Durchschnittsbürger beherrschten amerikanischen Zivilisation,. er ist zugleich ein Bekenntnis zu den großen und jungen Kräften, die in diesem ungeheueren Volk potentiell vorhanden sind, deren Idealismus im Kampfe gegen den Betrieb ringsum sich durchsetzt und die Bahn für eine_ höhere Zielsetzung freimacht. Dies wird auf dem Spezialgebiet der medizinischen Forschung mit großer Künstlerscnaft gezeigt und die Figur des Helden, der trotz allen Anfechtungen seinem geistigen Streben treu bleibt, ist der Repräsentant dieses ״andern“ Amerika. Sein Vorbild aber, die eigentlich entscheidende Figur des Buches, ist der aus Deutschland stammende jüdische Professor Gottlieb, ein Gclehrter, der nur seinen Forschungen lebt, von dem medizinischen Geschäftsleben nichts wissen will und später das echte Judenschicksal des Ausgestoßenen auf sich nehmen muß. Die Ueberlegenheit der von der amerikanischen Gesellschaft Geächteten zeigt Lewis aber auch an einem Neger, der zwar nur als Episodenfigur auftriit, aber einer der edelsten und vornehmsten Menschen des Buches ist. Die Widersinnigkeit des amerikanischen Universitätsbetriebes, dieser ״Fabrik moralischer Männer und Frauen“, — des politischen Lebens, der Mischung von gemeinnütziger Phraseologie und brutalem Eigennutz, der Sensationslust und Prahlerei enthüllt Lewis In diesem Buch mit überzeugender Schärfe und doch versöhnender Güte. Der Roman ist vielleicht der beste und stärkste von Sinclair Lewis׳’ bisherigen Werken; und er atmet wirklich amerikanische Luft, führt den Leser ohne trockene Darlegungen mitten in diese für uns so entscheidende neue Welt. Das amerikanische Universitätsleben schildert auch mit großer Offenheit die zarte Geschichte ״Studentenjahre“ von Percy Marks (gleichfalls in den Amenkabüchira des Verdemokraten und Christlichsozialcn, aber auch die linke Bauernpartei und die polnische Sozialdemokratie stand im Banne des Antisemitismus. Die wildeste antisemitische Hetze trieb man nicht nur auf der Straße, sondern auch — im Parlament. Kamen aber antisemitische Parteiführer ans Ruder, sprachen sie schon ganz anders, aber mir unter vier Augen im Ministerkabiuett, und sie hatten selten den Mut, offen ihre Meinung kundzutun. Auf der Regierungsbank sahen sie aber die Judenfrage ganz anders als von ihren Deputiertenbanken. Und wäre kein Parlament da, sie hätten so manches zugunsten der Juden geändert. Und nun bekam Polen — dank der Mairevolution •— eine den Juden gutgestimmte Regierung, welche vom Sejm unabhängig ist und ernsten Willen bekundete, mit den Juden in Frieden zu leben und faktische Gleichberechtigung durchzuführen und vielleicht auch auf nationalem Gebiete manches zu gewähren. Aber — dies alles unter einer Bedingung — der Sejm soll die Regierung ungestört arbeiten lassen. Die Juden waren zwischen Hammer und Amboß. Einerseits müssen sie die Grundsätze der Demokratie, für welche sie immer und überall in den ersten Reihen kämpften und kämpfen müssen — verleugnen, andererseits aber winken ihnen doch Rechte und Zugeständnisse — selbstverständliche Rechte! —- für welche sie bisher erfolglos auf pariamentarischem Boden gekämpft hatten. Und was geschieht mit den Juden, wenn die neue Regierung, nachdem sie breite Vollmachten erhalten hat, zurücktritt und diese Vollmachten einer reaktionären Regierung zugute kommt. Im jüdischen Sejmklub war auch die Meinung geteilt. Abg. Dr. Reich riet, politische Reserve und Zurückhaltung an, Abg. Grünbaum dagegen meinte, der Regierung Prof. Bartels sei Glauben zu schenken und dieser Regierung (nur mit dieser zeitlichen Beschränkung) sollen die Juden die breitesten Vollmachten erteilen. Und was die Vertassungsrevision anbelangt, sollen die Juden nur dafür stimmen, daß der Staatspräsident das Recht erhält, den Sejm aufzulösen, ihm aber das Veto- und Dekretierungsrecht verweigern. Die Meinung Grünbaums, welcher Im Vertassungsausschuß des Sejm zusammen mit Abg. Dr. Schreiber mutig die Interessen der Demokratie und der Judenschaft verteidigte, drang durch, und so votierten die jüdischen Abgeordneten die Regierungsvorlagen, welche inzwischen von allen Seiten stark geändert wurden, aber immerhin der Regierung große Bewegungsfreiheit für längere Zeit erteilen. Ministerpräsident Bartel hat in seinem Expose im Sejm mutige Worte für die Juden gefunden, wie sie noch von keinem Regierungschef in Polen gesprochen wurden. Prof. Bartel erklärte mit starkem Nachdruck, er werde die Interessen der nationalen Minderheiten wahren, sämtliche noch vorhandenen Begrenzungen abschaffen und loyal die Bestimmungen der Verfassung und der verpflichtenden internationalcn Traktate ausführen.. Den Juden widmete er einen speziellen Abschnitt, in welchem er erklärte, daß der wirtschaftliche Antisemitismus dem Staate Schaden bringe und deshalb erachte es die Regierung für notwendig, auf wirtschaftlichem Gebiete Unparteilichkeit, Sachlichkeit und Gerechtigkeit walten zu lassen. Die Regierung werde keine Geheimpakte mit der jüdischen Bevölkerung schließen, wird aber fest auf der Verwirklichung der Verfassung beharren (eine Anspielung an die berühmte ״Ugoda“). Die Regierung wird die Frage der Sonntagsruhe sachlich betrachten und regeln und wird sämtliche Judenbeschränkungen aufheben. Die Ausführungen des Ministerpräsidenten fanden bei den Juden eine gute Aufnahme. Es wird insbesondere der Passus hervorgehobelt, in welchem ausdrücklich der wirtschaftliche Antisemitismus, der bisher System bei sämtlichen polnischen Regierungen war. erwähnt und gebrandmarkt und vom StandfffÄA? ־•der‘‘{foAriscften׳־ Sfaatlfnteressen' als für schädlich angesehen wird. Es sei daran erinnert, daß die vorherige Regierung Grabski gerade in diesem Punkte unnachgiebig war und den Juden sogar manche nationale Rechte einzuräumen bereit war, um nur auf wirtschaftlichem Gebiete die Juden weiter drangsalieren zu können. Der neue Handelsminister hatte auch bei einer speziellen Audienz sämtlicher jüdischer kaufmännischer Organisationen des Landes die Rolle und die Verdienste der jüdischen Kaufmannschaft entsprechend gewürdigt und versprochen, allen berechtigten Forderungen der jüdischen Handelswelt nach Möglichkeit nachzukommen. Auf rechtlichem Gebiete ist schon manches geschehen (Legalisierung der zionistischen Organisationen, des Hechaluz, Regelung der Ausländerfrage), was zu begründeten Hoffinnigen Anlaß gibt, daß die neue Regierung eben auf Grund des Ermächtigungsgesetzes und Dekretierungsrechtes mehrere Forderungen der Juden verwirklichen wird. Die versprochene Besserung auf wirtschaftlichem Gebiete stimmt auch die Juden optimistisch. Immerhin ist Vorsicht geboten und Wachsamkeit am Platze. Die Vorgänge Im polnischen Zionismus I Zu der in Nr. 57 unseres Blattes veröffentlichten Notnl ״Die Vorgänge im polnischen Zionismus“, worin berichtet■ wurde, daß der zionistische Ob er rat Polens sich in einer! Kundgebung gegen die galizischen Landsmannschaften wandte 1 erhalten wir vom Zentralkomitee der Zionist1-1 sehen Organisation Westgaliziens in Krakau! eine sehr lange Zuschrift, in welcher gegen diesen AufrujI des Oberrates Stellung genommen wird. Zunächst wird dem! Oberrat die Berechtigung zu einer Kundgebung abgesprochen,! da er jetzt nur noch die Zionisten aus Warschau und Wilna■ repräsentiere. Sodann wird eingehend darauf hingewiesen,! daß gerade von der Zionistischen Organisation Westgatizierol die Initiative zur Einigung und zur Schaffung einer gesamt-■ polnischen Organisation bereits im Jahre 1920 ausgegangenI ist, worauf umfangreiche Verhandlungen geführt wurden■ wobei auch eine Einigung zustande kam, die diel Schaffung eines Obersten Rates sämtlicher polnischer Zio-I nisten vorsah. Die Abgeordneten Grünbaum und Reich mach•■ ten jedoch nachträglich durch ihren Einspruch die Verstand!■ I gung zunichte. Erst im September 1924 kam es wieder zal einer gemeinsamen Konferenz in Passau, wobei beschlossen! wurde, daß ein Oberster Rat geschaffen werden soll, inl dessen Präsidium jedoch kein Sejmabgeordneter oder Senats-1 mitglied gehören darf, um auf diese Weise eine Instanz zul schaffen, die in allen die zionistische Landespolitik betreffen-1 den Fragen eine übergeordnete Stelle haben soll. Es wird! sodann dem Abgeordneten Grünbaum vorgeworfen, daß erI in der Folgezeit den vom Allpolnischen Zionistentag März 1925 eingesetzten Oberrat sabotiert habe. Anläßlich der neuen Nominierung des Oberrates hat nun das Krakauer Z..-K. die Bedingung gestellt, daß ins Präsidium kein Sejmdeputierter oder Senatsmitglied gehören darf. Trotz diesem Ultimatum wurde Abg. Grünbaum zum Präsidenten gewählt, Unter diesen Umständen sahen sich die Mitglieder de* Oberrates aus Westgalizien gezwungen, aus dem Oberrat aus zutreten. Mittlerweile sind aus anderen Gründen auch die ostgalizischen Mitglieder ausgetreten, so daß der Oberrat zu bestehen aufgehört hat. Unter diesen Umständen weist die Zuschrift des Krakauer Zentralkomitees den Vorwurf von sich, aus persönlichen Gründen aus dem Oberrat ausgetreten zu sein und schiebt die Schuld an der Sprengung der einheitlichen Zionistischen Organisation Polens den warschauer Gesinnungsgenossen zu. Die dritte Weltkonlerenz des ״ORT“ I Am 8. d. Mts. fand in Berlin im Festsaale des ehemaligen] preußischen Herrenhauses die feierliche Eröffnungssitzung der | dritten allgemeinen Konferenz des ״Ort"-Verbandes statt. An | dieser Sitzung nahmen Vertreter der jüdischen Gemeinde,[ vieler jüdischer Organisationen, des Magistrats von Berlin | und der Regierung teil. Dr. Bramson eröffnete dieI Sitzung und übergab den Vorsitz dem Vorsitzenden des Ber-1 liner Komitees des ״Ort“, Direktor Klee mann. Begrüßungsansprachen hielten namens ihrer Organisationen Justizrat Brodnitz, Kurt Blumenfeld, Paul Nathan, Werner Senator (Joint) Altred Berger (Welt-Hilfskonfercnz) u. a. I In den Ansprachen kam das besondere Interesse der jüdischen Oeffentlichkeit für die Bestrebungen des ״Ort“ zum Ausdruck. Am Schluß der Eröffnungssitzung gab ein Vertreter der jüdischen Arbeiter in Polen eine packende ^Schilderung der jß&ssMt& d'er pölftciieh feeRübfik und' forderte besondere Berücksichtigung der arbeitenden Schichten j in den Ländern der jüdischen Massensiedlung. Am Nachmittag begannen im Logenhaus, Kleiststr., die für drei Tage angesetzten Beratungen, der aus Amerika und vielen Ländern Europas zur Konferenz eingetroffenen Delegierten. Wir werden in der nächsten Nummer über den Verlauf der Konferenz berichten. Ela Weltrat zim Schulz der (fidischei Rechte London, 4. August (J.T. A.) In London finden gegenwärtig Beratungen zwischen Vertretern des K0״ütees der jüdischen Delegationen in Paris und Repräsentanten des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses statt, die zum Ziele haben, eine Zusammenarbeit der europäischen und der amerikanischen Judcnheit auf dem Gebiete des Schutzes der jüdischen Rechte und Interessen in den Ländern, wo diese Rechte und Interessen bedroht sind, sowie auf dem Gebiete der jüdischen sozialen Fürsorge herbeizuführen. An den Beratungen nehmen für das Komitee der jüdischen Delegationen Leo Motzkin und für den amerikanisch-jüdischen Kongreß dessen Präsident, Dr. Stephen W i s e, teil. lages Kurt Wolff). Wir erhalten hier Einblick in das von Vorurteilen beherrschte Milieu, wo dem jungen Studenten z. B. der Verkehr mit einem Katholiken und einem Juden so verübelt wird, daß er nur unter Aufwand großer persönücher Tapferkeit diese Freunde behalten kann. Auch hier ist übrigens das gute, das kritische Gewissen, mitten in der Welt der sportlichen und betrieblichen Selbstzufriedenheit sympathisch vertreten. An dieser Stelle ist noch etwas über Upton Sinc 1 a i r zu sagen, von dem der Malik-Verlag wieder eine Anzahl Bücher in gefälliger und billiger Aufgabe herausgebracht hat (״Die Metropole“, ״Die Wechsler“, ״Der Industriebaron“). Sinclair schildert in seinen fesselnden Romanen das Leben der amerikanischen ״Gesellschaft“, das ungeheure Raffinement eines keine äußere Grenze mehr kennenden Lebensgenusses der Multimillionäre, worin schließlieh alle menschliche Würde und menschliches Fühlen erstickt wird. Auf der anderen Seite stehen die Ausgebeuteten und Ausgestoßenen, die aber von den Verlockungen und Vernichtungen der Dollarjagd auch erfaßt werden können. Das starke soziale Pathos der Werke Sinclairs ist auch ein An- Zeichen der neuen Besinnung. Eine Einführung in die amerikanische Lyrik gibt der 33. Bd. der Kunstwart-Bücherei (Verlag Georg D. W. Calbvcy, München, 1 M.), übersetzt mit Geschick, wenn auch nicht ohne alle Härten, von Toni Harten-Hoenke, und mit einer literaturgeschichtlichen Einleitung versehen von Dr. Friedrich Schöne mann. Das Buch zeigt deutlieh Rhythmus und Richtungen der neuen Welt. Ein hochinteressantes Reisebuch ist Arthur Feilers ״Amerika-Europa“ (Verlag der Frankfurter Sozietätsdruckerei, 1926). Mit seltener Anschaulichkeit zeigt er das Wesen amerikanischen Werdens und Lebens. Für uns Zionisten ist von besonders anziehender Wirkung die Schilderung der Kolonisation, der Wirtschaftsformen, der rapiden Entstehung der Städte. Man wird hier viel Parallelen zu Palästina finden (wenn auch leider Palästina sich an Reichtum nicht mit Amerika messen kann) und man kann auch vieles lernen, was für Zionisten von großem Wert ist. Als einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung Amerikas bezeichnet Feiler mit Recht das neue Einwandcrungsgesetz, die der bisherigen Entwicklung und Tradition Amerikas als das allen Suchenden der Welt offenstehender Freilandes ein Ende macht. Das Einwanderungsgesetz, das zum guten Teil aus Nationalismus und rassenschützlerischen Tendenzen entstanden ist, stabilisiert die heutige Bevölkerungsiage, was allmählich zur Bildung stabiler sozialer Klassen führen wird und damit auch die sozialen Probleme Europas allmählich zum Entstehen bringen wird. Von vielen Seiten beleuchtet Feiler die Problematik Amerikas. Die Juden frage allerdings kommt etwas zu kurz; aber auch von den Problemen, die er behandelt, hängt heute zum guten Teil das Schicksal des jüdischen Volkes ab. Aehnliche Informationen wie Feiler, wenn auch in wenigcr literarischer Form, gibt das kleine, gut angeordnete und sachliche Buch von Alfred Tyrnauer, ״Amerika und seine Einwanderer“ (Wilhelm Braumüller Verlag, Wien 1926). Besonders willkommen sind die Daten im II. Teil. Dort erfährt man u. a., daß von den heute in New' York lebenden, im Ausland geborenen etwa 2 Mill. Einwanderern 946139 als Muttersprache jiddisch und hebräisch haben; die Juden stehen damit an erster Stelle, dann erst folgt englische, italienische, deutsche usw. Muttersprache. Schließlich sei noch eine Neuerscheinung erwähnt, die Amerika von seiner charakteristischen Seite zeigt: Erhard Breitners Monographie ״Der reichste Mann der Welt“ (Verlag für Kulturpoliitk, Berlin 1926). John Rockefeilers Werdegang, geschäftliche Laufbahn und öffentliches Wirken werden hier erzählt. Man lernt in nüchternen Tatsachen die Kraft, aber auch die Gefahr Amerikas kennen. Der eiserne Steg. Jahrbuch 1926. Frankfurter Sozietätsdruckerei. — Dieser Almanach, der ein eindrucksvolles Bild der Tätigkeit des Verlages gibt enthält eine Reihe sehr bemerkenswerter Aufsätze zu politischen und wirtschaftlichen Fragen. Wir erwähnen nur ״Republikanische Tradition“ von Alfred Weber, ״Die höchste Idee des Bolschewismus“ von Fedor Stepun, ״Schranken für die Sonderintercssen“ von Lu jo Brentano, ״Stinnes“ von Fritz Naftaii, mehrere Autsätze über Amerika (von Lewisohn, Feiler, Hensel), über die Türkei, Ostasien usw.

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