Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 61 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 01 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 44S Was wir Achat Haam schulden Von Dr. Be rth old Feiwel. Der nachfolgende, für die Geburtstags-Nummer bcstimmte Beitrag ist leider zu spät aus London eingetroffen. Wir bringen ihn hier als Nachtrag. Ueber Achad Haam anläßlich seines siebzigsten Geburtstages etwas auszusagen, erscheint mir als eine kaum erfüllbare Aufgabe für einen, den menschliche Verbundenheit verhindert, an das Intime der Persönlichkeit zu rühren. Ebenso unangemessen, ja beinahe vermessen wäre es bei dieser Gelegenheit für einen, der so ausschließlich Schüler und Empfangender war, sich in jene übergeordnete Position zu begeben, in die der Beurteiler einer geistigen Wesenheit unversehens gerät. Die einzige Rolle, die so ziemlicherweise für mich übrig bleibt, ist die eines ״aus dem Volke“, der im Bewußtsein der Urzulänglichkeit geburtstäglicher Sprachweise, sich mit den einfachsten Worten für ein ganz Großes begnügt, indem er sagt, daß er das Beste seines zionistischen Ich dem ״Einen aus dem Volke“ schuldet und damit zugleich das Ausmaß der Verehrung und Dankbarkeit bezeichnet, die er für diesen Mann von nun 70 Jahren empfindet. ln dieser Feststellung liegt weder eine Unterschätzung noch eine Undankbarkeit in bezug auf die anderen Männer, die durch die lebendige Schrift oder durch lebendige Rede und Tat, die jungen Menschen meiner Generation beeinflußt, geführt und geformt haben: Heß, Pinsker, Birnbaum und natürlicherweise ganz besonders Theodor Herzl. Herzls Verdienst um das Volk und den Einzelnen ist unvergänglich und wird in seiner ganzen Größe erst ganz beschreibbar sein, wenn eine tiefschürfende Analyse die revolutionierende Kraft seiner Persönlichkeit, die aufrührende Dynamik seines Eingreifens in das jüdische Schicksal gesondert von dem Inhalt und der Wirkung seiner Lehre und seiner politischen Konzeption bloßgelegt haben wird. Eines ist gewiß: Was er brachte als ein Neues und Unerhörtes, war die große europäische Form, war der Weltaspekt, war das letzte Wort politischer, wirtschaftlicher und sozialer Technik. Er war genug vom Staatsmann, Künstler, Ethiker und Gesellschaftsmann, um den ganzen Enthusiasmus einer in der Agonie der Assimilation fast verlorenen Jugend zu einer stürmischen Bejahung ihrer jüdischen Existenz und ihres jüdischen Lebenswillens zu entfachen und im Galtith der Millionen eine wunderbare, vorher weder annähernd geglückte noch auch für möglich gehaltene Organisation der Atome, ein Gebilde von modem-europäischem Gefüge für einen großen politischen Zweck in der heißen Hast weniger Jahre zu schaffen, zu erschaffen. Aber Herzls Verstandes- und gefühlsmäßige Betrachtung des Judenproblems begann mit der Reaktion eines Kopfes und eines Herzens auf eine sein ganzes Wesen anrührende Sache, aber auf eine Sache und in einem bestimmten Zeitabschnitt: die Affäre Dreyfuß und die neunziger Jahre vor Paris und Europa, und seine Antwort führte in ein Land für die Juden mit einer den feinen und edlen Instinkten und Aspirationen eines hochsinnigen Westeuropaischen Juden angemessenen eklektisch-zweckmäßigen und sittlieh gereinigten Zivilisation. Für die Jugend meiner Generation war das Nährstoff genug für eine Reihe von Jahren. Aber es hörte auf genug zu sein, als wir immer mehr anfingen, die Frage nach dem letzten Sinn und Zweck unseres Selbst, nach Sinn und Zweck der jüdischen Landnahme zu stellen. Wir waren glücklich genug, in dieser Selbstauseinandersetzung und im Suchen nach der Bestimmung unseres Volksschicksals, noch bevor wir uns Erkenntnis in eigenem schweren Ringen geschaffen, die Stimme des ״Einen aus dem Volke“ zu hören, die aufklang aus Urgründen unserer Geschichte und hinübertönte in gleichen Akäcorden in eine jüdische Zukunft, bestimmt durch die Gesetze jüdischer Natur und jüdischen Wesens. Herzi gab uns das Land für die Juden, Achad Haam das Land des Juden. Herzl organisierte die fudenheit, Achad Haam erweckte uns für das Judentum, lerzl gab uns den Stolz des freien Europäers, Achad Haam die bewußte Würde der jüdischen Individualität. Aus einer Synthese beider ergab sich für uns zionistisches Individual- und Volksprogramm: Aeußere und innere Freiheit, öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte und zugleich geistiges Zentrum, Seßhaftmachung der indischen Menschen, Verbindung von Land und Volk für den Zweck der Freimachung jüdischer Kulturkraft. Es ist Achad Haam und uns mit ihm vergönnt, zu erleben, wie dieser siegreichen Durchdringung unseres politischen Programmes mit seinen geistigen Werten neue Werte sich zugesellen, die aus dem Emek aufsprießen: wie mit den politischen und kulturellen Idealen soziale sich verbinden. Und eine letzte Synthese, als Ideal und allmählich beginnende Wirklichkeit eröffnet sich vor den Augen des Siebzigjährigen: Freie Bürger, strebend als Herren und Diener der Arbeit, schaffend auf der Scholle und strebend im Geiste. Das ist es, was ״Einer aus dem Volke“ ersehnt und wofür er gewirkt hat. Und dafür wirken wir und leben wir — wir alle aus dem Volke. Achat Haains Leben*) Uscher Ginzberg (mit seinem Pseudonym Achad Haam) wurde am 25. Aw 5616 (1856) in Skwira (Gouvernement Kiew) geboren. Sein Vater gehörte einer angesehenen frommen und reichen Familie an. Der Sohn erhielt zunächst die übliche traditionelle Erziehung, die sich auf die Vermitttung des überlieferten religiösen Wissensstoffes beschränkte and sogar die Erlernung fremder Sprachen ausschloß. Achad Haam mußte sich so im Geheimen die Kenntnis der russischen Schriftzeichen aneignen. 1868 siedelte seine Familie nach Sein Dorfe Gufischitza über, und hier verblieb Achad Haam die nächsten 18 Jahre. Er vergrößerte hier den Umfang seiner Kenntnisse der überlieferten hebräischen Literatur und galt schon mit 16 Jahren als ein großer Kenner des Traditionsstoffes. Im Jahre 1873 heiratete er. 1878 kam er zum ersten Male nach Odessa, und hier machten die Werke der russischen Gelehrten auf ihn einen so starken Eindruck, daß er seitdem begann, sich auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Zur selben Zeit entstand bei ihm der Gedanke, nach Westeuropa zu gehen und an einer Universität zu studieren. Er hielt sich vorübergehend in Wien auf, kehrte aber bald wieder nach seinem Heimatdorfe zurück. Lange freilich hielt es ihn in der Weltabgeschiedenheit dieses Dorfes nicht. Sein Bildungsdrang führte ihn bald wieder ins Ausland. In den Jahren 1883—1884 versuchte er in Berlin, Breslau und Wien erneut, das Universitätsstudiuin zum Abschluß zu bringen, freilich ohne Erfolg. Nach Rußland zurückgekehrt, wandte er sich wieder dem Selbststudium zu. Von besonders starker Wirkung war auf ihn die positivistische Philosophie jener Zeit. Im Jahre 1884 trat die entscheidende Wendung in seinem Leben ein. Bei einem zweiten Besuche Odessas kam er mit dem damals gegründeten, unter Leitung Dr. Leo Pinskers stehenden Verein der Chowewe Zion in Berührung. Er schloß sich diesem Verein sofort an und gelangte in ihm bald zu einer führenden Stellung. Als die Kattowitzer Konlerenz die Chibbath-Zion-Bewegung auf eine philanthropische Trundlage stellte, trat Achad Haam gegen diese Bestrebung n Opposition und scharte um sich einen kleinen Kreis von Gesinnungsgenossen mit dem Ziele, die Chibbath-Zion-Bewc- »ung zu einer umfassenden, nach innen gerichteten Renais- •) Auf Wunsch mehrerer Leser tragen wir die Lebeasdaten jkchad fitaama nach. sance-Bewegung des Judentums zu entwickeln. Dieser zahlenmäßig kleine Kreis von Menschen drängte Achad Haam, seine Anschauung über die Chibbath-Zion zu veröffentlichen. Und Achad Haam veröffentlichte 1889 in der Zeitschrift ״Hamcliz“ seinen berühmt gewordenen Aufsatz ״Nicht dies ist der Weg“ (zum ersten Maie unter seinem Pseudonym), ln diesem Aufsatz führte Achad Haam aus, daß der Besiedlung des Landes die Erziehung des Volkes voranzugehen habe. Gegen diesen Artikel und den von Achad Haam geschaffenen Geneimbund ״Bne Moscheh“ erhob sich im Lager der Chowewe Zion heftige Opposition, der Achad Haam durch neue Artikel entgegentrat. Im Jahre 1891 besuchte Achad Haam Palästina und veröffentlichte seine Eindrücke vom Lande in dem zweiten berühmten Artikel des ״Hameliz“, ״Wahrheit aus Patästina“. 1893 besuchte Achad Haam erneut Palästina und berichtete wiederum über seine Eindrücke 1m Lande. Daneben beschäftigte er sich entgehend mit philosophischen Studien. 1896 begann er, die Zeitschrift ״Haschiloach“ herauszugeben. In dieser Zeitschrift führte er gegen die von Herzl entfachte Bewegung des politischen Zionismus einen Heftigen Kampf, weil nach seiner Meinung der politische Zionismus nur das Aeußere der Judenfrage, nicht aber ihre inneren Wurzeln sehe und auszurotten bestrebt sei. Als Herzls ״Altneuland“ erschien, lehnte Achad Haam dieses Buch als unjüdisch und von einer mechanischen Auffassung des Problems diktiert, ab. Im Jahre 1900 besuchte er zutn dritten Male Palästina. 1902 nahm er an dern allgemeinen Kongreß der Zionisten Rußlands in Minsk teil und hielt hier einen Vortrag über ״Renaissance des Geistes“. In den Jahren 1905 und 1906, den Jahren der russischen Revolution, nahm er an den Kongresses für die Gleichberechtigung der Juden teil und trat leidenschaftlich für diese Gleichberechtigung ein. 1905 veröffentlichte er im ״Haschiloach“ unter dem Titel ״Die Herrschaft des Verstandes“ einen berühmt gewordenen Aufsatz über Maimonides, 1907 in der paläsiinensischen Zeitschrift ״Haomer“ den Aufsatz ״Die Stunde ist gekommen“, in dem er mit dem größten Nachdruck die Schäftung eines geistigen Zentrums in Palästina forderte. 1908 siedelte Achad Haam nach London über. Hier verblieb er bis nach dem Weltkriege. Während des Krieges nahm er engen beratenden Anteil an den politischen Bemühungen, die zur Balfour-Deklaration führten. Die großen Aufregungen des Krieges und der Nachkriegszeit zerrütteten seine Gesundheit, so daß er wiederholt Sanatorien aufsuchen mußte. Eine Zeitlang weilte er zur ärztlichen Behandlung in Berlin. 1922 verlegte er seinen ständigen Wohnsitz nach Tcl-Awiw. Eine Teilnahme am öffentlichen Leben ist ihm jedoch infolge seines Gesundheitszustandes unmöglich. Zu seinem 70. Geburtstag war er Gegenstand vieler Ehrungen im Lande. Das Problem der Hachscbarah ruchanith Von Alexander Levy (Tel-Awiw). Das Problem steht längst auf der Tagesordnung oder sollte wenigstens längst auf der Tagesordnung stehen. Es ist zwar ״nur“ ein geistiges Problem, wie cs scheint. Aber es gibt Leute, die der Meinung sind, daß mit der Lösung dieses geistigen Problems die Lösung vieler uns jetzt so heftig bedrängender praktischer Probleme auf das engste verknüpft sei. In dankenswerter Weise ist die Diskussion über den Gegenstand durch A. G. in der ״Jüdischen Rundschau“ eröffnet worden. Und auch anderwärts erschienene Artikel berühren dieselbe Sache, wenn auch von einer andern Seite her. Versuchen wir so kurz wie möglich und so klar wie möglich zu sagen, worum es sich eigentlich handelt. A. G. formuliert in ihrem Artikel die eine Seite des Problems so vorzüglich, daß man nichts besseres tun kann, als sie zu zitieren. Sie schreibt: ״Es gibt heute bereits einen ganz klar ausgeprägten Typus des ,,Palästinensers“.... Wir haben in Palästina noch andere Begriffe, als man sie in der sogenannten Kuitirwc'.t im Durchschnitt gewohnt ist. Und zwar höhere Begriffe..., Immerhin stellt Palästina eine gewisse Auslese im menschlichen Sinne dar. Im Verhältnis der Menschen zueinander herrscht eine gewisse Achtung. Die alten Angehörigen des Jischuvv haben miteinander viel ge lernt und viel gelitten, und obwohl man sich gegenseitig sehr gut kennt, besteht eine gewisse Brüderschaft. Man fühlt sich vereint durch gemeinsame Interessen.“ Und weiterhin fordert sie, daß die neue Einwanderung ״die ganz unvorbereitet hierherkommt und den Dingen hier verständnislos gegenüber■ steht“ an diesen von ihr gekennzeichneten ״Geist des älteren Jischuw“ assimiliert werden müsse. Sie kommt zu dem Schluß ״Die Menschen, die nach Palästina gehen, müssen eine gewisse Stufe erreicht haben, ehe sie einwandern, sonst sind wir der Arbeit, sie unserm Geiste zu assimilieren, kaum ge wachsen.“ Das sind endlich einmal klare und deutliche Formulierungen eines Problems, das seit langem im Verborgenen sich entfaltet hatte und das bereits zu außerordentlich be dauerlichen Erscheinungen geführt hat. Es ist wirklich hochste Zeit, diese Dinge an das Licht des Tages zu bringen, schon um sie — sozusagen — zu desinfizieren, zu entgiften Denn nichts kann verderblicher sein, als wenn solche Dinge im Dunkeln wuchernd ihre Giftstoffe entwickeln und in weite Volksschichten verbreiten. Für die Lösung des angeschnittenen Problems bestehen drei Möglichkeiten. Erstens die Assiniiiiertmg der neuen Alijoth an den Geist der älteren, wie A. G. sie fordert. Zweitens ein Ausgleich zwischen den beiden konträren Welten. Und drittens ein endgültiges Ueberwiegen des neuen Geistes und allmähliches Absterben oder Verkümmern des älteren. Welche der drei Lösungen ist wünschbar, welche wahrscheinlich? Die Beantwortung dieser Fragen scheint uns in erster Linie abhängig zu sein von der Gesamteinstellung, die man zu Palästina als der künftigen jüdischen Volkslieimat ein nimmt. Für die Anhänger der Anschauung, daß Palästina in an betracht seiner Kleinheit, der geringen Teile des Volkes, die heute ernstlich nach Palästina tendieren und der relativ schwachen materiellen Kräfte, die hinter dem Aufbau stehen, sich in der Hauptsache zu einem geistigen Zentrum des jüdischen Volkes zu entwickeln berufen sei, ist die Antwort ohne weiteres gegeben. Sie lautet selbstverständlich: strengste Auslese des Menschenmaterials nach jeder Richtung bin, unausgesetzte Bemühung, daß geistige und kulturelle Niveau des Jischuw soweit wie möglich über den Durchschnitt zu erheben (das ist ja nach Meinung von A. G. in den älteren Teilen des Jischuw schon bis zu einem gewissen Grade erreicht) und Bekämpfung aller Erscheinungen, welche diesen Tendenzen feindlich oder störend sein könnten. Hinaufzüchtung und Veredlung also der neuen, diesen Forderungen vorläufig noch ״völlig verständnislos gegenüberstehenden“ Einwanderungswellen zur Höhe des Ideals des älteren Jischuw. Entweder sittliche Assimilation und Aufsaugung der neuen Elemente, oder, im schlimmmsten Falle deren Aus- Scheidung, das heißt mit dürren Worten Rückwanderung, wie sie Weizmann in seinem letzten Interview mit den Worten charakterisiert: ״Es hat sich gezeigt, daß ein gewisser Teil des Menschenmaterials, der sich in Erez Israel mit der vierten Alijah angesammelt hat, für das Land nicht geeignet ist und das Land nicht für ihn, so daß er das Land überhaupt wieder wird verlassen müssen.“ Sela. Ist man aber, wie der Verfasser, von dem unbrechbaren Willen beseelt, Palästina nicht nur zu einem geistigen Zen trum von Ausnahmemenschen, Edeljuden sozusagen, sondern zk etu•*■ wirküchat höchst realen neuen Volksheinut für Millionen einfacher — proster — Juden zu machen, 90 muß vernunftsgemäß die Antwort wesentlich anders lauten. Denn nur ein ganz unbelehrbarer und mit dem Kopf in irgendwelchen romantischen Wolken wandelnder Phantast kann glauben, daß es mit dem schon vom alten Ibsen als höchst unzulänglich — ja als mitunter lebensgefährlich -- erkannten Mittel der ״idealen Fordenutg“ oder sonst mit einem Mittel möglich sein wird, ein Volk von Edelmcnschcn künstlich zu züchten. Gewiß: der ethische Aufstieg der Menschheit ist das endlose Ideal aller. Aber wenn es irgendein Mittel in der Welt gibt, ihn zu fördern, so ist dies immer nur die Heizung des allgemeinen Wohlstandes gewesen und niemals die Moralpredigt und die ״sittlich-ideale Forderung“. Wer deshalb ernstlich für einen ethischen Aufstieg der Juden in Palästina arbeiten will, hat vor allem die Pflicht zu erfüllen, mit allen Kräften an einer wirtschaftlichen Gesundung unseres heute leider wirtschaftlich so kranken Landes mitzuarbeiten. Die schönen Moralpredigten mag er lieber_ bei sich behalten. Schade um die Zeit. Sie können nur stören, verärgern und abstoßen, geholfen haben sie aber noch nie. Und besonders dann nicht, wenn der Prediger davon ausgeht, daß er und seinesgleichen bereits den ״höheren“ Typ repräsentiere, wie A. ü. dies unverhüllt tut. Ueber so etwas kann mau im besten Falle nur lächelnd die Achseln zucken. Außerdem muß doch einmal offen ausgesprochen werden, daß in diesem unzweifelhaft und zugegebenermaßen vorhandenen ״Siehbesserdiinken“ gewisser Teile des älteren Jischuw gegenüber den ״Neuen“, und also eigentlich gegenüber dem :anzen ״Rest“ des 13-Millionenvolkes, außer der für viele recht unsympathischen Ueberhcblichkeit und dem unangenehmen Beigeschmack von Selbstbeweihräucherung, die darin enthalten ist, auch eine gewisse politische Gefahr verborgen ist. Denn was werdet Ihr denen antworten, die mit Euch der Meinung sind, daß breite Massen des jüdischen Volkes dringend einer ״Veredelung“ bedürfen, um endlich auf das hohe sittliche Niveau der Romanen, Germanen, Yankees usw. jebracht zu werden? So wie ihr sie auf das hohe sittiche Niveau der ״Palästinenser“ zu bringen wünscht. Unmöglich, daß ein kluger und stolzer Jude da mitmachen kann! Denn beides, Klugheit und Stolz, verbieten in gleich kategorischer Weise die Anwendung derartiger ״Mittel“ zur sittlichen Höherfühmng eines Volkes. Denn wenn es schon zweifellos geradezu unsittlich — jedenfalls aber höchst unpraktisch — ist, kleineren sozialen Gnippen (Wucherern, Prostituierten, Bohemiens, Anarchisten, antisozialen Elementen aller Art) statt mit sozialem Verständnis, menschlicher Demut und brüderlicher Hilfsbereitschaft mit Ueberheblichkeit und öligen Moralphrasen entgegenzutreten, so ist ein solches Verhalten einem ganzen Volke gegenüber völlig indiskutabel. Und diese simple alte Wahrheit haben wir unsem beben Antisemiten denn auch schon oft genug vorgehalten. Bei ihnen hat es nichts genutzt. Hoffen wir aber, daß es bei uns selbst besser gehen wird. Unsere Schlußfolgerung ist zwingend: Da die Voraus- Setzungen, auf denen die ganze Theorie der ״Hachscharah ruchanith“ aufgebaut ist, höchst anfechtbare und unhaltbare sind, muß dieses ganze System vernünftigerweise fallen gelassen werden. Es ist nicht geeignet, an den wirklichen Verhältnissen auch nur das geringste zu bessern, wirkt aber überaus schädlich nicht nur auf die brüderlichen Beziehungen zwischen Gruppen unseres eigenen Volkes sondern auch bezüglich des jüdischen Ansehens in der Welt überhaupt. Keine der drei Lösungen der Frage ist wünschbar, keine wahrscheinlich. Die ganze Fragestellung ist überflüssig und ver-• fehlt. Weder hat sich die neue Alijah moralisch an den angeblich sittlich höherstehenden älteren Jischuw noch dieser an die neue Alijah zu ״assltnile^n“» J?f| wir »t tun ' haben, Ist dlfes: Jeder gehe ah sein Werk und arbeite an seiner Stelle innerhalb des sozialen Gesamtorganismus so gut er kann am Wohle des Ganzen. Jeder trage zur wünschbaren Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Methoden soviel bei, als ihm vergönnt ist. Und wenn ihm das jüdische Volk und sein sittliches Niveau durchaus nicht gefällt, so suche er sich ein ihm adäquates, besseres, höherstehendes. Wir unsererseits sind mit den Qualitäten unseres Volkes bis auf weiteres durchaus ebenso zufrieden, wie die Deutschen, Engländer oder ^onstwer mit denen des ihrigen. Und für die Zukunft wollen wir uns alle im Dienste an der Gesellschaft strebend bemühen. Pressesttmmen Unter der Ueberschrift ״Schwierigkeiten der zionistischcn Siedlung“ berichtet der Jerusalemer Korrespondent des ״Berliner Tageblatts“, Ernst Davis, seinem Blatte u. a.: Palästina ist ganz plötzlich aus der apathischen Stagnation der arabischen Länder hinausgedrängt und auf die Bahn der wirtschaftlichen und kulturellen Europäisierung gestoßen worden. Vieles, das hier vorgeht, erinnert an die ersten Jahre Deutschlands zu Beginn seines wirtschaftlichen Aufsclnvungs nach 1871. Palästina hat jetzt zum erstenmal während seiner ganzen Geschichte eine regelrechte Hausse und Baisse durchgemacht. Es ist die erste asiatische Siedlungskolonie des übervölkerten Europas. Neben der Einwanderung kapitalskräftiger Elemente unterstützten drei andere Faktoren die Hausse: im Frühjahr 1924 hatte Samuel Lublin er, der Großaktionär der ,,Malkah“-Zigarettenfabrik in Berlin, einen Tabaklieferungsvertrag mit den Bauern in Galiläa abgeschlossen. Das Quantum, das er übernahm — es war eine Viertelmillion Kilo —, machte eine Vervielfachung der damals nach Aufhebung des Monopols der türkischen Tabakregie eben erst beginnenden Tabakanpflanzungen nötig. Das war eine unerwartete Vergrößerung der Arbeitsmöglichkeit in der Land- Wirtschaft. Ungefähr gleichzeitig eroberte die Jaffaorange da! englischen Markt, und schließlich erreichte der Touristenstrom mit 70 (XX) auswärtigen Besuchern eine nie dagewesene Höhe. Der Korrespondent'setzt die Ursachen des Zusammenbruchs der Hausse auseinander und glaubt, Anzeichen einer beginnenden Gesundung zu sehen. Er kritisiert die von der Palästinaregierung geübte ״Taktik der versperrten Türen“. Die Juden werden aus der Polizei langsam hinausgedrängt. Man läßt die Juden nicht ungehindert in ihre Heimstätte hinein und macht iiinen Schwierigkeiten bei der Naturalisation. Notwendiges Resultat: die Immigration ist auf 1500 bis 1600 Seelen im Monat gesunken, die Auswanderung durch die Verschärfung der Krise auf 300 gestiegen. Die Nettoeimvanderung ist gerade so groß wie die natürliche Vermehrung der Araber. Die arabische Zeitung Marat e 1 Sherak schreibt: Von den 70000 Juden, die nach der Okkupation nach Palästina f’ Nationalität behalten haben, und die damit verknüpften Vorteile weiter genießen. Gibt cs einen besseren Beweis als diesen dafür, daß die Juden selbst kein Zutrauen zu ihrem Nationalheim haben? Erst wenn eure Emigranten die palästinensische Staatsbürgerschaft angenommen haben, könnt ihr zu uns kommen und Anerkennung von uns fordern, aber solange ihr selbst nicht an das Nationalheim glaubt, wäre es sehr unlogisch, das von uns zu verlangen.