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Jüdische Rundschau · 1926-08-03 · Heft 60 (3.8.1926) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 60 (3.8.1926)
Date
1926-08-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 438 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60 Die Ideologie Achad Haams Von Hans Kohn Zweimal hat Achad Haam in Krisen zionistischer Ideologie und Politik sich als der bewährt, dessen klares Denken und unerschrockene Wahrheitsliebe Richtung wiesen. Das erste Mal war es, als die von den Chowewe Zion unter viel Enthusiasmus und Hingabe mit großen Erwartungen begon* uene Kolonisation in Palästina in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammenzubrechen drohte. Zum zweiten Male geschah es, als nach Herzls Tode die Aussichtslosigkeit diplomatischer Verhandlungen in dem bisherigen Stile erkannt und damit ein Stillstand, ja Rückgang in der zionistischen Bewegung eingetreten war. Damals hat sich Achad Haam als der Erzieher zur Wirklichkeit erwiesen und aus verschwommener Romantik die Bewegung zur inneren Wahrhaftigkeit zurückgeführt. Liest man Achad Haams Schritten, deren Abfassung dreißig und vierzig Jahre zurückliegt, heute wieder, so erscheinen sie beinahe in jedem Worte noch aktuell und auf lebendige Gegenwart bezüglich; andere zionistische Schriften aus jener Zeit dünken uns primitiv und lang von der Wirklichkeit überholt; Achad Haams Ausführungen aber bieiben nicht nur die Grundlage der zionistischen Ideologie, sondern auch der zionistischen Politik und Kolonisation. Die gegenwärtige Politik der Zionistischen Organisation ist eine Mischung romantischer Elemente und kluger Beobachtung der Wirklichkeit. Aber gerade infolge dieses zweideutigen Charakters entbehrt die zionistische Bewegung derzeit einer klaren Ideologie und leidet an diesem Mangel. Die Entwicklung unserer tatsächlichen Politik ist der ideologischen und kritischen Besinnung vorangeeilt. Sie ist durch die Wirk- Iichkeiten geformt worden, nicht aber aus einem klaren System der Zielsetzung erwachsen. Von den messianischen Er- Wartungen der Sammlung aller Zerstreuten und der Behebung der Judennot, wie sie in den Tagen der Balfour- Deklaration und nach San Remos üblich waren, ist der Weg zurückgelegt worden zu einer allmählichen, geduldigen Siedlungsarbeit, zu einer mühseligen Sammlungstätigkeit dernationalen Fonds, denen es noch nicht gelungen ist, eine wahre Opferfreudigkeit unter den Juden aller Länder für Palästina zu erwecken, zur Politik Herbert Samuels und zur Annahme des Churchillschen Weißbuches, zur Zukunft Palästinas als der gemeinsamen Heimstätte zweier dort lebender Völker. Jede dieser tatsächlichen Entwicklungen ist ideologisch bekämpft worden, aber hat den Sieg davongetragen, weil sie allein der Wirklichkeit entsprach. Noch vor einem Jahre ist der Ausspruch von der Zukunft Palästinas als binationaler Heimstätte auf das heftigste bekämpft worden, langsam gräbt er sich in das Bewußtsein der zionistischen Oeffentlichkeit ein, aber Achad Haam hat bereits 1920 in seiner letzten öffentlichen Aeußerung, im Jahre der San Reino- Feiern, erklärt: ״Sobald das jüdische Volk wiederum einen Teil seiner nationalen Kräfte — Menschen, Güter, kulturelle Institutionen usw. — in dieses Land zurückgebracht hat, ist es wiederum sein nationales Heim, und es hat das Recht, dieses sein Heim zu vergrößern und zu vervollkommnen, soweit nur seine Kraft reicht. Aber dieses historische Recht hebt nicht das Recht der übrigen Landesbewolmer auf, die sich auf das reale Recht des Wohnsitzes und der Arbeit im Lande seit Generationen berufen können. Auch für sie ist dieses Land ihr gegenwärtiges nationales Heim, und auch sie haben das Recht, ihre nationalen Kräfte nach dem Maß ihres Könnens zu entwickeln. Diese Lage macht also Palästina zu einem gemeinsamen Ort für verschiedene Völker, von denen jedes sich bemüht, dort sein nationales Heim zu errichten. In dieser Lage ist es nicht mehr möglich, daß es das nationale Heim eines einzigen von ihnen vollständig ist und all das umfaßt, w׳as in diesem Begriff enthalten ist“. Die Wirklichkeit unserer politischen und kolonisatorischen Arbeit in Palästina kann ihre Ideologie nur in den Lehren Achad Haams finden. Sie setzen ihr ein Ziel, das hoch und groß ist und von dem wir noch sehr, sehr weit entfernt sind, das aber verwirklichbar ist und auf dessen Verwirklichung das bereits Geschaffene hindeutet. Dieses Ziel ist aus dem Geiste des Judentums geboren und aus den inneren Notwendigkeiten des jüdischen Lebens. Es ist daher unabhängig von allen Konstellationen und Bedingungen der Tagesgeschichte. Dies ist der Grund, warum Achad Haams Schriften auch heute noch so aktuell wirken. Sie sind mit der unerbittlichen Liebe zur Wahrhaftigkeit und mit gewissenhafter und eingehendster Prüfung jedes Details der jüdischen Lage der Gegenwart und der kolonisatorischen Tätigkeit in Palästina geschrieben, sie wurzeln aber zugleich in der Welt jüdischer Ueberlieferung und sie wollen in allem Zukünftigen bewußt an die Vergangenheit anknüpfen. Dreifach sind die Grundlagen der Ideologie Achad Haams und sie gilt es, klar zu erkennen. Das Judentum ist ein lebendiges Volksindividuum, dessen bestimmende Elemente nicht formaler Natur sind (Land, Sprache usw.), sondern inhaltlicher. Ein geistiger Leoensinhalt besonderer Art ist durch die dreitausendjährige jüdische Geschichte entwickelt worden. Dieser geistige Lebensinhalt bildet die Kraft des Judentums, er unterscheidet es von allen anderen Völkern, er verbürgt seine Existenz. Seine Schwächung bedeutet eine Gefahr für die Fortexistenz des jüdischen Volkes. Es gilt ihn zu stärken durch seine Konzentration und so den Fortbestand und eine neue Blüte des Judentums zu ermöglichen. Diese Konzentration darf aber nicht aus dem Geiste der Theorien entspringen, die zu Ende des neunzehnten oder zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts das politische Denken Europas beherrschen, sondern muß an das Judentum und an seine von Zeitumständen unabhängigen Probleme und Aufgaben anknüpfen. Diese Konzentration muß aus starker Liebe und Sehnsucht zum Judentume entstehen. Aber diese Sehnsucht darf keine pseudomessianische Ueberspannung erleiden. Die volle Lösung der Judenfrage selbst kann nicht anders erfolgen als im messianischen Zeitalter, mit der Lösung der Menschheitsfrage. Die Konzentration trägt den Charakter der Sammlang und der Vorbereitung. Nur dies kann das Ziel sein. Neben die Sehnsucht muß als wirkende Kraft die schöpferische Geduld treten. Nur langsam und allmählich entsteht in steter Anpassung an die Gegebenheiten der Wirklichkeit in Palästina die Konzentration eines Teiles des jüdischen Volkes. ״Palästina wird einst ein geistiges nationales Zentrum für das Judentum sein, ein Zentrum, das dem ganzen Volk lieb und teuer ist und das ganze Volk vereinigt und verbindet, ein Zentrum der Thora und der Wissenschaft, der Sprache und Literatur, der körperlichen Arbeit und der seelischen Reinheit, eine echte Miniatur des jüdischen Volkes, wie es sein sollte.“ Und jeder Beobachter Palästinas, der von dort zurückkehrf, ״empfindet dann in allen Kammern seiner Seele, wie groß und hoch das ist, was allmählich dort geschaffen wird, und wie stark seine Kraft sein wird, unseren nationalen Bestand in allen Ländern, in die wir verbannt sind, zu stärken.“ Dieses Zentrum in Palästina kann und wird die Judennot nicht lösen, und es kann daher auch nicht aus dem Wunsche nach Aufhebung dieser Not entstehen. Denn sonst werden die Juden, enttäuscht von der palästinensischen Wirklichkeit, sich von der palästinensischen Aufgabe abwenden. Sie kann nur gelöst werden aus einer richtigen Erkenntnis dessen, was Palästina für das Judentum bedeutet, und aus der Erweckung einer wahren und uneigennützigen Liebe des Juden zum Judentume und zu Palästina, das den Fortbestand dieses Judentums sichert. Daher kann eine erfolgreiche Sied- Jung in Palästina nur aus einer unermüdlichen Tätigkeit in allen Ländern der Diaspora entstehen, die eine Aufgabe der Erziehung ist, einer Belebung des jüdischen Herzens. Es ist nicht Zufall, daß die Geldmittel für Palästina so Verhältnismäßig spärlich fließen, die notwendige langwierige geistige Vorbereitungsarbeit dafür ist noch nicht geleistet worden und sie kann so lange nicht geleistet werden, als sich die zionistische Ideologie über ihr eigenes Wesen und ihre Ziele nicht klar geworden, die Erweckung der Zionsliebe, der selbstlosen Liebe zum Judentum und seinem Fortbestände nicht in den Mittelpunkt unseres Tuns gerückt ist. Achad Haam ist in diesen Tagen siebzig Jahre alt geworden. Viele seiner Gedanken sind still und unbemerkt Gemeinbesitz der zionistischen Bewegung geworden und bestimmen ihre Tätigkeit. Die Zahl derer, die sich voll und ganz zu seiner Lehre bekennen, mag klein sein, sie wird wachsen, denn seine Lehre enthält die beiden Kriterien, die Dauer verbürgen, den Mut zur Wirklichkeit und die Liebe zum Judentum. Die Macht der Persönlichkeit Von Viktor Kellner. Es gibt eine Art von Wahrheit, die Sache des Intellekts, der Urteilskraft allein ist. Der sie kündet, muß nicht auf hoher moralischer Stufe stehen; was er sagt, hat nichts Befreiendes, nichts Erlösendes an sich. Anders jene Wahrheit, deren Wurzel im Tiefsten der Persönlichkeit dessen liegt, der sie sagt. Sie ist ein Ausfluß innerster Wahrhaftigkeit; sie stammt aus Unbedingtheit, kennt kein Kompromiß. Mag es ihr auch oft um die kleinsten und scheinbar wichtigsten Dinge gehen, sie bleibt dennoch groß, da sie von einer Idee getragen ist, die jede ihrer Aeußerungen durchdringt. Daß diese Wahrheit Wirklichkeit werde, ist sittliches Problem, sittliche Aufgäbe; diese Wahrheit hat nur einen Sinn, wenn sich ihr der Glaube verbindet, daß ihr, wenn auch in ferner Zeit, ein voller Sieg beschießen sein werde. Solcher Art ist die Wahrheit Achad Haams. Da er sie aussprach, wußte er, daß sie das Gegenteil dessen war, was alle glaubten. Doch er ließ sich nicht beirren, und in dieser Unbeirrbarkeit liegt neben seltener Kraft der Einsicht auch eine unerhörte Kraft des Wollens, der moralischen Personlichkeit. Achad Haam hat nie das Rechte gesagt, um recht zu behalten, um zu triumphieren; er wollte erziehen, bessern, für große Aufgaben vorbereiten. Die ihm nur historische Bedeutung zusprechen, irren; sein Werk reicht, weil es das einer starken Persönlichkeit ist, bis in unsere Tage hinein und wirkt über sie hinaus, obwohl die Dinge, von denen es handelt, vielfach um Jahrzehnte zurückliegen. Die ungewöhnliehe Aktualität seiner Aufsätze, die mit den Jahren eher wächst als abnimmt, hat zwei Gründe: Die Dinge, über die er schrieb, haben sich zwar in den Maßen gewandelt, nicht aber in den Proportionen; die Menschen sind die alten geblieben. Achad Haam selbst klagt einmal darüber, daß seine Gedanken angenommen wurden, ihr Schöpfer aber mit seinen eigenen Argumenten bekämpft werde. Es scheint aber, daß der größte Teil dessen, was er gedacht hat, noch nicht ins geistige Eigentum des Volkes übergegangen ist. Das spricht nicht gegen ihn, eher für ihn. Oie Tatsache seiner unverminderten Aktualität beweist die unbeirrbare Schärfe seines Blicks, die Sicherheit seines Urteils; sie beweist aber auch, daß die Wahrheit viel schwerer Eingang in die Herzen findet als Täuschung und Lüge. Es gibt ein blindes Vertrauen auf die Entwicklung der Dinge, das aus Unwissenheit stammt; es gibt aber auch ein Vertrauen, das sich auf Wissen gründet; dieses ist das Vertrauen Achad Haams. Er glaubte oft trotz seiner Einsicht. Für ihn sind — und das ist echt jüdische Art — Pessimismus im Hinblick auf die Gegenwart und Optimismus für die Zukunft nicht nur vereinbar, sondern sie bedingen einander und gehören notwendig zusammen. Die Klarheit seines Denkens, die Nüchternheit seines Blicks läßt keine Selbsttäuschung aufkommen und auch keine Täuschung anderer. Die strenge Rechenschaft, die er sich und anderen gibt, macht jene Kunst der Diplomatie unmöglich, die von Illusionen lebt. Niemals hat Achad Haam das Mittel um des Zweckes willen geheiligt; jedes, auch das kleinste Tun mußte jener strengen jüdischen Moral entsprechen, die Voraussetzung und Ziel des Handelns des Einzelmenschen sowohl wie des ganzen Volkes zu sein hat. De unveräußerlichen Ansprüche unseres moralischen Rechtes dürfen nicht durch Aktionen geltend gemacht werden, die dem tiefsten Sinn unseres Judentums widersprechen. Nicht mit Gewalt dürfen wir kämpfen, sondern einzig durch den Geist. Achad Haams Schriften offenbaren eine seltene Einheit von Wort und Wesen. Ke Dinge, über die er schreibt, sind ihm immer heiliger Ernst; er lebt in ihnen und mit ihnen. Sein Schreiben ist nicht Studium, sondern Tat, ist Bereiten der Herzen, Hinlenken der Geister zum ewigen Volksideal, Wecken und Neubeleben der Gemüter, Aufrütteln des ganzen Menschen zur Tat der Erlösung. Was will Achad Haam? Daß das jüdische Volk durch die Rückkehr an die Stätte, von der seine geistige Tat ausgegangen ist, wieder geistig schöpferisch werde; daß es ein Zentrum habe, das auf das Judentum der ganzen Welt erhaltend, belebend, erneuernd einwirke. Für Achad Haam ist die jüdische Frage eine Judentumsfrage, keine Judenfrage, und er sagt es mit all jener Deutlichkeit, deren nur er fähig ist, daß der Zionismus zuviel verspreche, wenn er den jüdischen Massen die Rettung aus ihrer Not verheiße. Palästina könne nur einen geringen Teil der Juden fassen und jene Rettung liege in unendlicher Ferne. (Es ist ein böser Widerspruch im Zionismus, daß viele von den Menschen, die nach Palästina gehen, nicht darum gehen, weil sie wollen, sondern darum, weil sie müssen. Das Zentrum des jüdischen Geistes kann aber nur durch solche aufgebaut werden, die wissen, worum es geht und die für ihr Ideal Opfer zu bringen bereit sind. Ke verelendeten und verfolgten jüdischen Massen jedoch können und wollen nicht warten: so droht das jüdische Palästina trotz aller Ideellen Kräfte, die am Werke sind, durch jenen inneren Widerspruch uneinheitlich und in tieferem Sinne unjüdisch zu werden.) Es ist gegen Achad Haam der Vorwurf erhoben worden, daß er den Teil sehe und nicht das Ganze. Sein Zionismus wurde von den Politikern verächtlich Kulturzionismus genannt. Ei־ ist es; er ist Zionismus um jener höheren Kultur willen, die allein ihn rechtfertigt. Darin liegt die Größe Achad Haams, daß sein ganzes Wirken und Schreiben von einer höchsten geistigen Idee aus bestimmt ist, der alles Einzelne sich unterordnet. Das Werk Achad Haams ist von wunderbarer Geschlossenheit. Kese Geschlossenheit strömt aus der Einheit einer ungebrochenen geistigen Persönlichkeit, die in ihrem innersten Sein und in jeder ihrer Aeußerungen jüdisch ist. Das historische Judentum, das ihm Lebensinhalt und Seinsgrund ist, gibt seinem Wesen die großartige Selbstverständlichkeit und Ruhe, die ihm eignet Von diesem Judentum aus sieht und betrachtet er die ganze jüdische und nichtjüdische Welt. Nur was diesem Judentum gemäß ist, macht er sich zu eigen; alles andere lennt er mit der Entschiedenheit eines Menschen ab, der seiner selbst sicher ist Geschlossenheit wird oft zur Enge, und auch Achad Haam ist von Enge nicht freizusprechen. Seine Deutung des Judentums, so grandios sie ist, erscheint doch oft eng und ungerecht. Wie es ja überhaupt ungerecht ist, wenn man lebendiges Volkswesen in starre Definitionen, in gedankliche Abstraktionen einfangen will; jede Deutung gilt eigentlich nur für das Gewesene; das Zukünftige ist unberechenbar und der schöpferischen Möglichkeiten, aie es birgt, sind unendlich viele. Es ist die Hauptschwäche der Achad Haamschen Philo- Sophie, daß sie im Geistigen berechnen zu können glaubt und so das innere Geschehen in einen starren Mechanismus verwandelt. Das Irrationale hat in einem solchen System keinen Platz. Ueberall spürt man die Abhängigkeit von der positivistisehen Philosophie der Franzosen und Engländer, aie tiefere metaphysische Bedürfnisse nicht zu befriedigen vermag. So z. B. wenn das Gewissen definiert wird als der Widerhall dessen, was der Mensch über die Sünden anderer aussagt;, oder wenn überhaupt die Entstehung der Moral aus dem Gesellschaftlichen heraus erklärt wird; oder wenn das Ich als die Summe aufgefaßt wird, die sich aus der Verbindung des Gedächtnisses mit dem Willen des Mensehen ergibt, aus der Vereinigung der Vergangenheit mit der Zukunft; (zwei Zeilen weiter spricht allerdings Achad Haam von der inneren Kraft, die auf irgendeine verborgene Weise alle Eindrücke und Erinnerungen der Vergangenheit mit allen Wünschen ujid Hoffnungen für die Zukunft, verknüpft; und aus allen zusammen ein vollkommenes organisches Geschöpf macht); oder wenn behauptet wird, daß die moralische Entwicklung vom Recht zur Barmherzigkeit geführt habe — als ob nicht auch die Barmherzigkeit als Urtrieb im Menschen angelegt wäre. Ueberhaupt läßt sich der Begriff der Entwicklung airfs Geistige nicht so ohne weiteres anwenden. Entwicklung ist, wie der Name selbst es sagt, Entfaltung eines Gegebenen, das von Uranfang da ist, nicht allmähliches Entstehen eines völlig Neuen, dem Früheren ganz Unähnlichen. — Wie sonderbar mutet die Aesthetik Achad Haams an, der aus praktischen Gründen, wegen der nötigen Oekonomie der Kräfte, nicht wünscht, daß für seine Zeitschrift Werke der reinen Poesie geschrieben werden und dem, der seelische Ergüsse über die Herrlichkeit der Natur und über die Schönheit der Liebe und dergleichen verlangt, rät, all das bei anderen Völkern zu suchen; als ob sich die Schöpferkraft eines Dichters kommandieren ließe! Auch das kulturelle Programm Achad Haams ist von seinem Rationalismus beherrscht. So wenn er die erhaltende Kraft der nationalen Formen übermäßig betont; oder wenn er empfiehlt, daß sich Gesellschaften una Vereine zum Studium der jüdischen Moral gründen. ■ Hat Achad Haams Lehre den Charakter einer Weltanschauung? Ist überhaupt irgendein Nationalismus als Weltanschauung möglich? Weltanschauung ist etwas ganz Personliches; das Nationale ist nur als Grundlage dieses Persönlichen denkbar, als ein Rahmen, innerhalb dessen sich die Einzel-, Persönlichkeit und ihre Weltanschauung in Freiheit entfaltet. Bei Achad Haam ist das Nationale in seinem Wesentlichen ein Moralisches und damit ein Allgemeines, Normatives, dem sich das Volk und seine Einzelmenschen, soweit sie bewußt jüdisch sind, unterwerfen. Einzig das Religiöse könnte den jüdischen Nationalismus zu einer Weltanschauung machen, und dieses Religiöse wird bei Achad Haam ganz vernachlässigt. Sein Streben geht dahin, mit der Ratio des reinen Ethikers im Erleben und in der Darstellung der nationalen Werte das Religiöse, das ihm als bloßes Gewand des Moralischen erscheint, abzustreifen; und übrig bleibt eine tief erlebte und originell gefaßte jüdische Moral, die als der Sinn des Judentums nicht zu befriedigen vermag. (Eine Folge dieser Einstellung ist eine Ueberbetonung der Inhalte; so etwa in dem Aufsatz über Judentum und Christentum, der bei allem Wichtigen, das darin gesagt wird, dem Wesen des Christentums in keiner Weise gerecht wird.) Auch dem schöpferischen Wesen der Einzelpersönlichkeit kann Achad Haams Ideologie nicht gerecht werden; erscheint doch bei ihm die Einzelpersönlichkeit im Wesentlichen als eine Verwirklichung von Volkstendenzen und Verkörperung von Volksidealen. Ke Frage z. B., ob Moses wirklich gelebt hat, ist für Achad Haam belanglos gegenüber jener Wirklichkeit und Wirkung, die der Gesetzgeber dadurch erlangt hat, daß das Volk ihn nach seinem Bilde geschaffen hat. So erscheint die Volksgemeinschaft und Volkspersönlichkeit als das wahrhaft Konkrete in der Geschichte und ihr gegenüber verschwindet das Göttliche und das Individuelle. Daß Achad Haam der Persönlichkeit Herzls und damit dem politischen Zionismus nicht volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, hängt mit seinem innersten Wesen zusammen. Wer unbeirrt die Wahrheit sucht und sagt, kann den handelnden Menschen nie ganz verstehen. Handeln zwingt zum Kompromiß, ja oft zur Lüge. Ke Wege der Tat sind nie ganz gerade. Daher wird auch der betrachtende Mensch mit seinem empfindlichen Gewissen nie ins Leben eingreifen können; wenn er es tut, so bleibt er ohne Erfolg. Auch Achad Haams organisatorischer Versuch, die ״Bne Mosche“, mußte letzten Endes scheitern. Der unbedingte Mensch, der keine Kompromisse kennt und keine ungeistigen und untnora- Iischen Mittel anwendet, kann Lehrer und Führer, kann Vorbild sein, wird aber nie der Realitäten des Lebens Herr werden. Ke Gedanken, die ein Mensch bewußt denkt und ausspricht, sind für sein innerstes Wesen nicht immer beweisend. Auch bei Achad Haam hat man durchaus das Gefühl, daß hinter jenem rationalen Wesen ein irrationales lebt, das, wenn schon nicht religiös, so doch dem Religiösen nahe verwandt ist. Aus ihm erklärt sich letzten Endes die Wirkung seiner Schriften. Auch dort, wo der Gedanke nicht befriedigt, gibt sich in der Sprache Achad Haams, die die Jahrtausende jüdischer Kultur in sich aufgenommen hat und doch so modern ist, in jenem unnachahmlichen Stil, der so vollendet alles ausdrückt, was er ausdrücken soll, ein Persönlichstes kund, das hinter allen Meinungen und Ueberzeugungen steht. Wie bei allen großen Stilisten wird auch bei ihm die magische, ja mystische Gewalt des Wortes offenbar, die aus Tiefen stammt und in Tiefen dringt, in welche der bewußte Gedanke nie zu dringen vermöchte. So steht Achad Haam an seinem siebzigsten Geburtstag vor uns: ein Journalist, der nie um des Tages willen schrieb und darum auch nicht für den Tag, sondern für die Zeit; ein Publizist, dessen Oeffentlichkeit nicht die Vielen waren, sondern jene Wenigen, die Einsicht und Kraft genug besaßen, in seinem Sinne zu leben; ein Kritiker, der bei aller Schärfe nie persönlieh wurde, sondern vornehm und sachlich blieb, weil er einzig die Sache im Auge hatte; ein Schriftsteller, der nur dann schrieb, wenn er mußte; ein Stilist, der jedes Wort betreute; nüchtern und phrasenlos und doch beflügelt von

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