Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 60 (3.8.1926)
- Date
- 1926-08-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 60 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 435 Die Stunde der Bewährung Von Ach ad Haam (1909). Das Nachfolgende ist ein Stück aus dem zweiten der Briefe an deri Herausgeber des ,,Haomer“, die unter dem Titel ״Die Stunde ist gekommen“ erschienen. Die Aufsätze sind enthalten im 4. Band der hebräischen Ausgabe, der erste Brief auch in dem 2. Band der deutschen Auswahl von 1916. Der zweite ist noch nicht deutsch erschienen, der Jüdi sehe Verlag stellte uns freundlichst das Manuskript der für den 4. Band der deutschen Gesamtausgabe bestimmten Uebersetzung zur Verfügung. Wir bringen einen Teil des Briefes, der nach der türkischen Revolution 1909 geschrieben ist, als man erweiterte Aktionsmöglichkeiten für den Zionismus erwartete; der Leser wird selbst entdecken, daß manches des damals Gesagten auch für die Zeit nach der Balfour-Deklaration zutrifft, als wirklich die größeren Möglichkeiten gegeben waren. Red. ״J. R.“ . . _. Wahrlich, wie ein Luftschloß schwebt der Zionisnus seit seiner Entstehung fast schon dreißig Jahre hindurch haltlos in der Luft. Nie wollte er zugeben, daß all seine reale Tätigkeit keinen festen Boden unter den Fi' " .•11 habe und ihr Bestehen nur vom Zufall abhängig sei, solange er nicht vermag, den Geist des Volkes vom Grunde auf zu ändern, ein neues Geschlecht heranzuziehen, das mit ganzem Herzen den Schmerz der nationalen Zerrissenheit und das zwingende Bedürfnis zur Wiederherstellung des nationalen Zentrums im Lande der Väter fühlt. Der Zionismus wollte sich immer den Anschein einer ״praktischen“ Bewegung geben, die Zeit und Kraft nicht an rein geistige Bestrebungen vergeudet, sondern ausschließlich mit greifbaren Werken sich befaßt, welche die baldige Erlösung herbeiführen müssen. Und da ihm die innere Grundlage in Geist und Gemüt des Volkes fehlte, vermochte er nicht, festen Fuß zu fassen zu planmäßiger und stetiger Entwicklung, sondern ließ sich von den Winden Steuer- und ziellos hin und her treiben. Anfangs, als er noch ״Zionriiebe“ hieß, fand er seine ״greifbare“ Tätigkeit in der Gründung von Kolonien, die in der Luft hingen, und später, als er die wahre Lage dieser Kolonien nicht mehr verheimlichen und seine Arbeit auf diesem Wege nicht mehr fortsetzen konnte, ging er nach Basel, änderte seinen Namen und seinen Charakter gleichzeitig: nannte sich ״politischer Zionismus“, verkündete, daß seine bisherige Tätigkeit wertlos sei, daß er sich von nun an aber wirklich praktischer Tätigkeit zuwenden werde, der diplomatischen Tätigkeit an den Höfen von Königen und Fürsten zwecks Gründung eines jüdischen Staates. Und als nach einigen Jahren alle erkannten, wie phantastisch auch diese Tätigkeit gewesen, und unterdessen in Rußland die Freiheitsbewegung erwachte und alles mit sich fortriß — da ging der Zionismus wieder anders wohin (nach Helsingfors), änderte nochmals seinen Namen und Charakter: nannte sich ״synthetischer Zionismus“ und verkündete aller Welt, daß, bis einmal der jüdische Staat in ferner Zukunft gegründet werde, der Zionismus mit verpflichtet sei, an der Befreiung des russischen Staates in. der Gegenwart mitzuarbeiten. Den Aermsten fiel es damals bei weitem nicht ein, daß nach kurzer Zeit auch diese ״praktische“ Tätigkeit in nichts zerfallen lind aus dem Osten ein Wind kommen werde, der den Zionismus wieder in eine andere Richtung treiben wird. Jetzt hören wir wieder eine neue Weise. Einen neuen Namen freilich hat die Sache noch nicht, vielleicht weil es bisher noch zu keiner Versammlung gekommen ist, bei der man darüber hätte beraten können, und wer weiß, ob wir nicht bald auch mit einem ,,analytischen“ Zionismus beschenkt werden . . . In der Sache selbst aber hören wir, wie neue Herolde ausziehen und verkünden, daß der Zionismus überhaupt niemals an einen jüdischen Staat gedacht habe und sein Ziel ausschließlich darin bestehe, Juden in Palästina anzusiedeln, die dort frei und zufrieden leben und durch ihre Arbeit mit der Landbevölkerung zum Gedeihen ihrer gemeinsamen Heimat beitragen sollen. In ferner Zukunft, wenn die Mehrzahl der Bewohner dort Juden sein werden, dann freilich wird von selbst die Leitung des Landes in ihren Händen liegen und ihr Geist darin herrschen. Ob dies wirklich die Sprache des ״legitimen“ Zionismus (ein ״illegitimer“ Zionismus hat dergleichen freilich oft gesagt) vom ersten Kongreß bis heute gewesen ist, — wollen wir jetzt nicht fragen und auf den Engel des Vergessens vertrauen, daß er auch andere die Vergangenheit vergessen lasse, damit auch sie nicht fragen. Die Hauptsache ist, daß der Zionismus jetzt, da er dorthin umkehrt, wo er vor dem Stäatstraum gestanden, alles von Anfang an beginnt: er will neue Kolonisations-Luftschlösser bauen wie in seinen ersten Tagen. Wohl sind die neuen Schlösser größer und schöner als die ersten, aber je größer der Bau ist, um so größer ist die Gefahr des Einsturzes, wenn ihm der feste Grund fehlt. Wieviele schöne Programme wachsen jetzt täglich neu aus dem Boden: über Bodenkauf in Palästina, Gründung von Kolonien, Banken, kommerziellen und industriellen Gesellschaften und noch andere ähnliche große Werke — an und für sich wirklich ״praktische“ Werke, wenn ihnen nicht etwas so Wesentliches fehlte, ohne das sie nur Phantasien bleiben: die feste Unterlage im Geiste des Volkes. Es ist das größte Unglück für eine utopistische Bewegung, wenn ihr günstige Zufälle die äußeren Hindernisse aus dem Wege räumen und ihr gleichsam zurufen: ״Die Bahn ist frei, nun geht!“ Da wird sie zu ihrer Beschämung aller! zeigen müssen, daß nicht die äußeren Hindernisse ihr den Weg verstellt hatten, sondern ihr eigener Mangel an Ent- Wicklungsfähigkeit. Früher, in den Tagen der hochtrabenden Phrasen vom autonomen Staate, vom ״Charter“ usw. dachte ich mir stets: Welches Glück, daß alle diese Phrasen immer nur schöne Phrasen bleiben werden! Wie groß wäre das Unglück, wenn durch ein Wunder der Charter Wirklichkeit geworden wäre, denn dann würde alle Welt unsere heutige nationale Psychologie in ihrer wahren Gestalt erkennen, der Charter wäre unser nationales Verdammungsurteil, das uns zu ewigem Untergang verurteilt als eine Nation, deren Lebensquell versiegt ist und die die Kraft zu einem großen nationalen Werke nicht mehr besitzt. Jetzt haben uns die Ereignisse auf eine ähnliche Probe gestellt, wenn auch in kleinerem Maßstabe. Einen Charter haben wir woh! nicht erhalten und selbst die ״politischesten“ Zionisten geben jetzt zu, daß dieses Wort aus dem zionistischen Wörterbuche gestrichen werden müsse. Aber auch ohne Charter macht die Revolution in der Türkei uns den Weg in einem vorher nie geahnten Ausmaße frei. Wenn nicht alle Zeichen trügen, dürften die Tore Palästinas in Kürze vor uns sich auftim und auch die Bedingungen zur Ansiedlung und für die Arbeit in allen Einzelheiten sich zum Bessern ändern. Bodenkaut und Häuserbau werden nicht mehr auf Schwierigkeiten stoßen, auch die Steuerordnung wird weniger drückend werden und überhaupt dürften alle äußeren Hindernisse, die eine Großkolonisation in Palästina bisher unmöglich machten, in verhältnismäßig naher Zukunft schwinden. Ja, es geht das Oerücht, daß die jetzigen Lenker des Staates der Ansiedlung der Juden gewogen und bereit seien, die neuen Gäste freudig willkommen zu heißen. Wenn nun wirklich in unserem Volke eine starke und lebenskräftige Sehnsucht nacii nationaler Wiedergeburt im Lande seiner Väter lebte, — was müßten wir da jetzt sehen, müßte dieser plötzliche Umschwung unseren Voikskörpe־׳ nicht gleich einem elektrischen Strome erschüttern, alle seine Nerven in Bewegung setzen zur äußersten Anspannung seiner Kräfte!? Was sehen wir aber jetzt? Die große Botschaft wurde still und gleichgültig aufgenommen ohne irgendwelche Spur von nationaler Bereisterung. Es bot sich nur ein neues Thema für Diskussionen, um die Leere in den Zeitschriften und Versammlungen auszufüllen. Aber der nationale Wille erhob sich nicht, um sich dieses historische Ereignis zunutze zu machen, soweit es nur möglich war, zur Erreichung unseres nationalen Zieles in Palästina durch großzügige bedeutsame Taten, wie dies jedes andere Volk in gleicher Lage getan hätte. Warum das? Fragt die Türken, sie werden es euch sagen . . . Fast dreißig Jahre arbeiten wir bereits für den Zionismus — ein ganzes Menschenalter! Aber wieviel Zeit und Kraft ist vergeudet worden an wertlosen ״realen“ Werken, die das Ideal profaniert haben, an ״politischen“ Blendwerken, die das Herz des Volkes nur kurze Zeit gefangen hielten! Hütten wir all die Zeit und all die Kraft an die fortgesetzte energische Arbeit gewendet, die geistige Lage des Volkes von Grund auf umzugestalten, es aus der Niedrigkeit der Diaspora aufzurichten, das Gcfülil nationaler Selbstachtung in ihm wachzurufen, das historische Band zu stärken, das es mit seinem nationalen Besitze überhaupt und mit Palästina im besonderen verbindet; hätten wir dies alles zum Mittelpunkt unserer Arbeit gemacht, nicht nur zum Beiwerk jener ״Taten“, nicht nur zum Mitte!, einen Pfennig mehr aus den Taschen des Volkes für jene Taten zu erhalten; — wären wir so vorgegangen, wer weiß, ob wir heute nicht über ein stattliches Heer von geistig gesunden Juden verfügten, befähigt zu fühlen, in nationalem Sinne zu denken und zu handeln wie die Söhne aller anderen gesunden Völker und so im geeigneten Augenblick die Grundlage für einen Bau zu bilden. Jetzt aber muß man nicht gerade ein Prophet sein, um das Ergebnis der Agitation für ökonomische Arbeit in Palästina, die jetzt von gewissen ״Zentralen“ ausgeht, vorauszusehen. Kann man durch Posaunenschall und Fahnenschwingen — Tote erwecken? Und wenn wir jetzt Tausende von Aufrufen an ganz Israel erlassen, daß es schleunigst durch Kapital und Arbeit vom Lande Besitz ergreite, ja, wenn sogar einige hundert Mann aus verschiedenen Orten sich versammeln und Beschlüsse zur Gründung von Gesellschaften, Banken usw. fassen werden, — wird es gelingen, dadurch mit einem Schlage in unserem Volke eine nationale Bewegung zur Kolonisation des Landes in jener Stärke zu schaffen, die erforderlich ist, um unsere Stellung daleibst in verhältnismäßig kurzer Zeit, ehe andere uns zuvorkommen, zu sichern? Eine solche nationale Bewegung kann nicht durch Aufrufe und Versammlungen geschaffen werden, wenn sie nicht selbst aus dein lebendigen Quell des Volksgeistes kommt. Im besten Falle werden sich vielleicht hier und dort einzelne Leute finden, die Boden kaufen und noch einige Kolonien anlegen, andere einzelne Männer, die dort vielleicht einige Fabriken errichten werden, einige Reiche, die vielleicht in einer gnädigen Stunde sich herbeilassen, einige Aktien dieser oder jener Gesellschaft zu kaufen, und dergleichen. Gleichzeitig aber werden die Einwohncr des Landes selbst sich erheben, Mohammedaner und Christen, um die neuen Bedingungen in ihrem Interesse auszunützen, und aus Europa wird das Kapital, da es gute Geschäfte wittert, nicht tropfenweise, sondern in mächtigen Strömen hereiniiießen, um die Lage des Landes zu bessern und seine verborgenen Schätze zu heben. Wir aber, mit all unserer ״realen“ Arbeit, bleiben auch jetzt in der Luft schweben, blicken schmachtenden Auges von unserem Luftschlosse herab auf das, was dort im Lande unten geschieht. Selbstverständlich will ich damit nicht sagen, daß das Wenige, was getan wird, wertlos ist und darum lieber nicht getan werden soll. Aber von vornherein müssen wir wissen — und wohl oder übel uns mit diesem traurigen Gedanken befreunden —, daß die ökonomische und soziale Entwicklung Palästinas in der nahen Zukunft in der Hauptsache nicht von uns ausgehen und unser Anteil an ihr verhältnismäßig unbedeutend sein wird. Wohl brauchen wir nicht die Hoffnung aufzugeben es gibt kein Verzweifeln in nationaler Arbeit! —, daß in der ferneren Zukunft, wenn endlich unsere Bewegung sich eine wahrhaft reale Basis geschaffen haben wird, nicht in der Phantasie, sondern im Geiste des Volkes, unser Volk vermögen wird, das gutzumachen, was jetzt gesündigt wurde, und durch viel Arbeit sich jene Hegemonie wiederzugewinnen, die man bei günstiger Gelegenheit leichter zu erringen nicht verstand. Aber dann werden nicht wir mehr arbeiten, sondern unsere Söhne und Enkel. Uns bleibt jetzt nur ein Weg, uns dennoch in kurzer Zeit einen wesentliehen Anteil am Leben des Landes zu sichern und dort zu einem fühlbaren Machtfaktor zu werden, und dieser einzige Weg ist auch hier — mögen die Realisten spötteln soviel sie wollen! — der Weg des Geistes. Glückwünsche Die Zionistische Exekutive sandte (laut ״Haolam“) an Achad Haam folgendes Telegramm: An Deinem 70. Geburtstage nimm, unser Lehrer Achad Haam, herzlichen Glückwunsch von mir und meinen Koliegen in der zionistischen Leitung entgegen. Wir sind stolz auf Dich als einen der Väter unserer Bewegung, der in ihr die Idee unserer nationalen Freiheit auch in der Knechtschaft des Galuth, begründet hat. Der erhabene Idealismus, durch den sich Dein Kampf für die Auferstehung unseres Volkes ausgezeichnet hat und den Du durch Deine Arbeit auch in uns cingcpflanzt hast, richtet in dieser verantwortungsvollen und entscheidenden Stunde unseres nationalen Kampfes den Glauben und die Zuversicht auf den endlichen Sieg unseres Ideals. Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Organisation. Auch namens des Aktions-Comitds sandte dessen Präsident, Herr Leo Mofzkin, ein Glückwunschtelegramm an Achad Haam. Jerusalem, 29. Juli. (J. T. A.) Aus Anlaß des 70. Geburtstags von Achad Haam fanden gestern in zahlreichen Orten Palästinas große Festveranstaltungen statt. Achad Haam erhielt aus allen Teilen der Welt zahlreiche Glückwunschschreiben und Telegramme. London, 29. Juli. (J. T. A.) In London wurde gestern abend eine zahlreich besuchte Festversammlung zu Ehren Achad Haams abgehalten. Der Dichter Chaim Nachman Bialik, M. M. Ussischkin, Oberrabbiner Prof. Dr. C h a j e s und Herr K1 e i n m a n n, Redakteur des ״Haolam“, zeichneten in ihren Ansprachen ein Bild von der geistigen Persönlichkeit des jüdischen Denkers. Die Verwaltung von Tel-Awiw wird Achad Haam aus Anlaß seines 70. Geburtstages zum Ehrenbürger von T e I - Awi w wählen. Wie aus Johannesburg (Südafrika) gemeldet wird, hat der vor kurzem dort verstorbene Herr Alek Schneider auf Veranlassung des Zionisten I. Senior dem Keren Hajessod und dem Keren Kajemeth je 500 £ testamentarisch hinterlassen. (Ziko.) Die beiden Achad Haams Von Leon Simon (London). Die jetzt veröffentlichten Briefe von Achad Haam offenbaren uns eine Persönlichkeit, die mit der uns aus den Essays bekannten nicht vollkommen identisch ist. Viele Züge sind natürlich beiden gemeinsam: Der logische Geist, der durch Vernunft gemäßigte Idealismus, die vollkommene Klarheit von Gedanken und Stil, der untrügliche Blick für die Wahrheit, di* Objektivität des Urteils, die Vorliebe für den Blick ins Weite — alle diese Eigenschaften und Charakterzüge kommen in allem, was er schreibt, unvermeidlich zum Ausdruck. Aber die Briefe offenbaren eine Wärme und Tiefe des Gefühls, welche in den Essays nicht zu finden ist, jedenfalls nicht ohne daß man sehr viel zwischen den Zeilen liest. Das gefühlsmäßige Element ist darum nicht weniger vorhanden und nicht weniger stark, weil es immer zurückgedrängt wird. Der Achad Haam der Briefe ist kein eiskalter Rationalist; die Intensität seiner Gefühle, sei es nun Liebe, Mitleid, Schmerz, Empörung oder Widerwillen, ist unverkennbar, trotz der — mehr instinktiven als ausgeklügelten — Mäßigung in dem Ausdruck, den er ihnen gestattet. Besonders in Zeiten des Druckes Lst seine Art zu reagieren geradezu die eines religiösen Temperaments und die religiöse Phraseologie erscheint natürlieh und angemessen. Aber zwischen der Gefühls- und der Verstandesseite seiner Persönlichkeit gibt es kein feststehendes Gleichgewicht. Das Herz verlangt immer mehr, als der Verstand für möglich gelten lassen will. Das Herz wünscht leidenschaftlich, nur die freundliche Seite der Dinge zu sehen, zu glauben, was die anderen glauben, mit dem übereinzustimmen, was sie zufriedensteiit; aber der Verstand gibt es nicht zu. In der Regel siegt der Verstand, und dem äußeren Anschein nach hat er die unanzweifelbare Oberhand. Aber das Herz ist immer in Aufruhr, und der ständige verborgene Kampf bringt eine geistige Anspannung mit sich, die die physische Gesundheit, insbesondere aber das Nervensystem schwer belastet. Die gemütvolle Seite von Achad Haams Charakter, die wahrscheinlich ein Merkmal seiner chassidischen Abstammung und Erziehung ist, muß nicht nur darum hervorgehoben werden, um die volkstümliche Vorstellung von ihm als der Verkörperung der reinen Vernunft richtigzustellen, sondern auch darum, weil sie nicht weniger als sein Intellekt zur Gestaltung seiner zionistischen Ansichten beigetragen hat. Seine Auffassung des jüdischen Nationalismus, wie sie in seinen_ ersten Essays skizziert und in den späteren entwickelt wird, ist nach seinem eigenen Bilde geformt. Seine Wurzeln sind die ״Liebe zu Zion“ — ein nichtrationeller Instinkt, welcher von ausschlaggebendem Einfluß ist und den er als die notwendige Grundlage einer national-jüdischen Bewegung postuliert. Aber ist dieser rein gefühlsmäßige Ausgangspunkt gegeben, so gehört alles übrige in den Bereich der Vernunft; und die Vernunft sagt uns, daß es unmöglich ist, das materielle Problem der jüdischen Massen durch eine Verpflanzung derselben nach Palästina zu lösen. Wir müssen uns darum begnügen, aus Palästina das zu machen, wovon wir Grund haben zu glauben, daß es innerhalb einer absehbaren Zeit daraus werden kann — ein ״geistiges Zentrum“, das die verstreuten Ueberreste der Judenheit inniger miteinander verknüpft und auf diese Weise für eine größere nationale Anstrengung in der Zukunft den Weg bereitet. Es ist jedoch zu beachten, daß das größere Ziel, welches die ״Messianisten“ irrigerweise jetzt und hier zu erreichen hoffen, von dem rationalistischen Denker nicht aufgegeben wurde: es ist nur auf einen späteren Zeitpunkt verlegt, für eine Zeit, wo — soweit wir heute sehen können — selbst die kühle Vernunft imstande sein wird, die Möglichkeit dessen zuzügeben, was sie unter den heutigen Umständen als unmöglieh bezeichnen muß. So kommt das Herz schließlich doch zu seinem Recht. Es wird sich auch nicht immer unterdrücken lassen, selbst wenn nur die Erreichung des unmitteibaren Ziels, des ״geistigen Zentrums“, in Erwägung gezogen wird. In einem seiner Briefe, in dem er eine Zusammenfassung seiner zionistischen Ansichten gibt, sagt Achad Haam, daß ״Palästina nur dann ein geistiges Zentrum sein wird, wenn seine jüdischen Einwohner die Mehrheit bilden und den größten Teil des Bodens ihr eigen nennen“. Seinen eigenen Voraus- Setzungen nach erscheint dies, gelinde gesagt, nicht ganz einleuchtend. Es scheint kein zwingender Grund vorhanden, warum die Entwicklung eines jüdischen nationalen Lebens in Palästina nicht auch ohne eine zahlenmäßige Ueberiegenheit der Juden im Lande oder jedenfalls ohne Uebertragung des roßten Teils des Bodens in jüdischen Besitz, auf die Juden er Diaspora einen ungeheuren belebenden und verbindenden Einfluß ausüben könnte. Ist nicht ein solcher Einfluß in gewissem Grade schon heute vorhanden, wo die Juden in Palästina eine kleine Minderheit bilden und nur ein Bruchteil des Landes ihnen gehört? Die Forderung nach einer jüdischen Majorität und nach der ״Erlösung des Bodens“ entspringt — vermutet man — geradeswegs dem jüdischen Herzen Achad Haams und ist kein wesentlicher Bestandteil des vollkommen festen Gebäudes, das sein Verstand auf der Grundläge des Instinkts aufgerichtet hat. Sie bedeutet einen — vielleicht vereinzelten, aber höchst bezeichnenden — Einfall des Herzens in die Regionen, welche rechtmäßigerweise dem Kopf gehören. Und gerade daß ein solcher Einfall möglich ist, zeigt, daß Achad Haam, der Skeptiker, der Pessimist, der immer abkühlend Wirkende nichtsdestoweniger dem jüdischen Volke inniger verbunden und mit seiner geheimen Sehnsucht mehr in Gleichklang ist als die, welche in unseren Tagen das Banner jenes Messianismus vor ihm aufrollen, den es liebt, und dessen geschworener Feind Achad Haams Vernunft ist. Hier liegt wohl das Geheimnis seiner einzigartigen Stellung in der nationalen Bewegung. Eine tiefe Sympathie mit den stärksten Instinkten des ״Juden in der Gasse“ liegt seiner beharrlichen Opposition gegen die äußeren Manifestationen dieser Instinkte zugrunde. So ist er der Verbündete und Sprecher jener, die seine Vernunft geißelt. Er züchtigt sie nur, weil er im Herzen der Ihre ist. Da Achad Haam dies« doppelte Stellung als Peitsche und Vorkämpfer seines Volkes einnimmt, haben es manche für richtig gefunden, ihn mit den Propheten der alten Zeit zu vergleichen. Aber Achad Haam. dem Schmeichelei noch widerwärtiger ist als Schmähung, weist mit Recht einen Vergleich zurück, der seinem menschlichen Gefühl ebensolche Gewalt antut wie seinem Gefühl für Ehrfurcht. Unser Zeitalter ist kein Zeitalter der Prophetie, und er besitzt nicht die Gaben oder das Temperament eines Propheten. Es genügt, wenn die Nachwelt in ihm einen Mann sieht, der sein Volk mit seinem ganzen Sein liebte und danach strebte, es auf dem richtigen Weg zu seinem Ziel zu haltea (Aus dem englischen Manuskript übersetzt.) Nicht die lieber ein Stimmung in der praktischen, Durchfukrum einer Methode verbündet Menschen innerlich und wirklich, sondere die Einheit der geistigen Wurzel, der edles entstammt. Unser! Alten haben diese Wahrheit erkannt und gesagt: ״ Wer von Götzendienst sich hssagt, hat gleichsam die ganze Thora an erkannt“. Auch wir sagen nun in unserem Sinne: ״Wer von der Assimilation sich lossagt, hat gleichsam der ganzen xioni■ stischen Lehre beigepflichtet.“. Achad Eaam, »Drei Stufen.•