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Jüdische Rundschau · 1926-08-03 · Heft 60 (3.8.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 60 (3.8.1926)
Date
1926-08-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 434 )UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60 die in einer bestimmten Nachmittagsstunde für den Verkehr gesperrt ist. Achad Haam hält seinen Nachmittagsschlaf, und der Magistrat hat für diese Zeit die Absperrung befohlen. Die intime Achtung, die man dem verehrten Schriftsteller zollt, mag von einziger und reizender Art sein, dennoch darf es nicht so aussehen, als ginge jenes strenge Urteil, jener Schrei der Hoffnungslosigkeit unsere Gegenwart nichts an, als sei nur die Vergangenheit damit belastet. Wir, die jünger sind als Achad Haam aber auch nicht so jung, als daß wir jene Zeit nicht mehr in Erinnerung haben könnten, wir denken oft, daß jene schmerzlichen Betrachtungen vor der Klagemauer für unsere Zeit vielleicht mehr berechtigt sind als für die damalige. Israel Zaagwili Aus London erreicht uns knapp vor Redaktionsschluß die Trauernachricht, daß Israel Zangwill am t. August im Alter von 62 Jahren dem vor kurzer Zeit erlittenen nervösen Zusammenbruch erlegen ist. In Israel Zangwill verliert nicht nur die englische, sondern auch die Judenheit der gesamten Welt eine ihrer hervorragendsten repräsentativen Persönlichkeiten. Die Bedeutung Zangwills als Künstler ist unbestritten. Die unübersehbare Zahl seiner Erzählungen, Skizzen, Dramen tisw. sichern ihm einen Ehrenplatz in den Reihen der großen Schriftsteller englischer Zunge. In Uebcrsetzungen ist sein künstlerisches Werk in der ganzen Welt, insbesondere bei den Juden, verbreitet und seine ״Träumer des Ghetto“ gehören zu den meistgelesenen Büchern der zeitgenössischen Judenheit. Als jüdischer Politiker hat Zangwill eine eigenartige, hervorragende Rolle gespielt. Der überragenden Persönlichkeit Theodor Herzls gelang es, den kongenialen Schriftsteller Zangwill für die Idee des politischen Zionismus zu gewinnen, und es ist wahrscheinlich, daß ohne den Tod Herzls Zangwill die zionistischen Reihen nicht verlassen hätte. Bekanntlich trennte er sich beim 7. Kongreß (1905) auläßlich der Uganda-Frage von der Zionistischen Organisation und gründete die Jcwish Territorial Organisation (J. T.O.), der jedoch kein glückliches Dasein beschert war, bis sie sich ,nach dem Kriege auflöste. Zangwill war ein unbeugsamer Anhänger der rein politischen Idee des Judenstaates und diese sozusagen mechanische Auflassung ließ ihn den Zusammenhang mit dem organisch-politischen Zionismus verlieren. Im Herzen blieb er Zionist und hat in jüngster Zeit wiederholt einen extremen Judcnstaats-Zionismus vertreten, während er der ziouistischen Exekutive und ihrem Führer Weizmann ein Aufgeben des wahren Zionismus vorwarf. In frischer Erinnerung ist noch sein heftiges Auftreten in Amerika vor zwei Jahren; vielleicht war diese Attacke schon eine Folge seiner übergroßen Nervosität, die schließlich zu seiner Krankheit geführt hat. Als Persönlichkeit ragte Zangwill aus der englisch sprechenden Judenheit weit hervor, und seine allezeit hilfsbereite Tätig•: keit für seine Volksgenossen erklärt das große Ansehen, das er bei den Juden genoß. Zangwills Werdegang unterschied ihn eigenartig von der großen Zahl der modernen jüdischen Schriftsteller. Als Kind ustjüdischer Einwanderer im Londoner Judenviertei geboren, hat er niemals den Zusammenhang mit der Umgebung seiner Kindheit verloren. Aus dem jüdischen Milieu zog er seine stärksten Energien, und seine großartigsten schriftstellerischen Leistungen haben das jüdische Ghetto zum Gegenstand. Viele Formulierungen und Aussprüche Zangwills haben ihren Siegeszug durch die ganze Welt angetreten. Der Begriff Schmelztiegel, den er für die Vereinigten Staaten geprägt hat, ist heute Gemeingut der ganzen Welt. Wir behalten uns vor, auf die Bedeutung des Verblichenen ausführlich zurückzukommen. f Der Spezialkorrespondcnt des ״Daily Chronicle“ (liberale Londoner Tagezeitung, Lloyd George nahestehend) veröffentlicht einen drei Spalten langen Artikel über seine Erfahrungen in Palästina unter der Ueberschrift ״Jüdischer Aufbau in Palästin a“. Der Verfasser äußert sich außerordentlich enthusiastisch über die Resultate von fünf Jahren Arbeit des Keren Hajessod und der jüdischen Kolonisation. Er informiert seine Leser über alle Zweige zionistischer Arbeit, die dem ganzen Lande einen großen Aufschwung bringen. Achad Haam und unser hebräisches Kulturstreben Von Dr. Max Mayer (München). Unsere erste Begegnung mit ihm war nicht unmittelbar, sondern auf dem Wege von Ucbersctzungen einiger seiner Aufsätze. Max Nordau hatte seine Essays ein ״Gefasel“ genannt und Mathias Acher war in einem Vortrag zu seiner Ehrenrettung ausgezogen. Das war alles, was wir über ihn und seine Lehre in jenen Tagen gedruckt vorfanden. Seine hebräischen Schriften selbst waren uns ein Buch mit sieben Siegeln. Und doch ahnten wir ihn — nicht aus Büchern und Zeitschriften, sondern aus dem Glanze, den er dem Antlitz seiner nach dem Westen verschlagenen Anhänger verlieh. Ob je der Gedanke der jüdischen Erneuerung uns so mächtig angezogen hätte, ob je unsere Brüder aus dem Osten uns so faszinierend-unentweichbar in die nationale Gedankenwelt gerissen hätten — wäre ihr Geist nicht durch seine Lehre geadelt gewesen? Ja, wir ahnten seine Größe und Macht aus ihrem Pathos und unbeugsamen Willen. Wir fühlten instinktiv, daß nicht nur die grausame Unterdrückung der Zarenregierung und das unindividuelle Massenleben des jüdischen Rayons diese Menschen geformt hafte, sondern daß in ihnen, von einem unverrückbaren Ruhepunkt aus, ein Geist waltete, der ihrem chaotischen Dasein erst Sinn und Richtung verlieh. Diesen Ruhepunkt hatte e r ihnen in der zentralen Idee seines Gedankengebäudes, der Zions liebe, eingepflanzt. Wie die nationale Bewegung im Osten ohne seine zugleich befeuernde und zähmende Einwirkung leicht zu einem nationalistischen Formalismus hätte entarten können, so wäre die nationale Idee im Westen ohne den heilsamen Einfluß seiner verinnerlichenden Lehre nach den ersten Anfängen wahrscheinlich in Verflachung und Aeußerlichkcit erstickt. Er hat uns Westlichen erst über unseren wahren Zustand die Augen geöffnet! Er hat uns den Spiegel unserer abstoßenden Häßlichkeit solange vor Augen gehalten, bis wir uns entsetzt von dem Schreckbikle unserer inneren Knechtschaft bei äußerer Freiheit abwandten. Sein hartes, aber gerechtes Urteil jagte uns wie mit tausend Geißeln von dem aufgeblähten Trugbild unserer zivilisatorischen Ueberlegenheit zu dem nüchternen Bewußtsein unserer jüdischen u!1 d damit m ensch liehen Minderwertigkeit, Unseren blinden Hochmut und unseren satten Kuiturdünkel hat er in aufhorchende Demut und durstige Lerngier verwandelt. Wir begannen ein neues Leben ... In diesem neuen Leben wurde er uns zum Führer und Erzieher, Er entzündete in uns das ״ewige Licht“ unseres Herzens, den unwiderstehlichen Trieb nach Wissen, Wissen um unser Sein und Werden. Er pflanzte in uns den heiligen | Eifer für unser wahres Wesen, das nur durch Studium und Kenntnis der Quellen unserer Kultur erkannt wird. Er gab uns das Ideal des hebräischen Kulturstreb e n s. Wir fühlten sofort, daß es gelte, nicht nur Kenner und Verwalter dieser unserer historischen Kultur zu werden, sondern auch ihre Träger. Auf dem Wege langsam sickernder Infiltration konnte, in unseres Lebens Mitte, das Ziel nicht mehr erreicht werden. So schritten wir zu der einzig verbleibenden Rettung: der unentwegten» unbeirrbaren 4 Pflege des bisher gänzlich vernachlässigten eigenen, das Ist hebräischen Kulturbewußtseins. Wir wurden zu Fanatikern der hebräischen Kulturbewegung. Wir brachen der einflutenden Lawa des hebräischen Sprach- und Kulturgeistes in unserem Innern eine breite Gasse. Eifersüchtig wachten wir über diese ״W i e d e r g u t m a c h u n g“ des Unrechts und der Gewalt, die wir und andere unserer Seele in all den Jahren der Entfremdung angetan hatten. Mit der ganzen Inbrunst selbstauferlegter Enthaltung hielten wir von uns alles fern, was wir für das neue Leben unserer Seele als hemmend und schädigend empfanden. Jede Stunde, die wir nicht im Meere hebräischer Gedankenformen untertauchen konnten, schien uns verloren. Ein hebräisches Kulturleben selbst in der Diaspora schien uns keine Utopie mehr. Wir wußten, daß er in diesem Kampfe nicht mehr mit uns ist. Sein evolutionärer Entwicklungsglaube verbietet ihm, uns bei diesem Beginnen Führer zu sein. Wer sagte: ״Wir haben noch nie gehört, daß ein wahrer Jude, und sei er der nationalste, sich beklagt hätte, daß es ihm in der Seele weh täte, wenn er seine Gedanken in einer fremden Sprache denkt oder an einem gesellschaftlichen Leben teilnimmt, das auch nicht den geringsten jüdischen Einschlag hat“ (Al paraschat derachim II, 17) — der kann nicht mit uns sein. Und doch haben seine besten Junger, teilweise zugleich seine erbittertsten Gegner, in diesem Ringen unseren Mut bestärkt. Ihre Erweiterung seines Gebäudes ward unserer Seele zur Erlösung. * Er hatte in den ״stillgehendcn Wassern“ seines ״Ha. schiloach“ dem hebräischen Kulturstreben einen hehren Tempel erbaut, in dem alles Jüdische Eingang finden sollte. Er hielt aber die Zeit für noch nicht gekommen, die Toredieses Heiligtums dem Menschlichen auch in nichtjüdischet Gestalt weit aufzureißen. Nur das Menschliche in seiner spezifisch jüdischen Erscheinungsform sollte Mittelpunkt der Zeitschrift sein. Ein Werk der schönen Literatur, das nichts als schön ist, das ״nur“ ästethische Gefühle erweckt, habe zwar eine gewisse Bedeutung im Leben des Menschen, aber in unserer gegenwärtigen Situation sollten wir unsere an und für sich geringen Kräfte nicht auf ״solche Dinge“ verschwenden, während nicht einmal für weitaus wichtigere und nützlichere Dinge genügend Kraft vorhanden sei. ״Reine Poesie, lyrische Ergüsse über die Schönheit der Natur, den Reiz der Liebe u. dgl. suche, wer an ihnen Gefallen hat, in den Sprachen der Völker und er wird sie in genügendem Maße finden“ (dort II, 5). In diesem kurzen Zitat spiegelt sich die ganze Einseitigkeit und Unannehmbarkeit seines Standpunkts, über den auch nicht die ergreifendste Klage wegen des Mangels an Kräften für ״wichtigere und nützlichcre Dinge“ hinwegtäuschen darf. Die Entwicklung der hebräischen Literatur in den letzten Jahrzehnten hat den großen Irrtum Achad Haams aufgedeckt. Die Bevorzugung des Gedanklichen gegenüber dem Gefühlsmäßigen, die er als historische Grundeigentümlichkeit jüdischer Kulturwertung hingestellt hatte, hat sich als falsch oder zu• mindest maßlos übertrieben erwiesen. Man streiche aus der hebräischen Literatur der letzten drei Jahrzehnte die ״reine Poesie“, die Natur- und Liebeslyrik eines Bialik, Tschernichowsky, Schneur, Cahan, Fichman, Schimonowitz, Katz• nelson, Steinberg — und man hat sie um ihre zartesten Blüten, ihre menschlich wertvollsten Leistungen gebracht. Und wie sC\1de es um unsere Literatur, wenn der Stybel’sche Verlag seine imponierenden Uebersetzungen aus der Weltlitcratur nach dem Rate Achad Haams unterlassen hätte und die hebräische Literatur ihr« nach klassischen Vorbildern hungernden hebräischen Leser den Literaturen und Sprachen der verschiedenen europäischen Kulturvölker überantwortet hätte! Ist kulturelles Schaffen denkbar ohne diese Weltlitcratur in eigener Sprache und ist es zu kühn zu bchaupten, daß n o c h ״einige realistische Tendenzschilderungen des jüdischen Milieus, noch einige scharfsinnige Aufsätze über jüdische Fragen, die im schlimmsten Falle durch djescs Uebersetzungswerk verdrängt wurden, nicht jene befruchtende, den Horizont des eigenen Kulturschaffens erweiternden Einfluß gehabt hätten als die nunmehr vorliegcnden Werke der bedeutendsten europäischen Dichter im ei genen Sprachgewand? Hat nicht gerade durch diese Bereicherung die neueste hebräische Literatur etwas unendlich Anziehendes, Neuartiges erhalten? Hat sie nicht damit erst in der Tat begonnen, den von Achad Haam viel bespöttelnden ״Riß“ zwischen Menschentum und Judentum in uns zu verheilen? Die historische Gerechtigkeit erfordert festzustellen, daß diese neueste Entwicklung der hebräischen Literatur ihre inneren Impulse nicht Achad Haam verdankt, sondern denen, die sich seiner der schönen Literatur überhaupt unholden Anschauung entgegensetzten. Berditschewsky, Frischmann, Brenner — sie sind die Schöpfer unserer neuesten Literatur, Nach ihren Intentionen hat sich unsere moderne schöne Literatur entwickelt. Dieselbe historische Gerechtigkeit erfordert es aber auch festzustellen, daß die ״Jungen“ lange nicht mit dieser leidenschaftlichen Vehemenz ihren ״menschheitliehen“ Standpunkt vertreten hätten, hätte nicht Achad Haams einengende ״judentiimliche“ Einstellung sie zur revolutionären Tat getrieben. So hat im letzten Grunde doch er die neueste Entwicklung unserer Literatur heraufgeführt und sein geradliniges, selbstsicheres Auftreten hat selbst auf einem Gebiete, auf dem er durch seine rationalistische Art nicht zum Führer prädestiniert war, die glückliche Wendung mächtig beschleunigt. heute so etwas überhaupt zu machen? Daß hier die, wirklieh das jüdisch-nationale, aber an religiöse Bedingungen fest geknüpfte Würdegefühl angehenden Werte liegen würden, scheint mir erst an die eigentliche Problematik des Zionismus ZU rühren.“ (18. 8. 13.) Max Weber, der Religions-Soziologe, hat Achad Haam sicher nicht gekannt. Auch das jüdische Volk, das wirkliche Volk, war ihm fremd. Und doch hat er mit Scharfblick etwas Richtiges erfaßt. Das Wort, das neue Zentrum müsse dem Juden ein neues Würdegefühl geben, trifft das Wesentliehe. Auch Weber erkannte, daß die Beziehung zwischen Palästina und dem Weltjudentum vor allem eine geistige sein muß. Der Brief ist kein endgültiges Urteil über Zionismus, aber er behandelt eine Seite des Problems und Ist für uns Zionisten von größtem Interesse. Achad Haans Werke Die Werke Achad Haams sind in einer von ihm selbst veranstalteten Gesamtausgabe erschienen, die in vier Bänden seine Essays zu Fragen des Zionismus, der hebräischen Literatur, des Judentums und der jüdischen Philosophie enthalten. Die vor dem Krieg in Odessa erschienene Ausgabe ist lange vergriffen, und der Jüdische Verlag (Berlin) hat das große Verdienst, im Jahre 1921 eine Neuausgabe besorgt yu haben, zu der Achad Haam ein neues Vorwort schrieb, in welchem er zu der neuen politischen Lage Stellung nahm. Der Jüdische Verlag hat auch bereits im Jahre 1904 einen Auswahlband in deutscher Uebersetzung von Prof. Israel Friedländer herausgegeben, dem 1916 ein zweiter Auswahlband (übersetzt von Dr. Harry Torczyner) folgte. Diese Ausgabe wurde jedoch abgelöst, im Jahre 1923 durch eine deutsche Gesamtausgabe, für die außer den beiden bereits Genannten Ernst Müller und Hugo Knöpfmacher verantwortlich sind. Leider sind jedoch bisher nur zwei Bände erschienen^ die den beiden ersten Bänden der hebräischen Ausgabe entsprechen (während die erwähnten Auswahlbände auch spätere Aufsätze enthielten). Hoffentlich wird der Verlag auch die beiden späteren Bände bald herausbringen, damit diese» für die Erziehung des zionistischen Nachwuchses so enorm wichtige Werk auch solchen zugänglich wird, die noch nicht die hebräische Sprache beherrschen. In englischer Sprache erschien eine Auswahl von Leon Simon, dem unermüdlichen Vorkämpfer Achad Haams im englischen Sprachgebiet, der auch jüngst eine große Zahl von Briefen Achad Haams übersetzt und englisch publiziert hat (in ״New Judaea“), Auch für unsere heutige Nummer hat uns Simon einen Beitrag zur Verfügung gestellt. Eine besonders wertvolle Bereicherung der zionistischen Literatur wurde uns in den letzten Jahren beschert durch Achad Haams Briefe, umfassend einen Zeitraum von 25 Jahren, seit 1896 bis 1921, .die in sechs Bänden im Verlag Benjamin Harz in Berlin (gedruckt in Te!-Awhv) erschienen sind. Die Briefe sind eine schier unerschöpfliche Fundgrube zur Geschichte der zionistischen Bewegung und zeigen in lebendiger Spiegelung den weitverzweigten Einfluß Achad Haams. Der Gedenkstein!Br E. M. Lilie! Am letzten Sonntag wurde über dem Grabe des Malers Ephraim Mose Lilien, ein Jahr nach seinem Tode, auf dem jüdischen Friedhof zu Braunschweig ein Gedenkstein eingeweiht. Der schlichte Stein — von Lilien selbst kurz vor seinem Tode entworfen — versinnbildlicht das Ringen und Streben nach Wahrheit und Licht. Es ist‘ein einfacher grauer Sandstein, und sein einziger bildlicher Schmuck ist im Mittelfeld in einem Kreise die Wiedergabe der strahlenden Sonne, zu der sich zwei Hände sehnend emporrecken. Der Gedenkstein trägt den Namen Liliens in hebräischer und deutscher Schrift. Vor der Einweihung wurde in der Kapelle des israelitischen Friedhofs eine Gedächtnisfeier des Verbandes bildender Künstler, dessen Gründer und Führer Lilien war, abgehalten. Die Gedenkrede hielt der Vorsitzende der Braunschweiger Ortsgruppe des deutschen Schriftstellerverbandes, Robert Jordan. Er schilderte den Verstorbenen mit seinen Eigenschaften, die ihn groß gemacht haben. Lilien, der getreuen Söhne Zions einer, gab seine Kunst der Welt, das Leben seinem Volke, bis er dahinfuhr wie die rastlose Welle. Der Redner schilderte dann Liliens Bedeutung als Künstler. Vor dem Grabhügel versammelten sich dann seine Freunde nochmals zu einer Gedenkstunde. Dr. Heys er, der Syndikus des Verbandes bildender Künstler, hielt die Gedenkrede und legte einen Kranz nieder. Als Vertreter des Staatsir.inisteriums legte Geheimrat Dr. Alb recht einen Kranz nieder und sagte in seiner Ansprache, dem Lande werde das Wirken dieses reich begnadeten Künstlers und verdienstvollen Organisators unvergessen und das Andenken an ihn gesegnet sein. Regierungsrat Dr. Oraetz sprach für die Leopold Zuntz-Loge, Rechtsanwalt Dr. Regensburger sagte, daß die jüdische Gemeinde heute mit Stolz ihres großen Meisters gedenke. Lilien sei eine jüdische Persönlichkeit gewesen, die ihre hehre Kunst aus den Kraftquellen der geistigen und ethischen Werte des Judentums schöpfte. Er sei der Künstler des ganz unermeßlichen Leides der jüdischen Seele und des Schmerzes, der ihr durch jahrtausendelange Unterdrückung und Knechtung auferlegt worden sei. Für die Zionistische Vereinlgungfür Deutschland sprach Herr 11 berg- Wolfenbüttel, im Namen der Berliner Künstler Generalsekretär Marcus. Es wurden dann noch mehrere Kränze im Namen der Künstlerverbände im Reiche niedergelegt. Warum wir Juden sind: Törichte Frage! Frage das Feuer, warum es brennt! Frage die Sonne, warum, sie scheint! Frage den Baum, warum er wächst! So frage den Juden, warum er Jude ist. Wir können nicht anders! Es ist in uns ohne unser Zutun! Es ist da, urlebendig und gottesgewaltig. Es ist ein Gesetz unserer Natur! Es ist da, wie die Liehe der Mutter zu ihrem Kinde, wie die Liebe des Menschen zu seiner Heimat, es sprudelt hervor aus den dunklen Liefen unseres Ikrzens. Es ist ein Bestandteil unseres Herzens! Es ist unzerstörbar, unbesiegbar, unwiderlegbar, weil das Herz unxerstörיי bar, unbesiegbar, unwiderlegbar ist. Achad Haam, ״Drei Stufen1898 ״.

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