Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 60 (3.8.1926)
- Date
- 1926-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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80 Nr 60 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 433!glich erste aten. H tr¬ 1sene des wird, 1. ob ben“, ganii oder ssen: 11 u r r i a ], h en!denanslichte n die eines nner- : Ereden, : 1111- -ewe- S in Äittel r sie ische gend eine :r zu :llcn: (um? ina anke 1s ten der :Ibstmng uittel von :ben: wir Paläopäichte wor-!der- :orie s in Be- II<;he doch mter listiwir ׳age, lbstwar ngcacht, Versteil ^ssimiß: Umliese men tten ein der Seine Zeit und unsere Von Sch. Oorelik. Gewiß gibt es keine ehrenwertere Art, den Gedenktag eines Schriftstellers zu feiern, als wenn man zu seinen Werken greift, sich in sie vertieft und sich jener Zeit erinnert, «ährend welcher seine Worte besonders mächtig waren. Und wenn man bei solchem Wiederlesen, Wiederstudieren sich nicht nur dem Gefühle der Dankbarkeit für frühere Wirlamgen und Impressionen hingibt, sondern die Entdeckung macht, daß man aufs Neue geistig angeregt, ja sogar aufgewühlt wird, dann ist es das bedeutsame Zeichen, daß der Schriftsteller nicht nur für seine Zeit gelebt hat. In seinen Schriften muß eine kostbare Substanz gewesen sein, der Blick weit und durchdringend und die Liebe zur Wahrheit beispiellos, wenn die Aktualität dieser Schriften derart stark und lebendig ist. Und so lese ich nach einer Pause von vielen, vielen Jahren wieder den Achad Haam, den Schriftsteller, der es niemals sein wollte, und der dennoch in unserer Literatur zu den ganz Wenigen gehört, die Anspruch erheben können, cs wirklich zu sein. Man ist ob des hohen Genusses beglückt, den jeder Aufsatz von ihm auslöst. Dieser Genuß wäre noch vollkommener, ungestörter, wenn gerade jene obenerwähnte Aktualität nicht wäre. Es hat sich nicht viel geändert, und wenig sind wir fortgeschritten. Die Analyse, die Achad Haam von der ,,Zionsliebe“ von damals und von der palästinensischen jüdischen Oeffentlichkeit gegeben hat, ist von erschreckender Geltung auch heute noch, heute noch mehr als früher. Hätte die zionistische und die allgemeine jüdische Presse dieses Jubiläum zum Anlaß genommen, ihre Spalten mit Aufsätzen Achad Haams wie ״Priester und Volk“, ״Der Weg des Geistes“, ״Die Lehre des Herzens“ zu füllen, sie wären angemessene Predigten gerade für unsere Zeit gewesen. Die Vorwürfe, mit denen Achad Haam sich an das jüdische Volk und die Zionsfreunde von vor nahezu 40 Jahren wandte, waren damals vielleicht etwas zu streng. Er mahnte, der Idee Seelen (nicht nur der Gesellschaft Mitglieder) zu geben. Und leidet nicht gerade an diesem Mangel die zionistische Gegenwart? Es hat keinen Sinn, das Jubiläum Achad Haams zu feiern, wenn es nicht möglich ist, einer solchen Wahrheit klar und offen ins Auge zu blicken. Ihr klagt über die ungenügenden Einnahmen des Keren Hajessod? Lest Achad Haam, besonders jene Stellen, wo er darlegt, welche Gefahren einer Bewegung wie der zionistischen drohen, wenn das starke nationale Empfinden, die Konzentration des Geistes nachläßt. Viele der Mißhellig- Leiten, viele der Mängel, an denen der Zionismus unserer Tage krankt, rührten letzten Endes daher, daß man die Wahrheiten eines Achad Haam für tote Wahrheiten hielt. Aber die Worte Achad Haams von der Versteinerung des Herzens und deren Folgen ist eine lebendige Wahrheit. Der Zionismus, der die Renaissance des jüdischen Volkes sein will, kann auf lange Zeit eine derartige Versteinerung des Herzens uicht vertragen. * Jedoch über diese Aktualität der Schriften Achad Haams werden andere sich ausführlicher äußern, mir seien nur einige lose Bemerkungen über seine geistige und literarische Physlogttomie gestattet; Er kommt als Reifer, Alizureifer. Bevor er mit seinem ersten Aufsatz (im Jahre 1889) vor die jüdische Oeffentlichkeit tritt, hat er den ganzen Komplex jüdischer Probleme durchgedacht und keine Korrektur erfolgt Im Laufe seiner ganzen Wirkungszeit. Eine Linie, eine Haltung durch das ganze Leben. Es ist so, wie wenn jemand immer ein und denselben Rock trägt, dies aber so hoheitsvoll, mit einer solch unvergleichlichen Würde und Noblesse, daß sie Achtung einflößt und bezaubernd wirkt. In der Tat wurde Achad Haam oftmals mit einem zurückhaltenden, immer Distanz wahrenden Ausländer verglichen, der von Zeit zu Zeit vor die jüdische Oeffentlichkeit tritt und seine Meinung ״freundlich, gelassen und liebenswürdig“ sagt. Der Eindruck eines Ausländers mag daher rühren, daß es schwer ist, ihn in irgendeine literarische Gruppe von damals einzureihen. Sein Format ist zu groß und zu verschieden die geistigen Manieren dieses hohen Kulturmenschen, der an Quellen saß, von denen jüdische Dichter, Literaten und Publizisten keine Ahnung hatten. Die Literatur und die Tages- Publizistik trug alle Zeichen eines Provinzialismus. Hier aber kommt zum ersten Male ein Mensch, der zwar nur gelegent- VERTRAUEN Es gibt zwei Gattungen führerischer Menschen. Von dem einen sagt man: ״Ich glaube an ihn“. Von dem andern: ״Ich vertraue ihm“. An einen glauben, das heißt nicht etwa meinen, daß er immer das Richtige sage und tue, wohl aber, daß das Unrichtige ״richtig“, nämlich billigens- und befolgenswert werde, wenn und weil e r es ist, der es sagt oder tut. Auch wenn man sich bemüht zu erweisen, daß er , echt“ habe, weiß man im Grunde, daß es einem hier auf Recht und Unrecht, also auf den Maßstab außerhalb der Person, nicht mehr ankommt. Die Wahrheit besteht nur noch von der Person Gnaden. Also ist es die Wahrheit nicht, was man hier so nennt. Einem vertrauen, ist etwas anderes. Das heißt gewiß sein, daß dieser Mensch, dem man vertraut, in einem ganz bestimmten positiven Verhältnis zur Wahrheit steht, zu der wirklichen Wahrheit. In was für einem Verhältnis denn? Doch nicht als ihr Abgesandter? Das freilich nicht; aber als ihr Diener. Wer der Wahrheit dient, kann sich ebensogut wie andre Menschen irren: aber seine Irrtümer weisen auf die Wahrheit hin, sie sind ihr zugewandt, sie führen auf sie zu. Einem Menschen vertrauen heißt, an die Wahrheit glauben, der man dienen kann, an die Wahrheit, die nicht von unsern Gnaden, sondern von deren Gnaden wir bestehn. An Menschen glauben, daraus bündelt sich zu allen Zeiten und in allen Völkern der große Fascio der Heiden• Menschen vertrauen, daraus wächst zu allen Zeiten und in allen Völkern der ״heilige Stamm“ Israels. Ich sehe immer deutlicher unsern rechten Weg dahin, daß an die Stelle des ״Glaubens“ an Menschen das Vertrauen trete. Wir brauchen Führer. Aber wir brauchen Führer, denen wir nicht um ihretwillen folgen, sondern um ihrer Dienstherrin, um ihres Dienstherrn willen — wie immer sie ihn nennen: an ihrer Dienstart erkennen wir, daß es der rechte ist. Und geht ihnen die Fähigkeit ab, mit aufrührendem oder anordnendem Wort sicher und sicherheitweckend die Menge zu bewegen, sie vermögen das Unscheinbare und Wichtigste: das Raten, das Mahnen, das Weisen. Sie stellen uns immer wieder vor die strengen Strahlen der Wahrheit. Sie führen, indem sie lehren. Ihrer ist die heimliche Weltgeschichte. Solch ein Rater und Warner, solch ein Lehrer und Führer ist Achad Haam. In seiner Gegenwart fühlt man ganz trübungsfrei dieses schlichte, heilsame, trostreiche: Ich vertraue. Ja, ein Mann des Vertrauens! Möchte das Volk am eignen Verhältnis zu ihm lernen, weniger zu ״glauben“ und mehr zu vertrauen! Martin Buber lieh unter dem bescheidenen Pseudonym ״Achad Haam“ zu der Feder greift, um sich dann wieder ins Privatleben zurückzuziehen, der aber seine Worte wählt, als wären sie für die Dauer bestimmt. Es sind aber nicht nur gewählte sondern auch gezählte Worte, eine Neuerung in einer Literatur, unter Schriftstellern, die nicht gewohnt und gewillt waren, mit Worten zu sparen. Da man sich immer nur ״unter sich“ aussprach, da die Schriftsteller und Publizisten — jüdische und hebräische — in Sprachen schrieben, die der literarischen Außenwelt, einigen Fachgelehrten ausgenommen, unzugänglieh waren, fühlte man sich ״wie zu Hause“, man disputierte und debattierte in einem literarischen Neg!ig6, oder man eiferte mit pathetischen Gebärden. Achad Haam ist der erste, dessen Stil die strengste Kontrolle einer Wcltessayistik ertragen konnte. Seine Form ist von solcher Vollendung, daß man in die Versuchung kommen könnte, ihn sl» ׳ >nen glänzenden Stilisten zu bezeichnen, wäre nicht etwas viel Größeres zu bewundern: die leidenschaftliche Liebe zur Wahrheit, dl® Sorge um das Schicksal seines Volkes, die sich bei ihm nicht in Sentimentalitäten oder gar in einer Apologetik kundgibt, sondern itn Gegenteil in einer großen Strenge, die oftmals sogar zu hart erscheint. Man stößt selten auf Ueberraschttngen in seinen Auf- Sätzen, aber dem modernen Nationalismus gibt er das feste Fundament. Nicht Umwälzendes, Weltumspannendes, aber immerhin, der Assimilationideologie versetzt er einen Schlag, von dem eine Erholung schwer ist. ״Die Knechtschaft in der Freiheit“ ist ein Wort, das fest sitzt, und dem Dauer gesichert ist. Man ist in den Schriften Achad Haams geistig und seelisch immer geborgen. Folgt man ihm auf dem Weg seiner Ausführungen, so weiß man, daß man zu einem Ziel, zu einem Schluß kommen wird, der überaus edel, tief und von hohem Ernst getragen ist. Erwartet keinen Donner und Blitz, keine leidenschaftliche Gebärde, kein Pathos, noch weniger erwartet geistreichen Witzen oder Paradoxen zu begegnen. An seinem literarischen Himmel herrscht immer ein und dasselbe Wetter, aber man langweilt sich niemals, denn es ist jenes gute, frühe Herbstwetter, das uns glücklich, dabei aber auch nachdenklich macht und ein wenig abgeklärt stimmt. Achad Haam fängt als 33 jähriger zu schreiben an, aber eigentlich ist er schon zweitausend Jahre alt. Daher ein solcher Ernst, der streng aber oft so milde und weise ist. Es ist nicht leicht, eine köstlichere Prosa zu finden als jenen Aufsatz ״Worte des Friedens“, die Antwort an einen Rabbiner, der ihn der Re'.igionsreform verdächtigte. Nicht nur wegen der vortrefflichen Gedanken, die dort ausgestreut sind, sondern die ganze Art, wie hier eine geistige Diskussion über ein religiöses und nationales Thema geführt wird, ist von solcher Vornehmheit und weiser Toleranz, daß der Genuß unvergeßlich bleibt. Was Wunder, daß die Aufsätze Achad Haams, der nur zur Feder greift, wenn er etwas über eine brennende jüdische Frage zu sagen hat, wenn die Pflicht, der Patriotismus ihn drängen, was Wunder, wenn diese seltenen Aufsätze zu den populärsten, am meisten erwarteten bei den jüdischen nationalen Lesern wurden. In den Städten und Städtchen findet man begeisterte Anhänger, die jeden neuen Aufsatz von Achad Haam auswendig zu lernen sich bemühen. * Der Mann, der eine Lehre des Herzens aufzustellen bestrebt war, zeigte sich in seinen Schritten absichtlich kühl, reserviert, in seinen Worten sehr sparsam oft sogar hart und scheinbar gefühllos, wenn es galt, die Wahrheit offen heraus- Zusagen. Selten nur begegnet man bei ihm einer lyrischen Stelle, einem Gefühlsausbruch, geschieht das aber, dann bleibt es fest verankert im Herzen des Lesers, dann wird das Herz erschüttert. Am Ende des ersten Aufsatzes ״Die Wahrheit aus Palästina“ befindet sich eine erschütternde Stelle. Achad Haam steht vor der Klagemauer und die folgenden schmerzlichen Betrachtungen drängen Sich ihm äaf: ״Diese Steine sind Zeugen der Zerstörung unseres Landes und diese Menschen — der Zerstörung unseres Volkes. Welche dieser Zerstörungen ist die schwerere? Welche sollen wir tiefer beklagen? Wenn ein Land zerstört, das Volk aber noch voll Lebenskraft ist — dann erstehen ihm ein Serubabel, Esra, Nehemia, die das Volk mit sich reißen und das Land wieder aufrichten; wenn aber das Volk zerstört ist, wer kann ihm dann erstehen und woher ihm seine Hilfe kommen?“ Der gelassene, zurückhaltende, vornehme Herr, den man oft mit einem Ausländer mit bis oben zugeknöpftem Rock verglichen hat, gibt sich dem bohrenden Gefühl eines tiefen Schmerzes hin, und seine Feder findet dann Worte, die stärker wirken als ein ״Maasse Nemirow“ von Bialik. Wie wehmütig schließt dann dieser Aufsatz: ״Und wäre in dieser Stunde über mich der Geist eines Rabbi Jehuda Halevi gekommen, daß ich, wie er, über den Zusammenbruch meines Volkes hätte klagen können — meine Klage hätte nicht ״Zion“ gegolten, sondern — Israeli.■‘ So vor ungefähr 40 Jahren. Seit fast 20 Jahren schweigt Achad Haam. Man erzählt von einer Straße in Tel-Awiw, igen illen tenelbe dich rend voll- Der ilten oder preden Sitt- :heiden, tlicli die den Ösen illen [ion, benteli- Enthes, :hen rare der;enist? iren Realitätsauffassung Achad Haams erschöpfend beantworten. Hier genügt es, kurz zu sagen: die Gottesidee ist eine derart real wirksame Geschichtskraft, daß diese ihre historische Realität schlechterdings nicht geleugnet werden kann. Und historische Realität bedeutet wahre Realität.6) 2. Uebertragen wir das bisher allgemein Erörterte ganz kurz auf die jüdische Religion. Sie ist seit alters durch und durch ethisch ״schematisiert“. Die absolute Gerechtigkeit, repräsentiert durch den einen heiligen Gott als Ideal; das Volk Israel, auserwählt, als ״sittliche Elementarkraft“ ihre unbedingte Verwirklichung auf Erden durchzusetzen — das sind ungefähr die fundamentalen gedanklichen Inhalte der jüdischen Religion, die in der Thora ihr klassisches Dokument besitzen.7) Wie jede Religion zeigt auch die jüdische eine fortgesetzte, kontinuierliche Entwicklung. Sie betrifft zunächst den Inhalt der ״Schrift“, z. B. die einzelnen Gesetzesbestimmungen, die jeweils durch die ״Lehre des Herzens“ neu interpretiert wurden und gar nicht anders werden konnten, als es der gerade erreichten Stufe der sittlichen Erkenntnis entsprach. Sie betrifft aber gleichfalls die ״Schrift“ selbst und das Gesetz als Ganzes: aus der Thora erwuchs der Talmud, aus dem Talmud der Schulchan Aruch. Der steigende Druck des Galuth bewirkte zuletzt eine Erstarrung der jüdischen Religion, den Stillstand ihrer Entwicklung. Das lag nicht an der Religion, sondern an ihren Trägern und den äußeren Verhältnissen. Das Herz des Volkes erstarrte, so daß keine ״Lehre des Herzens“ mehr ia war, um wie einst die Schrift neu zu interpretieren. Dagegen können nicht künstliche Reformen helfen, die gewalt-;am das spezifisch Religiöse, nämlich die Form, ändern wollen,;ondern einzig eine ״Belebung der Herzen“, die Zuleitung «) Mosche, A. P. D. III; Thora mizijon, A. P. D. IV. "׳) Kohen wenabhi, A. P. D. I; Mosdhe, A. P.D. Hi; Al Khete haseipim, A. P. D. IV. eines Stromes neuen Lebens in den Gesamtorganismus des jüdischen Volkes. Dessen allgemeine oder ״nationale“ Wiedergeburt tut not, die Wiederherstellung eines normalen jüdischen Volkslebens überhaupt — was nur in E r e z Israel als nationalem Zentrum möglich ist. Ohne scheinbar auf das religiöse Problem und gar auf religiöse Einzelfragen Bezug zu nehmen, muß eine solche allgemeine innere Volkserneuerung sich in Wahrheit gerade auf das religiöse Gebiet stark auswirken, die hier herrschende Erstarrung lösen, eine neue, dem modernen Bewußtsein gemäße geistige Durchdringung, Erfassung, Interpretation der in ihrer alten Heiligkeit unangetasteten ״Schrift“ zustande bringen, kurz einer gesunden Entwicklung der jüdischen Religion wieder die Bahn freimachen.8) So bleibt auch in religiöser Hinsicht das letzte Wort Achad Haams — die Z i o n s li e b e. Sie allein ist berufen, zugleich die Wiedergeburt des religiösen jüdischen Geistes und Lebens herbeizuführen. Max Weber Aber den Zionismus Vor kurzem erschien im Verlag J. C. B. Mohr in Tübingen eine große Biographie Max Webers aus der Feder seiner Gattin Marianne Weber. Dieses Buch, das uns das Werden und Wirken dieses seltenen Mannes, eines wahrhaft großen politischen Menschen schildert, ist für jeden politisch Tätigen von größter Bedeutung; für uns Zionisten auch durch seine freie und doch tiefe Stellung zum Problem des Nationalen. In dem Buche befindet sich aber auch eine direkte Aeußerung Webers über den Zionismus. Es wird über die Sonntagnachmittage im Hause Webers berichtet, wo sich stets eine Anzahl von Freunden versammelte. ״Unter den jungen Freunden“ — schreibt Marianne Weber — ״waren viele semitischer Rasse und die Problematik des Judentums kam öfter unbefangen zur Sprache. Der Nachklang eines bedeutsamen Gesprächs mit E. J. Lesser über den Zionismus ist in einem Briefe Webers an ihn festgehalten, der die Möglichkeit der Kolonisierung 8) Thora schebalew, A. P. D. I.; Divre schaiom, A. P. D. I. Palästinas zugibt, darin jedoch keine Lösung für die innere Problematik des Judentums sieht. Worin sic nach seiner Meinung besteht, formuliert er in folgendem: ״Das Judentum und speziell der Zionismus hat eine höchst konkrete ״Verheißung“ zur inneren Voraussetzung. Werden eine gut reuticrende Kolonie, ein autonomer Kleinstaat, Krankenhäuser, gute Schulen jemals als eine ״Erfüllung“ und nicht viel mehr als eine Kritik jener grandiosen Verheißungen wirken? Und selbst eine Universität? Denn deren — dein ökonomischen Ziel der Besiedlung gegenüber durchaus heterogener — Sinn würde doch darin liegen: daß das Würde gefühl des Judentums sich an der Existenz und dem geistigen Besitz dieser uralten heiligen Stätte in dieser Form auferbauen könnte. So wie einst die jüdische Diaspora am Makkabäerreich, nach dessen Unabhängigkeitskrieg gegen das Weltreich der Seleukiden; wie das Deutschtum der Welt am Deutschen Reich, der Islam am Bestände des Kalifats. Aber Deutschland ist ein (scheinbar wenigstens)!nächtiges Reich, das Kalifenreich immer noch territorial ausgedehnt — aber: der Judenstaat günstigstenfalls heute? Und eine, nur das Gleiche wie andere, bietende Universität? Gewiß wäre sie nicht schlechthin gleichgültig, aber doch mit dem alten Tempel nicht zu vergleichen. was fehlt denn wohl hauptsächlich? Der Tempel und der Hohepriester sind es. Gäbe es diese in Jerusalem — alles andere wäre Nebensache. Gewiß verlangt der fromme Katholik auch den Kirchenstaat, sei es auch kleinster Dimension. Aber auch ohne ihn — sogar besser ־— erbaut sich sein Würdegefühl daran, daß der politisch machtlose Papst in Rom als rein geistlicher Herrscher eines Volkes von 200 Millionen unendiieh mehr ist als der ״König“ von Italien und daß das jeder fühlt. Ein Hierarch von 12 Millionen in der Welt (die das bedeuten, was nun eben doch die Juden einmal sind und bedeuten!) — das wäre natürlich etwas, was für das Würdegefühl des Judentums — gläubig oder ungläubig, ganz einerlei — etwas wirklich Großes besagte. Aber wo ist Zadoks Geschlecht? Wo eine Orthodoxie, die sich einem solchen Hierarchen fügte, ihm auch nur ei!1 Zehntel der Bedeutung lassen dürfte — nach dem Gesetz! — die der Papst, kraft der discipüna morum und dem Universal - B i s c h o f s ־ Amt, weit mehr als kraft der relativ gleichgültigen Infalbbilität, in jeder Diözese und Gemeinde ausübt? Wo die Möglichkeit,