Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 58-59 (30.7.1926)
- Date
- 1926-07-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 426 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58/59 Der Fall Haas Im Januar 1926 sprach ich in einer Magdeburger Versammlang über den Kampf gegen den Judenhaß und erwähnte beiläufig den damals aktuellen Lemberger Steigerprozeß. Ich verwies auf das ungeheure Interesse der Juden in der ganzen Welt an diesem Falle und erklärte diese Anteilnahme aus dem instinktiven Gefühle der Juden in der ganzen Welt, daß ein derartiger Fall überall möglich sei. Ich sagte 11 ngefähr: ״Eine schwere Missetat wird verübt; der oder die Täter sind nicht auf frischer Tat erwischt; der Zufall bringt einen Juden in die Nähe des Tatortes oder fh belanglose Verbindung mit der Tat oder dem Opfer der Tat. Urplötzlich bezeichnet eine antijüdische oder a semitische Ideenasso* ziation diesen zufällig in die Affäre verstrickten Juden als Schuldigeri — und die Beschuldigung wird gegen alle Wahrscheinlichkeit und alle Logik geglaubt. Es beginnt nun ein Kampf ums Recht. Da sich dieses Recht gerade an einen Juden knüpft, wird er zunächst ein jüdischer Kampf. Die Umwelt stutzt: warum diese jüdische Nervosität? Warum wird der Ausgang der Untersuchung nicht abgewartet? Das Gehaben der Juden wird verdächtig! Und so stecken wir, selbst bei rein kriminellen Angelegenheiten, tief im Wust von Unverständnis, Feindseligkeit, atavistischem Judenhaß und geraten aus dem Gebiet des Rechts in die Kampfarena der Politik. Solche Fälle sind überall möglich, schloß ich, auch hier in Magdeburg...“ Meine Worte, übrigens auch die Ausführungen zum Hauptthema, fanden bei einigen Anwesenden, darunter Vertretern des C.-V., keine Zustimmung. Diese schüttelten nicht nur die Köpfe, sondern übten dann auch in der Presse an meinen Darlegungen scharfe Kritik. Nun haben wir, gerade in Magdeburg, den Fall Haas. * Nur keine ״jüdische Nervosität“! Nur nicht in eine schwebendc Verhandlung eingreifen! Die Wahrheit wird schon ans Tageslicht gelangen. Ich kenne diese Einwände. Und wir haben uns auch Zurückhaltung auferlegt. Aber die Entwicklung der Angelegenheit zwingt zu ein paar offenen Worten. Wir hoffen natürlich, daß sich die Unschuld des beschuldigten Juden Haas herausstellen und er der Freiheit wiedergegeben wird — aber wir befürchten, daß die Beschuldiger des Haas nicht einsehen werden, daß sie geirrt haben, sondern daß sie offen oder heimlich sagen werden: Juda hat wieder einmal gesiegt und mit Hilfe von tausend Einflüssen die Aufdeckung seiner dunklen Pläne verhindert. * Ich bin nicht der Ansicht, daß die Beschuldiger des Haas Bösewichter sind. Sic handeln zweifellos im guten Glauben. Nur ist dieser ״gute Glaube“ schlecht. Man bedenke: Der Beschuldigte, Rudolf Haas, ist Schwager des Paul K r 0 11 n. Dieser ist Bundesschatzmeister des ״Reichsbanner s“. Das Reichsbanner ist natürlich eine ״jüdische Sache“, eines der vielen Werkzeuge zur Befestigung der ״jüdischen Herrschaft“. Der Ermordete wußte wahrscheinlich ״zuviel“ von diesen Zu- *sammenhängen ... Er mußte also beseitigt werden. Um die Sache unauffälliger zu machen, bediente man sich eines völkisehen Werkzeugs, des armen Schröder, der so ״gar nicht wie ein Mörder aussieht“. Der Scharfsinn des Kriminalkommissars hat diese Zusammenhänge erfaßt; es wird versucht, in diesen Abgrund hineinzuleuchten . . . Und da trat das ein, was nach völkischer Auffassung eintreten mußte. Der ״Judenknecht״ S e v e r i n g, obwohl totkrank, unterbricht seinen Urlaub; der zweite ״Judenknecht“, Hörsing, kommt schleunigst aus der Sommerfrische nach Magdeburg zurück, der Exponent der ״jüdischen Herrschaft“, der jüdische Chef der Berliner Kriminalpolizei, Regierungsdirektor Weiß, erscheint in Magdeburg. Juda hat alle Machtmittel mobilisiert. Die Folge: der Drachentöter, der Kriminalkommissär, ten Hold, der den Versuch gemacht hatte, sich der jüdischen Hydra entgegenzuwerfen, wird abgehalftert . . . Bedarf es da noch eines schlüssigsten Beweises, daß das alles jüdische Mache ist? Was? die Wahrheit ist unterwegs? Lächerlich! Juda ist wieder einmal daran, zu siegen! * Nicht wahr? *AH das kann doch in kein normales Gehirn? Das ist doch wüster Spuk krankhafter Einbildung?! . . . Müßte man meinen! Aber es wird doch geglaubt und wird auch in Zukunft in ähnlichen Fällen so ähnlich gesagt, geschrieben und geglaubt werden. Man bedenke: Dinters Roman. ״Die Sünde wider das Blut“ ist in Deutschland in einer Million Exemplaren verbreitet worden, (Gerhart Hauptmann hat es bloß zu Auflagen von 50000 gebracht!) Die ״Weisen von Zion“ sind in Hunderttausenden Exemplaren in Deutschland gelesen worden. Der Großteil der Studierenden deutschen Jugend, — die zukünftigen Beamten, Richter, Lehrer und Kriminalkommissäre — sind von der Existenz jenes geheimen jüdischen Komitees überzeugt, das in der ganzen Welt sein Unwesen treibt und zu Judas Machterhöhung die nichtjüdische Menschheit mit Hilfe von Marxismus, Bolschewismus, Presse, Theater, Kino und Revolutionen knechtet und vergiftet . . . * Auf dem Sumpfboden derartiger Ueberzeugungen und dieser Geistesverfassung sind Fälle wie der Fall Haas in Magdeburg nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Die Leute, die aus unsinnigem Unverständnis derartige Fälle entstehen lassen, sind nicht verbrecherisch schlecht, sondern nur verbrecherisch verdummt. Und gegen Dummheit und Wahnwitz kämpfen selbst Götter vergebens. Moses Waldmann. Revisionistische Geistesverfassung Ein Schlußwort. Von Adolf Böhm. Ich habe nicht die Absicht, ausführlich auf die Replik von Gesinnungsgenossen Köster in Nr. 57 d. Bl. zu ant- Worten. Solche Diskussionen sind immer unfruchtbar, weil aus einem Problemkomplex einige Teile herausgerissen werden müssen und auch diese nur auf Grund der im speziellen Falle gebrauchten Argumente behandelt werden. Ich will auch nicht meine so scharf angegriffene Urteilsfähigkeit verteidigen, das wäre für die Allgemeinheit gänzlich uninteressant. Dagegen möchte ich die sachliche Grunddifferenz scharf beleuchten, weil es sich dabei um ein entscheidend wichtiges Problem handelt. Es geht um die Auffassung unserer realen Möglichkeiten in Palästina und damit um die letzte Erkenntnis dessen, was unserer ganzen Politik zugrunde zu liegen hat. Gesinnungsgenosse Köster spricht von der Notwendigkeit, angesichts des starken Geburtenüberschusses der Araber, mit diesem ״Schritt zu halten“ und soviel Einwanderer ins Land zu bringen, daß wir trotzdem unserem Ziele, der Majorität, merklich nähergebracht werden. Ich soll das nicht verstehen. Tatsächlich war gerade diese Frage (Geburtenüberschuß der Araber) der Ausgangspunkt meines im Artikel erwähnten Vortrags vom Juli 1925. Aber in diesem hatte ich untersucht, ob wir eine genügende Zahl von Einwanderern im Lande produktiv ansiedeln können. Darum dreht es sichl Gg. Köster spricht ein wenig unklar in bezug auf die nötige Zahl. Was heißt das: der Majorität ״merklich“ näherzubringen? Da der Geburtenüberschuß der Araber heute schon 15000 per Jahr beträgt und ständig stark wachsen wird, so werden wir auch bei einer Einwanderung von 50 000 Jahr für Jahr, in zehn Jahren noch keine Majorität haben. Die Einwanderungszahl (welche?) ist uns ״von außen“ vorgeschrieben, sagt Gg. Köster. Mag sein. Aber das Entscheidende, worüber Gg. Köster gar nichts aussagt, was aber der Angelpunkt meines Artikels war, ist (Üef.Frägft 9b Pa• lästln'a dur'Ch irgfe'nlwelche Mittel telähigt werden kann, solche Massen aufzunehmen und produktiv zu beschäftigen. Ich bin ein solcher ״Defaitist“, oder wenn man will, Realist, um offen und ohne jede Illusion, diese Frage wenigstens für die nächsten Jahre zu verneinen. Dies kann mich nicht im geringsten entmutigen, da ich niemals dem Zahlenwahn gehuldigt habe und, wie ich in meinem Artikel ausgeführt habe, Sinn und Wert des Palästina-Aufbaus von heute nicht darin gelegen sehe, daß wir in 15 oder 20 Jahren die zahlenmäßige Majorität haben werden. Solange man aber nicht cinsiehf, daß jene Tatsachenfrage das Kernproblem auch für die Auffassungen und Zielsetzungen unserer Politik bildet, solange ist jede Diskussion vergeblich, wir werden uns miteinander nicht nur nicht verstandigen, sondern nicht einmal verstehen. So geht es wenigstens mir, wenn ich sehe, daß gerade jetzt, wo schon Anzeichen dafür sichtbar waren, daß man sich sogar in Erez-Isracl mit dem Gedanken des!»nationalen Staates ausgesöhnt hat; die ״Radikalen“ eine Kampagne unter der Parole: ״Zurück Zn 6. B. Shaws 70. Geburtstag George Bernhard Shaw, einer der großen und freien Menschen dieser Zeit, feierte dieser Tage seinen 70. Geburtstag und war — außerhalb Englands — Gegenstand lebhafter Ehrungen, während die englische bürgerliche Gesellschaft, die mehr als irgendeine andere gegen Kritik empfindlich ist, mit einer fast unbegreiflichen Solidarität, wie auf Verabredung, ihn ignorierte. Wir haben hier nicht eine Würdigung des Dichters und Politikers zu geben; wir begnügen uns, indem wir' unsere Glückwünsche hinzufügen, damit, hier an zwei charakteristischen Beispielen zu zeigen, wie Shaw über Juden und Judentum denkt. Am 20. November 1901, also vor 25 Jahren, sprach Israel Zangwill im Article Club in London über Zionismus unter dem Vorsitz von Lord Suffield. Bei dieser Gelegenheit hielt Shaw, dem Berichte der ״Welt“ (vom 29. November 190t) zufolge, folgende Rede: ״Die Sympathie, die ich für das jüdische Volk hege, ist eine tiefe; es ist eine Art von Bezauberung. Und meine Rasse — die irische -— hat viel Berührungspunkte mit den Juden. ln welchem Verhältnisse werden wirklich geeignete Juden nach Palästina gehen? l>ie Unterdrücktesten sind nicht das beste Material für eine Staatengriindung. Sie müssen die besten Juden nehmen; Palästina bedarf einer großen Menge von Gehirn. Ackerbau ist jetzt eine Beschäftigung für ein stumpfsinniges und vorurteilsvolles Volk. Aber in der Zukunft wird er zu einer hochorganisierten Industrie werden. Dann werden die Juden den Ackerbau zu einem intellektuellen Niveau erhoben finden, auf dem sic an ihm teilnehmen können. Auch gegen die Verfolgungen in den Balkanstaaten gibt es nur eine Hilfe: Einen Judenstaat, der geachtet und gefürchtet wird. Die Mächte könnten eine Art platonischen Schutzkomitees bilden, aber vor allem anderen werden die Juden auf sich selbst angewiesen sein und aus sich selbst eine Macht machen müssen. Und sind sie nicht schon heute eine Großmacht in allen Künsten, in Wissenschaft und Literatur aller Länder der Welt? Der Jude ist der Gehirnmensch, der großen Teil hat an der Verwaltung und Führung aller Nationen.“ — Ein anderes Beispiel aus jüngster Zeit. Im Sonder-! heft ״Antisemitismus und Jüdisches Volkstum“ der Zeitschrift ״Der Jude“ (Jüd. Verlag, Berlin), waren zwei Aeußerungen von Shaw über das Judentum anläßlich einer Controverse mit dem französischen Schriftsteller Henry Bernstein abgedruckt. Wir zitierten aus diesen interessanten Stücken den Schlußabsatz. Shaw schließt mit folgenden Worten: ״Als Ire kenne ich das krankhaft heftige Nationalbewußtsein, das durch Unterdrückung und Verfolgung hervorgerufen wird, zu gut, als daß ich die Juden ermutigen könnte, sich ihren Träumen hinzugeben. Ich habe meinen eigenen Landsieuten in den Tagen ihrer Unfreiheit oft genug sagen müssen, daß sie kein auserwähltes Volk seien, daß ihre Leiden sie nicht besser gemacht haben als andere, und daß sie sie schlechter gemacht haften, wenn die anderen nicht ebenso elend gewesen wären wie sie selbst? und ich werde den Juden dasselbe sagen, so oft sich Gelegenheit dazu ergibt Ich halte die Lehren der Bibel mit ihrer Darstellung von der Unterjochung, Enteignung, ja sogar Ausrottung der Völker als einer Politik Gottes für äußerst verderblich und zum großen Teil verantwortlich für den schamlos räuberischen Imperialismus der Völker und die Ausbeutung, die unsere Zivilisation zu gefährden droht. Ich glaube, daß sich ein Jude lächerlich macht, der sich auf die Seite dieses Imperialismus schlägt, die nationale Flagge des Landes schwingt, in den! er ansässig ist, und der, wie Henry Bernstein, darauf Gewicht legt, französischer zu sein als jeder Franzose, oder wie manche englischen Juden englischer als jeder Engländer. Aber diese Ansichten sind nicht antisemitisch: sie werden von allen verständigen Juden geteilt. Und gerade deshalb, weil ich sic vertrete, bin ich (so hoffe ich) bei den Juden mindestens ebenso populär wie bei den Nichtjuden.“ Dr. Arthur Sakheim von den Hamburger Kammer• spielen wurde ab 1. September als erster Dramaturg, Regisseur und künstlerischer Leiter literarischer Veranstaltungen an die Städtischen Bühnen in Frankfurt a. M. verpilichtet. Aus Jerusalem erhalten wir die erste Veröffentlichung einer dort von Herrn C h a w k i n gegründeten Esperanto- Gesellschaft. Es ist eine Broschüre in hebräischer Sprache, die die wichtigsten Regeln des Esperanto enthält. zum Judenstaat führen! Ich gestehe, daß mir jedes Ver. Standnis für diese Art politischer Zielsetzung fehlt. Ich glaube, der Grund unserer heftigen Streitigkeiten über die richtige Politik ist der, daß cs uns an einem prak. tischen Plan fehlt. Wir tun heute das, was der öster. reichische Minister Taaffe einst mit dem unübersetzbaren wienerischen Ausdruck: ״fortwursteln" bezeichncte. Wir leben von der Hand in den Mund. Erst ein praktischer Plan könnte die Leitlinien der zu seiner Durchsetzung nötigen Politik bestimmen, der Besitz eines solchen würde uns auch eher zu Mitteln verhelfen, als der heutige Zustand, weil die prak• tischen Leute gewöhnt sind, praktische Pläne zu prüfen und night verschwommene Ziele zu fördern. Wir haben keinen Plan, sondern sind vorläufig nur auf die Intuition Weizmanns angewiesen. Auf die Dauer kann diese־ als alleinige Basis unserer Politik nicht genügen. Aber weder politische Par■ teien, noch politische Komitees werden uns etwas nützen, sondern nur die nüchterne Einsicht in die realen Möglich• keiten und ein klarer Plan, der auf diesen beruht, wie es sich z. B. Ruppin (im Aufbaub'uch) oder Simon (in seinem Referat Februar 1920) vorgestellt haben. Darin sind die Revisionisten die einzig klar Sehenden. Sie haben Pläne und deshalb ziehen sie die Massen an. Wir andern sehen diese Pläne zum größten Teil als undurchführbar an. Wir haben ihnen aber nichts entgegenzusetzen. In unserem Programm steht allerdings das, was an jenen Plänen ausführbar Ist (wie z. B. die Forderungen an die Administration). Aber die großen Worte sind um so verführerischer, wenn auf der anderen Seite kein klarer und fester Plan entgegengesetzt wird. Wir sehen darum die Gefahr, daß die ״revisionistische Geistes- Verfassung", der Extremismus auf der ganzen Linie siegen wird. Und da ich dies eben als eine Gefahr betrachte, habe ich meine Stimme erhoben. Druckfehler-Berichtigung. Der Verfasser des Artikels ״Die Dogmatik des Weges“ in der vorigen Nummer der ״J. R.“ heißt richtig Arthur Koestler und nicht Arthur Köster. Die Zeigen für and gegen Schwarzbarth Paris, 22. Juli. (J. T. A.) Der Untersuchungsrichter Peyre vernahm eine Reihe Zeugen, um die Frage zu klären, ob der von Schwarzbarth ermordete Attaman Petljura für die Pogrome voll und direkt verantwortlich war. Der erste Zeuge, Prof. Koval, Prag, der von der Familie Petljuras gestellt worden ist, sagte aas, er sei 1921 nach Paris gekommen, um mit den jüdischen Führern zu beraten, wie man in der ukrainischen Armee eine Propaganda gegen die Pogrome organisieren könne. Der einstige ukrainische Minister- Präsident Prokopowitsch erklärte mit aller Bestimmtheit, daß Petljura selber gegen Pogrome gewesen sei. Schwarzbarth, der den Vernehmungen beiwohnte, erklärte, daß Petljura erst, als er die ganze Macht verlor, die Pogrompolitik aufgegeben habe, um die Westmächte für eine Intervention zu seinen Gunsten zu gewinnen. Hierauf bekundete der bekannte russische Rechtsanwalt und einstige Präsident der zur Untersuchung der Ursachen der Pogrome eingesetzten Kommission des Komitees der jüdisehen Delegationen, Dr. G o 1 d s t e i n, daß nach dem Ergebnis der geführten Untersuchungen Petljura nicht allein die Pogrome duldete, sondern eine Anzahl Pogrome direkt organisiert.habe und so mindestens 50000 jüdische Opfer auf dem Gewissen hatte. Dr. Goldstein bekundete ferner, daß Schwarzbarth politisch nicht organisiert war, sondern seine ganzen Kräfte der Fürsorge für die Pogromwaisen widmete und einige der verlassenen Kinder zu sich genommen habe. — Am letzten Sonnabend hat der Präsident des Komitees der jüdischen Delegation In Paris, Herr Leo Motzkin, dem Untersuchungsrichter Peyre einen genauen Bericht über die ukrainisehen Pogrome erstattet. Der neie Kurs ii Litauen .. Kow.no, 23. Juli. (J. T. A.) Der neue Kurs ln Litauen druckte sich auch in einer allgemeinen Amnestie für politische Vergehen aus. Im Zusammenhang mit der vom neuen Staatsoberhaupt, Dr. Grinius, erlassenen Amnestie hat das Oberste Kriegsgericht mehr als 50 von der früheren reaktionären Regierung eingeleitete politische Prozesse niedergeschlagen, darunter auch den gegen die Jüdische K ul - turliga, die sich mit Politik befaßt hat, ganz willkürlich eingeleiteten Prozeß. Schon in den nächsten Tagen werden mehr als 400 politische Häftlinge die Gefängnisse verlassen, unter ihnen mehr als 100 Juden. Ein Bibelatlas Wir haben schon vor längerer Zeit an dieser Stelle das Erscheinen eines Bibelatlasses in hebräischer Sprache angezeigt, dessen Herausgeber Dr. Soloweitschik ist. Der damals zum Ausdruck gekommene Wunsch, daß dieses Buch durch eine deutsche Ausgabe für die Verwendung im Schulunterricht auch im deutschsprachigen Gebiet, wo man leider bisher des Hebräischen nicht mächtig ist, ergänzt werde, ist nunmehr erfüllt worden. Der Jüdische Verlag in Berlin hat unter dem Titel ״Die Welt der Bibel“ den Bilderatlas mit deutschem Text herausgebracht. Die deutsche Ausgabe ist um einige Bilder und Tafeln erweitert. Die Wiedergabe der Bilder ist technisch ausgezeichnet. Das Buch enthält im ganzen 693 Abbildungen. Es gibt einen Eindruck von der Landschaft Erez Israels, es zeigt die wichtigsten historischen Stätten, die in der Bibel erwähnt werden, es gibt ferner eine richtige biblische Naturgeschichte durch Abbildungen der Fauna und Flora des biblischen Palästina. Geräte, Münzen, Schmuckstücke, Gefäße und andere Gegenstände aus biblischer Zeit geben eine lebendige Vorstellung von den kulterellen Verhältnissen, und es kann kein Zweifel bestehen, daß eine Lektüre der Bibel an der Hand dieser Realien eine außerordentliche Belebung finden muß. An die Stelle trockenen und oft verständnislosen Hersagens des Textes tritt nur ein wirkliches Eindringen in die ganze Situation, den kulturgeschichtlichen Zusammenhang, eine menschliche und historische Näherbringung des ganzen Stoffes. Bei vielen Menschen und auch Schülern, denen das innere Verhältnis zur Welt der Bibel abhanden gekommen ist, wird dieses Buch ausgezeichnete Dienste leisten können. Es ist eine nicht nur pädagogische Leistung, sondern eine nationale Tat, denn es bringt uns die Vergangenheit unseres Volkes nahe und verstärkt unser Verhältnis zur jüdischen Geschichte und Literatur. Es sei noch erwähnt, daß die deutsche Ausgabe auch eine erhebliche philologische Arbeit bedeutet, weil gerade bei den konkreten Gegenständen des täglichen Lebens, sowie bei der Fauna und Flora die Auffindung des wirklich dem Urtext entsprechenden deutschen Wortes nicht immer ganz leicht ist. Das Buch sollte nicht nur in der jüdischen Hausbibliothek stehen, sondern zu Geschenkzwecken für die Jugend in Mode kommen. x.