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Jüdische Rundschau · 1926-07-16 · Heft 55 (16.7.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 55 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 55 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 405 Für einen Kultur-Fonds Von M. Ussischkin. Nachstehend geben wir einen gekürzten Auszug aus der Rede Ussischkin* in der Zwanziger-Kommission, die sich mit der Frage der Regelung der Verwaltung des palästinensischen Schulwerkes befassen sollte. Der Vorschlag Ussischkins wird dem A.-C. vorgelegt werden. Die Arbeit für unsere Renaissance und die für den Aufbau des Landes zerfällt in zwei Teile ■— eigen wirtschaftlichen und einen kulturellen. So wie Körper und Seele miteinander verbunden sind, so sind auch Wirtschaft und Kultur nur zwei Seiten derselben Sache. Die politische Arbeit ist nur Vorbereitung und Erleichterung der beiden genannten Arbeitsgebiete. Im Laufe unserer Tätigkeit, die eine Zeit von 45 Jahren umfaßt, bestand nicht immer Harmonie zwischen diesen beiden grundlegenden Arbeitsgebieten. Ein innerer Gegensatz machte sich bemerkbar. Bald gewann die eine Seite die Oberhand, bald mußte sie zurücktreten vor der anderen. Unter den radikalen Aenderungen, die abwechselnd eintraten, litt die ganze Arbeit, ln den letzten Jahren litten wir darunter, daß unser ganzes Denken, angefangen mit den Leitern der Bewegung, und endend mit den letzten Arbeitern, einzig und allein auf die ökonomische Arbeit konzentriert war, wahrend man die zweite Arbeit, die Kulturarbeit nämlich, übersah und ihr keine Beachtung schenkte. Diese Tatsache macht die Lage katastrophal. Wenn wir all unsere Kräfte nur in die Kulturarbeit steckten, so wäre auch dies gefährlich, aber bei dem heutigen Zustand ist die Gefahr noch unzählige Male größer. Wir verzehren uns und unsere besten Kräfte und schaffen nicht die neuen Kräfte, den Nachwuchs, der unsere Arbeit fortsetzen soll. Mit der bloßen ökonomischen Arbeit werden wir das Volk in der Diaspora nicht beleben. Auch diejenigen, die die Notwendigkeit kultureller Arbeit anerkennen, haben sie einzig auf das Gebiet der Erziehung in ihrem engen Sinne beschränkt, und auch das nur für Palästina. Es gibt sogar solche, die noch weitergehen und der kulturellen Arbeit als einzige Aufgabe die Erhaltung der Volksschule zuweisen wollen. Sie bedenken nicht im geringsten, daß von all unserer ökonomischen Arbeit, die berechnet ist und getan wird für die Zehntausendc von Juden in Palästina, die zahlreichen Millionen in der Diaspora auch nicht das geringste haben, während die Wirkung der kulturellen Arbeit sich nicht nur auf den Jischuw in Palästina erstreckt, sondern auch auf das Volk in der Diaspora. Wenn wir wirklich über eine Revolution im Leben der Juden und von einer Erneuerung des nationalen Geistes sprechen wollen, dann muß zweifellos die kulturelle Arbeit mit der ökonomischen Hand in Hand gehen und darf nicht vor ihr vernachlässigt werden oder als überflüssiges Anhängsel zu ihr erscheinen. Wir alle wissen, zu welchem Tiefstand wir in den letzten Jahren in unserer kulturellen Arbeit gelangt sind. Selbst das Volksschulwesen ist ein Stiefkind unserer Organisation. Kulturarbeit außerhalb der Schulbänke, höherer, anderer Art, Literatur und Kunst, •Werte, ohne die eine Nation sich nicht bilden kann, all dies hat, nach Ansicht unserer offiziellen Kreise, keinen Zusammenhang mit der Zionistischen Organisation. Und auch in Erzienungsangdgenheiten kann man von ernsten und ehrlichen Menschen, besonders unter den Arbeitervertretern, hören, daß sie z. B. entschieden sich der Erhaltung von Mittelschulen durch unsere Organisation widersetzen und erklären, daß dies ein Luxus der Bourgoisie sei, während unsere Erziehung sich auf die Elementarschulen zu beschränken haben! Welche Kämpfe haben wir für die Erhaltung der Lehrer- und Lehrerinnenseminare führen müssen 1 Gab es nicht Vertreter der Ansicht, daß wir nicht eine so froße Zahl von Lehrern brauchten und daß wir folglich jede nstalten einschränken müßten! Diese guten Leute verstanden nicht, daß Landwirte und Arbeiter nicht In die Diaspora hinausgehen können, um eine ökonomische Revolution im Leben der Juden hervorzurufen, und daß sie, wenn sie gehen würden, erfolglos zurückkehren würden. Anders der Lehrer. Die Arbeit eines jungen Mädchens, das das Seminar besucht hat kann Wunder wirken, und in Wahrheit eine kulturelle und nationale Revolution und Erneuerung im Leben der Gemeinde hervorrufen, in der sie tätig ist. . . Wie ist die .Lage der Universität? Einzig dem persönlichen Verhältnis Dr. Weizmanns zur Sache der Universität ist es zu danken, daß sie überhaupt noch irgendwie mit der Zionistischen Organisation verbunden ist. Wenn wir auf diesem Wege weitergehen und keinen Zugang finden zum geistigen Leben in der gesamten zionistischen und weiter in der jüdischen Welt, dann wird der Zionistischen Organisation kein langes Leben beschieden sein. Durch Konzentrierung all unseres Denkens auf ökonomische Arbeiten und Geldsammlungen werden wir nicht bestehen können, und wir brauchen doch noch ein langes Leben, bis das nationale Heim erbaut sein wird. Deshalb sage ich: Wir wollen den Weg suchen und erforschen! Kritik soll sein, vollständige Revision! Es gibt Fehler In allen Zweigen unserer Arbeit, der ökonomischen wie der politischen. Wenn man diese Fehler bemerkt und zugibt, kann man sie meistens wieder gutmachen. Aber der Hauptfehler — unser Verhältnis zur Kultur — ist fast nicht wieder gutzumachen. Ich fürchte, daß es schon zu spät ist, und daß wir die Zeit versäumt haben. Wenn wir nicht sofort mit umfassender Kulturarbeit in der jüdischen Welt beginnen, werden wir etwas vernichten, was wir nicht wiederherstellen können. Wir müssen eine grundlegende Aenderung in der Haltung des Kongresses zu diesem Problem herbeiführeu und offen verkünden, daß zwei große, gleichberechtigte Aufgaben vor uns stehen: die ökonomische und die kultureile. Nur einen Unterschied gibt es zwischen ihnen: die erstere wird einzig und allein in Palästina gelöst, die zweite umfaßt die gesamte Diaspora und hat ihr Zentrum in Pavjästina. Umfassende kulturelle Arbeit beginnend mit dem Kindergarten und endend mit der Universität, die Schaffung der Sprache und des Stils, Förderung der Literatur in all ihren Zweigen und Strömungen, Entwicklung der nationalen Kunst in all ihren Formen, dies ist unsere Aufgabe. Nur durch diese. Arbeit werden wir das Volk in der Diaspora ewinnen und sein Herz uns zuwenden können, und wenn as Herz des Volkes sich öffnen wird, öffnet sich auch seine Tasche. Wenn wir zu dem Resultat kommen, daß eine vollständige Umwälzung im Verhältnis zur Kulturarbeit nötig ist, müssen wir auch den Apparat schaffen, der für diese Arbeit geeignet ist. Dieser Apparat — das heißt lebendige Menschen. Ich nehme mir das Recht, zu glauben, daß kein Mitglied der Zionistischen Exekutive, dem die Leitung der Erziehungsarbeit anvertraut werden wird, mich an Hingabe übertreffen wird der ich vier Jahre diese Arbeit geleitet habe; aber trotzdem nabe ich gesehen und mich überzeugt, daß die Arbeit von Jahr zu Jahr schwächer wurde. Die Gründe sind folgende: Erstens war ich allein und isoliert, ohne ermutigende Atmosphäre. Von allen Seiten verhielt man sich zu meiner Arbeit wie zu etwas Unwichtigem, wie zu einem überflüssigen Anhängsel. Zweitens die Aussichtslosigkeit. Immer mußte ich schwer kämpfen, um nur das Bestehende zu erhalten, der Kongreß zu bewegen, das Erziehungsbudget nicht zu verkleinern und einzuschränken. Es war selbstverständlich ausgeschlossen, von Erweiterung, der Tätigkeit, von Vergrößerung der Arbeit auch nur zu reden. Dritten« besteht auch auf dem Kongreß kein seelisches, inneres Verhältnis zu dieser Frage. Das Budget kommt einzig durch interfraktionelle Komblnatlonen nach dem Grundsatz ״Eine Hand wäscht die andere“ zustande, und das Maximum unseres Strebens ist es heute, den Lehrern ihr Gehalt pünktlich auszuzahlen und den Schulen die augenblickliche Schülerzahl zu erhalten — und wehe unserer armen Kultur! Man muß eine Gruppe von Menschen finden und ihnen die Möglichkeit geben, auf Großes zu hoffen, damit sie arbeiten und wirken können. Sonst werden wir keinen Erfolg haben, gleichgültig, ob die Erziehung Sache der Zionistischen Exekutive oder des Waad Leumi sein wird. Wollen wir die großen Möglichkeiten schaffen, von denen ich sprach, so müssen wir unbedingt einen besonderen Fonds schaffen, den Kulturfonds! Wir brauchen drei gleichberechtigte Fonds. Einen zur Erlösung des Bodens, einen zweiten zum Aufbau des Landes und zur Kolonisation, und einen dritten zum Aufbau der Kultur. Dieser dritte Fonds wird sowohl im Lande wie im Auslande arbeiten. Man wendet ein: Wir haben keinen Platz für drei Fonds, und man weist auf das Bestreben hin, in Amerika die Drives zu vereinigen. Ich glaube, daß diese Anschauung unbegründet ist. Ich habe seinerzeit für die Beibehaltung der beiden Fonds gekämpft, die wir heute besitzen. Auch damals fanden sich viele, die den Keren Hajessod eine Beeinträchtigung seiner Erfolge prophezeihten, wenn neben ihm noch der Keren Kajemcth bestände. Die Wirklichkeit hat das Gegenteil erwiesen. Aus Erfahrung wissen wir, daß, wo die Einnahmen des Keren Hajessod stiegen, dies auch bei denen des N.-F. der Fall war, und umgekehrt, und ebenso ist ein Rückgang der Einnahmen immer allgemein, und dies ist verständlich: Wo es eine Bewegung und Leben gibt, dort stoßen und bindern sich die Fonds nicht, sondern' helfen sich gegenseitig, und wo es keine Bewegung und keinen ,,Schwung“ gibt —- haben beide Mißerfolg. Die Hauptsache ist, daß jeder Fonds es versteht, die Menschen um sich zu scharen, die seiner Idee ergeben sind. Ich bin sicher, daß es in unserer Welt Dutzende und Hunderte von Menschen gibt, die dazu berufe 1 sind, gerade der Kulturarbeit sich mit aller Hingabe zu widmen. Wenn nur erst etwas vorhanden ist, dem man sich zuwenden kann, dann werden auch die Mitarbeiter und Spender kommen, die um deswillen und um der Sache willen spenden werden, ohne die übrigen Fonds zu schädigen. Und noch eine Frage habe ich, sowohl an die rechte wie an die linke Seite: Wenn ihr fürchtet, die Zahl der Fonds würde zu groß, wie kann es euch dann erlaubt sein, Drives für verschiedene Partelzwecke zu veranstalten, und wenn cs wiederum erlaubt ist, Geld außerhalb der bestehenden Fonds zu sammeln, warum soll dann gerade der Anteil der Kultur vermindert werden? Der Kongreß muß zur Schaffung eines besonderen Fonds aufrufen — des Kulturfonds. Das Erziehungsbudget muß dem Keren Hajessod genommen werden, der sich nur mit dem Aufbau des Landes zu befassen hat. An der Spitze dieser ganzen großen Arb eit wird ein Direktorium stehen, das vom A.-C. nach dem Muster der Direktorien des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth gewählt wird. Es kann sein, daß der neue Fonds in den ersten Jahren noch ein Minimalbudget auch aus der Kasse des Keren Hajessod erhalten muß, weil er noch nicht die nötigen Summen aufbringen kann, aber ich bin sicher, daß er nach kurzer Zeit auf eigenen Füßen stehen wird. Mit der Aufnahme einer großen selbständigen Arbeit ist auch die große Perspektive gegeben. Die Kulturarbeit wird uns die Millionen Herzen Herzen bringen, die Keren Hajessod und Keren Kajemeth nicht zu gewinnen vermochten. Ich kenne alle Schwierigkeiten und Bedenken, die im Zusammenhang mit meinem Vorschlag .auftauchen werden, aber es gibt keinen anderen Ausweg und keine andere Lösung. Die jetzige Lage ist eine Agonie, ein langsames Hinsiech« ohne Zukunft und ohne Aussicht. Louis Lipsky — Fünfziger Wie wir erfahren, feiert in diesen Tagen Herr Louis Lipsky, Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas una Mitglied der Zionistischen Exekutive, seinen 50. Geburtstag. Lipsky gehört zu den alten Bannerträgern der zionistischen Idee in Amerika. Schon vor dem Kriege, als der Zionismus eine fast ausschließlich europäische Bewegung war und die amerikanische Landesorganisation kaum ins Gewicht fiel, gehörte Lipskys schlanke Figur mit dem scharfgeschnittenen Profil zu den charakteristischen Gestalten der Zionistenkongresse. Er gehört derselben Generation an wie die europäischen Führer des Zionismus, von denen wir in den letzten zwei oder drei Jahren eine stattliche Reihe zur Vollendung ihres 50. Lebensjahres beglückwünschen konnten. Lipsky war jahrelang örganisationssekretär des amerikanischen Landesverbandes und seiner zähen und unermüdlichen Tätigkeit ist es gelungen, den Verband aus kleinen Anfängen zu der mächtigen Organisation auszubauen, die er heute ist. Als während des Krieges dem amerikanisehen Zionismus neue Aufgaben erwuchsen, gehörte Lipsky zu denen, die die neue Situation sofort verstanden. Er hat loyal unter der Brandeis-Administration mitgearbeitet, und es ergab sich fast von selbst, daß nach dem Ausscheiden der Brandeis-Gruppe die amerikanische Organisation keinen besseren Mann an ihre Spitze stellen konnte als Lipsky. Seit sechs Jahren verwaltet er dieses verantwortungsvolle Amt eines Führers der größten und wichtigsten zionistischen Landespartei. Seit drei Jahren ist er Mitglied der Exekutive, in welcher er vor allem organisatorische Fragen bearbeitet. Auch die Zionisten Europas haben dadurch nähere Berlihrung mit ihm bekommen und haben seine Persönlichkeit, seine zionistische Treue, seinen Enthusiasmus für Palästina, sein zuvorkommendes und gewinnendes Wesen schätzen gelernt. Lipsky steht heute mitten in der zionistischen Arbeit, er wurde soeben mit großen Ehren von der zionistischen Konvention in Buffalo zum Präsidenten des amerikanischen Zionismus wiedergewählt. Lipsky gehört auch zu den prominentesfen zionistischen Publizisten. Er ist seit Jahren Chefredakteur des offiziellen Organs der amerikanischen Zionisten, ״The New Patestine“, und hat auch nach seiner Wahl zum Präsidenten seine Mitarbeit an dem Blatte nicht aufgegeben, wie überhaupt die publizistische Betätigung ihm besonders lieb Ist. Seine Artikel haben stets eine eigene und frische Note, sie zeichnen sich durch Klarheit der Gedanken aus, zumal Lipsky immer versucht, einen Gegenstand oder eine bestimmte Beziehung von Grund auf klar zu machen. So haben wir also allen Anlaß, Louis Lipsky nicht nur namens der deutschen Zionisten als zionistischen Führer, sondern auch namens unserer Redaktion als publizistischen Kollegen zu seinem 50. Geburtstag auf das herzlichste zu begrüßen. _ Auf dem am 25. Juli in Karlovoi bei Belgrad beginnenden Weltkongreß der Studentenschaft, dem vornehmlich Wirtscnaftsfraeen der Studenten zur Behandlung vorliegen werden, wira auch der Welt verband der jüdischen Studentenschaft durch sechs Delegierte vertreten sein. Die Plenarsitzung der Hitachduth, die am 17. Juli in Berlin stattfinden sollte, wurde für August verschoben. Die nitfraale Politik der Jaden (Eine Stellungnahme der ״Frankfurter Z c!'tun g“.) Die ״Frankfurter Zeitung“ veröffentlicht unter dem Gesamttitel ״Der böhmische Cancvas“ eine Artikelserie über die nationalen Probleme in der Tscheche- Slowakei. Ein Artikel vom 14. d. M. ist dem jüdischen Problem gewidmet. ״Die Paradoxie der Situation, heißt es in diesem Aufsatz, wird durch die Steilung der Juden innerhalb des Nationalltätenkampfes grell beleuchtet. Die Juden haben sich, als die Ghettomauern fielen und die kulturelle Assimiliorung erfolgte, wie überall der Kultur ׳angeschlossen, die die geistig höhere, die fortschrittlichere, der Welt geöffnetere war, und das war im vorigen Jahrhundert unleugbar und unumstritten die deutsche. Mit dem Aufkommen des Antisemit!«- itius und der national zugespitzten Bewegungen kamen sie zwischen die beiden Feuer der deutschen und der tschechischen Nationalisten, die sich in diesem einen ähnelten, in ihrer Abneigung gegen die Juden, die crstcren programmatisch und laut, die anderen praktisch und leise. Das hat nicht gehindert, daß die Juden zu den deutschen Parteien, vor allem den Demokraten und Sozialisten, lebhafteste Beziehungen unterhielten. Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß cs gerade jüdische Kreise waren, die in den großen Städten von jeher die deutsche Sache unterstützt, zum Teil geführt haben. Wer die Geschichte der Deutschen von Prag, von Pilsen und Brünn studiert und den Anteil der Juden am Kampt um das Deutschtum daraus erfährt, muß immer wieder, wenn er ein Choleriker ist, zornig werden, wenn er ein Weiser ist, lächeln über die groteske Dummheit des deutschen Antisemitismus in und außer Landes. Die Tschechen, diese Dummheit für sich buchend, haben ihr Verhalten den Juden gegenüber danach eingerichtet. Sic haben sich den Juden freundlicher und entgegenkommender gezeigt als bisher. Dabei ist ihnen, um die Groteske noch zu verstärken, zu Hilfe gekommen — die natio na!jüdische B e w c g u n g. Sie können nämlich aut diese Weise den Juden entgegenkommen, ohne Gefahr zu laufen, als Deutschenfreunde (soll wohl heißen ״Deutschen feinde“ — Anm. d. Red. der ״Jüd. Rundsch.“) zu gelten. Daß die nationaljüdische Bewegung durch den Antisemitismus vor allem der Deutschen und andererseits durch die Zahlenstärke des Judentums ^in Prag zirka 12 000 Juden! einen günstigen Boden findet, ist eigentlich selbstverständlich, wobei nicht unausgesprochen bleiben soll, daß für manchen jüdischen Nationalisten Jerusalem in der Tschechoslowakei liegt und!Tag heißt, d. h., daß die nationaljüdische Bewegung hierzulande nicht so sehr uto- 1'schc Zielsetzung, sondern zum guten Teil Waffe im Daseinsampf ist und den Juden Erleichterung ihrer Situation gegenüber den Tschechen bringen soll. Das kann die bedenklichsten, von den Juden trotz des Antisemitismus der Deutschen nicht beabsichtigten Folgen für die Deutschen und die Juden haben. Die Zurechnung zu einer Sondernation (der jüdischen) und nicht wie bisher zur deutschen gibt den Tschechen die Möglichkeit, die Zahl der auch den Juden wichtigen deutschen Schulen noch zu verringern. So dient dieser aus begreiflicher Reaktion gegen den Antisemitismus entstandene jüdische Nationalismus tatsächlich zur Schwächung der Deutschen, die trotzdem keine Anstalten machen, von ihrer antisemitischen Ein- Stellung abzulassen, womit sie in rassenschützlerischer Verblendung die Basis der deutschen Kultur in diesem Lande bedrohlich erschüttern. All dies ist um so widersinniger, als das jüdische Element im Orunde berufen wäre, zwischen Deutsch- und Tschechentum eine Mittiermission zu übernehmen.“ Es ist interessant, wie oberflächlich ein prominenter journalistischer Beobachter urteilt und wie unverhüllt das große demokratische Blatt für Opportunismus etetritt Den Deutschen wird mit Recht ihr exzessiver Antisemit shras vorgeworfen, aber das Argument, es sei dumm, die Juden nicht als Stärkung der deutschen Position zu gebrauchen, ist für das Judentum so entwürdigend und beleidigend, daß schon allein diese demokratische Stellungnahme — noch mehr als der Antisemitismus der Völkischen — eine genügende Rechtfertigung der nationaljüdischen Politik i;t. Die nationaljüdische Politik will die Juden eben endlich aus dieser Lakaienstellung, die ihnen auch der offenbar philosemitische Korrespondent der ״Frkff. Ztg.“ zuweisen möchte, befreien und will sie zu politischer Selbsttätigkeit erziehen. Erstaunlich bleibt, wie wenig Verständnis die ״Frkf. Ztg.“, die sonst so eifrig in der Verteidigung der nationalen Rechte entmündigter Volkssplitter — z. B. in Honolulu oder sogar in Arabien — ist, für das nationale Erwachen der Juden, das eine moralische Wiederaufrichtung eines verachteten, hin- und hergeschobenen und nach getanen Diensten (z. B. Wahlhilfe) mit Fußtritten traktierten Volkes ist, übrig hat. Die Mittler- Rolle, die der Korrespondent den Juden am Schluß zuweisen will, werden die Juden übrigens nur dann spielen können, wenn sie in nationalpolitischer Beziehung weder im Schlepptau des einen noch des anderen Volk:s sich befinden. Das sollte doch wenigstens einleuchten. Die alte Assimilations- Politik ist durch und durch reaktionär, was einzusehen all denen schwer fällt, die in ihrer Begriffswelt aufgewachsen sind. Eine Verlenmduig uni eine Berichtigung Der völkische ״Deutsche Vorwärts“ hatte am 25. April in einem Artikel u. a. behauptet, daß Stephan Grollmann, der Herausgeber des ״Tagebuch“ und des ״Montag Morgen“ ein ״zugewanderter Ostjude“ sei, der sich erfreche, an ueutscheu Zuständen Kritik zu üben. Darauf richtete Stephan Oroßmann an den ״Deutschen Vorwärts“ nachstehende Berichtigung: In Ihrer Nummer 25 vom 4. Juni d. J. schreiben Sie auf der ersten Seite Ihres Blattes: ״Stephan Großmann, auch ein eingewanderter Ostjude...“ Auf Grund des § 11 des Prcßgesctzes bitte ich Sie festzustellen, daß ich: 1. in der deutschen Stadt Wien geboren bin, daß meine Eltern und Großeltern Bürger der Stadt Wien gewesen sind, ich also nicht als aus dem Osten zugewandert bezeichnet •werden kann, 2. daß ich nicht der jüdischen Kultusgemeinde angehöre, sondern evangelischer Konfession bin. Hochachtungsvoll gcz. Stephan G r o II m a n n. Wir hatten bisher angenommen, daß Stephan Großmann katholisch sei. Allerdings ist es auch möglich, daß er früher katholisch gewesen ist. Das Emigr|nt(1hilisw(rk In Frankreich Paris, 11. Juli. (J.T.A.) Di eser Tage hielt das Pariser Etnigrantenhilfskomitee eine Tagung ab. Dem Geschäftsbericht war zu entnehmen, daß im Jahre 1925 5154 Emigranten unterstützt wurden. 36 V» von ihnen kamen aus Polen, 13ס/י׳ aus Rumänien, 25״׳״ aus Oesterreich, 130׳״ aus Rußland, 11»/״ aus anderen Ländern. 61°/0 waren Arbeiter, 110״ ötudenten, 25»/» Angehörige verschiedener Berufe. 1582 Emigrauten konnte eine dauernde Beschäftigung verschafft werden.

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