Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 55 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 404 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. SS Die neue Jugend Von Sch. O 0 r c 1 i k. Vor einiger Zeit unterhielt sich Herr Altalena mit dem Leser im Pariser ״Rasswjet“ über die Rigaer jüdische Studentenkorporation ״Hasmonäa“, die er sehr gern als Vorbild für die jüdische Jugend sehen möchte. Altalena ist dem russischen Zionisten von lange her ein so bekanntes Pseudonym Jabotinskys, daß es keineswegs eine Indiskretion bedeuten kann, wenn ich es für meine Ausführungen bequemer finde, eben mit Jabotinsky mich auscinanderzusetzen und nicht mit dem Pseudonym, zu dem er bisweilen — wahrschein״ lieh nur aus rein literarischen, stilistischen Gründen — Zuflucht nimmt. Wir erfahren, daß die Rigaer ״Basmonäa“ es gewesen ist, die konsequenterweise die Forderung stellte, eine revisionistische Partei zu gründen. Jabotinsky versichert, daß bei dieser Gelegenheit sehr viel getrunken und gesungen wurde. Es folgen in zwei Feuilletons ausführliche Beschreibungen über das Wesen und Programm der ״Hasmonäa“, über das Wesen des Korporationsgeistes unter den Studenten überhaupt. Der jüdischen Jugend - bis jetzt von falschen Propheten geführt — zeigt er dieses neue Beispiel einer gesunden, draufgängerischen Jugend, die jedem Grübeln abhold ist und sich statt dessen im Rapierschwingen übt, Sport treibt, echte Kameradschaft pflegt und sich auf diese Weise der Tugend der Tapferkeit mehr und mehr nähert. Warum sie aber bei den Festen und Versammhingen zusammen mit Burschenliedern Bialik deklamiert, bleibt unerklärlich. Denn Bialik, der doch Golusdichter ist, dessen schüchterne Liebeslyrik, dessen ״Hamasmid“ Produkte der Jeschibah aus Woloschin sind, reimt sich schlecht mit der Fecht- und Sporthalle der ״Hasmorüia“ zusammen. Etwas merkwürdig erscheint es, wenn die Gründung einer Sonderfraktion im Zionismus nicht jene Trunkenheit der Seelen, jenen Rausch der Ideen auslöst, die eines solchen festlichen Aktes würdig wäre, sondern wenn die Heiterkeit durch Alkohol erzwungen wird. In der Tat sehr neu! Und dieses Neue liebt Jabotinsky besonders hervor. Hoch schwingt er die Rapiere und zeigt der jüdischen Jugend den neuen Weg. Es verlangt mich, über diesen neuen Weg, über die jiidisehe Jugend, die Jabotinsky vorschwebt, ein Wort zu sagen. Nicht die politische Seite des Revisionismus soll einer Bctrachtung unterzogen werden, sondern der Revisionismus insofern er eine Art Lebensphilosophie, eine Art Weltanschauung im Rahmen der jüdisch-nationalen Idee darstellen soll. Die Fasson, nach der der Revisionismus das jüdische Volk, besonders die jüdische Jugend selig machen will, die Kultur- Philosophie und die nationale Pädagogik sind es, womit hier sich auseinanderzusetzen mir für höchst angebracht erscheint. Also eine Auseinandersetzung in aller Freundschaft mit Jabotinsky. Denn vorläufig wird der Revisionismus nur durch seine Persönlichkeit manifestiert und verkörpert. Unter seinen Anhängern und Getreuen ist noch kein einziger da, dessen Stimme, dessen Feder irgendwelche Spuren einer Originalität, einer geistigen Frische aufzuweisen imstande wäre. Zwar wird dort sehr viel von Jugend gesprochen, aber nicht jeder, der sich dem Revisionismus nähert, und sich seinem Programm anschließt, bekommt unbedingt auch den Segen der Verjüngung zu spüren. Die ganze Last liegt vorläufig allein auf Jabotinskys Schultern. Dieser erstaunlichen Energie gebührt voller Respekt. Ueberhaupt gehört Jabotinsky zu jenen Persönlichkeiten, die man ohne innere Sympathie nicht hinnehmen kann. Wenigstens was mich anbetrifft, so habe ich diese innere Sympathie, ja Bewunderung für ihn immer gehegt, obwohl er mir doch seinem ganzen Wesen nach fremd war und geblieben ist. Alles, was Jabotinsky in dieser Nachkriegszeit empfehlen*- und nachahmungswert hält, erscheint mir in entgegengesetztem Lichte. Ich kann ihm sogar in seiner Begeisterung für den Jazz und den sonstigen Amerikanismus nicht folgen, die ich bei ihm zwar vermutete, aber in solcher Maßlosigkeit nicht erwartete, wie sie in dem kürzlich erschienenen Feuilleton ״Wir Amerikaner“ zum Ausdruck gekommen ist. Dort, wo zu wählen sein wird zwischen einem tiefen Geist und einem Rhetoriker, wird er sich höchstwahrscheinlich für den letzteren entscheiden. Vielleicht wird er sogar als Zionist in diesem Sinne konsequenter sein. Als Zionist muß man z. B. in der italienischen Literatur, die Jabotinsky so gut kennt, den Rhetoriker Caduci bewundern und Leopardi, den genialen Pessimisten und viel größeren Dichter ablehnen. Aus diesem Grunde habe ich mich selbst oftmals gefragt, was man wohl jetzt und noch auf Generatkonen hinaus in Palästina mit Kohelet und Hiob anfangen wird, denn es ist klar, daß es unmöglich ist, die Freude über jedes neue Haus, über jeden neu bearbeiteten Dtmam Boden zu empfinden und dabei die Elegien eines großen Lebensverneiners über sich ergehen zu lassen und dabei zu singen: Armselige Bewohner von Hütten aus Lehm, Wagt Ihr, das Auge zu erheben, Was hat der Mensch vor dem Tier voraus! Ich habe diesen Gedankcngang gebracht, der mir im übrigen sehr wichtig erscheint, wenn auch jeder Spießer im Zionismus und jeder Tagrealist die spöttische Bemerkung machen wird: ״Auch Sorgen!“ Nun, es gehört schon zu den Unzulänglichkeiten des Zionismus, daß er uns einen Optimismus aufzwingt und uns som.it auch eine gewisse Selbstbeschränkung des Geistes auferlegt. Es ist kein Zufall, daß der Zionismus für die jüdische Literatur nicht besonders fruchtbar wurde. Der Golus war in diesem Sinne reicher, weil eben der Schmerz meist fruchtbarer ist als die Freude. Jawohl, der Zionismus ist mit einer gewissen Selbstbeschränkung des Geistes verbunden. Wir nehmen das in Kauf. Wir opfern einige Nuancen der Seele, um gesünder, normaler zu werden. Aber man darf auf diesem Gebiete nicht übertreiben. Und Jabotinsky übertreibt. Er haßt den Golus. Nichts vom Golus ist an ihm haften geblieben. In diesem Sinne ist er der freieste Jude, aber dafür der begrenzteste, das heißt der Jude, dem vieles, vieles fehlt. Als Ganzes muß der Golus abgelehnt werden, aber gleichzeitig muß mau mit vielen Fäden an den Golus irgendwie gebunden sein. Denn während des zweitausencljährigcu Goluslebens hat sich eine jüdische Seele gebildet, die auch Bedenfendes in sich hat. Ich bekomme Angst, wenn man den Golus völlig von sich abstreift, besonders wenn man ihn in Palästina völlig abstreift, denn die Folge eines solchen Ab- Streifens wird nicht hohe Kultur sein, sondern ein Levantinismus, vor dem Acliad Haam schon vor langer Zelt warnte. Nur ließ er außer acht, daß der Hochmut gegen den Golus, von dem man nichts, aber gar nichts behalten will, diesen Lcvantinismus herbeizubringen droht.... Wie gesagt, Jabotinsky ist der vom Golus freieste Jude, dafür aber der unkomplizierteste, dafür aber auch der begrenzteste. Er möchte auch den Zionismus nur auf ein paar elementare Wahrheiten zusammenschrufflpfen lassen. Das Komplizierte verträgt Jabotinsky nicht, weder im Zionismus noch bei seinem Volke. Ginge cs nach ihm, hätte er es nur begrenzt, nur unkomplizierter, bar jeder psychologischen Problematik gemacht. Es widerstrebt seinem Wesen, seinem Programrn, seinen Wahrheiten dieses Belastetsein der Juden mit Ueberlieferungen, mit alten, alten Klangen. Oh, wie vieles möchte er ausstreichen, im jüdischen Gedächtnis auslöschen und mit etwas ganz Neuem anfangen, nämlich mit einer riesigen Turn- und Sporthalle und Sherlok Holmes Romanen, die ein hebräischer Verlag, dessen Leiter er ist, jetzt herausgibt. Hier offenbar sieht er das Heil. Nach den Abenteuerromanen möchte er die Seele der jüdischen Jugend formen. Die nationale Pädagogik möchte er auf das einfachste reduziert sehen. Verächtlich spricht Jabotinsky bei jeder Gelegenheit über den jüdischen Intellektuellen, über den Grübler, über den Buchverschlinger. Spöttelnd schreibt er einmal über den jüdl- SChen Intelligenzler, der sich eine Krawatte und ein Buch kauft. Dälei lief er außer acht, aäB heüfzaitige hlüpMchlelf niir die Krawatte gekauft wird, das Buch aber unberührt bleibt. Jabotinsky ist kein besonders guter Beobachter des jüdischen Lebens, sonst hätte es ihm doch nicht entgehen können, daß das Ueberhandnehmen der Geistigkeit im jüdischen Leben schon längst eine Legende ist und daß im Gegenteil die Welle der Ungeistigkeit immer und immer höher wird, daß dein jüdischen Schriftsteller und dem jüdischen Leser nur zwei Monatsschriften in Jüdisch und Hebräisch zur Verfügung stehen. Jabotinsky weiß nicht, daß das Niveau der jüdischen Presse mit jedem Tage sinkt und daß der Leser nur billigen Unterhaltungsstoff wünscht, der überdies in unerhört banalem, apologetischem Tone gehalten sein muß. Die Jugend, auf die Jabofinsky rechnen kann, hat sich ohnehin von dem Buche abgewandt. Treu dem Geistigen, treu dem Buche ist der Chaluz geblieben, trotz der schweren Tagesarbeit, die er hinter sich hat, aber das stört ihn keineswegs, ein guter Bauer zu sein und in Zeiten einer Gefahr auch tapferer Verteidiger seines Bodens. Dasselbe frifft auch auf den Jablöner Chassid zu, der Brot ißt, hart wie Stein, und dabei singt: ״Hasojrim beditno berino jickzoru. Auch er wird ein Legionär sein, wenn eine schwere Zeit cs fordern wird. Aber weder der Chaiuz noch der Jablöner Chassid, die zum Zionismus durch Problematik gekommen sind, werden aus dem Legionismus einen Kult machen. Nicht die an und für sich gesunde, elementare Idee eines Selbst- Schutzes, sondern die nationale Pädagogik, die von dieser Idee abgeleitet wird, werden sie ablehnen. Und sollten sie einmal dazu kommen, die Arbeit auf dem Felde zu verlassen, um kämpfen zu müssen, werden sie nicht sagen, daß diese Tage des Kampfes die schönsten Erinnerungen ihres Lebens waren. Sie werden vieles sagen: daß es eine Notwendigkeit war, daß cs ein Unglück war, aber daß dieser Zustand ein Ideal ist, werden sie niemals sagen. Nur Frieden kann zum Ideal erhoben werden, aber niemals Kampf. Das britische Regime in Translordanien Amman, 0. Juli. (J.T.A.) In einem Gespräch äußerte sich der neuernannte Ministerpräsident Transjordaniens, Hassan Pascha, in folgender Weise zu den ßehauptungen der arabischen Presse Palästinas, wonach von der britischen Regierung eingesetzte Koritrollinstanzcn, die nur dem britischen Auswärtigen Amt verantwortlich sind, das Land Transjordanien regieren. Premier Hassan Pascha erklärte demgegenüber, daß die britischen Beamten gleich allen anderen einzig der t r a 11 s j o r d a n i s c he n Regierung unterstellt und ihr verantwortlich sind. Eine Ausnah in e besteht mit Bezug auf Colonel Cox, den britischen Vertreter für Transjordanien, der seine Instruktionen vom Londoner Auswärtigen Amt erhält. Von einer britischen Kontrolle der Departements der transjordanischen Regierung kann keine Rede sein. Daß man einen Finanzsachverständigen vom Range M. Kirbride’s nach Transjordanien entsandt habe, ist vom Standpunkt der transjordanischen Regierung sogar zu begrüßen. Er, der Ministerpräsident, erhoffe von seiner Tätigkeit eine Sanierung der Landesfin a n z 0 n . Die Regierung, erklärte Hassan Pascha weiter, beschäftigt sich gegenwärtig intensiv mit Währungs - und Steuerfragen sowie mit der Heranziehung ausländischen Kapitals zwecks Erschließ ung der natürliche Hilfsquellen. Die Verhandlungen mit den Ruthenberg-Gesellschaft wegen Ausdehnung des Unternehmens auf Transjordanien sind unter der früheren Regierung zum Stillstand gekommen; die neue Regierung hat keine weiteren Vorschläge seitens der Ruthcnbergschen Electric Company erhalten. Die anders lautenden Meldungen der arabischen Presse sind unrichtig. Die französischen Beschwerden, daß den die transjordänische Grenze überschreitenden Drusen die Waffen belassen werden, schießen über das Ziel hinaus; in Transjordanien darf jeder Waffen tragen. Im übrigen bewahrt die Regierung im französisch-syrischen Kampf strikte Neutralität. Bialik Aber das amerikanische Jndenlnm New York, 0. Juli. (J.T.A.) Ch. N. Bialik und Louis Lipsky haben gestern an Bord der ״Acquitania“ die Reise nach Europa angetreten. In einem Gespräch sagte Bialik: ״Die Juden sind die Erben einer alten Kultur, die sic pflegen müssen, wenn sie nicht untergehen wollen. In dieser Beziehung kann man die Zukunft der Judenschaft Amerikas keineswegs aJs eine gesicherte ansehen. Die zur Schau getragene Selbstzufriedenheit verstimmt. Die nach außen sich manifestierende Lebensfreude ist nicht der Schaum des überfließenden Bechers, sondern eine Seifenblase. Es ist das Gefühl der Ohnmacht, gepaart mit Unwissenheit und Zweifel über den eigenen inneren Menschen. Die Vorstellungswelt der amerikanischen Zionisten, schloß Bialik, ist begreiflich noch etwas eng. Sie betrachten die Arbeit für den Zionismus noch immer als eine Art P11 iIantropie. Die Führer der amerikanischen Judenheit auf dem rechten und dem linken Flügel haben keine positive Einstellung zum Zionismus, doch habe ich bei ihnen ein .,fair play“ festgcstellt. Ich muß aber sagen, daß ihre Ideologie eine starke Gefahr für die Fortexistenz des amerikanischen Judentums in sich birgt. Hebrltsehe Unfcrrlcblsspraehe In Estland Reval, 12. Juli. (J.T.A.) Der auf Grund der jüdischen Autonomie gebildete jüdische Kulturrat hat heute nach längeren lebhaften Diskussionen beschlossen, daß die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Estlands hebräisch sein soll, dabei soll aber der jiddischen Sprache ein ehrenvoller Platz gewahrt bleiben. Ein Franzose Ober Jndeatrage ■■d Zionismus Von Werner Bab, Berlin. Urteile, die von einem Unbeteiligten abgegeben werden, haben immer ihren besonderen Wert. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf ein Buch hinweisen, das ein Franzose über deutsche Verhältnisse geschrieben hat, und das, abgesehen von zahlreichen Erwähnungen, der Judenfrage ein besonderes Kapitel widmet. Das vor kurzem erschienene Werk heißt: La religion dans l'AHemagne d’aujourd'hui (Die Religion im heutigen Deutschland, erschienen 1026 bei Payot, Paris) und hat zum Verfasser Raoul Patry, der zwei Jahre lang in Deutschland geweilt hat und mit bewundernswerter Sachlichkeit, Objektivität und ausgezeichnetem Wissen die Dinge betrachtet. Alles, was in diesem Buche dargestellt wird, verdient Beachtung, und auch für Juden gilt kein Desinteressement an den religiösen Bewegungen unserer Umwelt. Aber es würde zu weit führen, hier auch nur andeutungsweise den Weg des Autors nachzuzcichnen. Nur das eine soll erwähnt werden: der außenstehende Beobachter hat es sehr fein herausempfunden, daß es bei den geistigen Bewegungen in Deutschland sehr oft gar nicht um geistige Dinge geht, oder nicht um die, welche gerade in Frage stehen. Er beleuchtet das Wechselspiel von Politik und Religion, Nationalem und Kirchlichem. Ist einmal eine Idee gefaßt, so wird ein Verein, eine Organisation, auch wohl eine neue Kirche gegründet, die Idee wird überwuchert von Organisieren!, und die fertige Organisation kennt die ursprüngliche Idee nicht mehr m ihrer Reinheit, ja, oft sind die Ziele durchaus verschwommen. Dieses alte Bonmot: wenn drei Deutsche zusammen sind, gründen sie einen Verein, wird hier an dem diffizilen Beispiel der religiösen Bewegungen im modernen Deutschland mit Evidenz dargetan. Dabei werden gewissenhaft alle Versuche einer Einigung, sowohl bei Protestanten wie bei Katholiken, mitgeteilt, aber es wird immer wieder klar, wie absolut aussichtslos alle diese Versuche sind. Patry weiß natürlich, daß eine Uniformierung unmöglich ist; aber er beweist immer wieder, daß bei den Spaltungen und gescheiterten Einigung*- bestrebungen nicht eine grundsätlich verschiedene Einstellung zu der Idee, sondern in den meisten Fällen irgendwelche Formalien, Nebensächlichkeiten oder Fragen heterogener Art (z. B. Stellung zur Politik, zur Nation) vorliegen. Der ruhige und objektive Verfasser erhitzt sieh nur ein einziges Mal: in dem Kapitel über die Heidenchristen, die unter der Maske der Germanislerung oder Nationalisierung der Religion das Christentum aufgeben oder zu einem heicinischen Glauben machen wollen. Sarkastisch macht er darauf aufmerksam, daß ein Franzose, der Grat Gobineau, diesen Ultranationaüstcn das geistige Handwerkszeug geliefert hat. Er nennt diese ״neue deutsche Religion“ ein pathologisches Phänomen, das ein Fortdauern der Kriegspsychose beweist. Als etwas in gleicher Welse Pathologisches wird die Einstellung der Völkischen zu den Juden betrachtet. Und der erste Teil des Kapitels ״Die Judenfrage“ beschäftigt sich ausführlich damit. Deutschland, heißt es da, ist immer das auserwählte Land des Antisemitismus gewesen. Die Protokolle der Weisen von Zion. Delitzschs Große Täuschung, die Judenordnung und andere Machtwerke marschieren auf, um den Franzosen klar zu machen, wie verwirrt es in den Köpfen unserer Völkischen aussieht. Die Antisemiten, sagt Patry, verschieben das Problem ins Politische, anstatt die Lösung auf sozialem Gebiete zu suchen, derart erregen sie den Haß unter den Parteien und schüren die religiösen Leidenschaften. Unter den Versuchen, dem Antisemitismus zu begegnen, werden außer protestantischen, :und katholischen Persönlichkeiten und Zeitungen der Abwehrverein und der Centralverein genannt. Naumanns Verein wird als aussichtslos bezeichnet. Ein besonderer Abschnitt schildert den Zionismus, von dem behauptet wird, daß er sein Zentrum in Deutschland hat. In sehr gerechter Welse und mit großer Sachkenntnis wird das Für und Wider der zionistischen Idee besprochen. Sogar Zangwills Artikel im Tagebuch (1924), in aem der Zionismus tot gemacht wird, wird nicht verschwiegen! Alle Fortschritte der letzten Jahre haben nicht verhindern können, daß der Zionismus jetzt eine politische und finanzielle, eine europäische und palästinensische Krise erlebt. Und die Lösung? Gegensätzliche, oder wenigstens auseinanderstrebende Kräfte hallen den guten Willen auf; um alle Hindernisse und schwebenden Fragen zu lösen, hätte der Zionismus einen neuen Theodor Herzl nötig, äsen Propheten, der imstande wäre, die Hoffnungen neu zu beleben und sie zu einem einzigen Plane und Ziele zusammenzufassen“ Dieses Kapitel über die Judenfrage ist sehr interessant. Nicht so sehr, weil es die Erlebnisse und Bewegungen der letzten Jahre klar und präzise noch einmal vor uns ausbreitet, wobei nur selten Fehlurteile oder schiefe Darstellungen unterlaufen, sondern weil es in einem Buche steht, das über die Religion in Deutschland handelt. Kaum ein Wort wird über die jüdische Religion gesagt. Dieser Franzose, der sich bemüht hat, Protestantismus, Katholizismus und die ״neue deutsche Religion“ in ihrer modernen Entwicklung zu verfolgen, ist doch nicht in den Kern der Dinge gekommen. Immer wieder muß er zurückgreifen auf das rem Aeiißerliche. Organisatorische, in denen das Geistige sich irgendwie dokumentiert. Bei der Darstellung der Judenfrage ist er gar nicht in die Verlegenheit gekommen, innere religiöse Kämpfe darzustellen oder etwa von einer innerjüdischen Entwicklung zu sprechen. Vielleicht erschien ihm das bedeutungslos, vielleicht hat er die Verhältnisse nicht genügnd gekannt. Und sicher ist es, daß alle diese jüdischen Differenzen zwischen liberal und orthodox nach außen hin ohne Bedeutung sind, da es nie (oder selten) um prinzipielle Fragen geht, sondern um Formalien, die dem Nichtjuden schwer verständlich sind. Für unseren Autor gibt es drd Dinge von Bedeutung: den Antisemitismus, die Abwehr, den Zionismus. Das sind die Dinge, mit denen sich beschäftigen muß, wer sich mit den Juden beschäftigt. Hier ist ein interessanter Beweis, daß die Juden als ״Religionsgemeinschaft“ bedeutungslos sind für die Umwelt, sondern daß es lediglich darum geht, die Judenfrage zu lösen, und zwar als soziale Erscheinung. Daß ein Außenstehender auf Grund seiner eingehenden wissenschaftlichen Forschungen zu dem Ergebnis kommt, daß der Zionismus die bedeutsamste Lösung der Judenfrage darstellt, darf uns mit Stolz erfüllen. Dieser Tage verstarb in Moskau im ״Hause der Veteranen der russischen Revolution“ der russische Revo- Iutionär und Arzt Josef Aptekman im Alter von 77Jahren. Seine Eltern stammten aus berühmten jüdischen Rabbinerfamilien. Sein Vater war einer der Führer der ״Haskala“- Bewegung in Rußland.