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Jüdische Rundschau · 1926-07-13 · Heft 54 (13.7.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 54 (13.7.1926)
Date
1926-07-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 54 lUEDISCHt RUNDSCHAU Vor der Sitzung des Aktions-Comites Das wirtschaftliche Hauptproblem - Die Erweiterung der Jewish Agency - Ein Budget von £ 400 OOO - Die wirtschafte* politischen Gegensätze - Die Ergänzung der Exekutive - Organisatorische Probleme Das offizielle Organ über die Aufgaben der Tagung Nachstehender Aufsatz, der in ״T he New J u d a e a“ (London) erscheinen wird, ist uns zum Vorabdruck überlassen worden. Das Aktions-Comite tritt am 22. Juli in London zusammen. Seitdem die Institution der Jahreskonferenz abgeschafft wurde, hat im kongreßlosen Jahre das Aktions-Comite Budget und Arbeitsplan festzulcgen. Und diesmal ist überdies das Aktions- Comite vom Kongreß ermächtigt, sein wichtiges Recht auszuüben, nämlich die Wahl einer neuen Leitung, eine Aufgabe, die das Aktions-Comite in seiner Oktobersitzung nicht zu erfüllen imstande war,* so daß sie jetzt noch offen ist. Mit Recht wird sich daher die öffentliche Aufmerksamkeit in diesem Jahre der Aktions-Comite-Sitzung in besonders hohem Maße zuwenden. Welche Fragen stehen vor dem Aktions-Comite? Die Hauptfrage des Zionismus ist nach wie vor: Wie kann der Aufbau der jüdischen Heimstätte in Ralästina beschleunigt und zugleich auf gesunde ökonomische und kulturelle Grundlagen gestellt werden? Die Beantwortung dieser Frage hat zunächst eine politische Seite. Die wohlwollende und aktive Mitwirkung der Regierung des Landes ist unerläßlich, und es ist bekannt, daß das Vcrhalten der Mandatarmacht in dieser Hinsicht außerordentlich viel zu wünschen übrig ließ. Die zionistischen Forderungen sind in der letzten Zeit häufig formuliert und den politischen Instanzen vorgetragen worden, zuletzt erst wieder gelegentlich der 9. Session der Mandatskommission des Völkerbunaes. Die Grundlage für eine sachgemäße Stellungnahme des Aktions-Comites ist damit gegeben. Mindestens ebenso wichtig ist für das Aktions-Comite die ökonomische konstruktive Seite des Problems, d. h. die von den Juden selbst im praktischen Leben durchzuführende und von der Zionistischen Organisation zu leistende Aktion. Es handelt sich darum, Menschen, Arbeitskraft und Produktionsmittel nach Palästina zu bringen, produktive Unternchmungen so zu begründen, daß Menschen, und zwar eine stetig wachsende Zahl von Menschen, davon existieren können. Der Erreichung dieses Resultats dient auch der Aufwand aus öffentlichen Mitteln. Wir lassen dabei die menschlichsoziale Seite völlig außer acht. Ob nun — um vulgär zu sprechen — die Wirtschaft sozialistisch oder kapitalistisch aufgebaut sein mag, die wichtigste Forderung ist, daß sie selbsterhaltend ist, ihre Menschen ernährt. Bei der 4. Alijah hat sich gezeigt, daß auch privatkapitalistische Siedler oft, nachdem sie geschäftliche Mißerfolge gehabt haben, nachträglich zu Objekten der Planwirtschaftliehen, bzw. von Gemeinschaftsorganen geleiteten Wirtschaft werden. Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß die Einführung und Organisierung der Einwanderer in der Wirtschaff eine zionistische Aufgabe, d. h. eine Aufgabe der Gesamtheit ist, für die auch öffentliche Mittel aufzukommen haben. Das ist die große Bedeutung des Keren Hajessod. Aber es bedarf der größten Selbstkontrolle und Aufmerksamkeit, damit nicht diese Tätigkeit des Fundierens und Organisierens der neuwerdenden Wirtschaft übergeht in eine wirtschaftliche Entmündigung oder gar dauernde Unter- Stützung der Teiger dieser Wirtschaft. Das wäre verhängnisvoll nicht nur, weil dadurch die konstruktiven Fähigkeiten der Menschen unterdrückt würden, sondern auch weil es bei wachsender Siedlung — und wir alle wollen doch eine ständig zunehmende Immigration — keine Finanzierungsmethode geben kann, die genügend Geld für eine so konstruierte Unternehmung aufbringen könnte. Das Problem bleibt also, die palästinensische Wirtschaft, bzw. die einzelnen Zellen dieser Wirtschaft selbsterhaltend zu machen. Unsere bisherige kolonisatorische Tätigkeit wurde stets als eine Art Vorstufe des eigentlichen Wirtschaftslebens empfunden. Sie war in mehrerer Hinsicht ein Experiment, das vor allem rein technischen Problemen galt, etwa der Frage, ob Juden sich überhaupt zur Landwirtschaft, zur Bauarbeit, zu verschiedenen, dem Lande eigentümlichen Industrien, kurz, für die wichtigsten Produktionszweige Pafästinas eignen. Hinter dieser elementaren Frage trat das Wirtschaftsproblem schon deswegen zurück, weil eine planmäßige Wirtschaft durch die zu geringen Geldmittel und die ständige Unsicherheit der Einnahmen erschwert wurde. Außerdem wurde im Jahre 1920 unter dem Druck der Alijah und aus Mangel an Erfahrung über die finanziellen Möglichkeiten zuviel auf einmal in Angriff genommen, so daß mit den disponiblen Mitteln in den sechs Jahren bisher zwar kein Unternehmen zur wirtschaftlichen Reife gebracht und demgemäß aus der Vormundschaft der öffentlichen Fonds entlassen werden konnte. Wir waren uns stets bewußt — und es wäre verfehlt, dies gerade im gegenwärtigen Moment zu vergessen — daß eine rationelle wirtschaftliche Kolonisationstätigkeit erst bei Er- Schließung größerer finanzieller Mittel und der Sicherheit regelmäßiger Einnahmen geführt werden kann, so etwa wie ein Staat kolonisiert, der auf seine Steuereingänge bauen kann. Diese Sicherheit festumrissener, stabiler Eingänge und — als Folge der Stabilität ■— eine planmäßige konstruktive Verwendüng der Mittel sollte durch die Erweiterung der Jewish Agency erleichtert werden. Es sollte als der verantwortliche Träger des Palästinaaufbaus eine Instanz da sein, die nicht nur den Willen hat, ein Budget zu bewilligen, sondern auch die Macht, seine Deckung zu sichern und evtl, die Kreditfähigkeit, um auch bei unregelmäßigen Einnahmen eine Kontinuität zu garantieren. Die Idee der jewish Agency, mit der sich nun schon seif Jahren alle unsere fnstanzen beschäftigen, dürfte bei der kommenden Sitzung des Akfions- Comites in den Hintergrund treten. Es ist bekannt, daß in dem verflossenen Jahre zur Durchführung des Kongrcßbe- Schlusses über di״ Jewish Agency nichts geschehen konnte, teils infolge einer Verk״t'ung äußerer Umstände, die die Reise Dr. Weizmanns nach Amerika verhinderten, teils aber auch wegen der Differenzen zwischen der wichtigsten nichtzionlstischen Gruppe, mit der bisher die Verhandlungen geführt worden waren, nämlich der Marshall-Gruppe, und den amerikanischen Zionisten. Es wäre bedauerlich, wenn durch das strategische Gegeneinanderarbeiten in einer Sammet• konkurrenz die zwei Gruppen, die bereits über alle wuchtigen Punkte geeinigt waren, wieder soweit auseinandermanöveriert wären, daß eine Verständigung ln nächster Zeit unmöglich wäre. Die grundsätzliche Idee der Erweiterung des Kreises durch Beteiligung der jüdischen Volksgesamtheit am Aufbauwerk und durch Interesslerung insbesondere der finanzkräftigen Kreise ist aber vorläufig der einzige schlüssige Plan, um große Mittel für dar Palästina-Werk sicherzustellen. Von seiten «,.er Gegner der Erweiterung der Jewish Agency ist eine andere Möglichkeit bisher nicht gewiesen worden. Solange wir jedoch nicht konzentriertes Kapital oder wenigstens gesicherte regelmäßige Einkünfte zur Verfügung haben, können wir an eine Erweiterung und Vergrößerung unseres Siedlungswerkes in Palästina in schnellerem Tempo nicht denken. Wir müssen zunächst danach streben, mit den bescheidenen Mitteln, die wir haben, das heute Bestehende gesund zu machen, die heute im Lande befindlichen Menschen, die zum Teil arbeitslos sind, in die Wirtschaft einzuordnen. Das ist eine fundamentale Tatsache, die für das Aktions- Comite richtunggebend zu sein hat. Anders freilich würde es sein, wenn unverhofft ein großer Betrag für das Palästinawerk verfügbar werden sollte. Dann wären die Möglichkciten freilich größere. Aber so wie die Tatsachen heute liegen, müssen wir aus ihnen die Konsequenzen unserer Wirtschafts- und Budgetpolitik ziehen. Der leitende Gedanke muß der eingangserwähntc sein: möglichst viel Siedler auf Wirtschaften selbsterhaltend zu machen. * Unter Festhaltung dieses leitenden Gedankens haben wir nun zu prüfen, welche Möglichkeiten das Aktions-Comite bei der Festsetzung des Budgets hat. Der vorige Kongreß hat ein Budget von £ 550000 beschlossen. Die wirklichen Einnahmen des Keren Hajessod dürften im abgelaufenen Geschäftsjahr, wenn wir die noch ausstehenden Einnahmen der Sommermonate erfahrungsgemäß abschätzen, insgesamt £ 450 000 betragen. Die Exekutive hat, als sic erkannte, daß eine volle Deckung des Budgets nicht in Aus־icht steht, Sparmaßnahmen ergriffen, so daß vielleicht nicht das volle vom Kongreß beschlossene Budget in reale Verpflichtungen umgesetzt wurde. In diesem Falle würde sich das Defizit etwas niedriger stellen, aber da andererseits für Alijah und Arbeit außerordentliche Aufwendungen notwendig waren, so dürfte das Defizit doch annähernd die Höhe von 100 000 £ erreichen. Mit diesem Betrage ist demnach das künftige Rechnungsjahr bereits belastet. Bei Festsetzung des Budgets für das folgende Jahr ist zunächst die Frage der mutmaßlichen Einnahmen zu erörtern. Das abgelaufene Jahr war für den Keren Hajessod in Anbetracht der außerordentlich ungünstigen Umstände kein schlechtes. Denn trotz der Wirtschaftskatastrophe in Mittel- und Osteuropa und trotz der Gegnerschaft der Antizionisten in vielen Ländern ist es dennoch gelungen, ungefähr die Einnahme des Vorjahres zu erreichen. Die Erwartung, daß sich die Verhältnisse im nächsten Jahre bessern werden, mag den Arbeitseifer unserer Propagandisten beflügeln, ist aber keine Grundlage für budgetäre Entschließungen. Zwar müssen alle zionistischen Kräfte angespannt werden, um die Einnahmen zu vergrößern, zwar muß auch der Versuch, neue Kräfte und Einnahmequellen zu gewinnen, fortgesetzt werden, aber solange die Resultate unsicher sind, darf das Aktions-Comite keineswegs über mehr Gelder verfügen, als erfahrungsgemäß emgehen. Die wirtschaftliche Lage in Europa wird wahrscheinlich unverändert bleiben. Amerika hat in diesem Jahre im Rahmen des United Palestine Appeal soviel aufgebracht, daß sein Keren Hajessod-Beitrag den des vorhergehenden Jahres übersteigen dürfte, ohne aber den Ausfall Europas wettzumachen. Die künftige Situation in Amerika ist aussichtsreich alycr ' t1pgK!tpß., Wejp, wir die! alles in ziehen, kommen wir zu dem Ergebnis, daß die Einnahmen im nächsten Jahre nicht höher veranschlagt werden können, als mit etwa £ 450000. Von diesen Einnahmen wäre nun zunächst das Defizit zu decken, oder, wenn es gelingen sollte, dafür einen langfristigen Kredit zu erhalten, so würde doch voraussichtlich die Hälfte abgetragen werden müssen. Wir kommen also zu dem Resultat, daß für das Jahr 5687 ein Budget von nicht mehr als £ 400000 aufgestellt werden kann. Man braucht kein großer Kenner der Palästina-Wirtschaft zu sein, um zu wissen, daß dieser Betrag zu gering ist. Es ist ein Betrag, der durch die Realitäten des heute in Palästina bestehenden und der Verantwortung der Zionistischen Organisation unterliegenden Werkes bereits so festgelegt ist, daß die Budgetfestsetzung fast zu einer bloßen Formalität herabsinkf. Denn von diesem Betrage muß ein Teil für Immigration und ein Teil für Arbeitsbeschaffung unter dem Drucke der zwingenden Verhältnisse aufgewandt werden; ein Teil muß für die Erhaltung des Erziehungswesens und des Sanitätswesens verwandt werden, denn wir können ebensowenig das Minimum, das wir heute in Palästina durch unser Erziehungswerk leisten, einschränken, wie wir unsere Kranken hilflos preisgeben können. Es muß ferner ein Betrag für Verwaltungszwecke und ein Betrag für außerordentliche Zwecke reserviert werden. Von dem sodann für die eigentliche ökonomische Aufbauarbeit verbleibenden Betrag ist gleichfalls die Verwendung eines erheblichen Teiles bereits vorausbestimmt•, denn wenn wir die mit so großer Mühe und so großen Kosten aufgebauten Siedlungen entwickeln wollen, wenn wir nicht durch ungenügende und unrationelle Dotierung die Siedlungeft zu permanenter Unproduktivität verurteilen wollen, dann müssen wir ihnen auch im künftigen Jahre jenen Teil ihres Budgets zukommen lassen, den sie gemäß dem äufgeStellten Wirtschaftsplan zur endlichen Konsolidierung benötigen. Angesichts dieser Tatsachen ist die Aufstellung des Budgets mehr die Aufgabe einer geschickten, finanztechnisch erfahrenen Verwaltungsinstanz, als Gegenstand politischen Kampfes. Die Meinungsverschiedenliciten können sich in sehr engen Grenzen bewegen, etwa ob diesem oder jenem Posten 3000 £ gestrichen und einem anderen Posten hinzugefügt werden sollen. Zur Austragung großer wirtschaftspolitischer Gegensätze dürfte die Budgetdebatte diesmal kaum Raum bieten. Um so wichtiger aber ist es, daß sich das Aktions-Comite' einmal grundsätzlich die Frage des Aufbaues unserer Wirtschaft vorlegt. Wir haben jetzt eine genügende Erfahrung hinter uns, tim die positiven, aber auch gewisse negative Seiten unserer wirtschaftlichen Tätigkeit zu erkennen. Wir alle wissen, welchen heroischen Anstrengungen insbesondere von seiten unserer Chaluzim und Arbeiter wir es zu verdanken haben, daß heute die Anfänge unserer nationalen Heimstätte bereits vorhanden sind. Aber je größer die Anfänge ihrem Umfange nach werden, um so deutlicher zeigt sich, daß unsere Betriebe noch nicht den Gesetzen der Wirtschaft angepaßt sind. Damit ist, um jedes Mißverständnis zu vermeiden, nicht etwa die soziale Form unserer Siedlungen gemeint; diese ist eine Frage für sich, mit der wir uns in diesem Zusammenhänge nicht beschäftigen wollen. Es handelt sich lediglich um wirtschaftliche Tatsachen. Beinahe die ganze Welt steht heute im Zeichen wirtschaftlicher Krisen oder Krisenfurcht; die rapide Industrialisierung früher industriearmer Länder, der scharfe Kampf um die Absatzmarkte, die krisenerzeugendc Ueberproduktion und in ihrem Gefolge Arbeitslosigkeit — kurz die Unfähigkeit der meisten nationalen Wirtschaftssysteme, ihre Bevölkerung wirklich menechenwwdig zu ernähren, wird immer deutlicher. Im Zeichen des Auswegs, der aus dieser Situation gesucht wird, ist immer stärker das Schlagwort ״Rationalisierung* in den Vordergrund getreten. Besonders nachdrücklich ist man zum System der Rationalisierung übergegangen in den Ländern mit extrem entgegengesetzter sozialer Grundan* schaumig, nämlich in Amerika und Rußland. Ueberall in der Welt sehen wir das Bestreben, durch ähnliche Methoden die Rentabilität der Wirtschaft zu erhöhen, und wo egoistische Einzelinteressen den wirtschaftlichen Notwendigkeiten entgegentreten, wird die ganze Industrie gefährdet, wie wir es heute im englischen Bergbau sehen. Bei der primitiven Stufe, die unsere Wirtschaft in Palästina heute noch innehat, ist natürlich ein Vergleich mit hochentwickelten Ländern unmöglich, aber die allgemeine Tendenz muß auch bei uns die gleiche sein, denn wir müssen damit rechnen, daß unsere Schwierigkeiten angesichts des kontinuierlichen Einwanderer• Stromes noch größer sind als die anderer Länder, Unser Bestreben muß sein, unsere Betriebe und Wirtschaften durch sachkundige Beratung, durch Anwendung bester Methoden und durch äußerste Ersparnisse so rationell zu gestalten, daß sie den Bedingungen der wirtschaftlichen Gesetze ge• migeii. Es handelt sich darum, die besten technische« Methoden der Bewirtschaftung zu finden, aber vom wirb schaftlichcn Gesichtspunkte aus ist ferner die Auswahl der erzeugten Produkte im Zusammenhang mit der bestehenden Nachfrage von größter Bedeutung. Die Möglichkeiten der leicht erreichbaren Märkte müssen ins Kalkül gezogen werden. Die letzten Jahre haben gezeigt, daß in einem noch höheren Maße, als man es vorher schon wußte, die Orange das entscheidende Produkt des Landes ist. Nun sind freilich nicht alle Böden des Landes für ihren Bau geeignet, aber es sind noch lange nicht alle Möglichkeiten in dieser Hinsicht ausgenützt. Alle Anregungen in der Richtung erhöhter Produktivierung der Orangenkultur müssen sorgsam geprüft werden. Die Vorschläge beispielsweise von Dr. Brünn, der lange Jahre Kolonist in Chedera war und nun die Schaffung von Orangenplantagen in großem Stil als Existenzbasis für den Mittelstand vorschlägt, verdienen die größte Aufmerksamkeit. Wir sind verpflichtet, darüber zu wachen, daß —- bei Wahrung aller Selbständigkeit der Siedler — die innere Struktur des Betriebes den Anforderungen einer rationellen Wirtschaft entspricht. Der Beweis der M öglichkeit einer rationellen Wirtschaft und. der Rentabilität in den 1 a n d wi rtsch af t» liehen Betrieben ist in diesem Augenblick nicht weniger wichtig als Tausende neuer Einwanderer. Darum muß auch in diesem Jahre bei der Ausarbeitung des Budgets das Prinzip der Konsolidierung der bestehenden Wirtschaften festgehalten werden. Erst müssen diese Wirtschaften selbsterhaltend gemacht werden, dann erst können wir daran denken, mit unserem Budget neue Siedlungen zu schaffen. Bei der Schaffung neuer Siedlungen werden bereits die Erfahrungen verwertet werden müssen, die bei dem IJebergang der alten Siedlungen in das Stadium der Selbsterhaltung gemacht wurden. Und die Kreditfähigkeit, die sich unsere Siedlungen bei rationeller Wirtschaft erwerben werden, wird mehr zur Förderung unserer Gesamtarbeit beitragen, als bloße Zuwendungen aus dem Budget, Ganz ähnliches gilt auch auf dem* Gebiete der Industrie. Auch in der Industrie kommt es heute, nachdem der erste Befähigungsnachweis erbracht wurde, nicht mehr darauf an, überhaupt etwas zu schaffen, sondern darauf, w i e es geschaffen wird. Industrielle Gründungen, die fm wirtschaftlichen Sinne nicht lebensfähig sind, täuschen für kurze Zeit eine Blüte vor, um dann nur Enttäuschung zu hinterlassen. Bei industriellen Gründungen ist nicht nur die Kapitalfrage die entscheidende. Die Hauptfrage ist die richtige Betriebsführung, der richtige Aufbau und die richtige Befriedigung der wirtschaftlichen Erfordernisse. Auch unsere Privatinitiative hat in den letzten Jahren einsehen gelernt, daß man nicht Städte gründen kann, indem man Bodenpar* zellen verkauft und den Käufern Hoffnung macht, daß mit der Entwicklung der Stadt deren Wert steigen wird. Da* Primäre vielmehr muß die Schaffung der produktiven Grundlage für die Entwicklung einer Stadt sein. Es muß endlich mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die bloße Ueberführung von Menschen nach Palästina und auch deren Beschäftigung in Notstandsarbeiten noch keine Seßhaftmachung bedeutet. Es ist trügerisch, die Erhöherung der jüdischen Bevölkerungszahl durch solche nicht eingewurzelte Einwanderung als ein definitives zionistisches Aktivum hiimistcllen. Unsere Aufgabe ist, diese Menschen einem wirtschaftlichen Organismus, der Werte produziert, organisch einzuordnen. Hier ist ein großes Feld für konstruktive Tätig• keit, die allerdings, wie wir uns nicht verhehlen, eine gewaltige konstruktive Begabung erfordert. Auch ist es unerläßlich, sich klarzumachen, daß auch bei größter Sorgfalt und größtem Talent Mißerfolge unvermeidlich sind. Aber die zionistische Wirtschaftspolitik ist heute in ihr zweites Stadium eingetreten, und es wäre wünschenswert, daß das Aktions-Comite sich dieser Entwicklung bewußt ward und die zionistische Arbeit in diesem Sinne beeinflußt. * Für diese Neuorientierung sind die Vorbedingungen diesmal weit günstiger als auf dem vorigen Kongreß. Die neue Einwandeningsvvclle, die die bis dahin unvorstellbare Ziffer von über 30000 Einwanderern in einem Jahre ins Land geworfen hatte, hatte als begreifliche Reaktion eine Erregung der Gemüter und einen heftigen Interessenk ampf erzeugt. Diese vierte Alijah hat heute fast gänzlich auf gehört. Wir haben einen Winter der schwersten Krise in Palästina hinter uns, manche Unternehmungen sind zusarmnengebrochen, die Arbeitslosigkeit dauert noch heute an. Es hat sich gezeigt, daß die durch die vierte Alijah erzeugte Konjunktur keineswegs normale und gesunde Grundlagen hatte. Es fehlte auch an den notwendigen Kreditinstituten und an Wirtschaftsplänen, um die vierte Alijah produktiven Berufen zuzuführen. Die vierte Alijah hat aufgehört, aber andererseits verlangt die Arbeiterschaft, die in dieser äußerst schweren Zeit eine bewundernswerte Disziplin und Selbstlosigkeit beweist, heute vor allem nach Arbeit, und ist an der Weiterentwicklung der privaten Initiative dringend interessiert. Die vierte Alijah ist im Lande noch nicht verdaut, aber es ist inzwischen allen klar geworden, daß nur durch ein Zusammenarbeiten aller Faktoren und Schichten der Bevölkerung ihre Einordnung erfolgen kann. Aus diesem Grunde kann man wohl sagen, daß tue Gegensätze, die den letzten Kongreß verdorben haben, heute wese ntlieh gemildert sind. Niemand wird heute daran denken, das Werk der Arbeiterschaft, das sich als stärkster Grundpfeiler unserer Position im Lande in schwerster Zeit wieder er• wiesen hat, in seiner Bedeutung zu schmälern. Um so leichter wird das sein, mit den Vertretern der Arbeiterschaft «iw»

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