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Jüdische Rundschau · 1926-06-22 · Heft 48 (22.6.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 48 (22.6.1926)
Date
1926-06-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 155 Gegners erfindet, um dann gegen ihn Sturm lauten zu können. Es ist nicht fair, falsch zu zitieren, und eine Bemerkung in ihr Gegenteil zu verkehren, cs ist aber auch nicht klug, besonders wenn man sich dabei an die gleiche Adresse wendet, die doch leicht feststellen kann, was wirklich gesagt war. Nehmen wir also Dr. Löwensteins ״Klassisches Beispiel“. Wie war der Tatbestand? Nach Wcizmanns Rede in Jerusalem meldete die offizielle englische Telegraphen- Agentur Reuter, Dr. Weizmann habe gesagt, daß die Mandatarinacht das Ihrige zur Durchführung des Mandats getan habe. In der jüdischen Presse setzte eine heftige Kritik der Rede Wcizmanns ein, und auch Dr. Löwenstein sprach in der ״Wiener Morgenzeitung“ davon, daß Dr. Weizmann zugunsten der Mandatar macht eine ״Enitastungsoffensive“ gegen den Jischmv vorgenommen habe. Dazu schrieb die ״J. R,“ in dem von Dr. L. leider nur teilweise zitierten Artikel: (TV■• ״W e 11 n Weizmann dabei sagte, daß die Mandatarmacht Im ganzen großen das Ihrige tut und das jüdische Volk noch lange nicht das Seinige getan hat, so wird durch diesen Satz der Blick der Juden für die wirklichen Machtverhältnisse geschärft und daran erinnert, daß nach außen nur gefordert werden kann, wenn im Innern unzweitelhafter Wille zum Werk da ist. Keineswegs aber sollte damit gesagt sein, daß die Zionistische Organisation oder die zionistische Exekutive mit der Haltung der Mandatarmacht in allen 1Einzelheiten einverstanden ist. Die diesbezügliche Reutermcldung ist mißverstandlieh. Dr. Weizmann hat in seinen Reden eine Reihe von Beschwerdepunkten aufgczählt, die die zionistische ז Exekutive als Jcwish Agency auch vor dem Völkerbund vertreten wird. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß Dr. Weizmann der englischen Regierung gegenüber die jüdischen Forderungen mit dein grollten Nachdruck und mit aller Würde vertritt, schärfer vielleicht als mancher seiner Kritiker in seiner Lage täte. Ehe Reden in Jerusalem und Tel-Awiw sind jedoch nicht für Downing Street gehalten worden, sondern für den Jischuw, der zu politischem Denken lind Handeln noch erzogen werden muß.“ Und zwei Absätze weiter werden fast alle die Forde- Hingen und Beschwerden, die Dr. Löwenstein anführt, und darüber hinaus noch einige, die er nicht anführt, erhoben. Es wäre zu langweilig, dies hier nochmals aus dem Artikel ״Umis qui nobis“ zu zitieren. Wenn man aber damit die Kritik Dr. Löwensteins vergleicht, muß man zu dem Schluß kommen, daß sein Angriff im ganzen ersten Teil nicht fair ist. Nicht darüber streiten wir uns, ob einzelne Artikel des Mandates ausgefiihrt worden sind — sondern darum, was überhaupt zionistische Politik ist, mit welchen realen Faktoren sie zu rechnen hat, wie die Wirklichkeit des Lebens zu gestalten ist. Ob es gute Politik ist, stets zu räsonnieren und zu protestieren, dem Mundwerk die Zügel schießen zu lassen, so daß man das eigene Wort und den eigenen Protest völlig entwertet, oder aber mit Geduld und oft mit Zähneknirschen im täglichen Kampfe sich durchzusetzen, unter kluger Berücksichtigung der Machtverhäftnisse. Wir halten es z. B. für reichlich naiv, einen Krieg mit der Mandatarinacht anfangen zu wollen, und dabei auf eine höhere Instanz, etwa den Völkerbund zu bauen. Dies wäre eine völlige Verkennung der Tatsachen. Denn die Deckung durch die Mandatarmacht ist trotz aller ihrer Sünden, die wir ebenso beklagen wie Dr. L., noch immer unsere stärkste Position. Die revisionistische Kraftmeierei, deren von Adolf Böhm hier unlängst glänzend charakterisierter Geistesverfassupg nuck.Dr. Löwenstein ,erlegeit ist, wi«J gjrpt diskutabel sein, nachdem wir eine Jüdische Kriegsflotte haben werden. Bis dahin ist das gegenseitige Vertrauen die unerläßliche Basis unserer Politik. Mit den Argumenten, die Löwenstein bringt, haben wir uns bereits ausführlich auseinandergesetzt, als Jabotinsky dieselben Gedankengänge (fast wörtlich) entwickelte; dennoch ist es interessant, daß Dr. L. die These vom ״Binationalen Palästina“ als blanke Selbst- Verständlichkeit übernimmt, obwohl man noch im August, als die ״J. R,“ vor dem Kongreß diese These in aller Schärte aufstellte, von allen Ecken der zionistischen Welt ״Hochverrat“ schrie. Dies zeigt, daß es doch nicht ganz sinnlos ist, ״dieselben Gedankengänge bis zur Ermüdung oder Abstumpfung der Leser zu wiederholen“; und die Unzulänglichkeiten der Schule sind für den Leser der ״J. R.“ ebenso keine Neuigkeit wie die erfrculichen Bemühungen gemeinsamer gewerkschaftlicher Organisation, deren Lob man uns allerdings von bürgerlichzionistischer Seite als nationalen Verstoß angekreidet hat. Aber um diese Einzelheiten geht cs nicht, es geht um eine Gesinnung, die u. E. auf jüdischer Seite die V o r b e - d I n g u n g jedes möglichen Gelingens des zionistischen Unternehmens ist. Für diese werden wir solange einireten, ais sie nicht selbstverständlich geworden ist. Sie ist es heute noch lange nicht. Ob seine ״Anhänger“ Dr. Weizmann zum ,,Verteidiger der Mandatarinacht“ gestempelt haben, mögen die Kenner der jüngsten zionistischen Kongreßgeschichte entscheiden. Uns scheint, daß diese Charakteristik von seinen Gegnern erfunden wurde. Dr. L. stellt auch hier die Tatsachen aut den Kopf. Aber das ist wahrhaftig nicht wichtig. Die wich f lg eil Punkte, nätnifch die grundsätzlichen Fragen der zio nlstischen Politik, sollen ein andermal hier erörtert werden. Zum Teil wurde dies in Nr.38'39 versucht, ist aber offenbar nicht gelungen, wenn selbst Leser vom Range Dr. Löwen Steins daraus nicht klug geworden sind. " R. W. lymssi in Warichaa Der Leiter des Emigrations-Departements der palästincngischen Regierung, Hyamson, der, wie von uns bereits berichtet, eine Reise durch die Emigrationsländer unternimmt, weilt seit einigen Tagen in Warschau. Am 16. Juni sollte Hyamson von Warschau nach Moskau abreisen. Nach seiner Rückkehr von dort wird er Riga und Kowno besuchen. Leberaigebol voi Wshiaige■ ii Jerusalem Der ״Haaretz“ berichtet: Zum Muharam, dem bckannten Umzugstcrmin in Palästina, macht sich in Jerusalem Unter den Mietern und Vermietern eine äußerst rege Bewegung bemerkbar. Zahlreiche Wohnungen bleiben unvermietet, weil im Laufe des letzten Jahres zahlreiche Häuser neu erbaut wurden, und weil viele Mieter gezwungen sind, sich einzuschränken und mit kleineren Wohnungen zu begnügen. Man schätzt die Zahl *,er freistehenden Zimmer ui 01c Hunderte. Ueberall sind Zettel ־5 ,-4 ,-3 ,-2״zimmrige Wohnungen zu vermieten“ zu bemerken. Auch die Mietspreise sind sehr heruntergegangen. Im Maximum verlangt man für eine Zweizimmerwohnung mit Küche und allem Zubehör £E 2 pro Zimmer und Monat, und man geht, wenn es ernst wird, auch noch von diesem Preis herunter. Man glaubt, daß vom neuen Muharam ab der Mietszins pro Zimmmer nunmehr .CE 1,5 betragen wird. Di? Vereinigungen sowohl der Hauswirte wie auch der Mieter haben Rundschreiben veröffentlicht, in denen sic ihre Mitglieder aulfordern, ״sich nicht ausbeuten zu lassen“. Tagung der Zentralwohllahrtistclle Vom 6. bis 8. Juni 1926 fand in Düsseldorf die Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden statt. Die Tagung war aus allen Gegenden Deutschlands zahlreich besucht. Die -Reichs- und Staatsbehörden, sowie die allgcmeine Wohlfahrtspflege hatten Vertreter entsandt. Die gehaltenen 'Referale versuchten der jüdischen Arbeit für die nächsten Jahre Wege tmd Ziele zu weisen. Die Tagung wurde am Sonntag abend durch den Vorsitzenden der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, Herrn Eugen Caspar!׳, eröffnet. Es folgten Begrüßungsansprachen seitens des Vorsitzenden der Synagogengemeinde Düsseldorf, Herrn Felsenthal, des Vertreters des Reichsarbcitsministeriums, Ministerialrat von Gcmmingcn, des Vertreters des Preußischen Ministeriums für Volkswohlfahrt, Ministerialrat Wittelshöfer, des Geschäftsführers der Deutschen Liga für freie Wohlfahrtspflege, Dr. Vöhringcr, der mich die Grüße der in der Liga zusammengeschlossenen Verbände: des Zentralausschusscs für die Innere Mission, des Deutschen Caritasverbandes, des Deutselten Roten Kreuzes, des Fünften Wohlfahrtsverbandes und des Zentrahvohlfahrtsausschusscs der christlichen Arbeiter- Schaft iibcrbrachte. Es begrüßten ferner Kanmiergerichtsrat W 0 1 f f für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und für die Jüdische Gemeinde Berlin, Herr Ostberg für das Wohlfahrtsamt der Synagogengemeinde Düsseldorf, Rabbiner Dr. Eschelbach er - Düsseldorf und für den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Rabbiner Dr. I a k o b - Dortmund. Es folgte ein Vortrag von Rabbiner Dr. Baeck über das Thema ״Der geistige Gehalt in der jüdischen Wohlfahrtspflege“. Am Montag vormittag sprach Ministerialrat Dr. W i t - tclshöfcr über Grundfragen der staatlichen Wirtschaftsfürsorge mit besonderer Betonung der für die jüdische Wohlfahrtspflege in Frage kommenden Punkte (Erwerbslosenfürsorge, Ausländerfürsorge), während der Korreferent, Rechtsanwalt Dr. Georg Baum, die Hauptgebiete der Sozialpolitik (Durchwandcrerfiirsorge, Arbeitsnachweiswesen, Berufsberatung), von großen allgemeinen Gesichtspunkten aus zur Darstellung brachte. Daran schloß sich der Vortrag des Dr. Felix Teilhaber über ״Jüdische Bevölkcrungsfragen“, der in erster Linie die sozial-hygienische Fürsorge im Interesse der Gesunderhaltung der jüdischen Bevölkerung eingehend begründete. ״Ueber jüdische Jugendnot und Jugendhilfe“ sprachen sodann Obermagistratsrat Dr. Friedrich Öllcndorf und Fräulein Ottenheimer. Während Herr Dr. Öllcndorf die Grundlinien für einen systematischen Ausbau der jüdischen Jugendwohlfahrt in Deutschland aufzeichnete und an der Hand von Beispielen anschaulich machte, beleuchtete Fräulein Ottenheimer die besonderen Bedürfnisse einzelner Kategorien von Jugendlichen, insbesondere der Schulentlassenen. Der Nachmittag brachte unter sachkundiger Führung des Rabbiners Dr. E s c h e 1 b a c h e r die Besichtigung der Aus- Stellung ,,Hygiene der Juden“ und nach einigen einleitenden Worten des Herrn Paul Frank die Vorführung des jüdischen Wohlfahrtsfilms. Der Dienstagvormittag war der Erörterung der Hauptarbeitsgebiete der Zentralwohlfahrtsstelle in den Arbeitsgemeinschaften, der jüdischen Gefährdeten fürsorge und Tuberkulosefürsorge gewidmet. Uebcr den wichtigen Punkt der ״Fürsorge für jugendliche Psychopathen“ sprach Herr Lehrer Sawady, Frau Paula Öllcndorf sprach über ״Gefängnisfürsorge“. Beiden Referenten schloß sich eine lebhafte Diskussion an. In der Arbeitsgemeinschaft der Tuberkulosefürsorge referierten Dr, S a m s o m. über ״Neuzeitliche Maßnahmen der Tuberkulose'־ bekämpfung und Fürsorge“, Fräulein Frieda Weinreich über ״Stand der Maßnahmen zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden in Deutschland“. Zum Schlüsse sprach Frau Brenner über , Zukunftsaufgaben der jüdischen Tuberkulosefürsorge“. In beiden Arbeitsgemeinschaften wurden Resolutionen gefaßt, welche die Ergebnisse der Referate tmd der Aussprache festhiclten. Am Nachmittag fand eine Kundgebung des Reichsaus- Schusses der jüdischen Jugendverbände statt, bei welcher Herr Georg L u b i n s k i über ״Das soziale Programm der jüdischen Jugend“ sprach. Die Bedeutung der Tagung beruht nicht nur in der Fülle der Anregungen für die weitere Entwicklung der jüdisehen Wohlfahrtspflege in Deutschland, sondern vor allein in der Kundgebung zur gemeinsamen Arbeit aller Gemeinden, Vereine und Organisationen aller beruflichen und freiwilligen Kräfte. Dies ist durch die Tagung überaus stark ztnn Ausdruck gekommen und bedeutet einen erfreulichen Ausblick fiir eine weitere günstige Entwicklung der jüdischen Wohlfahrtspflegc in Deutschland. Der Delegierteatsg les IMiickei Fraaeabnides Düsseidort, 15. Juni. (J. T. A.) Der Tagung der Zentialwohlfahrtsstelle schloß sich der zehnte Delegiertentag des jüdischen Frauenbundes an, der vom 8. bis 10. Juni in Diisseldorf stattfand. Am Dienstag Abend fand der Begrüßungsabend statt, zu dem die jüdischen Frauen Düsseldorfs eingeladen hatten. Frau Bertha Eschelbach er hielt die Begrüßungsansprache, worauf Frau Dr, Bergel-Oronemann, Berlin, ein mit großer Aufmerksamkeit angehörtes Referat über ״Der Wert des Neutralitätsgedankens“ hielt. Die zwei folgenden Tage galten den eigentlichen Beratungen, denen 146 Delegierte und etwa 300 Gäste der 21 Ortsgruppen, der neun Provinzial- und Landesverbände und der zirka 350 angeschlossenen Vereine beiwohnten. Geleitet wurden diese Versammlungen abwechselnd von Frau Bettina Brenner und Frau Paula Ollendorff. Den Tätigkeitsbericht erstattete Frau Henriette Mav- Berlin, die eine Schilderung des sehr umfangreichen charltativen Werkes des Bundes gab. Den Finanzbericht erstattete Frau Helene Meyer- Stargard. Ueber ״Bundesarbeit in den Ortsgruppen und Landesverbänden“ referierte Frau Grete B i a 1 - Breslau, über ״Frauenvereinsarbeit“ Frau Anna L c v v- Stettin, über ״Tätigkeit des Frauenverbandes für Kulturarbeit in Palästina“ Frau Lev y-Salz, Berlin, über ״Arbeit der Schwesternlogen“ Frau Minna Sch w a r z-Berlin. Als Resultat der regen Diskussion wurde eine Entschließung angenommen, die besagt, daß der jüdische Frauenbund die notwendige Verbindung aller Einzelorganisationen darstellt und daß der Sinn des Bundes ain besten durch die Gründung möglichst vieler Ortsgruppen erfüllt wird. Die Ortsgruppen haben insbesondere die Aufgabe, die religiösen, erzieherischen und kulturellen Aufgaben für die Familie und für das öffentliehe Leben zu verwirklichen. Im Rahmen der Tagung fand eine Sitzung der Arbcitsgemeinschaft für Gcfährdetenfiirsorge statt, in der Frau Paula Ollendorff über Hilfe an Gefangene und Strafentlassene referierte. Ein Antrag auf besondere Ausgestaltung der Gefangenenfürsorge durch eine Kommission des Bundes kam zur Annahme. Frau Landau- Lübeck referierte über Tuberkulosen-Fiirsorge, ferner wurde über Adoptionswesen, Arbeits- Vermittlung, Haushaltungsschule, über das Organ ״Blätter des Jüdischen Frauenbundes“ Bericht erstattet. Frau Selma Cohn- Magnus, die dem Fraucnstimnircchtskongreß in Paris beigewohnt hat, erstattete Bericht über den Verlauf des Kongresses. Das Schlußreferat über ״Nachgehende Fürsorge für Anstaltskinder״ hielt Frau Hanna Karminski-Berlin. Per Religioisnnierrlcht i■ der Statistik Der Verfasser schickt uns nachstehenden Aufsatz, der in Schlesien bereits veröffentlicht wurde, mit der Bitte, ihn auch einem weiteren Kreise zur Kenntnis zu bringen, da das berührte Problem die gesamte deutsche Judenhaß betrifft. Anm. d. Red. Auf seiner letzten Tagung im vorjährigen Herbst lieh der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien ״über die Religions- Unterrichtsverhältnisse im Bezirksverband der Synagogengcmeinden Breslau-Liegnitz“ referieren. Das dazu erforderliche statistische Material wurde vom Büro des Bezirksverbandes beschafft. Das Ergebnis aus den Gemeinden der Provinz war ein befriedigendes. Fast alle jüdischen schulpflichtigen Kinder erhalten jüdischen Religionsunterricht. Beinahe 10°'״ der gesamten jüdischen Scelenzahl erhält religiöse Unter- Weisung. Das ist, wie wir weiter unten sehen werden, eine sehr starke Ziffer und muß die ganze schulpflichtige jüdische Jugend und etwas darüber hinaus — das heißt über 14 Jahre — umfassen. Es ist dies in vielen Fällen mit ein sehr löbliebes Verdienst des Bezirksverbandes und dessen Voisitzenden, Herrn Justizrat Hirschberg. Dieses erfreuliche Resultat ist in der Provinz. Wie steht es aber in Breslau selbst, das allein sechs- bis siebenmal so viel jüdische Seele״ als die Provinz zählt? (Die Provinzialgemeinden außer Bresiau zählen etwa 5000 jüdische Seelen, Breslau allein jedoch 30 bis 35 000 jüdische Seelen.) Von Breslau konnte ein genaueres Material über die Religions- Unterrichtsverhältnisse nicht beschafft werden. Nur so viel ist bekannt geworden, daß in Bresiau religiösen Voltunterrieht, das heißt Religionslehre, Bibel und das wesentlichste: Hebräisch etwa 1400 Kinder erhalten — etwa 1200 in den verschiedenen Religions- und Volksschulen, sowie in der jüdischen Schule und schätzungsweise 200 durch religiösen Privatunterricht — hochgerechnet. Wieviel jüdische schulpflichtige Kinder sind aber in Breslau vorhanden? Das konnte der Unterzeichnete weder fm jüdischen Gemeiudebüro in Breslau, noch vom jüdischen statistischen Amt in Berlin erfahren. Letzteres wußte auch über die Zahl der jüdischen Schulpflichtigen in Berlin nichts. Da wandte ich mich an das Preußische Statistische Landesamt in Berlin mit der Bitte um ״Mitteilung des Prozentsatzes der jüdischen schulpflichtigen Jugend 1m Verhältnis zu der jüdischen Gesamtscelenzahl in Preußen“. Von diesem erhielt ich in einem Schreiben vom 16. November 1925 unter 7378 B. folgende Angaben: Es sei mit jüdischen schulpflichtigen Kindern in ganz Preußen zu rechnen: Ostern 1926 36 987 jüdische Schulkinder 1927 ״ 36 461 ft )) 1928 ״ 35 904 tt זן 1929 ״ 34 825 tt זז 1930 ״ 35 351 tt זז 1931 ״ 36510 ין יז Demnach wird sich folgendes ergeben Die Seelenzahf der Juden in 1 Preußen in dem Vorkriegsjahr 1913 betrug nach dem Statistischen Jahrbuch der DJGB, 415 000. Heute dürfte trotz der verlorenen Provinzen (deren jüdische Einwohner bis zu mindestens 80 Prozent wieder ais Flüchtlinge ins Land gekommen) doch durch natürliche Zunähme, sowie durch Zuwanderung die Seelenzahf der preußisehen Juden etwa 430 bis 450 000 betragen. Das ist auch die Ansicht des Vorsitzenden des jüdischen statistischen Amtes in Berlin, Herrn Dr. Sega!!. Also bei 450000 jüdischen Seelen sind Ostern 36987 jüdische schulpflichtige Kinder gewesen. Das ergibt in Prozenten 8,2 Prozent der jüdischen Seelenzahl sind in Preußen■ schulpflichtig. Für Bresfau würde das ergeben: Bei 35 000 jüdischen Seelen etwa 2876 jüdische schulpflichtige Kinder. Rechnen wir in Breslau auch nur 30000 jüdische Seelen, so müßten sich in dieser Gemeinde 2465 jüdische schulpflichtige Kinder befinden. Aber 1400 haben nur Vofluntcrricht. Es verbleiben mehr als 1000 Kinder, die keinen hebräischen Unterricht haben. Und wieviel haben von diesen Tausend gar keinen Religionsunterricht, auch keine Reiigi'onslehre und Bibel? Und was bedeutet der Religionsunterricht in den höheren Schulen ohne Hebräisch, wenn 1000 Kinder heranwachsen ohne die Möglichkeit, sich je am jüdischen Gottesdienst zu beteiligen? Hier stehen Hunderte von jüdischen Kindern aut dem Auflösungsetat. Und erst in Berlin mit seinen etwa 24 000 jüdischen schufpflichtigen Kindern? Jüdische Eltern, jüdische Gemeindelciter! Habt acht! Schauet, wohin die Reise geht! Rettet, was zu retten ist! Ist es Euch ernst mit der Erhaltung des Judentums, so schafft und erhaltet jüdische Schufen. Nur diese garantieren Euch das Judentum! Waldenburg i. Schlesien. _ Jacob Bähr. Die Samsouehule i■ Wollenbüttel. Am 4. Juni d, J. waren 140 Jahre vergangen, daß die Samson-Schulc in Wolfenbüttel, die älteste der jüdischen höheren Schulen in Deutschland, begründet wurde. Am 4. Juni 1786 richtete der Hofbänkier Philipp Samson aus Vermächtnissen seiner Familie, die seit 1733 gestiftet worden waren und.neben der Unterstützung armer Familienmitglieder zur Erziehung armer Kinder dienen sollten, eine Lehranstalt in Woltenbiittel ein, deren Unterricht sich in den ersten Jahrzehnten, der Sitte der damaligen Zeit entsprechend, ausschließlich auf die religiöse Literatur, insbesondere auf das Talmud-Studium, beschränkte. Nach seinem Tode im Jahre 1905 wurde sie unter dem Namen ״Samsonschc Freisehulc“ eine ,,Deutsche Lehr- und Erziehungsanstalt“. in den siebziger Jahren wurde mit der Umwandlung der Schule in eine höhere Lehranstalt begonnen, zunächst mit vier, später mit fünf Klassen. Da jedoch der Schulbesuch stetig zunahm und besonders, da das Stiftungskapitat durch ansehnliehe Schenkungen und Vermächtnisse seitens der Samsonschen Familie reichlich vergrößert worden war, konnte 1488 die Schule als Realschule mit sechs Klassen eingerichtet werden. Am 15. April 1891 erkannte das herzogliche Staatsministerium Braunschweig die Samsonschule als Realschule an. Am 21. Mai 1892 verlieh der Reichskanzler der Anstalt die Berechtigung zur Ausstellung von Zeugnissen für den einjährig-freiwilligen Militärdienst. Jetzt untersteht die Schule dem Landesschulamt für das höhere Schulwesen in Braunschweig, und die an der Schule abgehaltene Schlußprüfung verleiht die Reife für die Obersekunda einer Oberrcaischule. —- Die Schülerzahl stieg im Laufe der Zeit von 25 im Jahre 1820 bis auf 150 im Jahre 1906. Auf diesem Stand hielt sie sich bis zu den Kriegsjahren. Die Gesamtzahl der Zöglinge von 1876 bis heute beträgt 2500, davon 500 Freizöglinge und 170 Halbfreizöglinge. Die Reifeprüfung (Reife für die Obersekunda einer Oberrealschule) naben insgesamt von Gstern 1899 bis Ostern 1926 704 Schüler bestanden. — Unter den Leitern der Schule ragen besonders hervor: Inspektor Samuel Meyer Ehrenberg 1807 bis 1846, Direktor Dr. phil. Ehrenberg 1846 bis 1871, Direktor Professor Dr. Ludwig Tschau 1888 bis 1919. Das am 5. April 1807 begonnene Verzeichnis der Zöglinge der Samsonschen Freischule beginnt mit den Namen zweier berühmter Männer, nämlich des Marcus Isaak Jost, des späteren Geschichtsschreibers und des Leopold Emanuel Zunz, des Begründers der Wissenschaft des Judentums.

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