Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 48 (22.6.1926)
- Date
- 1926-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 354 JUEDISCHE RUNDSCHAU Kr. 48 Grundsätzliches zur zionistischen Außenpolitik Von Dr. Fritz L ö w e n s t c i 11, Jerusalem. Für einen Leser der ״Jüdischen Rundschau“, der sich ausschließlich aus diesem Blatt informiert, ergibt sich etwa folgendes Bikl unserer außenpolitischen Lage. Großbritannien, unser Mandatsland, hat, wenn auch vielleicht im einzelnen manches auszusetzen sein mag, doch im wesentlichen die sich aus dem Mandat ergebenden Verpflichtungen getreulich erfüllt, und cs hätte noch weit mehr getan, wenn nicht das jüdische Volk versagt hatte. Was das Verhältnis zu den Arabern anlangt, so ergibt die Lektüre der ״Jüdischen Rundschau“ etwa den Eindruck, daß die Aussöhnung dieser beiden Völker und damit der Beginn des gemeinsamen Aufbaus des binationalen Palästina mir durch •in paar arabische Effendis auf der einen Seite, und einige Revisionisten auf der anderen Seite hintangehalteu wird, daß aber durch immer erneutes Betonen unseres ehrlichen Verständigungswillen die beiden stamm-, verwandten Völker schließlich zueinander finden würden. Diese Gedanken werden sowohl in Leitartikeln, wie in Notizen dem J-eser immer und immer wieder eingehämmert, während die Darstellung der konkreten Tatsachen unserer Außenpolitik, die die Voraussetzung für solche abstrakten Sätze sein müßte, außerordentlich zurücktritt. Berücksichtigt man, daß der Durchschnittsleser nicht jede beiläufig gemachte Bemerkung im Kopf behält, sondern nur jene Grundgedanken, die er immer wieder zu lesen bekommt, so ist das Ergebnis, daß ein sehr wenig konkretisierter Standpunkt im Grunde nur durch das Mittel der ständigen Wiederholung eingeprägt wird. Schon aus diesem Grunde muß man Lichtheim und Beilinson dankbar sein, daß sie in der Gendarmerieangelegenheit das Wort ergriffen haben und die ״Jüdische Rundschau“ gezwungen wurde, konkret zu werden und sich nicht mit dem Vorwurf des Chauvinismus gegen den Jischuw begnügen konnte. Meine Absicht aber ist heute, dem Leser Tatsachenmaterial zu unterbreiten und daraus zu Schlüssen zu gelangen, die vielleicht von denen der ״Jüdischen Rundschau“ teilweise abweichen. Einige kurze Vorbemerkungen. Die ״Jüdische Rundschau“ glaubt von sich* daß sie die Politik Dr. Wcizmanns vertrete. Ich behaupte, daß sich die ״Jüdische Rundschau“ hier in einer Selbsttäuschung befindet, daß die Politik Dr. Weizmaiins weit stolzer, -selbstbewußter ist als cs in der J. R. zum Ausdruck kommt, daß er obwohl der verantwortliehe Staatsmann, gelegentlich schärfste Kritik gegenüber der Mandatsregierung angewandt hat, wo die weit weniger mit Verantwortung beschwerte ״Jüdische Rundschau“ nur in gewundenster Form zu sprechen wagt. Das klassische Beispiel hierfür findet sich in dem großen Leitartikel ״Unus qui nobis“ (Nr. 38/39), wo von Dr. Weizmann behauptet wird, er habe gesagt, ״daß die Mandatarmacht im großen ganzen das ihrige tut“. (Von mir geferrt F. L.). Als Ohrenzeuge der Jerusalemer Rede Dr. eizmanns möchte ich erklären, daß er nichts gesagt hat, was auch nur entfernt an diesen Satz anklingt, daß diese Rede sehr scharfe Worte gegenüber der Mandatsregierung enthielt und daß Dr. Weizmann das Aussprechen eines solchen Satzes gerade während der Gendarmerieangelegenheit ebenso als eine Ungeheuerlichkeit empfunden hätte, wie es sicherlieh der gesamte Jischuw getan hätte. Lichtheim hat in seinen sonst vollkommen richtigen Bemerkungen zur Gendarmeriefrage einige ironische Bernerkungea über Dr. Weltscb und über die Unterzeichner der Erklärung Magnes, Hans Kohn, gemacht, die meines Erachtens eine Entgleis;!׳! darstellen. Ehe ethische Grundeinstellung, wn.dtr A»f,/Krete׳f8fcb: trafen; Ißt, ihr-;ernsthafter.-Wille >«ps VWnriftatMMr mit den Arabern* ist aller-Ehren wert und söBte nicht verhöhnt werden. Aber eins ist hierzu zu sagen. Auch der Kampf um das eigene Recht ist ein hohes ethisches Postufa t. (Vgl. ihering, Kampf üms Recht). Wenn man geneigt ist, jeden Schritt unserer Aufbauarbeit in Palästina von dem Gesichtspunkt aus zu betrachten, ob dadurch nicht Rechte oder adfch nur Empfindungen der Araber verletzt werden könnten, so sollte man unsere Rechte nicht weniger eifersüchtig wahren. Gerade von einem ethischen Gesichtspunkt aus kommt ja Beilinson zu seiner scharfen Stellungnahme in der Gendarmerieangelegenheit! Und was unser Verhältnis zur Mandatsregierung anbetrifft, so ist es, Wie Dr. Weizmann sagt, ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis, «ras aber, wie ich hinzufügen möchte, im Mandatsvertrage einen klaren Ausdruck gefunden hat. Wir kämpfen darum, daß Verträge heilig gehalten werden — eine Forderung, die wenige Jahre nach dem Weltkrieg noch verstanden werden sollte — und wir empfinden schmerzlich, daß England feierlich übernommene Verpflichtungen bisher nicht erfüllt hat. Gerade diejenigen, die glauben, daß auch im Völkerleben Macht nicht allein entscheidet, sollten hier an vorderster Stelle für unsere Rechte kämpfen. Aber man hat den Eindruck, daß dieses ethische Postulat in der J. R. gering angeschlagen wird. In diesem Zusammenhang ist mit allem Nachdruck dagegen zu protestieren, daß wir, statt die uns im Mandat verbrieften Rechte bis aufs Letzte zu verteidigen, plötzlich Bedingungen erfinden, unter denen angeblich allein die Vcrpflichfungen eingegangen worden sind. Derselbe Satz aus dem Artikel ״Urins qui nobis“ von dem wir oben ein Stück zitiert hatten, schließt mit den Worten: ״Daß nach außen nur gefordert werden kann, wenn im Innern unzweifelhafter Wille zum Werk da ist.“ Das mag richtig sein, wenn es sich um Forderungen unsererseits handelt, die nicht aut klare Artikel des Mandatsvertrages gegründet werden können, wobei ganz von der Frage abgesehen werden soll, ob unser Gefühl der Unzulänglichkeit unserer bisherigen Arbeit auch ohne weiteres bei der Mandatsregierung vorausgesetzt werden kann. Aber die Hauptsache ist, daß unsere Auseinandersetzungen mit der Mandatsregierung in den letzten Jahren sich ausschließlich um die Durchführung der im Mandat übernommenen Verpflichtungen handelt. Wir schneiden den Ast ab, auf dem wir sitzen, wenn wir, statt die Erfüllung der Versprechungen unbedingt zu verlangen, plötzlich den Gedanken vertreten, daß es von der Höhe der Keren Hajessodein nahmen abhängt, ob die Mandatsregierun g ihre Verpflichtung erfüllen muß oder nicht. Soweit ich orientiert bin, ist eine solche Vcrknüpfung von englischer Seite niemals vorgenommen worden. Wozu also nimmt die ״Jüdische Rundschau“ einen solchen Standpunkt ein? Mandat und Mandatarmacht. Die ״Jüdische Rundsüiau“ liebt es. das Churchillschc Weißbuch zu zitieren. Aber cs gibt auch andere bemerkenswerte Dokumente. Ein solches ist der Bericht Herbert Samuels über seine Tätigkeit (1925), der grundsätzlich die Summe der britischen Palästinatätigkeit zieht. Dieser Bericht ist seinerzeit in der ״Jüd. Rundschau“ auszugsweise wiedergegeben worden, seitdem aber nicht wieder in die Ertnnerung gerufen worden. Er enthält auf Seite 40 des englischen Originaltextes kurz folgenden Gedankengang: Die Araber klagen über die Regierung, daß sie sieb nur mit der Errichtung des jüdischen Nationalheims beschäftige, während die Juden im Gegenteil klagen, die Regierung erfülle nicht die im Mandatsvertrag übernommenen Verpflichtungen. Bei diesen Beschwerden hätten dfe Juden mehr » Recht als die Araber. Dann werden die jüdischen Beschwerden der Reihe nach vorgenommen und als berechtigt zugestanden: Nichtzuerteilung von Staatsländereien, Nicht- Unterstützung des hebräischen Schulbudgets, Nichtanstellung jüdischer Beamter in prozentual entsprechender Anzahl trotz geeigneter Bewerber, was die Regierung zur Errichtung des Nationalheims getan habe, sei Balfourdektaration, Anerkennung des Hebräischen und Aufrechterhaltung der Ruhe; im übrigen hätten die Juden alles allein getan. Mit anderen Worten: der erste High Commissioner erklärt am Schlüsse seiner Tätigkeit, daß die Mandatsverpflichtungen in krassester Weise nicht erfüllt worden seien. Die ״Jüdische Rundschau“ aber behauptet, daß die Mandatsregierung das ihrige getan habe und sie imputiert dem Präsidenten der Organisation, dies gesagt zu haben.' Es erscheint mir erforderlich, an Hand des Mandats zu zeigen, weiche Verpflichtungen die Mandatsregierung übernommen hat und wie sie sie erfüllt. Die Balfourcrklärung ist bekanntlich wörtlich in die Einleitung des Mandats aufgenommen; sie spricht, wie erinnerlich von den ״größten Anstrengungen“, die die Mandatsregierung für die Ernchtung der Heimstätte machen werde. Sie verspricht also ein positives Tun, eine aktive Forderung, nicht bloß wohlwollendes Dulden. In diesem Sinne bestimmt Artikel 2, daß der Mandatar dafür verantwortlich sei, daß das Land unter solche politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen gestellt wird, die die Errichtung der nationalen Heimstätte sichern. Bedarf dieser Artikel einer Illustration? Herbert Samuel gibt die Antwort, indem er zugibt, daß außer der Anerkennung der hebräischen Sprache nichts für die Heimstätte getan worden ist; denn die Aufrechterhaltung der Ordnung ist eine allgemeine Verpflichtung der Mandatsregierung, die nicht zum Zwecke der Förderung der Heimstätte erfolgt ist. Daß sich seit Herbert Samuels Bericht so gut wie nichts gebessert hat (einige Zollerleichterungen vielleicht ausgenommen), sondern viel verschlechtert, oraucht nicht gesagt zu werden. Der 4. Artikel ist allgemein bekannt: er betrifft die J e wi s h A gency. Man braucht hier nur an die Ernennung des High Commissioners zu erinnern, die ohne vorherige Verständigung mit der Agency erfolgte; man braucht nur daran zu erinnern, daß die jahrelangen Beschwerden der bekanntlich als Jewish Agency fungierenden zionistischen Exekutive in sämtlichen Fragen (Staatsländereien, Erziehungsbudget, Sanitätsbudget, Gemeindegesetz. Einbürgerung, Gendarmerie) ergebnislos geblieben sind. Die Jewish Agency steht auf dem Papier, aber hat keine wirkliche Mitbestimmungsmöglichkeit. Artikel א betrifft die S t a a t s Iä n d e r e i e n. Es ist überflüssig, dem etwas hinzuzufügen. Artikel 7 betrifft die Einbürgerung. Der Artikel lautet dahin, daß die Regierung ein Staatsangehörigkeitsgesetz auszugeben habe und daß dips Juden die Erwerbung der palästinensischen Staatsangehörigkeit erleichtern söffe. Auch hier hat die ״Jüdische Rundschau“ von den Klagen des Jischuw wenig Notiz genommen. Das Gesetz erwähnt die Juden überhaupt nicht, so daß die zum Aufbau ihrer nationalen Heimstätte nach Palästina einwandernden Judut bei ihrer Einbürgerung nicht mehr Erleichterung haben, wie irgendein Ausländer. Die Einbürgerung ist so teuer, (1 £ pro Familie), daß ein sehr beträchtlicher Teil des Jischuw — man denke etwa an Kwuzoth — außerstande ist, sich einzubürgern. Diejenigen, die bereits 1922 alle Formalitäten erfüllt und bezahlt haben, müssen dies alles noch einmal wiederholen! Das ist die Ausführung eines Mandatsartikels, der von Erleichterungen für die Juden spricht. Endlich sei kurz an Artikel 15 erinnert* der die primitive felbstverständüchkeit ausspricht, daßdie Religion oder . Rasse einerlei Unterscheidung vor dem Gesetz begründen dürfe. Es wird inzwischen dem Leser der ״Jüdischen Rundschau“ klar sein, daß nicht einmal diese Bestimmung in Kraft ist. Die Grenzschutzangelegenheit ist heute nicht mehr ein Streit um den Wortlaut einer Bestimmung. Tatsachen sprechen. Die neue Truppe ist nunmehr gebildet worden. Sie besteht aus 800 Mann, davon 28 Juden. Von den 800 sind 400 von der sogenannten arabischen Legion übernommen, während der Rest aus der aufgelösten Grenzpolizei und neu ausgehobenen Palästinensern besteht. Von den 28 Juden sind 12 bei der An- Werbung neu angenommen worden. Gemeldet haben sich 200 jüdische Bewerber, von denen man einen Teil sofort, einen Teil nach ärztlicher Untersuchung durch einen bekannten judenfeindlichen arabischen Arzt zurückgesandt hat. Die wenigen Juden sind unersetzbare Fachleute, von denen überdies Kenntnis des Arabischen verlangt wurde, also einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache, während von keinem Araber die Kenntnis einer anderen Sprache verlangt wurde. So sieht die Gleichberechtigung der Juden aus! Vielleicht versteht der Leser der ״Jüdischen Rundschau“ jetzt die Erregung in Palästina, die vom Dawar bis zum Doar Hajom eine Einheitsfront geschaffen hat, und versteht die Erbitterung, mit der der in der J. R. erhobene Vorwurf des Chauvinismus zur Kenntnis genommen wurde. Es soll endlich darauf hingewiesen werden, daß der Mandatarmacht in Artikel 25 die Berechtigung gegeben wird, ihr nicht passend erscheinende Mandatsbestimmungen in Trans- Jordanien ״aufzuschieben oder zurückzuhalten“ und daß die Mandatarmacht diese Erlaubnis benutzt hat, um sämtliche auf das jüdische Nationalheim bezüglichen Bestimmungen für Transjordanien aufzuheben. Dazu war sie aber immerhin formell berechtigt. Ich habe im vorstehenden nur Tatsachen sprechen lassen und überlasse dem Leser, sich auf Grund dieser Tatsachen ein Urteil über die Stellung der Mandatarmacht zu bilden. Ich will hinzufügen, daß es nur zu begrüßen ist, wenn wir immer erneut an das jüdische Volk appellieren und es zu aktiver Mitarbeit aufrufen und daß sicherlich eine verstärkte Palästinaarbeit unsererseits auch aut die Mandatarmacht wirken wird. Völlig falsch aber ist, diesen innerjüdischen Vorgang der Organisierung unserer Kräfte in irgendeine Verbindung zu bringen mit den Ansprüchen, die wir auf der Grundlage des Mandates zu erheben haben. Zur Araberpolitik. In der arabischen Politik kann die ״Jüdische Rundschau“ oder richtiger gesagt, Dr. Weltsch. mit vollem Recht das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, die Notwendigkeit einer nationalen Aussöhnung mit den Arabern mit als erster betont zu haben und immer wieder gezeigt zu haben, daß Palästina rin binationaler Staat werden muß. Aber man hat dennoch große Fehler gemacht: man hat dieselben Gedankengänge bis zur Ermüdung oder Abstumpfung des Lesers wiederholt, ohne ein einziges Mal Wege gezeigt zu haben, die zu dem geforderten Ziel führen: man hat niemals versucht, die psychologische Einstellung des Arabers zu verstehen; man hat niemals gefragt, ob es zwischen unseren Interessen und denen der Araber wirkliche Gegensätze gibt. So entstand der Eindruck, als wenn es sich auch hier darum handle, gegenüber Chauvinisten auf beiden Seiten einen gesunden Verständigungswillen zu betonen, der dann schon das Seinige tun werde. Demgegenüber seien einige Gedankengänge hier geäußert: die Juden, heute eine Minorität in Palästina, wandern in das Land mit der ausgesprochenen Absicht ein, dort Majorität zu werden. Sie vereichem den Arabern, sie würden ihnen alle Rechte einer gleichberechtigten Nation auch dann gewähren, wenn die Araber Minorität sein würden. Wie ist die Situation des Arabers? Im Jahre 1880 war Palästina ein rein arabisches Land. Heute hat es eine jüdische Minorität, die mit nationalen Aspirationen kommt. Der Araber soll, so■ Zusagen statt des alleinigen Inhabers gleichberechtigter Sozius sein. Er hat diesen Sozius nicht aufgefordert, in das Geschäft einzutreten, sondern der Sozius kommt ungcrufcn, wenn auch mit der ehrlichsten Absicht, es dem früheren Alleininhaber so leicht wie möglich zu machen. Wenn wir dem Araber nicht eine ethische Hohe Zutrauen, wie sie leider kein Volk der Welt bisher aufzuweisen hat, so muß er so lange gegen die jüdische Einwanderung und Kolonisation sein, als er noch daran glaubt, unsere Majoritltwerdung verhindern zu können. Auch wenn er felsenfest an unseren Willen glaubt, Ihm seine Rechte in vollem Umfange zu garantieren, muß er ein Gegner unserer Sache bleiben. Der radikale Wandel kann erst in dem Augenblick kommen, wo unsere Position derart ist, daß׳ der Araber resigniert und dem binationalen Staat zustimmt, der ihm heute noch als Zumutung erscheint. ״Mit unserer Stärke wird man sich versöhnen.“ Es gibt keine Konzessionen, die diesen arabischen Stirnmungsumschwung schon heute herbeiführen könnten. Jedenfalls gibt es keine Konzessionen, die wir machen können, wenn wir noch an den Zionismus glauben. Aufhebung der Balfourcrklärung, Einstellung der Einwanderung, wäre wahrschcinlich das mindeste, was der Araber heute fodern würde. Was folgt daraus? Keineswegs, wie man vielleicht glauben mag, daß mir jedes Arbeiten an einer arabisch-jüdischen Verständigung in diesem Augenblick als untunlich erschiene. Das ist nicht die Meinung. Es soll alles getan werden, was eine unnötige Verschärfung des bestehenden Gegensatzes vermeiden kann. Deshalb hätte man auf die feierliche Einholung der Flagge z. B. ruhig verzichten sollen. Aber ich betone nochmals, daß ein Schiff mit Einwanderern im Hafen von Jaffa weit mehr arabische Gegnerschaft weckt, als 10 Batail- Ionsfahnen. Und ich betone weiter, daß die Rücksichtnahme auf die Araber ihre natürliche Grenze da hat, wo Ziel und Sinn unseres Aufbaus in Frage stehen. Wer glaubt, wie ich z. B. tue, daß die Entfernung der Juden aus der Wehrmacht des Landes unter Umständen die Sicherheit des Jischuws gefährden kann, der wird nicht geneigt sein, der Frage eines jüdischen Bataillons nur deswegen ablehnend gegenüberzustehen, weil dies arabische Empfindlichkeiten verletzen könnte. Ich betonte schon eingangs, daß ich bei der Haltung der ״Jüdischen Rundschau“ in der Araberfrage völlig das Suchen eines Weges vermisse, wie eine Besserung der Beziehungen erreicht werden könnte. Man sieht eigentlich alle Aufbaufragen unter dem Aspekt der arabischen Versöhnung, aber man zeigt nicht, was positiv geschehen soll. Mit Arabischlernen allein ist es auch nicht getan. Ich möchte deshalb hier auf einen Punkt hinweisen, wo es einmal möglich ist, schon heute etwas zu, unternehmen. Das ist die Schule. Das jüdische Kind in Palästina wächst heute wie selbstverständlich mit Verachtung und Abneigung gegen die Araber auf. Das ist nicht etwa die Folge einer chauvinistisch verhetzten Atmosphäre und, wenn überhaupt, nur zum geringen Teil Schuld der Schule. Es ist die Folge der verschiedenen Sprache und die Folge der getrennten Schule, also, wie man sieht, wieder die Folge von Dingen, auf die wir um unseres Zieles willen nicht verzichten können. Es gibt vereinzelte arabische Kinder in unseren Schulen, und man würde sicher mehr aufnehmen, wenn sie kämen. Aber die Schule wird Hebräisch bleiben müssen, und die binationale Schule wird man hoffentlieh nicht verlangen. Hier aber könnte, wenn die Lehrerschaft bewußt auf die aus dieser Einstellung der Juden drohende Gefahr hingewiesen würde, vieles geschehen. Denn diese junge Generation wird ja 'einmal im binatioiralen Palästina jenfe endgültige Versöhnung mit den Arabern herbeizuführsn U haben, die heute aus naturgemäßen Gründen nicht erreicht 11 werden kann. r Es gibt im übrigen eine Stelle im Lande, die heute unter voller Wahrung unserer Interessen praktische Versöhnung*- Politik treibt! Das ist die Arbeiterschaft. Es ist merkwürdig, wie wenig man davon in der J. R. liest, die doch erfreut sein müßte, daß es derartiges gibt. Sie unterrichte den Leser einmal über gemischtnationale Gewerkschaften, über Hebung des arabischen Lebensstandes durch die Hilfe der Hista-, duth usw. Exekutiveund Mandatspolitik. Es ist eine bedauerliche Tatsache in unserer jüngsten Entwicklung, daß an dem so selbstverständlichen Primat unserer Außenpolitik vor unserer Innenpolitik nicht mehr festgehalten wird, daß innerpolitische Auseinandersetzungen über Opposition gegen die Exekutive oder Vertrauen zu ihr verknüpft wird mit der Frage des Vertrauens zur Mandatsregierung. Man empfindet so etwas wie eine gemeinsame Front der Mandatsregierung, der Exekutive und bestimmter zionistischer Gruppen, wie sie etwa die ״Jüdische Rundschau“ vertritt. Man glaubt, daß Kritik an der Mandatsregierung Opposition gegen Dr. Weizmann bedeute. Zu einem großen Teil liegt das daran, daß Dr. Weizmann mit weit größerer Feinfühligkeit auf die politischer^ Vorgänge reagiert, Del veränderter Situation weit eher den Mut zu veränderter Stellungnähme hat, als seine Anhänger; die ihm m. E. einen Bärendienst damit erweisen, daß sie ihn ständig gewissermaßen als den Verteidiger der Mandatsregierung gegenüber der Zionistischen Organisation erscheinen lassen. Man kann logisch durchaus, wie es oben versucht wurde, das Verhalten der Mandatsregierung der schärfsten Kritik unterziehen und kann doch volles Vertrauen zu Dr. Weizmanns politischer Führung haben, indem man nämlich versteht, daß wir die uns ungünstige Weltsituation nicht mit einem Schlage beseitigen können und wir vorläufig niemanden gesehen haben, der uns einen aussichtsreicheren Weg politischer Arbeit gezeigt hätte. Man soll es Anhängern der von Dr. Weizmann verfolgten Politik nicht unmöglich machen, für diese Politik weiterhin einzutreten, indem man von ihnen verlangt, daß sie auch die Politik der Mandatsregierung verteidigen müssen. Ich glaube, es dürfte über die von der Mandatsregierung uns gegenüber verfolgte Politik keine zwei Meinungen geben. Die Auseinandersetzung hat sich mit der Frage zu beschäftigen, mit welchen Mitteln wir unsere politische Position stärken sollen; wie diese Situation heute ist, bedarf leider keiner Diskussion. * Nachbemerkung O sancta smplicitas! Es muß ein recht beschränkter ״Leser“ der ״J. R.“ sein, den unser Freund Dr. Löwenstein im Auge hat. wenn sich ihm das ״Bild“ unserer außenpolitischen Lage, deren Kompliziertheit und Abhängigkeit von vielen realen Faktoren darzutun eines der Hauptziele der ״J. R.“ seit sechs Jahren ist, so einfach malt, wie Dr. Löwenstein glaubt; aber auch so einfach wie Dr. Löwenstein unsere Außen- Politik malt, ist sie nicht. Darüber ein anderes Mal, denn wir hoffen, daß es auch andere Leser der ״J. R.“ gibt, als den von Dr. L. beschworenen und daß diese Leser die wahren Differenzen zwischen uns und Dr. L. unschwer erkennen werden. Darum hier zunächst nur Tatsächliches. Man macht sich die Polemik zu leicht, wenn man einen Standpunkt des