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Jüdische Rundschau · 1926-06-18 · Heft 47 (18.6.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 47 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite *47 Die Miscbehen nater den deutschen Jaden Das statistische Jahrbuch des Deutschen Reiches veroffentlicht vom Jahre 1901 ab regelmäßig eine konfessionelle Statistik der cingegangcnen Ehen. Von dieser /eit her liegen genaue Angaben über die in Deutschland abgeschlossenen Ehen inncthalb der jüdischen Bevölkerung, wie über die ein• gegangenen Mischehen vor. Will man das prozentuale Ycrhältnis über den Anteil der Mischehen an den jüdischen Ehen überhaupt erfassen, so muß man sich von vornherein klar darüber sein, daß in diesen beiden Rubriken nur solche Eheschließungen erfaßt sind, von denen einer der Angehörigen zur Zeit der Eheschließung der jüdischen Konfession nicht angehörte. Demgemäß sind die Ehen beispielsweise zwischen jüdischen Männern und deren Frauen, die erst vor der Ehe- Schließung zum Judentum übergetreten sind, nicht in der Rubrik Mischehen, sondern unter den rein jüdischen Ehen aufgeführt. Andererseits sind unter den Mischehen solche Ehe- Verbindungen miterfaßt, bei deren Abschluß ein Beteiligter aus der jüdischen Religionsgemeinschaft bereits ausgetreten war. Vergleicht man den Anteil der Mischehen an den von 1 uden eingegangenen Ehen überhaupt, so fällt zunächst auf, daß sowohl bei den Männern wie bei den Frauen der Anteil an Mischehen erheblich zugenommen liat, jedoch bei den Männern in stärkerem Maße wie bei den Frauen. Von 100 jüdischen Männern, von 100 jüdischen Frauen, gingen eine Mischehe ein: 1901 8 0/0 8 0/0 0/0 7 0',״ 8 1902 0/0 7 0/0 9 1903 0׳0 8 0/0 9 1904 ».ס 9 ס/״ 10 1905 ס/י 9 0/0 10 1906 0/0 10 o/״1907 ll 10 »/o ס/״ 12 1908 0/0 10 0/״12 1909 1910 13 0/0 10 0/0 1911 14 0/0 llo/# 0י׳11 0/0 15 1912 ס/״ 12 0/0 15 1913 ״׳,» 18 0׳,״ 23 1914 ״/״ 27 ס/״ 40 1915 0/0 22 o/״ 32 1916 0/0 22 0׳,״ 32 1917 o/״ 17 ״/״ 27 1918 0/0 12 0/8 15 1919 0/״ 11 0/0 15 1920 0/8 12 0/8 17 1921 ס/״ 13 0/0 20 1922 0/0 13 ס/״ 21 1923 Aus dieser Aufstellung geht hervor, daß bei den Männern die Anteile an Mischehen von 8 0/0 im Jahre 1901 auf 21 0/0 im Jahre 1923 gestiegen ist. Bei den Frauen von 8 00 im Jahre 1901 auf 13 0/0 im Jahre 1923. Der besondere erhebliche Anteil der Mischehen im Kriege steht vielleicht mit den vielen Kriegstrauungen im Zusammenhang. Herr Dr. Julius Rotholz, meint in einem Aufsatz über die Mischehen in Preußen. (C. V. Zeit. Nr. 6 v. 1925) ״Gleichmäßig bei allen drei Konfessionen Preußens steigen die Anteile der Mischehen in den beiden ersten Kriegsjahren, als die Begeisterung über die Waffenerfolge die Schranken, die sonst die Schichten und Klassen trennen, fallen ließ. Bei den Juden, sowohl bei Mannern wie Frauen, nehmen die Anteilsätze stärker zu als bei den Evangelischen und Katholischen, weil während der Kriegsjahre die Heiraten bei den Juden überhaupt auf einen Tiefstand sanken, der den Bestand des deutschen Judentums in Frage stellte. Bei den Mischehen fielen eine Reihe von Kindernissen fort, die bei der Eingehung von rein jüdischen Ehen eine Rolle spielten.“ Die erhebliche Steigung der Mischehen nach dem Kriege gegen die Vorkriegszeit ist zum Teil aus der stärkeren Konzentration der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten zu erklären, in denen der Anteil von Mischehen an den jüdischen Ehen ein erheblich höherer ist. Nähere Schlußfolgerungen können erst dann gezogen werden, wenn die endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom Juni 1925 vorliegen. Um festzustellen, inwieweit die Steigerung der Mischehen in den Nachkriegsjahren ohne die ostjüdische Einwanderung noch größer wäre, müßten genaue Zahlen über die Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland in der Vor- und Nachkriegszeit zur Verfügung stehen: Itn Zusammenhang steht jedoch die Zunahme von Mischehen mit dem erheblich größeren Anteil der Rcichshauptstadt an der jüdischen gesamten Bevölkerung Deutschlands im Vergleich zur Vorkriegszeit. Es heirateten beispielsweise in Berlin im Jahre 1923 dreimal soviel jüdische Männer als im Jahre 1913. Im gesamten deutschen Reiche nur auderthalbmal mehr als im Jahre 1913. Die in Berlin abgeschlossenen Mischehen waren jedoch stets erheblich höher als im gesamten Reiche. Es gingen beispielsweise Mischehen ein: Von 1Ö0 jüdischen Männern im Jahre 1901 17 c/0 in Berlin 8 °/0 in Deutschland im jahre 1913 27 0/0 in Berlin 15 0/0 in Deutschland im Jahre 1923 27 0/0 in Berlin 21 «b in Deutschland Für 1924 fallen auf Berlin unter den heiratenden Männern 31 0,סי Mischehen, deswegen muß für das Reich auch wieder mit einer weiteren Steigerung des Mischchenanteils gerechnet werden, da dort zurzeit doppelt soviel Juden wohnen als in Bayern, Baden, Württemberg, Hessen zusammen, worauf kürzlieh in der Tagesprcssc hingewiesen wurde. Fassen wir die Zahlen für das Reich noch einmal kurz zusammen, so kommen wir zu folgendem Schlußergebnis. Von den jüdischen Männern gingen im Jahre 1901 jeder 12. bis 13., im Jahre 1913 jeder 6. bis 7״ im Jahre 1923 jeder 4. bis 5. Mann eine Mischehe ein. Von den jüdischen Frauen gingen im Jahre 1901 jede 12. bis 13״ im Jahre 1913 jede 8. bis 9., im Jahre 1923 jede 7. bis 8. eine Mischehe ein. Berücksichtigt man jedoch noch, daß in der obigen Tabelle alle die vor Eingang der Ehe aus dem Judentum ausgetretenen, oder zum Judentum übergetretenen Personen unter dem Mischchcnantcil nicht berücksichtigt sind, abgesehen von den Personen natürlich, die zur Zeit der Eheschließung bereits aus dem Judentum ausgetreten waren, aber einen Juden bzw. eine Jüdin heirateten, so kann zweifellos die Schlußfolgerung gezogen werden, daß die Mischung zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bcvölkerung in Deutschland eine viel größere ist, als aus der obigen Tabelle hervorgeht. J. Z. Volkseitse eil nid Ritoalmord Die Agitation für den Volksentscheid bot, wie wir bereits in der vorigen Nummer vermerkt haben, den Deutschnationalen und Völkischen willkommene Gelegenheit, um wieder einmal wüsteste Judenhetze zu treiben. Bei dem Demonstrationsunuug der Kommunisten am 13. Juni in Berlin waren aus dem Publikum, die den Zug besichtigten, Rufe zu hören: yDas alles ist von den Juden bezahlt.“ Ein den besseren ständen angehörender Herr sagte mit Bezug auf die von den Kommunisten getragenen, im übrigen recht derben Inschriften: ״Dieses Mordgesindel läßt man gewähren, die kleinen Rathen au -Mörder hat man in den Tod gehetzt,“ Wenn dieser Ausspruch auch nicht Allgemeingut der Rechtsradikalen in Deutschland sein mag, so ist er dennoch bezeichnend für die Geistesverfassung der Leser völkischer Zeitungen. Aber nicht nur der Volksentscheid, sondern auch Morde, deren Vorüber nicht sofort gefaßt werden können, werden von den Völkischen zu ihren politischen Zwecken ausgenützt. So mußte auch der schreckliche Lustmord an den zwei Kindern in Breslau zu einer Ritualmordiiige hcrhalten. Nicht nur anonyme Flugblätter, sondern auch ernstere nationale Organe, wie die ״Schlesische Z e i t u 1! g“ in Breslau, entblödeten sich nicht, den Mord an den zwei Kindern zu einem R i t u a 1 m o r d u ni z 11 deut e 11. Die l Jnsinnigkeit dieser Dentu 11g veranlaßte den Breslauer Polizeidirektor zu einer energischen Abwehr der Verleumdung. Damit ist leider die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß die unsinnigsten Lügen über Juden in weiten Kreisen des Volkes noch immer Glauben finden. Deitscher Judenhaß-bxport Die ״S c 11 a f f h a u s c r Zeitung, Amtliches Publikationsorgan für Stadt und Kanton Schaffhausen“, die sich zugleich als ״Katholisches Tageblatt“ bezeichnet, brachte vor kurzem einen Leitartikel ״Die Herren der Welt“, einer! wüsten Hetzartikel gegen die Juden. Die Redaktion hat sich nicht einmal die Mühe genommen, den Artikel z.u redigieren, so daß aus manchen Stellen unzweifelhaft hervorgeht, daß er aus antisemitischer Propagandaquelle in Deutschland stammt. Das ״Israelitische Wochenblatt für die Schweiz.“ fordert den Schweiz. Israelitischen Gemeindebund, auf dessen Program in auch die ßekämpfung des Antisemitismus steht, zu energischem Einschreiten auf und schreibt: ״Seit einiger Zeit spielen die reichsdeutschen antisemitischen Einflüsse wieder stärker nach der Schweiz hinüber, wie man überall beobachten kann. Im Amtlichen Organ von Stadt und Kanton Schaffhauseil nimmt man sich nicht einmal mehr die Mühe, die Zusammenhänge zu verbergen. Der Gemeindebund tut, wenn er hier entschieden vorgeht und au Stadt und Kanton Schaffhausen hcrantritt, ein gut schweizerisches Werk. Weltkongreß des liberalen Judentums Cincinnati, 11. Juni. (J. T. A.) Die Union der amerikanisch-jiulischen Kongregationen und die Zcntralkonfercnz der amerikanischen Rabbiner, ebenso die Brüder- und Schwesternverbände, werden auf dein in London am 11. und 12. Juli stattfindenden Weltkongreß des liberalen Judentums vertreten sein. Die Union beschloß, den Delegierten beschränkte Marschroute zu geben; die auf dem Kongreß gemachten Vor- Schläge sollen, bevor die Delegierten ihnen zustimmen, der Union amerikanisch-jüdischer Kongregationen zur Beschlußfassung unterbreitet werden. Die Delegierten der Union sind: Dr. Julian Morgenstern, Präsident des Hebrew Union College, Rabbi Dr. William Rosenau, Dr. Stephan S. W i s e und Dr. Samuel Schulmau. Der Sekretär der Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner, Rabbi Morris S. Lazaron, hat sich bereits nach London zwecks Teilnahme an der Vorbcrcitung des Kongresses begeben. Das Jdint-Bndget 1926 Iflr Pole! Paris, 14. Juni. (J.T. A.) 111 den letzten Tagen wurde hier eine Konferenz der Direktoren des Joint Distribution Committee und der Jevvish Colonisation Association abgehalten. Es nahmen teil die Herren Herbert L e 11 m a n und Dr. James Rosen berg aus New York, Dr. Bernhard K a h n und Dr. Schweizer aus Berlin und der Generaldirektor der ICA. Dr. Louis Oungre aus Paris. Es wurde 11. a. das Hilfsbudget für Polen auch für die zweite Hälfte 1926 bestätigt. Am 4. Juli wird eine Tagung des ״Foundation“ stattfinden, wodann sich Herr Dr. Bernhard Kahn nach' Polen begeben wird. Ein Jade Vizeiiiuzmiiister in Polen Warschau, 13. Juni. (J.T. A.) Zum .Unterstaats- Sekretär der Finanzen bei der polnischen Regierung wurde Dr. F1 a u m , ein junger jüdischer Finanzmami, ernannt. Dr. Flaum ist nicht Mitglied des Parlaments und hat bis jetzt auch keinerlei Beziehungen zum Klub der jüdischen Deputierten und Senatoren unterhalten, wie er überhaupt bis jetzt dem politischen Leben fernstand. Petljara nnd die Ukrainer Der ukrainische Klub im polnischen Sejm befaßte sich mit der Resolution des jüdischen Sejm-Klubs in Warschau in der Angelegenheit des Attentates gegen Petljura. Die Ukrainer nahmen eine Entschließung an, in der sie mit Bedauern feststeilen, daß auch der jüdische Klub sich der gehässigen Stellungnahme der jüdischen Presse gegen Petljura angeschlossen habe. Der ukrainische Klub erklärt, daß Petljura in den Gebieten, wo er tatsächliche Gewalt hatte, seinerzeit all« Mittel ergriffen habe, .um die Pogrome zu bekämpfen, die ein Werk der Feinde des ukrainischen Volkes und zügelloser Banditen waren. Der ukrainische Klub hält darum die Stellungnahme eines großen Teiles der jüdischen Oeffentlichkeit Jfir eia historisches Unrecht. Der ■ene Kin ii Ulanen Ko w 110, 16. Juni. (J. T. A.) Der nach dem Wahlsieg der demokratischen über die reaktionären Parteien in Litauen inaugurierte neue Kurs machte sich auch bei den Wahlen zu den Sejrnkommissionen geltend. Der jüdische Deputierte F i!1 k e 1 s t e i 11, das älteste Mitglied des litauischen Sejm, wurde zum Vorsitzenden der juridischen Sejmkommission und der Redaktionskommission, der jüdische sozialdemokratische Abgeordnete Epstein zum Vorsitzenden der Scjmkom• mission für sozialen Schutz gewählt. Die Cmiitei ia der Bnktwina Czernowitz, 15. Juni. (J.T. A3 Die Cuzisten haben das Land Bukowina, das unter dem langen österreichischen Regime keinen Antisemitismus kannte, zu einer Hauptdomäne fürihre Agitation gewählt. Hier haben sie auch bei den Wahlen ansehnliche Erfolge errungen. Nun gehen sie hier zu Taten über, wie sie sie schon in Alt-Rumänien und in Beßarabien oft vollbracht haben. In dem Städtchen Arbora, in der Nähe des Kurortes Soika, schleuderten Cuzisten um Mitternacht Handgranaten gegen einige von Juden bewohnte Häuser. Ein Haus wurde sehr stark beschädigt und stürzte zusammen, wobei der jüdische Sägewerksbesitzer Osias Wolf Haß und seine Gattin erhebliche Verletzungen davontrugen. Unter der jüdischen Bevölkerung des Städtchens herrscht große Panik. Presiescbau Hermann Wendel, der als einer der besten Kenner des Balkans gilt, veröffentlicht in der ״Frankfurter Zeitung“ einen Brief aus Saloniki, in welchem es mit Bezug auf die dortige Judenschaft heißt: ״Nicht zuletzt leiden unter ihr (der schweren Wirtschafts• Krise) die Spaniolen, Juden, die unter Isabella der Katholischen aus Spanien vertrieben wurden, unter dem Halb• mond hier eine Freistatt fanden und zur türkischen Zeit mit 60 000 bis 70 000 Seelen den stärksten Bevölkerungsteil der Stadt allsmachten. Für jeden Nachkauer ״völkischer“ Albern• heilen, der da wähnt, daß der Jude ״rassisch“ fiir Wucher und Schacher vorausbestimmt sei und körperlicher Arbeit, aus dem Wege gehe, wäre in diesem Betracht ein Besuch' Salonikis lohnend, denn seine Judenschaft stellt eine in sich geschlossene und gegliederte Gesellschaft dar. Unter ihnen finden sich alle Berufe vom Großhändler bis zum Stiefelputzer, vom Geldwechsler bis zum Grobschmied, vom Arzt bis zum Schauermann im Hafen. Auch erfreuen sie sich einer festgefügten Organisation mit eigenen Schulen und anderen wertvollen Kultureinrichtungen. Aber so leicht und reibungslos wie in den Tagen, da der osmanisehc Pascha droben im Konak saß, verstreicht heute ihr Leben nicht mehr. Die Griechen, selbst ein zähes und schlaues Händlervolk, blicken scheel auf den fähigen Konkurrenten, und wie auch anderwärts erwächst auf dem Mist des Geschäftsneides bereits die Giftblume des Antisemitismus, Ein hoher Be• amter, rechte Hand des Gcneralgouverneurs von Makedonien, äußerte sich aufreizend verächtlich über die Juden, und wenn sie auch nach wie vor ihre Zeitungen auf Spaniolisch herausgeben, so mußten doch die vielen spaniolischen Inschriften in hebräischen Lettern au den Läden der Sephardim allenthalben überpinselt werden. Fassadcnpoliük! Das Regime Pangalos will den Eindruck wecken, daß Saloniki in der Wolle gefärbt griechisch sei,“ * In der ״Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom 11. d. M. befaßt sich Herr H. S. in einem Aufsatz ״Umschau“ u. a. auch mit der Reise Isaac Brauers aus Frankfurt nach Jerusalem. Herr H. S. schreibt: Im ״Jüdischen Wochenblatt“ lesen wir, daß Dr. Isaac Bräuer aus Frankfurt in Jerusalem weilt, um dort bei der Regierung Abänderungen des Entwurfs eines Gesetzes für die jüdischen Gemeinden Palästinas im Sinne der Agudas Iisroel (lies der streng konservativen Richtung) zu veranlasscn. Eine scheinbar unwesentliche Notiz, die doch von größter Bedeutung ist. Es kann auch den Juden außerhalb Palästinas nicht gleichgültig sein, ob. wie es die Orthodoxen erstreben, der streng konservative Charakter der Gemeinde in Palästina gesetzlich festgelegt wird. Unübersehbare Möglichkeitcn fiir die religiöse Entwicklung in dem Lande, in dem zum erstenmal seit Jahrhunderten wieder autonome jüdische Siedlungen im Entstehen begriffen sind, sind damit abgeschnitten. Es wird von großem Interesse sein, festzustellen, wie die Zionisten, die sich als Jnvish Agency, d. h. als Sachwalterin der Gcsamtjudcnheit in Palästina betrachten, hier sich verhalten werden. Hier müssen insbesondere diejenigen liberalen Juden die Augen aufhalten, die dem Keren Hajessod nahestehen und für i|1u eintreten. Wir verfolgen diese Entwicklung mit Spannung, und sie wird fiir die Einstellung des Oesamtliberalismus zu der Frage der Siedlungen in Palästina von ausschlaggebender Bedeutung sein. Dieselbe Nummer der ״Jüdisch-liberalen Zeitun״“ veröffcntlicht eine Zuschrift des Stettiner Rabbiners Dr. Elk unter dem Titel ״Zionismus und Liberalismus“. Dr. Elk faßt in dieser Zeitschrift den Inhalt des auch von uns seinerzeit wiedergegebenen Vortrages in München über ״Zionismus und Liberalismus“ folgendermaßen zusammen: 1. Der jüdische Liberalismus hat nur als religiöse Bewegurig ein Lebensrecht. Dementsprechend dürfen bei Beurteilung anderer Bewegungen mir religiöse Momente maßgebend sein. 2. Die jüdische nationale Bewegung ist im wesentlichen weltlich. Die jüdische Religion erkennt das Recht jeder nationalen Idee an, sofern der der Religion eigentümliche ״religiöse“ und sittliche Anspruch nicht verletzt wird. Man kann also als liberaler Jude die deutsche Nationalidee auch für sich bejahen, mit demselben Recht aber auch die jüdische. 3. Unabhängig von dieser speziellen Einstellung, die letztlich auf einem freien Willensentscheid beruht, muß der Liberalismus die jüdisch-nationale Bewegung aus folgenden Gründen fördern: a) Das Wesen des religiösen Liberalismus besteht darin, daß er die transzendente Offenbarung als inneres Erleben der jüdischen Seele auffaßt, und daß er an die dauernde religiöse Schöpferkraft dieser Seele glaubt. Dementsprechend muß er die äußeren Bedingungen fiir das Wiedererwachen dieses schöpferischen Lebens schaffen. b) In der Urbarmachung und Besiedlung des Heiligen Landes müssen die sozialen und ethischen Forderungen der Propheten, die der Liberalismus als für das Judentum wesenhaft erkennt, verwirklicht werden. Hier kann und muß Liberalismus im Sinne eines religiösen Sozialismus sich praktisch bewähren. c) Die ludenheit ist Schicksals- und Blutsgemeinschaft, d. h. es gehört zum Wesen jüdisch-reHgiösen Lebens, daß wir uns als Enkel derer wissen, die den ersten Funken unseres religiösen Lebens gezeugt (״die am Sinai standen“) und als Ahnen derer, die das religiöse Ideal völlig verwirkliehen (״zu denen der Messias kommt“), zugleich auch als einheitliches religiöses Subjekt in der Gegenwart. Das bedeutet im religiösen Sinn Blutsgemeinschaft Es gilt, diese Gemeinschaft als Gemeinschaft zu sichen».

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