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Jüdische Rundschau · 1926-06-18 · Heft 47 (18.6.1926) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 47 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 340 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47 Kolonisation der Chassidim Von unserem Korrespondenten, AG., Jerusalem, den 9. Juni 1926. Es ist jetzt noch keine zwei Jahre her, daß die ganze zionistische Öffentlichkeit und die zionistische Presse voll waren von Berichten verschiedenster Art über ein neues Werk, das in Palästina entstand: die Ansiedlung cliassidischer Gruppen in der Ebene Jesreel. Zuerst kamen einfache Nachrichten, dann gab es Stimmungsberichte von allen möglichen Standpunkten aus und schließlich setzte eine Flut von Propagandaschriften ein, die die verschiedensten Kreise überschwemmte. Es lag volle Berechtigung darin, daß man dieser Siedlungsarbeit besonderen Wert beilegte und dafür sorgte, daß dieser neue Versuch bekannt wurde. Denn hier kam in der Tat ein Element ins Land, wie wir es bisher in der Kolonisation noch nicht gekannt hatten. Die vierte Alijah hat uns an die Einwanderung von Familiea gewöhnt, während vorher das Gros der Einwanderer aus jungen Menschen bestand, die durch keinen Hausstand behindert waren. Aber die Familien der Chassidim von Jablona und Kozeinitz und ihre Genossen gehörten nicht zu dem üblichen Typus der ״vierten Alijah“, von der wir auch heute noch nicht wissen, weiche Methoden passend sind, 11m sie im Lande zu verwurzeln. Die Chassidim kamen aus Kreisen, die bisher vom Zionismus noch gar nicht berührt waren, für die Palästina ein ganz anderer!' ■griff war als für den durchschnittlichen Zionisten. Und diese Menschen kamen mit der klaren Absicht ins Land, ein vollkor;:::..; neues Leben anzufangen, eine Kolonie, auf ״Lehre und Arbeit“ begründet, aufzubauen. Es schien, als könnte hiermit eine Periode beginnen, in der der Bewegung Kräfte zug:'C1rt wurden, die sie bisher nicht hatte erfassen können. Wirtschaftlich umfaßte die Ansiedlung der Chassidim in Palästina eine ganze Reihe von schweren Fragen. Wir haben in Palästina im Laufe von Jahrzehnten Erfahrungen gesammelt, welche Voraussetzungen die landwirtschaftliche Kolonisation braucht. Wir wissen, daß ohne genügendes Kapital, ohne Beratung durch Sachverständige und ohne ein Minimum von körperlicher Vorbereitung und Kenntnissen der Aufbau einer Kolonie nicht gelingen kann. Sind diese Voraussetztmgen nicht erfüllt, so wird ungeheure Kraft nutzlos vertan und nur äußerste Anspannung und Hingabe an das erstrebte Ziel sind imstande, alle diese Mängel wett zu machen. Die Gründung der Gesellschaft ,,Nachlath Jaakow“ unter der Führung des ״Rebben von Jablona“ faßte, in der Mehrzahl ein ausgezeichnetes Menschenmaterial zusammen. Und nur eine Auslese war imstande, an eine solche Aufgabe mit Begeisterung heranzugehen. Die Begeisterung war vielleicht das beste Kapital, das die Siedler mitbrachten. Denn die Clialuzim der nationalen Kolonien waren auf die Arbeit vorbereitet und die Erbauer der privatwirtschaftlichen Kolonien verfügten im Verhältnis über größere Gelder und Hilfsmittel. Die ersten Versuche, die die Chassidim in Palästina machten, wurden von allen Seiten mit großer Anteilnahme und mit lebhaftem Interesse beobachtet. Aber von vornherein war es klar, daß das nicht genügte. Das Interesse wirkte sich in der Hauptsache darin aus, daß man die Siedlungen besuchte, daß man Aufnahmen machte, daß man diese neue Unternehmung zu allen möglichen Propagandazwecken ausnutzte, wozu sie rfaturgemäß außerordentlich geeignet war. Aber es fehlte von vornherein eine feste und sachverständige Leitung. Bei dieser Kolonisation, die mit unakklimatisierten, an keine schwere Arbeit gewöhnten Menschen operierte, die nur beschränkte Geldmittel zur Verfügung hatten, kam alles auf einen genauen rationellen Plan, auf eine systematische, vorsichtige Investition der vorhandenen Gelder, auf sehr sorgfältige Unterweisung und Führung der neuen Elemente an. Wenn alles dieses vorhanden war, konnte man damit rechnen, die Kolonien durch die ersten schweren Stadien durchzubringen. Und es scheint, daß auch die Chassidim damit gerechnet haben, als sie nach Palästina wanderten. Aber die notwendige Hilfe und Beratung wurde ihnen nur in ungenügendem Maße zuteil. Die Gründe liegen klar. Die drei chassidischen Kolonien trugen einen privaten Charakter. Es handelte sich um eine Gesellschaft, der man beitreten konnte, wenn man nach Palästina ging und ein gewisses Kapital besaß. (Man verlangte in der Regel 500 L, aber es wurden unter dem Drang der Verhältnisse auch Mitglieder aufgenommen, die weniger besaßen.) ln Palästina wurden die Mitglieder der Gesellschaft nicht von vornherein einer bestimmten Gruppe oder Organisation eingegliedert. Die Erscheinung dieser Menschen im Lande bedeutete ein vollkommen neues Phänomen, das erst mit dem Bestehenden verwachsen mußte. Außerdem nahmen ״Nachlath Jaakow“ und seine Schwesterkolonien eine besondere Stellung ein. Sie konnten nicht zur Mittelklasse gerechnet werden, obwohl ihnen auf dem letzten Kongreß ihr Budget aus den Mitteln bewilligt wurde, die für die Kolonisation dieser Schichten bereitgestellt waren. Denn ihre soziale Einstellung hatte nichts mit diesen Kreisen zu tun. Am Anfang war das noch etwas verhüllt. Die Grundlagen, auf denen sich die Siedlungen aufbauteu, hatten halb privaten, halb nationalen Charakter. Ein Teil des Bodens gehörte dem Keren Kajemeth, der ihn für die Chassidim erworben und von ihnen eine Anleihe erhalten hatte, um den Kauf zu erleichtern. Ein weiteres Areal wurde von den Siedlern privat durch die P. L. D. C. gekauft. In dem Vertrag mit dem Keren Kajemeth hatten sich die Chassidim auf Selbstarbeit verpflichtet, aber es war fraglich, wie man dieses in der Praxis würde durchführen können, wenn ein Teil des Bodens privates Eigentum war und die Kolonisten keine Unterstützung vom Keren Hajessod erhielten. So hatten die Chassidim zuerst nur direkte Verbindung mit dem Keren Kajemeth. Erst später kam die Verbindung mit dem Keren Hajessod und damit mit dem Kolonisationsdepartement der zionistischen Exekutive. Die Arbeiterschaft stand von Anbeginn der Ansiedlung bei Jadjur sympathisch gegenüber. Aber auch hier machte sich eine gewisse Zurückhaltung bemerkbar. Auch hier mußte man sich erst an diese neuen Menschen gewöhnen, sie kennen lernen, um zu wissen, was für Aufgaben hier bestehen, was hier zu tun sei und wie sich dieses neue Element an die Landesverhältnisse und an die Prinzipien der Arbeiterorganisatio! anpassen werde. Von Beginn an bestanden Verbindungen zwischen dem benachbarten Nahalal und Nachlath Jaakow. Die Menschen fanden bald Beziehungen zueinander, die erfahrenen Landwirte von Nahalal gaben Ratschläge und wiesen hier und da einen Weg. Aber das konnte natürlich nichts anderes sein als eine begrenzte Erleichterung. Um arbeitsungewohnte Menschen in einem neuen und nicht leichten Klima zur Kolonisation zu befähigen, gehört mehr. Die Institutionen der Arbciterorganistaion standen aber gewissermaßen vor einer Mauer, weil es sich nicht um Menschen ihrer Sphäre handelte. Und so wurden in Nachlath Jaakow Fehler gemacht, unter denen die Bewohner leiden mußten. Die schwere wirtschaftliche Lage in Polen machte sich fühl• har und erhöhte die Schwierigkeiten. Durch den Niedergang in Polen waren Mitglieder nicht in der Lage zu zahlen, andere waren von dem Entschlüsse abgekommen, nach Palistina zu gehen und verlangten ihre Einlagen zurück, die Hoffnung auf verschiedene Arbeiten, die übernommen werden sollten, erfüllte sich nicht. Das Resultat war ein schwerer ökonomischer Druck. Es ist selbstverständlich, daß seine Folgen sich im sozialen Leben der Siedlungen bemerkbar• machen mußten. Nach allen Schwierigkeiten beginnen sich jetzt die Siedlungen der Chassidim in einer neuen. Form hcrauszukristallisieren. Der private Boden wird verkauft, da ohnedies eine Anzahl von Mitgliedern von dem Entschluß abgekommen ist, sich an der Arbeit zu beteiligen. So bleibt nur der Boden des Keren Kajemeth zurück. Die Anleihe, die die Gesellsclmft dem Keren Kajemeth überlassen hat, um den Ankauf des Bodens zu erleichtern, soll zurückgenommen werden. Mit den Geldern, die dadurch flüssig werden, sind die Chawerim im Auslände, die sich von der Gesellschaft trennen und die einzelnen, die aus den Siedlungen ausscheiden, abzufinden. Dann hat die Kolonie wieder die Hände zur Arbeit frei. Aber ihr Charakter hat sich geändert. Aus einer halbprivaten Gesellschaft ist eine Gruppe von Menschen geworden, die auf dem Boden des Keren Kajemeth mit Betriebskapital des Keren Hajessod arbeiten. Auch innerlieh hat sich manches in den Siedlungen gewandelt. Die Elemente, die den Bedingungen nicht gewachsen waren oder sich nicht hineinfinden wollten, werden ausgesondert, und es bleibt ein Kern zurück, eine Auslese, die. imstande sein wird, die Arbeit mit klarem Willen und Energie weiter zu führen. Mit dem Moment, wo diese Umwandlung vollzogen ist, kommen die Kolonien auch unter feste Aufsicht und Leitung. Sowohl die Exekutive wie der Keren Kajemeth und die Zentrale der Landarbeiterorganisation fühlen sich jetzt für diese Arbeit verantwortlich und werden ihre Entwicklung fördern, beobachten und leiten. Damit sind die Siedlungen der Chassidim soweit in ein festes Gleis geführt wie die anderen nationalen Kolonien. Die Entwicklung, wie sie hier skizziert wurde, ist in Palästina vor sich gegangen, ohne daß inan ihr besondere Beachtung geschenkt hätte. Es ist still geworden um die Siedlungen. Die Flut der Artikel hat abgeebbt, der Reisende, der in die Ebene Jesreel einfährt, sieht die Baracken am Wege als etwas Gewohntes. Aber wenn sich auch die Konsolidierung in der Stille vollziehen muß und der ganze Propagandasturm, wie wir ihn am Beginn erlebten, mit Recht als übertrieben und ungesund empfunden wird, soll man zum mindestens aus den Versuchen dieser Kolonien die richtige Lehre ziehen. Daß man gute, aber unerfahren« Elemente, die am Aufbau des Landes mitarbeiten sollen, unter keinen Umständen sich selbst überlassen darf. Eine sorgfältige und detaillierte Anleitung und Führung muß da sein, ein fester Plan muß jeder Aktion zugrunde liegen und die nötigen Sachverständigen müssen zur Stelle sein, sollen nicht Kraft und Kapital unnütz vergeudet werden. Freilich darf man auch nicht übertreiben und tendenziöse Auslegungen benutzen. Die Schwierigkeiten, die die Kolonien zu überwinden haben, sind nicht nur begründet durch Fehler, die in Palästina begangen werden. Eine große Rolle spielte bei der Entwicklung die Lage im Galuth, die ökonomischen Zustände in Polen, die von uns und unserem Einfluß nicht abhängen. Außerdem bringt jede neue Arbeit, jeder neue Versuch seine besonderen Probleme und Schwierigkeiten, die man nicht von vornherein übersehen kann und die man erst in ihrer Eigenart und Besonderheit kennen lernen muß, ehe man sie überwinden kann. Bei einem lebendigen Werk gibt es keine starren Regeln und Schablonen. Aber es gibt Erfahrungen und die muß man nützen. In diesem Sinne ist die Ent- Wicklung der chassidischen Kolonien eine Lehre für uns und unsere Kolonisation. Und gerade Elemente, die Kapital und soziales Verständnis haben, sind geeignet, die Basis unserer Arbeit zu erweitern und bedürfen der sorgfältigsten Hilfe und Förderung. Wtltkoigress Ilr |fld!sehe Musik in Jerualtn Jerusalem, 13. Juni. (J.T.A.) In den kommenden Passahtagen wird in Jerusalem ein Weltkongreß für jüdische Musik abgehalten werden. Eine Anzahl prominenter jüdischer Musiker in Europa und Amerika hat bereits die Teilnahme an diesem Kongreß angekündigt. * Jerusalem, 13. Juni. (J. T. A.) Der bekannte jüdische Komponist und Musikförderer Joel Engel begeht demnächst das Jubiläum seines 25jährigen musikalischen Schaffens. Aus diesem Anlaß errichten die jüdischen Musiker Palästinas auf den Namen Engels ein Haus der Musik in Tel-Awiw; die Gemeinde von Tel-Awiw hat für diesen Zweck bereits ein Grundstück zur Verfügung gestellt. Fortschritte der ״Freude lirael“ Rom, 14. Juni. J.T. A. hat bereits über die Gründung der ״Freunde Israel“ berichte^ einer Gesellschaft von katholischen Priestern, deren Ziel es ist, die Liebe zum Volke Israel überall in der Welt zu predigen. Der Präsident der Gesellschaft, Kardinal Van Ross u m, hat in seiner Eröffnungsrede darauf hingewiesen, daß sowohl Christus selbst wie auch sämtliche Apostel und alle die Frühchristen dem hebräischen Volk angehörten, und daß Christus wiederholt seiner Liebe für dieses sein Judenvolk Ausdruck verlieh. Infolgedessen sei der Judenhaß unter den christlichen Völkern ganz unangebracht, deshalb wolle die Gesellschaft dem Werk der christlichen Liebe zum Judentum dienen. Der Gedanke rührt von einem holländischen katholischen Priester, Pater Antonio Van Asseldonk, her, der seit November 1925 an der Ausarbeitung dieser Institution wirkt. Es gelang ihm bisher in Europa, in Südamerika, in den Vereinigten Staaten und in Kanada 7 Kardinale, 50 Erzbischöfe dem Unternehmen zu gewinnen. In Holland ist der Plan sozusagen schon in sämtlichen Diözesen durchgeführt; in Belgien und in Frankreich betätigen sich in dieser Richtung die Mönche des Ordens vom Berge Sion. In Finnland haben sich sämtliche Priester in die Reihe der Mitglieder dieser Institution aufnehmen lassen. — Das Werk wendet sich auch an die Laien- Christen, denen die ״Freunde Israel“ eine Liebe für das Volk Israel lehren werden. ZioDismas nid Pazifismus Von Herbert P011 ack. Mau kann die Forderung des Pazifismus auf zwei Arten begründen. Entweder ist man Pazifist aus Moral: man lehnt jede Gewaltanwendung als schlechthin unsittlich ab. Oder man ist Pazifist aus Vernunft: man lehnt den Krieg nicht grundsätzlich ab^ hält ihn aber angesichts der Entwicklung der modernen Tauschwirtschaft einerseits und der modernen Mordtechnik andererseits für unsinnig und bemüht sich des• halb, kriegerische Verwicklungen möglichst zu vermeiden und die unvermeidlichen — es gibt solche — schleunigst zu beenden. In diesem Sinne dürfte jeder vernünftige Mensch Pazifist sein. Anders steht es mit dem Pazifismus aus Moral. Man kann das Prinzip der unbedingten Gewaltlosigkeit aus ebenso guten Gründen für schlechthin sittlich wie für schlechthin ünsitt• lieh halten. Die Entscheidung steht bei dem wertenden Urteil des Individuums. Wird sie aber aus dem Bereich des persönlichen Gewissens in den der Kollektivmoral gezogen, wird gefordert, daß ein Volk sein politisches Tun nach dem Grundsatz der Gewaltlosigkeit einrichte, dann muß die Oeffcntlichkeit sich damit auseinandersetzen. ln einem Artikel ״J udentum und P a z i f i s m u s“ (Nr. 38/39 der ״Jüdischen Rundschau“) verficht Hans Kolm den von ihm auch sonst vertretenen Gedanken der Wesensgleichheit von Pazifismus aus Moral und politischer Idee des Judentums. Diese Ideologie fängt nachgerade an, sich politisch in einer von vielen Zionisten mißbilligten Art und Weise auszuwirken. Man tut deshalb gut, sie einmal auf ihre Haltbarkeit zu prüfen. Die Assimilation vertraten und vertreten wohl heute noch zum Teil die Missionstheorie. Sie besagt kurz gefaßt: Das Judentum ist der Friede, die Freiheit, die soziale Gerechtigkeit. Deshalb liegt es im Plan der göttlichen Vorsehung, daß die Träger dieser erhabenen Ideen über die ganze Welt zerstreut seien. Wir Zionisten haben diese Theorie stets belächelt als einen würdelosen Versuch, nationales Kastratentum in eine besonders erhabene Mannhaftigkeit umzustilisieren. Daß die Prämissen dieser Theologie unter Fortlassung ihrer bewußt-assimilatorischen Folgerungen einmal zu Forderungen an die zionistische Politik erhoben werden könnten, kam uns nicht in den Sinn. Der zitierte Artikel von Hans Kohn stellt diese Forderungen. Gewiß, es ist nicht schwer, aus dem jüdischen Schrifttum, zumal aus dem Buche Jesaja, eine starke pazifistische Strömung im jüdischen Volke aufzuzeigen. Aber nicht mehr Mühe macht es, aus den Quellen nachzuweisen, daß unser Volk bis zur Zerstörung des zweiten Tempels, bis zum Beginn des hoffnungslosen Golus ein kraftvolles und kriegsgewohntes Volk gewesen ist, daß die Lehre ״Liebet eure Feinde’’ — mag auch ein Jude sie ausgesprochen haben — die Lehre einer an Leib und Seele gleichermaßen degencrierten, einer Weltuntergangsepoche war. ln seinen gesunden Zeiten, da es eigenes Land, eigene Sprache, eigene Sitten, eigenen Staat hatte, war das jüdische Volk ein Volk wie andere auch. Nichts Menschliches war ihm fremd, nicht Haß noch Liebe. Im Augenblicke höchster nationaler Not erstanden ihm seine Propheten, die wahrlich nicht alle Propheten des Pazifismus waren: stehen doch neben Jeremia und Jesaja Jecheskal und Arnos, Josea und Nachune. Bleibt zur Stützung der Kohn’schen Anschauung die Geschichte des Golus. Aber ist die Geschichte eines von Land zu Land, von Pogrom zu Pogrom gehetzten Pariahaufens die Geschichte eines Volkes? Hat sie einen Wert für den ungeheuren Versuch einer nationalen Erneuerung? Nein! Die Geschichte des Golus, den Demutsgeist des Ghetto zur politischen Idee des Judentums zu erheben, ist — Assimilation. Judentum, was ist das? Eine Abstraktion, ein Gespenst, eine der vielen Unwirklichkeiten, mit denen assimilatorische Aufklärer die jüdische Wirklichkeit, das jüdische Volk totzuschlagen versuchten. Das jüdische Volk aber lebt in seiner greifbaren Körperlichkeit. Warum sollen gerade die nationalistischen Konstruktionen seiner schlimmsten Verfallszeit, die Theorien von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit Normen seiner nationalen Zukunft werden? Sie sind nicht jüdischer als die Lehre vom Jenseits und von der Erbsünde. Das Judentum ist eine Irrealität, ein Gedankending. Das jüdische Volk ist Wirklichkeit. Es hat keine politischen Ideen, sondern eine politische Aufgabe. Sie heißt: Der J11denstaat. Erst in ihm ist die Einheit von Lehre und Leben wieder möglich. Er ist die Bedingung unserer sittlichen Existenz. Oer wahre Gruni Die Vereinigung ״Für deutsches Recht und deutsche Volksgemeinschaft“ in Döttingen gab zu dem Fall Lessing eine Erklärung ab, in der cs heißt: ״Es handelt sich letzten Endes nicht um Hannover und nicht um Herrn Lessing, es handelt sich um unser Volk. Der vorliegende Fall hat ja jedem, der sehen will, in grellster Weise die Augen darüber geöffnet, was es zu bedeuten hat, wenn die deutsche Jugend den Lehren fremdbliitigcr, insbesondere jüdische? Hochschullehrer ausgeliefert ist, welche gar nicht in der Lage sind, ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen, nämlich die, die eigene Wesensart ihrer Hörer zu stärken und zur Vollendung zu führen. Sie sind untauglich, deutsche Menschen zu belehren, weil sie für die dem deutsehen Gemüt unentbehrlichen Ideale des Rechts und der Ehre ihrem Blute nach weder Verständnis noch auch den guten Willen haben, sich ernstlich in sie liineinzuleben.“ * In einem autobiographischen Aufsatz ״Gerichtstag über mich selbst“, der in mehreren Tageblättern erschien, schreibt Theodor L e s s i n g auch über seine Stellung zum Zionismus. Es heißt in diesem Aufsatz u. a. ,,Als ich mündig wurde, ließ man mir die Wahl, zu welcher Konfession ich gehören wolle. Und ich wählte, durchaus mir aus Bequemlichkeit, die evangelische. Gerade damals aber kam mir zum Bewußtsein, was es heißt, als Jude geboren zu sein. Unter meinen Schul- und Studiengenossen hatte ich nicht als solcher zu leiden. Aber nun sah ich unter diesen Gefährten zum ersten Male sich ,antisemitische‘ Neigungen erheben. Ich schämte mich dann, bei dergleichen nicht zu widersprechen. Andererseits wußte ich ja aber fast nichts vom Judentum. Da hörte ich um 1900 zum ersten Male vom ,Zionismus‘ und stieß auf ein selbstbctontes, würdebereites Prinzip. Ich wurde nun zwar an meiner deutschen Wesensart nicht irre, aber ich empfand es als geschmacklos, deutsch sein zu wollen; ich fühlte ja, daß man mich abdrängte und ausstieß. Die Entscheidung aber brachte der mächtigste der Götte!. Ein Mädchen aus altem Preußenadel schenkte dem namenlosen Studenten fanatische Leidenschaft und verließ, als ihre Militär- und Junkersippe, stolz auf Verwandtschaft mit dem Hohenzollernhaus, die bürgerliche und judenblütige Verbindüng ablehnte, folgerichtig ihre ganze alte Tradition. Beide wurden nun Freiwild. Die Folge davon war, daß meine junge Frau und ich, allen zum Trotz, begeisterte ,Zionisten‘ wurden, daß unsere Kinder jüdische Namen bekamen, und daß ich nunmehr erst offiziell zum Judentum übertrat oder besser zurücktrat.“

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