Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 45 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sdte 329 Weizmanns Ankunft verschoben Professor Weizmann hat wegen dringender politischer Angelegenheiten Genf verlassen und sich nach London begeben. Durch die unvorhergesehene Londoner Reise Prof. Weizmanns erfährt der Ankunftstennin in Berlin eine Verschiebung. Prof. Weizmann drahtet uns aus Genf, daß er am Sonntag, den 13. d. M. nicht in Berlin sein kann. Aus diesem Grunde kann der für Sonntag, den 13. d. M. angesagte Gesellschaftsabend im Saale der Philharmonie nicht stattfinden. (Siehe die Mitteilung im Inscratenteil.) Weizmani in Paris Paris, 7. Juni. (J. T. A.) Prof. Weizmann ist am <1. Juni in Fans eingetroffen. Heute, Montag, den 7. Juni, traf er mit dem hier weilenden französischen Oberkommissar fiir Syrien, Herrn de Jouvenel, zusammen. Morgen, Dienstag, begibt sich Dr. Weizmann nach Genf. Paris, S. Juni. (J.T. A.) Jouvenel nahm an der gestern zu Ehren von Dr. Weizmann im Riesensaal des Trocadero veranstalteten Massenkundgebung teil und drückte in seiner ■spräche seine große Bewunderung für das jüdische Aufbauw« ׳n Palästina aus. Ich beneide Großbritannien, sagte Ft ■ic Jouvenel, daß es die Aufgabe hat, das Palästiiia-fu ,.uat zu verwalten. Diese Aufgabe ist weit verlockend־!״ als die Verwaltung des Mandats für Syrien, weil in Palästina eine jüdische Bevölkerung lebt, die friedlich und hingebungsvoll dem Aufbau des Landes obliegt. Ich hoffe, daß zwischen den Franzosen in Syrien und den Juden in Palästina eine Zusammenarbeit in ausgedehntem Maße sich entwickeln wird. Dr. Weizmann sagte in seiner Dankrede, die Grundpolitik in Palästina sei die Förderung einer t'reundschaftliehen Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern. Es sprachen noch Rechtsanwalt Corcos französisch, Leo Motzkin jiddisch und Hillei Slatopolskv hebräisch. Palästina •Bericht nächste Wtche Genf, 8. Juni. (J.T. A.) Heute fand programmäßig die Eröffnung der Session der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes statt. Als Vertreter der palästinensischen Judenheit wohnten der Eröffnungssitzung der frühere Bürgermeister von Tcl-Awiw Dizengoff und Dr. Arlosoroff bei. Gleich zu Beginn der Sitzung erklärte der Präsident der Mandatskommission, der Holländer van R c c s, die Mitglieder der Mandatskommission hätten noch keine Zeit gefanden, den Bericht der englischen Regierung über die Verwaltung Palästinas im Jahre 1025 zu prüfen, da dieser Berieht von der englischen Regierung erst gestern, den 7. Juni, dem Völkerbund zugestellt worden ist. Die Behandlung des Palästinaberichtes, die für heute festgesetzt worden war, müsse deswegen verschoben werden. Präsident van Rees beantragte, den Palästinabericht erst in der Oktober-Session der Mandatskommission in Behändlang zu ziehen. Prof. Rappard sprach sich entschieden gegen den Antrag des Präsidenten aus und wünschte, daß der Bericht noch in der gegenwärtigen Session behandelt werde. Seine Ausführungen wurden vom Kommissionsmitglied Wiek seil unterstützt. Die Mehrheit der Mitglieder der Mandatskommission stimmte dem Antrag Rappard und Wicksell zu, so daß der Palästinabericht voraussichtlich in der nächsten Woche zur Verhandlung kommen wird. Der Cliefsekretär der Palästina-Regierung, Colonel Symes, wird der Mandatskommission Aufklärung über die l age Palästinas geben und die Fragen der Kommissionsmitglieder beantworten. Genf, 7. Juni. (J. T. A.) Die in Genf eingetroffene Abordnung des Waad Leumi ist vom Direktor der Mandatsahteilung des Völkerbundes empfangen worden. Genf, 9. luni. (J. T. A.) Der Genfer jüdische Studentenverein ״Hascnachar” veranstaltete zu Ehren der Delegierten des Waad Leumi einen Begrüßungsabetid. Ansprachen hielten Rabbi Uziel, Dizengoff und Dr. Arlosoroff, sowie der Genfer Vertreter des Komitees der jüdischen Delegationen Herr Z. A b e r s 0 n. iie Berichterstatter ia Gei»! Genf, 9. Juni. (J. T. A.) Wie der JTA-Vertreter erfahrt, werden der griechische Vertreter Leopoklo P a 1 a c i o s über das Memorandum der arabischen Exekutive und die norwegische Vertrödln Frau Bugge-Wickseil über die Petition der Agudas Jisroel während der jetzigeen Tagung der Mandatskommission in Genf referieren. Genf, 8. Juni. (Schw. Dcp.-Ag.) Die Mandatskommission des Völkerbundes bestellte für ihr Büro Marchese T c o d o 1 i als Präsidenten und van Rees als Vizepräsidenten. Hierauf beschloß die Kommission auf Verlangen der britischen und der französischen Regierung, die Prüfung der Mandate über den Irak und Syrien auf Oktober zu verschieben. Palästina au! dem BongreR Ihr Franenreehte Paris, 5. Juni 1 9 26. (J.T. A.) De Führerin der palästinensischen Vertretung auf dem gegenwärtig in Paris stattfindenden internationalen Kongreß für Fraueurcchte, Frau Dr. Welt-Straus, hielt eine Rede über die Lage der Frauen in Palästina und führte aus: J11 Palästina, wo sich drei Kontinente und drei Religionen begegnen, wo Friede gepredigt wird und Wohlfahrt gedeiht, gibt es nur eines, in das alle übereinstiminen: die Rechtlosigkeit der Frau. Die Lage änderte sich, als Jüdinnen aus dem Westen kamen, Frauen aus den freien Ländern Europas und Amerikas, und sich plötzlich aller Rechte die sie in den anderen Ländern genossen, beraubt sahen. Es begann der Kampf um die Befreiung. Zuerst für das Stimmrecht der Frau. Nach langem und schwerem Kampfe erhielten die jüdischen Frauen das Stimmrecht bei den Wahlen zur jüdischen Nationalversammlung. Im Jahre 1025 wurden 27 Frauen in diese Nationalversammlung gewählt: 13 auf den Listen der Arbeiterorganisationen und anderer Gruppen und 14 auf der Liste des palästinensisch-jüdischen Frauenverbandes. Unser Ziel ist, für die Frauen in Palästina gleiche bürgerliehe Rechte, gleiche Arbeitsbedingungen, Gleichheit in der Ehe, Vormtmdschaftsrecht usw. zu erringen. Lrh5h!ug ies Emigralisisbidgets Jerusalem, 6. Juni. (J.T. A.) Die zionistische Exokutive in Palästina hat sich genötigt gesehen, das für dieses Jahr mit 40 000 Pfund veranschlagte Einwanderungsbudget auf 60 000 Pfund zu erhölicn. Grund hierzu sind die steigenden Erfordernisse infolge des Übergewichts der kapitalslosen Chaluzim bei der Einwanderung und des Sinkens der Einwandererzahl kapitalkräftiger Personen. Zwecks Versorgung der neu cintrcffenden Emigranten mit Arbeit bewilligte die Exekutive einen Zuschuß von 15 000 Pfund zum normalen Arbeitsbudget, so daß die Gesamtausgaben des normalen Arbeitsbudgets sich auf 38 (WO Pfund belaufen. Soeben sind vom Komitee des amerikanischen Zionisten- Drives auf telegraphischem Wege 50000 Dollar als Spezialleistung außer der normalen monatlichen Zuweisung des .Drives eingetroffen. Diese Summe ist für Erhöhung des Arbeitsbudgets, um der Arbeitslosigkeit in Palästina zu steuern, bertimmt. Sie wird zu Darlehen an Stadtverwaltungen und Arbeiterkooperative״ zwecks Ausführung von öffentlichen und privaten Arbeiten in den Städten und in den Kolonien verwendet werden. Begi■■ der neuen Tätigkeit des KKL. in Enek Jesreel Jerusalem, 2. Juni. (P. C.) Nach einer längeren Pause in den Entsumpfungs- und Sanierungsarbeiten beschloß das Direktorium des Keren Kajemeth, in Kürze an die Ameliorierungsarbeiten auf den an Nahalal angrenzenden Böden hcranzutreten (Djebata, Knefes, Varakani, Tel-Schemam und Abu-Schuscha). Diese im Vorjahre erworbenen Böden machen zusammen mit dem soeben erworbenen Boden eine Fläche von 45 000 Dunam aus und erfordern vor allem eine große Trockenlegungsarbeit. Für diese Arbeit wurde ein Budget von 30 (MX) £ bewilligt. Ebenso wurden vom Direktorium 22 000 £ für verschiedene Arbeiten in der Akko-Ebene bewilligt, wie Entsumpfung, Wegebahnung, Wasserversorgung usw'. Der Beginn der Arbeiten kann noch nicht bestimmt werden, weil sich noch andere Institutionen an den Ausgaben beteiligen müssen. Selbsthilfe Von unserem Korrespondenten. A. G. Jerusalem, den 2. Juni 1926. Die Delegation des Waad Leumi zur Sitzung der Mandatskommission des Völkerbundes in Genf bedeutet den ersten selbständigen politischen Schritt des Jischuw nach außen hin. Zur selben Zeit, wo die palästinensische Judenhaß auf politischen! Gebiet die Initiative ergreift, entsteht der Plan einer Aktion mit dein Ziel der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Es ist jetzt bereits viele Monate her, daß die wirtschafthche Spannung im Lande anhält. Es ist bisher nicht gelungen, die Zahl der Arbeitslosen zu verringern und der Wirtschaftliche Druck, der auf diesem Teil des Jischuw lastet, wird von Monat zu Monat starker fühlbar. Die Reserven — wenn solche vorhanden waren werden auf gebraucht,. Kredit ist immer schwerer zu bekommen, wenn keine feste Stellung Sicherungen bietet und der einzelne steht, wenn nicht dazwischen wieder ein paar Arbeitstage kommen, hilf- und mittellos da. Wie man aus allen Palästinanachrichten ersehen kann, ist es bisher trotz allem immer noch gelungen, das Gleichgewicht einigermaßen aufrecht zu erhalten. Durch die Anstrengungen der leitenden Institutionen wie der Executive und der Stadtverwaltung Tcl-Awiw wurde immer wieder Arbeit für eine gewisse Anzahl geschaffen und die Arbeitsämter sorgten dafür, daß die Arbeitsmöglichkeiteil, die vorhanden waren, so verteilt wurden, daß sie für eine möglichst große Anzahl ausreichten. Die Schichten wechseln untereinander ab, so daß der einzelne nur ein oder zwei Tage in der Woche an die Reihe kommt und die übrigen Tage für andere, die es ebenso nötig haben, frei werden. Es ist selbstverständlich, daß dieses System nur die allerprimitivsten Bedürfnisse befriedigen kann und es gehört das volle Verständnis und die Gewöhnung an gegenseitige Hilfe dazu, wie wir sie in Palästina aus langer Erfahrung kennen, 11m dein Arbeiter das Leben erträglich zu machen. Es ist jedoch fraglich, wie lange dieser Zustand haltbar ist, wie lange die Arbeiterschaft diese Konzentration aller Kräfte durchführen kann. Und es gibt im Lande heute Kreise, die zahlenmäßig schwer zu erfassen sind, weil sie keiner Organisation angehören, und die in keiner Statistik in Erscheinung treten, und bei denen der wirtschaftliche Druck sich ebenfalls schwer bemerkbar macht. Dahin gehören viele Einwanderer, die uns die letzten lall re gebracht haben, die sich ökonomisch mit ihren geringen Mitteln nicht basieren konnten, und jetzt auf irgend eine Weise in die Volkswirtschaft eingegliedert werden müssen. Dieses Problem ist besonders schwer zu lösen, weil es sich vielfach um Familienväter handelt, die noch dazu keine Aus- Bildung in den Berufen besitzen, die wir uns mit ״produktiv" zu bezeichnen gewöhnt haben. Im Kampf um die Basierung der Elemente, die heute im Lande sind und um die Schaffung neuer freier Positionen für die kommende Einwanderung muß man, was heute bereits überall erkannt wird, zwei Phasen unterscheiden: Zuerst einmal muß der momentane Druck erleichtert und die Arbcitslosigkeit behoben werden. Weiterhin gilt es dann, Finanz- und Wirtschaftsmethoden zu finden, die uns in den Stand setzen, eine so umfangreiche Einwanderung, wie wir sie in der letzten Zeit gehabt haben, auf/.tinehmen und zu konsolidieren. Für dieses zweite sind sehr große Mittel notwendig, besonders, da die letzten Ereignisse in Europa es wahrscheinlich machen, daß wir in den kommenden Jahren nur in geringem Maße Einwanderer haben werden, die ausreichendes Eigenkapital besitzen, um sich ohne Hilfe oder nur mit geringer Unterstützung von außen eine Existenz zu schaffen. Hier werden die verschiedenen Anleiheprojekte ein greifen müssen, die in letzter Zeit sehr ernsthaft von den berufenen Stellen untersucht werden. Heute gibt es für diese Arbeit auf weite Sicht noch keinen klaren und ausreichenden Plan. Der Jischuw erwartet in nächster Zeit gewisse Erleichterungen von der Anleihe von 50 000 £, die Weizmann nach den letzten Nachrichten in London erhalten hat und die außerhalb der Grenzen des gegenwärtigen Budgets fallen. Unterdessen hat sich aber die Judcnheit Palästinas, die naturgemäß danach streben muß, im Moment Hilfe zu schaffen, ein Projekt aufgestellt, daß dem Jischuw die Möglichkeit geben soll, sich aus eigenen Kräften über die gegenwärtige schwere Zeit hinwegzuhelfen. Der Waad Leumi hat in seiner letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, Mittel aufzubringen, die dem J i s c h u w .d i e Durchführung verschiedener Aufgaben in der Stadt und auf dem Lande ermöglichen. Es handelt sich nach den vorhandenen Plänen nicht um irgendeine Arbeitslosenspende, sondern um den Versuch, Kapitalien auf Aktien zu bekommen, gewissermaßen in Form einer inneren Anleihe. Der Waad Leumi hat nach der Beschlußfassung über die Einleitung einer solchen Aktion besondere Kommissionen gewählt, die den Auftrag haben, die Ausführung dieses Unternehmens im einzelnen klarzulcgen. Dieser Versuch des Jischuw zur Selbsthilfe ist sehr zu begrüßen. Er ist für die Stimmung in Palästina und für An der Peripherie der ״Habimah“ (Unvoreingenommene Randbemerkungen.) Von unserem Wiener b. G.-Korrespondenten. ״Habimah“, Europas hebräisches Theater war in Wien und wurde von der gesamten Presse mit seltener Einmütigkeit in alle Himmel, die sonst Juden verschlossen sind, gelobt. Und das mit Recht, denn dieses Gastspiel war ein Ereignis. Was aber da von den meisten Blättern — nicht genannt sollen sie werden! — an Unsinn zusammengeschwatzt wurde, war eine Manifestation von Ignoranz und verantwortungsloser Whwatzsuelit, wie sie selten klarer zutage trat. Der leichtfertige Wiener Fcuilletonismus stürzte sich auf die ״Habimah“, servierte sie als echt Wiener literarisches Goulasch, aber die tertii gaudentes waren wir, die es fressen mußten, wahr- Hch nicht . . . Eine Portion ״Habimah“? Bitte sehr, bitte gleich! . . . Auf, laßt uns mit Kraus sagen: ״Kusch!“ Vor allem: Wenn auch manches nicht kritiklos hingenommen werden darf, als ganzes war es ein köstliches Ereignis. Ein Ereignis schlechthin, Hebräisch von der Bühne zu hören, Hebräisch in diesem erstickenden Milieu, da die liberale und zionistische Assimilation einander nicht allzu viel vorzuwerfen hat. Schauspieler und Regie: die Möglichkeiten des Theaters, die Möglichkeiten des darstellenden Individuums und der darstellenden Gruppe werden ausgeschöpft bis zur letzten Neige. Stellenweise steigern sich Meisterleistungen in die Sphären höchster Eindringlichkeit, ohne an das wohl großartige, aber Entlassende Virtuosentum, sagen wir des New Yorker jiddisehen Künstlertheaters von Morris Schwarz zu erinnern. In diesem Dybuk lag Seele, mehr noch: Neschume. Hadybuk: gelungener Versuch, jüdischen Stil zu schaffen. Sprache, Bewegungen und Geste wird aus dem Volk geschöpft, stilisiert, fixiert, unerhört plastisch gestaltet. Der Versuch (der den ״Wilnaern“ nicht ganz gelungen ist), das immer wieder auseinanderflatternde — vom künstlerischen Standpunkt höchst problematische Stück zu geschlossener Einheit zu bringen, gelingt hier, indem die einzelnen Bilder in höchst geschlossener Prägnanz und Bildhaftigkeit gefaßt werden. Es sind Bilder von verblüffend künstlerischer Wirksamkeit und Eindringlichkeit, wie sie nur ein ganz starker künstlerischer witte hervorbringen kam. Es ist natipüdi längst mobt md* das Stück Anskis, das hier gespielt wird — das ist das herrliche an diesem Stück, daß man daraus machen kann, was man will —; es ist der künstlerischeste Ausdruck jüdischen Lebens, der je gefunden wurde. Die Verbeugung vor der sozialen Revolution und der Staatsmacht der Sowjetunion, die im — ganz unglaublichen, hinreißenden — Bettlertanz des zweiten Aktes liegt, stört wenig. Ein Kompromiß, das wohl nicht ganz vom Künstlerischen Herzen kam, das aber dem verdammten jüdischen Klerikalismus das blutrote Pflästerchen auflegte, das ihn vor der russischen Zensur schön machte. Dieser ״Hadybuk“ ist ein wenig realistischer aufgefaßt, als jener ״Dybuk“ "der ״Wilnacr“, weniger in jene mystischen Zonen zerflatternd, da Regie- und Darstellungsmängel einfach in das Halbdunkel theatralisch - kosmischer Niggunim verdämmern ohne weiter aufzufallcn. Hier gibt es keine verschwimmenden Linien und selbst die Mystik ist hier plastisch fixiert. Da heißt es: das ist mystisch, jenes ist von dieser Welt — Schluß: dabei bleibts. Da gibts kein Entweder-Oder; Licht und Dunkel ist ein für alle Male richtig dosiert und an diesen Dosen wird nichts mehr geändert. Was Wunder also, daß einzelne der Figuren, die in der Auffassung der ״Wilnaer“ in überragend führender Größe, auf das Publikum, das nach Geschäftsschluß für Mystik immer etwas übrig hat, besonders wirken mußten, hier in kleinere Umrisse zusaminetischrumpfen. Noe Nachbusch des ״Wilnaers“ Meschulach war ein Bote aus anderen Welten (nebenbei gesagt: selbst in der Erinnerung noch, ein starkes Erlebnis), ein Verkünder der Ereignisse, hier aber wird er zum Schatten der Geschehnisse, der ihnen auf den Fuß folgt in nicht weniger erschütternder aber durchaus anderer Maske. Ueberhaupt die Masken. Holzschnitte aus alten Haggadahbüchern; und der Bettlertanz: Höllenbreughel plus Kubin. Aber was den Zaddik betrifft: Morevsky von den ״Wilnaem“, sollte bei der ״Habimah“ sein! Mit Zemach abwechseln. Zemach als Zaddik ist eine Individualität, aber Morevsky ist aaefa eme! ״Hadybuk“ weist den Weg zu jüdischem Stil, zu jüdischer Theaterkultur — wenn eine solche überhaupt möglich ist und wenn es möglich sein wird, die russischen, also fremden Eiemente aufzufinden und auszumerzen. Aber bis dahin kann man den völlig proportionierten russischen Einfluß hinnehmen, denn er ist dar Seche näher ais ״®endan andeeer Eacapas. Der russische Einfluß! Wenn er zu stark wird, bringt er das Jüdische um, besonders auf der hebräischen Bühne, die ja, seien wir ehrlich, heute, sonderlich in Europa, noch ein wenig Treibhausding ist, (Schuf sic sich doch nicht aus einer hebräischen Masse, sondern will. diese erst gestalten!) ״Jaakobs Traum“ unterlag diesem Einfluß. So wurde das Stück, das — m. E. mit der deutschen Sprache steht und fällt — zu einem konsternierenden Mißgriff. Das hebräische Theater ist eben noch nicht soweit, um sich aus dem Kreis seiner primären Aufgabe, der künstlerischen Erfassung eines selbsterlebten jüdischen Milieus, hinauswagen zu dürfen. Das hebräische Tiieater, und mit ihm auch das jiddische, bedarf heute noch der stillen innigen Nesclnime; mit dem großen, teierlichen!■?nach kam! es noch nichts anfangen. Da muß es sich ängstlich, instinktiv nach Hilfe Umsehen, Anleihen machen hei fremder, russischer Mentalität. Die Gefahr ernüchternder, artistischer Kunststücke liegt verdammt nahe . . . Der erste und der zweite Akt von ״Jaaköbs Traum“ ist nicht schlechter und nicht besser als auf irgendeinem erstklassigen Tiieater, aber, ״zum Teufel“, fragt man sich,, ״warum sprechen die Menschen dort oben eigentlich hebräisch? Sie könntens doch ebensogut in Esperanto!“ Bald hatte man es heraus: es ist ein Esperantomilieu, ein künstlerisches Milieu, in dem .-diese Menschen sein wollen, selbst wenn hie und da, so in der Freilassungsszene und besonders in der Versöhnungsszene ein menschlicher Ton aufklingt. Kein Dyhuk kann hier von einer jüdischen Seele Besitz ergreifen, denn hier ist keine jüdische Seele. Der große, der ganz, große, der erschütternd große Mißgriff aber liegt im dritten Teil. Hier tritt ein bedauerliches Verkennen der Mission des hebräischen Theaters zutage und man fragt nicht mehr, warum diese vorzüglichen Schauspieler nicht Esperanto sprechen, sondern man fragt mit großer Berechtigung, warum sie nicht russisch sprechen. Ja, es gelingt, den Zuschauer in den Bann der Dichtung zu zwingen, aber nicht im jüdischen Sinne, sondern im Sinne der russisch-orthodoxe« Kirche. So etwa dürfte sich die Erscheinung der vier Erzengel und ihr Auftreten im Gehirn und im Gefühl des rechtgläubigen Muschik widerspiegeln, wie sie uns hier präsentiert werden. Ikone, leibhaftige, lebende Ikone stehen, gokl- und silberüberladen auf den Bergesspitzen und unten agiert ein rustikalpatäatciiaSsdier Mephisto — die tttone stad die Erzengel