Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 38-39 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 294 JüEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38 39 Politische Literatur An ft .11 ו/ erster Stelle steht in der |x>litisd1cn Literatur der letzten Jahre das letzte Werk des großen englischen (h'lehrteii :.u.i liberalen Politikers James Bryce über ,,Moderne I! e in o k r a t i c ri“, 1021 kurz vor seinem Tode erschienen׳ und in deutscher Sprache (übersetzt von Karl l.oewensUin und Albrccht Mciulelssolm-Bartholdy) nunmehr von dem uni die politische Bildung in Deutschland hoch verdienten I > r e i - A\ a s k e n ־ V e r I a g (München) herausgebracht (102:1 1920, 1 Bdc.). Bryce gibt hier eine Analyse und zimt teil auch Soziologie der demokratisch regierten Staaten; mit groll er Objektivität zeigt er die Probleme, mit Gerechtigkeit wagt er die positiven und negativen I 1fahrungen, um zum Schluß doch zu einer Bilanz zugunsten der Demokratie zu gelangen. Von großem Interesse ist die Darstellung der I iiirichtiingcn in den demokratischen Staaten: I rankreicli, Sclnvei/, die angelsächsischen Staaten, Latein• amerika; konstitutionelle und administrative Eigenarten gcwahren Einblick in den Charakter der Völker. Das (mutdmotiv bei Bryce ist »die Erkenntnis, daß Demokratie ein dynamischer Prozeß ist; sie muß gleichzeitig Erziehung des Volkes sein, mau muß dem Volke Zeit: lassen, in die Auigabrti hineinzmvachseit. Uhne fortschreitende politische Erziehung sind die Schattenseiten der Demokratie größer als ihre Vorteile. Dies ist eine wichtige Erkenntnis für jede demokratisch aut'gihaute (ioimiii.echaft. Im biklungsmäßigcn Sinne gibt dieses Btieii e.n Stück Erziehung; die wahre Er- Ziehung allerdings gibt nur das Lehen und die Verantwortung. Ein Liu/elprobk 111 von allgemeiner Bedeutung behandelt die Monographie ״Die vielsprachige Schweiz. Eine Lösung des Nationalitäten;!!׳,ob'cm Von Hermann Weilen nra 11 n (Rhein-Verlag, Base,). Das Buch gibt eine fesselnd gcschriebene Geschichte der Schweiz ״ui der Zusammenfassung der vier nationalen (irupnt 11 durch de 1 gemeinsamen Staatswillen. Nach wechselnden I-basen wird die Verfassung endlich auf Völliger Gleichberechtigung der Sprachen aufgebsiut, ohne־ ״herrschende N;11io 11alii.it־. l iu uns Zionisten, die das künftige Palästina wiederholt als ״semitische Schweiz" bezeichnetcn, ist dieses Buch von ln׳v.>1v.k־n־m Interesse. Ist hier ein Spe/ialprohlcn auf kleinem Gebiet gelöst, So bietet das britische Weltreich ein schon durch seine Dimensionen cin/igarlige.; und in seinem Wesen eigenartiges politisches Gebilde, das was nicht immer beachtet wird seine endgültige Form noch keineswegs gefunden hat. Fs ist nicht ein ״Staat" im gewöhnlichen Sinn, sondern ein (iemciiiwi sei! von Nationen, Staaten, Völkern, Rassen versehjedeuster Art. I iitsteluing und Struktur dieses Reiches schildert der Franzose Albert Demangeon in seiner Koionialge(,•graphischen Studie, die der Verlag Kurt Vowinkel (ßcrliu-Grunewald, 1025) in deutscher Uebcrtragung darbietet. Die Miindigwer.limg der Kolonien und ihr Zusammenschluß auf höherer Stufe, der politische und wirtschaftliche ״Kitt“ des Reiches und die neue Wendung: die zunehmende außenpolitische Selbständigkeit der Gliedstaaten, werden geschildert und das zentrale Problem aufgerollt, mit dem England in den letzten Jahren ringt: innere politische und Wirtschaftliehe Verbindung des Reiches. Leider sind die letzten vier Jahre (mit dem Kampf um die von der Reiehskonfereuz vorgcsclilagciie ״Imperial Preference“, Baldwins Schutzzollprojekt, das zu seiner ersten Niederlage geführt hat) nicht mehr berücksichtigt. Auch die Rolle der Mandatsländer im Rcichssysiem, ein staatsrechtlich und politisch interessantes Kapitel, ist überhaupt nicht erwähnt. Im übrigen aber gibt das Buch wichtige Daten tm;l führt in die Problematik des Empire ein. Lines der br. iincnde•! TeitproIZeme des britischen Reiches, das gerade in den letzten Wochen akut war und jetzt nicht gelöst, sondern nur zu einer ״Round Table-Conference“ aufgeschoben ist, ist -diU'Sfeflting derTit II er in Südafrika. Ob- ״!eich Bürger des ״'eichen Reiches, werden die Inder in Südafrika entrechtet, der l'rei/iigigkeit beraubt, ihre Ein- Wanderung verhindert. Wir luibcn es hier mit einer uns vertrauten Form <11 r Rassenfiage zu tun mul es ist kein Wunder, daß <i1 ■ j.EI'.iehe Preise Südafrikas sich damit bc- Schaftigt und gegen die Juden Stellung■ genommen hat, die aus׳ Konkurrenz mul ähnlichen Gründen für die Bonachteiliguii״ der Inder waren, obwohl sie doch als Juden die Situation der Entrechteten kennen. Daß aber Juden auch dort leidenschr.44111־ die Sache der Unterdrückten aufgenommen haben, erfahren wir aus ״G a 11 <1 h i i!1 S ii d a f r i k a“ (Rotafifel Verla״, Zürich 1925), wo Henry Polak in seiner Ein- Icltung von dem Juden Kallenbach aus Memel erzählt, der ergebener Mitkämpfer Gandhis geworden ist. Dieses Buch, dessen Hauptbestandteil eine Schrift des Baptistenpredigers Dolle aus Johaimishurg bildet, zeigt (Besen Rassenkonflikt in seiner ganzen Schärfe und ist zugleich ein ethisches Dokument, ans dem die Eülircrpersönlichkcit Gandhis hell erstrahlt. Wenn bei Gandhi von einem Appell an die höheren politischen 11ml ethischen Instinkte Englands die Rede ist, so ist eine Persönlichkeit, die dieses freie England repräsentierte, der vor kurzem (erstorbene E. [>. Morel, dessen Biographie samt einem Auszug ans den Schriften Hermann Lutz vorlegt (Deutsche Verlagsgesellseliaft für Politik und Geschichte. Berlin W S). Mord kämpfte erbittert gegen die Kongo-Greuel, gegen Militarismus, gegen den Versailler Vertrag. Daß Lutz gerade mir die Schriften zur Kriegsschuldfrage aus dem Gesamtwerk ausgcwählt hat, ist wohl zum Teil mit propagandistischen Absichten zu erklären. Die uticrschrockene Haltung dieses wahren Menschenfreundes beruht auf einer Freiheit polnischen I Venkcns, di־ beispielgebend sein sollte. 11־ im• andere Biographie, die in die Mentalität des linksgerichteten ilngiaiul eintuhrt, ist J. Ramsay Mae- Donald von Mary Hamilton (Deutsch bei Qrell FüfSli, Zürich). Durch dieses lebendig geschriebene Buch tritt uns nicht nur die Person des mutmaßlichen nächsten englischen Ministerpräskl: rifcu nahe, sondern auch über das״ Wesen des englischen Sozialismus und überhaupt englische Politik erhalten wir anregenden Aufschluß. In eine ganz amicic Welt versetzt eine andere politische Biographie, Emil Ludwigs vielbesprochener ״Wilhelm 11.“ (F. RowoliU. Berlin). Während Ludwig in seinem ״Napoleon“ (gleichfalls Rowohlt) eine hinreißende Epopöe eines großen Menschenlebens gibt, hat er bei Wilhelm es vorgezogen, mir Ori1;i־r Upie'ilcn unmittelbar sprechen zu lassen. Männer der nächsten Umgebung des ehemaligen Kaisers. Das Bild, das man da von deutscher Politik bekommt, ist wahrhaft vernichtend. Die ohnmächtige Wut der reaktionären Kreise, die das Buch, dessen Inhalt sie nicht widerlegen können, zu antisemitischen Schimpfkanonaden gegen den Verfasser veranlaßte, bezeugt leider ein Festhalten dieser Politik, die keine ist. Noch krasser tritt diese politische Verblendung zutage in dem Werke ״Die Tragödie Deutschlands“ von ״einem Deutschen“, der anonym bleibt, aber offenbar gut eingeweiht ist (Verlag von Ernst Heinrich Moritz, Stuttgart, -I. Auf(. 1925). Dieses Buch ist ein wahres Lehrbuch der Politik. Es zeigt das ungeheure Lügcnnetz, in das Deutschland ״im Banne des Machtgedankens“ eingesponnen war, es schildert die verheerende Wirkung des Byzantinismus und Militarismus auf das deutsche Denken und zeigt uns, wie eine auf weltfremdem Dünkel, selbstgerechtem Illusionismus und Verkennung der Realitäten aufgebaute Politik zusammenbrechen muß. Allen, die um der nationalen Eitelkeit willen sich selbst und andere täuschen, kau« dieses Buch heilsam sein, lekter werden es wahrscheinlieh gerade die, die es nötig hätten, nicht lesen. Die teuflische Macht des Militarismus, der nicht nur die Leiber, sondern auch die Seelen uniformieren und unter Auslöschung aller Menschlichkeit sieh dienstbar machen will, zeigt Ilelhnut von G c r I a c 11 s ״Die große Zeit der Liigc“ (Verlag der Weltbühne, Charlottenburg), Erinnerungen und Dokumente aus der Kriegs/eit, die jeder lesen sollte, der ein schwaches Ged'ächtnis hat. Die journalistische Meisterschaft des Verfassers sichert diesem Buch besondere Wirksamkeit. In dieselbe Welt v o 11 i 11 11 c n führt das Bekenntnisbuch des Pazifisten Frh. v. S c h o c n a i c 11 ״N ach Da m a s k u s“ (Verlag der Neuen Gesellschaft, Bcrlin-Hesscnwinkcl). Schocnaich gibt in dieser Selbstbiographic ein Bild der Soldatenkarriere, seine Kriegscrfahrungen im Leide und im Ministerium, seine Bekehrung zum Pazifismus und schildert seine Erlebnisse mit großer Offenheit. Wir gewinnen Einblick in Verhältnisse, die Juden verschlossen waren, was wir nicht bedauern müssen. Ein starker Grundton der Vülkcrversölininig geht durch das Werk, das die darin konterfeiten Chauvinisten ״jüdisch“ nennen, obwohl es trotz des Titels von einem kern-arischen Manne stammt. Einen Ucberblick ober die ״Geschichte des deutschen Volkes vom Ausgang <Jcs 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart“ (d. i. 1024) gibt Dr. Fritz Wucssing in seinem populär und objektiv geschriebenen Buche (Verlag F. Laub, Berlin, 3. Aufl. 1025). Der Autor, stark ״sozialcthisch“ eingestellt, ist Republikaner, aber behandelt auch die alten Mächte sehomingsvoll. Sein Buch gibt eine gute Orientienmg über die Entwicklung, die zur Katastrophe des feudal regierten Deutschland trieb. Ein Kapitel aus der Katastrophe schildert Richard Müller, in seinem Buch ״Der Bürgerkrieg in Deutschland“ (Phöbus-Verlag, Berlin S 14, 1925) — Zeitgeschieht(־, die wir alle miterlebt, aber deren Tatsachen und ihre Folgen sieh stets neu zu vergegenwärtigen auch eine Forderung des politischen Denkens ist. (Früher erschien von demselben Autor ״Vom Kaiserreich zur Republik, 2 Ikie.) Dieses Ruch führt schon mitten hinein in die Probleme, die die meistunistritU neu unseres Zeitalters sind und deren Verständnis, unabhängig von der Parteinahme, Kenntnis erfordert: Die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft, die an einem kritischen f hinkt .״!־gelangt ist. Der bedeutendste Versuch einer Neubildung ist Rußland. Ihm gehört daher unser Interesse im höchsten Maße, ganz abgesehen davon, daß für uns Rußland auch das Land ist, das Millionen Juden umfaßte und geistig mitbeeinflußte. Ein politisches Weltbild ist heute ohne Rußland unmöglich. ״I He Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Republik“ bchandelt Dr. Josef Neuberger (Ferd. 1 Himmlers Verl.»״, Berlin SW,. I92(>); neben dem Text der Verfassung wird eine Erörterung ihrer theoretischen und dogmengesehiehtlichcn Grundlagen gegeben. Die Darstellung der russischen Verfassung ist ein Gegenstück und eine notwendige Ergänzung zu Bryces oben genannter Behandlung der ״Modernen Demokratien“. ״Der Staat, das Recht und die Wirt- Schaft des Bolschewismus“ wird in einem Sanimclwerk dargestelit, das diesen Titel trägt (herausgegeben von Friedr. v. W i e s c r , Leopold W c 11 g e r und Peter K I e i n , Verlag Dr. Walther Rothschild, Berlin 1025). Von den 18 Verfassen!, die die Artikel dieses Werkes bearbeitet haben, sind ein Teil deutsche Gelehrte, ein Teil Russen, allerdings Exulanten, da das offizielle Rußland die Teilnahme abgclchnt hat. Die Verfasser bemühen sich, objektiv zu sein, was bei der Natur des Gegenstandes nicht leicht ist; aber es muß anerkannt werden, daß das Buch eine Fülle von .Material bringt und das Verständnis des oft so entstellt gezeichneten Problenies Rußland sehr erleichtert. Will man die geistigen Grundlagen des Reiches aus erster Quelle kennen lernen, dann empfiehlt sich die Lektüre der ״Ausgewählten Werke“ Lenins״, die dgr ..Verjag jwtf.. J?piök;.-.{Wien 1925) in einem dicken Band von 800 Seifen (für 6 M.) heratisgegeben hat (״Der Kampi um die soziale Revolution“). Wir bekommen hier Einblick in ein geistig-politisches Gebäude von eiserner Geschlossenheit. Es wird eine Auswahl von Aufsätzen aus den Jahren!807-1023 geboten. Mehr noch als die Lehre, die hier zu diskutieren zu weit führen würde, fesselt die Persönlichkeit, deren Fiihrcupialitätcn evident sind. Das Werk hingegen wird geschildert in einem kleinen, sehr lesenswerten Büchlein des hier schon einmal genannten Generals a. D. Freiherrn von Schocnaich ״Lebende Bilder aus S o w j c t r u ß 1 a 11 d“ (Halberstadt, H. Meyers Verlag, 1925). Schocnaich ist als nachdenklicher Beobachter durch das Land gereist, er hat nicht mir die effektiven Leistungen insbesondere der Landwirtschaft studiert, sondern auch Probleme erkannt, und warnt sorglose Zeitgenossen in Westeuropa vor deren Geringschätzung. Es wurde in diesem Blatte gelegentlich schon auf einzelne Abschnitte hingewiesen, z. R. aut Schociiaichs Bericht über die Lösung der Nationalitätenfrage und auf das Kapitel über die Judenfrage, worin er besonders gegen die Legende, die Juden seien die ״Herrscher“ in Sowjetrußiand, Front macht. Dankenswert sind die guten Photographien. Eine ״slawischlartarische Natioualbewegung mit stark proletarischem Charakter“ nennt Baron v. Schultze-Galcra den oft ■ in völliger Verkennung als ״jüdisch“ bczcichnetcn Bolschcwisums, in seinem Aufsatz ״.Sowjetrußiand und Europa“, worin er Rußlands aktuelle Politik anläßlich Locarno behandelt (in der von A. Mendelssohn-Bartholdy herausgegebenen, außenpolitischen Fragen gewidmeten Monatsschrift ״Europäische Gespräche“, Deutsche Vcrlagsaustalt, Stuttgart). Die Kehr- Seite der bolschewistischen Methoden schildert Georg Popo ff in seinem Buche ״Tscheka — der Staat im Staate“ (Frankfurter Sozietäts-Druckerei, Frankfurt a. M., 1925), worin grausige Bilder von dem Wüten der russischen Geheimpolizei gegeben werden. Mit weit größerer Spannung wird man das Werk eines der führenden Köpfe des demokratischbürgerlichen Rußland, des Kadetten Paul Miljukow, zur Hand nehmen, der bekanntlich in der vorbolschewistischen Revolution eine große Rolle (auch als Außenminister) gespielt hat und jetzt im Ausland lebt. Sein Buch erschien deutsch in zwei Banden unter dem Titel ״Rußlands Zus a m m 111 ־ b 111 ־ c 11“ (in der Deutschen Veriagsanstalt, Stuitgart, 1925); der Titel schon ist vielsagend — der Verfasser ist unversöhnter und unversöhnlicher Feind des Bolschewismus, er ist auch von dessen bevorstehendem Fall iiherzeugt. Ob er auch den Leser davon überzeugen kann, hängt doch vom Gefühl des Lesers ab, und in einer so delikaten Frage vermag auch der Rezensent nicht vorzugreifen. Jedenfalls erfährt man von Miljukow eine Fülle von Material und Zusammenhängen, besonders auch aus vorbolschewistischer Zeit, und auch seine Kritik der heutigen russischen Politik wird man mit Respekt lesen. Interessant ist, daß Miljukow die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki schart verdammt. Nach seiner Meinung ist ein ausgesprochener Nationalismus dem russischen Volke fremd, viel eher in den Kreisen der Intelligenz vorhanden. ״In diesem Sinne sind auch die antisemitischen Stimmungen, die durch das heutige Regime eine außerordentliche Verschärfung erfahren haben, in den Oberschichten des russischen Volkes viel stärker als in der breiten Masse“. Gemeint sind damit wohl die Emigranten, aber gerade aus diesem Munde ist dieses Geständnis interessant. Alles in allem kann inan doch sagen, daß bei Miljukow der unmittelbar ergreifende Elan nicht zu spüren ist. Aber sein Buch gehört zweifellos in die Reihe der ernsten Werke und dürfte von keinem Politiker unbeachtet öieiben. rt. Jndenlum and Pazifismis Juden stehen in der Friedensbewegung an hervorragender Stelle. Dennoch gibt es noch keine eigentliche jüdische Friedensbewegung. Faßt man das Judentum als einen Kampf um die Verwirklichung einer sittlichen Lcbcnsordming der Menschen und Völker auf, so ist es selbstverständlich, daß das Judentum in seinem Grundwesen pazifistisch ist. Alle großen Religionen und sittlichen Lehrer waren in diesem Sinne pazifistisch. Von dem, was in den Proplietcnbiichcrn das Wesentliche ist (denn in den 15 Büchern treten uns verschiedene Personen und Strömungen entgegen), mul von den Essäern kann mit Recht behauptet werden, daß sie in vorbildlicher Weise das seelisch-sittliche Heil, Gerechtigkeit und Frieden, irdischem Heil und Glück um! staatlich volklichem Wohlergehen rücksichtslos vorgezogen haben. Her• mann Cohens ״Die Religion der Vernunft aus den Queilen des Judentums“ läßt das System im Frieden als dem obersten Zwecke des Judentums gipfeln. ״Das Heil ist der Welt• friede. Diese Hoffnung soll der Jude in seinem Herzen tragen und nähren. Der Friede ist der Zweck des Menschen. Fr macht alle sonstigen Zwecke der Natur und des Geistes zu seineij Mitteln.“ Dieser Friede ist aber nicht bloß ein mcssianischer Zustand, sondern er ist als ein gegenwärtiger zu verwirklichen. ״Er ist das Ziel aller Politik, die einzig wahre Form des Zusammenlebens der Menschen. Jüdische Lehre ist es, daß wir dieses wahre Leben schon hier und jetzt vorwegnelimcn, mit seiner Verwirklichung zu beginnen haben.“ (Hans Kolm: Die politische Idee des Judentums. München 1924.) Neben dieser Verankerung des jüdischen Fricdeiisbewußtscins in der jüdischen Lehre stellt aber noch ein anderer lebendig in uns nachwirkender Zusammenhang, auf den auch Richard Nicolaus C o ud e 11 ho v c - K a l e r gl in ״Die Friedensbewegung“ (Ein Handbuch der Weltfriedens• Strömungen der (iegenwart, Berlin 1922) hingewiesen hat Unsere zweitausend jährige Galuthgcschichtc, neben der die Jahrhunderte staatlichen Lebens nur eine kurze Zeitspanne erscheinen, hat uns im Blute einen tiefen Abscheu vor clcn gewaltsamen Wegen anderer Völker zurückgclassen. Aber dieses Galutlidaseiii selbst war eine Folge unserer einzigartigen Lehre, ein Erbe der Propheten, ״ln der mosaischen Ethik lag die unvergleichliche Kraft des Judentums, zwei* tausendjähriger Ihiterdrückung durch eine Uebcrmacht Waffen» los zu trotzen. So gab es der Welt ein Beispiel, wie ein stolzes Volk, getragen vom Glauben an seine Mission und seine Ideale, sich dauernd behaupten und durchsetzen kann, ohne an die Macht des Schwertes zu appellieren. Dem politischen Dogma von der Weltentscheidutig durch Blut und Eisen setzten sie entgegen das ethische Evangelium von der Weltentscheidung durch Geist und Glaube und bewiesen durch ihre Geschichte, daß Hirne und lieber* Zeugungen stärkere Waffen im menschlichen Daseinskämpfe verkörpern, als Anne und Bajonette.“ (Coudenhöve-Kalcrgi.) Auch Ludwig Lcwisohn hat in seinem Buche ״Israel“ von seiner Reise durch alle Länder der jüdischen Diaspora und durch die jüdische Siedlung Palästinas die Erkenntnis mit sieh gebracht, daß es jüdisches Wesen und Aufgabe ist, Vorkämpfer des radikalen Pazifismus und der Gewaltlosigkeit zu sein. In der letzten Zeit Ist eine Flugschrift von Botho Laserstein ״Das Judentum ist der Friede“ erschienen, (Berlin, Zahl 8c Koch Verlag, 19m) Diese Schrift geht von dem richtigen Gefühl aus, daß die Juden itn letzten Jahrhundert durch die Assimilation an die Umwelt sich auch die Wertmaßstäbe der Umwelt angeeignet haben und sich nun bemühen, ihr gleichzutun und ebenso ״tapfer“ und kriegerisch zu sein wie sie. Durch die verhängnisvolle Assimilation finden wir auch Im Judentum zu Tausenden jene Rabbiner und Führer, die Im Kriege den Staat und seinen Machttrieb anbeten. Der Verfasser findet wohl manche scharfen Worte gegen diese Rabbiner, aber er erkennt das Grundübcl, die Assimilation, nicht mit genügender Deutlichkeit: das Bestreben des assimilatorischen Juden, natio• naler und ״patriotischer“ zu sein als die Söhne des Volkes, in dessen Mitte, er lebt. Gewiß hat das Judentum die Mission, unter den Völkern für Pazifismus und Gewaltlosigkeit zu kämpfen, aber es wird dieser Aufgabe heute, wenn cs sie auch im Munde manchmal führt und von der Kanzel verkündet, nirgendwo auch nur annähernd gerecht. Deshalb müssen wir das Judentum erst wieder stärken und zu einer wirklichen Lebenskraft im Leben des einzelnen Juden gestalten. Dazu müssen wir die Assimilation in ihrem wahren Wesen erkennen. Den mächtigsten Antrieb zur Wiederbelebung hat das Judentum in den letzten dreißig Jahren durch die zionistische Bewegung empfangen und die Sammlung des Judentums in Palästina wird den zersetzenden und schwächenden, Einflüssen innerhalb der Judenhciten der verschiedenen Länder und Kulturen Einhalt tun, wobei es freilich auch gilt, gerade in Palästina das Eindringen fremder, assimilatorischer Wertmaßstäbc für unser Gemeinschaftsleben zu bekämpfen. Aus richtiger Erkenntnis dieses entscheidenden Problemes ist das Buch von J. L. Magnes ״War-timc Adresscs“ (Thomas Seltzer, New York 1923) von großer Bedeutung. Denn dieses Buch ist kein Aufruf mitten in der Friedenszeit, es sind Ansprachen und Reden, die in jenen Jahren gehalten wurden, als der Kriegswahnsinn unter Wilsons Führung in Amerika in viel roherer Form aufloderte als jemals in einem der kriegführenden Staaten Europas. Hier spricht ein Rabbiner, ein liberaler Rabbiner, der den Mut hatte, während des Krieges, mitten im Taumel demagogischer Leidenschaften und von Kriegsgericht und Standrecht bedroht, die Stimme der Wahrheit und des Geistes hören zu lassen, sich als einzelner dem allgemeinen Wahnsinn und dem vermeintlichen Staatsheile entgegenzustemmen und so, während viele Juden in mißverständlichem, assimilatorischem Heroismus geglaubt haben, die Schlächterei mitmachen zu müssen, um der Sache des Judentums zu dienen, die wahre Ehre des Judentums vertreten hat. Aber nicht nur zu den Amerikanern hat Magnes gesprochen, auch zu den Juden, die gerade in jenen Jahren am Ende und unmittelbar nach dem Kriege vor einer neuen Epoche ihrer Geschichte zu stehen glaubten. Hier wiederum hat er den zionistischen Bestrebungen jene Form zu geben versucht, die einzig und allein mit dem Sinn der jüdischen Geschichte und mit den Forderungen der Gerechtigkeit in Einklang zu bringen ist. Die Juden sollen m Palästina das Recht haben, ein jüdisches Zentrum zu eitwickeln, wo sie in Freiheit kulturell und sozial in ihren eigenen Formen leben können. Diese Freiheit ist heute bereits in Palästina vorhanden und nur in Palästina; hier entwickeln die Juden in eigener Sprache und in einem eigenen Schulwesen ihre kulturelle Eigenart, hier leben sie in eigenen wirtschaftlichen und sozialen Formen in Dörfern und Städten, die sie sich selbst von Grund auf schaffen und deren Eigenart sie in jeder Hinsicht bestimmen. Hier halten und schaffen sie unbeeinflußt von der Umgebung ihre Feste und ihre Lebensformen. All dies hat nichts zu tun mit Politik und staatlicher Macht, Zahl und materiellem Gewinn. Aber das Leben der Juden in Palästina ist noch verantwortungsvoller als in anderen Ländern, gerade durch die Freiheit, die sie hier genießen. Magnes betont mit Recht, daß die neue Periode in Palästina nach dem Kriege unter sehr ungünstigen Umständen begonnen hat. ״Palästina soll dem jüdischen Volke ״gegeben“ werden. Keine Friedenskonferenz hat aber das Recht, irgendein Land irgendeinem Volke zu geben. Wenn SfilbstbfötiaHnuOfi eia IKMig« Rrina« & andere Volk«