Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-05-18 · Heft 38-39 (18.5.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 38-39 (18.5.1926)
Date
1926-05-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652820--18283-2676031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 38 39׳ JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 293 /f Literatur-Blatt fluferstc&ung öon Frofeffot frani Oppentjetmer. üon ludaa’s tüüstenratul 2u daltläa’s DUnnutrand Brennen auf feld und Rain, flammen zmifdien Kraut und Stein, 2u mtllionen und Höermilltoncn Blutrote Bnemonen. Blbt es auf erden ein zweites land, 11)0 sonlel Herzblut rann in den Sand) Das mlrRt im Boden und treibt und fdjafft, Und ledcr tropfen nerfdtiittetcr Kraft, Den Helden und märtrern zum Rubme, Wird eine glorreit&e Blume. 31. Win 1926. Zum 10. Todestag vo■ Scholem Aleichem Von Sch. Gorelik, Im Jahre 1SS3 veröffentlichte Scholem Aleichem seine erste Skizze in jiddischer Sprache ״Dos Messerl‘‘. Er schrieb sie ohne die ernste Absicht, Schriftsteller zu werden. Er war damals Bankier, hatte also etwas ganz anderes zu tun, und Literatur war nur eine Liebhaberei von ihm. Da traf es sich aber, daß er in einer schlaflosen Nacht, während einer Geschäftsreise, diese Skizze aus den Cheder-Erinnerangen schrieb, und sein ganzes Leben nimmt fortan einen anderen Lauf. Denn er wurde gleich bemerkt, begrüßt und ermuntert. Er brauchte sich nicht den Erfolg zu erkämpfen, er kam sofort. Die literarischen Kritiker der russisch-jüdischen Zeitschrift ״Woschod“ (der Historiker Dubnow übte damals unter dem Pseudonym ״Kritikus“ das Amt des literarischen Rezensenten aus) spendete dem neuen Gast in der Literatur Beifall und sah in ihm eine große Hoffnung. Selten hat eine literarische Prophezeiung sich so als wahr erwiesen. Gar bald blieb Scholem Aleichem nicht nur die, große Hoffnung, sondern wurde der beliebteste Dichter des jüdischen Volkes. Die jüdische Wirklichkeit, bekämpft in den Aufsätzen der Maskilim, in den belletristischen Werken des grimmigen, mürrischen Satirikers Mendele, bekam durch Scholem Aleichem man möchte sagen eine Absolution, wenn nicht mehr, nämlich eine Verherrlichung. Der Cheder, der Alltag zu Hause, die Feiertage, ja die Küche sind nicht mehr Anlässe zu pädagogischen Betrachtungen, sondern köstliche Ausschnitte eines eigenartigen Lebens. Ueber dem Himmel der jüdischen ukrainischen Städte ging eine Sonne auf, die die Seele wärmte und heiter machte, die Sonne eines unvergleichlichen Humors. Man lachte viel ln den jüdischen Hläeera. Man atiäcL auf. Im Jahre 1833 fing Scholem Aleichem zu schreiben an, also zwei Jahre nach dem ersten Pogrom, nach der ersten großen Erschütterung, die die Umkehr brachte. Diese Umkehr äußerte sich nicht nur allein im Entstehen der BiIu־Bew׳egung und in den Deklarationen Pinskers, sie hatte gleichzeitig eine liebevollere Beziehung zur jüdischen Wirklichkeit zur Folge. Man wurde volkstümlieh, man neigte das Ohr dem jüdischen Volkslied zu. Man gewann ein Milieu lieb, von dem die Aufklärungspropheten nur Abfälliges zu berichten wußten. All die Kabzansks, GrilJopiatewkcs — häßliche Namen, mit denen Mendele die jüdischen Siedlungen bedachte — blühten unter der Feder Scholem Aleichems zu Stätten innigen jüdischen Lebens auf, eines Lebens voll tiefen Gemütes und alter Kultur, eines Lebens, an der die sehnsüchtige Seele sich weiden konnte, eines Lebens, in dem die Armut traurig, aber niemals häßlich war. Aus dieser jüdischen Wirklichkeit schöpfte Scholem Aleichem seine Köstlichkeiten, schuf ei־ die unzähligen Helden, gestaltete er den goldenen Milchhindler Tewje, der Trost, innere Frömmigkeit und vornehme Stille in jedes jüdische Haus brachte. Man wurde still, um andächtig den Monologen des Tewje lauschen zu können. Aus Dankbarkeit für den Trost, für den Mut und die Hoffnung, die die Werke Scholem Aleichems brachten, aus Dankbarkeit endlich für die Rchabilitation der jüdischen Wirklichkeit wählte ihn das jüdische Volk zum nationalen Dichter. Sein Name lebt im Herzen von Millionen. War es Golus, was Scholem Aleichem schilderte? Es fällt eigentlich schwer, die jüdische Wirklichkeit von vor zwanzig, dreißig Jahren (trotz der vielen Bedrängnisse) mit ,,Golus“ zu bezeichnen. Sieben Millionen Juden wohnten auf Rußlands Erde. Man fuhr tagelang von Odessa bis Pdtawa, von Kiew bis Witebsk und überall wohnten Juden, überall traf man stark pulsierendes jüdisches Leben. Eine jüdische Jugend war da, die selten irgendwo anders zu treffen war. Von zehn jungen Leuten waren immer neun, die an irgendetwas Bedeutendes glaubten und bereit waren, ihr Leben danach cinzurichten. Wenn das ״Golus“ heißt, wie toll man dann diese unsere Zeit nennen dürfen? Wie einen Zustand bezeichnen wie den jetzigen, wo das jüdische Volk nur mit übriggebliebenen Reserven den Daseinskampf führen muß? Reserven! das ist das richtige Wort. Das Zentrum des russischen Judentums, das tonangebend im Jüdischen Leben war, ist aus der Arena verschwunden. Mit versprengten Kolonnen wird jetzt gekämpft und für eine Zukunft gearbeitet und mit nur noch kleinen Resten ehemaligen Glaubens . . . Laßt das gesagt sein! Deshalb diese Eile, deshalb das beklemmende Gefühl der Drohung, daß, wenn wir ans jetzt nicht beeilen werden, dann . . . Damals aber hatte man Zeit. Die Verwirklichung des Zionismus war nicht befristet. Gewiß lebte man im Golus, aber es war!ein inhaltsreicher Golus. Es gab eine Metropole: die sieben Millionen russischen Juden. Man hatte keinen Grund, ängstlich zu sein, wenn irgendeine ferne jüdische Kolonie allmählich der Assimilation verfiel. In dieser Atmosphäre der Zuversicht, trotz vieler Bedringnisse, in dieser Atmosphäre eines jüdischen Volkslebens, trotz Golus, schuf Scholem Aleichem jene Werke, die zu den unsterblichen in der jüdischen Literatur gehören. Die ]flngere hebriiiche Literatur Von Dr. Abraham Schlesinger, Buchau a. F. Dieser Aufsatz war für die an Nichtzionisten gcrichtete Nummer der ״J. R,“ bestimmt und mußte wegen Raummangel Zurückbleiben. Wir glauben jedoch, daß auch unseren ständigen Lesern, denen viele der hier mitgeteilten Dinge bekannt sind, eine zusammenfassende Darstellung willkommen sein wird. Möge dieser Aufsatz, zu Schawuoth, dem ״Feste des Buches“, eine Anregung zu intensiver Pflege der hebräischen Literatur sein. Red. Das moderne hebräische Schrifttum nimmt seinen Ursprung aus dem Kreise derer um Moses Mendelssohn. 1783 erschien die Zeitschrift ״Hameassef", die der ästhetisch-Iiterarischen Geschmacksverbesserung wie der Aufklärung der Juden dienen sollte. Im Zeichen der ״Aufklärung“ stand denn auch zunächst die ganze neue hebräische Literatur, von Ausnahmen abgesehen. Während in Deutschland selbst das Ziel so gründlich erreicht wurde, daß Hebräiscli bald als tote Fremd- und nicht eben sehr lebendige Gebetssprache erschien, war dem hebräischen Schrifttum im Osten ein besseres Los besehieden. Aus der ״Haskala“ (Aufklärung) erwuchs neues, blühendes Leben. P c r c z S m o 1 e n s k i s ״Am Olam“ (1872) gilt als der Wendepunkt: von nun an beginnt die zweite, jüngere Eooche der neuzeitlichen hebräischen Literatur, die des bewußten Nationaljudentums. Es läßt sich schwer feststeilen, was liier eigentlich Ursache und was Wirkung ist. Denken wir daran, daß schon gegen Mitte des 10. Jahrhunderts M o n t c f i o r e die moderne Palästinaarbeit inauguriert, andererseits aber zur selben Zeit ein Kroclimal und S. D. L u z a 11 o wirken und M a p 11 seine ״Ahavaih Zion“ schreibt, so dürfte am besten von einer Wechselwirkung zwischen nationaler Bewegung und lu-bräischer Literatur zu reden sein, derart jedoch, daß die letztere immer mehr als die Seele jener Bewegung erscheint. Um eine ganz kurze und ganz allgemeine Information über die jüngere hebräische Literatur zu geben, empfiehl* sich eine Ordnung des Stoffes nach Literaturgattuugen mit jeweiligem Hinweis auf vereinzelte Hauntrcpräsentanten. Beginnen wir mit der Publizistik, die sozusagen in reiner Form die verschiedenen Tendenzen und Oeistesrichtungen zum Ausdruck bringt. Die zentrale Gestalt bildet hier zweifellos A e h a d H a a 111, der zugleich sprachbiidnerisch mit an erster Stelle steht. Man kann ihn als Vertreter des historischen Nationalismus oder des historischen Judentums überhaupt bezeichnen mit der Einschränkung, daß er das eigentlich religiöse Moment des geschichtlichen Judentums teils unwillkürlich, teils absichtlich etwas in den Hintergrund drängt. Die Grundgedanken seines ״Al Paraschath Deraknim“, jetzt durch eine vielbändige Sammlung seiner ״Briefe“ ergänzt, sind heute ziemlich allgemein bekannt. Das Judentum ist von Hause aus ein totales Volkstum mit der beherrschenden Aufgabe, ״ethisches Uebervollcstum“ zu sein. Zur Verhütung der heute drohenden nationalen Zersplitterung und zur nationalen .restitutio in integrum braucht das jüdische Volk einen wirklichen zentralen Sammelpunkt, ein ״geistig nationales Zentrum“, als welches nur Erez-Israel in Betracht kommt. Nicht die Judenfrage, wohl aber die Judenfumsfrage kann durch den ״Zionismus“ gelöst werden. Zionismus bedeutet: ein hohes sittliches Ideal mit der Liebe zu Israel als Mittelpunkt und• zu allem Guten und Edlen als Umkfeis. Intensive Pflege aller geschichtlich-nationalen Güter Israels, darunter natürlich die Zionsiiebe, wird somit zur praktischen Aufgabe des Zionismus. Die historisch-nationale Richtung Achad Haams läßt nach rechts wie nach links Modifikationen zu Betont man stärker das Moment der traditioneilen Religiosität im historischen fudentum, so ergibt sich ein religiöser Nationalismus oder Zionismus im Sinne des ״Misrachi“. Als dessen publizistische Vertreter seien Pines, Jaweiz, J. L. Fischmann genannt. Betont man dagegen mehr einseitig den sozial-ethischen Gehalt des historischen Judentums, so ergibt sich ein Sozialismus, wie er vom ״Hapoei-Hazair“ verstanden wird und in A. D. Gordon seinen vornehmsten Lebens- und Literatur- Vertreter gefunden hat. Der ״Achadhaamismus“ rief sofort scharfen Widerspruch bei einer Anzahl Schriftstellern hervor, an deren Spitze M. J. Berdyczewski stand. Unter dem Einfluß Nietzsches erstrebten sie eine ״Umwertung aller Werte“ im Judentum. Das jüdische Volk müsse sich in ein modernes, durchaus weltlich politisches Volk umwandeln, die hebräische Literatur eine europäisch-moderne Literatur werden. Nicht nur das ״Ghetto“ sei zu überwinden, sondern der ganze religiöse und ethische ״Geist“ des geschichtlichen Judentums. Die gleichen Gedanken, nur klarer und womöglich noch radikaler, wurden später von J. K! a t z k i n aufgenommen und mit erstaunlicher Sprachmeisterschaft vorgetragen (״Thechumim“). Der ״Geist“ des Judentums bedeutet wohl einen hohen nationalen Wert, aber kein nationales Kriterium. Nationale Kriterien sind ausschließlich Land und Sprache, d. h. Erez-Israel und Hebräisch. Das Judentum wird und muß sich völlig zu einem rein weltlichen hebräischen Volkstum in Palästina ״säkuiarisieren“. Die Diaspora geht rettungslos zugrunde. Solchem ausgesprochen revolutionären Antihistorismus gegenüber begnügt sich eine andere Richtung mit weitreichender literarischer Grenzerweiterung ohne unmittelbare Tendenz gegen ein irgendwie historisch erfaßtes Judentum. Es handelt sich einfach darum, europäischen Geschmack und europäischen Geist in das Judentum zu bringen, die hebrlische Literatur zu europäisieren und mit ״allgemeinmenschlichen“ Inhalten zu erfüllen. (Hauptvertreter: D. F r i s c h m a n n.) Dieselben Geistesrichtungen, die wir in der modernen hebräischen Publizistik unterschieden, begegnen uns ungefahr wieder aut dem Gebiete der zeitgenössischen Dicht u n g, vor allem der besonders gepflegten Lyrik — der am meisten ״jüdischen“ Poesieform. Unbestritten ist Q1. N. Bialik, der Dichterfürst der jüngeren hebräischen Literatur. Auch auf ihn paßt wie auf Jehuda Halevt das Heinewort: ״Und er ist ein großer Dichter und ein Liebling aller Menschen“. Sein Volk fühlt, daß er ganz ihm gehört, ein Volljude, soweit es ein ״Zwischengeborener“ nur sein kann, einer aus dem ״letzten Goschlechte der Knechtschaft, und dem ersten der Erlösung‘. Was Bialik zum eigentlichen jüdischen Nationaldichter macht, sind nicht allein seine ״nationalen“ Lieder, die zum Teil schon zu Heiligtümern des Volkes wurden, sondern es ist sein Wesen überhaupt, die Verschmelzung seines individuellen Ich mit dem der Nation. Wenn z. B. in einem ergreifenden Liebesgedicht, das man fast Gebet nennen möchte, die Klage emporsteigt: man sagt, es gäbe Jugend auf der Weit. Wo blieb meine Jugend? Man sagt, es gäbe Liebe auf der Welt. Was heißt aas: Liebe? so weiß man nicht, klagt hier der einstige Jeschhva-Bocher Bialik oder das jüdische Volk, das viele Jahrhunderte im Ghetto gefangen saß, fremd der Natur und allem rein Menschlichen, worauf es doch selbst einmal — vor Jahrtausenden! — sein ״Hohes Lied“ sang? Lesen wir nacheinander etwa des Walther von der Vogelweide ״Under der Linden“ und des Bialik ״Hakhmsim‘* — und des Galutli ganzer Jammer faßt uns an. Freilich hat Bialik, wiederum zusammen mit seinem Volk, schließlich den Weg zur Natur und zum großen Leben draußen gefunden. Aber niemals verkennt er, den Einfluß des von ihm als ״Moreh“ (Lehrer) verehrten und besungenen Achad Ha.nn nicht verleugnend, den ungeheuren Wert des alten im Ghetto heimischen ״Lernens“. ״Im jesch eth nafschekha ladaath“ suchst du den Urquell des Judentums, die letzten Wurzeln der Lebenskraft Israels, dann geh ins alte Bet h-Hamidrasch. .. Es ist ungeheuer schwer, zwischen diesem und dem neuen, freien, naturnahen Leben die volle Synthese zu finden. Achad liaam vermochte es: ״Gewiß seiner Wahrheit . . . Schreitend den eigenen Weg, klarblickend und kraftvoll, tragend sein Feuer in tiefster Seele geborgen und wahrend allda den letzten göttlichen Funken“. So bestimmt und zielsicher ist der Weg des Dichters oder vielmehr des Volkes nicht. Zwischen Gott und Satan, zwischen himmlischer und irdischer Liebe, jüdischer Lebensheiligung und fremdem Lebensgenießertum wird er, wird vielmehr das jüdische Volk beständig hin und her geworfen — seit wir aus unserem Lande vertrieben und in jeder Hinsicht unstät und haltlos werden (״Megillath Esch“). Kann Biaiik, soweit sich ein Dichter weltanschaulich fcstlcgcn läßt, der historischen Richtung Achad Haams zugerechnet werden, so erscheint Schau! Tschernichowskv als dichterischer Hauptrepräsentant der revoiutionär antihistorischen. Auch Tschernichowsky gehört zu den wahren Prinzen aus Geniel,md. Er stammt nicht aus dem Ghetto und singt darum ״■wie ein Grieche“, des Apollo oder oft des Dyonisos voll, der ihn begeistert. Sein Lied gilt dem Lenz und der Liebe, griechischen und Heidelberger Mädchen, der sich ewig erneuenden Natur, dem Meeresrauschen und dem Waidweben. Aber er singt .zugleich viel von Juden, die wie Makkabi oder Bar Kochba oder die Kuraiziten das Schwert führten und ehrenvoll kämpfend zu sterben wußten. Oder von jenem unseligen ״Baruch aus Mainz“, der zum Wahnsinn getrieben seine ermordeten Töchter furchtbar rächt. Die Bräuche und Feste des alten Judentums um ihrer Poesie willen in Ehren — Tschernichowsky widmet ihnen herrliche ״Idyllen“ was jedoch not tut, ist die Wiederertüchtigung der Juden als Menschen, ihre weltlich-nationale Regeneration. Der Aufbau Erez-Israels soll aus uns wieder ein gesundes, kräftiges, erdverbundenes Volk machen, dessen Leben nicht mehr in Tefillinfesscln geschlagen ist. Ziemlich jenseits aller Kämpfe' zwischen historischen und rcvoluiionär-antihistorischem Judentum steht eine große Anzahl, zum Teil sehr bedeutender Dichter, von denen S. Schneur besonders betrachtet sei. Auf den ersten Blick macht er den Eindruck eines hebräisch schreibenden modern-europäisehen Weltstadtdichters. Der Wald, noch mehr die Berge, haben es ihm angetan. Indes, ein hebräischer Dichter, und gar von der ״dämonischen“ Gewalt Schneurs, kann sein Judentum unmöglich verleugnen. In einer Reihe von Dichhingen kommt es zum Ausdruck. So, wenn er z. B. ״Wilna“ besingt, die Stadt und Mutter in Israel. Oder in dem Gedicht ״B’cr-haschajisch“. Oder wenn ihm beim Spiel eines italienisclien .Mandolinenmädchens plötzlich die Geschichte seines Volkes lebendig wird, seine einstige Größe, seine Erniedrigung im Galuth, seine Zukunftshoffnungjen. Oder wenn er die brennende :Mohnblume besingt, •die ihm. mit .seiner glühenden ׳. Sehnsucht nach der sengenden Sonne seiner orientalischen Heimat besonders teuer ist. Hat Biaiik nicht durchaus recht, wenn er meint: man braucht vor diesen Schneur, Kahan, Steinberg und wie viele inzwischen noch hinzuzufügen wären, keine Angst zu haben — sie werden ״Großvater Israel“ schon nicht verlassen? Denken wir daran, wie es im alten Israel war. Gewiß gab es in den Städten Judas und aut den Straßen Jerusalems nicht nur Propheten und Psalmisten. Auch dort und damals werden die Dichter gesungen haben, ״wie der Vogel singt“. Aber später wurde vergessen und ״verborgen“, was der Volksgeist als ״unjüdisch‘‘ empfand. Eine solche Auslese wird m. E. wohl auch einstmals der jüngeren hebräischen Dichtung gegenüber stattfinden — vorausgesetzt, daß eben etwas da ist, das gesichtet werden kann. Bei den übrigen Literaturgattuugen müssen wir uns aus Raumrücksichten mit ein paar summarischen Andeutungen begnügen. Auf epischem Gebiet wären zuvörderst Biaiik und Tschernichowsky mit einigen ihrer Hauptdichtungen zu nennen. Eifrige Pflege findet die Erzählungskunst, vorzüglich die Novelle. Unter den jüngeren Erzählern nimmt Agnon eine exzeptionelle Steilung ein: Seine Stoffe sind dem jüdisehen Leben, sein Stil ausschließlich dem älteren hebräischen Schrifttum entnommen. In den letztert Jahren regt sich mehr und mehr die d r a ma t isch e Schaffenslust hebräischer Dichter, vielleicht im Zusammenhang mit dem Aufkommen hebräischer Bühnen in Erez-Israel und im Galuth. Dabei macht sich eine erfreuliche Vorliebe für Stoffe aus der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Leben geltend. An wissenschaftlichen Werken ist die jüngere hebräische Literatur ziemlich arm, wenn es auch nicht an Schriften historischen, iiteraturgeschiclitlichen, religionsphilosophischen, philologischen Inhalts usw. fehlt. Neuerdings hat J. Klatzkin begonnen, sich allgemein philosophischen Untersuchungen zuzuwenden. Einen großen Aufschwung nimmt allmählich die U e b e r s e t z1111 gs iiteratur, die heute vorzüglich für das hebräische Erez-Israel eine Notwendigkeit geworden ist. Die hebräische Literatur macht gegenwärtig eine Krise durch — aber es handelt sich weniger um eine Krise bei den Gebenden als bei den Empfangenden. Unsere jüngere hebräische Literatur darf sich vor den modernen Völkern Europas sehen lassen und braucht sich vor keiner ״Blütezeit“ ihrer eigenen Vergangenheit zu schämen. Die Schaffenden tun ihre Pflicht, allein vom Volk kann man nicht das gleiche sagen. Der Monat Ijar, als ״Monat der Zionistischen Organisation“, müßte vor allem der Monat der hebräischen Literatur sein. Denn unser hebräisches Schrifttum war und ist und wird sein die Seele des jüdischen Volkstums. Neuerscheinungen jüdischer Musik. Die Verlagsgeseli- Schaft für jüdische Musik ״Juwal“ in Berlin W 15, Lietzenburger Str. Sa, brachte soeben eine ״Suite aus der Musik zu der dramatischen Legende H a d i b u k von Anski“ für Orchester, sowie eine besondere Ausgabe für Klavier, komponiert von J. Engel, heraus. — Anläßlich des 50jährigen Jubiläums des bekannten hebräischen Dichters Saul T s c h e r - n i c 11 o w s k i gab der genannte Verlag drei Kompositionen von Joel Engel zu seinen Gedichten ״Omrim jeschna Erez“, ״Schoschanath Bioim" und ״Waiehi bijsdiurun Meiech“ hebräisch und deutsch heraus. Von den Ausgaben des ..)uwaI“-Verlages auf dem Gebiete synagogaler Musik seien die ״Schirej Bejth Hakncscth“ von Samuel Al man erwähnt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.