Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 38-39 (18.5.1926)
- Date
- 1926-05-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 292 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39 Die Legionspropaganda in PaläsUna Ein Brief an die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau". Sehr geehrte Redaktion! Im Leitartikel der Nr. 31 der ״Jüdischen Rundschau“ wird, im Zusammenhang mit einem Aufsatze den ich in der palästinensischen Arbeiterzeitung ״Dawar" veröffentlicht habe, mein Standpunkt in der Frage der palästinensischen Gendarmerie als ״Apologie der Legionspölitik" bezeichnet. Da diese Charakteristik, meiner Meinung nach, der Wirklichkeit keinesfalls entspricht, bitte ich Sie um die Erlaubnis, meinen Standpunkt in der ״Jüdischen Rundschau" darzulegen. Zuerst möchte ich für die Leser der ״Jüdischen Rundschau", welche die palästinensische Presse nicht lesen, vorausschicken, daß während meiner nunmehr zweijährigen Tätigkeit in Palästina, ich einen guten Tai meiner Kräfte der Bekämpfung des Revisionismus, darunter auch der Legionsarole, gewidmet habe. Ferner habe ich von Anfang meiner iesigen Arbeit an der Klärung des arabischen Problems viel Mühe gewidmet und gehöre zu denjenigen, deren Standpunkt, der mit Chauvinismus nichts zu tun hat, in dieser Frage vollkommen klar ist. Die Zeitung ״Dawar", die, der ״Jüdischen Rundschau" nach, sich ״wilder als alle anderen Zeitungen“ gebärdet, zeichnet sich dadurch aus, daß sic während ihres ganzen Bestehens die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und des friedlichen Zusammenlebens beider palästinensischer Völker immerfort und mit vollem Nachdruck betont. Endlich die Partei Achduth-Haawodah, die, wiederum der ״Jüdischen Rundschau" nach, ״die Anführerin“ der auf nationalistischer Erregung aufgebauten Kampagne ist, ist die einzige Partei, die seit Jahren, programmäßig, den Aufbau des Landes auf Grund der nationalen Autonomie beider gleichberechtigter Völker, mit voller Wahrung ihrer nationalen Selbständigkeit fordert, die einzige große Partei, die die Wichtigkeit und den ganzen Ernst des Problems voll anerkennt und die es versucht, Juden und Araber im tagtäglichen Leben einander näher zu bringen und miteinander organisatorisch zu verbinden. Ich bedauere, diese Information den Lesern der ״Jüdischen Rundschau“ zu geben gezwungen zu sein. Es ist richtig, daß ich gegen die bekannte Erklärung der Gendarmeriefrage Stellung genommen habe (ob ich es ״heftig" getan habe, wie die ״Jüdische Rundschau“ meint, ist für mich sehr fraglich; jedenfalls ist einer der Unterzeichner der Erklärung, der mir in ״Dawar“ geantwortet hat, einer anz anderen Meinung). Meine Stellungnahme richtete sich aupfsächlich gegen die Form der Meinungsäußerung — gegen die demonstrative öffentliche Erklärung. Durch diese Form werden meiner Meinung nach ganz verschiedene Strömungen im lischuw willkürlich zusammengefaßt und ein vollständig falsches Lieht auf die Verhältnisse im Jischuw geworfen; es wird der Eindruck hervorgerufen, als ob der Jischuw von chauvinistischer Leidenschaft so sehr beherrscht wäre, daß er ein freies Wort nicht zu hören vermag, und als ob die palästinensischen Zeitungen für ruhige und besonnene Leute verschlossen wären, so daß diese friedhebenden Leute — eine kleine Insel im Meer der nationalistischen Erregung — zu kurzen Erklärungen Zuflucht zu nehmen gezwungen seien. Die Hervorrufung dieses Eindruckes halte ich erstens für politisch schädlich und zweitens — und das ist wohl die Hauptsache — der Wirklichkeit nicht entsprechend. Und deshalb habe ich den Unterzeichnern der Erklärung gesagt: einige Monate diskutieren wir alle die Gendarmeriefrage; während dieser Zeit habt ihr, die ihr doch die Feder geschickt in der Hand haltet, vollkommen geschwiegen und an den Beratungen des Jischuw kaum teilgenommen. Jetzt kommt ihr mit einer demonstrativen Erklärung? Wozu habt ihr das getan? Womit ist die Notwendigkeit solcher Form eurer Meinungsäußerung begründet? Oder meint ihr, ihr werdet durch kurze dogmatische Sätze mehr überzeugen als durch ruhige Auseinandersetzung? Handelt man so, wenn man sich nicht außerhalb des Jischuw stellen will, wenn man sich des ״Taktes und der Zurückhaltung“, die ihr von anderen so schön zu verlangen wißt, befleißigen will? Darin bestand meine Stellungnahme gegen die Veröffentlichung einer Erklärung überhaupt. Daß ich Recht hatte und die Erklärung nicht nötig war, beweist die Tatsache, daß in den nächsten Tagen 1n verschiedenen palästinensischen Zeitungen (darunter auch in ״Dawar“) nicht weniger als sieben Aufsätze im Geiste der Erklärung, teilweise von den Unterzeichnern selbst, erschienen sind. Kein gesellschaftlicher Boykott wurde gegen die angeblichen ״Ketzer“ verhängt, vor kein Tribunal wurden sie gezogen, niciits dem Schicksal von Karl Liebknecht oder Dr. Stockmann ähnliches ist ihnen geschehen. Daß die seliädliehe Wirkung des unnötigen Schrittes nicht ausgeblieben ist, beweist die Sprache, in welcher die ״Jüdische Rundschau" über ״Dawar“. ״Achduth-Haawodah“ und den ganzen Jischuw zu sprechen für nötig nud angebracht hielt. So bleibe ich dabei, daß die Erklärung eine unnötige und schädliche Demonsfration war. Und jetzt komme ich zu der Sache selbst. ״Die Frage der Aufteilung der palästinensischen Gendarmerie in zwei nationale Einheiten ist sehr ernst. Der Landesschutz und die Ruheerhaltung sind heute eines der wenigen Gebiete der gemeinsamen jüdisch-arabischen Arbeit. Die Regierung, hätte sie ihre Aufgabe in einem bi-nationa!en Lande wirklich verstanden, müßte sich bemühen, das Gebiet der gemeinsamen Arbeit zu vergrößern und nicht auch in das wenige. Gemeinsame, das da ist, eine Teilung bringen. Die gemein- Same Gendarmerie hat die fünfjährige Prüfung bestanden. Hingegen glauben wir das Recht zu haben, den Versuch der nationalen Truppeneinheiten mit Zweifel und Bedenken zu betrachten. Es kann leicht geschehen, daß rings um die nationalen Einheiten, vor allem um die arabische Einheit, sich alle extremen kriegslustigen Elemente sammeln werden. Es kann leicht geschehen, daß rings um die Truppen eine Atmosphäre von gegenseitigem nationalen Maß, Neid und kriegerischer Konkurrenz entstehen wird, eine Atmosphäre, die zur Gesundung der jüdisch-arabischen Beziehungen nicht führen kann. Die Schaffung von nationalen Einheiten in der palästinensischen Gendarmerie ist deshalb ein schädlicher und gefährlicher Gedanke . . . Man darf die Gendarmeriefrage nicht mit ״Legions"-Begriffen komplizieren — zwischen den nationalen Einheiten in den Verteidigungskräften und der Legion von 1918 gibt es nichts Gemeinsames, weder dem Wesen noch den Aufgaben nach." — Diese Sätze wurden vom ״Apologeten der Legionspolitik“ geschrieben — von mir nümüch -־ in der Zeitung, die ״sich am wildesten gebärdet“ — in ״Dawar“ nämlich — an leitender Stelle, am 3. 3. d. J., sechs Wochen vor Veröffentlichung der Erklärung. Und einen Monat später, am 2. 4., schrieb ich in derselben Zeitung: ״Das Schaffen von zwei Bewohnerarten im Lande, einer, die alle Pflichten trägt, und einer zweiten, die in ihrer Pflichterfüllung beschränkt ist, bedeutet eine Vertiefung der Kluft zwischen den zwei Völkern, denen auferlegt ist, im Leben des Friedens und der Gleichheit, Schulter an Schulter, zu leben . . . Wir verhalten uns ablehnend zu der politischen Spekulation, die rings um die ״Affäre Gendarmerie“ geschaffen wird; wir möchten keinesfalls im Jischuw eine Panikstimmung hervorrufen." Als es schien, daß die Sache vob der Regierung korrigiert werde, habe ich einen Aufsatz geschrieben, in dem ich auf diese Besserung hinw» s »•'•׳! I sie begrüßte. Als Weizmaan ins Land kam und ״D;.v a * 1 die dem Präsidenten obliegenden Aufgaben skizzierte, widmete I ich, weil es uns schien, daß durch die neue Regierungsforderung die Sache an Schärfe verloren hat, in einem dreisjraltigen Leitartikel (am 18. 3.) allen ״Regierungsfragen“ (Einbürerungsschwierigkeiten, Antwort der Regierung auf die Forerungen der Assefath Haniwcharim, Gendarmeriefrage) nicht mehr als sechs Zeilen, wobei ich sie — wahrhaftig etwas optimistisch — als ״Mißverständnisse" bezeichnete. Nun, glaube ich, werden die Leser der ״Jüdischen Rundschau“ genügend Material haben, um zu urteilen, mit welchem Rechte K.W. von ״Aufwiegelung der Massen" sprach, die durch den ״sich wild gebärdenden Dawar“ und durch den ״Apologet der Legionspditik“ Beilinson getrieben wurde. Der Jischuw hat die bedingte Forderung der jüdischen Truppeneinheit aufgestellt — bedingte deshalb, weil die erste und Hauptforderung eine gemeinsame Gendarmerie war. Der Jischuw meinte (so erlaube ich mir wenigstens den lierrsehenden Standpunkt zu skizzieren!, daß die Ausschließung der Juden aus den Verteidigungskräften eine höchst gefährliche Maßnahme ist — weil sie die Kluft zwischen Juden und Araber vertieft, weil sie den Arabern und nur den Arabern (die doch ohnehin die stärkeren und jedenfalls vielfach agressiver als Juden sind) die Waffen gibt, weil sie bei den Arabern eine höchst bedenkliche Empfindung hervorruft, als ob der Jude kein gleichberechtigter Bürger des Landes wäre, weil sic bei den Juden, innerhalb und außerhalb des Landes den Glauben an die Objektivität der englischen Regierung vermindert, weil sie den Juden ihr Recht und ihre Pflicht, ihr Land zu verteidigen, benimmt. In der Argumentation der Gegner dieser Einstellung, so z. B. auch bei Hans Kohn in derselben Nummer (31) der ״Jüdischen Rundschau“ trifft man die Bemerkung, daß die Landesverteidigung, insbesondere in Transjordanien, eigentlich eine unangenehme Sache wäre, und es sei deshalb für die Juden besser, wenn sic davon frei wären; in anderen Aufsätzen von Unterzeichnern der Erklärung wird diese Argumentation noch weiter ausgebaut — das ״Schwert sei das Böse", und es wäre eigentlich unverständlich, weshalb die Juden sich dieses Bösen wegen so aufregen, man sollte es ruhig den Engländern und Arabern überlassen. Dagegen meine ich, daß das Schwert wirklich eine böse Sache ist, wer wird aber mit voller Verantwortung und vollem Gewissen die Behauptung auf sich nehmen, daß der Aufbau von Palästina ohne sichere Gren-en vor sich gehen kann? Und wenn es so ist, so ist cs unpolitisch und unmoralisch, wenn die Juden sich von diesem ״Bösen“ befreien oder befreien lassen. Unpolitisch — denn das Land gehört denjenigen, die für es arbeiten, schaffen und Opfer bringen — alle Opfer, die für das Land nötig sind, ohne Ausnahme; es wird eine Zeit kommen, wenn die Rechnungen aller an Palästina beteiligten Faktoren verglichen werden, und es Ist in unserem politischen Interesse, daß unsere Rechnung nicht zu kurz wird. Unmoralisch — denn auch Engländer und Araber sind Menschen wie wir, das Böse ist Böse auch für sie, und es geht nicht, ihnen das Böse zu überlassen, dessen friedliche Früchte wir genießen werden — mit reinen Händen und ruhigem Gewissen: wir haben das böse Schwert nicht berührt, andere haben es getan! Und daß die gefährliche Grenze von Palästina nicht am Jordan, sondern zwischen Transjordanien und syrischer Wüste liegt, ändert nichts an der Tatsache, daß eben diese Grenze Palästina schützt — und es geht wiederum nicht an, steh hinter den Tscherkessen zu verstecken. So steht es mit der Beteiligung der Juden an der Gendarmerie. Warum aber die jüdische Einheit? In der ,Jüdischen Rundschau" wird die Sache so hingestellt, als ob diese Forderung einen Rückfall in die alte Legionsromantik und Legionsideologie bildete. Nichts ist willkürifcher. Die Legionsideologie besteht in der ständigen und spontanen, von den Verhältnissen unabhängigen Forderung nach jüdischen bewaffneten Kräften, mit Ausschließung der Araber aus der Bewaffnung. Der Jischuw hingegen befand sich in den letzten Monaten vor einer fertigen Situation, die er weder verlangte, noch wollte, deren Ab- Schaffung oder radikale Aenderung er fortwährend verlangte. Die ״nationalen Einheiten" wurden nicht als Erfüllung eines Traumes oder einer Forderung empfunden, sondern als ein Unglück, das über das Land hereingebrochen ist. Und nichts wäre für den Jischuw willkommener, als wenn die Regierung sich entschlossen hätte, die ganze neue Verordnung abzuschaffen und zum status quo ante zurückzukehren. Die nationalen Einheiten wurden vorgeschlagen, nachdem die Schaffung einer de facto nationalen, arabischen Einheit angeordnet war; und es schien, daß es der Regierung schwer fallen kann, ihre Verordnung radikal abzuändern, hingegen leichter, eine ergänzende (im Sinne der jüdischen Einheit) zu erlassen. Unzählige Male wurde dabei, in Versammlungen und in Zeitungen, betont, daß die ״jüdische Einheit" nichts mit der Legion gemeinsam hat, schon deshalb, weil die de facto arabische Einheit schon da ist und die Bildung einer parallelen jüdischen Einheit keinen herausfordernden Charakter tragen kann. Bei den gegebenen Verhältnissen könnte doch keine Rede von ״militärischer Vorherrschaft der Juden“, von ״jüdischer Waffenmacht im Lande“ usw. sein, desto mehr als immer angenommen wurde, daß die Zahl der Juden in der Gendarmerie (sei es in der gemeinsamen, sei es in einer nationalen Einheit) nie über das Drittel der Totalzahl steigen darf (״das Drittel" war immer das nie erreichte Maximum der jüdischen ״militärischen" Forderungen). Der Jischuw war sich bewußt, daß nationale Einheiten eine schlechte Lösung des Problems wären, immerhin aber eine bessere als die vollständige Ausschließung der Juden aus den Verteidigungskräften des Landes. Mit allem Nachdruck muß betont werden, daß in der ganzen Kampagne das allergrößte Gewicht auf die Forderung der gemeinsamen Gendarmerie gelegt wurde. Nur zwei kleine Gruppen haben es für angebracht gefunden, die ״jüdische Einheit“ herausztireißen, hervorzuheben und aufzubauschen — die Revisionisten und die Unterzeichner der Erklärung. Damit haben diese beiden Gruppen der ganzen Sache eitie vollständig falsche Beleuchtung gegeben und ihr sehr geschadet. Wenn, wie die ״jüdische Rundschau" schreibt, ״im Bewußtsein der aufgewiegelten Massen das Schlagwort ,Jüdisehe Legion‘ und ,Arabische Legion‘ zurückbleibt“, so ist es ausgesprochene Schuld dieser beiden Gruppen, die — sicher ohne es zu wollen — einander geholfen una gegenseitig gestützt haben. Es scheint, daß die Kampagne vom lischuw verloren wurde. Weder werden die Juden in die bestehende Gendarmerie in irgendwie nennenswerter Zahl aufgenontmen, noch wird die jüdische Einheit gebildet. Aus der bloßen Tatsache einer verlorenen Kampagne ist aber noch nicht zu schließen ob sic notwendig und richtig war oder nicht. Da ich aber in das prinzipielle Gebiet unseres politischen Verhaltens überliaupt, nicht eingreifen will, muß ich hier schließen. Und ich tue es mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns darüber, daß die Atmosphäre, in welcher der palästinensische Jischuw arbeitet und lebt, im zionistischen Auslande so oft in dem verletzenden und falschen Lichte der Verallgemeinerungen und Uebertreibungen wiedergegeben wird. Td-Awiw, den 5.5.1926. M. Beilinson. Zum Problem der nationalen Minderheiten ln der ״C. V.-Zeitung" wendet sich Dr. Paul Nathan gegen den Gedanken der Minoritätsrechte. Nach seiner Auflassung wäre zwar in der Theorie die Berechtigung zu Minoritätsrechten zuzugeben, in der Praxis aber sei ihre Notwendigkeit sehr zweifelhaft. Diese allgemeine These wird natürlich nur darum aufgestellt, um gegen die Politik der jüdischen Minderheiterechte Stellung zu nehmen. Als Beispiel für die Schädlichkeit der nationalen Galuthpolitik erwähnt Dr. Nathan Litauen, wo jüdische Politiker gehofft haben sollen, ״nach modifiziertem zionistischen Ideal jüdische Staatsgebilde in Osteuropa zu schaffen." Die Folge sei eine starke antisemitische Gegenströmung gewesen, die allmählich die jüdischen Minderheitsrechte völlig vernichtet hat. Nun ist es allerdings richtig, daß in Litauen nach den ersten Versuchen des demokratischen Staatsaufbaues, an dem auch die Juden aktiven und für Litauen sehr wertvollen Anteil nahmen, die klerikale Reaktion eingesetzt hat, die einen starken Antisemitismus entfaltete und die feierlich verbrieften Minderheitsrechte beseitigte. Ob diese antisemitische Welle die Folge der Minderheiisrechtc war, wie Dr. Nathan bchauptet, wird man am besten in Deutschland beurteilen können, wo unseres Wissens niemals jüdische Minderhcitsrechte gegolten haben noch erstrebt wurden und wo dennoch der Antisemitismus in den letzten Jahren genügend an gewachsen ist. In Deutschland lag die Führung der jüdisehen Politik auch keineswegs in den Händen der von Dr. Nathan verspotteten jüdisch-nationalen Politiker, sondern in der Hand der bewährten Führer des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, von denen Dr. Nathan doch wahrscheinlich nicht sagen wird, daß ihre ״Welterfahrung gering, aber ihr Selbstbewußtsein groß" ist. Trotz (—־ trotz?) der Tätigkeit dieser nicht auf Minderheitsrechte abzielenden jüdischen Politiker ist der Antisemitismus in Deutschland weit stärker und aggressiver geworden als jemals. Man soll also außerordentlich vorsichtig sein, wenn man kausale Verbindungen herstellt, da schon die logische Kindcrfibel lehrt, daß nicht jedes post hoc ein propter hoc sein muß. Der Antisemitismus in Litauen wäre auch ohne jüdische Autononüe gekommen. Die Tatsache, daß die antisemitische Reaktion in Litauen die Juden entrechtet hat, ist kein Beweis dafür, daß das Prinzip der nationalen Minderheitsrechte falsch war oder ist. Nach wie vor besteht das Problem, wie in einem gemischt-nationalen Staate die Minderheit in ihrer Gleichberechtigung und ihrem Recht auf Pflege ihrer nationalen Eigenart geschützt werden kann. Dr. Nathan äußert sich nicht darüber, ob er den litauischen Juden restlose Assi* milation unter Opferung ihres alten Kulturgutes empfiehlt. Wer aber diese Assimilation als moralisch, kulturell und sogar auch politisch schädlich ablehnt, wird weiter darauf bestehen müssen, daß das Zusammenleben der Völker in den gemischt-nationalen Staaten nach dem Prinzip der nationalen Autonomie geregelt wird. Es wäre interessant, von Dr. Nathan zu hören, was er über das Schicksal der deutschen Minderheiten in Estland, Litauen, Polen, Rumänien usw. denkt. Auf dem letzten Minderheitenkongreß in Genf bestand zwisehen den deutschen und den jüdischen Minderheiten ein ausgezeichnetes Einvernehmen und die Forderung nach Rcspektierung der Minderheitenrechte wurde im Namen von 30 Millionen Menschen erhoben. Sicherlich ist es nicht leicht, das von chauvinistischem Nationalismus verseuchte Bewußtsein der Völker zur Anerkennung dieser modernen Ideen zu bringen. Ebenso wie es lange dauern wird, bevor echter Völkerbundsgeist die Völker beseelt, ebensolange wird es wahrscheinlich erfordern, das Recht jedes Volksteiles auf eigenes nationales Leben in völliger Loyalität gegenüber dem Staatsganzen durchzusetzen. Unsere Aufgabe ist es jedoch, - troff aller •MißerfoIge;<für -*diese •de» Friedent? und der Verständigung der Völker dienende Idee weiter zu kämpfen, statt auf Grund der Mißerfolge einzelner Versuche das ganze System zu verurteilen. Der Satz vollends, mit dem Dr. Nathan seinen Aufsatz schließt: ״Aus diesen Erfahrungen wären auch Folgerungen für Palästina zu ziehen“, — ist völlig unverständlich. Rahe lg der Warschauer Jadeastadt Zeitungen und Agenturen in Deutschland, der Tscheche»- Slowakei und Oesterreich wußten zu melden, daß in Verbindung mit dem Aufstand Pilsudskis gegen die Regierung Witos Ausschreitungen gegen Juden in Warschau stattgefunden haben. Von der polnischen Grenze in Berlin eingetroffene jüdische Reisende erzählten sogar, daß während der militärischen Kämpfe im Stadtinnern etwa 25 Juden umgekommen sind. In Berlin gingen auch Gerüchte um, daß in Warschau ein regelrechter Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung stattgefunden hat und daß dabei mehrere Juden den Tod fanden. Die Erschwerung jeder telephonischen und telegraphischen Verbindung mit Warschau verhinderte anfangs die Prüfung aller dieser Gerüchte. Der Warschauer Korrespondent der J. T. A. telegraphiert dagegen unter dem 15. Mai, 12,52 vor• mittags: ln dem jüdischen Viertel Warschaus, welches über• liaupt außerhalb aller Operationen liegt, herrscht voll* kommene Ruhe. Alle Nachrichten über angebliche antijüdische Unruhen entbehren der Grundlage und sind zu dementieren. Die Parlameitswshlen ia Litauen Bisher vier jüdische Mandate. Ko wn o, 13. Mai. (J. T. A.) Die Wahlen zum litauischen Parlament, die drei Tage dauerten, endeten mit einem Sieg der linken Parteien gegen die der gegenwärtigen Regierung anliängende rechte Partei. Die Regierungspartei wird wahrscheinlich kaum mehr als 30 Mandate auf sich vereinigen, während die linke Opposition und die nationalen Minderheiten zusammen mit Memel etwa 55 Mandate zählen wird. Auf der Liste des Blocks der nationalen Minderheiten wurden bis jetzt 10 Deputierte gewählt; 4 Polen, 4 Juden und 2 Deutsche. Doch haben die Juden auf mindestens noch ein fünftes Mandat zu rechnen. Bisher sind die folgenden jüdischen Kandidaten gewählt: Dr. Robinsohn, Garfunkel, Finkeistein und Roginsky. Ob die orthodoxe Achduth-Partei, die auf ihre separate Liste etwa 2700 Stimmen vereinigte, auf ein Mandat zu rechnen hat, ist noch nicht gewiß. Sir Stuart Samuel gestorben London, 14. Mai. (J. T. A.) Heute ist hier Sir Stuart Samuel, der ältere Bruder des früheren Oberkommissars für Palästina, verstorben. Sir Stuart Samuel, eine führende Persönlichkeit in der engiischen Judenheit, nahm in früheren Jahren aktiven Anteil an der Palästina-Bewegung. Er war Mitglied des Präsidiums des Weltmisrachi und Präsident des Londoner M1 sra cHi, Auch an der Arbeit der Anglo Jewish Association und des Board of Deputies nahm er hervorragenden Anteil.