Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 37 (14.5.1926)
- Date
- 1926-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 282 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37 Zum Weltkongreß für Emigration Die Wahlen ln Litauen Am 18. Mai wird in London der Weltkongreß lür Emigration eröffnet werden. Der Sekretär des Internationalen Gewerkschaft'en-Verbandes, John W. Brown, hat für den Kongreß einen allgemeinen Bericht unter dem Titel ״W cltwanderung und Arbeit“ vorbereitet; der Berieht widmet einen entsprechenden Raum dem Problem der jüdischen Wanderung, insbesondere der Einwanderung nach Palästina. Es wird festgestellt, daß von 1920 bis 1921 eiwa 50 000 Juden nach Palästina cingewandert sind. Hauptsächlich kamen die Einwanderer aus Polen lind Rußland. Die Sowjetregierung erteilte bis Ende 1923 keine Ausreiseerlaubnisse, die Ein- Wanderer aus Rußland reisten illegal. Im Jahre 1921 kamen •ms Rußland 3112, aus Polen §670, aus anderen Ländern 7560 Juden. Gegenwärtig wird es den Juden wiederum schwerer gemacht, Rußland zu verlassen. Jetzt wandern nach Palästina durchschnittlich 3300 Juden im Monat ein. Die Einwanderung in der! ersten neun Monaten 1925 betrug 27004. Aus Rußland dürfen nur diejenigen Juden nach Palästina gehen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu dc!1 Zioiiisien «ler den Zionisten-Sozialisteu des Landes verwiesen werden. Die polnische Einwanderung steigt infolge der schweren wirtschaftlichen und politischen Lage der Juden in Polen. Das Jahr 1925 hat eine starke Zunahme der Familieneimvanderting erbracht. Jüdische Arbeiter-Immigranten müssen oft, wenn sie nach Palästina kommen, iltr ursprüngliches Handwerk aufgeben und sich der Landwirtschaft und dein Baufach widmen, die allein in Palästina zahlreiche Arbeitskräfte ahsorbieren. fr! den letzten drei Jahren werden die Palästina- Einwanderer vorher für das Land ausgebildet. Der Bericht bespricht die neue Immigrationsordnung vom Juni 1925 und zitiert die Beschwerde der Allgemeinen Arbeiterorganisation Palästinas (Histadruth Haowdim), daß dieses Einwandcrungsgesetz die Juden unter Mißachtung der Balfour-Deklaration als Ausländer behandelt. Es wird darauf hingewiesen, daß die Juden aus Polen und Rumänien, die nach Palästina; gehen, zunächst ihre frühere Staatsangehörigkeit aufgeben, sich durch langwierige Arbeit für Palästina ausbilden. Wenn man ihnen, obwohl sie im Besitze des Visums sind, die Erlaubnis zur Einreise vorenthält, so ist dies eine große Härte für einen Einwanderer, der sich mehrere Jahre für die neue Arbeit vorbereitet und sich vielleicht das Reisegeld erst hat ausborgen müssen. Der Zionistenkongreß vom Jahre 1925 hat denn auch eine Resolution angenommen, in der gesagt wird, daß das Palästina-Mandat die Erleichterung der jüdischen Einwanderung verschreibt und daß die bisherige jüdische Einwanderung ja erst die Grundlage für die Errichtung des Jüdischen Nationalhciins geschaffen hat. Da das gegenwärtige Einwanderuiigsgesctz in Widerspruch zu den Satzungen des Mandates steht, fordert der Kongreß dessen Annullierung. Die Arbeiterföderation Palästinas wandte sich an die britischen Genossen und die Genossen der fnternationale, mit der Bitte, ihren Einfluß dahin auszuüben, daß das Gesetz annulliert wird. Das Komitee des jüdischen Arbeiterverbandes Palästinas erwartet eine starke Einwanderung aus Rußland und wünscht, daß die Hälfte der Einwandcrungsquolen den Chaluzirn aus Rußland reserviert wird. Der Bericht Browns schließt mit der Feststellung, daß sieh die jüdische Bevölkerung Palästinas in fünf Jahren mehr als verdoppelt hat. Gegenwärtig nimmt sie jährlich um 30 «v» zu. Sie zeigt eine große Aktivität auf allen Gebieten. Die neuen Siedler bringen einen großen Enthusiasmus mit. Den Arabern gegenüber wird eine Politik des Wohlwolle ns betrieben. Tel-Awiw entwickelt sieb, so glaubt man, mm bedeutendsten Industriezentrum des Mittleren ■Ostens. Sobald Palästina über einen modernen Häfen verfügen wird, wird dieses Land das Zentrum des Handels im Mittleren Osten werden. Man erwartet, daß die jüdischen landwlrtschaftlichen Kolonien in wenigen Jahren sich soweit heraufentwickelt haben werden, daß sie ohne jede Außenhilfe werden bestehen können. Auch kulturell wird Palästina durch die jüdische Arbeit emporgebracht. Der Bericht behandelt auch die allgemeinen jiidisehen Wanderungsfragen und stellt fest, daß der Weltkrieg auf die jüdische Bevölkerung Europas zerstörend gewirkt und das Auswanderungsbediirfiiis gestärkt hat. Der Antisemitismus, die politischen und noch mehr Wirtschaftliehen Umwälzungen nach dem Kriege haben dieses Bedürfnis noch gesteigert. Der jüdische Ernigrationsstrom nach den Vereinigten Staaten wurde schon durch die Immigrationsbill von 1921 stark gehemmt und durch die Bill von 1924 katastrophal zurückgestoßen. Im Jahre 1920 gingen 90 000 Juden über die europäischen Häfen nach Ueberseeläiider. Von diesen wanderten <>5 000 nach den Vereinigten Staaten, 8000 nach Palästina, S000 nach Kanada, 5000 nach Argentinien und 4000 nach anderen Ländern. 1922 kamen 53 000 Juden nach den Vereinigten Staaten, 8000 nach Argentinien; 1923 48 000 nach den Vereinigter! Staaten, 13 000 nach Argentinien. 1922 bis 1923 hat Polen 11000 russische Juden ausgewiesen; dank der Anstrengung jüdischer Organisationen und der Unter- Stützung des Völkerbundes wurden 8S51 dieser Juden aus Polen herausgeholt. 4000 von ihnen gingen nach den Vereinigten Staaten, 2-100 nach Argentinien, 1300 nach Rußland. 1923 wurden 7940 jüdische Flüchtlinge aus Rumänien ausgewiesen, sie wurden mit Hilfe der Ica nach den Vereinigten Staaten, Südamerika, Kanada und Palästina gebracht. Die jüdischen Hauptemigrationszentren für Palästina sind Warschau, Kowno, Riga, Lemberg, Bukarest. Durchwanderungs- Zentren sind Konstantinopel, Wien, Berlin, Czernowitz. ln Südafrika, heißt es in dem Bericht weiter, leben §3100 Juden; 47 000 von ihnen sind in den 16 größten Städten konzentriert. 9000 wohnen allein in Kapstadt. Die Einwanderungsordnung von 1923 bewirkte eine Verminderung der jüdischen Einwanderung. Der jüdische Deputiertenrat Südafrikas protestierte gegen dieses Gesetz, das als gegen die Juden.gerichtet interpretiert worden ist. Der Minister des Innern erwiderte, die Einwandcrungseinschränkuiig sei zur Verhinderung der Arbeitslosigkeit 110twendig, Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden werden nicht gemacht. Der Bericht stellt zum Schluß fest, daß 8000 russische Juden, die im Besitze von Einreisevisen waren, infolge der amerikanischen Einwanderungseinschränkung in den Häfen Europas im größten Elend verblieben sind. Mexiko würde einen Teil der Emigranten aufnehmen, wenn die amerikanische Judenheit die Einwanderung finanzieren würde. Ein Teil dieser Emigranten kam nach Kuba mit Unterstützung der Hiss. Nunmehr gestattet auch die russische Regierung die Rückkehr dieser Emigranten. Palästina-Budget der Wiener Kullssgemeinde fn der letzten öffentlichen Plenarsitzung der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wurde auf Antrag des Vertreterkollegiums beschlossen, für Palästina-Aufbauzwecke insgesamt 50 Ü0Ö Schilling zu bewilligen. Wese Summe soll sich aus folgenden Posten zusammensetzen: Der Keren Hajessod erhält 25 000 Schilling, der Chaluzint-Fonds 15 000 Schilling, der Keren Hajischuw der Agudah 7500 Schilling und der Palästina-Arbeiterfonds 2500 Schilling. Da der Vertreter der Agudah gegen den Keren Hajessod-Beitrag stimmte, verließ die zionistische Fraktion bei der Abstimmung über Keren Hajischuw den Saat Munkäcs macht Schule. Unsere Leser können sich wahrscheinlich noch an die Vorgänge bei den Wahlen zum tschechoslowakischen Parlament erinnern, bei denen die jüdischen Parteien trotz der Aufbringung von über 100 000 Stimmen kein Mandat erlangen konnten, weil die Trennungs-Orthodoxen in Munkacs eine Sonderliste aufstellten und durch Absplitterung von Stimmen verhinderten, daß in Karpathorußland ein Jude in direkter Wahl gewählt werde. Nach tschechischem Wahlgesetz ist jedoch die Anrechnung der im ganzen Lande abgegebenen Stimmen auf die Landesliste an die Bedingung geknüpft, daß die betreffende Partei in einem Wahlkreise e i n Mandat erobert. Durch Absplitterung von wenigen hundert Stimmen kam der jüdische Kandidat in Karpatnorußland zu Fall und demgemäß gingen alle jüdischen Stirninen im Lande, die den Juden einen Anspruch auf fünf Abgeordnete gegeben hätten, verloren. Ein ähnlicher Vorgang spielt sich gegenwärtig anläßlich der Sejtnwahlcn in Litauen ab. Alle jüdischen Parteien haben sich zu einem demokratischen Block vereinigt, der gemeinsam mit den anderen nationalen Minderheiten 1m I Jüdische Massenkundgebung für die Jüdische Volkspartei Liste 1 (Klee, Loewe, Goslar, Hornstein) Sonnabend, den 15. Mai 1926. abends 9 Uhr, Stadthalle, Klosferstrefee. Referenten: Dr. Alfred Klee, Professor Dr. Heinritb Loewe, Oberref.-Rat Goslar, Dr. Max Solowelfschfk, Direktor Georg Kareski, Dr. Max Kollenidier, Dr, Aron Sandler. Juden, wählt am 16. Mai nur die Jüdische Volkspariei! ו 4m V » Wahlkampfe auftritt. Die Einigkeit unter den Juden ist aber den Agudaleuten in Litauen ein Dorn im Auge. Aehnlich wie in der Tschechoslowakei hat es die herrschende litauische Regierungspartei (katholische Nationaldemokraten) verstanden, die Agudisten in Litauen zur Aufstellung einer gesonderten jüdischen Liste zu bewegen. Durch die voraussichtliche Absplitterung von jüdischen Stimmen ist nun der Fall möglich, daß die jüdischen Kandidaten in allen Wahlkreisen in der Minorität bleiben und die Juden bei den Wahlen leer ausgehen werden. In der Kownoer ״Jüdischen Stimme“ erzählt der orthodoxe Rabbiner von Kowno, Israel Nissen Kark, in welcher Weise die Agudisten auf efner Konferenz der orthodoxen Rabbiner Litauens ddtl Beschluß durchgedrückt haben, im Gegensatz zu den vereinigten jüdischen Parteien eine eigene agudistische Liste aufzustellen. Terror, Gewissenszwang, Einschüchterung der materiell abhängigen Rabbiner in den kleinen Städten spielten bei der öffeiitliehen Abstimmung der agudistischen Rabbinerkonferenz eine Rolle. Die Agudisten sind nämlich die Verwalter der aus Amerika zur Erhaltung der Jcschiboth eingelaufenen Geldspenden, und sie haben es also in der Hand, nicht willfahrige Rabbiner durch Entzug der Unterstützungen zu bestrafen. Rabbiner Kark führte ferner an, daß die Agudaletite diese Spenden für Parteizwecke, Wahlfonds und Herausgabe ihres Parteiorganes verwenden. Aus > den Darlegungen des Rabbiners Kark geht schließlich her- ן vor, daß die litauische Regierungspartei die Agudisten durch | das Versprechen, den agudistischen Rabbinern Beamten- Charakter zu verleihen, willfährig gemacht hat. Die Vorgänge in Litauen sind leider ein neuerlicher Beweis, wie volksfremd die Aguda überall auftritt. Sie läßt sich stets als Werkzeug in den Händen der Judenfeinde gebrauchen, sie gibt sich dazu her, im Dienste der schlimmsten antisemitischen Reaktion die Einheit des jüdischen Volkes zu zerstören und die Einflußmöglichkeit der organisierten Judenheit zu vernichten. Mit Recht betont die Presse der vereinigten jüdischen Parteien Litauens, daß der Kampf der litauischen Judenheit gegen den inneren agudistischen Feind noch viel schwerer ist als gegen die nichtjüdischen Antisemiten. Bcrlchilpng Oberregierurigsrat Hans Goslar schreibt uns: ״Wie ich sehe, hat sich in meinem Artikel: ״Der Sinn der Gemeindewahlen“ insofern ein Fehler eingeschlichen, als ich von nur einer Altersversorgungsanstalt der Gemeinde sprach, während drei solche Institute vor- Landen sind. Das ändert jedoch leider nichts an der Tatsache, daß 300 bis 400 Gesuche um Aufnahme vorliegen, die aus Mangel an einem weiteren Heim nicht berücksichtigt werden können. Ich gebe diese Berichtigung, weil ich auch den leisesten Anschein vermeiden will, als ob wir in einem Wahlkampfe, in dem es sich um eine jüdische Sache handelt, auch in nur nebensächlichen Details mit irreführenden Angaben arbeiteten. Ich darf allerdings wohl auch erwarten, daß die Liberalen die Behauptungen ihres Flugblatts, daß die Gemeindeausgaben durch die Ausgabeforderungen der Volkspartei für die Faiaschas gesteigert würden (!), durch die Angabe ergänzten, daß es sich hier 1. um einen Posten von 1500 (in Worten: Fünfzehnhundert) Mark bei einem Jahresbudget von 7$ Millionen Mark gehandelt hat (!) und daß 2. diese ,,gewaltige“ Ausgabe auf Antrag der unter liberaler Herrschaft stehenden Konferenzgemeinschaft der Großgemeinden von der gesamten Repräsentantenversammlung und auch mit liberalen Stirnmen genehmigt worden ist! Ob diese Berichtigung kommen wird?“ Rechtsanwalt Isak Breuer aus Frankfurt a. M., Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses der Agudas Jisroel, war mehrere Wochen in Palästina und reist dieser Tage nach Deutschland ab, um auf der am 24. Mai in Berlin beginnenden Tagung des Zentralrates der Agudas Jisroel das Referat über Palästina za halten. Das Ende einer Skandal-Affäre Das Appellationsgericht hat die Klage Dr. Arthu r Ruppins gegen die Zeitung ״Doar Hajom“ in zweite: Instanz abgefeimt. Damit ist dieser ungeheuerliche Sensation*.־ prozeß, der jetzt über zwei Jahre in Palästina diskutiert wurde, beendet worden, oder richtiger gesagt im Sande verlaufen. Die Presse im In- und Auslande hat sich bei diesem wenig klangvollen Schlußakkord einer Skandalaffäre nur wenig aufgehalten. Einige kurze und nicht immer ganz richtige Bcmerkungen — das war alles. Aber es erscheint jetzt, wo 31! eine ausreichende Genugtuung auf dem Prozeüwegc niclu mehr gedacht werden kann, wesentlich, die große zionistische Oeffentlichkeit noch einmal auf jene Kette sehr unliebsamer Ereignisse hinzuweisen, an deren Verlauf sich der Prozeß schloß, der bereits in den ersten Anfängen stecken blieb. Denn hier handelt es sich nicht nur um die Ehre und Unbescholtenheit eines Mannes wie Ruppin, dem letzten Endes auch die gemeinsten Angriffe nichts anhabeit können, sondem um das geistige und moralische Niveau der zionistischen Bewegung als Ganzes. Man erinnert sich noch an die Ereignisse, die den Ausgangspunkt des Prozesses bildeten. Vor ungefähr zweieinhalb Jahren erschien im ״Doar Hajom“ ein Artikel unter der sensationellen Ueberschrift ״Anu Maaschimim“ (J’accuse!), der den Beginn einer ganzen Serie von Pamphleten darstellte, die einander Schlag um Schlag folgten. Das Ziel dieser Veröffentlichungen war, nach den Aeußerungen der Redaktion, die Reinigung der öffentlichen Atmosphäre durch die Aufdeckung der verschiedensten Mißstände in den leitenden Institutionen des Jischuw und die ״Entlarvung“ einer Reihe von Persönlichkeiten, die im politischen Leben standen. Dreißig Männer sollten nacheinander unter das Seziermesser genommen werden, in jedem Monat einer. Der erste, gegen den sich die Angriffe richteten, war Arthur Ruppin. Und es blieb auch bei diesem einen. Der Entrüstungssturm, den diese Verleumdungen und Beschuldigungen in der zionistischen Bcwegung hervorriefen, ließ es danach doch geraten erscheinen, von weiteren Aktionen in dieser Richtung Abstand zu nehmen. Die Beschuldigungen gegen Ruppin bezogen sich vor allem auf seine Arbeit in Konstantinopel während des Weltkrieges und aut seine Tätigkeit im Palästina-Amt und in der P. L. D. C. Auf alle diese Dinge in den Einzelheiten einzugehen, erübrigt sich. Sie sind in den verflossenen Jahren bereits verschiedentlich berührt worden und bilden ein solches Gemisch von unsinnigen unbegründeten Verleumdungen und falschen Beschuldigungen, daß es eine wenig lockende und lohnende Aufgabe ist, sie nochmals durchzugehen. Wer sich jetzt, nach 2>4 Jahren noch einmal die Mühe nimmt, all dieses ״Material“ durchzugehen, alle diese Aufsätze, die damals sukzessive erschienen, nacheinander durchzulesen, versteht es nicht, daß die zionistische Bewegung nicht sofort wirksame Mittel der Abwehr gefunden hat. Freilich wartete man die ganze Zeit aut die juristische Austragung dieser beschämenden Angelegenheit Der Termin des Prozesses, den Ruppin gegen die Redaktion des ״Doar Hajom“ angestrengt hatte, mußte immer wieder hinausgeschoben werden, weit verschiedene Geschäfte einmal den Kläger und einmal den Angeklagten, den Chefredakteur des Blattes, Ben-Awi, ins Ausland führten. Schließlich trat der Gerichtshot zusammen. Der ״Doar Hajom“ hatte jede Auseinandersetzung vor die Schranken verschoben. Die Vorlegung alles Materials, das den Artikeln zugrunde liegen mußte, sollte erst hier geschehen. Als sich durch die Amerikareise Ruppins der Prozeß verzögerte, hatte ״Doar Hajom“ sich durchaus nicht gescheut, das als ein Zurückweichen der Gegenseite hinzustellen. So war es denn verständlich, daß man diesem Sensationsprozeß und seinen bis zum Ueberdruß angekiityfigten ״Enthüllungen“ mit Spannung entgegensah, obwohl jeder zionist, der Ruppin und seine Arbeit auch nur vom Ansehen kannte, keinerlei Belege und Material brauchte, um zu wissen, daß alle diese Beschuldigungen der ebenso skrupellosen wie begabten Phantasie eines Redakteurs entsprossen waren. Und nun kam die größte Ueberrascltung. Es erschienen wohl spaltenlange Berichte über den Prozeß, aber der gewöhnliehe Sterbliche konnte sich aus diesem Wust juristischer Untersuchungen nur schwer herausfinden. Keine Spur von ״Enthüllungen“, von Beweisen, von Material. Im Gegenteil. Dieselbe Redaktion, die zu Prozessen herausgefordert hatte, die die Atmosphäre im Lande ״reinigen“ wollte und zu diesem Zwecke daran gegangen war, dreißig Führer moralisch abzuschlachten, war jetzt —- überhaupt nicht vorhanden. Unter dem billigen Vorwände, daß der verantwortliehe Redakteur zur Zeit des Erscheinens der Artikel nicht in Palästina war, und alle diese Produkte ohne Unterschrift erschienen sind, verhinderte man den Prozeßbeginn. Tagelang erschöpfte man sich in Untersuchungen, wer für diese Artikel verantwortlich sei. Aber es war niemand zu finden. Juristisch war in der Sache nichts zu machen. Die Klage fiel in sich zusammen, der Appellationsgerichtshof bestätigte das Urteil der ersten Instanz und damit war jeder weitere Weg zu einer rechtlichen Klärung dieses unerhörten Affronts abgeschnitten. Man könnte sich nun auf den Standpunkt stellen, daß die Ehre Ruppins eigentlich schon durch dieses Zurückweichen der Gegenseite rehabilitiert worden sei, insoweit sie überhaupt durch solche offenkundig aller Grundlage entbehrenden Angriffe berührt werden kann. Aber es wäre dann die Pflicht der zionistischen Bewegung innerhalb und außerhalb des Landes gewesen, ihm so vollständig und warm ihr Vertrauen und ihre Achtung zu zeigen, daß damit die schwere Beleidigung wettgemacht worden wäre. Gewiß ist das geschehen, aber, wie uns scheint, nicht im genügenden Maße. Der ״Doar Hajom“, der mit diesem Verleumdungsfckl/ug seine materiellen und politischen Ziele verfolgte, hat nach dem alten bewährten Grundsatz gehandelt: Semper aliquid hacret. Und mit dieser Politik ist eine Gefahr 111 die Bewegung gekommen, die man nicht unterschätzen soll. Was gestern Ruppin passiert ist, kann heute jedem einzelnen passieren, der irgendwie durch seine öffentliche Tätigkeit ein exponiertes Ziel für Angriffe darstellt. Und es genügt dann, den verantwortlichen Redakteur für eine bestimmte Zeit auf Reisen ztl schicken, um aller Verantwortlichkeit los und ledig zu sein. Gegen solche Gefahren kann nur eine lebendige, ihres Wertes und ihrer Bedeutung bewußte öffentliche Meinung wirksam sein. Die Antwort auf diese ״Aktion“ des ״Doar Hajom“ hätte ein öffentlicher Boykott sein müssen. Aber diese Reaktion ist nur in beschränkten Kreisen eingetreten. Das Meer der stürmisch erregten Empfindungen hat sich nach und nach wieder geglättet, und alles ist wie zuvor. Es Ist nicht unsere Absicht, die Sache selbst wieder aufzurühren. Je eher sie vergessen wird, um so besser. Aber heute, wo auf eine Klärung der Dinge auf dem Prozeßwege nicht mehr zu rechnen ist, schien es geboten und ist es ein Bedürfnis, Dr. Ruppin nach diesen böswilligen und schweren Angriffen noch einmal die hohe Achtung und das starke Vertrauen auszusprechen, das wir zu ihm hegen. Und ebenso ist es wichtig, die öffentliche Meinung wacfizuhalten, damit solche Angriffe in unserer Bewegung niemals die Aussicht auf Erfolg haben. Jerusalem, April 1926. Gerda Arlosoroff-Goldberg.