Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 36 (11.5.1926)
- Date
- 1926-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3Ö }UEDISCHE RUNDSCHAU Seite 275 Was ists um die ״Volksgemeinde“? Gegen demagogische Entstellungen. Von Hans Goslar. Auf der liberalen Seite weiß man die jüdische Arbeit und Werbekraft der Volkspartei wohl zu schätzen. Man hat es sehr schwer, angesichts des Einflusses, den sie auf ihre Menschen und gerade auf die Jugend ausübt, Argumente heranzuschleifen, mit denen man ihre Arbeit verdächtigen und bekämpfen kann. Immer und immer wieder kehrt das eine Argument, das so oft und treffend widerlegt wurde, wieder, daß die Jüdische Volkspartei ja gar nicht die jüdische Gemeinde im althergebrachten üblichen Sinne fordere, sondem, horrlbile dictu, die jüdische Volksgemeinde. Man versucht, die Wähler glauben zu machen, daß die jüdische Volksgemeinde von der Jüdischen Volkspartei als ein ״politisch Ding“ gemeint sei, das letzten Endes eine Gefährdung der staatsbürgerlichen Interessen der deutschen Juden und gar auch der religiösen Interessen mit sich bringen müsse. Es soll, obwohl all diese Dinge schon beim Kampf um den Landesverband der preußischen Juden bis zum UeberdruB gesagt und geschrieben worden sind, hier noch einmal mit aller Deutlichkeit gesagt werden, daß die Jüdische Volkspartei und die ihr angeschlossenen Gruppen aus zionistischen und nicht: zionistischen Kreisen unter ״jüdischer Voiksgemeinde“ durchaus die organische Fortsetzung der traditionellen Keliilloh verstehen, wie sie das Vorbild einer jeden jüdischen Ge* meindeorganisation in Deutschland und sonstwo in der Welt gewesen ist, ehe die Assimilation und der Entjudungsprozeß die Gemeinden mehr und mehr zu reinen Verwaltungsbürokratien herabgedrückt und verkleinert haben. Eine Kehilloh, eine ״Volksgemeinde“, ist eine Gemeinde, die nicht nur für die Gotteshäuser und den religiösen Kult und den Religionsunterricht zu sorgen hat, — die dieses aber besser und großzügiger zu tun hat als die Berliner Verwaltung unter liberaler Herrschaft! —, sondern sich um alle jüdisehen Lebensregungen der jüdischen Menschen, die in einer Stadt wohnen, zu Kümmern hat. Es hat uns nicht gleichgültig zu sein, wenn jüdische Menschen verelenden und sozial herabsinken, es hat uns nicht kalt zu lassen, wenn Taufe und Mischehe mit Gewalt um sich greifen. Wir dürfen nicht beiseite stehen, wenn jüdische Auswanderermassen aus Ländern antisemitischer Gewaltherrschaft durch Deutschland strömen, und wenn die Ostjuden, die unverschuldet durch welthistorische Ereignisse nach Deutschland geschleudert worden sind, hier in harte Konflikte kommen. Wir sollen und müssen Fühlung halten mit allen Erscheinungen des jüdischen Lebens der Neuzeit, müssen auch den Mut haben, hinauszusehen aus den Landesgrenzen, um teilzunehmen an dem Leben und dem Leiden, den Hoffnungen der jüdischen Massen außerhalb Deutschlands und uns mitzufreuen und aufzuriehten an dem Werden eines neuen jüdischen Palästinas. Jedes Sichabtrcnnen vom lebendigen jüdischen Voiksorganismus ist ein Unheil, das sich noch immer in der jüdischen Volksgeschichte bitter gerächt hat. Es ist eine A g i t a - tionserfindung, daß die Errichtung der Volksgemeinde nur auf Kosten der religiösen Werte und des religiösen Charakters der Religionsgemeinde möglich sei. Im Gegenteil: die Jüdische Volkspartei, die in Gesinnung und Tat immer zur jüdischen Tradition gestanden hat, propagiert nicht eine antireligiöse oder religiöse jüdische Nation, sondern ist fest davon überzeugt, daß das jüdische Volk untrennbar verbunden ist mit seiner göttlichen Lehre, der Torah״ und daß ein jüdisches Leben ohne die Anerkennung des jüdischen Religionsgesetz.es, ohne die Größe und die Heiligkeit des jüdischen Gottesgedankens, ohne die Kenntnis vom Inhalt unserer Lehre nicht denkbar ist. In» Gegensatz zu dem .״,< *Liberalismus,:■■•der wohl die religiösen Werte des Judentums dauernd auf den Lippen trägt, aber niemals damit ernst macht, sie wirklich kennen zu lernen oder sie unsere Jugend zu lehren und gar diese religiösen Werte in das jüdische Privatleben einzuführen, steht die Jüdische Volkspartei auf dem Standpunkt des lebendigen Wertes des jüdischen Religionsgesetzes für uns und für unsere Kinder. Die Arbeit der Jüdischen Volkspartei dient dem Wiederaufbau des Berliner Judentums in geistiger, sittlicher und religiösnationaler Hinsicht. Sie will eine Jugend erziehen, die ihr Judentum kennt und liebt und fest mit beiden Füßen in ihm steht. Sie will eine Generation heranbiiden, die den Lockungen der Außenwelt nicht erliegt. Eine Jugend, die sich sittlich rein hält und wieder Ehen schließt, die, so wie es einmal die alte jüdische Ehe war, vorbildlich sind für die ganze Umwelt in ihrer Reinheit und Treue, eine Jugend, die auch geistig und seelisch den andern ein Vorbild an Harmenie und Geschlossenheit geben kann. Solche harmonischen und geschlossenen Menschen, solche vorbildlichen Juden, die in ihrem Judentum die höchst erreichbare Stufe wahren Menschentums sehen, sind nur zu erziehen durch den Gedanken der Ganzheit des national-religiösen Judentums, durch den Gedanken des Wiederverschmelzens von jüdischem Volk und jüdischer Lehre zu derselben Einheit, die sich in der Person des einzelnen Juden, der einmal ganz voll von jüdischen Werten aufwachsen wird, ausprägen soll. Brie! ans Holland Oscar Wassermann in Amsterdam. Amsterdam, 3. Mai 1926. Sonntag, den 2. Mai, fand in Amsterdam eine überaus imposante Keren Hajessod-Veranstaitung statt, ein Diner zu Ehren des Vorsitzenden des deutschen Keren Hajessod, Direktor Oscar Wassermann, an dem eine Reihe führender Repräsentanten der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde teiinahm. Die meisten Anwesenden gehörten Kreisen an, weiche bisher der Palästina-Sache noch kein Interesse entgegengebracht haben. Den Vorsitz führte Richter L. E. V i s s e r, der Präsident des holländischen Keren Hajessod- Kuratoriums, der Herrn Direktor Wassermann herzlich willkommen hieß. Der Vorsitzende des ״Nederlandsche Zionistenbond“, Dr. A. van R a a 11 e , gab seiner Befriedigung Ausdruck, daß Nichtzionisten sich in ständig wachsender Zahl für die Förderung der Sache Erez-Israeis zusammenfinden. — Dr. A. Friedemann betonte in seiner Ansprache die hervorragende Rolle der deutschen Judenheit, die so würdig durch Herrn Wassermann vertreten ist, innerhalb der jüdischen Renaissancebewegung. Direktor O. Wassermann behandelte in seiner Rede die ewigen Probleme, die das jüdische Volk bewegen. Durch Jahrhunderte des Galuth hat sich das Judentum durch die starke Religiosität der früheren Generationen am Leben erhalten. Die liberalen Juden von heute haben nichts als Ersatz für diesen starken Halt. Die Juden Westeuropas stehen heute vor der Gefahr, als jüdische Einheit zu verschwinden. Palästina ist der einzige Ort, wo ein großes jüdischnationaies Zentrum geschaffen werden kann, von wo aus aut alle zerstreuten Teile des jüdischen Volkes in der Welt ein belebender Einfluß ausströmen wird. Die Belebung des Bodens von Palästina, der jahrhundertelang vernachlässigt dalag, ist eine schwere Aufgabe. Wenn der Boden aber nicht vernachlässigt wäre, so wäre unserer Kolonisation nicht soviel Spielraum geblieben, wie ihn Palästina heute bietet. Die Ergebnisse unserer Kolonisation, die! wir trotz aller Schwierigkeifen erzielt haben, haben die Möglichkeit bewiesen, einen jüdischen Bauernstand zu bilden und einen Exportmarkt für die jüdisch-palästinensischen Produkte, wie für Orangen oder vor kurzem für Tabak usw., zu erobern. Auch die Ent- Wicklungsmöglichkeiten in bezug auf Handel und Industrie sind groß. Der wichtigste aller Aspekte in Erez-Israei jedoch ist die Wiederbelebung der Seele des jüdischen Volkes, die Schaffung einer freien und normalen Entwicklungsmöglichkeit unseres nationalen Genius zum Segen des jüdischen Volkes und der ganzen Völkerfamilie der Welt. Deshalb ist es Pflicht aller Juden, die nicht wollen, daß das Judentum als lebendige Kraft untergehe, nicht nur ihr Geld, sondern auch ihr Herz und ihre Arbeit dem Keren Hajessod zu geben, welcher das Instrument zur Weiterführung der jüdischen Einwanderung und Kolonisation im Lande unserer Väter ist. 89m letzten massenHunügeöungen der Jüdischen volKspartel Dienstag, Ben 11.8. 1926, abends 8'/j Ehr: Sdiweizer Garten, Am Friedrichsbain 29-31. Floresäle, Halensee, Johann-Georg-Str. 19. Dienstag, den 11. 6.1926, abends 8ג/י Uhr. Fraucnkundöcbunö Havellands Festsäle, Nene Friedrichstr, 38. Mittwoch, den 19. 5, 1926, abends B'/jTJhr: Tiergartenhof, Bahnhof Tiergarten. Musikerfestsäle, Kaiser-Wilhelin-Str. 31. Sonnabend, den 15. 5. 1926, abends 9 Uhr: Siadilialie Klosferitralje Gegen reform-liberale Parteihemchaft! Für Jüdische Gemeindepoliiik! Referenten: Dr. Klee, Prof. Loewe, Frau Wagner-Tauber, Frau Dr. Zadik, Dr. Gronemann, Dr. Hilde»heimer, Dr. Soloweitsdäik, Dr. KoUensdher, Direktor Kareski, Moses Waldmann. — Diskussion. Jüdische Volkspartei Dr. A. G o I d s t e i n überbrachte den Gruß des Keren Hajessod-Direktoriums. Er gab eine eindrucksvolle Schilderung von den jüdischen Leistungen in Palästina, von dem Wurnfer des auferstandenen Hebräisch, von der unerschütterliehen Energie, die die Juden Palästinas vor den Juden des Ghetto so auszeichnet, und richtete einen Appell an die Anwesenden, sich von der großen jüdischen Sache der Gegenwart nicht fernzuhalten. Viele der Anwesenden überreichten dem Vorsitzenden ihre Keren Hajessod-Zeichnung. Die aut dem Bankett gezeichnete Summe betrug über 27 000 holl. Gulden. Die Kampagne in Rotterdam wurde am 29. April offiziell durch zwei Keren Hajessod-Veranstaltungen eröffnet, ein Massenmeeting, bei dem Herr van den Bergh präsidierte und aut dem Herr Hertzberger in einem zweistündigen Vortrag eine begeisterte Beschreibung seiner Eindrücke vom jüdischen Palästina und den Errungenschaften des Keren Hajessod gab; Justice Visser, der Präsident des Keren Hajessod-Kuratoriums in Holland, gratulierte dem Rotterdamer Komitee zu dem schönen Beginn der dortigen Kampagne. Ein Bankett, zu welchem die prominenten Komiteemitglieder ,״eingfMflt W«rep, fdgte dem Meeting. Dr. A. Gqtdstejn sprach un Namen des Direktoriums des Keren Hajessod, Herr van den Bergh sprach über die großen moralischen Aussichten eines jüdischen Palästina. Dr. A. Friedemann betonte die dringende Notwendigkeit erhöhter Anstrengungen für den Aufbau Palästinas. Dr. Sanders, der Sekretär des Keren Hajessod-Komitees, berichtete sodann über das Ergebnis der aut dem Bankett erhaltenen Zeichnungen, die sich auf 35 000 holl. Gulden beliefen. Am nächsten Tage setzte eine energische Werbetätigkeit ein, die während der ganzen Woche fortgesetzt werden soll. Jüdische Filme Die Bedeutung des Films als des empfindlichsten Bewahrers aller Lebensvorgänge, sei es im Leben des einzelnen oder des Volkes, braucht nicht mehr diskutiert zu werden. Seit es den Film gibt, waren es Juden, die an die Zukunft der jungen Technik glaubten und mit ihrer Entstehung verbunden sind. Nur natürlich war es, daß der Jude nicht nur als Kontrastfigur, sondern als wichtiges Lebenselement selbst Held der Leinwand wurde. Zunächst in seinen Sitten, dem täglichen und nocli mehr dem festtäglichen Leben, z. B. in dem Film ״Das alte Gesetz“, der als erster jüdischer Film — sein Schöpfer ist Paul Reno — schon seit Jahren In vielen Ländern bekannt ist. Bald entdeckte der Film die jüdische Mystik als dankbares Objekt. (Der Golem!) Das mystische Ghetto, die Heimat der Kabbala erstand, das Mittelalter ist als Zeithintergrund angedeutet. Die vielen Filme, die das jüdische Leben im deutsehen Mittelalter lebendig machen könnten, sind noch nicht geschrieben! Von der Historie kam man zum Menschen schlechtweg. Chaplin ist der Schöpfer dieser wahrhaften Neuzeit des Films. Ganz beseelt, sichtbar nach allen Seiten, zeigt er den nackten Menschen, nichts weiter als den Menschen, ganz ohne (seelisches) Kostüm, lind dabei verleugnet er sich keinen Augenblick als Juden, ist gerade als Jude so ohne Pathos menschlich und gar nicht weniger jüdisch als Schildkraut. Rudolf Schildkraut aber nimmt eine Mittelstellung ein. Der Mensch ist auch bei ihm die Hauptsache, Schildkraut spie’t ihn jedoch meist als den traditionellen Vater-Patriarchen mit langem Bart. Auch im neuen Film ״Seine Söhne“ (so ganz neu scheint er auch nicht zu sein), der Untertitel lautet: ״Söhne, die sich ihrer Eitern schämen“, spielt Schiidkraut unter Eduard Clemens Regie wieder einen alten Juden frömmster Richtung. Den Talmud nimmt er mit, wenn er an seinem Straßenhändlerwagen sitzt und in den Straßen New Yorks die Kleidchen verkaufen soll, die seine Frau näht. Er hat zwei Söhne. Nur im Studium sieht er das Heil. Aber nur der Aeltere kann lernen; der Jüngere verkauft auf der Straße Zeitungen, damit der Aelteste lernen kann, und lernt dabei das Boxen. Der ältere Morris — Arthur Lbbin — wird Rechtsanwalt, der jüngere Boxmeister, ״Stolz der Ostseite“ und des Boxklubs ״Palestine“. Aber als der Vater diese ״Entehrung“ der Familie erfährt, wird er aus dem Hause gewiesen. Der ältere aber geht von allein, ein möbliertes Zimmer zu mieten, um seine Rollen — in der Gesellschaft ungehindert spielen zu können: Er habe keine Eltern, aus eigener Kraft sei er geworden, was er ist; denn bei der Frage nach seiner ״Familie‘‘ fürchtet der ehrgeizige junge Mann für seine Heiratspläne und verleugnet seine Eltern. Der Vater aber verkauft seinen Pelz gegen einen Frack, weil gerade dieser Sohn einen Frack braucht, und holt sich dabei eine schwere Erkrankung. Der Sohn verleugnet vor den Hochzeifsgasten den alten Vater. Der vertriebene Sohn verdient durch einen Boxkampf das Geld, das zur Heilung des Vaters nötig ist und wirft den ungeratenen ״Familienstolz“, den Anwalt, dem Vater zu Füßen. Der Film inhaltlich unkompliziert und — unbekümmert -~ mit dem üblichen Schuß Sentimentalität, wirkt doch außerordentlich stark. Gewaltig in Schmerz und Zweifel ist Schildkraut in den Szenen des Vaters, der den Verrat des Sohnes erfährt; und rührend im Kampf gegen den Schneesturm, wie er ausgleitet, fällt und wieder weitertaumelt. Unendlich viele kleine Züge malen farbecht und erhalten das Kolorit So: wenn der Vater nach dem Händewaschen mit geschlossenen Lippen Ruhe gebietet und dazu mit den zornigen Augen straft! Der Film ist, gemessen an unserem strengen Bedürfnis nach Logik, durchaus nicht einwandfrei. Die schöne Mary mit dem guten Herzen ist Nichtjüdin, ihre Mutter, die — natürlich für Sammy den Boxkämpfer — sich zeigen läßt, wie man gefüllten Fisch macht, rechtfertigt ihr Vorhaben damit, daß der Pater zu Gast kommt. Ein so strenggläubiger Vater, der so plötzlich die Liebenden segnet, obwohl die Schwiegertochter eine ״Goite“ ist, das ist immerhin nur — ein Filmwunder — selbst nach der Enttäuschung mit dem Sohn ״nach seinem Herzen“. Der Film hat, davon abgesehen, die üblichen Vor- 7üge der amerikanischen Produktion. Natürlich, sympathisch und freimütig sind die Kinderaufnahmen, auch ein Knabenboxkampf ist zu sehen, umgeben von einer hübschen Gruppe sportinteressierter Amerikaner. Eine ausgezeichnete Aufnahme am Fischstand rivalisiert mit besten Bildern unserer Maler. Ruth Morofdf. Eingesandt In Nr. 31 Ihres geschätzten Blattes brachten Sie unter der Ueberschrift ״Aus der jüdischen Jugendbewegung“ eine Notiz über die Neu^ründung des Bundes Jüdischer Jugend ״Kadimah“. Wir bitten Sie höflichst um die Aufnahme folgender Berichtigung. ״Es entspricht nicht den Tatsachen, daß sich der Bund jüdischer Pfadfinder mit dem Wanderbund des Blau-Weiß und dem Ring jüdischer Wanderbünde vereinigt hat. Tatsächlich handelt es sich nur um zwei ehemalige Züge unseres Bundes, der nach wie vor selbständig weiterbesteht.‘‘ Hochachtungsvoll Die Bundesleitung des B. }. P. I. A.: Bo pp. * Herr Albrecht H e 11 m a n n, der in der vorigen Nummer der ״Jüd. Rundschau“ Hebbels Herodes und Mariamne zensiert, ruft aus: Schlagt mich... den Rezensenten, tot! Na ja, der Vorschlag geht nur nicht weit genug. Er nützt nichts mehr — sein Artikel ist ja schon gedruckt. Keine Besprechung will cs sein, nur ein persönliches Bekenntnis. ״Unmöglich dies hier näher zu begründen“. In der Tat, man versuche zu begründen z. B. das einzig Positive, das an dem Stück anerkannt wird, ״die bäurisch, burisch, wesselburisch geschickte Dramenführung“. Wieso sind Bauern . . . geschickte Dramenführer? Ich verstehe das nicht (persönliches Bekenntnis!). Man begründe, daß das Drama an der .wirkliehen Tragik des von Josephus Flavius mitgeteilten Stoffes vorbeischaut (statt daß es die Tragik erst darin erspürt hat). Oder die Verkehrung des — es kommen nur Superlative — ,,des unerhörtesten, vollblütigsten und blutigsten Dramas der jüdischen und der Weltgeschichte (?) in die ausgeklügeltste, ausgetifteltste Psychologasterei dieses ,germanischen“ Neutöhers (?)“. Soll man ernsthaft werden und feststclien, wie erst Hebbel uns diese und andere historische Stoffe tragisch erschauen gelehrt hat? Weder die Judith der Apokryphen noch der Herodes bei Josephus ist eine tragische Figur, beide werden es durch Hebbels tief fauchende Psychologie, oder, um mit dem persönlichsten Bekenner zu reden, durch Hebbels norddeutsche Seelenpilpulistik. Aber dabei heißt es: ״Auch wenn die losen christlichen Appendices, die dem jüdischen Dramenstoff höchst unorganisch angeflickt sind, gekappt worden wären — es wäre nicht jüdischer geworden.“ Ja, dabei soll man bedenken, daß Herodes kein Jude war und das herodianische Reich eben auch kein jüdisches mehr war (sondern stark verrömert), und daß sonst Hebbel hier im Gegensatz zur Judith bei der Zeichnung der Juden vieles mißglückt ist, weil eben die losen christlichen Appendices keine Appendices sind, sondern organische Bestandteile. Nicht nur weil Hebbel in allen Dramen die religiöse Entwicklung der befreiten Persönlichkeit zum Hintergrund hat (Moloch- Geburt des Heidentums, Judith-Heidentum-Judentum, Nibelungen-Heidentum־CI1ristentum, Herodes-judentum-Christentum und auch Genofava Und Giges gehören in diese Linie). Also nicht nur deshalb, sondern auch, weil erst die Geburt jenes ״Königs“ die Tragik des Herodes ja vollendet. Aber um das auszuführen, müßte man ernsthafter und ausführlicher werden. Lazarus Barth.!•sang des Grappmerbndes Baden, Wflrtlemberg Am Sonntag, den 18. April, fand in K a r 1 s r u h e die diesjährige Tagung des Gruppenverbandes Baden-Württemberg statt. Vertreten waren 12 größere Orte durch zionistische Vertreter. Leider fehlten die Vertreter einiger wichtiger Ortsgruppen; dies allein schon bewies, wie wichtig eine Neu- Organisation des Oruppenverbandcs und eine intensive Neugestaltung der zionistischen Arbeit in» Bezirke ist. Erfreulich war, daß dem Willen zur frischen Aufnahme der zionistischen Tätigkeit von allen Anwesenden Ausdruck gegeben wurde und daß man als Auftakt dazu die Ijar-Aktion lebhaft begrüßte und an allen größeren Orten durchzuführen versprach. Die Tagung selbst war mit einer öffentlichen Ijar-Kundgebung der Ortsgruppe Karlsruhe verbunden, in der bei guter Beteiligung der Karlsruher Gemeinde, Herr Dr. Landsberg, Wiesbaden: und Herr Dr. Simon, Frankfurt, über ״Die Jüdische Wirklichkeit“ sprachen. Die Nachmittagssitzung wurde eröffnet mit der Diskussion über das interne Referat des Herrn Dr. Landsberg über ״Fragen und Formen der zionistischen Propaganda“. Die praktischen Fragen der Arbeit traten bald in den Vordergrund der Diskussion und irr» Anschluß an das Referat von Dr. Franz Meyer, Mannheim, über ״Die Durchführung der Ijar-Aktion“ schritt man zur Neuorganisation der Gruppenverbandstätigkeit. Man beschloß, die Pfalz und das Saargebiet dem Gruppenverband anzugliedern, der nunmehr als Gruppenverband für Südwestdeutschland fungieren soll. Der Gruppenverbandsvorsitz wurde nach Mannheim verlegt. Herr Dr. Arnold Hildesheimer zum ersten Vorsitzenden und die Herren Dr. Rosenfeld, Karlsruhe, Dr. Bonem, Sfuttgart, und Dr. W ei 11 er, Saarbrücken, in den Vorstand gewählt. Die Anstellung von Herrn Hi b, Mannheim, als Sekretär des Orupnenverbandes und gleichzeitig der beiden Fonds, sowie das Abkommen, daß für die Propagan la der Sekretär des Oruppenverbandcs Hessen-Nassau, Herr Jakob Herzberg, Frankfurt, zur Verfügung stehen soll, wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. Ke organisatorischen und technischen Grundlagen und Voraussetzungen einer starken propagandistisclien Tätigkeit sind hiermit gegeben, und es wird nur der Mitarbeit der Zionisten bedürfen, um in Süd-Westdeutschland wirkliche und dauernde zionistische Erfolge zu erzielen