Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 36 (11.5.1926)
- Date
- 1926-05-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 273 Die Judenfrage in der Türkei (Von unserem S. W.-Korrespondenten.) Vor einigen Monaten wurde hier (,,Jüd. Rundschau“ Nr. 93 vom 27. November 1923) die Lage geschildert, die in der neuen Türkei für das türkische Judentum entstanden ist. Wir hatten bereits damals alle Ursache, aut die ernsten Gefahren hinzuweisen, die die nationale Existenz des jüdischen Volkes in der Türkei bedrohen. Die weitere Entwicklung der Lage nun hat unseren Befürchtungen nur zu schnell Recht gegeben. Und wenn wir heute uns erneut mit den Fragen des türkischen Judentums beschädigen, so können wir uns mit einer bloßen Darstellung nicht mehr begnügen, sondern wir müssen gegen Maßnahmen der türkischen Regierung auts Schwerste protestie ren, die die jetzigen türkischen Machthaber in eine Reihe mit extrem judenteindlichen Gruppen in manchen Rand- Staaten stellen. Lassen wir einige Tatsachen sprechen, um die Mentalität der heutigen türkischen Machthaber kennenzulernen. Ich habe früher von der Forderung der Regierung berichtet, daß tür die Minderheits- und Fremdenschulen türkische Lehrer angestellt werden müssen, und ich habe auch darauf hingewiesen, daß oftmals diese Lehrer nicht berufsmäßige Lehrer sind und deshalb vielfach nicht als geeignete Lehrkräfte angesprochen werden können. Trotzdem ist ihre Bezahlung wesentlich höher als in den türkischen Schulen und als die der eigenen Lehrer der Minderheitsschulen. Auf diesem Gebiete ist es mehrfach zu offenem Kampf gekommen, und der Ausgang zeigt die Entschlossenheit der türkischen Regierung, ohne Rücksicht auf außenpolitische und moralische Wirkungen ihre Tendenzen — Türkifizierung des Schulwerks — durchzusetzen. Zwei sehr hochstehende Schulen der g ri e c h is c h c n Minderheit sind geschlossen worden, weil man den türkischen Lehrern das Gehalt für 1 bis 2 Monate schuldig geblieben ist, nachdem die eigenen griechischen Lehrer bereits seit sechs Monaten kein Gehalt mehr bezogen haben, da natürlich Regierungssubventionen an diese Schulen nicht gegeben werden. Alle Interventionen sind erfolglos geblieben, und so wird ein blühendes, hochstehendes Schulwesen zugrunde gerichtet, ohne daß von der Regierung aus etwas für eine anderweitige Bildung der Schüler geschieht. Und noch krasser ist der Fall der englischen höheren Mädchenschule in Pera, die vor etwa drei Monaten geschlossen und erst kürzlich wieder geöffnet wurde. Die türkische Schulbehörde schickte dieser Schule einen völlig ungeeigneten früheren Offizier als türkischen Lehrer. Die Leiterin der Schule war prinzipiell natürlich bereit, türkische Lehrer anzustellen, sie erhob aber Einspruch gegen diesen Offizier als Person. Der Erfolg: Schließung der Schule, gerichtliche Vernehmung der Lehrerin, darauf Intervention des englischen Botschafters, die völlig erfolglos blieb und Oeftnung der Schule erst, nachdem die Forderung der Schulbehörde akzeptiert wurde. Es wäre nun falsch, diese Maßnahmen nur aus Haß gegen England oder aus Furcht vor einem erneuten griechischen Aufschwung zu begründen. Die psychologische Einstellung der Regierung und der europäisch gebildeten Intellektuellen, die in dieser Hinsicht vielfach mit der Regierung gehen, ist vielmehr vor allen Dingen historisch zu erklären. Das türkische Volk hat außerordentlich unter den Kapitulationen gelitten. Der Türke war in seinem eigenen Lande ein Knecht, ein Diener des Europäers, der im Vertrauen auf die Bajonette und Kriegsschiffe des Heimatstaates oft diese Lage mißbraucht hat. Die Schande der Kapitulationen haben die intellektuellen Türken bis heute nicht verwinden kQttgep.,. ,Es, isUachMter,-,we1m ,*chiuiimöglkh»׳ .auch ״hoch* gebildeten Türken den Ünters.chd ed verständlich zu machen, der zwischen diesen Kapitulationen und dem modernen Minoritätenrechte besteht. Die ״Etiropäisierung der Türkei״ hat eben — wie das ja häufig bei geistigen Revolutionen zu geschehen pflegt — dem neuen Staat noch nicht die letzten und neuesten Wahrheiten staatsrechtlicher Begriffe und Lösungsversuchc der komplizierten, nationalen Fragen, gebracht, an die man in dem revolutionären Europa, wenigstens tastend — herangeht. Die staatspolitische Weisheit des Nationalstaates von gestern, die Politik der Minderheitenunterdrückung, Furcht vor einer Wiederkehr der Kapitulationen in dieser oder jener Form, veranlassen die leitenden türkischen Kreise, mit allen Kräften zu versuchen, die Minoritätenklauseln des Lausanner Vertrages durch ״freiwilligen“ Verzicht zu erreichen, werden alte verwaltungsmäßigen Mittel und alle diplomatischen Künste angewandt. Wie hat sich nun die Lage speziell der j ü d i sehen Gemeinschaft in der Zwischenzeit entwickelt? Eine allgemeine Versammlung, an der sich außer den Mitgliedern des Medschlisch Umumi eine Reihe von Notablen beteiligten, — eine sogenannte ״Assemblee Nationale“ wenigstens des Konstantinopler Judentums — hatte nach zweimaliger Tagung schließlieh die Einsetzung einer Kommission beschlossen, die die Verhandlang mit der Angora-Regierung wegen der Neuorgamsierung des türkischen Judentums aut der Grundlage der Trennung der geistlichen von der weltlichen Gewalt führen sollte. Einige Tage vor der Reise der Kommission nach Angora erschien plötzlich gleichzeitig wie auf Befehl und offenbar auf Anweisung von oben in der gesamten türkischen Presse die Nachricht, daß 3D0 spaniolische Juden, türkische Untertanen, anläßlich einer Columbus-Feier ein Huldigungstelegramni an den König von Spanien gerichtet hätten, in dem sie ifire Ergebenheit gegenüber Spaniens beteuerten. Diese Nachricht erregte einen Sturm in der türkischen Presse, wie ihn die jüdische Gesellschaft in der Türkei noch nicht erlebt hatte. Man schrie ganz offen ״Verrat“. Bis nun sei man den Juden freundlich entgegengekomraen, sie hätten aber die Sympathien der Türken auts Gründlichste enttäuscht; sie vergäßen wohl, was sie in anderen Ländern zu leiden hätten und wie man ihnen in der Türkei begegnet sei; man brauche sie nicht, sie könnten ruhig gehen, ohnehin seien sie unproduktive Elemente usw., kurz, alle Register des curopäischen Antisemitismus wurden mit schnell gelernter Kunst- (ertigkeit gezogen. — Unter den Juden herrschte Erbitterung und Furcht. An der ganzen Geschichte war kein wahres Wort. Aber die Sache hatte doch ein Gutes. Dieser Angriff brachte eine geschlossene Abwehrfront des türkischen Judentums zustande. — Die wenigen Notablen, die auch in dieser Situation ohne weiteres die nationale Stellung aufgeben, Demütigungen und Drohungen ruhig hinnehmen wollten, waren plötzlich isoliert. Die Delegation des Assemblee reiste nach Angora, der Großrabbiner protestierte. Die Delegation verlangte Aufklärungen. Die türkische Presse wurde beruhigt. Die Regierung dementierte zwar nicht, aber sie gab zunächst das Spiel mit diesen Mitteln auf. Die Delegation verlangte in Angora die Legalisierung der örtliehen jüdischen Gemeinden und ihre Zusammenfassung in einer oberen Instanz für die allgemeinen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft, Spitäler, Orphclinate usw. Man sprach von der Schulfrage, von der Frage des Steuerrechtes, behandelte die Mazzothfrage usw. Die Antwort der Regierung war nicht ohne weiteres negativ. Irgendwelche Zusicherungen wurden nicht gemacht, man verlangte Memoranden und sagte in der Schultrage ein gewisses Entgegenkommen zu, d. 11. man war angeblich bereit, die Türkifizierung der Schulen sukzessive, nicht aut einmal, vorzunehmen. — Aber diese Haltung der Regierung hielt nicht lange an. Einige Wochen später erschien ein Abgesandter des Innenministeriums aus Angora in Konstantinopel und verlangte unter Drohungen eine offizielle Vcrzichterklärungderjuden aut ihre M i n d e r 11 e i t s r e ch t e. Erst nach diesem Verzicht würde man über die schwebenden Fragen verhandeln. Irgendwelche positiven Zusicherungen wurden nicht gemacht, von vornherein aber betont, daß ein Steuerrecht der Gemeinden nicht in Frage käme, Steuern könne nur der Staat erheben. Man muß bemerken, daß auch mit den anderen Minderheiten, Griechen und Armeniern, ähnliche Besprechungen stattgefunden haben, und daß man innerhalb der Minderheiten Kreise zu organisieren sucht, die einen solchen Verzicht auf den Minderheitenschutz des Lausanner Vertrages aussprechen könnten. — Bisher sind diese Bemühungen überall gescheitert, obwohl es die Regierung an Drohungen gegen Verhaftungen der Führer der Gegenbewegung gegen solche Verzichtdeklarationen nicht hat fehlen lassen. Auch bei den Juden ist, entgegen anders lautenden Nachrichten, ebenfalls bis heute keine Entscheidung gefallen. Lediglich auf das Familien Statut wurde, wie auch bei den anderen Minderheiten, schon vor längerer Zeit verzichtet. Mau verhandelt, man versucht der Regierung י be- *gräflich. zu machen, daß ein solcher Verzicht der Juden auf «De Minderheitsrechte schon aus dem Grunde nicht möglich ist, weil damit für das jüdische Volk in anderen Ländern, in denen ebenfalls die Minderheitsklauseln gültig sind, Schwierigkeiten entstehen würden; so z. B. in Polen und Rumänien. Gerade ge\visse Zusammenhänge des türkischen Judentums mit dem Weltjudentum könnten von moralischem und auch materiellem Nutzen für die neue Türkei sein. Vom türkischen Standpunkte aus ist es unklug und unzweckmäßig, diese Bindungen ohne Not zu zerschneiden. Die Juden, ein absolut loyales Element der neuen Türkei, sind bereit, nach ihren Kräften in dieser neuen Türkei und an ihrem Aufbau mitzuarbeiten. Das türkische Judentum muß aber fordern, daß ihm die elementaren Rechte und Möglichkeiten der Existenz, als einer besonders gearteten Gemeinschaft gegeben würden, d. h. eben die Rechte einer religiösen und Volksgemeinde. Wir wissen nicht, wie letzten Endes die Verhandlungen auslaufen werden. Wir haben leider Grund zu der Befürchtung, daß die türkische Regierung in schlecht verstandenem eigenem Interesse ihre Versuche, die jüdische Gemeinschaft zu zerstören, tortsetzen wird, und wir wissen nicht, ob die jüdische Gemeinschaft stark genug und bereit ist, wie es die Judenheit in anderen Ländern gewesen ist, einen langen und zähen Kampf um ihre nationale Existenz zu führen. Wir Sagte ich, daß das Bild einer so gestalteten jüdischen Ehe in diesem Zusammenhang der Stimmen fehlt? — So verbessere ich mich seihst: Es ist da, das Bild einer solchen Ehe — einer Ehe, die sich aut Ueber-Privates gründet, deren Gattenvvahl das Verzichten kennt und ״nach der hohen Dreifalt menschlichen Wesens, nach Ethos, Tradition, Blut“ den Partner wählt. Nur steht es an einem Orte, wo wir es vielleicht nicht vermuten: in dem Aufsatze des Graten Paul Th u n-Hohenstein über die ״Standesehe“. — ״Keine andere Ehe ist als Standesehe, soll das Menschengeschlecht wieder dahin geführt werden, wo hoher Sinn es zu erhalten sucht, im Ethos des Mutes zu sich selbst, in der Tradition edler Gesinnung, in der verzichtenden, aber segenschaffenden Kraft der Blutwahl“, so schließt dieser bedeutungsvolle Autsatz. Sein Verfasser spricht von der Standeselie' des Adels: aber er selbst ist sich bewußt, daß diese adlige Auswahl des Gatten nur einmal in der Welt ihr Gegenstück findet: hei den Juden. ״Trotz des mörderischen Gedankens der Diaspora hat sich die Judenschaft in der ganzen Welt lebendig erhalten, weil das kraftvolle Ethos einer nie gestillten, nie geschwächten Sehnsucht in ihr mächtig war, das in der Vererbung durch bewußte Eheschließung stets an der Macht bleiben mußte.“ Noch von anderer Seite kommt unerwartete Bestätigung der jüdischen Idee von der Ehe, die gemäß ihrer pflichtgebundenen Freiheit ״die Begründung der Liebe in der Treue ist“, wie Hermann Cohen sie nannte. In einem der gedankenreichsten Aufsätze des Buches, in Thomas Manns ״Die Ehe im Uebergan g“, wird diese Definition autgegriffen und zugleich die Synthese von Eros und Ethos, von Geschlechtstrieb und Sittlichkeit, die Hermann Cohen ״ein zeitgenössischer Philosoph dieser sittlichen Rasse" in der Treue fand. ״Der Treue wegen, sagt er, muß die Ehe da sein; denn wahrhafte Liebestreue sei nur möglich in der Ehe und durch sie.“ — Damit erweist sich die jüdische Ehe, die Ehe der Ewigkeit als das vollkommenste Gegenstück der in dem Ehebuche sehr eindringlich geschilderten ״Ehe in der neuen Welt“, wie sie Beatrice M. H i n k 1 e zeigt, und der Ehe des Romantikers, wie sie Ricarda Huch darstellt, ״wir werden leben, wie es .Schneeflocken zusammenschneit, und wie die zerrinnen, wenn ein neuer Frühling kommen sollte, so werden auch wir zerrinnen, wenn wir nicht beisammen bleiben sollten , . Mit einiger Spannung erwajtet der jüdische Leser des Ehebuches, was nun der von rechtswegen bestallte Vertreter des Judentums, was Leo Baeck, der, wie man weiß, auch sonst den Weisheitsfreunden in Darmstadt ״Thora zu sagen“ berufen ist, zu dieser innerlich jüdischen Lebensform zu sagen hat. Sein Aufsatz ״Die Ehe als Geheimnis“ ist schön und ernst wie alle seine Schriften — wenn auch ein wenig blaß. Ein Hinweis jedoch — oder eine Erinnerung — sei ihm gedankt: die Ueberwindung des Alltags in der Ehe und der Prosa, die so manches Eheglück tötete durch das jüdische Gebot, das auch die kleinen und geringfügigen Stunden in seinen Kreis zieht. ״Es wird zum Gesetze der Alltäglichkeit: alles soll seine Erfüllung sein. Um das Geheimnis zu hüten, um das Gebot zu wahren, soll das Kleine sein Gottesdienstliches haben, seine Poesie gewinnen. Nichts darf neben dem Gebote hergehen. Dem Alltag der Ehe soll seine Freiheit gegeben werden, die ihn über das Begehrende und Niederziehende emporhebt, seine Freiheit durch das Gesetz. Das ist das große Wagnis, welches die Frömmigkeit vollbringt, daß sie die Religion in den Alltag hineinstellt, mit ihr seine Stunden ergreift, die Stunden der Prosa — wenn du sitzest in deinem Hause, und wenn du gehst auf dem Wege, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst .. .“ Der große Grundgedanke des jüdischen Gesetzes, die Heiligung des Alltags und aller seiner Verrichtungen — ״der jüdische Lebensstil“, wie es Baeck an anderer Steile einmal nannte — erreicht das Ziel seines Wagnisses in der jüdischen Ehe. ״Aber nennet ihr das eine neue Sinngebung der Ehe?“ wird mancher Leser fragen. Und — er hat Recht. Eine neue Sinngebung findet der Jude, für den das Judentum spricht, nicht in diesem Buche. Aber etwas anderes wird ihm kredenzt. Lfialter jüdischer Wein in neuen Schläuchen: ist er darum weniger köstlich zu genießen? Bertha Badt-Strauß. Eine orientalische Sammlung für die Jerusalemer Bibliothek. Herr Y. Dawud (London), ein hervorragender Gelehrter auf dem Gebiete der orientalischen Sprachen hat der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek seine Privatsammlung zum Geschenk gemacht. Die Sammlung besteht aus 1055 Bänden, zum großen Teil Hebraica (sepharmüssen jedenfalls die Aufmerksamkeit aut ein Unrecht lenken, das uns als Volk von einem Staate getan wird, den wip bis nun frei glaubten von der Seuche des Antisemitismus. Ke türkische Regierung sollte sich überlegen, ob ihr Kampf gegen ein nützliches und loyales Bevölkerungselement während der nicht wenig inneren und außenpolitischen Schwierigkeiten ihr nicht weit mehr schade, als sie in falscher Berechnung Nutzen von ihm erhofft. Das Judentum der Welt muß dem türkischen Judentum das Gefühl geben, daß es in dem Kampf um seine Lebensrechte die tätige Hilfe des Weltjudentums finden wird. Wenn wir allerdings Zusehen, was an nationalen Positionen noch vorhanden ist, dann müssen wir uns fragen, ob denn überliaupt in einem Kampf außer ״Begriffen“ noch irgendetwas zu retten ist. Ich habe letzthin dargestellt, wie zunächst die einheitliche Repräsentanz des türkischen Judentums beseitigt, wie aus dem Chacham-Baschi, den! Großrabbiner der Türkei, der Basch- Chacham, der bloße Oberrabbincr von Konstautinopel, wurde. Und auch in der so überaus wichtigen Schulfrage ist Position um Position verloren gegangen. Während noch vor einigen Monaten nur ein Drittel des Unterrichts in Türkisch erteilt werden mußte, ist es sehr bald die Hälfte und mehr als die Hälfte geworden, und nun soll nach einer neuen Verordnung, gegen deren Durchführung noch gekämpft wird, der gesamte Elementarunterricht i:1 Türkisch erteilt werden. Und wenn etwa auch auf dem Gebiete des Gemeindestatuts der Standpunkt der Regierung: Keine Steuern, keine Rcpräsentanz der Oesamtjiuicnheit der Türkei, ~ akzeptiert werden sollte, dann muß man sich freilich fragen, ob nicht der ganze Streit um den Verzicht auf Minoritätenrechte nur noch ein Streit um Worte ist; denn eine reale Basis nationaler Mi nontütenrechte ist dann wollt kaum mehr vorhanden. Wenn die Dinge in der Türkei so weit gediehen sind, so ist jedenfalls eine der Ursachen auch, daß durch den Mangel einer Zionistischen Organisation jede Möglichkeit der Kon- Zentrierung der nationalen Kräfte fehlte. Wenn die großen politischen _ Organisationen des Westjuüentums, die sich speziell mit den Fragen der Minoritätenrechte und dem politischen Schicksal der jüdischen Massen im Osten befassen, sich nun aktiver dem jüdischen Problem in der Tiirbei zuwenden werden, so dürfen w ir nicht vergessen, daß ohne die Legalisierung der Zionistischen O rga n i - s a t i o n für uns keine genügenden Garantien für eine wahrhaft nationale Vertretung der jüdischen Interessen in der Türkei gegeben sind. Der polnisch-jüdische Pakt ln der Sitzung des jüdischen Sejmklubs am 5. Mai wurde nach langer Debatte der Antrag des Abg. Lewinsohn (Hitachdut) auf Veröffentlichung des polnisch-jüdischen Paktes (״Ugoda“) angenommen. Alle jüdischen Zeitungen in Polen veröffentlichen min den ziemlich ausführlichen Text des Vertrages. Daraus geht hervor, daß die Regierung sich, wenn auch mit sehr gewichtigen Einschränkungen, verpflichtet hat, in wirtschaftlicher Beziehung das Gesetz über die Sonntags ruhe in bezug auf die Juden zu modifizieren sowie eine Revision der Monopolkonzessionen im Sinne einer ausgiebigeren Verteilung unter die Juden durchzuführen. Ferner hat sich die Regierung verpflichtet, die untergeordneten Behörden zu beauftragen, bei verschiedenen Offertausschrcibungen auch die jüdischen Offerten in Betracht zu ziehen. In politischer Hinsicht hat die Regierung sich verpflichtet, die in gewissen Landesteilen bestehenden Ein- Schränkungen der bürgerlichen Rechte für die Juden gänzlich'[ aufzuheben und eine Zahl von Juden in den Staatsdienst aufzunehmen. Ferner hat sich die Regierung verpflichtet, eventuellen Versuchen einer Aenderung der Wahlordnung in die gesetzgebenden und autonomen Körperschaften, die gegen aas Interesse der jüdischen Bevölkerung verstoßen würden, entgegenzuwirken. Schließlich hat sich die Regierung verpflichtet, alle eventuell bestehenden Geheimzirkulare in militärischen Angelegenheiten, deren Spitze sich gegen die Juden wenden sollte, aufzuheben, in k ul tu re Her Hinsicht hat sich die Regierung verpflichtet, eine Verordnung herauszugeben, nach der an gewissen staatlichen Schulen auch der Unterricht in der jüdischen und hebräisehen Sprache eingeführt werden soll, Sie übernimmt ferner die Verpflichtung, einen Numerus clausus als unstatthaft zu erklären. — Der Pakt trägt die Unterschrift des Abg. Dr. Leon Reich. Von seiten der Regierung ist er nicht unterzeichnet. Bisher wurde diese Vereinbarung bekanntlich von keiner Regierung ausgeführt, was den jüdischen parlamentarischen Klub bewogen hat, sich gegen die Regierung in Opposition zu stellen. Vergesset nicht den Schekel! dischen Drucken), biblischen Enzyklopädien, Kunstbüchern und Büchern aus den Gebieten der Kunde des Orients. Der besondere Wert der Sammlung besteht in 50 arabischen und persischen Handschriften, welche Herr Dawud im Zusammenhang mit eigenen wissenschaftlichen Arbeiten gesammelt hat. Einige dieser Handschriften sind von hervorragender Schönheit. Der Verlag ״Eschkol“ A.-G., Berlin, versendet soeben ein Probeheft der .,Enzyklopädie des Judentums“, sowohl der hebräischen wie der deutschen Ausgabe. Seinerzeit wurde schon mitgeteilt, daß in Berlin ein Kollegium von Fachgelehrten die Vorbereitungen für dieses .Monumentalwerk in Angriff genommen hat und daß es geplant ist, itn Laufe von 6—7 Jahren in jeder der beiden Sprachen je 10 Bände im Umfange von 500 Druckbogen in großem Lexikonformat herauszugeben, in denen der gesamte Ertrag aller Gebiete jüdischen Wissens enthalten sein soll, und die über sämtliche Fragen des jüdischen geistigen und sozialen Lebens bis in die neueste Zeit orientieren sollen. Die im Umtange von zirka 100 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen versehenen Probehefte der Enzyklopädie enthalten eine Auswahl von Artikeln aus den verschiedensten Gebieten der jüdischen Wissenschaft: zum Teil sind es, der Gesamtanlage der Enzvklopädie entsprechend, umfangreiche Monographien, zum Teil kleinere Aufsätze über Einzelfragen, geographische Namen, historische Persönlichkeiten usw. Es seien folgende genannt: ״Abraham Ihn Ezra“, ״Erzväter“, ״Assaria de Rossi“, ״Traktat Abot“ — in der hebräischen - ״Aramäisch in der Bibel“, ״Ludwig Bambergcr“ — in der deutschen; ״Alchemie•,־ ״Alexandrien“, ״Altpersische Religion“, ״Asharot“, ״Autonomie“, ״Albert Einstein“, ״Handwerk“, ״Kunst“ in der hebräischen und deutschen Ausgabe der Probehefte. Ausführliche Einleitungen zu den Probeheften unterrichten genau über Ziel, Anlage und Gestaltung des Werkes. Die Redaktion, auf 15 Gebiete verteilt, liegt in der Hand von Fachgelehrten; zirka 150 der bedeutendsten Forscher und Schriftsteller in allen Ländern haben ihre Mitarbeit an dem Werk zugesagt. Soeben erschien unter dem Titel ״Erez Jisroe!“ eine Sammlung von Aufsätzen des Esra (Jugcndgruppc der Agudas Jisrocl). Die Sammelschrift enthält eine Reihe von Beiträgen zur Palästina-Arbeit vom orthodoxen Standpunkt