Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 36 (11.5.1926)
- Date
- 1926-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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f Seite 272 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 36 nicht umschifft. Aber wir können von dem Genius eines Marx ebenso ,lernen wie von dem Herds. Es ist leicht für uns Epigonen die Punkte zu bemerken, in denen Genies irre gingen; wir irren viel schlimmer, wenn wir die Errungenschaften ihres begnadeten Geistes nicht recht zu achten verstehen. Wir wissen wohl, daß wirtschaftlicher Umbau die Judenfrage nicht lösen wird, wir müssen uns andererseits aber auch darüber klar sein, daß wir ohne ökonomische Um- Stellung die Judenfrage in Palästina nicht lösen werden. Wir werden in unserer nationalen Heimstatte schwerlich ohne irgendeine Form des Sozialismus weiterkommen. Die Zionistische Organisation muß auf eine Um- Wandlung in diesem Sinne wohl gefaßt sein. Es ist eine Frage des Tages. Die uralten geistigen Bestrebungen des jüdischen Volkes finden im Zionismus ihren Ausdruck. De Zionistische Organisation ist der Rahmen zu ihrer Verwirklichung, die wirtschaftliche Form derselben aber ist der Sozialismus. Nimmt man unserer opferfrohen Jugend dieses Ideal, so lähmt man die restlose Energie, mit der sie heute das Land erschließt, bepflanzt und bebaut. Wenn in der nationalen Heimstätte das ökonomische Chaos der westlichen Welt sich wiederholen sollte, so würde wenig seelischer Gehalt in unserem Aufbauwerke bleiben. Wer heute das Tal von Jesreel betritt, fragt sich: Kann dieser Geist der Opferfreude, der Hingabe an ein Ideal lange lebendig bleiben? Die Antwort, die er erhält, wird ihn nicht in Zweifel lassen. Diese Hingabe, diese Selbstauf- Opferung wird nicht nachlassen, solange wenigstens die Möglichkeit einer Verwirklichung des sozialistischen Ideals bestehen bleibt. Alles aber würde sofort zusammenbrechen, wenn die Zustände des westlichen Indusfriealismus in Palästina Platz greifen. Nur unter dieser Bedingung werden die mutigsten, fähigsten und ausdauerndsten Typen unseres Volkes dem Rufe des Aufbauwerkes Folge leisten. Das ist der Zeitgeist. Man wird vielleicht sagen: Laßt uns eines nach dem anderen erledigen, die Zionistische Organisation hat genug Schwierigkeiten politischer und finanzieller Art zu überwinden, laßt uns erst diese überwinden, ehe wir neue und unsichere wirtschaftliche Experimente auf uns nehmen. Erst sollen einmal die Juden nach Palästina kommen, und dann wird das weitere sich finden. Freilich, dieser Weg wäre bequem und angenehm. Aber die Zionistische Organisation ist eine lebendige Geistesmacht und das schöpferische Leben kennt keine Haltestellen. Die Forderung der ökonomischen Gerechtigkeit läßt sich nicht einlullen, während wir andere Probleme behandeln. Sie gehört zur Aufgabe des Tages. Sie ist ein wesentlicher Teil des jüdischen Wiederaufbaus Pa- Iästinas. (Aus dem Englischen.) Weizmann-Bankett In Paris Paris, 5. Mai. (J.T.A) Auf dem zu Ehren Dr. Weizmanns vom Keren Hajessod im Continental-Hotef in Paris veranstalteten Bankett waren etwa 300 Personen anwesend. Dr. Zadoc-Kahn führte den Vorsitz. Prof. Victor Basch, Herr Ferdinand Corcos, Herr Hillel Zlapotolsky, Dr. Fildertnann und Herr Ascher, der Schatzmeister des Keren Hajessod, hielten Ansprachen. Nach einem Appell Herrn Aschers an die Versammhing, für den Keren Hajessod zu zeichnen, wurden 260000 Frcs. aufgebracht. Dr. Weizmann führte in seiner Rede aus: Unsere Beziehungen zu den Arabern haben sich bedeutend gebessert. Das wichtigste Problem Palästinas sei die Einwanderung. Ke Politik der Regierung gehe darauf aus, Frieden ira Lande zu schaffen. Gleich nach dem Bankett begab sich Dr. Weizmann nach London. Palisti1a-Ei1w1n(kn11f im April Jerusalem, 5. Mai. (J.T.A.) 1650 Personen sind im Monat April in Palästina eingewandert. Ke Anzahl der Ein- Wanderer im März betrug 2000, im Februar 2700 und im Januar 2300. Warschau, 5. Mai. (J.T.A.) Laut den eben hier für den Monat April veröffentlichten Ziffern begaben sich im Monat April nach Palästina 984 Juden. Kes ist die monatliche Durchschnittsziffer der Immigranten aus Polen nach Palästina. Im Februar betrug die Zahl 930, und im Januar 1100. Im Jahre 1925 war die Gesamtzahl 17740. Waad kamt and Völkerbund Jerusalem, 2. Mai (J. T. A.) Der Waad Leumi (Nationalrat der Juden Palästinas) hat in seiner letzten Sitzung den Entwurf eines der Mandatskommission des Völkerbundes zu unterbreitenden Memorandums endgültig durchberaten und angenommen. Es wird dies das erste Memorandum sein, daß durch den Waad Leumi der Mandatskommission überreicht wird; es wird im Juni d. J. der in Genf tagenden Mandatskommission durch Vermittlung der Zionistischen Organisation unterbreitet werden. Das Memorandum enthält zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt wird die Lage in Palästina dargelegt, im zweiten werden Informationen über das jüdische Aufbauwerk in Palästina gegeben und die Möglichkeit einer kräftigeren Unterstützung der Kolonisation auseinandergesetzt. Während der Tagung der Völkerbundsmandatskommission wird in Genf eine Abordnung des Waad Leumi weilen, die sich aus den folgenden Personen zusammensetzt: Dizengoff, früher Bürgermeister von Tel-Awiw, Rabbi Uziel und Arlosoroff. ZiMisllsches Meaeraninm aa den Vdikerbaid Das diesjährige Memorandum der Zionistischen Organisation an die Juni-Sitzung der Mandatskommission des Völkerbundes wird die gleichen Beschwerden enthalten, die im letzten Jahre vorgebracht worden sind. Das neue zionistische Memorandum unterstreicht ״die Ungerechtigkeit, daß der Ertrag der allgemeinen Besteuerung fast ausschließlich für die Errichtung und Aufrechterhaitung von Schulen verwendet werden, in denen Arabisch die Unterrichtsspräche ist, während die Juden die Unkosten der hebräischen Schulen selbst decken müssen.“ Ferner weist das Memorandum darauf hin, daß, ״obwohl das Mandat bereits längere Zeit in Kraft ist, der Paragraph 6 des Mandats, der die dichte Ansiedlung der Juden auf dem Lande, einschließlich Staatsboden und Oedland, das nicht für öffentliche Zwecke gebraucht wird, vorsieht, noch immer fast gänzlich unwirksam geblieben ist.“ Das Schreiben der Zionistischen Organisation schildert ferner den Fortschritt der jüdischen Aufbauarbeit. Bekanntlich hat sich bei der vorigen Sitzung der Mandatskommission die englische Regierung ablehnend zu den Zionistenforderungen geäußert. Die ßeisetzvng Nordans ia Tel-Awiw Jerusalem, 5. Mai. (J.T.A.) In dem Pavillon der Stadtverwaltung zu Tel-Awiw versammelte sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge an dem Sarge Max Nordaus. Unter den Anwesenden bemerkte man u. a. den Vizegouverneur des Jaffa-Distrikts. Der stellvertretende Bürgermeister, Herr Blumenfeld-Bloch, der im Namen der Stadt- Verwaltung von Tel-Awiw eine Ansprache hielt, wies darauf hin, daß das Grab Nordaus zwischen der Silikatfabrik und dem Arbeiterheim, den beiden Institutionen, die Kapital und Arbeit symbolisieren, mit welchen die erste jüdische Stadt der Welt teschaffen wurde, gelegen ist Im Namen der Zionistischen xekutive sprach Colonel Kisch. Rabbi Uziel hielt eine Predigt und sprach das Kaddischgebet. Hierauf begab sich der Trauerzug mit dem Polizeiorchester vpn Tei-Awiw, welches Trauermärsche Von Chopin und Beethoven spielte, an der Spitze zum Friedhof. Bei Beth Haam hielt der Trauerzug׳, wo Herr Usslschkin im Namen des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) und Herr G1 i k s o n namens des Schriftsteller- Vereins Ansprachen hielten. Am offenen Grabe sprachen Dr. Mossinson, Nordaus Tochter Maxa und der frühere Bürgermeister von Tel-Awiw, Herr Dizengoff. Maxa Nordau führte in hebräischer Sprache aus, sie fühle, wie groß die Liebe des jüdischen Volkes zu ihrem Vater sei; sie sehe im Palästinaaufbau den Traum ihres Vaters erfüllt und sei glücklieh, daß seine sterblichen Ueberreste hierher gebracht worden sind. Die Zerenomie dauerte drei Stunden. Vom Orieiiailscbea Institut ia Jerasaiem Am Orientalistischen Institut der Hebräischen Universität Jerusalems werden im Sommersemester 1926 folgende Vorlesungen und Seminarübungen gehalten: 1. Dr. Baneth: Lektüre des Buches Chaj Ben Jaktan von Abu Bekir Ibn Tufil (Seminar). 2. Dr. L A. Mayer: Palästina unter der Herrschaft des Islam; Neue Literatur zur Frühgeschichte des Islam (Seminar). 3. Herr L. Billig: Arabische Literatur. (Ziko.) Die Finanzpolitik der Angio Paleslinc Co. Im Hause von Israel Ros off in Tel-Awiw fand eine Besprechung von palästinensischen Industriellen und Kaufleuten mit Dr. Georg Halpern über die im Lande herrsehende Wirtschaftslage und über die Finanz- und Wirtschaftspolilik der Zionistischen Organisation statt. Die Ver¬ Sammlung, an der gegen 20 Personen teiinahmen, dauerte unter Vorsitz von Dizengoff fünf Stunden. Es sprachen Dizengoft, Suprasky, Drujanoff, Rappaport, Rosoff und Dr. Haipern. Die Redner beklagten sich hauptsächlich über den Mangel einer Organisation und einer Fiihrung im Wirtschaftsleben und über die Schwierigkerien bei der Krediterteilung. Es mangele an industriellen und hypothekarischen Krediten und an einer Förderung des Kooperativen Kredites. Im besonderen wurde über das Verhalten der A. P. C. während der im Lande herrschenden Krise geklagt. Dr. Halpern antwortete in einer ausführliehen Rede, in der er die Finanzpolitik der zionistischen Leitung und der A. P. C. verteidigte. (Ziko.) Die RattBberffsche Elektrizititskoimsion Wie englische Zeitungen berichten, ist die Konzession für die Elektrifizierung Palästinas Rutenberg für die Dauer von 70 Jahren erteilt worden. Die Gesellschaft hat sich verpflichtet, ihre Arbeiten im Laufe von fünf Jahren durchzuführen. Die Regierung wird von der Gesellschaft keine Steuern erheben, bis nicht an die Besitzer der Anteilscheine eine Dividende von 8״/« verteilt werden kann. Die Tabakfnimtrie ii Palästina Wie ״Mi sc har Wetaassia h“ berichtet, gab es im Jahre 1925 in Palästina sieben Fabriken für Tabak und Zigaretten und sieben Tombakfabriken. Von Anfang Mai bis Ende 1925 wurden von diesen Fabriken 429 800 kg Zigaretten und 12000 kg Rauchtabak und 42 000 kg Tombak hergestellt. 40 °/0 des verarbeiteten Tabaks ist palästinensischer Produktion. Im Jahre 1925 wurden 12000 Dainam mit Tabak bepflanzt, um 55 0/0 weniger als im Jahre 1924, aber immer noch zweineinhalbmal soviel als im Jahre 1923. Der ״Dawar“ schreibt in seiner Nummer vom 12 April: Eines der bedeutendsten industriellen Unternehmungen im Lande ist das von Lu bii n er, das sich mit der Tabakindustrie in all ihren Formen befaßt, sowohl Trocknung und Sortierung von Tabak als auch Herstellung von Zigaretten und Tabakexport ins Ausland. In dieses Unternehmen wurden bisher £E. 130000 investiert. Von der Firma Lubüner wurden 40 000 kg Tabak ins Ausland versandt, und dieser Tage sollen weitere 150000 kg nach Hamburg verschifft werden. Die Firma besitzt in Palästina 300000 kg Tabak. Außer denjenigen, die bei den Tabakpflanzungen noch aut dem Felde tätig sind, beschäftigt die Firma LuNiner 200 Leute, und zwar 50 Arbeiter und Arbeiterinnen in ihrer Zigarettenfabrik in Tel- Awiw, und den Rest in den Magazinen der Gesellschaft. Die Arbeitsbedingungen sind keine schlechten. Der Lohn beträgt für Facharbeiter 15 bis 25 Piaster pro achtstündigen Arbeitstag. Für Ueberstunden wird extra bezahlt. Wie der ״Haaret z“ berichtet, hat Herr Mühlmann, der Besitzerder Zigarettenfabrik ״M a i k a p a r“ in Berlin, während eines Besuches in Palästina probeweise 30 000 kg Palästinatabak erworben. Im Falle des Gelingens des Versuches beabsichtig! Herr Mühlmann ein weiteres großes Quantum palästinensischen Tabaks zu erstehen. (Ziko.) 2500 Einwndenugszerttfikate Die palästinensische Regierung Kat der rionistischen PaHstina-Exekutive für Rechnung des ArBeifsprogranam s April/September 2500 Einwanderungszertifikate bewilligt. Es bleibt der Exekutive überlassen, diese Zertifikate nach ihrem Gutdünken unter männliche und weibliche gelernte und ungelernte Arbeiter zu verteilen. Ke Zertifikate wurden bisher den Palästina-Aemtern noch nicht zugeteilt. ״Das Laid der jüdischen Eiiwaniernng“ Das Hauptbüro des Keren Hajessod in London gibt soeben unter dem Titel ״Palestine: the Land of Jewish immigration“-eine speziell dem Problem und den Aufgaben der jüdischen Einwanderung nach Palästina gewidmete gut illustrierte Broschüre heraus. Die auf ihrem Titelblatt mit einer Zeichnung von Hermann Struck geschmückte Broschüre geht von dem zahlenmäßigen Vergleich der jüdischen Einwanderung nach Palästina mit der nach anderen Ländern aus und stellt dabei fest, daß Palästina heute das Land der größten Jüdischen Einwanderung überhaupt ist. Die Broschüre untersucht sodann diese Einwanderung im einzelnen in bezug auf ihre Zusammensetzung und schildert die Hilfe, die die Einwanderer mit Hilfe der Mittel des Keren Hajessod beim Aufbau des neuen jüdischen Palästina finden. Sigma■(! Frend Am 6. Mai feierte einer der größten Geister der Gegenwart, der jüdische Denker Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, seinen 70. Geburtstag. In der Psychoanalyse schuf Freud nicht nur eine bedeutende Heilmethode, sondern auch eine Psychologie, die das gesamte Geistesleben der Gegenwart durchdrungen und befruchtet hat. Das große Verdienst Freuds liegt darin, das Unbewußte, das isher nur Gegenstand metaphysischer Spekulation war, exakter psychologischer Forschung zu unterziehen. Da es eben ia der Struktur des Unbewußten liegt, der Erfahrung im allgemeinen nicht zugänglich zu sein, bedurfte es einer besonderen ״Tiefenpsychologie“ und diese schuf Freud in der Psychoanalyse. In den ״Fehlhandlungen“: dem Vergessen, Versprechen, Verlesen, Verlieren, Vergreifen usw. deckte Freud die Wirkung des Unbewußten im Alltagsleben auf und wies einerseits das Sinnvolle solcher unsinnig scheinenden Handlungen nach, andererseits das PsychopathoTogische dieser Harmlosigkeiten. Einen weiteren Zugang zum unbewußten Seelenleben entdeckte Freud durch die Traumdeutung, sie vermittelt uns einen Weg zu den Krankheitsherden der Ffysterie und Neurose, da im Traum Erlebnisse verkleidet wiederkehren, die vom Bewußtsein ausgeschlossen werden, weil sie unlustvoller Natur sind. Das die Neurose bewirkende Erlebnis führt Freud bis in die früheste Kindheit zurück, wie unser ganzes Seelenleben durch Kindheitserlebnisse bestimmt wird, besonders durch die Einstellung zum Vater oder zur Mutter, dem ״Oedipuskomplex“, und durch die Rolle der Sexualität, deren Wert schon für die ersten Lebensjahre er als erster entdeckt hat Durch die Psychoanalyse sind daher der Pädagogik ganz neue Wege gewiesen worden wie auch der Sozialwissenschaft. Auch In die Kunstpsychologie reicht das Wirkungsgebiet der Psychoanalyse, da hier wie auch in der Volkskunde, Mythologie und Literatur unbewußte Triebkräfte nachgewiesen werden. Schließ- Hch wird die Philosophie besonders durch die letzten Werke Freuds befruchtet. Liier zeigt es sich am deutlichsten, wie falsch es ist, von Freud als ״Materialisten“ zu sprechen wie es gewisse Kreise betonen. Freud wurzelt tief Im Judentum mit seiner unbeirrten Verkündung der Wahrheit, bei der er sich selbst nicht schont. Er hat seibst darauf hingewiesen, welche Schwierigkeiten sein Judentum ihm und seiner Lehre verursacht hat; aus Ihm zog er auch die Kraft und Fähigkeit, in der Isolierung auszuharren und für seine Idee, ungeachtet des Spottes und der Feindschaff der Umwelt, zu kämpfen. Freud hat das Judentum stets als positiven Faktor seines Wesens anerkannt und interessierte skh auch für die jüdische Renaissance-Bewegung, die er, obwohl als Gelehrter jedem politischen Oetriebe fern, mit Sympathie begleitet. Sein Eintreten für die Universität Jerusalem ist bekannt. Er hat dieser Sache stet* seine Mitwirkung geliehen. Aus Anlaß seines Geburtstages war Freud der Gegenstand großer Ehrungen. Ke Stadt Wien ernannte ihn zum Ehren- Bürger. Alle Zeitungen feiern den einst Verworfenen als einen der größten Bahnbrecher der Gegenwart. Dabei wird auch stets sein Judentum als hervorragendes Element seines Schöpfertums hervorgehoben. Wir freuen uns, daß dem Gelehrten, der auch heute noch natürlich wüsten antisemitischen Schmähungen ausgesetzt ist, diese schöne Feier auf der Höhe seines Ruhmes vergönnt war. E. W. Keyserlings Ehebach aod wir Jules4) Es ist hier nicht der Ort, die allgemeine und symptomatische Bedeutung dieses vielleicht fleißiger gekauften als gelesenen Buches darzulegen. Vielmehr soll der jüdische Wesensinhalt dieses vielbesprochenen Buches festgestellt werden: hier — wo er vorhanden ist und dort — wo er fehlt. Nicht verwunderlich ist’s, daß jüdische Menschen über diese Frage der neuen Sinngebung für die Ehe, wie es die Titelseite des Buches nennt, 1״m Zusammenklang der Stimmen“ ihr Wort zu sagen haben. Ehe und Familie sind ja lange selbst von unseren Feinden als das Reich des Juden anerkannt worden. Nicht verwunderlich — oder doch? Nicht gar so lange ist’s — könnte man sagen —, seit die Einehe überhaupt im Leben des Juden als Recht und Gesetz besteht. Die Männer der biblischen Zeit — und Jahrhunderte nach ihnen — lebten unter der Möglichkeit der Polygamie, wenn diese Möglichkeit wohl auch meistens wie im heutigen Orient, *) Das Ehe-Buch. Eine neue Sinngebung im Zusammenklang der Stimmen führender Zeitgenossen, angeregt und herausgegeben von Graf Keyserling (W. Kampraann, Celle). aus wirtschaftlichen Gründen zur Unmöglichkeit geworden sein mag. Zudem entsprechen in der grandiosen Offenheit der Bibel auch die Ehen der Erzväter am allerwenigsten dem, was wir und unsere Feinde heute das jüdische Eheideal zu nennen gewohnt sind. Isaacs Frau hilft dem Lieblingssohnc ihren Mann zu betrügen; Jakobs Frauen betrachten die Liebe des Gemahls geradezu als ein Tauschobjekt. Vielsagender noch als diese historischen Bilder: auch das jüdische Recht hat niemals die Unauflöslichkeit der Ehe in dem Maße gefordert, wie etwa noch heute der Katholizismus. Seit alters war die Möglichkeit der Ehescheidung vorgesehen; ja es gab Fälle, wo sie geboten wurde. Und dennoch ward die Ehe des Juden in der Entwicklung der Jahrhunderte zu jenem Kleinod, um welches uns unsere Feinde so lange beneidet haben — bis wir es hie und da eintauschten gegen die glänzende und wertlose Scheidemünze d?s Tages. Es ist schade — um gleich eine der oben erwähnten Lücken des Ehebuches zu berühren —, daß die Geschichte der jüdischen Ehe und ihrer Besonderheit hier, wo das Bild der indischen, chinesischen und amerikanischen Ehe gezeichnet wird, nicht von einem Wissenden in ähnlicher Weise umrissen wurde wie etwa Ricarda Huch (unter dem allzu engen Titel ״Romantische Ehe“) die Geschichte der Ehe in Deutsch- Und seit Luthers Zeiten darstelit. Ke Grunderkenntnis des jüdischen Volksgeistes trennte die Ehe schon ln früher Zeit von der Liebe: der Jüngling Isaac nimmt ohne weitere Bedenken die ihm von Elieser ausgesuchte Braut in sein Zelt ״und trauert fürder nicht mehr um seine Mutter Sara“; und die Worte die für Generationen von modernen Juden den Inbegriff der Liebe und — der Traupredigt darstelien ״Dein Weg sei mein Weg . . sie wurden ja nicht vom Manne zur Frau noch von der Frau zum Mann, sondern von einer Frau zur andern, von der Schwiegertochter zur Schwiegermutter gesprochen. Der Wille des Jünglings zur Ehe entsprang nicht — oder mindestens nicht zuerst — erotischem Verlangen: die Ehe war dem Juden als Pflicht auterlegt; zur ״Thora, zur Ehe, zu guten werken“ erzo״ der Vater seinen Sohn. Zweck der Ehe war ein Höheres als das kleine Glück zweier Einzelwesen: Ewigkeit des Geschlechtes, Ewigkeit des Gottesvolkes. Als Gott der Herr am Berge Sinai seine Lehre dem Volke Israel zuteil werden lassen wollte — so erzählt der Midrasch —, da waren die Kinder die einzigen Bürgen, die er annahm.