Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 265 Beilage des Landesverbandes Misrachi Tradilionslreue Men! An euch wenden sich diese Seiten, die für eure Mitarbeit am größten Werk des heutigen Judentums, am Aufbau Erez-I sraels werben sollen. Wir haben diese Aufsätze nicht gesondert erscheinen lassen, sondern sie einem sich an alle Schichten des jüdischen Volkes wendendem Blatt anvertraut, um zu dokumentieren, daß wir uns nicht ausschließen wollen aus unserer Volksgemeinschaft, daß wir für Misere Ziele kämpfen wollen im Rahmen der Organisation des jüdischen Volkes. Wir reihen uns ein, arbeiten gemeinsam mit allen denen, die Beendung der Zer- Splitterung, Heimkehr des heimlosen jüdischen Volkes wollen. Eine weite Wegstrecke haben wir gemeinsam zurückgelegt, politische Hindernisse, die untibersteigbar schienen, mit göttlicher Hilfe überwunden. Hunderttausende von Juden, die dem Judentum fremd geworden waren, zu ihm zurückgeführt, in Erez-Israel selbst weite Strecken Landes jüdischer Arbeit erschlossen. Den ״Bonim-Baunim“, den Söhnen, die das Mutterland aufbauen, konnten wir helfen, daß Sümpfe ausgetrocknet, Wälder gepflanzt, Chausseen gebaut, Wasser ergraben, Kranken- Häuser errichtet werden konnten. Das alles konn'en wir Im Rahmen, nur im Rahmen der nationalen Gesamt- Organisation des jüdischen Volkes tun, von der wir uns nicht trennen dürfen. Dann aber konnte unsere Föderation des M i s r a c h i seine Sonder arbeit entfalten, den Aufbau zu heiligen, Schulen errichten, die im Geist unserer Thora Jugend bilden und — י מעודנו ובזמננו נלךauch den Aelteren Lehrer verschaffen, Rabbiner anstellen, eigene Siedlungen errichten und fördern und unseren Arbeitern zur Sejte stehen, m i t der Zionistischen Organisation oder, wo es nicht ging, im Kampf. Unsere Position ist nicht stark genug, Vorteile oder die Unkenntnis der Lebensnotwendigkeit unserer Aufgaben hält viele der traditionstreuen Juden von der Eingliederung zurück. Das darf nicht mehr sein! Vorurteile und Unkenntnis zu beseltigen ist Zweck dieser Aufsätze und der Propaganda, die unsere Freunde an allen Orten in diesen Wochen entfalten. Leset diese Blätter, besuchet die Vdrsammlungen, die die zionistische Gruppe oder der Misrach! veranstalten, und reihet euch ein! Wer sich noch nicht angeschlossen hat, sende uns seine Adresse und Anmeldung, damit wir gestützt auf das Vertrauen immer neuer Mitarbeiter unsere Arbeit fortsetzen k$gnen, .. *׳י.-Niemand« aefilleße ׳sich’;’•aus,;vÄr'der Arbeit;■ im Heiligtum unseres Volkes. ZentralbQro des Misrachi für Deutschland. Sein oder Nichtsein Von Oberrabbiner Dr. H. Brody, Prag. ״Sein oder Nichtsein — das Ist hier die F rage.“ Ijar gibt die Antwort, der Monat, der Nissan mit Siwan verbindet... Erst Nissan — die Rettung des Volkes, dann Siwan — die Gestaltung dieses Volkes zum Gottesvolke. Nicht ״entweder — oder“, nicht das eine ohne das andere — Ijar verbindet beide: Ijar lehrt, daß Israel und seine Thora zusammengehören, miteinander verbunden sein müssen. Aber wie soll die Thora bestehen können, wenn nicht erst ihr Träger und Pfleger lebt — das jüdische Volk? Achtet auf die Lehre unserer Urgeschichte! Wie war es am Anfang? Ein körperlich geknechtetes, geistig entartetes Volk war dem völligen Untergange nahe! ולא יבלו להתמהמה keinen Augenblick mehr durfte es in Aegypten verweilen, wenn es noch gerettet werden sollte. Was war nun zu tun? Erst die Entarteten erziehen, bilden, reinigen, läutern, daß sie der Erlösung aus der Knechtschaft und der Freiheit im eigenen Lande würdig werden? Mit Menschen, die an ein Leben der Zügellosigkeit Gefallen gefunden, konnte man von Gott und Glauben, von Sitte und Moral nicht sprechen. Sie mußte man in Ihrem Irrwahne, in ihrer Unverbesserlichkeit zugrunde gehen lassen, oder man mußte sie nehmen, wie sie waren, man mußte de befreien mit allen ihren Fehlem und Gebrechen, man mußte de am Leben erhalten, in dar Erwartung, daß später einmal de selbst oder ihre in der Freiheit geborenen und erzogenen Kinder auch für die religiösen Heiligtümer ihres Volkes zu gewinnen sein werden. Das wollte Moses tun und das tat er, im Vertrauen auf das Wort Gottes: ״Erst wenn du dieses Volk •us Mizrajim geführt hast, werdet ihr Gott dienen an diesem Berge“, erst wenn das Volk dem verderblichen Einfluß entzogen ist, wirst du es dem Gottesdienste zuführen können. Das genügte Moses, nicht aber den זקנים, den treuen Hütern der Ueberlieferung. Sie schwankten zwischen ja und nein und konnten keinen Entschluß fassen. Sie wollten ein Israel sehen, das ,,gottgläubig ist und nur Gott allein dient in Treue Moses aber — so dachten sie — Moses spricht nur Immer vom Volk und fürs Volk, nie von Gott und für Gott־, das ist ein ״Nation»- Ifet“, ein ״Zionist“, der will ein Volk aufrichten, ein Volk ohne Glauben, und dieses Volk will er führen in das Land der Väter, daß der heilige Boden entweiht werde durch Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit! Dazu wollten sie ihre Hand nicht bieten, und im entscheidenden Augenblick haben sie dem Führer die Mit- Ulfe versagt Das war ein schwerer Fehler, und die Strafe erfolgte gerade anläßlich der Gesetzgebung. Da mußten die זקנים Zurückbleiben, denn wer — im Gegensatz zur Lehre des Midrasch (Rabba zu Qoh 1,4) — glaubt, Israel sei für die Thora da und nicht die Thora für Israel, der kann die Thora nicht vertreten, kann ihren Fortbestand nicht sichern. Gewiß ist die Thora Israel anvertraut und gewiß muß es unsere erste Sorge sein, die Thora in Israel zu erhalten: handelt es sich aber um Sein oder Nichtsein, dann muß Israel unter allen Umständen erhalten werden, denn geht es zugrunde — חורה מה תהא עליה' wie kann die Thora eine Zukunft haben? Und was einmal war, ist jetzt wieder. Jahrzehnte hindurch war Israel von ernsten Gefahren bedroht — heute ringt es mit dem Tode. Früher war es eine religionsfcindliche Kultur, waren es geistige Strömungen, wärtschaffliehe Schwierigkeiten, Judenhaß und Judenhetzen, die uns gefährlich waren, die uns viele unseres Stammes entfremdet haben; der große Krieg und seine Folgen haben das Maß voll gemacht Im Osten lebt der Großteil unseres Volkes in Verhältni&sen, denen gegenüber selbst die beispiellose Wider- Standskraft unserer leidgewohnten Brüder sich unzulänglich erweisen muß; in den übrigen Ländern machen sich immer deutlicher und immer drohender Strömungen geltend, die vieles in Frage stellen, was Sorglose für unerschütterlich halten. Die Schar der Treugcbliebenen ist gering an Zahl, und wer kann sagen, daß sein Kind allen Stürmen trotzen und im Kreise der Treuen verbleiben werde? Aber wäre das auch der Fall, was hilft׳«? Moses, Aharon und die Aeltesteu und der ganze Stamm Lew! haben Gott nicht genügt, das ganze Volk mußte er retten aus der Gefahr, und um die Rettung des Volkes handelt es sich auch heute. Und das Volk kann gerettet werden, wenn alle, die ihm angehören, ihre Pflicht erfüllen, denn die Tore des heiligen Landes sind weit geöffnet und Zion ruft nach seinen Kindern. Aber es besteht eine Gegnerschaft Sie besteht in den Reihen derer, die sich zu anderen Nationen bekennen und auch in religiöser Hinsicht vom überlieferten Judentum sich losgesagt haben, doch mit ihnen hat sich nicht der Misrachi auseinanderzusetzen. Aber Gegnerschaft besteht auch in den Reihen derer, die treu zum Judentum stehen, und ihre GegnersChaft hat religiöse Gründe. Der Zionismus sagt Ihnen nicht zu, weil er die religiöse Seite des Judenproblems aus seinem Programm ausschaltet; die Zionisten sagen Ihnen nicht zu, weil ihre Lebensführung vielfach zu den Lehren der Thora in Widerspruch steht; die jungen Pioniere sagen ihnen nicht zu, weil sie, in ihren Heimatländern dem religiösen Denken und dem religiösen Leben entwöhnt, auch im heiligen Lande die heilige Satzung äußer acht lassen. Auch wir beklagen diese Umstände — soweit sie der Wirklichkeit entsprechen und nicht zu den Uebertreibungen gehören, denen Irregeführte Immer noch zum Opfer fallen. Aber welche Folgerungen haben wir aus den Tatsachen zu ziehen? Wie die זקנים ln Aegypten meinen die Gegner: lieber soll das ganze Volk zugrunde gehen als eine Satzung der Thora — haben sie aber bedacht, daß, wenn einmal das Volk aufgehört hat zu sein, auch die Thora untergehen müsse? Wer Verantwortlichkeitsgefühl genug besitzt, tan die Dinge gewissenhaft zu prüfen, der muß zu der Einsicht gelangen, daß, wenn des Volkes Fortbestand in Frage steht, seine Erhaltung die Erhaltung der Thora bedeutet, und daß für seine Erhaltung gesorgt werden müsse, weil nur so eine Möglichkeit für den Fortbestand der Thora geschaffen werden könne. Mag darum das gegenwärtige Geschlecht noch so sehr der Thora entfremdet sein, man muß es nehmen, wie es ist und es erhalten ■ Wegen :tttr icMtoi^erOdsehl&ifcf, die, hältnissen lebend, auch für die Thora zu gewinnen sein werden. Unsere Weisen waren nicht leichtsinnig, noch weniger haben sie sich gegen den Geist öder gegen das Wort der Thora versündigt, als sie, ein Prophetenwort deutend, den Ausspruch taten: ס .הל׳אי וישבו על אדמתם אע״פ שיטמאו אותה daß doch die Israeliten ihr Land bewohnten, auch wenn sie es verunreifügten! Die Lehrer wollen damit natürlich nicht die Verunreinigung des heiligen Bodens als einen fortdauernden Zustand gutheißen, vielmehr wollen sie sagen, daß man die augenblickliehe Verunreinigung hinnehmen müsse in der Ueberzeugung: ׳בי הקבוע בא״י ומדבר בלה״ק מובטח יו שהוא בו עולם הבא daß, wer dauernd im heiligen Lande lebt und die heilige Sprache spricht, nicht für immer verloren sei; er hat noch eine Zukunft, er wird noch ganz dem Judentum angehören. Was hier zum Ausdruck kommt ist — Vertrauen, Vertrauen in die läuternde Kraft der Winde, die im heiligen Lande wehen, des Geistes, der in der heiligen Sprache verkörpert ist, und nicht zuletzt: Vertrauen in das Gotteswort, das seinen Weg findet zum freien jüdischen Herzen. Dieses Vertrauen wollen wir auch hegen: Geben wir uns nicht einer sündhaften und sträflichen Sorglosigkeit hin; die Stunde ist ernst; es handelt sich um Sein oder Nichtsein, um den Fortbestand oder den Untergang Israels. Laßt uns, Juden, für seinen Fortbestand arbeiten mit all unserem Können und mit all unserer Kraft. Wir haben eine große Verantwortung, und wir müssen sie tragen vor Gott und vor der Geschichte! Laßt uns den Aufbau von Erez Israel fördern, soweit es unserer Arbeit gelingt, auf dem Boden unserer Thora. Soweit es nicht gelingt, das ganze Volk hierfür zu gewinnen, müssen die Getreuen die religiösen Heiligtümer wahren und pflegen, um sie zu geeigneter Zeit wieder zum Eigentum des ganzen Volkes zu machen, vorläufig aber muß das Volk gerettet werden, gerettet für die — Thora. Erst Nissan, dann Siwan; die Verbindung beider wird kommen, das lehrt der Monat Ijar! Volk und Lehre Er sprach zu mir: Mein Lehrer! Zwei Dinge liebe ich, die Thora und Israel, aber ich weiß nicht, wer den Vorrang hat Ich erwiderte ihm: Mein Sohn, die Leute meinen, die Lehre habe den Vorrang . . . ich aber sage dir, Israel hat den Vorrang . . . denn wäre nicht Israel, die Welt wäre nicht geschaffen worden, Tane de be Elija c. 14. Arbeit und Arbeiter im Lande fl. Akiba küßte (beim Betreten des Landes) die Felsen von Aliko, aber R. Chanina begann sofort die verschütteten Straßen wegsam zu machen. (Ketabol 113a.) ״Besser hartes Brot und Glück dabei", damit ist Erez- Israel gemeint, denn wer bei Brot und Salz in Erez- Israel lebt, ist der künftigen Welt gewiß, ,ols ein Haus voll Opfern des Streites", das ist das Ausland, das (bei allem religiösen Spenden) voll ist von Unrecht und Gewalt (Midr, Mischte.) Orthodoxer! Warum mußt du Zionist sein? 1. Weil die Besiedelung Palästinas religtfise Pflicht ist. 2. Well schon die Hilfe für den einzelnen Volksgenossen, um wieviel mehr erst die Hüte für das ganze Volk religiöse Pflicht Ist. 3. Well nur die öffentlich-rechtlich gesicherte nationale Heim- Stätte die Besiedlung Palästinas und die Hilfe für das Volk ermöglicht 4. Well die Zionistische Organisation es Ist, die den Ge• danken der Errichtung der nationalen Heimstätte geschaffen und seine Verwirklichung bd England und beim Völkerbund erreicht hat 5. Weil nur die nationale Heimstätte die Schwierigkeiten torträumt, die der Verwirklichung des Reitglonsgesetzes im Galuth entgegenstehen. 6. Weil nur die nationale Heimstätte die Erziehung unserer Kinder in vollkommen jüdischer Umgebung und ln Schulen, die Ihren Lehrplan nur nach der Jüdisehen Kultur orientiert, ermöglicht. 7. Weil der Misrachi, die Organisation der Gesetzestreuen im Zionismus, mehr als 50 solcher Schulen geschaffen hat und unterhält 8. Weil die Zionistische Organisation eine streng dem•• kratische Organisation ist, die so geleitet wird, wie es die Mehrheit Ihrer Mitglieder fordert. 9. Weil die Orthodoxie bei weitem die Mehrheit, mindestens Innerhalb des aktiven Teils, der Judenheit ist 10. Well es daher nur des Entschlusses der Orthodox«! bedarf, in diese Organisation einzutreten und dadurch die nationale Heimstätte ln ihrem Sinne zu gestalten. _ Was Ist der fflsrachi? Von Rabbiner Amiel, Antwerpen. (Uebersetzt aus dem Hebräischen.) Der Misrachi ist eine Partei, welche die Belebung des Judentums und der Judenheit erstrebt; eine Partei, die den Geist des alten Israel und dadurch die Judenheit beleben will. Der Misrachi ist eine Partei, die die Rückkehr des Judentums zu seiner Urquelle und die Rückkehr der Juden nach Zion erstrebt Wie irrig ist die Meinung, der Misrachi sei eine Partei mit zwei Gesichtern, Zionismus und Orthodoxie oder Religion und Nationalismus! Alle diese Namen stammen aus der Sprachverwirrung und sind nicht jüdischen Ursprungs. Man will das lebende Judentum in das Prokrustesbett Sodoms zwängen, und da das Judentum in das Bett, das sich allzu kurz «‘Wilstj-, nicht hineingedrlngt werden kaut, io hidst mafritadi. Art der Sodomiter dem lebendigen Organismus des Judentums die überschießenden Gliedmaßen ab. Das lebendige Judentum kann weder in einen religiösen noch einen nationalen Rahmen eingeschränkt werden; denn weder der Begriff Religion noch der Begriff Nationalismus, beide dem Judentum fremd, können hier angewandt werden. Das Judentum ist eine Sondererscheinung, eine Weltanschauung, die ihresgleichen nicht hat, deshalb kann es nur mit seinem originellen Maßstab gemessen werden. Ist daher die Ansicht falsch, das Judentum sei nur Reilgion oder nur Nation, so ist es auch irrig, beides aber als Antithesen im Judentum zu sehen. Kurzum: die Belebung des Judentums ist der Inhalt des Misrachi. Die Arbeit in Palästina und im Galuth, wie auch die Arbeit für das Religiöse und für das Nationale (die Form ln der es sich auswirkt) die Mittel zum Ziele. Wie der Name ״Misrachi“ aus — מרבו רוחני — geistigen Zentren entstanden ist, so hat er im wesentlichen die geistigen Inhalte zu suchen. Unumstritten ist, daß der Misrachi eine Föderation der Zionistischen Organisation ist und es auch in der Zukunft bleiben wird, weil das wahre Judentum nie für Trennung und Zersplitterung war, aber er ist ein Teil der Organisation im Hinblick nur auf Taten und praktische Arbeit, nicht aber auf Anschauung und Idee, er ist ein Teil, solange es sich um Verbesserung der Lage der Juden, nicht aber des Judentums, handelt, denn in dieser letzteren Beziehung Ist umgekehrt das Verhältnis des Misrachi zum Zionismus wie das Verhältnis des Ganzen zum Teil (wobei das Ideal des Misrachi das Ganze darstellt). Der Zionismus ist ein Teil des Judentums und nicht umgekehrt, wie viele irrtümlicherweise annehmen. Der Misrachi erstrebt ein volles ungeteilte« Judentum. Das Vofljudentum legt uns aber mehr Pflichten auf als die dürre Orthodoxie. Schon der Name Orthodoxie ist nicht nur ein Fremdwort, das die gesamte jüdische Literatur nicht kennt, sondern ein Begriff, der dem Geiste des Judentums fremd ist Orthodoxie, als Konservatismus aufgefaßt, kann nur bei allen anderen Völkern, für die Religion nur Zeremonie bedeutet, existieren. Nicht so unsere תורה die eine Lehre des Lebens תורת חיים ist. Das Hauptmerkmal des Lebens ist die Kontinuität, denn das Leben aller Geschöpfe, vom Anfang ihres Daseins bis zu Ende, ist ununterbrochen ~ Unterbrechung bedeutet Tod. Also kann sich das Judentum nicht mit dem Festhalten am Alten begnügen, sondern muß seine Lebenskraft weiter entwickeln und befruchten. Deshalb ist für uns nicht allein das Festhalten an der תורה sondern auch ihre Belebung nötig, nicht nur die Erhaltung des Judentums, sondern seine Belebung. Dies kann uns die dürre Orthodoxie auf keinen Fall geben. Das sind die Hauptgedanken des Misrachi. Die Haupt- Sache ist, daß ein jeder von Zeit zu Zeit sich selbst Rechenschaft ablegen soll, ein חשבון הנפש denn es gibt viele Leute, die ihren Anschauungen nach Misrachisten sind, es aber an der Tat fehlen lassen, die den letzten Schluß aus ihren Anschauungen und Idealen nicht ziehen. Ein wenig Selbstbesinnung genügt, um das gut zu machen. Und so wollen wir hoffen, daß der Monat Ijar, der zwischen Nissan, dem Monat der Belebung des jüdischen Volkes, und Siwan, der Monat der Belebung des Judentums, liegt, uns dazu bringt, daß wir unsere Wege prüfen und zurückkehren zur Urquelle des Judentums.