Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 260 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35 Der Sinn der Gemeindewahlen Von Oberregierungsrat Hans Goslar Die Jahrzehnte alten Sünden der liberalen Majorität — Neuaufbau des jüdischen Jugend• Unterrichts — Zukunftsglaube an Stelle von Lethargie — Gegen Taufe, Mischehe und Abfall Die Berliner jüdische Wählerschaft steht am 16. Mai vor außerordentlich schweren und bedeutsamen Entscheidungen. Sie hat darüber /u befinden, ob nach diesem Termine weiter der Liberalismus, der in seiner Berliner Erscheinungsform in Wirklichkeit gar keine einheitliche Weltanschauung und jüdische Lebensform ist, der Gemeinde seinen Stempel autdrücke» soll, oder oh die lebendigen positiven Kräfte, die nach langer Stagnatjonszcit im Judentum wieder au die Oberfläche gedrungen sind, die ganze Situation von Grund aus verändern sollen. Seit Jahrzehnten regiert in Berlin der sog. Liberalismus. Seit Jahrzehnt׳'!! ist ini Berliner Judentum abgebaut worden, ist mehr und mehr ans der Fterliner Gemeinde, aus dem Gedanken einer wirklichen KchiHah, die alle Eebensrcgungen des Berliner Judentums erfassen sollte, ein V e r w a I - t u n g s m e c h a 11 ismus, ei n Apparat b ü rokratisclier Art gemacht worden, der noch dazu itt vieler Hinsicht zum Leerlauf verurteilt ist. ״Man hat das Judentum sozusagen in die Orgclsynagogcu eingesperrt und mehr und mehr aus den Familien und aus dem Leben des einzelnen eliminiert. Man hat aus dem großen, umfassenden religiös-nationalen Komplex jüdischeu Lebcnssysiems und jüdischer Weltanschauung gerade in Berlin mit besonderer Konsequenz die ,,mosaische Konfession‘• gemacht, die doch in Wirklichkeit nur ein Schattenbild des wahren Judentums ist, das in seinen riesengroßen religiösnationalen und einzel-menschlichen Anlagen jede ,,Konfession‘‘ tun Haupteslänge überragt. Man hat sich auf das Vor- •׳alten und auf das Bürokratische beschränkt. Wenn man dann noch wenigstens gut verwaltet hätte! Aber was ist das Wesen einer guten Verwaltung? Nicht nur Korrektheit in der Wahrnehmung der tagaus tageiti sich cinstcllcndcn Pflichten, sondern doch vor allem weitblickende Voraussicht. Der jahrzehntelang liberal verwalteten Berliner Jüdischen Genieinde hat jede solche Voraussicht von Gr u n d auf gefehlt. Wir haben z. B. heute in Berlin nur ein jüdisches Krankenhaus, und — da dieses noch dazu erfahrungsgemäß viele nichljüdisehe Patienten aufnimnit — so ist daher bei weitern nicht Plafz für die zahlreichen jüdischen Patienten, die in den Tagen ihrer Krankheit auf Behandlung durch jüdisches Personal, jüdische Aerzte, auf jüdisches Milieu, auf rituelle Verpflegung Wert legen. Sie alle sind gezwungen, in nichtjüdische Krankenhäuser zu gellen. Wenn weiter nur ein einziges Altersvcrsorgungsh e i m vorhanden ist, und Hunderte von Anmeldungen alter, kränklicher Personen, die das Leben nicht mehr meistern können, aus Mangel an einem zweiten Heini zurückgewiesen werden müssen, wenn nur eine Mikwah für die ganze Berliner Jüdische Gemeinde vorhanden ist, wenn das Wohlfahrtsamt in vieler Hinsicht noch trotz eifriger Reformarbeit der allerletzten Zeit unter zionistischer Mitarbeit in den Kinderschuhen steckt — dann zeugt all das, daß hier jede kluge Disposition und jede Voraussicht gefehlt haben. Es hätte in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts keine besondere Genialität dazu gehört, zu erkennen, daß das schnelle Aufsteigen Berlins zur Weltstadt als Haupt- «ittt 1dt» ':neuen Deutschen Reiches auch eine rapid an- Wachsende jüdische Bevölkerung in sich vereinen würde. Aber weder zu dieser Zeit hat man Vorsorge getroffen für die kommende Generation, noch hat in all den Kommenden Jahrzehnten bis zum Kriegsausbruch, wo Berlin doch schon die große, über 100 000 Köpfe hinaus angewachsene Judenschaft in sich barg, die liberale Verwaltung der Gemeinde irgendwelche Konsequenzen aus dieser historischen Entwicklung Berlins gezogen. Sie hinkte auch mit ihren Synagogenbauten der Entwicklung immer um viele, viele Jahre nach. Wenn wir heute in Benin auf dem Status stehen, den jüdische Mittelgemeinden von 10—12000 Seelen mit ihren sozialen Institutionen innc haben, so heißt das feststellen doch auch damit gleichzeitig das Urteil sprechen über die Fähigkeiten und die Arbeitsfreudigkeit einer liberalen Gemeindeverwaltung, die jahrzehntelang unbeschränkt und ungehemmt am Ruder war. Allein schon diese schweren Sünden, die jahrzehntelang die liberale Majorität auf sich geladen hat, unter denen heute Tausende verarmter und verelendeter Juden seufzen, sollten ein leuchtendes Warnung»- sigual für alle diejenigen sein, die auch jetzt aus Gewohnheit oder Leichtgläubigkeit daran gehen, am 16. Mai wieder einen liberalen Wahlzettel in die Urne zu werfen! Heute wieder überal wählen, heißt einfach die Gemeindeverwaltung der vorangegangenen Zeit, deren Sünden wir heute alle ganz klar als erschreckend groß erkennen, zu entlasten und ihr klemnität zu erteilen, die sie wahrlich nicht verdient hat. Ebenso aber wie sie auf dem sozialen und gemeindepoli- Eschen Gebiet versagt hat, wo es nur irgendwie galt eine Probe des Könnens abzulegen, hat die voraiigegangene liberale Verwaltung gesündigt auf dem Gebiete der religiösen Erziehung, des Unterrichts der Jug end und der Verlebendigung und Erhaltung der jüdischen Gedankenwelt überhaupt. Es fehlte in der Gemeindeverwaltung an dem Feuerder jüdischen Begeisterung, an dem Durchdrungensein von jüdischer Energie und jüdischem Lebenswillen, die man gebraucht hätte, mn eindringlich zurückzuwirken auf das ganze Unterrichtswesen und auf die Jugend. Man ließ Unterricht erteilen, um eine Pflicht zu erfüllen. Aber man kümmerte sich niemals darum, was aus den Tausend und Tausenden junger Menschen wurde, die entweder ganz ohne Unterricht oder mit einer Stunde Religionsunterricht in der Woche inmitten einer antijüdischen und fremden Umwelt angeblich zu Juden erzogen wurden. Das ganze Werk des sögenannten jüdischen Religionsunterrichts mußte ein ja mm erliebes Fiasko nicht mir darum erleben, weil es an der Ergänzung des jüdischen Religionsunterrichts durch noch wirklieh jüdische Elternhäuser schon damals mangelte und die Gemeindeverwaltung, der cs an Führerwille und Führerbegabung fehlte, keinerlei Einwirkung auf die Eltern ausübte, und weil außer dieser Unterrichtsstunde in der Woche keinerlei andere jüdische erzieherische Wirkung von der Gemeinde aus an die Jugend ging. Man glaubte eben, man habe nur zu einer mosaischen Konfession zu erziehen, und könne das vollbringen, wenn man eine Stunde lang in der Woche ein wenig biblische Geschichte und hebräisches Alphabet treibe. Daß über das rein ״Konfessionelle“ hinaus das Judentum eine ungeheuer starke und große Sache der Lebensgemeinschaft sei, daß hier Volksbegriff und Wille der Annäherung zum Göttlichen in einer großen Harraonie ineinanderflössen, daß man sich hier versenken müsse in die jüdische Geschichte, in das gesamte jüdische Schrifttum, in das Gesetz, daß man das Judentum erst kennen lernen und darüber hinaus auch lernen müsse, dieses Judentum nun auch praktisch mit seinen Forderungen in sein Pri- V a 11 e b e n e i n z u f ii 11 r e n — das alles haben die Herren in der Gemeindestube in der Oranienburger Straße 11 i e erkannt. Hätten sie es erkannt, so hätten sie mit Schaudern des Abstandes gewahr wenden müssen, der zwischen den Anforderungen dieses Judentums an sie mul an die jungen werdenden Menschen einerseits und dem audercrseiH Ing, was sie in den knappen Rcligionsstuiiden de.11 jungen Leuten bieten ließen. Es folgte denn auch dieser geradezu jammervollen U n t c 1 e r n ä!1 r 11 n g der jüdischen Jugend Berlins mit jüdisehen Werten, diesem geradezu Wildaiifwachsenlassen der jungen Generation, welche doch nach geistigen und seelischen Werten hungerte, eine starke Abkehr der Jugend von allem jüdischen Dingen, die man in Wahrheit nie kennen gelernt hatte, eine ungeheure Indifferenz, und als deren Folge Abfall und völlig (tnjüdischr Lebensführung. Wir hätten heule in Berlin eine ganz anders aussehende Generation aus den hier gebürtigen oder doch erzogenen Menschen, wenn wir während der Jahrzehnte der liberalen Herrschaft eine Geiw'indeYtrwaltuug gehabt hätten, die sich nicht auf die Au!gaben des simplen Vcrwaltens beschränkt hätte, sondern sich mit starker Liebe, Leidenschaft und Volksverbundenheit als Gesfor des Judentums und als verantwortlich für den Bestand der Bcrliner Judenhcit gefühlt hätte. Es wäre so unendlich viel zu tun gewesen! Man hätte für gute jüdische Jugendb 11 eher eien sorgen können, man hätte schon damals jüdische Volkshochschulen, hebräische S ס r a c 11 s c 11 u I e n - und Unterrichtskurse begi men, hätte für einen Unterricht sorgen können, in dem junge Menscheu an Hand von pädagogisch begabten Lehrern zu den Quellen jüdischer Art 11ml jüdischen Wesens hiuabsteigeu diirften. All diese Arbeiten hat man erst den ,,bösen Zionisten“ überlassen, die sie mühsam und aus ihrer privaten Initiative und aus ihren Mitteln erwachsen ließen, darum zuerst lauge von der andern Seite angegriffen wurden, bis man schließlich auch in den liberalen Kreisen einsah, daß man all diese Hilfsmittel nicht entbehre« kann, wenn man verhindern will, daß der überwiegend größte Teil der Jugend, unbefriedigt vo!1 dein Wenigen von den offiziellen Gemeindeinstanzen ihr Gebotenen, aus dem Judentum hinausgclit. Wohin wir sehen: überall ein Bild der Zerfahrenheit und der Unzulänglichkeit, überall Dokumente des absoluten Versagens der liberalen Gruppen, die auch nur deshalb jahrzehntelang trotz ihrer allgemein anerkannten Unfähigkeit am Ruder bleiben konnten, weil auf der andern Seife vor dem Auftreten der Zionisten zu viel Indifferenz, zu viel Aengstlichkcit und Parfeizerspaitinig herrschte. Ganz langsam, Schritt für Schritt, hat sich das alles gcändert, seitdem — beginnend etwa in dem Jahre 1910 — die zionistisch orientierten Gruppen in banger Sorge um Leben und Zukunft des Berliner Judentums, dazu übergingen, Sturm zu laufen gegen die Zwingburg, die das liberale Judentum in der Oranienburger Straße errichtet hatte. Von Wahl zu Wahl bröckelte etwas von dem Gemäuer dieser Zwingburg ab. Allmählich gelang cs, Männer der ״Jüdischen Volkspartei“ in die Repräsentanz und nach dem Kriege auch in den Vorstand der Gemeinde zu entsenden, immer noch eine Minorität, aber eine Minorität, die doch mit Energie Forderungen aufzustellen und zu vertreten versuchte, eine Minorität, die zum ersten Male seit Jahrzehnten in die Gemeindestube * einen < friseheu .,--Luftzug .eiazichen. ließ.. Zum* ..erste» Male•-; mußten die aufhorchenden Liberalen vernehmen, daß es nicht nur ein isoliertes Berliner Judentum gab, in dem man einige Verwaltungsarbeit zu leisten habe und das Amen dazu zu sagen hätte, was die Gemeindegewaltigen befehlen würden. Sie mußten es hören, daß es ein einheitliches jüdisches Volk gab, von dem das gesamte deutsche Judentum und die Berliner Judenheit nur ein Teil war, und daß es, wenn man nicht absterben und in Abschnürung an Sauerstoffmangel ersticken wollte, nötig sei, auch bei der Berliner Judenheit wieder den An- Schluß an das lebendige, jüdische Leben zu vollziehen. Sie mußten es erleben, daß die Gruppe der Jüdischen Volkspartei eine ganze Reihe ihrer Programmpunkte in allerschärfstem Kampf in der Rcpräsentanten-Versammlung durchfocht, daß sie insbesondere von ihrer Hauptforderung der Errichtung jüdischer Schulen nicht abzubringen war, weil cs absolut klar ist, das in einer Zeit, wo das jüdische Elternhaus fast ganz versagt und ein paar Stunden Religionsunterricht keine halbwegs genügenden jüdischen Unterlagen schaffen köuneu, nur die jüdischen Volks - und Mittelschulen imstande sind, jüdische Kinder unter der Heiligung des Sabbaths und der Feste in jüdischem Geiste, in jüdi* sehe m Wissen und dabei doch nicht etwa in Abkehr oder Abgetrenntheit von der nichtjüdischen Außenwelt, sondern in lebendigem Kontakt mit ihr zu erziehen. Reichhaltig und hart war die Arbeit der Jüdischen Volkspartei in der kurzen Zeit ihrer bisherigen Wirksamkeit in der Gemeinde. Manches alte Vorurteil wurde über den Haufen gerannt und manche wicht'ge jüdische Forderung gesteht. Aber unmöglich war cs, die Mehrheit der Schäden hinwegzuräumen, die in jahrzehntelanger iiberaler Stagnation und Verwaltungsbürokratic entstanden und festgewurzelt waren. Jetzt nun ist zum ersten M a I e in der jüdischen Geschichte der letzten Jahrzehnte Berlins die Gelegenheit gegeben, dem Liberalismus der unfruchtbaren Art, wie er jalirzehntelang hier gebenscht hat -- nicht nur eine Lektion zu erteilen, sondern mit ihm ab zurech ne 11 für all das, was er an Niedergangserscheinungen der Berliner judenheit durch sein laisser faire, laisser passer auf sich geladen hat. Es scheidet dieses Mal nicht, wie sonst, nur ein Teil der Repräscntanten-Versanimlung aus, sondern sämtliche Mitglieder haben, um einmal der Gemeinde die Gelegenheit zu geben, sich zu entscheiden, ihre Aemter niedergelegt. Von Grund auf wird die Verwaltung neu zu wählen sein. Auf die Zeit von sechs Jahren soll die Repräsentanz neu gebildet werden. Sechs Jahre Berliner Judentum, sechs Jahre der Möglichkeit des Wiedergutmachens f r ü - hercr Schäden, sechs Jahre der Möglichkeit des Wieder jüdisch mache ns entjudeter Mensehen, sechs Jahre der Möglichkeit des A11kämpfens gegen Taufe aus Indifferenz und Karrieremacherei, gegen den Austritt aus der Gemeinde aus kleinlichen Gründen, sechs Jahre der Möglichkeit des Aufbauens einer neuen Generation und wertvoller Gemeinde- Institutionen — all das liegt in der Hand der Wähler! Beiliegende Karte bitte» wir Sie amzufällen! Sie erklären durch die Zahlung des Schekels Ihre Anteilnahme an der Schaffung des jüdischen Nationalheims in Palästina Preis 1 Hark Die Jüdische Volkspartei steht bereit! Sie hat ihre Pflicht als Minoritätsgruppe bisher getan und glaubt in dieser Minorität soviel geleistet zu haben, daß sie damit ein Anrecht erworben hat auf das Vertrauen all der Wähler, die positives Judentum wollen und mit Entsetzen erkannt haben, wohin die zunehmende ״Liberalisierung“ aller jüdischen Lebcnsersdieiiiuiigcn uns geführt hat. Wer mit uns so die Zukunft der Berliner Juden sich denkt, wer entschlossen sich abkehren will von dem nichtjüdischen saft- und marklosen assimilierten Judentum mit s<inen Weihnachtsbäumen und seinen wie Brombeeren wohlfeilen Gründen für Austritt und Abfall, wer bewußt das Tischtuch zerschneiden will zwischen sich und den Jahr- /Hinten der homöopathischen Verdünnung und der Entseeluiig des Judentums, wer eine Gemeindeverwaltung haben " iß» die nicht nur wirkü.h gut und vorausscheuend verwaltet, sondern die in sich alle Energien des Berliner Judentums verkörpern, dies«: Energien ausstrahlen will in alle Teile der Berliner Judenheit, um diese wieder zum jüdischen Leben an/.uregcu — der wähle diescsmal die Jüdische Volksp a r t e i. Lin Schlußwort noch gerade an die j ii d i s c h c n Mütter! Wieviele sind unter Euch, die noch ein gut jüdisches Eiternhaus gekannt haben, die seihst noch wenigstens etwas itiit ins Leben bekommen haben, oder die später aus eigener Erkenntnis sich zu jüdischen Inhalten diirc.'igerimgen haben! Steht ihr nicht heute in dieser Riesenstadt Berlin mit seinen noch ganz unzureichenden Erzichungs- und Bilduugsmöglicliketten oft verzweifelt vor der bangen Frage: Wie ist es f ü 1111 ׳ i c h 111 ö g I i c 11, i n m i 11 e n!1II d i e s e r Ircrad e 11 Eindrücke mein Kind jüdisch zu festige 11, ihm jüdische Eindrücke zu vermitteln, die in seiner Seele haften bleiben und seine £ntw i c k 11111 g b e ה t i m m e n? Wir wollt 11 euch, jüdische Frauen und jüdische Mütter, bei dieser Arbeit hellen. Wir wollen durch jüdische Schulen, Kindergärten, Kurse, Bibliotheken, Sportplätze um! vieles andere mell«׳ Euren Jungen und Mädchen Möglichkeiten geben, inmitten fröhlichen Sichauslebcns der Jugend jüdische Eindrücke zu sammeln und sich als Juden fühlen zu lernen. Wir wollen euch helfen! Aber zuvor helft uns, indem ihr es uns ermöglicht, die liberale Majorität zu brechen, die bisher in Fortsetzung der alten Politik der Lässigkeit und Müdigkeit allen positiven Fortschritten mit Skepsis und Ablehnung gegenüberstand. Helft uns, in der Berliner jüdischen Gemeinde eine positive Mehrheit des jüdischen Aufbaues zu schaffen, und wir werden euch den Dank abstatten in der Arbeit für eure Kinder. Natienales Volkseigentum Die Grundlage aller zionistischen Aufbauarbeit ist der Boden Palästinas. Aus dieser Erkenntnis heraus haben unsere Vorkämpfer Hermann Schapira und Theodor Herzl vor nahezu einem Vierteljahrhundert das wunderbare Instrument geschaffen, das es uns ermöglichen soll, ״eine glücklichere Form des menschlichen Zusammenlebens zu schaffen“, wie Herzl sie visionären Blickes sah, als er uns sein Märchen von ״Altneuland“ erzählte. Fast fünfundzwanzig Jahre besitzen wir bereits dieses Instrument und seit zwei Jahrzehnten arbeitet der Keren Kajemeth (״Jüdischer Nationalfonds“) in Palästina. Ueber das mannigfache praktische Wirken dieser Institution vergessen wir allzu oft, daß der Keren Kajemeth berufen ist, etwas in Palästina zu schaffen, was es heute noch in keinem Linde iflftfbei keutfein Volke ‘in a'ies'er.'Fofht, jji|fr nafföntlcr!» Volkseigentum, an dem jeder seinen Anteil hat und das gleichzeitig die Basis künftiger sozialer Rechtsordnung in der jüdischen Heimstätte sein soll. Viele halten das auch jetzt noch für Utopie. Sie verweisen auf die geringen Ergebnissc des justier Erreichten und auf manche Erscheinungen, die der Idee sozialer Gerechtigkeit widerstreben. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, aaß die Leistungen des Keren Kajemeth in Palästina im Verhältnis zu dem Gesaintwerk nicht so geringfügig sind. Allerdings waren diese Leistungen besonders in den ersten fünfzehn Jahren der praktischen Arbeit so vielfältiger Art, daß sie die einheitliche Linie seiner großen Aufgabe nicht immer erkennen ließen. Die Gründung von Tel-Awiw, die Schaffung der ersten Lehrfarm!;״, aus denen auclerthalbtausend der wertvollsten jüdisehen Arbeiter Palästinas hervorgegangen sind, der Beginn der nationalen Aufforstung, die Errichtung von Arbeiter- Heimstätten, die Einführung neuer landwirtschaftlicher Knlturen usw. mögen vielleicht nicht immer die Aufgabe des ״Trägers unserer Bodenpolitik in Palästina“ gewesen sein, aber der Keren Kajemeth braucht sich ihrer nicht zu schämen. Vielleicht ist durch diese Tätigkeit jener Charakter des Keren Kajemeth am stärksten in Erscheinung getreten, den er zu einem Teil auch heute noch hat und wahrscheinlich auch in der Zukunft bewahren wird, nämlich sein Pioniertum. Es läßt sich nicht leugnen, daß ihm dies die größte Popu- Parität in weiten Schichten des jüdischen Volkes verschafft hat. Auch auf dem Hauptgebiet der Tätigkeit des Keren Kaiemetli, nämlich beim Bodenmvcrb, war bisher ein großer Zug wahrhaften Pioniertunis unverkennbar. Von seinem ersten Bodenerwcrb in Galiläa, vor mehr als zwei Jahrzehnten, bis zur Erschließung des Emek für die jüdische ״Kolonisation ist ein langer Weg. Klein und zerstreut waren die ersten Bodenparzellen, die der Keren Kajemeth in Hattin, Ben-Schemen, Hulda, Kiuereth und Daganiah erwarb und von irgendeinem System der Bodenpolitik oder auch nur einer planmäßigen Siedlungstätigkeit konnte dabei keine Rede sein. Ueber zehn Jahre war das kleine Merchawiah der einzige jüdische Punkt im Emek und doch war dies in zweifacher Beziehung eine große Pioniertat des Keren Kajemeth. Mit der Erwerbung dieses Bodens haben wir zum ersten Male Fuß gefaßt im Emek der alten und künftigen Kornkammer Palästinas und gleichzeitig auch den ersten Versuch einer genossenschaftlichen Siedhing unternommen. Heute ist Merchawiah nur ein kleiner Teil unseres Besitzes im Emek, der von der Bucht von Haifa bis zur Stadt Beisan reicht und in mehr als vierzig Siedlungen findet der genossenschaftliche Gedanke seine Verwirklichung. So ist der Keren Kajemeth dazu berufen, nationales Volkseigentmn in Palästina zu schaffen. Volkseigentum, das die Quelle aller künftigen Entwicklung sein wird; denn auf dem Boden des Keren Kajemeth sollen nicht nur Landwirtschaftliehe Siedlungen entstehen, in denen der Einzelne auf seiner Scholle sitzt und von seiner Hände Arbeit lebt, sondern auch Städte, die den Bewohnern das eigene Heim oder zumindest gesunde und billige Wohnungen verschaffen und wo Raum auch für künftige Generationen vorhanden ist. Auf dem Boden des Keren Kajemeth sollen aber auch alle öffentlichen Gebäude stehen, die den religiösen, kulturellen, wissenschaftlichen und hygienischen Bedürfnissen der künftigen Volksgemeinschaft dienen. Die hohe Idee von öeulath Haärez in Verbindung mit der Erneuerung des uralten, jüdischen Agrargesetzes, die in der bodenreformerisehen Tätigkeit des Keren Kajemeth enthalten ist, wird nicht ohne Wirkung bleiben auf all das, was sich auf dem Boden erhebt, den der Keren Kajemeth als nationales Volkseigentum für das jüdische Volk erwirbt. Adolf Pollak.