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Jüdische Rundschau · 1926-05-07 · Heft 35 (7.5.1926) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 35 (7.5.1926)
Date
1926-05-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 204 JUEDfSCHE RUNDSCHAU Nr. 35 Die Tatsachenwelt des Zionismus Wenn es wahr ist, daß der Oelst sich den Körper schafft, so muß man auch aus dem Vorhandensein eines Körpers auf den Geist schließe״׳ können. Der Zionismus ist eine Idee, ein Gedanke; er wird von Buber anders verstanden als von Ab. Goldberg — seine unübersehbare Manifestation ist eine ganze Welt von Tatsachen in Palästina und in der jüdischen Diaspora, die durch den Zionismus, durch zionistische Menschen, aus zionistischen Antrieben geschaffen wurden. Es ist nicht leicht, diese zionistische Tatsachenwelt mit einem Blick zu überschauen und säuberlich abzugrenzen. Der historischen Betrachtung ist der Zionismus eine, wenn auch die vornehmste Erscheinung einer starken Regenerationsbewegung, die das Judentum vor etwa fünfzig Jahren zu durchpulsen begann. Was seine Wirkung, was Parallelerscheinung ist, kann oft nur sorgsame Kritik dokumentarischer Quellen erweisen. Aber wer mit offenen Augen diese letzten Jahrzehnte jüdischer Entwicklung ansieht, wird nicht leugnen, daß der Zionismus in all seinen Erscheinungsformen den weitaus größten Anteil an der tiefen Wandlung der jüdischen Wirklichkeit hat Ich will gar nicht von der Zionistischen Organisation selbst sprechen, von dem Entstehen einer jüdischen weltlichen Massen- Organisation, die man kurz zuvor noch für unmöglich gehalten hätte. Aber man sehe, welche schier unendliche Fülle mannlgfaltigster Institutionen rund um den Zionismus in die Höhe gfesenossen ist! Politische Parteien in einer ganzen Reihe europäischer Länder mit parlamentarischer Vertretung, zum Teil in stattlichen Fraktionsgruppen; eine größtenteils zionistisch orientierte Presse, die mehrere hundert Tages- Zeitungen, Wochenblätter, Monatsschriften in Dutzenden von Sprachen umfaßt, orientiert die jüdische und die nichtjüdische Oeffentlichkelt über das jüdische Leben und die jüdischen Bestrebungen; die jüdische Literatur, früher — soweit sie nicht religiös wissenschaftlichen oder apologetischen Charakters war — so ziemlich auf Ghetto-Geschichten beschränkt, bewegt sich auf allen Gebieten dichterischen und schriftstellerischen Schaffens. Man kann sagen, daß der jüdische Problemromau eine der beliebtesten Literaturgattungen mehrerer Kultursprachen geworden ist, die schon eine ganz bestimmte Tradition hat. Und wenn wir schon bei der Literatur sind: auch vor dem Zionismus gab es jüdische Verleger; sie druckten Machsorim und apologetische Literatur und Pessach-fiagadahs; dem ersten ״Jüdischen Verlag“, der sich stolz so nannte, und der eine unmittelbare Schöpfung des Zionismus ist, folgte baki ״.ine ganze Reihe anderer, die alten Verleger verschwanden oder paßten sich dem neuen Typus an und so gibt es heute allein im deutschen Sprachkreis wohl ein halbes Dutzend angesehener und aktiver jüdischer Verleger. Ein Werk, geringer in räumlicher Ausdehnung, aber unvergleichlich gewaltiger an Kraft der Verwirklichung revolutionären Woliens, an Mannigfalt der Erscheinungen, die nahezu alle Gebiete menschlichen Lebens, privaten und öffentlichen, materiehen und geistigen Lebens durchlaufen, hat die zionistische Bewegung in Palästina geschaffen. Vor dem Beginn einer zionistischen Tätigkeit in Palästina, also etwa um das Jahr 1870, gab es dort ungefähr 10000 Juden, von denen rund $)00 in den beiden Chalukahstädten Jerusalem t und Sifed wohnten. Seither ist die jüdische ÖnwanäeWng Jast ohne Unterbrechung gestiegen, 80 daß heute schon etwa 160 MIO Juden in Palästina leben, von denen allein im letzten Jahre 35 000 ins Land gekommen sind- Und welche ungeahnte Veränderung in der Physiognomie des ganzen Landes hat dieser Zustrom jüdischer Menschen hervorgebracht, die nicht, wie so viele in den alten Zeiten, nach Palästina kamen, um dort zu sterben, sondern um zu leben, um zu arbeiten, um an der Zukunft des Volkes zu bauen! Man lese etwa in der Be- Schreibung, die Ludwig August Frankl von seiner Palästinareise im Jahre 1856 gibt, die Kapitel über das elende, schmutzige, hoffnungslose Jerusalem, vor allem aber über die übrigen Städte und über das flache Land. Haifa war ein jämmerliches Städtchen mit einer jüdischen Gemeinde von hundert Seelen, die sich bitter darüber beklagte, daß die Glaubensgenossen in Jerusalem und Safed Unterstützungen aus aller Welt bekommen, während sie selbst ärmlich, nur vom Handel leben müßten. Unsere Synagoge ist klein und elend, unsere Kinder haben keine Schule und lernen nichts. Das Handwerk ist ihnen versperrt, weil wir sie zum Türken nicht in die Lehre zu geben wagen dürfen. Von Nazareth ritt Frankl ln fünf Stunden quer durch die Ebene Jesreel nach Djenin. Er besuchte die Goliathsquelle, in deren Nähe die Reisegesellschaft eine Gruppe von Gazellen aufscheucht Sonst aber begegnet sie während des fünfstündigen Rittes über die Ebene nur zwei Eselstreibern, der Landstrich ist völlig entvölkert und macht einen um so einsameren Eindruck, als auch nicht ein Baum ihn unterbricht Wer würde die Gegenstände dieser Schilderungen in dem heutigen Haifa wiedererkennen, der blühenden Stadt am Fuße des Karmel und an der strahlenden Bucht, die mit dem Golf von Neapel verglichen wird? Um die alte arabische Stadt legen sich jüdische Quartiere, Hadar Hakarmel, Bath Gal im und andere; am Strande und am Hang des Karmel regen sich hunderte fleißiger Hände und vollenden Haus um Haus; das jüdische Technikuffl, die jüdische Realschule mit ihren monumentalen Gebäuden bezeichnen das Zentrum dieser aufstrebenden Siedlung; in der Kischon-Ebene rattern die Maschinen der großen Mühle, der Zementfabrik, und von der Höhe des Karmel grüßt das Hotel ״Herzliah“, erfrischender Aufenthalt für die Städter, die auf der freien, luftigen Höhe Erholung suchen. Und die Ebene Jesreel? Die Zeit, da sie den Gazellen gehörte, ist vorüber. Fast in ihrer ganzen Ausdehnung Ist sie in jüdischen Besitz übergegangen und damit zum Schauplatz regen Fleißes geworden. Das älteste jüdische Dorf im Emek, Merchawiah, liegt schon ganz zwischen üppigen Baumpflanzungen versteckt, aber auch die jüngsten Siedlungen heben sich schon als freundliehe Oasen aus dem breiten Tale. Schon vor dem Kriege hatte die Palästinaarbeit der Zionistischen Organisation ganz bestimmte Formen angenommen, die sich von denjenigen der vorzionistischen Palästinaarbeit sehr wesentlich unterschieden. Gemäß dem nationalen und demokratischen Charakter der Zionistischen Organisation mußte auch ihre Siedlungsarbeit von dem patriarchalischen Prinzip, das bis zum Anfang dieses Jahrhundert es in der jüdischen Palästinakolonisation vorherrschte und dem die sogenannten ״alten Kolonien“ ihre Ent- Stellung verdanken, abgehen und neue soziale Formen suchen. Ab die Zionistische Organisation ernstlich daran ging, in Palistina praktische Arbeit zu leisten und sich zu diesem Zwecke da besonderes Organ in ihrem ״Palästina-Amt“ in Jaffa schuf (sein Leiter war Dr, Artur Ruppin, ein deutscher Jude, der mit einer kurzen Unterbrechung während des Krieges die zionistische Kolonisationsarbeit bis zum Sommer 1925 leitete), war ihre erste Tat die Schaffung genossenschaltlicher Arbeitersiedlungen auf Boden des Jüdischen Nationalfonds. Die ersten dieser ״Kwuzoth“ entstanden 1908 und 1909 in Daganiah, Ben Schemen, Chuldah und Merchawiah. Sie haben, so unscheinbar und bescheiden ihre Anfänge waren, nicht nur das ganze System der landwirtschaftlichen Ansiedlung in Palästina revolutioniert, sondern auch eine über die Grenzen Palästinas weit hinausreichende Vorbildliehe Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig mit diesen ersten Kwuzoth entstand aber, ebenfalls auf unmittelbare Verinlassung der Zionistischen Organisation, die erste jüdische städtische Siedlung in Palästina, Tel-Awiw, 1903 auf dem nackten Dünensand begründet, heute eine rapid aufstrebende Stadt von 40000 Einwohnern. Und noch ein drittes Element der Palästinaarbeit ist schon in diesen ersten Versuchen jonische massenKundgebungen «rat«, 10. Nil: Dienstag, 11. Mai: Dienstag, 11. Mal: Mittwoch, 12. Mal: Mittwoch, 12. Mai: Deutscher Hof, Luckauer Str. 15, Schweiz. Garten, Am. Friedrichshain 29-31, Florasäle, Halensee, Johann- Georg-ßtr. 19, Tiergartenhof (Bahnh. Tiergart.), Musikerfestsäle, Kais -Wilhelm- Strasse 31. Gegen die reform-liberale Parieiherochaff. Für maische ßemeindepollIlK! Referenten: Dr.‘Alfred Klee, Prof. Loewe, Richard Lichthefm, Frau Wagner-Tauber, Dr. Hans Bloch, Dr. Hildesheimer, Redakteur Waldmann, Dr. A. Sandler, Dr. Leiewer. Diskussion. Beginn 8 Uhr. Juden, erscheint in Massen I Jödi־che Volkspartei. hervorgetreten: in dem neugegründeten Tel-Awiw entstand zugleich mit den ersten Häusern das erste hebräische Gymnasium. Wiederum ist von diesen kleinen Anfängen ein ungeheurer Weg durchmessen worden, dessen Ausdehnung uns erst 1ווימ Bewußtsein kommt, wenn wir auf jenen Ursprung zurückblicken. Neben das alte Kolonisationssystem der Bauern- Siedlung auf Grund unbeschränkten Privateigentums an Grund und Baien und völlig Individueller Wirtschaftsführung trat ein großer Reichtum genossenschaftlicher Formen in den verseh edensten Abstufungen. Arbeitergruppen, die In alten jüdischen Siedlungen Boden in. jJ#,.elp|i.e׳J|1h|$. gemeinsam zu bearbeiten und steh 86 an das Klima und die" Arbeitsbedingungen zu gewöhnen; gemeinwirtschaftliche Kwuzoth mit einer Mitgliederzahl von 15 bis 303; halbindlviduefle Siedlungen (Moschawta) mit individueller Wirtschaft, aber genossenschaftlicher Absatzorganisation und auch sonstigen starken genossenschaftlichen Bindungen; Arbeitergenossenschäften für städtische, insbesondere Bauarbeiten finden sich heute In Palästina in großer Anzahl. Die Arbeiter sind in einer großen gewerkschaftlichen Organisation zusammengeschlossen, die ihrerseits wieder wichtige Einrichtungen für das Wohl ihrer Angehörigen geschaffen hat, vor allem eine Krankenkasse (Kupath Cholim) und einen Konsumverein (Hamaschbir). Nahezu hundert neue landwirtschaftliche Siedlungen sind in Palästina entstanden, seit die Zionistische Organisation ihre Tätigkeit dort aufgenommen hat Neue jüdische Stadtviertel sind nicht nur in Tel-Awiw, sondern auch rings um die Altstadt von J erusalem, ln Haifa und T i b e r i a s aus dem Boden gewachsen. Diese kolonisatorische Tätigkeit wäre aber nicht ausreichend, um dem zionistischen Gedanken zur Verwirklichung zu verhelfen, vielmehr fordert dieser, daß alle praktische Arbeit in Palästina dem zentralen Oedanken der Schaffung einer Heimstätte im vollen Sinne des Wortes dient. Nach drei Richtungen wird die Zionistische Organisation in ihrer Palästinaarbeit diesem Postulat gerecht: sie hat ein das ganze Land umfassendes sanitäres Werk geschaffen, sie entwickelte ein umfassendes hebräisches Erziehungswerk, und sie gab den Anstoß zur Bildung autonomer jüdischer Einrichtungen im Lande. Das Gesundheitswesen, während des Krieges von der amerikanischen zionistischen Aerztevereinigung begründet, und bis zum heutigen Tag großenteils von der amerikanischen zionistischen Frauenorganisation ״Hadassah“ erhalten, umfaßt Spitäler und Kliniken in allen größeren Orten, Ausbildungskurse für Pflegerinnen, Sanititsstationen bis in die kleinsten landwirtsehaftliehen Ansiedlurigen hinein und eine regelmäßige sanitäre Ueberwachung des ganzen Landes, vor allem auch eine systematische Aktion zur Bekämpfung epidemischer Krankheiten, besonders des Trachoms und der Malaria, deren hervorragende Erfolge von den zuständigen internationalen Körperschaften wiederholt mit höchster Auszeichnung anerkannt wurden. Das Schulwesen verwendet ausschließlich die hebräische ZWEI NEUE SCHRIFTEN Die zionistische Exekaiivm hat mm ״Monat der Organisation* zwei neue Sdtriften heransgegebtn! L DIE ZIONISTISCHE IDEE Eine Sammelschrift, mit Beiträgen von Moses Heß, Leo Pinsker. Achad Haam, Theodor Herzl, Max Nordaii. Martin Buber, A. D. Gordou. Ladenpreis 0,80 Mark / Verbände 55% Rabatt 2. DAS WERK DES ZIONISMUS IN PALÄSTINA Eine Darstellung der Leistungen der zionist. Idee und Organisation im praktischen Aufbauwerk, mit 8 Illustrationen. Ladenpreis 0,25 Mark s Verbände Rabatt Sprache als Unterrichtssprache und umfaßt Kindergärten, das technische Institut in Haifa und die hebräische Universität in Jerusalem. In den von der Zionistischen Organisation begründeten und erhaltenen Schulen genießen jetzt nahezu 20000 Kinder regelmäßigen Unterricht. Die autonomen Einrichtungen der palästinensischen Juden bestehen, neben den bereits erwähnten Organisationen der Arbeiterschaff, aus lokalen Verwaltungskörpern und einer auf gleichen, geheimen und direkten Wahlen aller palästinensischen Juden beruhenden Nationalversammlung (Assefath Haniwcharim), deren Exekutive, der Nationalrat (Waad Leumi), von der Regierung anerkannt ist und die palästinensischen Juden in allen lokalen Angelegenheiten der Regierung gegenüber vertritt, natürlich in ständigem Einvernehmen mit der palästinensischen Exekutive der Zionistischen Weltorganisation. Neben dem Waad Leumi wurde ein Rabbinischer Rat geschaffen, der in allen religiösen Fragen die höchste Autorität des palästinensischen Judentums darstellt und auch die nach den Landesgesetzen geltende geistliche Gerichtsbarkeit ausübt So stellt die palästinensische Judcnheit heute schon den Kern und Rahmen für eine allseitig entwickelte, national und kulturell selbständige Gemeinschaft dar. Natürlich waren alle diese Arbeiten nur möglich durch eine im Verhältnis zur Lage des Judentums und zu den allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen in den Jahren nach dem großen Kriege ganz gewaltige materielle Leistung, die durch die Kanäle der hierfür geschaffenen Institutionen dem Aufbauwerk zufloß. Von diesen Institutionen nennen wir nur die zwei Wientigsten. Zunächst der Keren Kajemeth Lejisrael (Jüdischer N a t i o n a I f o 11 d s). Er hat zur Aufgabe, in Palästina Grund und Boden als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes zu erwerben und an Ansiedler in Erb- Pacht zu vergeben. Die Mittel zur Erfüllung dieser seiner Aufgabe bringt der Keren Kajemeth Lejisrael durch Sammiung von Spenden in allen Teilen der 'Welt auf. Das Ergebnis dieser Sammlung beträgt bis jetzt £ 1% Millionen. Von diesen ist der größte Teil in Grund und Boden ln Palästina angelegt. Der eigentliche Kolonisationsfonds für den Palästina- Aufbau ist der ira Jahre 1920 gegründete Keren Hajessod. Seine Aufgabe ist, die gesamten Mittel für den Aufbau des neuen Jüdischen Palästina, mit Ausnahme der Gelder für den Bodenkauf, aufzubringen, und der Zionistischen Organisation als der gegenwärtigen Jewish Agency, wie sie im Palästina- Mandat vorgesehen ist, zur Verfügung zu stellen. Der Keren Hajessod deckt somit das gesamte, vom Zronistenkongreß für den Aufbau Palästinas beschlossene Budget Er bringt seine Mittel ebenfalls durch Sammlungen auf, jedoch werden diese Mittel nicht, wie beim Nationalfonds, als Spenden, sondern als eine Art Abgabe, die in einem bestimmten Verhältnis zu dem Vermögen und Einkommen der Geber stehen soll, verlangt Der Keren Hajessod ist seiner Konstitution nach neutral, er bezweckt die Zusammenarbeit von Zionisten und solchen Nichtzionisten, die an dem Aufbauwerk in Palästina mitwirken wollen. Die Gesamtsumme der vom Keren Hajessod bis jetzt aufgebrachten und für die Kolonisation Palästinas ausgegebenen Mittel beträgt £ 2,266,000. An der Spitze des Keren Hajessod, der gleichfalls eine Gesellschaff englischen Rechts ist, steht ein Direktorium. Die Arbeit selbst wird von dem Hauptbüro des Keren Hajessod, dessen Sitz London kt, geleistet , Große Energien zahlloser Mepschen sind Ins Werk der ZlorifauscHei» Örginislifon 'geströmt■''Vfellefäit "ain *stärksten hat sich die gestaltende Kraft der zionistischen Idee darin bewährt, ,daß unter ihrer Wirkung im jüdischen Volk völlig neue Menschentypen entstanden sind. Es sind ihrer vor allem zwei: der Volksführer von großem Maßstab und der Chaluz. Niemals seit der Zerstörung des jüdischen Reiches hat dieses Volk Männer hervorgebracht, die sich als seine Führer kühn und mit Selbstbewußtsein in eine Reihe stellten mit den Führern der großen Nationen, die mit staatsmännischem Geist die Wirklichkeiten und die Möglichkeiten einer Weitsituation abzuwägen und der Entwicklung ihres Volkes dienstbar zu machen wußten. Niemals aber auch haben die Führer des jüdischen Volkes die Möglichkeit gehabt, sich auf eine Jugend zu stützen, wie es die Chaluzim sind. An Opferfreude hat es dem jüdischen Volk niemals gefehlt; hier aber wandelt sich zum ersten Male diese Opferfreude von der unbegrenzten Fähigkeit zu leiden zu einer fast ebenso unbegrenzten Kraft des Schaffens, der härtesten, schwersten, ungewohntesten Arbeit mitten unter den größten Gefahren und Hindernden. Was diese neue Judengeneration geschaffen hat, kt, wie eben erst der Präsident der Zionistischen Organisation, Dr. Weizmann, in seiner von Jerusalem aus an die Zionisten der ganzen Welt gerichteten Botschaft zur Ijar-Aktion sagt, nicht Eigentum und nidit Monopol der Zionistischen Organisation, es gehört dem gesamten jüdischen Volke, es gehört der Menschheit. Jeder einzelne hat Anteil daran, jeder Einzelne genießt die neue Würde, die dieses Werk dem jüdischen Volk gebracht hat. Möge sich auch jeder der sittlichen Verpflichtung bewußt sein, die ihm daraus erwächst! H. H. , Diese Maischen da draußen, diese elenden, gebückten, schleichenden Menschen, die von Dorf zu Dorf herumhausieren und nl:ht wissen, woher und wozu sie morgen leben werden, und diese schwerfälligen, fast betäubten Massen, die auf Schüfe verfrachtet werden und nicht wissen, wohin und wozu, sie alle werden wir nicht etwa bloß ah unsere Brüder und Schwertern empfinden, sondern jeder von uns, der sich so ln sich selbar geclchert hat, wird fühlen: Diese Menschen sind Stücke von mir. Ich leide nicht mit ihnen, sondern ich leide das. Meine Seele Lt nicht bei meinem Volke, sondern mein Volk ist meine Seele. Martin Buber. Bilden wir uns ja nicht ein, daß, wenn wir im rechten Geiste unsere Einheit mit dem gesamten Judentum zur Tat werden lassen, wir Westlichen es seien, die da hülfen, und jene Oestlichen, denen geholfen würde. In aller hoffnungsvollen Demut vielmehr wollen wir erkennen, daß Rettung, Aufschwung und Erneuerung der gesamten Judenschaft grimmig not tut und daß wir dem Schicksal innig zu Dank verpflichtet sind, wenn es uns die Gnade gewährt, daß die Not der Ostjuden in all ihrer Graßlichkeit unsere eigene wird. Nichts besseres könnte uns zuteil werden, als daß wir uns in dieser europäischen Menschheit, wie sie jetzt ist, als ganz Fremde, Verlassene und Verstoßene fühlten. Und am Ende wäre es auch gut für diese Menschheit, deren ererbte Hoffnungsfülle und deren Oesunkenheit eine andere aber nicht minder große ist wie unsere, wenn wir es in ihr, wie sie jetzt ist, nicht mehr aushielten. Es wäre nicht das erstemal in der Geschichte der Menschheit, daß Ausgesetzte und Flüchtlinge zu Pionieren, das Davonliuier zu Vorläufern geworden sind. Gustav Landauer.

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