Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1926)
- Date
- 1926-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 8S JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite m Zionistische Politik Von Dr. Robert W e 11 $ c h. I. Der Zionismus ist der erste Versuch der jüdischen Dtuporageschiclite, jüdische Politik zu treiben. Was es vor Ihm an Politik von Juden gab, war lediglich mehr oder minder geschickte Abwehr von Angriffen durch die den Juden gebliebenen Mittel, insbesondere durch Fürsprache angesehener Persönlichkeiten oder durch Opfer an Qe!d. Das Ziel war die Behauptung der jüdischen Position. Man wollte in Ruhe gelassen sein. Aktive Gestaltung des jüdischen Schicksals lag außerhalb der jüdischen Gedankensphäre. Das jüdische Leben entwickelte sich Inzwischen nach seinen eigenen Gesetzen, innerhalb einer teils durch eigenen Willen, teils durch Zwang der Umwelt geschlossenen Sphäre. Erst als die Mauern des Ghetto gefallen waren, als die Juden sich mit den anderen Völkern vermischt hatten, und nach einem Jahrhundert kolossalen Zuwachses an weltlichem Wissen und tcchnlschcn Fähigkeiten, erfüllt mit dem ganzen Reichtum europäischen Geistes, zu ihrem Volke zurückfanden, da waren die Voraussetzungen jüdischer Politik gegeben. Nach tausend Irrfahrten, nach leidenschaftlichen Versuchen, die durch Geschichte und inneres Wesen gesetzten Schranken zu durchbrechen, nach bitteren Erfahrungen, die sie aus einem illusionären Traumdasein zur Wahrnehmung der unterirdisch, in den tiefen und maßgebenden Schichten des Lebens wirkenden Realität aufrüttelten, fanden die Juden sich selbst wieder. Nach der Periode des politischen und wirtschaftlichen Liberailstnus, die dem innerer Bindungen baren, haltlosen und ״vom Mythos losgelösten" (Jakob Wassermann) Juden die Möglichkeiten bot, seinen Individualismus als legitime Daseinsform zu empfinden, kam um so elementarer die Sehnsucht nach Eingliederung in größere Zusammenhänge, und auf einer höheren Stufe, die viele Juden heute noch nicht erreicht haben, erlebte der moderne Jude sich von neuem als das Glied einer Kette von Geschlechtern, die, vom Rhythmus gleichen Blutes bewegt, aus grauer Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft zieht. Die Sehnsucht nach Ewigkeit, die Erlösung aus der Isolierung wurde wieder mächtig; dieses Erlebnis wird besonders deutlich in den Dichtungen moderner Juden um die Jahrhundertwende, wo bewußt oder unbewußt dieses Suchen nach Zusammenhängen zum Ausdruck kommt. Martin Buber hat In der ersten seiner ״Reden über das Judentum" dieses charakteristische Erlebnis analysiert und gezeigt, wie der Jude seine eigene jüdische Substanz als den Faktor der Gemeinschaft entdeckt, der mächtiger ist als alle äußeren Gemeinsamkeiten mit der Umwelt. Auf dieser Stufe des Bewußtseins nun ist der entschctdende Schritt zu neuer, jüdischer Politik getan worden. Herzls Erkenntnis: ״Wir sind ein Volk, ein Volk“, mußte der Antrieb zu einer neuen jüdischen Aktivität werden. Denn in dem Augenblick dieser Erkenntnis ״fühlen wir die ganze Entartung mit, aus der wir unsere künftigen Geschlechter befreien müssen“ (Buber). Zum ersten Male fühlen wir als Juden die volle sittliche Verantwortung unseres Judeseins. Es ist uns nicht mehr ein Ansporn zum Vertuschen, Verdecken und Entschuldigen, sondern eine Aufgabe, die radikale Aenderung des heutigen unhaltbaren Zu- »5t!a®des zum Ziele bat ... . J!fleht ־aJJe Juden freilich haben diese Phasen durchgeirtacht. Wie bei «Öen Bewegungen, die eine Aenderung erstreben, leisteten auch In diesem Falle alle Jene Widerstand, die sich in der Gegenwart bereite behaglich eingerichtet hatten. Um etwas zu riskieren, etwas aufzugeben, was man zu besitzen vermeint, dazu gehört mehr innere Größe als der durchschnittliehe jüdische Bürger aufzubringen vermochte. Das wenige oder viele, was er besaß, schien immerhin etwas sicheres, während der neue Weg in die Unsicherheit wies, in das Ungewisse jedes Wagnisses. So wehrt er sich gegen die Erkenntnis der Wahrheit, errichtet sich ein Gebäude von Begriffen und Fiktionen, die ihn über seine wahre Lage täuschen sollen. Der durchschnittliche Jude des Westens hält aus Angst, etwas von seinem Besitz zu verlieren, an der These fest, es gäbe keine Judenfrage und die völlige Gleichstellung der Juden mit ihren Mitbürgern sei nur eine Frage des ״Fortschritte". Dieser Fortschritt wird als gradlinige Entwicklung vorgestellt, obwohl die letzten zehn Jahre deutlich gezeigt haben, daß davon keine Rede sein kann. Wohl gibt es Perioden, in denen die Juden da oder dort eine Zeitlang eine ge¬ Das nationale Gedächtnis Von Sch. Gorelik. Das Rätselhafte in dem geschichtlichen Dasein des jiidisehen Volkes in der Diaspora, dieses Wunder der Standhafügkeit und des Durchhaltens wird man nicht verstehen können, wenn man unter allen anderen Eigenschaften eine 1ußer acht läßt, nämlich das phänomenale nationale Gedächtnis. Es ist die Quelle, aus der das Volk in Jahrhunderten Trost und Stärkung findet, sich immer seelisch aufrichtet, es ist die Quelle, die Ihm Kraft gibt, sich zu neuen Hoffnungen emporzuschwingen und es ist auch eine der Hauptquellen der zionistischen Bewegung. Unter Bar-Kochba hat das jüdische Volk den letzten V'ersuch gemacht, durch einen heroischen Aufstand das Vater- 1and zu retten und die nationale Selbständigkeit wieder zu erkämpfen. Nachdem dieser Versuch mißlang, ging es in die 3aluth, zerstreute sich über den Erdball und tritt den Leidens- Ktg an, den man als Geschichte der Juden in der Diaspora rennt. Im Herzen aber trug es das Bild der einstigen Herrichkeit, voll war die Seele von Schmerz über den Verlust des .ande*. Um aber dem Fluch des Vergessens nicht zu ver- 'allen, umgab sich das vertriebene jüdische Volk mit unzähigea Gebeten, Legenden, Feiertagen, religiösen Regeln des Ultags, worin immer die Sehnsucht nach Erez Israel, worin mmer die Erinnerung an Jeruscbalajim wach gehalten wird. Und •o vergehen viele, viele Jahrhunderte, ohne daß der beftmerz nachläßt. Die Wunde bieibt frisch. Wie konnte es mcti anders sein, da doch das Blättern im Gebeibuche, wie nan es auch wenden mochte, die Wunde immer wieder auf- «ißt. Kein Entrinnen, kein Ablenken von diesem Hauptthema. Ulca bt auf diesen einen Punkt konzentriert. Nach welchem pedc der unfreundlichen Erde man auch verjagt vfärd, immer betet man Inbrünstig za Gott*. ״Richte auf die Stadt, die I lebend du willst segnen.“ Man betet um Regen, um guten IViDd für dieses Land, aus dem die fernen Ahnen seit langen:, luge« vertrieben wurden. Keine Pause des Vergessens wäh- I ead dieser zwanzig Jahrhunderte. Wq findet nun noch in wisse Entfaltungsmöglichkeit haben, wenn auch nicht volle; aber mit eiserner Gesetzlichkeit kommt der Tag, wo sich diese Lage ändert Gerade nach einer Zeit des jüdischen Aufstiegs kommt gewöhnlich der Umschwung, weil die schnelle Anpassung der Juden an die Umwelt und ihr Eindringen in führende Positionen die Reaktion hervorruft, die sie wieder hinausdrängt. In kritischen Momenten des Völkerlebens enthüllt sich schneller und erbarmungsloser die jüdische Position als in Zeiten ruhigen Wohlstandes. Die ungarischen Juden sind ebenso ein kollektives Beispiel wie etwa das Schicksal des Juden Albert Ballin, dem am Ende eines unter Verleugnung aller jüdischen Zusammenhänge nur dem deutschen Kaiserreiche gewidmeten Lebens der Kaiser selbst das verächtliche ״Jüdischer Händler!“ ins Gedicht schleudert, ein individuelles Beispiel für viele. Wenn gestern in Amerika und heute in Sowjetrußland den Juden völlige Freiheit gegeben wurde, so melden sich schon die Anzeichen, daß die Mehrheit des jüdischen Einflusses überdrüssig wird. Alle diese Erscheinungen werden von der erwähnten jüdischen Gruppe ignoriert, die sich viel mehr damit beschäftigt, eine seelenlose Apologetik zu treiben und in der nichtjüdischen Umwelt Menschen zu suchen, von denen sie sich ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volke bescheinigen lassen kann. Die Art, wie dies von jüdischen Vereinen und Zeitungen betrieben wird, ist eines der beschämendsten und deprimierendsten Kapitel der jüdischen Gegenwart und stärkt in uns die Erkenntnis, daß der heutige Zustand des Judentums mora- Usch und materiell unhaltbar geworden ist Der Wille zur Aenderung der heutigen jüdischen Situation aus eigener Kraft war der Grundgedanke des Zionismus. ״Ein Volk kann nur sich selbst helfen; kann es das nicht, dann ist ihm nicht zu helfen". Als Organ dieser Selbsthilfe wurde von Herrl, der diese Worte sprach, die Zionistische Organisation geschaffen. Sie wurde das Instrument der zionistischen Politik, die Verkörperung des politischen Woliens des Judentums als Gesamtheit Es ist von vornherein aus der besonderen Situation des Judentums klar, daß die Zionistische Organisation nicht das Instrument des gesamten politischen Wollens des jüdischen Individuums war; jeder Jude ist als Bürger seines Landes ein politisches Subjekt, übt politische Rechte aus und erfüllt alle politischen Pflichten innerhalb seines Vaterlandes. Aber daneben und darüber hinaus muß er, sofern das Judentum als solches in Betracht kommt, noch Träger eines besonderen jüdischen politischen Wollens sein, das in keiner Hinsicht mit seiner Steilung als Staatsbürger kollidiert Diese kollektive jüdische Politik war die Neuerung, die der Zionismus brachte. Nur dank des Er- Stehens großer Führerpersönlichkeiten, die Instinkthaft ais legitime Sprecher der ״jüdischen Nation unterwegs“ empfunden wurden, konnte diese jüdische Politik in die Tat umgesetzt werden. Schon vor Herz! waren die gedanklichen Elemente des Zionismus in großen Teilen des Ostjudentums und in einzelnen Gruppen des Westjudentums vorhanden, es gab bereits eine Gärung der Volksseele, eine neue Produktiv!- tat, die im Osten aus der Berührung der modernen Aufklärang mit der konservierten jüdischen Geisteswelt entstanden war und sich vor allem in der Zionsliebe und in der neuen hebräischen Literatur äußerte Aber erst durch Herzl wurde die, mpdepnf jidjsche Politik begründet. JMe.,^0•■, tttÄsysfe■' Of|ia!s4B'0B‘':kon«t|i,,!jÄf'ajWtere ^i;demo&1aflsc|ä sein, weil sie auf freiwilliger Zugehörigkeit beruht. Das jüdusche Volk, politischen Denkens entwöhnt, mußte erst allmählich durch die Schule der Wirklichkeit gehen, und noch heute, 30 Jahre nach Begründung der Zionistischen Organisation, wollen wir offen und ehrlich gestehen, daß politische Willensbildung und politisches Handeln in der indivichialistisehen jüdischen Mentalität noch auf gewaltige Hindernisse stößt Aber der Augenblick, in dem sich im August 1897 zum ersten Male die verschiedenartigsten Typen von Juden aus aller Welt zum ersten Zionistenkongreß versammelten und ohne erhebliche Schwierigkeit eine gemeinsame Verständigung herstetlten, bedeutet nicht nur einen Höhepunkt der jüdischen Golusgeschichte, nicht nur einen Beweis der starken, alles Trennende überwindenden Gemeinsamkeit, sondern auch den Anfang der neuen jüdischen Politik. Dieser Politik liegt der Gedanke zugrunde, daß nicht nur äußere Machtmittel wie Armee, Zwangsgewalt, Geld, einen Machtfaktor bilden, sondern auch die ideelle Kraft eines gerechten Anspruches. Durch die Idee eines neuen freien der Geschichte der Menschheit Propagandisten, wie es jene jüdischen Patrioten waren, die dem vertriebenen Volk sein einstiges Glück der nationalen Selbständigkeit so gegenwärtig halten konnten? Mit tausend Banden ist es an Jeraschaiajkn gebunden. Es gibt Zeiten, wo die Intensität des Nachdenkens, die Stärke der Gefühle schwächer werden, aber ganz erlöschen sie niemals. Einen freien Tag, das heißt frei von Erinnerung, einen solchen freien Tag gab es nicht. Für den frommen Juden vollends nicht. Der fromme Jude baut sich ein Haus, aber die Wand dieses Hauses, die nach Osten steht, läßt er ungetüncht als Erinnerung an den ״Churban Jeruschalajim“. Und wie wird auch das Gedächtnis des jüdischen Volkes trainiert, in ständiger Bereitschaft gehalten durch die vielen Klageiieder, die wohl ihresgleichen nicht haben in der Geschichte der Menschheit. Niemals noch ist um den Verlust eines Landes so viel geweint worden. Rabbi Gamliel hörte eines Nachts, wie seine Nachbarin den Tod ihres Sohnes beweinte. Da erinnerte er sich an die Zerstörung des Tempels und er fing seinerseits zu weinen an, so lange und so stark, daß ihm die Augenwimpern ausfielen. Es wird viel geweint Einen Tag gibt es, den 9. Tag im Monat Aw, der ganz den Tränen gewidmet ist. Der Jude fürchtet nicht den Vorwurf, sentimental zu sein. Der jüdische Gott ist es bisweilen auch. Nach der Agadah ist der verborgenste Winkel im Himmel der Ort, wohin Gott sich wendet, um weinen zu können. Aus weinen will er sich, der ״Gott der Rache", der Gott der Gerechtigkeit, der zwar gezwungen war, sein Volk zu bestrafen, aber dem es dennoch leid tut... Von Racheschwüren, von wüsten Verwünschungen gegen den Feind, findet man in den Gebeten, in den Klageliedern nicht viel. Keine einzige Stelle ist da, wo man alle Schuld am eigenen Unglück dem Feinde zuschiebt. Erhebend wirkt die Aufrichtigkeit, die Großzügigkeit des Selbstschuldbekenntnisses ״Umipneh chatoenu gollnu mearzenu" (״Wegen unserer Sünden sind wir aus unserem Lande vertrieben worden“). Es wird nicht viel Aufhebens vom Feinde gemacht, der nur ein Werkzeug war. Schließlich vollzieht sich alles in einer Auseinandersetzung zwischen Gott und seinem Volk. Gott,;Prophet und Volk, sie sind so eng verbunden, daß für Lebens gewann Herzl die Zustimmung großer Telle des {0diseben Volkes, in ihrem Namen trat er unerschrocken vor die anerkannten Mächte der Welt Er brachte es zuwege, daß regierende Fürsten und Minister mit ihm verhandelten; und selbst als seine Politik erfolglos geblieben war und sein Leben als Opfer gefordert hatte, bestand die Zionistische Organisation als Ausdruck des politischen Willens weiter bis za dem Moment, wo wieder die äußeren Umstände für eine aktive Politik günstig waren. Die Zionistische Organisation hatte stets den Grundsatz völliger Neutralität gegenüber den divergierenden Mächten; sie mußte jedoch ihren Schwerpunkt dorthin verlegen, wo über das Schicksal Palästinas entschieden wurde. Vor dem Kriege war dies <#e Türkei; im Kriege zeigte sich, daß England die bestimmende Macht In Zukunft sein wird und folgerichtig setzte die zionistische Polltik an diesem Punkte ein. Keine anderen Ziele haben ihr jemals vorgeschwebt als die Bedingungen zu schaffen für ein völlig neues jüdisches Leben, das in territorialer Konzentration, anknüpfend an die zerrissene Kontinuität der Vergangenheit, jüdisches Wesen zu reiner Entfaltung bringen soll, frei von der verkrüppelnden Abhängigkeit, die alles Judentum im Galuth verzerrt. In diesem Sinne haben englische Staatsmänner, die den Zionismus begriffen, davon gesprochen, daß die Christenheit verpflichtet sei, für ein Jahrtausende altes Unrecht, das schwerer ist als das in diesem Kriege begangene, Reparationen zu leisten. Durch den Ausgang de« Krieges, der die völkerrechtliche Anerkennung der jüdischen Ansprüche auf die nationale Heimstätte in Palästina brachte, wurde das politische Aktionsfeld und die Verantwortung der Zionistischen Organisation außerordentlich vergrößert Der Moment war gekommen, wo es nicht mehr um die bloße Proklamierung des Willens zu einer Aenderung des jüdischen Lebens ging, sondern diese Aenderung wenigstens in einem Teilbezirk unmittelbare Aufgabe geworden war. 11. Nun hat die Durchführung dieses Werkes begonnen. Der Zusammenbruch des Judentums in mehreren Ländern Osteuropas hat deutlich demonstriert, daß eine radikale Lösung der Judenfrage nottut. Die ״moralische Judennot" in Mitteleuropa ist ins Ungeahnte angewachsen. Gleichzeitig öffnet sich Palästina als jüdisches Immigrationszentrurn. Hier ist kein gedanklicher Prozeß mehr, sondern Zionismus wird wirkliches, elementares Leben, das, wie alles Leben, sich der Kontrolle durch eine regelnde und organisierende Macht zu entziehen sucht. Der politischen Fälligkeit der Zionistischen Organisation sind beispiellose Anforderungen gestellt. Aus einer völlig chaotischen Gegenwart, in einem Zustand der Auflösung ideeller Werte, die durch dialektischen Mißbrauch wertlos geworden sind, mitten aus der Erschütterung der hergebrachten Ordnung und der vielfachen Enttäuschung einer heraufziehenden reaktionären Aera strömen Menschen verschiedenster Art in Palästina zusammen. Die Mittel der Organisation, die auf solches nicht vorbereitet war, sind gering. Große Teile des jüdischen Volkes entschließen sich nur zögernd zur Mitarbeit, die treuesten Anhänger sind durch den Umsturz ökonomisch ruiniert. Die objektiven Verhältnisse Palästinas wie der ganzen Nachkriegswelt sind ungünstig, das Militärregime den Juden feindlich, die in Versailles um die Beute hadernden ״Mächte 8W nÄ '•Tttsta'Btfecdie Life :ssfai§:;» klären, dunkle Mächte sind am Werke, 414*e Zelt de# Ägnation zu einer Vernichtung der jüdischen Chance auszunützen. In dieser Zeit war der zionistischen Politik eine schwierge Aufgäbe gestellt. Sie hat, wenn auch mit Erschütterungen, diese Zeit überstanden und vermochte zu einer positiven Arbeit im Lande überzugehen. Eine jüdische Jugend, ver sacrum, mit ungestümem Enthusiasmus, voll Ablehnung gegen die demaskierte Welt Europas, zieht zu neuem Leben aus. Unter großen Entbehrungen, mit bewundernswerter Disziplin bildet sie die Schar der Pioniere, die das Land urbar macht, den Grundstein des neuen jüdischen Gemeinwesens legend. Andere kommen nach. Die Zionistische Organisation hält die Fahne ihrer Idee hoch, aber sie hat eine schwere Stunde. Denn dieses Volk kann nicht mit einem Schlage umgeformt werden; stets wußten wir, daß die jüdische Erneuerung ein organischer, höchste Kraftanspannung erfordernder Prozeß sein wird Ern großer Teil der Einwanderer übertrug die alten Lebensgewohnheiten in das neue Land, ln das Netz der alltäglichen Nutzzwecke verstrickt, vermögen sie nur allmählich sich zu der Erkenntnis durchzuringen, was diese unerhörte Neuerung von ihnen verlangt etwas anderes gar nichts übrigbieibt. Den Feind, der Werkzeug war, läßt man außer acht. Diese Verbundenheit Ist nur dazu da, das nationale Gedächtnis zu schärfen. Nicht der Haß zum Feinde wird zum Ansporn benutzt, sondern Buße, SelbstUuterang, Selbstbekenntnis. Das ist wichtig hervorzuheben, denn wo findet man noch etwas derartige« im Leben eines Volkes? Aber nicht illein Ktagelieder waren es, die den Weisen, den Heiligen und den Patrioten Israels halfen, das Leben der Vergangenheit in das Volksgehirn einzuhämmern, ein Denkmal Erez Israels in der Volksseele aufzurichten. Die alte Heimat wird auf die verschiedenste Weise verherrlicht. Kosenamen werden den Stätten gegeben, wo einst das Volk frei gelebt und gewirkt hat. Es wird versichert, daß das Zurückkehren nach Erez Israel allein alle Gebote der Thora überwiegt. Andererseits wird der Fromme darauf aufmerksam gemacht, daß außerhalb des Landes eine vollkommene Frommigkeit unmöglich ist, da es Gebote gibt, deren Ausführbarkeit mit der Anwesenheit im Lande verbunden sind. So also wird die Seele des Volkes immer gefangen gehalten, so wird sie an einen Ort gebannt. Von allen Seiten wird ihr zugeflüstert, zugeredet: Erinnere dich deiner Vergang e n h e i t. Und mit diesen Erinnerungen. geht das jüdische Volk durch die Welt, geht den Weg der Leiden, geht durch die Marter des Mittelalters, durch die Inquisition und Austreibung aus Spanien und Portugal, durch alle Verfolgungen der späteren Jahrhunderte. Aber auch kurze Pausen, während weleher es dem jüdischen Volke vergönnt gewesen ist, Wohlwollen, Toleranz und Liberalität seitens der Könige, der Päpste und der Völker zu erfahren, sind nicht imstande, die Bilder der Vergangenheit, die Erinnenfnge» an Erez Israels unwirklich zu machen. Es ist nur eine Frage des Tempos, der Intensität des Gefühls, aber irgendwie ist es noch immer wach, irgendwie lebt Immer die Erinnerung. Man bekleidete große Regierungsstellen in Spanien, jüdische Großherren fuhren in Poinkkarossen herum, jüdische Damen glänzten am spanischen Hofe, aber in derselben Zeit wird noch immer um guten Wind und Segen gebetet für jenes Land, das einst Heimat für die Ahnes