Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 31 (23.4.1926)
- Date
- 1926-04-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ך fr. 31 Nr 31 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 229 : mitgebringt enswerk ׳ fördert age sich :ihe von bcn und mann ist : Zioniftassung den zio-!g seiner ו ist beiin russiverfolgt kann sie en Jahre r stärker der all-!gemeine tärkerem orte den ie ihren nd nicht der alljüdischen tidwerker :hte, beinfolgefter und bei den e Lage e Haupträglichen kdürfnis urch die im jüdi- :htung hat man ische gertei, der d, haupticht verriete der nisierang 11d Spar-!rbessert. doch hat lose Poel hatte, 1s ameris führte nannte allerlei!den zur 5en sich bei den ben sich obwohl glichkeit; Kapital hat ihre er Lage Nachsind und!Siedlung rte. Bei f Sowjetfördert; ziel Entgibt es tarischen gehalten, 1 haben, n Juden daß es nicht 'eile der :hwierig- ׳ Natur. Siedlung n es wegs vielmehr in der manchen die den o heißt, ntet das lieh sein anfangs iewährsi Land- Gegen- Zukunft!!siedeln, ichzeitlg!gen die 11 geben isen für an noch ne Verwerden istischen tet eine leute in!11“ He- ׳ stehen, mmhing et. Den n G%crersa-nmates der ■ T«if- Industrie in der Landwirtschaft NiederlaMungtmöglichkeUen in Palästina Von Dr. W. Brünn. Wenn man unter Industrie eine im allgemeinen lohnende, jfrößere und spezialistische Produktion mittels Verwendung von Maschinen versteht, so treffen alle diese Kennzeichen »uf die palästinensische Orangen-Kultur zu. Diese Kultur wird mit einem erstaunlichen Aufwand an Sorgfalt, Interesse und Intelligenz gehandhabt, die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft und Technik werden im Betrieb erprobt und verwertet, die maschinelle Bearbeitung wird von Jahr zu Jahr mehr ausgebaut, so daß es nicht Wunder nehmen kann, wenn die Ernten ungewöhnlich hoch sind und die Erträge den Vergleich mit denen der lukrativsten tropischen und subtropischen Plantagen (Gummi, Baumwolle) ruhig aushalten können. Um so weniger ist es verständlich, daß bei aller Mühe, die man sich gab, um neue Industrien in Palästina einzuführen, die Entwicklung der einheimischen und erprobten Orangen-Industrie so wenig Förderung erfahren hat. Eine Verknüpfung der Landwirtschaft mit Industrie dürfte bei vielen Zionisten gegnerische Emp- Bedungen aus lösen, nämlich bei allen denen, die die Land- Wirtschaft in Palästina so wie in ihrer Heimat — sagen wir hi Litauen oder Ostpreußen — betrieben sehen möchten. Der dortige mehr oder minder extensive Getreide- und Futterbau gilt, weil man ihn in der Jugend vor sich gesehen hat, vielen als die erstrebenswerte Landwirtschaft, obwohl wahrscheinlieh die Großväter dieser Ideologen, da ja inzwischen die Landwirtschaft auch in den erwähnten Ländern weiter gekommen ist, ganz anders über die ״richtige“ Landwirtschaft denken würden. Es läßt sich nicht bestreiten, daß der landwirtschaftliche Fortschritt in Palästina durch derartige willkürlich konstruierte Systeme aufgehalten werden muß. Niemanden wird es einfallen, in Deutschland den Anbau von Oliven oder Mandeln zu empfehlen, und umgekehrt sollte die einfache Uebertragung der europäischen Landwirtschaft auf das palästinensische Klima statthaft oder gar wünschenswert sein?! Es ist meine Ueberzeugung, daß nur die intensivste Form der Landwirtschaft die kulturellen Ansprüche der Juden zu befriedigen imstande ist, daß nur sie eine auskömmliche Existenz gewährleisten kann. Die Entwicklung in der Land- Wirtschaft geht überhaupt zur Intensivierung, auf allen Gebieten, eine Intensität ist aber bei teuren Arbeitskräften, mit größeren kulturellen Ansprüchen, wie es die Juden nun einmal sind, ohne Industrie im weiteren Sinne, d. h. ohne Wissenschaft, Technik und Arbeitsleistung nicht zu erreichen. Wichtige und einschneidende Fortschritte hat die Landwirtschaft schon heute der Industrie zu verdanken, man denke an die Bestellungs- und Erntemaschinen, an den kiinstliehen Dünger, an die Saatzucht, an Krankheitsverhinderung und -Bekämpfung, kurz, kein Landwirt kann sich ihnen entziehen. Richtig ist, es gibt wenige, die die vorwärtsrasende Entwicklung der Industrie im allgemeinen nicht mit bangen Gefühlen betrachteten, die nicht eine weitere Versklavung und Mechanisierung des Menschen befürchteten, aber gerade in der Landwirtschaft kann die Industrie nicht viel Unheil stpf»!״ p/k,, ,srtpte^־?;daß' Y#de״.. Anw^y ufgriti, hier. ihr ti$W Ändea wW, ‘‘Ä'-Gräb, ‘das־ sie' sich gewissermaßen selbst gegraben hat. Der technische Fortschritt in der Land- «rirtschaft erzeugt nämlich ganz andere Wirkungen als in der Industrie, worüber Zander*) In seiner Broschüre treffend sagt: ״Die Maschine macht in der Industrie den Menschen unfrei und verdammt ihn zu mechanisch gleichförmigen Arbeiten, in der Landwirtschaft macht sie den Menschen frei und verlangt im Gegenteil zu ihrer Bedienung eine Steigerung der geistigen Fähigk eiten.“ Und dann an anderer Stelle: ״Erst die weitgehende Technisierung der Landwirtschaft, insbesondere auch der bäuerlichen Betriebe, wird den Boden bebauenden Menschen körperlich so entlasten, daß wir ihn fachlich und geistig auf die Stufe heben, auf der allein er seine wichtige Aufgabe für die Rettung unseres Vaterlandes erfüllen kann.“ Ebenso wie viele Gifte in anderer Dosierung heilend *) Deutscher Untergang oder Aufbau, Walter de Gruyter & Co., Berlin. wirken, wie in vielen Krankheitskeimen auch schon der Stoff zur Gesundung liegt, ebenso wird die industrielle Krankheit durch die Industrie in der Land- Wirtschaft überwunden werden. Die industrieaiislerte, d. h. die intensivierte Landwirtschaft wird zu einer zunehmend besseren Ausnützung des Bodens führen, der befähigt wird, immer mehr und mehr Menschen zu ernähren, allmählich das Industrie-Proletariat aufzunehmen und dadurch die schädlichen Nebenwirkungen der Industrie zu mildern oder gänzlich zu beseitigen. In Palästina sind wir nun vor die Aufgabe gestellt, auf einem kleinen Territorium eine möglichst große Zahl von Juden anzusiedeln. Mehr als irgendwo anders in der Welt liegt es uns daher ob, eine intensivste Ausnutzung der natürlichen Möglichkeiten des Landes ins Auge zu fassen, und es ist das nicht zu bestreitende Verdienst von T rietsch und S0skin, dieses Problem frühzeitig erfaßt und zur Diskussion gestellt zu haben, wenn auch der Weg, den sie Im Anfang gewiesen, nicht ohne Bedenken gegangen werden konnte. Leider ist die für dichte Besiedlung besonders geeignete Jaffa-Orangen- Kultur nicht genügend in den Kreis der Betrachtungen gczogen worden. Dabei zeigt diese seit Jahrzehnten eine rege!- mäßige, gute Rentabilität, sie ist leicht zu erlernen und zu betreiben und noch in starkem Maße ausdehnungsfähig. Es steht zu erwarten, daß es den verschiedcnseitigsten Anstrengungen gelingen wird, allmählich auch andere prosperierende Intensiv-Kulturen herauszubringen, aber im Augenblick kann mit einer an Sicherheit grenzenden Gewähr nur die Orangen-Kultur empfohlen werden. Ich möchte nicht dahin verstanden werden, als ob die Kolonisation Palästinas auf Basis der Orange gelöst werden könne. Keineswegs, immerhin 1(W 000 bis 200000 Menschen können mit ihrem Anbau ohne Schwierigkeit seßhaft gemacht werden. Warum wurde die Orangen-Industrie so wenig ausgebaut? Kamen doch im Laufe der letzten sechs Jahre genug Groß- und Kleinkapitalisten ins Land, die sich industriell betätigen wollten. Ist doch die Anlage einer Orangen-Fabrik nicht schwieriger als die irgendeiner anderen. Statt des Fabrikgebäudes kauft man sich Boden, statt der Webstühle Bewässerungs- und Bearbeitungsmaschinen, anstelle der Baumwolle läßt man sich Orangenbäume pflanzen, und wenn man noch einen tüchtigen Werkmeister nimmt, ist die Fabrik fertig. Man brauchte nur so zu arbeiten, wie der Nachbar und würde in wenigen Jahren ein guter Fabrikant sein. Wenn trotzdem die Orangen-Industrie verhältnismäßig wenig an Ausdehnung gewonnen hat, so liegt es vor allem an dem Umstand, daß es sechs Jahre dauert, bis die Orangen- Pflanzungen Profit abwerfen. Die meisten der Einwanderer, die vielleicht eben das Kapital für eine Orangenpflanzung hätten aufbringen können, hatten jedoch nicht die Mittel, um noch fünf bis sechs Jahre bis zum Ertrag leben zu können. Hätte es eine Gesellschaft oder eine Stelle gegeben, die fertige oder halbfertige Plantagen zum Verkauf gestellt hätte, so hätten doch viele auf Basis der Orangen-Kultur eine Niederlassung in Palästina versucht. So aber sind die zahlreichen Kleinkapitalisten dür 4. Alijah, die durchaus drüben bleiben wollten, gezwungen gewesen, ihr Kapital in den Städten anzulegen, im Handel, in Terrains, im Hausbau, wo sie bei der jetzigen Krise einen nicht geringen Teil ihres Vermögens . vffloreit ■hfb«e1k־׳.־. ..'•<.••. Die erste Lehre, die tn. E. aus den Erscheinungen der 4. Alijah gezogen werden müßte, wäre die Gründung einer Orangen-Plantagen-Gcsellschaft.die einwandernden Klein- oder Großkapitalisten fertige oder halbfertige Pflanzungen abzugeben hätte. Das Naheliegendste wäre zwar gewesen, daß der Keren Hajcssod in größerem Maßstabe Pflanzungen anlegte, um mit Hilfe der Orangen-Kultur ohne Verluste die Kolonisation zu entwickeln, aber bei den großen Verpflichtungen des K. H. ist in den nächsten Jahren mit dieser Möglichkeit kaum zu rechnen. Hier kann jedoch bei der ausgezeichneten Rentabilität der Orangen-Industrie die Privatinitiative ergänzend eingreifen, worauf ich in meinem Artikel Nr. 87 im Jahre 1925 in der ״Jüdischen Rundschau“ bereits hingewiesen habe. in der Erkenntnis von der Notwendigkeit einer derartigen Gesellschaft habe ich nach eingehender Rücksprache mit Agronomen und Pflanzern in Palästina die Bildung einer solchen Gesellschaft angeregt und bin auf verschiedenen Seiten ernstem Interesse begegnet. Ich kann hier mitteilen, daß eine Orangen -Pflanzungs-Gesellschaft in der Gründung begriffen ist und daß bereits größere Beträge gezeichnet sind. Auf einem vorzüglich geeigneten Boden in einer bekannten Orangengegend sollen vorerst 400 Dunam mit Orangen bepflanzt werden, die nach sechs Jahren in Losen von 10 Dunam verkauft werden sollen. Jedem Käufer sollen außerdem 10—12 Dunam bewässerbarer für Futterbau und andere Kulturen geeigneter Boden mitgeliefert werden. Es werden Aktien a 100 £ ausgegeben, bei Mindestbezug von 5 Aktien. Bei Bezug von 10 Aktien wird ein Vorkaufsrecht auf ein Los zum Gestehungspreis gewährt. Die Aktien sind in 6 Raten zu bezahlen, bei Zeichnung 40 0/0, nach 1 Jahre 25 %, nach 2 Jahren 10 0/0, nach 3 Jahren 10 8/o, nach 4 Jahren 7>/״ ״>, nach 5 Jahren 7*4 °/0. Bei vorsichtiger Kalkulation wird bei einem Verkauf nach 6 Jahren für die ganze Zeit der Investierung eine 15 0/oige Verzinsung des Kapitals errechnet. Bei der kolonisatorischen Bedeutung dieses Planes — wenn der Anfang infolge Kapitalmangels auch klein ist — ist es verständlich, daß bekannte und palästinaerfahrene Männer liebenswürdigerweise meinem Wunsche entsprochen und ihm Ansichten in Gutachten zur Verfügung gestellt haben. Es sind im Prospekt, der Interessenten gern durch die Z.V. f. D. zur Verfügung steht, Gutachten beigefügt von den Herren Prof. O. W a r b u r g und Elcasari Volkani, den Direktoren der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Tel- A w i w, von Herrn Dr. Arthur Ruppin, Jerusalem, und von Herrn Dr. Ludwig Pinner, Tel-Awiw. Es ist hier nicht der Ort, einen ausführlichen geschäftlichen Prospekt mit allen seinen Unterlagen zu geben. Soviel kann jedoch gesagt werden: das Projekt bietet eine Sicherheit für eine Kapitalsanlage und eine Gewähr für eine gute Rentabilität, wie sie von keinem ähnlichen Projekt übertroff e■ werden kann. Man müßte schon mit Erdbeben, Krieg oder anderen Umwälzungen rechnen, um in die Gefahrenzone zu kommen, aber solche Befürchtungen sind ln Palästina nicht mehr und nicht weniger am Platze als irgendwo anders hn englischen Imperium. Wer also auf rein geschäftlicher Grundläge sein Kapital auch in Palästina arbeiten lassen will, oder wer sich oder seinen Kindern eine befriedigende und lohnende landwirtschaftliche Existenz aufbauen will, findet hier Möglichkeitcn, wie er sie billigerweise schöner und günstiger nicht verlangen kann. Die Septische« Lehrer in Pallsti» Jerusalem, 13. April. (J. T. AI Gestern sind ln Tel- Awiw 113 ägyptische Lehrer in Begleitung des ägyptischen Staatssekretärs für Unterricht, Rushdi Bey, eingetroffen. Sie erwidern den Besuch palästinensisch-jüdischer Lehrer in Aegypten im vorigen Monat. Wie bekannt, wurden die jüdischen Lehrer vom ägyptischen Unterrichtsminister, Ali Pascha Mahir, vom Oberkommissar Aegyptens, Lord Lloyd, und vom König Fuad empfangen. In Tel-A\viw wurden die ägyptischen Gäste vom Oberrabbiner Usiel und Vertretern der Stadtverwaltung sowie der Lehrerschaft empfangen. Staatssekretär Rushdi Bey betonte in einer Ansprache me Notwendigkeit eines gegenseitigen Kennenlernens zwischen Aegypten und Palästina. Nach Schluß seiner Ansprache ertönten Hochrufe auf König Fuad und auf Palästina. Die Regierung Palästinas gab zu Ehret( der ägyptischen Lehrer und ihres Führers, des Vizeministers für Unterricht Rushdi Bey, einen Tee, bei welchem mehrere arabische und jüdische Notabeln anwesend waren. In einem Gespräch mit dem Vertreter der palästinensischen Telegraphen-Agentur sagte Rushdi Bey, alles, was er in Palästina gesehen habe, habe auf ihn einen starken Endruck gemacht, am meisten aber die jüdische Realschule zu Haifa und die K i n d e r k o I o n i e. Die jüdischen Einrichtungen in Palästina, insbesondere in Tel-Awiw, eröffnen großartige Perspektiven für die Zukunft. Die gegenseitigen Besuche zwischen den palästinensischen und den ägyptischen Lehrern werden sich jährlich wiederholen, auch werden periodische Beratungen abgehalten werden, die der Erörterung von Erziehungsfragen in Palästina und Aegvpten gewidmet sein würden. Der ehemalige Vizekönig von Indien, Lord Reading, (Sir Rufus Isaacs) und Gattin, waren am 30. April Gäste des Königs in Windsor. Der König verlieh Lord Reading in Anerkennung seiner Verdienste während seiner Amtszeit als Vizekönig von Indien den Marquis-Titel. Er ist der erste Jude, der diesen Rang erhielt. ״Apokalyptische Reiter“ Dieses Buch*) ist in gewissem Sinne ein documentum humanum und zugleich der typische, hier aber besonders auffallende, Fall eines jüdischen Intellektuellen. Ein Nachkomme podolischer Chassideu 11 ־'•.' 1 ז! •'*!listen verläßt in frühester Jugend seine Heimat und geht nach Westeuropa. In der Schweiz studiert er Philosophie, schreibt eine Arbeit über die Jung-Hegelianer, kommt dann nach Deutschland, in dessen Geisteskultur er sich immer mehr einlebt, eignet sich die deutsche Schriftsprache fast virtuosenhaft an und verfaßt hier Schriften über die ״Kultur des Sozialismus“, über״ Ideen zur Philosophie der Kultur“, über ״Kultur der Demokratie“, von zahlreichen Abhandlungen in deutschen Zeitschriften abgesehen. In all diesen Schritten fällt als individuelles Charakteristikum des Verfassers eine Einfühlungsfähigkeit und eine intuitive Gabe auf, begleitet von einem eigenartigen innerlich-mystischen Schauen der Dinge, das neben blitzartig aufliellenden Erkenntnissen die Konturen der Dinge des öfteren verschwommen und die Darstellung verschleiert macht. Das Judentum streift er nur gelegentlich, und zwar ,als Tragödie (vIdee!1 zur Philosophie der Kultur“). Er erblickt diese Tragödie in einer übermäßigen Gebundenheit der Seele, im Gesetzeskult, im Rationalismus. Aber das Judentum ist ihm nichts Nahes, Blutnahes, sondern ebenso ein Objekt des Nachdenkens wie andere Objekte. Bel alledem vermag er doch nicht endgültig Wurzel zu lassen in Deutschland und kehrt, einige Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges, nach Rußland zurück. Er setzt hier seine kulturphilosophische Tätigkeit fort, liest über Ethik und Soziologie — dann aber bricht der Krieg, die Revolution des März und ihr folgend die des Oktobers aus. Es ist, nach seiner eigenen Schilderung, als stürmten apokalyptische Reiter (ihm in einem besonders schönen Bilde in den Reitern des bolschewistischen Kavalleriegenerals Budjonny verkörpert) über die russische Erde und fegten alles geschichtlich Gewordene, alles Traditionelle hinweg, um auf der so entstanden«» tabula rasa ein neues Reich aufzurichten. In dieser Wirklichkeit gewordenen Apokalypsls aber fallen alle Kultur- *) ״Apokalyptische Reiter. Aufzeichnungen aus der jungsten Geschichte.“ V*» David Koigea. Erich Reiß Verlag, Berlin 1925. hüllen vom leben und von den Menschen ab, die Seelen werden nackt, der Geist sieht sich auch im Metaphysischen nur dem Eindeutig-Elementaren gegenüber — und aa erwacht in unserem Verfasser die Stimme des Blutes, das Bewußtsein geschichtlicher Zusammengehörigkeit und der Schicksalsgemeinschaff mit seinen Volksgenossen. Er hat jetzt nicht mehr mit dem Judentum, sondern mit lebendigen Juden zu tun, mit denen er zusammenkommt und die mitten in dem allgemeinen Zusammenbruch noch Güte, Menschentum und Hilfsbereilschaft bewahrt haben. Diese Schicksalsgemcinschaft gibt ihm Symbole und Visionen von echter und warmer Empfindung ein. Umdrängt von Gefahren fährt er beispielweise über die schneebedeckte wolhynische Ebene mit anderen jüdischen Flüchtlingen in einer Reihe von Schlitten — um sich wieder nach Europa durchzuschlagen — und hier überkommt ihn beim Anblick dieser dahinziehenden Gefährte die uralte historische Reminiszenz: ״Wie schön sind deine Zelte, Israel! — die Zelte eines ewig fahrenden Volkes, ein Bild ewiger Wiederkehr.“ Ja, je mehr er sich seiner Heimat nähert, desto stärker erfaßt ihn auch die Sehnsucht, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit mit seinen chassidisch-kabbalistischen Ahnen. Diese Stelle des Buches wurde mir zum Schlüssel. Es wurde mir klar, woher in Kriegen jener starke, unverkennbare Drang zum mystischen Schauen kommt, von dem ich vorhin sprach: In ihm verband sich eben der Nachkomme von Kabbalisten mit einem Metaphysiker deutscher Observanz zu einem merkwürdigen Ganzen, — so wie jedes Menschen Wesen und Wirken von Vererbung und Lebensgang bestimmt wird. Aber entsprechend der modernen Zeit wandte sich die grundgleiche Veranlagung jetzt dem Schauen nicht der religiösen, sondern der soziologischen, der kulturellen Dinge zu. Es ist dieselbe Reaktion gegen den Rationalismus im Judentum, die Buber treffend als das Wesen des alten Chassidismus erkannt hat — aber eine Reaktion in neuem, metaphysisch-wissenschaftlichen Gewand. Ja selbst der treue, lebensbejahende Optimismus unserer alten Chassiden ging hier nicht verloren und selbst in dem, was uns, wie z. B. die ganze Techttlsierung unseres modernen Lebens, als etwas Negatives anmutet, glaubt er noch seelische Ansätze zum Besseren zu finden. Ein metaphysischer Gedankengang wird auch in der gegenwirtigen Schrift angesponnen, angeregt durch die geschilderte» russischen Ereignisse; es ist der Gegensatz zwischen der ״Geschichte“ als ungebundener neuer Lebensgestaltung gleichsam ex nihilo und ״Kultur“ als vt 1 ■ יי׳ •וי!־::hnsmäßigeB Schaffen. Um diesen Grundgedanken ranken sich verschiedene interessante Bilder: der Ungestüm der russischen (Oktober-) Revolution als Drang zum geschichtlichen Schaffen bei einem bisher von der Gestaltung seines Lebens gewaltsam ferngehaltenen Volke; die Teilnahme der Juden an dieser Revolulion gleichfalls als Folgeerscheinung des Hungers nach geschichtlicher Aktivität bei einem jahrhundertelang lediglich in kultureller Bindung und Tradition lebenden Volke; auch der Zionismus entspringt nach ihm diesem Streben nach Geschichte eines lange ohne eigene, autonome Geschichte lebenden Volkes. Man könnte nun darüber streiten, ob es zweckmäßig und logisch richtig ist, den Begriff der Geschichte, der ja doch hergebrachterweise gerade organisches Wachstum (vergi. 7. B. die historische Rcchtssehule), Tradition, Verbunden- und Bedingtsein bedeutet, in sein Gegenteil umzustülpen; ob die Revolution wirklich so bar aller Bindung ist fman denke nur an ideologisch-dogmatische Bindungen, die oft nicht weniger zwangsmäßig wirken als bürgerlich-traditionelle) usw. Doch es fragt sich, ob man an ein Denken der gekennzeichneten Art überhaupt einen streng logischen, diskursiven Maßstab anlegcn darf. Wir genießen vielmehr die Bilder und die Geschichte dieses Buches mehr künstlerisch. Aber de visionibus non est disputandum. Dr. Elias H u r w i c z. Der zrhite Todestag von Sebalom Alechem Am 13. Mai 1916 ist der große jüdische Dichter und Humorist, Schalom Alechem (Salomon Rabbinowitsch), in New York, wohin er nach Ausbruch des Krieges aus Deutschland geflüchtet war, verstorben. Das Städtchen Perejaslow in Rußland, wo der Dichter geboren wurde, rüstet zu einer roßariigen Feier des 10. Todestages Schalom Alechems. Der tadtrat beschloß, in dem Hause, in welchem der Dichter vor 67 Jahren das Licht der Welt erblickte, eine Bibüo'hek einzurichten; das Haus soll in seiner damaligen Gestalt erhalten bleiben. Die Ortsschule und eine Gasse der Stadt »ollen nach Schalom Alechem benannt werden. — Auch in Odessa, Kiew, Minsk, Moskau und in anderen Städten rüstet man zu großen Gedenkfeiern für Schalom Alechem. | I I