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Jüdische Rundschau · 1926-04-16 · Heft 29-30 (16.4.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 29-30 (16.4.1926)
Date
1926-04-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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•־*wagt?! Kr. 230׳ה JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 215 Von Martin Bub er. 1. Es ist ein ״Monat der Zionistischen Organisation“ angert/t worden. Eine Stunde in ihm, für jeden Zionisten irgend- [in(. Stunde dieses Monats, aber eine ganze, ungestörte, ,blenkungsfreic Stunde, gehöre der Selbstbesinnung, der /io- (listifchen Selbstbesinnung. Was Selbstbesinnung im leben der Person bedeutet, weiß jedermann, oder vielmehr, jedermann könnte und sollte es Jdsscn. Am' deutlichsten von allen Sprachen sagt cs die he- (»c'tbche: ehescllbou ha-iiefeseli, Redieusrlinftslcgiing der ^ele, nennt sie diesen Vorgang. Die Seele legt Rechen- *fhaft «b. Worüber? lieber ihr, der Seele, leben und 11,111dfln; über alles, was sirli zwischen ihr und der Welt, nvi«d1en ihr und sieh selbst, zwischen ihr und Gott begeben jut. Wem legt sic Rcchcnsch.iff ab? sicli selbst; aber j3j11it doch auch irgendwie der Welt, der Mitkreatur, die in dir Seele gleichsam eine Delegation entsandt hat, eine zumeist verborgene und schweigsame, zuweilen aber offenkundig und vernehmlich werdende; und letztlich der Wahrheit selber, die j, da ist und auf die Seele wartet. Die Selbstbesinnung ist also jddit eine ,,innerliche“, unverbindliche Angelegenheit des Indlviduums, sondern sie ist etwas, was sich zwischen dem ,Maischen und der Wirklichkeit des Daseins begibt, durch sie hat der Mensch Anteil an der Wirklichkeit, und wer sie nicht übt, lebt sein Leben ab, ohne dagewesen zu sein. Man wende diese einfache, von je bekannte Wahrheit juf die besondere, zionistische Selbstbesinnung an, von der hier gesprochen wird, und man wird verstehen, was meine Forderung bedeutet, daß jeder Zionist in diesem Monat eine rechtschaffene Stunde laug sicli der Frage ergebe: Wie stellt es um den Zionismus? Was war mit ihm gemeint und was ist mit ihm geschehen? War er Willkür oder war er ein Auftrag? Und wenn er ein Auftrag war (cs kommt nicht darauf an, wie einer das auffatlt: Auftrag der ״Idee“ oder der ״Geschichte“, des ״Volkstums“ oder der ״Gesellschaft“ - wenn er mir weiß: das, was zu tun ich Verlangen trage, das wird von mir verlangt), wie haben die Juden ihn ausgeführt? Wie haben die Zionisten ihn ausgefüiirt? Wie habe ich ihn ausgefiihrt? Die Wahrheit, die den Auftrag gab, ist da und wartet auf die Rechenschaftslegung deiner Seele, deiner zionistischen Seele, Zionist. Sie ist es, die die Frage fragt. Antworte ihr, verantworte dich vor ihr! Wir haben uns fürchterlich gewöhnt, in den Tag hinein, ״s Jahr hinein, in die ״Geschichte“ hinein zu leben, wir Zionisten. Wir laufen Gefahr, unseren Anteil an der Wirkliebkest zu verlieren. Halten wir iune, eine Stunde lang, eine Ihre, strenge Gradaus-Stirnde! Haben wir das fei■tiggebraeht, dann kehren wir, wenn wir aus ihr in den Alltag zurückkehren, doch nicht wieder in den gewohnten Trott zurück. Denn wer einmal sich besinnen gelernt bat, verlernt es nicht mehr. Und die Stunde wird Frucht tragen; weiche, ehe wie große, das können wir heute nicht wissen und tauchen cs nicht zu wissen. Ais Material für diese Stunde ist das aiizuseiicn, was ich hier weiter sagen will. 2. Rechenschaft legen — der Ausgangspunkt, der über den in dieser Stunde zu begebenden Weg entscheidet, kann kaum nüchtern genug, konkret genug sein. Und er muß, soweit es möglich ist, allen Zionisten gemeinsam sein, damit wir in der Sclbstprübing uns nicht ins Trennende verlieren, damit "ir ״beisammen bleiben“ und unsere Besinnung, ungeachtet der unvermeidlichen Verschiedenheiten der Betrachtungsweise, fine grineinschaftlidie werde. Absehen also wollen wir von allen ideologischen Hintergründen, abschcn aber auch, soweit wir es können, von den wie immer gearteten Gefühls(,irbungni unseres persönlichen Zionismus. Auf die Frage ״Was war, "5נ isi mit dem Zionismus gemeint?“ kann uns hier nur die?anz sachliche, die (soweit wir sic zu formulieren fähig sind) exakte, pragmatische Antwort taugen. So betrachtet, so befragt, ich möchte sagen: auf seine triviale Tatsächlichkeit hin betrachtet und befragt, zeigt sicii uns der Zionismus ais eine Unternehmung. Welcher Art? •1■ne kolonisatorische Unternehmung; organisierte Aus- Wanderung von Teilen einer bestimmten Mcnschcngruppc nach •wem bestimmten Landstrich, um dessen Bodenschätze zu gc- Winnen und zu verwerten, mit dem Endzweck, aus den Ein- Wanderern eine als Produktionsciuheit mehr oder weniger 5Abständige, jedoch in fester, ob nur kultureller oder kultu- •[!!•politischer, Verbundenheit mit der Muttergruppe verblei- ״ende Gemeinschaft zu bilden, ist Kolonisation. Wessen Nonisatorische Unternehmung aber ist der Zionismus? Nun Men wir schon an den Kern der Frage. Hier kolonisiert ,!™י "ic zumeist in der Geschichte, ein Staat; auch nicht *lnt «•nächst vom Staat unabhängige, aber seine Interessen '••tretende, von ihm geförderte und im gegebenen Augenblick '1•der in ihm aufgehende Handelsgesellschaft; auch nicht (1! durch ^c״ Staat oder die Staaten, denen sic augehört, gc- '•»te Kirche oder kirchliche Assoz.iation; sondern das Sub- ,I dieser sicdlcrischcn Unternehmung ist ein Volk, und zwar [',Volk, das erstens staatlos und staatlich ungeschützt, zweilandlos und des räumlichen Zusammenhalts entbehrend, ■Utens. vcrbandlos, ohne einheitliche Fügung und Führung, ^״llt ein in jeder Hinsicht problematisches Volk ist. £ ׳st das Novum, das Unikum, das Paradox des Zionismus. 1h ''"■1,31 8י cs '״ Aer Weltgeschichte noch nicht gegeben; s[r J'ririit genug daran: so etwas widerspricht allen ״Gc- «“ der Weltpolitik, — cs ist sozusagen unmöglich, es ist "ur Wirklich. allen historischen und politischen Regeln ist Koloniri י’fri"C Form der Expansion. Ei״ Staat, eine Wirtschaft, Gru *1r(d1e 's* da, das ist die Voraussetzung: es ist eine ttjaif6 dlc s'rri'crc״ Bestand hat; von diesem sicheren Be- Im .״°ז' י dieser zentralen Verfestigung aus sucht sic sich iier38־ ''lrfs Wachstums auszubreiten, fruchtbringende Peri- 3״«!legen, die ihr Menschen zugleich abnimmt und Nlu ^Cr ^,aat’ der, öffentlich oder geheim, hinter jeder jjg!1Rsunfeniehmuiig steht (freilich kann es Vorkommen, tfst c״* Woß sein Parlament, sondern sogar seine Regierung o^r”^11‘•wgüch erfährt, daß es so war), will überschüssige br!n aocil entbehrliche Teile seiner Bevölkerung so unter- *Hlי?ן daß sic ihm zugehörig und ihm dienlich bleiben; er ibyt, rc J ^re Vermittlung die Gütermenge und den Waren- &(S(iJ’[j“lcr Wirtschaft steigern; er will um seinen festen *“*03י einen lockeren Auswirkungsbezirk!egen. Das Gegenteil davon ist die Ausgangssituatiou des Zio• nismus. Sein problematisches Subjekt, ״tj.is jüdische Volk“, hat eben den zentralen sicheren Bestand, den festen Kern nicht, cs ist nichts als Peripherie, nichts als Auswirkung. Es hat nicht eine Diaspora, cs ist eine. Es ist nicht ״im Exil“, sondern cs ist das Exil als Leib: ja, hier ist die Idee des Exils Fleisch geworden, in diesem einen wcltgeschiclitlich׳-n Exemplar. Was ihm mangelt, wonach es, wissend oder unbewußt, verlangt, ist Kern, Bestand, Substanz. Wie ist etwas so ״Gescliiclitswidrigcs“ wie der Zionismus zustande gekommen? Wir sind ins Innere der Frage gc• stoßen, wir fragen nach der Motivation. Dir Staat kolonisiert aus Fxpausioiisdrang. Das jüdische Volk kolonisiert aus Konzentiationsdraiig. Der Staat will Verloekemng; das jüdische Volk will Verdichtung. Er baut Landhäuser; es baut ein Nest, Und es baut im Sturm. Das ist das Paradox des Zionismus: eine Kolonisation, welche das hcrvorbriiigon will, was in aller Geschichte als die Voraussetzung jeglicher Kolonisation gilt, ein ״Mutter• land“. Das wäre nicht paradox, sonder״ absurd, nicht'geschieht«• widrig, sondern sinnwidrig, wenn dieses ״Mutterland“ nicht oben doch geschichtlich, urgescliielitlich ein reales Mutterland wäre, wenn cs nicht das Land wäre, durch dessen Besiedlung einst dieses Volk zum Volk wurde, wenn es nicht Ercz-Isracl wäre. 3. Torheit ist es also nicht, dieses Unternehmen, Untertangen des jüdischen Volkes, Willkür ist es nicht, aber es ist etwas Unerhörtes, im strengen Sinn Präzcdcnzioscs. Dazu aber ist es etwas Verwegenes: weil cs das, was in aller Gcschichte nur offiziell oder verhohlen — Werk der Macht gewesen ist, ohne Macht vollbringen will. Denn ein Staat•,!andmul verbandloscs Volk ist im geschichtlichen Verstand nicht als Macht anzuschcn. Wie kann das Wagnis eines so neuartigen Verfahrens glücken? Nur indem der Mangel au Macht kompensiert wird. Wodurch aber kann der Mangel an Macht kompensiert werden? in ailer Geschichte nur durch eins: durch Leidenschaft. Leidenschaft ist die große historische Kompensation der Machtlosigkeit. Auf diesem öffentlichen Geheimnis beruht z. FL die Tatsache der erfolgreichen Revolutionen. Revo- Intimi beginnt niemals mit der ״Erhebung der Volksmacht“ (das ist nur eine nachträgliche Abstraktion der Gcschiclits- Schreiber), sondern mit der Leidenschaft einer machtlosen Minderheit, welche die Tat usurpiert. Sic zeugt das Werk, welches die Mehrheit dann anerkennt. Sic setzt ihre Leidenscliaft ein, das heißt: sic setzt sich ein. Damit kann sie die Macht bekämpfen, kann die Macht erkämpfen. Die Menge, die ihr folgt, weil sic von ihrer Leidenschaft erfaßt wird, läßt, sie zur Macht werden. Die Leidenschaft ist nicht bloß die Waffe der Minderheit, sic ist auch ihr Erweis. Denn Leidenschaft — das Element, ohne das keine wirk• liehe Tat geraten kann, das Element, dem nur die Richtung fehlt, damit das Reich Gottes aus ihm gebaut werde — bcdeutet: nichts von sich zuriiekhaltcn; alles hergeben können; alles, aucii das Leben, wenns nötig ist, aber, solang dies noch nicht nötig ist, alles andere, die Lebenszeit, die Lebenskraft, und nicht zumindest auch die Lebensgüter. Das liergeben können, damit die Tat getan, das Werk gewirkt werde, das ist der höchste menschliche Erweis. ITis jüdische Volk, das, in all seiner Problematik, cs unternahm, zum ersten Male in der Geschichte der Völker, konzentrierende Kolonisation zu treiben, konnte seine Machtlosigkeit, seine Kernlosigkeit, seine Exilhaftigkoit, konnte die Paradoxie seiner Situation kompensieren: durch Leidenschaft. Hat e , denn aber daran gefehlt? Wissen wir denn nicht, wie damals, vor einem Vicrtcljahrhuiidcrt, die Begeisterung empor brannte? Hat sic sieh nicht opferkräftig erzeigt? Zwischen revolutionärer Tat ixnd kolonisatorischer Arbeit bestellt ein wesentlicher Unierscliied: jene verlangt eine einmalige, oder doch immer wieder einmalige Erhebung, diese eine dauernde Hingabe; jene die große leuchtende Manifestation, diese die unscheinbare, versteckte, anonyme Bcwiihruug im unablässigen Kleimvcrk des Alltags; jene ist also der natürliche Nährboden der Leidenschaft, diese entbehrt der Säfte, die die Leidenschaft speisen. Und dennoch, nur durch Dauerlcidcnschafv, durch eine dauernde Opferkraft, in die ein heranwachsenccs Geschlecht um das andere einbezogen wird, kann ein Unternehmen wie dieses geraten. So setzt sicli das Paradox des Zionismus in seinem Werk selber fort. Hätte die große, die dauernde Leidenschaft des unerhörten Werks erst die ״usurpierenden“ Zionisten, die ohne anderen Auftrag als den der Sache sie begannen, dann das ihnen allmählich folgende Volk ergriffen, dann hätte sich solches bcgeben: Da es staatslos, verbandlos ist, hätte sich das Volk als Werkverband konstituiert, das heißt: es hätte sich zu einer einheitlichen, festgefügten, leistungsfähigen Werkeinheit zusamnieiigcsciiiosson, weiche den Aufbau Palästinas in zuver* lässiger Arbeitsteilung, unter zuverlässiger Führung unternahm und ausführte. Es hätte diesem Wcrkverbaiid nicht bloß was er an Mensciieukräftcn verschiedener Eignung, sondern auch was er an Geldmitteln brauchte zur Verfügung gestellt. Und in all seiner Problematik hat das jüdische Volk Kräfte und Mittel genug, um Palästina aufzubauen; cs bedurfte nur der Leidenschaft, sic liergcbeii zu wollen, der mächtigen Leidenschaft, die wie eine Feuerbrunst um sich schlägt, bis die Befähigien sich ihrer dem Dienst am Werk entzogenen Fähigkeiten und die Reichen sich ihres dem Dienst ain Werk entzogenen Reichtums schämen. Wird sicli in der Stunde der Rechenschaftslegung einer finden, der hier einwürfe, cs werde doch Geld für Palästina gegeben? Der Zionismus hat als eine Leidenschaft der Armen bcgönnen; es sieht mitunter so aus, als sei er im Begriff, eine Liebhaberei der Reichen zu werden. Wehe ihm, wenn ers wird! Ein Werkverband also, in zwiefacher Gemeinschaft aufgerichtet: der Gemeinschaft derer, die lüngchen, um es zu tun, und der Gemeinschaft derer, die hier bleiben, um ihnen zu helfen. Zwischen der einen und der anderen stete, innige Verbindung, der Gruppen und Organe, aber auch der Personcn, von hier hinüber Rat, Hilfe, Material, Mittel, die jeweils benötigten Kräfte, von dort herüber Wünsche, aber 1 auch Berichte, Erzählungen, Bekenntnisse, Rufe der Vorgcschickten in das vcrsclnvisterte, wartende Herz zurück. Eine liitiuiiFit, die den Raum überwindet, der Personen, aber auch der Gruppen; jede kleine Judcngcmcmdc übernimmt das 1 atronat einer .Siedlung, jede große einer Stadt, und lebt mm wirklich das Lehen des ״Kindes“ mit, Mühsal und Triumph. Mähen es nicht so ״die Ersten“ gemeint? Ein Wcrkverbaiid - seine Schwelle dürfen die. Diffcrcnzeit, auch die um die liöchslcn Werte, nicht überschreiten. Kampf soll sein, liier und dort, Kampf der Geister und der Seelen, aber mir rings um das Werk, nicht innerhalb seiner. Nur eine solche aktive Vereinung über dem notwendigen, dem guten Streit kann die 111,•״igelnde staatlich-gesellschaftliche Einheit ersetzen. Organisation! Ich spreche das mißbrauchte, mißhandelte Wort mit Liebe aus. Ein staatloses, landloses Volk braucht Organisation im höchsten Sinn, um mitten im Sturm sich sein Nest zu bauen. Die Organe, die die Geschichte ihm zerstört hat, die Organe der Vertretung, der Führung, der Giiedenmg, die arbeitsteiligen und ineinaudcrwirkeiidcn Organe des vielfältigen, einheitlichen Lebens* und NVirkcnsprozcsscs muß das Werk ihm wieder schaffen. Schaffung der Volksorgar.e vom gemeinschaftlichen Werk aus, von seinen Bedürfnissen uml Forderungen aus, das wäre wahre Organisation. Organi-‘ salkm der jüdischen Volksarbeit an Palästina würde bedeuteil: den mangelnden Zusammenhang im Raum durch den Zusammenhang im Werk und die mangelnde Staatverfassung durch eine Werkverfassung kompensieren. Organisation also, von ihr spreche ich, denn nicht kann es in der Stunde der Selbstbesinnung darum gehen, der Organisation die Idee gegeiiübcrzustclleii, sondern gegenüberzust.'Uen die zulängliche Organisation der unzulänglichen. Organisation ist der Körperbau der Idee; aber darauf kommt cs au, ob die Idee einen Körper hat oder einen nur zu haben scheint. Organisation also, Körper der Volksidec — und als sein Herz: ein Zusammenschluß der Getreuesten, dne verborgene, ״verschworene“ Gemeinde, konspirierend an der Erhaltung und Entfaltung des werkhaften Verbandslcbcns, wie das Herz am Kreislauf des Bluts konspiriert, die Verschwörung des innigsten Werkopfers, die Wachhaltung der dauernden Leidenschalt. Haben wirs nicht so gemeint, Freunde, damals, an der׳ ersten Wende, und damals, an der zweiten? Aber haben vvi s vollbracht? Fangen wir bei uns an: Oschamuu! 4. Ich will liier nicht die Organisation,- wie sie ist, mit der, wie sie sein sollte, mit dem Werkverband, vergleichen. Das soll in der Stunde der Selbstbesinnung jeder nach seiner eigenen Wahrnehmung und Einsicht tun, und wenn ihm dann der Widerspruch auf der Seele brennt, soll er bei sich anfangen. Aber ein paar Worte müssen gesagt werden zu dem Allerernstestcn, Allcrgcwiehtigstcn, zu dem, was in Palästina selbst geschieht. Das Ziel einer konzcntrativcn Kolonisation hat ihrem Wesen nach dreierlei Bedeutung. Zum ersten eine politische. Wir wollen aus der Problcinatik der Unselbständigkeit, des Von-außcn-bcstimmt-scins, des Aufgcteiltscins unter Souveränitäten, au deren Willenshandluiigen wir keinen oder keinen erheblichen Anteil haben, heraus; wir wollen aus Palästina ein scibstbestimmendcs Gemcimvcscn bilden, das, ob auch quantitativ noch gering, docli schon als subjektives und objektives Gegengewicht unscrcr Abhängigkeit wirkend werden kann. Wir unternehmet' dies als ein nicht bloß stantsloscs, sondern auch staatlich ungeschütztes Volk (was freilich die meisten von uns lauge zu erkennen sich weigerten). Welche Parole ergibt sich aus dieser Situation und welche haben wir ausgegeben? Die nusgegebene laufet: Melirlieilsbildung. Als ob ein Gemeinxvesen, das unsere Problematik nur umkehrte, das uns nämlich (meinetwegen F humanerer Form) dort an anderen tun ließe, was gleichzeitig icr an uns getan wird, uns von der Problcmntik zu erlösen vermöchte! Die wahre Parole lautet: Dienst an der fremden Bevölkerung des Landes um des werden sollenden Gemeinwesens willen; Intcressenvereinigung, aber auch Förderung ihrer besonderen Interessen, um sie die Wünschbarkcit uml Möglichkeit der Intcressenvereinigung fühlen zu lassen, aber über diesen Zweck hinaus, um ihres Wohls als eines Glieds der werden sollenden Gemeinsamkeit willen; daher unbefangenes Keiinenlernen, zu dessen Voraus- Setzungen, außer der Kenntnis der Sprache und der Traditionen, vor allem das entschlossene Abstreifen des a|lzn sicheren Uchcrlcgcnhcitsgefülils gehört, in dem wir cs kaum weniger weit gebracht haben als etwa die Polen uns gegenüber, und mit kaum größerem Recht. Wenn ich das den Leuten sage, die drüben leben, pflegen sie auf die besonderen Zuchtlosigkeiten der Araber hinzuwciseii, aber es will mir scheinen, als hätte die Zucht, die wir unseren Traditionen verdanken, auch schon nicht wenig gelitten, und haben wir sie aber noch, wohl, so setzen wir sie im persönlichen und gesellschaftlichen Verkehr ein und lassen wir sie wirken! Das sind nicht etwa sogenannte ״ethische“ Postulatc, sonder.־? politische. Es wird hier keine andere Frage berücksichtigt als: Wie können wir unser Ziel erreichen? Aber eben unser Ziel! Wenn mau ein Ziel täglich in Tageszwecke umwechselt, statt täglich etwas von ihm selbst zu realisieren, hat man es zuletzt vertan. Und ferner: Ob der Zweck die Mittel ״heiligt“ oder nicht, ist eine dialektische Frage, die mir keinen konkreten Sinn zu haben scheint; aber daß es von dem angewandten Mitteln abhängt, ob das, was durch sie erreicht, wird, überhaupt noch etwas von der Wirklichkeit des einst gcschauten Ziels hat oder, unter seinem Namen, sein völliges Gegenteil darstellt, das ist eine politische Tatsache. Zum zweiten hat das Ziel einer konzcntrativcn Kolonisatiou eine soziale Bedeutung. Wir wollen uns in einer vollständigen Gesellschaft aufbauen. In der natürlichen Stufung der Wirfscliaftsschichten von der Urproduktion über die Verarbeitung der Urgütcf aufwärts setzt unser Dasein unter den Völkern in der Mitte oder doch erst in einem Abstand vom Boden ein; wir sind nicht am Wurzclleben der Gesellschaft beteiligt, sondern beginnen da, wo die aus der Erde gestiegenen Säfte schon in das Leben des Stammes und seiner Acste eingegangen sind; wir arbeiten zwar mit, aber erst an der Verwendung; daher kommt unsere (oft er* örterte) soziologische Problematik: wir können nicht, wie die Völker, die Erdenkraft unserer ״geistigen“ Schichten aus dein Reservoir der bodenständigen erneuern, wir entsende» die seltsamsten Luftwurzeln, wir führen ein soziologisch fiktives,

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