Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 28 (13.4.1926)
- Date
- 1926-04-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 208 Nr. 28 Heimweh (IIcimkchrdeb'atte im ״Sd1aI0m-AJejchem''-Klub.) Dank dem Umstande, daß das jüdische Volk in der ganzen Welt verstreut ist, haben jüdische .Emigrauten zu allen Zeiten auf der Flucht aus ihren Heimatländern in den neuen Wohnorten Anschluß au die dort wohnenden Juden gefunden und sind von den Hei den meisten Emigranten üblichen Zersetzangserscheinungen verschont geblieben. Zum Unglück für viele aus Rußland gekommene jüdische Flüchtlinge hat die Anlehnung an die deutschen Juden aus verschiedenen Gründen nicht in einem solchen Maße stattgefunden, daß sich die russisch - jüdischen Intellektuellen in Deutschland eingelebt hätten. Darum besteht in diesen Kreisen noch immer die starke Sehnsucht nach Rück• kehr in die alte Heimat. Red. Im ״Schalom-Alejchem"-Klub au Berlin geht es stürmisch her; Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle, dazwischen brave ״Baaletbatim", Juden aus dem ehemaligen russischen Reiche, diskutieren in heftiger, stürmischer Debatte die Möglichkeit einer Versöhnung mit den heutigen Zuständen in ihrer Heimat. Zum ersten Male? Nein — tausendmal ist darüber bereits gesprochen worden. Aber nicht über die Aussichten einer wirklichen Rückkehr wird Heiraten — sie ist heute aas politischen Gründen gerade so unmöglich wie früher — sondern man theoretisiert: ״Wie wäre es, wenn wir nach Moskau, Leningrad, Kijcw, Odessa u, .1. in. zurückkehren würden? Könnten wir dort Bleiben, könnten wir wieder in der jüdischen Oeffentliehkeit tätig sein?“ In seinem einleitenden Referat beleuchtete Herr Ts ehe• rikower wie es ומס die Frage der Rückkehr bei den Nichtjuden bestellt sei, von wem und wann sic aufgeworfen, wurde und in welcher Weise einige Gruppen sie gelöst und die Heimkehr verwirklicht hätten. Unklar blieben aber seine 'Ausführungen in Bezug auf die jüdischen Flüchtlinge. Diese flohen aus Rußland nicht nur um vorübergehend im Aus lande die Wiederherstellung besserer Verhältnisse abzuwarten, vielmehr wänderten sie aus, um sich eine neue Heimat zu suchen. Insbesondere trifft das für die Intellektuellen zu, die jehofft hatten, in Deutschland und anderen Ländern für die jüdische Kultur tätig sein zu können, sich darin aber getäuscht sahen. Nur eine kleine Gruppe jüdischer Bourgeois hoffte und hofft noch bis heute, wie es ihre russischen Klassengenossen tun, bald ■wieder in die guten alten Zeiten zurückkehren zu können. Dagegen gibt es innerhalb der jüdischen Intelligenz kaum eine nennenswerte Gruppe, für welche die Frage der Rückwanderung heute aktuell wäre. Weshalb wurden also die langen Reden über Rückkehr wieder aufgenommen? Es gab hierfür einen äußeren Anlaß. Der Schriftsteller Bcrgclsohn, der jahrelang Mitarbeiter des antibolscbc- :;,wistlschea New-Yorker ״Vorwärts“ gewesen ist und die jüdisehen Kommunisten in Wort und Schrift bekämpft hat, veröffentlichte vor einiger Zeit im Moskauer jüdischen Organ ״Emes“ einen Brief, in dem er schrieb', daß er seine Angriffe gegen die ״Jcwsektia“ tief bereue und mit dem ganzen Herzen auf ihrer Seite stehe. Dieser Brief war für die jüdische Kolonie in Berlin eine l'eberraschung. die wie. eine Explosion wirkte. Aber nicht nur das — eia weit wichtigerer Grund bewog diese Kreise zur Wiederaufnahme der nicht gerade angenehmen Deb'attc. Aus den Aeußerungen der Diskussionsredner, welche die verschiedensten Richtungen vertraten, ging hervor, daß nicht so sehr die Gefährdung der Existenz infolge der Wirt• .'pchaftskrise die Frage *ton neuem ins Rollen gebracht hat, als vielmehr die neue national-autonomiStische Bewegung unter der jüdischen Bevölkerung der Ukraine und Weißrußlands, die in einen! Teil der jüdischen Intelligenz den Wunsch erweckt, mit den jüdischen Massen wieder in Berührung zu kommen, um Kulturarbeit zu leisten. UnerÖrtcrt bleibe, ob diese Entwicklung in Rußland mit Hilfe oder gegen den Willen der ״Jewsektia“, ob aus innerem Drange oder unter dem Zwang der Verhältnisse vor sich geht, gleichviel, wir sind Zeugen einer großen jüdisch-nationalen Massenbewegung, die bleibende Ergebnisse zeitigen kann. Jüdische Gerichte, Schulen, Stadt- und Dorfräte, Milizinstitutionen, Genossenschaften, Gewerkschaften und andere berufliehe Organisationen, alles mit ״Jiddisch“ als Amtssprache, entstehen dort dauernd in großer Zahl. Die Mehrheit der Parteivereine und Organisationen stellen sich auf das Jiddische um; ein großer Teil der Parteipropaganda und Aufklärungsarbeit wird bereits ausschließlich in Jiddisch geführt. Sogar die jüdische kommunistische Jugend, die großenteils assimiliert und am meisten von dem sogenannten militärischen Kommunismus erweckt war, schließt sich allmählich dieser Bewegung an. Die Zahl der Menschen, welche die jiddische Sprache be herrschen und die Besonderheiten des jiddischen Milieus genau kennen, reicht längst nicht aas um die erforderliche Menge von Lehrern, Beamten und Organisationsführern zu stellen... Und viele von den in! Auslande untätigen und verkommenden jüdischen Intellektuellen könnten jetzt daheim in mannigfachen Stellungen freudig und erfolgreich Arbeit und Verdienst finden, wenn nicht... Wie die kommunistische Partei überhaupt, haben auch die jüdischen Kommunisten das Gcsinnungsmonopol. Andersdenfcende werden nicht geduldet, Arbeit darf nur im bolschcwistisehen Geiste geleistet werden... Die meisten können aber ein derartiges Gewissensopfer nicht bringen. Einige Diskussionsredner maßen der ganzen Frage keine allgemeine Bedeutung bei. Eine kollektive Rückwanderung komme gar nicht in Frage, da sie eine Billigung oder gar Anerkennung der in Rußland herrschenden Methoden voraussetze, was von der überwiegenden Mehrheit der Rückwanderer nicht gefordert werden könnte. Vielmehr sei die Rückkehr eine Angelegenheit jedes Einzelnen. Wie dem auch sei, das Problem hat zur Zeit nur akademische Bedeutung. Mag man cs auch hundertmal studieren — der Sichtvermerk zur Einreise nach Rußland wird dadurch nicht erreicht. Es scheint in Moskau keine Neigung zu bestehen, den Wünschen der Flüchtlinge entgegenzukommen und das tiefe Elend und die schmerzhafte Sehnsucht der Heimatlosen zu lindem. Kurz und gut —׳ der Sinn dieser Debatte war: nach Rußland wollen wir gehen, nach Kanossa nicht M. Samuel. Konferenz der Ozet Moskau, 7. April. (J. T. A.) Die unparteiische Gesellschaff für jüdische I.andansiedhwg in Rußland OZET hat für den 10. Juni d. j. eine Konferenz von Vertretern ihrer Lokalverbände in der ganzen Sowjetunion cinberufen. Die großen jüdischen Zentralorganisationen, die sich für die russisch-jüdische Siedlungsbewegung interessieren, wie Agro-Joint, fCA, ORT, Hilfsvcrem der deutschen Juden, Alliance Israelife, ICOR (Gesellschaft amerikanischer Arbeiterverbände für jiidische Kolonisation in Rußland), Londoner Komitee für jüd. Kolonisation in Rußland, die großen Landsmannschaften in Amerika und andere Körperschaften wurden eingeladen, der Konferenz beizuwohnen und das jüdische Siedhmgswerk in Rußland an Ort und Stelle zu studieren. Prof. Wcitma n n hat dem Jerusalemer Korrespondenten der Zeitung ״H a j n t“ mitgetcilt, er beabsichtige, in abseh• barer Zeit nach P.olcn zu kommen. JUEDISCHE RUNDSCHAU חי"״יייי^^ייי " " mmmmmmrnmmm- 1 j in 1. 11 1 11־ Die Vorbereitung der Ijar-Aktion Das Büro der Exekutive in London feilt mit: Die Monat Ijar-Aktion hat begonnen. Schon jetzt läßt sich mit einer gewissen Sicherheit Voraussagen, daß sie zum ersten Male wieder nach langen Jahren alle Teile der Bewegung in einer einheitlichen und gleichzeitigen Anstrengung, in einem großen und mit Begeisterung geführten Kampfe für die zionistische Idee und für die Erweiterung der Organisation zusammenfassen wird. Von einer Reihe von Landes- und Sonderverbändeu sind Spezialaufrufe veröffentlicht worden, in denen die zionistischen Massen zur äußeren und inneren Anteilnahme an der Aktion aufgefordert werden. Proklamationen dieser Art liegen vor, unter anderem seitens der English Zionist Federation, seitens den Exekutiven des Misrachi und der Hitachduth. ln den Aufrufen dieser beiden Sonderverbände wird neben der allgemeinen Bedeutung der Aktion für die Gesamtbewegung das besondtye Ziel der Gruppen in eindringlichen programmatischen Formulierungen herausgearbeitet. "Die Zentrale der Hitachduth legt in einem gleichzeitigen Rundschreiben an ihre Landesverbände dar, daß nach ihrer Auffassung für eine allgemeine Propaganda, die schlechthin der Zionistischen Organisation dient, kein Raum mehr sei. Die zionistische Bewegung sei heute unlöslich verknüpft mit dem Inhalt und den Methoden der Arbeit für seine Verwirklichung. Arbeit im Organisationsmonat bedeute also Arbeit für die Hitachduth. Auf der anderen Seite wird in dem Zirkular hervorgehoben, daß diejenigen Gruppen, die sich mit besonderer Energie für die Einführung des Einheitsschekels ein gesetzt hatten, zu dem Nachweise verpflichtet seien, daß diese Reform die Organisation und ihre Fijianzkraft nicht etwa durch eine Beeinträchtigung des Sehekelergebnisses geschwächt habe. Nachrichten, die täglich bei der Exekutive etnlaufen, zeigen deutlich, daß in allen Teilen der Welt der ernste Versuch gemacht wird, die Aktion in einem großen Stil und in würdiger Form durchzuführen. In P a 1 ä s t i n a hat sich der Waad Leumi auf eine Anregung der Londoner Exekutive hin an die Spitze der Aktion gestellt. Es ist anzunehmen, daß sie durch die Anwesenheit des Präsidenten der Zionistischen Organisation besonderen Antrieb und besondere Bedeutung erhalten wird. In Amerika werden, wie die Berichte von ״New Palestjne“ erkennen lassen, von der Zentrale und von den lokalen Leihingen umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Die Aktion wird in Amerika einen besonderen Charakter dadurch annehmen, daß sie verknüpft wird mit der Inaugurierung einer großen und für Amerika neuartigen Kulturarbeit. Auch der amerikanische Misrachi teilt mit, daß er unmittelbar nach Abschluß der Arbeiten für den United Palestine Appeal sich den Aufgaben des Monats der Organisation zuwenden wird. In Westgalizien ist bei der definitiven Festlegung des Programms durch den Zentralrat des Landesverbandes beschlossen worden, daß alle Ortschaften, die dem Verband unterstehen, mehrere Male durch auswärtige Redner besucht und überall Volksversammlungen, Frauen versa mmhingen, Jugendtagungen, Festabende und dergleichen veranstaltet werden sollen. Ueberdies wird in der zionistischen Tageszeitung ״Nowy Dziennik“ eine große Ideenpropaganda- Kampagne eröffnet werden. Das Programm für Osfgafizien sieht vor: 1. Besuch aller Provinzorte und Bezirks- Städte durch Lemberger Delegierte, Veranstaltung von Pro- HÄgIBd|F‘־ünd SchekelvcrsäliftliÄI'enr■ und' Neugründung von Lokalgruppen und Einsetzung besonderer Bevollmächtigter für alle zionistischen Arbeitszweige. Besuch auch aller zionistischen Institutionen, wie Bibliotheken, Volks• Häuser und auch der Jugendgruppen durch die Delegierten. 2. Schriftliche Propaganda durch Verbreitung von Zirkularen und propagandistischem Instruktionsmaterial. Verbreitung von Musterverträgen zur Unterstützung ungeübterer Redner. Herausgabc von Sondernummern der ״Cmvila“ und des ״Togblatt“ unter Verwendung des von der Exekutive zur Verfugung gestellten Materials. 3. Herausgabe einer besonderen Propagandaschrift mit Aufsätzen über zionistische Probleme, über die Entwicklung des Zionismus in Galizien und mit Daten über die verschiedenen Lokalgruppen, Adressen der Bevollmächtigten, der Komiteemitglieder und der zionistischen Institutionen. Der T r a 11 s s y 1 va n i s c 11 e Verband versichert, daß die Aktion mit einem seit langem ungenannten Elan durchgeführt werden wird. Das Programm umfaßt folgende Punkte: 1. Feierliche Eröffnung der Aktfon am H. April anläßlich der Plenarsitzung des Großen Aktions* Oomites des Jüdischen Nationalverbandes durch den Präsidenten Dr. Josef Fischer. 2. Veröffentlichung des Manifestes der Exekutive und eines Aufrufes der Leitung des Verbandes im ״Uj Kelet“, in ״A Foeld“ im ,,Noar“ und ״Uj Kor“. 3. Gratisverbreitung einer Broschüre des Schriftstellers Jochanan Giszkalaj mit einer Darstellung der zionistischen Idee, einem kurzen geschichtlichen Ueherblick über die Bewegung, über Aufgabe und Richtlinien der zionistischen Politik. Die Broschüre wird in 5000 Exemplaren in ungarischer und jüdischer Sprache verbreitet. 4. Zirkulare an alle Ortsgruppen mit Instruktionen über die Bedeutung der Aktion. 5. Gleichzeitige Einleitung der Aktion durch die Jugendorganisationen. 6. Ver- Sammlungen in allen Ortsgruppen unter Beteiligung von Rednern der Zentralen und der Kreisgruppen. 7. Herausgabe einer Festnummer des ״Ui Kclet“ unter Verwendung des von der Exekutive gelieferten Materials. Festnummern ebenso aller anderen Zeitungen. 8. Systematische Mitgliederwerbung und Schekelsammlung. In Oesterreich werden nach einem Beschluß des Landeskomitees in allen Bezirken größere Ver- Sammlungen abgehalten werden, in denen die prominenten Mitglieder des Landeskomitees als Redner auf treten werden. Gedacht wird ferner an die Einberufung einer Jugendtagung und an ein Meeting der dem Landesverband angegliederten Turn- und Sportverbände. Auch das für den 17. April angesetzte Schauturnen wird im Rahmen der Ijar-Aktion stattfinden. Die Aktion wird in der Presse, sowie durch Massen• Verteilung eines Flugblattes propagiert werden. — Die Programme der meisten anderen Länder sind bereits veröffentlicht worden. Die Landesverbände in der Bukowina und in Griechen-!and, die die Versicherung abgegeben haben, daß sie die Aktion mit aller Energie durchführen werden, haben der Exekutive die Uebermitthing des Programms angekündigt. Vorzugspreise ittr zionistische Literatur Die Exekutive hat Maßnahmen getroffen, durch die es ermöglicht wird, daß während des Monats Ijar eine größere Anzahl wertvoller zionistischer Schriften zu wesentlich herabgesetzten Vorzugspreisen erworben werden können. Den Landes- und Son .,erverbänden sind Listen der zu diesen (mir für den Monat Ijar geltenden Preisen) käuflichen Bücher und Broschüren zu gegangen, ein Auszug aus der Liste ist auch in! Londoner ״The New Judaeä“ erschienen. Interessenten erhalten durch die Landes- und Sonderverbände nähere Auskunft. Die palästinensischen Kinder und die Araberfrage Von Grete Obernik-Reiner. Während einer Debatte der Assefath haniweharint über das hebräische Schulwerk Palästinas erregte ein kommunistischer Abgeordneter Unwillen, weil er die Ansicht vertrat, daß die Schule unsere Kinder zu Chauvinisten erzieht. Palästina ist ein Land der Kritik und findet nicht so schnell seinesgleichen auf diesem Gebiete. So wird z. B. über Schulen und Lehrer ungeheuer viel gesprochen, jeder fühlt sich berufen, ein Urteil über das Unterrichtswesen abzugeben; da aber so viele Meinungen viele Widersprüche ergeben, kennt man keine einheitliche Forderung an das Schulwerk. Man hat sich an die Kritik gewöhnt — und ignoriert sie. Das ist wohl auch nicht der richtige Weg, und gerade jene Bemerkung über das Verhältnis unserer Kinder zu den Arabern schlägt ein sehr wichtiges Thema an, welches einer ausführlichen Behandlung und Erforschung bedarf; es nützt nicht viel, wenn man den Abgeordneten zwingt, seine Bemerkung zurückzuzichen. Wie verhalten sich unsere Kinder in Wirklichkeit zu den Arabern und was tut die Schule in dieser Angelegenheit? Es kann nicht geleugnet werden, daß die Kinder keine große Achtung vor den Arabern haben. Dies gilt aber schon vom vorschulpflichtigen Kinde und daran hat die Schule gewiß keine Schuld. Zunächst einmal bringen die Kinder des alten Jischuw, obwohl sic sich kulturell von den Arabern wenig unterscheiden, eine ausgesprochene Verachtung gegen sie mit, welche sie zum Teil von ihren Eltern übernommen haben. Ihnen ist es selbstverständlich, daß der ״C'ioj“ minderwertig ist, daß er schlechtere Eigenschaften hat als der Jude und daß ihm auch ein schlechteres Schicksal gebührt. Es wurden so oft Aussprüche aus Kindergärten zitiert, welche diese Einstellung illustrieren, daß ich heute davon absehen kann, meine Angaben zu beweisen. Ich habe solche Aus- Sprüche immer nur auf den Einfluß des Elternhauses zurück-!geführt, habe immer wieder den Kindern erklärt, daß alle Menschen gleichzuachten sind und daß man wegen eines etwa schlechten Menschen nicht sein ganzes Volk verurteilen darf. Zu meinem großen Erstaunen fand ich auch bei Kindern anderer Kreise ähnliche Ansichten; es waren oft Kinder nur befreundeter Familien; ich wußte, daß sie zu Hause nicht gegen die Araber gehetzt wurden und hörte doch bei jeder Gelegenheit unschöne Aussprüche. Ich versuchte nun, die Ursache dieses Uebelstandes zu finden. Ich sah ein, daß es doch in der Natur der Dinge liegen muß und nicht nur auf Einflüsse zurückzuführen ist. Mehr Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau*‘, am Freitag, d. 16. d. Mts., erscheint in verstärktem Umfang als Monat~Ijar•Nummer, enthaltend eine Kundgebung der Exekutive, Beiträge von Weizmann, Sokolow, Martin Bubcr, Kurt Blumen• feld und vielen andern. als das Wort wirkt auf Kinder lebendiger Eindruck, und der Araber der Straße macht oft einen sehr merkwürdigen Eindruck. Kommt z. B. ein Araber untenvegs unverhofft mit einem Freunde zusammen, so läßt er sich zunächst zum Zeichen der großen Freude in eine Prügelei ein. Die Ohrfeigen fliegen, die Umstehenden lachen und freuen sich. Prügel zum Austragen von Meinungsverschiedenheiten sind ebenso beliebt, und wenn schließlich in solchem Falle ein Wachmsnn kommt, so macht auch er dem Handel ein Ende, indem er jedem Streiter ein Kopfstück versetzt, einen nach rechts, den anderen nach links schupst, woraufhin sich beide weinend in der ihnen angewiesenen Richtung entfernen. Solche Bilder, ebenso wie der Anblick von Kindermißhandiungen, Tierquälerci von Jüabern gehen nicht spurlos an unseren Kindern vorüber. Dazu kommt, daß man verhältnismäßig oft ge fesselte Sträflinge arabischer Herkunft über die Straße führt. Welchen Einfluß das auf die Kinder hat, sehe ich in dem bevorzugten Spiel ״Diebe und Polizisten“; aus der Art und Weise, wie die Kinder dieses Spiel inszenieren, geht hervor, daß es für sie gleichbedeutend ist, mit ״Araber und Polizisten“, denn sie bedienen sich bei diesem Spiel mit Vorliebe der arabischen Sprache, soweit sic ihrer mächtig sind. Solcher Art ist das Bild des arabischen Lebens, welches unsere Kinder kennen. Die Welt der alten, würdigen Männer, die Welt der verschleierten Frauen, welche gemessenen Schrittes durch die Straßen gehen — diese Welt und ihre Kultur ist uns um} unseren Kindern verschlossen. Aus dem Gesagten ergibt sich, daß die unschöne Meinung von den Arabern da ist, bevor die Schule überhaupt beginnt. Eine andere Frage ist nun, ob die Schule gegen diese Meinung, gegen diese Auffassung der Kinder etwas tut, ob sie im Laufe der Schulzeit erfahren, daß es so nicht bleiben darf. Da müssen wir uns gestehen, daß die Schule in diesem Punkte versagt. Die Schule ist nationalistisch, und der Natio• nalismus ist nicht ihre Basis, wie zu wünschen wäre, sondern er ist das Ziel der Erziehung. In jedem Kinde das bewußte Nationalgefühl zu erwecken, ist Vorschrift. Und welcher Weg ist einfacher und sicherer, als das ständige Herausstreichen der guten, jüdischen Eigenschaften, der ständige Hinweis auf die Zugehörigkeit zum ״auserwählten Volke“. Ich habe einmal in einem Wiener zionistischen Tageblatt in einem Leitartikel die Worte gefunden, daß cs von den Lehrern abhängt, ob der Kriegsgedanke aus der Welt verschwinden kann. Es wurde auf die patriotischen Lieder und Lesestücke hingewiesen, welche die Schulbücher alter Nationen enthalten, um die Kinder von der Ueberwcrtigkeit ihrer Nation zu überzeugen. Ob der Schreiber des Artikels wohl auch unsere hebräischen Kinderlieder, unsere kleine, arme Kinderliteratur einer Revision unterziehen möchte? Ob cs richtig ist, daß Kinder im Alter von 3-4 Jahren zu Chanukkah von ״Jevanij rascha“ (dem bösen Griechen), zu Purim von ״Haman harascha“, zu Peßach von ״Mizri harascha“ singen? Daß sie von allen Festen nur zwei Dinge wissen: daß man ״gute Sachen“ zu essen hat, und daß alles, was nicht jüdisch ist, ״rascha'1 (böse) ist. Bezeichnend dafür ist der Aus- ' spruch eines sechsjährigen Kindes*. ״Chanukkah feiern wir zum