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Jüdische Rundschau · 1926-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1926) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1926)
Date
1926-03-26
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 190 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 24/25 Literatur *Blatt BOcberscbaa Oskar Goldberg: Die Wirklichkeit der Hebräer. Einleitung in das System des Pentateuch. Erster Band. Berlin, Verlag David, 1925. Für jemand, der gleich beim Aufschlagen eines Buches seinen Gegenstand gern in eine bestimmte Rubrik cinschachtehi möchte, wird dieses Buch wahrscheinlich ein Problem bilden. Nur wenn man sich die Mühe nimmt, die Absicht des Ver- Jassers, wie sie im Untertitel bezeichnet ist, in den Inhalt des zunächst wunderlichen Buches hinein zu verfolgen, wird man demselben zuerst in seiner Methode und erst durch diese in seinem Inhalte gerecht werden. Man wird zunächst feststellen, daß dasselbe nicht der Theologie im gewohnten Sinne zuzurechnen ist, und der Verfasser wendet sich sogar mit einem gewissen Fanatismus gegen dieselbe und!:inert Behauptungen wie die, daß sich von einer persönlichen Auffassung Gottes, von Sünde, Wunder usw. im Pentateuch nichts finde. Noch weniger läßt sich das Buch in die Kategorie des traditionellen Judentums einreihen, wenn es auch der konservativen Auffassung insofern nahekommt, als darin z. B. die Offenbarung in ihrer konkreten Schilderung als Realität und das Ritual als zentrales ,Gebiet des religiösen Lebens betrachtet wird; indessen unterscheidet es sich von orthodox gerichteten Dar- Stellungen durch den wissenschaftlichen Ton und mehr noch durch die Antipathie des Verfassers gegen die Einmengung aller Ehrfurchtsmomente in diesen Ton der Wissenschaft. Ebensowenig läßt sich dieses System als kabbalistisch bezeichnen, obwohl es sich mit manchen kabbalistischen Methoden und Gedankengängen nahe berührt, z. B. auf dem Gebiete der Sprachdeutung und grundsätzlich darin, daß hier ein Wissens- und nicht ein Glauberissystem dargestellt .sei!! will. (Nebenbei sei erwähnt, daß der Verfasser vor vielen Jahren in einer kleinen Schrift eine zahlenmystische Darstellung des Pentateuch versucht hat.) Der Verfasser ist indessen auch gegen die Kabbala polemisch eingestellt, nicht etwa von einem rationalistischen, sondern von" seinem Standpunkte aus, von dem aus sie sogar älter als die biblische Weisheit erscheint. Es erübrigt sich zu betonen, daß auch die heute üblichen Methoden, weder im naturwissenschaftlichen, noch im Gewände der historischen Bibelkritik, sich mit derjenigen des Verfassers identifizieren werden, gerade weil derselbe aus einer weiteren kosmisch-geistigen Orientierung her die der religiösen Ueberlieferung zugrunde liegende Tatsachenwelt als eine biologische bezeichnet; allein "diese Art ethnischer Biologie kann doch durchaus nicht bloß naturhaft verstanden werden, sondern als eine höhere Lebensform, in welcher das physische Erscheinungsgebiet des Völkerlcbens mit der metaphysischen göttlichen Zentralität desselben wie Körper und Seele unmittelbar verbunden erscheint, und in dieser durchaus positiven, wenn auch gleichsam ethnisch zugestutzten Auffassung der göttlichen Wirksamkeiten unterscheidet sich die Methode des Verfassers auch von der der Bibelkritik, welche nur noch die ethischen Grundlinien auf Kosten der hinter ihnen stehenden metaphysischen Realitäten als selbstverständlieh hinnimmt. Die hiermit versuchte negative Abgrenzung mag schon einige Punkte andeuten eines Systems, welches unter Aufbietung eines sehr reichen und sehr subtil behandelten biblischen Belegmaterials nichts weiter sein will als eine Deutung des Pentateuch vor allem nach der genealogischgeschichtlichen und nach der kultisch-zeremonialen Seite. ‘ £8 handelt sich — eine Auffassung, die einigermaßen an Schelling erinnert — in den Grundzügen der biblischen Urgeschiente zunächst um einen Kampf der Götter, deren Machtgebiet die noch des Zentrums entbehrende irdische W'elt bildet, das einzige gemeinsame Gebiet auch zwischen wesenhaft, d. h. durch eigene Lebensgesetzlichkeiten, getrennten Welten. Einem so bezeichneten Polytheismus, der in der Bibel Anklänge genug hat, steht nun nicht etwa der Monotheismus im Sinne der Existenz bloß eines göttlichen Prinzips gegenüber, sondern die Ueberlegenhcit des mit JHWH. (gegenüber der allgemeinen göttlichen Machtbenennung: Elohim) bezeichneten göttlichen Prinzips, das sich ״vorbiologisch“, d. h. als die Gesetze der ״Biologie“ selbst als beherrschend auszeichnet und nur insofern dem partikularistischen Wesen der Stammesgötter ein universalistisches gegenüberstellt, dessen Kampf um die äußere und um die innere Vormacht in der Substanz seines Volkes Israel selbst zugleich die Geschichte des letzteren bildet Denn auch die Hebräer (deren Name nach dem Verfasser schon auf ein tranzendentes Prinzip hinweisi) tragen den inneren Dualismus einer naturhaften, durch andere Elohim bestimmten Abstammung und einer teleologischen Bestimmung in sich, welch letztere in den mit Abraham und Moses verknüpften Ereignissen und Institutionen entscheidend ins Dasein tritt. Während bis dahin die Zeugungskette die physische Manifestation der Göttergeschichte bezeichnet, ist Abraham gewissermaßen ״Wahl- Stammvater“, und das Symbol des Bundes; Ausdruck einer gegen die Nahrhaftigkeit" gerichteten Entwicklung. Weil diese aber doch naturhaft weitergeht, ist sie Einbrüchen von außen und Rückschlägen von innen immer wieder ausgesetzt, wobei an die Abstammung von ״Völkern“ z. B. sogar des Erzfeindes Amalek von dem Schoße Abrahams, an die zahlreichen Fälle der Nachahmung der heidnischen Kultgebräuchc er- Innert wird. Darum bedarf es aber auch neben dem einmaligen Durchbruchsakt des mit Israel verbundenen göttlichen Prinzips einer ständigen, das heißt Immer wieder herstellbaren Verbindung, welche durch die an das Stiftszelt als die räumliche Verbildlichung des Gottesnamens sich anschließende kultische Gesamtinstitution verwirklicht ist (worüber die Fort- Setzung des Buches im einzelnen handeln soll). Diese stellt, wenn ich den Gedanken des Verfassers richtig verstehe, gegenüber der magischen Richtung des ״Götterzwanges“ in den früheren Religionsformen gewissermaßen die Umkehrung dar: die direkte Wirkung des göttlichen Prinzips in und durch das Volk, welches nur die Bedingungen für die Möglichkeit dieser Wirkungen—die allerdings recht äußerlich auf naturgesetzliche Weise betrachtet werden — herzustellcn hat. Allerdings ist die kultische Seite der mosaischen Lehre für den Verfasser derart zentral, daß er auch das Moralgesetz des Pentateuch nur als Teil des gesamten Ritualgesetes betrachtet sehen will und konsequenterweise dazu gelangt, jenen Prophetismus, der das äußere Opferwesen gering achtet, für eine Abschwächung des hebräischen Geistes zu halten. Dies hängt wieder damit zusammen, daß er die exotische Metaphysik des nationalen Religionslebens über die kabbalistische Esoterik stellt, die auf das einzelne Individuum abziele. Wenn hier wohl ein anfechtbarer Punkt in der Grundauffassung des Judentums vorliegt, so ist derselbe doch nicht mit den Mitteln einer moralischen Theologie zu bekämpfen, der gegenüber der Verfasser allerdings mit schwerem Geschütz operiert, vor allem mit der Methode des Textwortes und der Sprache, deren tiefster Sinn weder von der Philologie noch von der Theologie her zu erfassen ist Sicherlich wäre an manchen Auffassungen sozusagen eine Korrektur wünschenswert: als Wendung vom Nationalen zum Universellen, vom Magischen oder ״Naturgesetzlichen“ zum Spirituellen und Schöpferischen, vom intensiven Erleben des Pentateuch zu historischer Beleuchtung. Damit soll aber die große Bedeutsamkeit eines Buches nicht geleugnet werden, das —: namentlich gegenüber dem Charakter mancher jüdischwissenschaftlichen Erzeugnisse, welche mehr auf historische Umrahmungen als auf Wesenhaftes, mehr auf ״Hülsen“ als auf deren Inhalt abzielen — einen ernsten Versuch darstellt, die Bibel in ihrer eigenen Domäne, der der religiösen Realität, uns wieder zu erobern. Ernst Müller. Ignaz Goldziher, Vorlesungen über den Islam. Zweite umgearbeitete Auflage von Dr. Franz B a b i 11 g e r. Heide!־ berg, 1925, Carl Winters Universitätsbuchhandlung. 12 M. An Goldzihcrs Grabe sprach ein Araber die Hoffnung auf eine Wiedergeburt der jüdisch-arabischen Wissenschaft und Kultur und einer engen. Zusammenarbeit der zwei Völker aus. Goldzihcrs Bibliothek, heute bereits — der Herausgeber dieses Buches, der Berliner Professor Babingcr, muß sagen: ״leider“ — in Jerusalem, kann ein Zentrum werden, um das herum sich diese Idee verwirklicht. Für uns ist Goldziher eine Figur, die mehr als bloß wissenschaftliche Bedeutung hat. Dieser Jude, den der preußische Unterrichtsminister C. H. Becker in seinem zu diesem Buche geschriebenen Geleitwort als den Begründer der Islamwissen- Schaft feiert, kann an dem Wendepunkt, da das Judentum sich wieder dein Orient zukehrt, eine Brücke des Lebens werden. Darum verdient auch diese Neuausgabe seiner Vorlesungen unser großes Interesse. Prof. Babinger hat den zuerst 1910 erschienenen Text revidiert und in zahlreichen Anmerkungen neues ergänzt, besonders neue Literatur angegeben. Die Schriften selbst geben in sechs Kapiteln sehr aufschlußreiche Darstellungen der Entstehung und Entwickelnng des Islam, seines Gesetzes und seiner Dogmatik sowie der verschiedenen Sekten. Die modernsten Fragen, die uns heute auch politisch interessieren, werden naturgemäß noch nicht berührt, doch finden wir Mitteilungen über Entstehung und Wesen des Wahubismus. Doch ist die Ideengeschichte des Islam für jeden wichtig, der mit Arabern zu tun hat und zu tun haben will. Zu ihrem Verständnis erschließt uns dieses Werk eines Juden den Weg. R. W. A flying Visit to the Middle East. By Sir Samuel Moarc. (Ein fliegender Besuch im Mittleren Osten, von Sir Samuel Hoare, Staatssekretär für Luftfahrt). Cambridge, University Press. 1925. Sh, 3/6. — Bekanntlich haben im Frühjahr 1925 Luftminister Hoare und Kolonial minister Amerv eine gemeinsame Inspektionsreise nach dem ״Mittleren Osten“ gemacht, d. h. nach den Mandatsgebieten Palästina, Transjordanien und Irak, deren Garnison in Luftstreitkräfteu besteht. Hoare gibt hier eine recht harmlose, von allem politischen Inhalt gereinigte Reiseschilderung, ohne auf die Probleme der Länder selbst einzugehen; das einzige politische Ziel das er nennt, ist sein Interesse an Verringerung der Kosten der Verteidigung des Mittleren Ostens. Den Hauptteil des Büchleins nimmt Irak ein, Palästina gelten nur wenige Seiten, in denen einige Kirchen Jerusalems beschrieben und Herbert Samuels Fälligkeit, in dem hödist unwohnlichen, ehemals deutschen, Regierungsgebäude auf dem Oelberge, regieren zu können, bewundert wird. Unter den ausgezeichneten Bildern aber ist eine Luftaufnahme Jerusalems, die zu den schönsten Bildern gehört, die es von Jerusalem gibt. —sch. Fritz Mauthner, Wörterbuch der Philosophie« 2. vermehrte Auflage. 1. Band: A — Goethes Weisheit, 661 Selten; 2. Band: Gott — Quietiv, 586 Seiten; 3. Band: Rationalismus — Zweck, 560 Seiten. Leipzig, Felix Meiner. In diesem Jahre ist ein Vierteljahrhundert verflossen, seit Fritz Mauthner den ersten Band seiner Beiträge zur Kritik der Sprache veröffentlicht hat. Er war über der journalistischen Arbeit als Theaterkritiker und Feuilletonredäkteur des ״Berliner Tageblatt?“ 52 Jahre alt geworden als er sicli der Wissenschaft widmete. Die ״Beiträge zur Kritik der Sprache“, das Büchlein ״Die Sprache“ in Bubers Sammlung, ״Die Gesellschaft“, ein Werkchen über Spinoza, die große vierbändige ״Geschichte des Atheismus im Abendlande“ und das ״Wörterbuch der Philosophie“ in drei Bänden waren die Frucht zwanzigjähriger angestrengter Tätigkeit am Abend seines Lebens. Das Wörterbuch der Philosophie, das nun in zweiter Auflage erscheint — die erste war 1910 herausgekommen —, hat nichts zu tun mit den üblichen Handwörterbüchern der Philosophie. Mauthner gibt eine persönliche Auswahl der Wörter oder Begriffe, deren Geschichte und Kritik er vorlcgt. ״Auf annähernde Vollständigkeit, auf dieses Ideal eines Nachschlagebuchs und , Frcmwörtcrbuchs der Philosophie, mußte ich ja von vornherein verzichten, wenn ich mein Alter und die nachlassende Kraft erwog und dennoch herausbringen wollte, was mär für die Vorschule einer sprachkritlschen Erkenntnistheorie wichtig schien.“ Dies ist es, um was es Mauthner geht: Vorschule einer sprachkritischen Erkenntnistheorie soll dieses Wörterbuch sein. Die Wortgeschichten und Begriffskritiken, die er hier alphabetisch zusammenstellt, sollen ein weiterer Beitrag zu einer Kritik der Sprache sein. — Diese Sprachkritik diente Mauthner zu einem hohen metaphysischen Ziel: Er wollte zeigen, daß all unser Denken symbolisch ist und daß wir nicht über eine bildliche Darstellung der Welt hinausgelangen können. Die Menschheit muß rerignieren. Sie wird die Wirklichkeit nicht erkennen; denn die Worte dringen nicht ln das Wesen der Wirklichkeit ein. Wie weit Mauthner mit dieser Anschauung recht hat, kann an dieser Stelle nicht erörtert werden. Er hat, wenn nicht im letzten, so doch im vorletzten Sinne recht und seine Bücher sind ein tapferer Kampf gegen einen Aberglauben, vielleicht den letzten Aberglauben der Menschheit: Den Wort-Fetisch. Mauthner selbst sagt über seine Weltanschauung, daß ihn sein Kampf gegen jede Form des Aberglaubens immer wieder in die Nachbarschaft der Aufklärer brachte. Er finde aber den Wort-Aberglauben gerade auch dort, wo die Schlagwortc von religiöser und politischer Freiheit geprägt worden sind. — Das Wörterbuch ist eine nicht nur belehrende, sondern auch sehr unterhaltende Kulturgeschichte der Menschheit. Dem dritten Bande ist ein ausführliches Personen- und Sachregister beigegeben. h. b. כל'בו לתלמיד Taschenbuch für Schüler. Verlag ״Hascfer“, London-Paris. 5686. Das Buch bietet für den Schüler •eine Fülle wichtigen Stoffes: geographische Angaben, besonders Geographie Palästinas, Gescnichtstabellen, Abriß der hebräischen Literaturgeschichte, Logarithmen, lateinische, englische, französische, deutsche unregelmäßige Verba usw. Sogar eine Anweisung, wie man sich beim Essen benimmt finit Bildern) fehlt nicht, ebenso eine Geschichte der jüdischen Legion. Das Buch wird von palästinensischen Schülerkreisen sicher begrüßt wer* den. Für unsern Geschmack fehlt ein Einschlag von geistigmenschheitlichem Stoff, als Gegengewicht zu dem sonst überbetonten zivilisatorischen; auch sollte, gerade für Palästina, etwas über Sitten und »Leben der Landesgenossen und überhaupt des Orients darinsteheri. —t. Messias-Legenden. Gesammelt von Micha Joseph bin üori on. Aus dem Nachlaß des Sammlers herausgegeben und übersetzt von Rahel Rambcrg. Verlag Alexander Fischer, Tübingen, 1926. 2,50 M. Eine schöne Nachlese der bekannten großen Sagen- und Lcgcndcnsammliingen M. J. bin üorion.s. Die Gestalt des Messias spielt eine große Rolle in der jüdischen Volks- Phantasie; die von bin Ciorion gesammelten Stücke entstammen verschiedenen Zeiten und Sphären, sind daher auch ungleichen Wertes, darunter sind Geschichten von großer Erhabenheit; Druck und Ausstattung sind lobenswert. Röder, Adam, Der Weg des Zentrums. (Gesammelte Reden und Schriften zur deutschen Politik der Nachkriegszeit, 3. Heft.) Verlag der Germania A.-G. in Berlin C2. 1,50 M. Der bekannte Politiker und Publizist, der als Evangelischer der Reichstagsfraktion des Zentrums angehört, versucht in diesem Buche den Entwicklungsgang des Zentrums darzustellen. Dabei widmet er ein ganzes Kapitel dem Thema ״Zentrum und Judentum“. Er wendet sich heftig gegen den Antisemitismus und weist nach, daß antisemitische Neigungen weit in die ״liberalen“ Kreise reichen, so daß ״Linksrichtung keine Assecuranz für das Judentum“ ist. Vielmehr empfiehlt Röder auch dem gläubigen Judentum Anschluß ans Zentrum. Amerika-Literatur HI‘). Das Standard Work über Amerika, das eine lückenlose Uebersicht über die Institutionen des Landes, deren Rück- Wirkung auf das Leben, den Volkscharakter und eine Soziologie der amerikanischen Gesellschaft gibt, ist das Werk des Engländers James Bryce, das unter dem Titel ״Amerika als Staat und Gesellschaft“ in zwei stattlichen Bänden von Prof. Dr. J. Singer ins Deutsche übertragen wurde (Leipzig 1921, Der Neue Geist-Verlag Dr. Peter Reinhold, 13 M.). Bryce hat vor mehr als 30 Jahre« drei große Reisen nach Amerika unternommen und Land und Leben studiert; nach jeder Reise hat er, wie erst dieser Tage der ״Manchester Guardian“ als vorbildlich erwähnte, nach seinen eigenen Worten elften großen Teil der Urteile und Verallgemeinerungen, die er vorher über Amerika gebildet hatte, ״in eien Atlantic geworfen“. Sein Werk gibt eine Darstellung der amerikanischen Verfassung, der Eigentümlichkeit amerikanischer Demokratie und Politik, im zweiten Band eine Schilderung der gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen. Bryce ist nicht ein trockener Gelehrter, er ist ein überschäumendes Temperament, dabei von großer Gewissenhaftigkeit und Objektivität, so daß er stets auch wertet, aber beide Seiten jeder Sache gerecht abwägt und den Leser nicht bevormundet, sondern ihn selbst denken läßt, indem er Licht und Schatten vor ihm ausbreitet. So ist das Werk von Bryce (sowie sein großes dreibändiges Werk über ״D e m o k r a 11 e“, das im Drei Masken-Verlag deutsch herauskam und hier noch behandelt werden soll) eine Erziehung zu politischem Denken und Urteil; für uns besteht sein Wert vor allem darin, daß es uns das Verständnis amerikanischer Politik und ihrer Begriffswclt erleichtert und so auch manches besser verstehen läßt, was uns Europäern in der Zusammenarbeit mit de« amerikanische«, Genosse« zuweilen absonderlich schien, MaifcHe, Vörgtnge dey 'Soplstenkongresse ׳ sind ׳ verständlich*»? wenn man erkennt, wie die von Bryce dargestellte atne.rikanische Auffassung von Demokratie dort mit der landläufig europäischen zusamnienstößt. — Da das Buch von Bryce länger zurückliegt, ist cs in manchen Punkten veraltet, z. B. in der Frage der Einwanderungsbeschränkungen, die es noch nicht kennt, obwohl das Problem der ״Vereinheitlichung“ der Rassen und der Normalisierung, das praktisch zum Ausschluß der nichtangelsächsischen bzw. nordischen Einwanderung geführt hat', auch von Bryce schon entwickelt wird. Von einer ganz anderen Seite führt in den Geist Amerikas ein das wundervolle Buch von Lewis Muntford ״Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer“ (Deutsch von M. Mauthner, mit 25 Abbildungen, Bruno. Cassierer Verlag, Berlin W 35, 9 M.). Das Buch nennt sich ״eine Studie über amerikanische Architektur und Zivilisation“ und ist in der Tat keineswegs eine Fachsimpelei über Architektur, sondern rührt an tiefste Fragen des amerikanischen und überhaupt des menschlichen Gemeinschaftslebens. Mtnnford zeigt die Einwirkung der älteren Stile, der Technik und vor allem der Zivilisationsstufe auf die Architektur, die Stein gewordene Lebensgestaltung ist. Er ist ein Feind der durch das Maschinenzeitalter geschaffenen Mechanisierung und Verkünder einer geistigen Sammlung. Für uns ist es interessant, gerade solche Stimmen aus Amerika zu hören. Außerdem ist cs Zeit, den Kolonisatoren Palästinas den Zusammenhang zwischen Architektur und Kultur (dies w׳ohl die richtigere Uebcrsetzung des englischen ״civilisation“) in Erinnerung zu bringen. In seiner Großartigkeit sehen wir Amerika in dem Buch ״Jugend im Lande der Jugend“ von Fritz Zie losch (Gebr. Enoch, Verlag, Hamburg 1926, 6 M.). Die Erziehung der Jugend zu gesunden Menschen durch Sport, Wandern, Seoul-Wesen, der Rhythmus der Jugend, die frühzeitige Bildung des organisatorischen Sinnes durch Jugendklubs, die Großzügigkeit des Schuhvesens, das alles wird in der äußerst lebendige:! Form von ״Streifzügen“ vorgeführt und durch sehr viele gute Bilder illustriert. Auch die jüdischen Jugendorganisationen finden ihre Erwähnung. Auch jüdische Jugend wächst in der hier geschilderten Weise auf, ein neues Geschlecht. Allerdings können wir nicht verhehlen, daß Zieleschs restlose Begeisterung über das Bewußtsein gewisser Mängel der geistigen Jugcndbildung nicht ganz hinweghilft. Aber auch dieser neue Jugendstil ist eine Realität. Was Paul Rohrbachs ״Amerika und Wir“ (Reisebetrachtungen mit 93 Tafelbildern und 2 Karten, Berlin 1926, Buchenau ft Reichert, Verlag) für zionistische Leser besonders interessant macht, ist — abgesehen von der flotten Darstellung und den herrlichen Bildern — seine Schilderung der Kolonisation in Südamerika. Diese kolossalen Schwierigkeiten der Erschließung des Urwaldes, die Urbarmachung eines üppig überwucherten Bodens, die großen Entbehrungen, die viele scheitern lassen, die Verwilderung der Menschen — wur sehen hier, w'elehe Mittel und Opfer Kolonisation kostet. Die Bedingungen sind hier nicht mit Palästina vergleichbar, aber da wir Zionisten oft ahnungslos dazu neigen, unseren Fall als besonders schwierig zu sehen, ist es ganz lehrreich, einmal in andere Länder zu blicken. Auch Rohrbachs Dar- Stellung des amerikanischen Deutschtums und seines kulturellen Lebens ist ein wertvoller Beitrag zum Thema nationale Existenz in der Diaspora. Alles in allem gibt das Buch, das stark von deutschem Selbstgefühl erfüllt ist, mit sichtlichem Streben nach Objektivität ein anschauliches und bei aller Kritik oft mitreißendes Bild der Fülle und des Reichtums des Landes. ״) S. 7 d. ״J. R.“

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