Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 24 25 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite!87 Palästina -Wirtschaftsblatt Die Anssichfen der Textilindustrie in Palästina Von Dr, Victor O r ü n w a f d, Te!-A\viw. Wenn wir an diese Frage als Zionisten herantreten, so sind nicht dieselben Voraussetzungen gegeben, als wenn wir das Problem rein von der wirtschaftlichen und Wissenschaftliehen. Seite betrachten wollten. Ein englischer U11 crnehmer, der die Frage studieren würde, käme zum Beispiel zu dam Resultat, daß ln Palästina eine beliebig große Menge unqualifizierter, aber spottbilliger arabischer Arbeitskräfte vorhanden ist, resp. sogar billige qualifizierte Arbeiter aus Syrien herangezogen werden können. Als Zionisten kommen für uns diese Arbeiter nicht in Betracht und wir kommen daher zu ganz anderen Schlüssen. Wenn also eine vollkommene wissenschaftliche Objektivität bei uns nicht vorhanden ist, so erkennen wir dafür die Industrie als eine zwingende Notwendigkeit für den Aufbau des Landes und diese Erkenntnis läßt uns nach Mitteln und Wegen suchen, um die Frage einer günstigen Lösung entgegenzuführen. Wenn wir uns Umsehen, wie in anderen Ländern Industrien entstanden sind, so können wir daraus für Palästina nicht viel Anhaltspunkte gewinnen. Die Textilindustrien haben in den meisten Ländern, wo sie heute blühen, eine alte Tradition und haben sich aus kleinen Anfängen allmählich und natürlieh entwickelt und weitergebildet. Den Anstoß zu der Ent- Wicklung der Großindustrie gab das Zusammenströmen von Menschenmassen in den Städten, das den Unternehmern ermö|lichte, den Arbeitern sehr wenig zu zahlen bei gleichzeitiger sehr langer Arbeitszeit und Frauen- und KinderarbeTt. Die Marktverhäitnisse waren der jungen Industrie sehr günstig, und die Regierungen förderten sie im Sinne der damals herrschenden merkantilistlschen Theorien. Dazu kamen epochemachende Erfindungen, die die Produktionsmöglichkeiten kolossal steigerten und all dies trug zu dem Wachsen der Industrien bei. Sehr oft wirkte irgendein äußeres Ereignis, das die Industrie vor der ausländischen Konkurrenz vorübergehend schützte, wie zum Beispiel die Kontinentalsperre Napoleons, mit, um einer jungen Industrie einen großen Aufschwung zu geben. In den letzten Dezennien sehen wir nirgends Fälle, daß die Industrieförderung von den Regierungen auch in solchen Ländern, die keine irtdustrieile Tradition haben, systematisch in die Hand genommen wird, und zwar durch eine geeignete Tarif- und Handelspolitik. Oute Beispiele hierfür sind Ungarn und Rumänien, fn Palästina liegen die Verhältnisse natürlich ganz anders: Wenn wir uns nicht belügen und den Dingen so ins Auge sehen wollen, wie sie sind und das müsssen wir, wenn wir nicht sehr bald enttäuscht werden wollen, so müssen wir sagen, daß Palästina vielfach die Nachteile eines zurückgebliebenen Landes mit denen eines modernen verbindet. Wir haben hier einen kleinen unentwickelten Markt, keine Industriekredite, bei gleichzeitiger Notwendigkeit von Gewährung von Krediten an den Käufer, keine Häfen und teure Verkehrsmittel, ein unmögliches Zollsystem, eine gut organisierte Arbeiterschaft, aber ohne industrielle Vorbildung und Tradition, und relativ hohen Arbeitslöhnen, wobei Palästina doch gut genug an den Weltverkehr angekuppelt ist, um den ausländischen Produkten die Einfuhr unter nicht ungünstigen Bedingungen zu ermöglichen. Man könnte also glauben, daß gerade genug objektive Gründe Vorhände» sind,: 002 }A-.«die Otün«8# v»jc4nd1»friitr>sch*wö0« ihafcheifl3 aber*»! rnow*»ankann doch: sagen, däfi. die־ mefeten Bisherigen Mißerfolge auf subjektive Orunae zurückgehen und die Sachen meist so angepackt wurden, daß es ein wahres Wunder gewesen wäre, wenn sie nicht fehlgegangen wären; da aber wunder heute sogar in Palästina selten sind, so stellte sich der unvermeidliche Mißerfolg denn auch prompt ein. in vielen Fällen war ungenügendes Kapital vorhanden, oder man steckte zuviel Kapital in Baulichkeiten, so daß nicht genug Um-!aufskapital blieb. Dann waren meist die Regien viel zu hoch und es wurden hohe Gehälter gezahlt. Dann war sehr oft Mangel an Fachkenntnissen und Landeskenntnis und der Märkte vorhanden. Schließlich kam es vor, daß Kompagnons vorhanden waren, die sich nicht vertrugen oder sich mit anderen Dingen beschäftigten, manchmal fehlten wichtige Maschinen und Einrichtungen, kurz, es gab Umstände genug, die die Fehischllge erklären. Den Mangel an Rohstoffen in Palästina habe ich mit Absicht nicht erwähnt. Es gibt nämlich viele Länder, die sehr hoch entwickelte Textilindustrien haben, ohne daß Rohmateriaiien in dem betreffenden Lande vorhanden waren. Man kann so ziemlich überall auf der Welt spinnen und weben und die Rohstoffe überall hin transportieren. Allerdings besteht fn Palästina der groteske Zustand, daß man für Importierte Rohstoffe Zoll zahlen muß. Dies gehört aber in ein anderes Kapitel; es besteht auch die Aussicht, daß dieser Zoll fallen wird. Was übrigens die Herstellung von Rohmaterialien im Lande selbst betrifft, so hat Seide die beste Aussicht und kann Rohseide in Palästina natürlich ebensogut wie in dem benachbarten Syrien produziert werden; alle Voraussetzungen hierfür, wie Anpflanzung von Maulbeer- oder Rizinusbäumen können geschaffen werden. Ebenso kann natürlich eine Schappespinnerei fn Palästina unter sehr günstigen Aussichten gegründet werden und die Kokons hierzu kann man vorläufig aus Syrien importieren. Auch für Wolle liegen die Aussichten günstig, da sich Palästina und Trans Jordanien zur Schafzucht sicher gut eignen. Was die pflanzlichen Gespinstfasern betrifft, so liegt der Faß einigermaßen anders. Flachs würde in Palästina wohl gut gedeihen, doch scheinen mir die Vorbedingungen für die Leinenweberei mit Rücksicht auf die Absatzverhältnisse nicht besonders günstig zu sein. Baumwolle dürfte in Palästina ebenfalls gedeihen, doch ist hier die Frage mehr als zweifelhaft, ob jüdische Arbeitskräfte dabei Verwendung finden können. Wenn dies, wie anzunehmen ist, nicht der Fall ist, dann liegt eigentlich kein Grund vor, warum man nicht die Baumwolle aus dem benachbarten Aegypten beziehen soli. Aehnlich liegen die Verhäitnisse bei der Jute, die man aus Indien beziehen kann, wobei überdies zweifelhaft ist, ob sich das hiesige Klima für den Anbau von Jute eignet. Immerhin ist die Frage von inländischen Rohmaterialien in dem Momente nicht mehr entscheidend, in dem man sie zollfrei importieren kann. Ferner darf man bei dieser Frage nicht vergessen, daß es sich bei den Industrieüeti nicht darum handelt, palästinensische oder ausländische Rohstoffe, sondern möglichst gute und billige zu bekommen und wenn man die Lage von diesem Standpunkt aus prüft, können den Pflanzern und Industriellen bei einheimischen Rohstoffen große Enttäuschungen bevorsfehen. Wenn wir die Möglichkeiten der Textilindustrie im allgemeinen prüfen, so muß man vor allem aut die Beseitigung jener obenerwähnten subjektiven Hindernisse Gewicht legen. Ea muh genügendes Kapital vorhariden sein, resp. die Fabriken müssen in Proportion zu dem vorhandenen Kapital angelegt werden. Der Industrie müssen überdies ausreichende Kredite zu Oebote stehen und die Gründung einer Industriebank resp. Ucbernahme deren Funktionen durch die bestehenden Banken Ist eine absolute Notwendigkeit. Es herrschen hier vielfach geradezu groteske Verhältnisse und durchaus gesunde Unternehmungen ersticken am Mangel von Kredit. Dabei handelt cs sich meist um gar nicht so bedeutende Summen und daher ist es um so bedauerlicher, daß unsere nationalen Institutionen hier nicht eingreifen. Es hat ferner natürlieh keinen Wert, Fabriken zu gründen, wenn die nötigen Fachleute nicht vorhanden sind. Hier ist überdies eine besonders sorgfältige Auslese erforderlich, da die besonderen Verhältnisse im Lande viel umfassendere Kenntnisse voraussetzen als das Ausland mit seiner Spezialisierung, ferner der Ersatz von Fachleuten in Palästina schwer, wenn nicht ganz unmöglich ist. Es ist auch gründliche Kenntnis der Märkte und der orientalischen Kundschaft nötig, und mangelnde Erfahrung in diesem Punkte hat schon viel Unheil verursacht. Die Arbeiterfrage, die auch hierher gehört, ist ein heikles Kapitel. Zunächst möchte ich mit Bedauern feststellen, daß sich das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der letzten Zeit verschlechtert und ein überflüssig scharfer Ton in den gegenseitigen Debatten platzgegriifen hat Wenn nicht beide Parteien von dem Willen zur Verständigung und dem Bewußtsein, daß sie aufeinander angewiesen sind und das Bestehen der Industrie zu sichern haben, erfüllt sind, dann kann der Industrie unmöglich eine glückliche Zukunft vorausgesagt werden. Zunächst ist es lächerlich, wenn Leute erklären, daß die Arbeiterorganisation an den Mißerfolgen der Industrie Schuld trägt und verlangen, der jüdische Arbeiter solle auf seine Organisation verzichten. Das ist eine ganz unbillige Forderung, besonders in einem Lande, das keinerlei gesetzlichen Arbeiterschlitz hat. Ebenso hat natürlich der Arbeiter auf ein living wage Anspruch. Andererseits kann nicht geleugnet werden, daß die Arbeiter, die so wie alle Juden Doktrinäre sind, nicht immer das nötige Verständnis für die Bedürfnisse der Industrie zeigen. Hierbei tritt allerdings einer jener besonders schwierigen Fälle zutage, wo beide Teile recht haben und daher die Lösung so außerordentlich schwierig ist: Der Araber ist in erster Linie am Realiohn interessiert und er wendet ganz mit Recht ein, daß sogar ein Lohn von 35 Piastern täglich ihm noch kaum die Möglichkeit gewährt, einen Hausstand zu gründen, wenn er zwei Pfund im Monat für ein Zimmer zahlen muß. Der Industrielle wiederum, der die ausländische Konkurrenz im Auge hat, ist hauptsächlich am Nominallohn interessiert und fragt, wie er konkurrieren soll, wenn eine italienische Weberin 12—15 Pt. im Tag verdient. Eine Lösung dieser Frage kann nur so erfolgen, daß dem Arbeiter ein Teil seines Realiohnes direkt zugeführt wird, d. h. in erster Linie, daß er durch den Bau von Arbeiter- Siedlungen eine billige Wohnung erhalten kann, was dem Industriellen ermöglicht, ln Geld weniger zu zahlen, ohne daß der Arbeiter faktisch weniger bekommt. Wichtig ist vor allem, daß der Arbeiter erkennt, daß eine junge Industrie nicht soviel zahlen kann, wie ein Saisongewerbe, und daß es unmöglich ist, den Maßstab für Arbeitslohn im allgemeinen bei einem solchen anzulegen. Wichtiger noch als die Frage der Löhne ist die der fachlichen Ausbildung. Der jüdische Arbeiter lernt sehr schnell, ja überraschend schnell und ohne diese Eigenschaft wäre ja die Gründung von Textilindustrien in Palästina kaum möglich. Aber auf einer gewissen Stufe, die noch lange nicht die oberste Stufe ist, angelangt, macht er Halt und bildet sich ein, bereits alle? zu können. womöglich mehr al»4to Meistert Jlh'Jpter-- easaatea>dPenda11t rc&zirsfctf d1#'־־sfeh ׳׳Jtifei *tstfr׳ ^fUfefhf gute Kenntnisse in mehreren Sprachen aneignen, aber es selten zu deren völligen Beherrschung bringen, hauptsächlich aus dem Grunde, weil sie glauben; sie hätten die Sprache bereits erlernt. Gegen solche nationale Fehler ist schwer anzukämpfen. Erst industrielle Tradition wird eine wirklieh gut durchgebildete industrielle Arbeiterschaft erziehen. Eine kardinale Voraussetzung für die Möglichkeit einer Existenz von Industrien in Palästina ist die grundlegende Aenderung des Verhältnisses der Regierung zu derselben. Bisher kann man dieses Verhältnis als im besten Falle gleichgültig bezeichnen. Das alte türkische Zoll- System mit seinem 12ס/יי ad valorem Zoll auf alles: Maschinen, Rohstoffe, Brennmaterialien, Halb- und Fertig- Produkte usw. ist für eine junge Industrie geradezu mörderisch. Es wurde ja schon viel v״rbessert, aber bisher war die Regierung nicht zu bewegen, einen Unterschied in den Zollsätzen zwischen Fertigprodukten und Rohstoffen zu machen, resp. die letzteren vom Zoll zu befreien. An eine gesunde Entwicklung einer Textilindustrie ohne freie Einfuhr von Rohstoffen ist nicht zu denken. Was die Frage von Schutzzöllen betrifft, so Ist der innere Markt in Palästina vlei zu klein, um ihn I la longue mit Schutzzollen zu umgeben, ohne das Leben weiter zu verteuern. Etwas anderes ist dagegen die Frage von Erziehungszollen und es wäre in hohem Maße wünschenswert, bei der Gründung von, neuen Industrien derartige Zölle für, sagen wir, fünf Jahre auf importierte Waren zu legen, bis die neue Industrie aus den ersten Schwierigkeiten heraus ist Derartige Erziehungszölle haben sich in anderen Ländern gut bewährt, und man kann nicht verlangen, daß eine Fabrik gleich in der ersten Zeit konkurrenzfähig sei. Hierher gehört auch die Frage von internationalen Verträgen mit den Nachbarstaaten, um den Veredelungsverkehr zu ermöglichen, der in Palästina gute Aussrhten auf Erfolg hat. Ferner ganz besonders der Einschluß Palästinas in jene Begünstigungen des englischen Zollsystems, die den Kolonien und Dominions zustehen. Auch brauchen wir dringend den Ausbau unserer Häfen und Verkehrswege, zum Beispiel der Eisenbahn nach Beirut und womöglich nach Mesopotamien. Auch den Straßen kommt große Bedeutung zu. Ich kann mir zum Beispiel nicht denken, wie sich eine Hausindustrie in der Umgebung von Tel-Awiw entwickeln soll, solange die Straße nach Petach-Tikwah in einem derartigen Zustande ist. Wenn zum Beispiel Handweb :fühle in Bne Berak, Ramath Gan usw. stehen und die Vorbereitung in Tel-Awiw, wäre es auf der jetzigen Straße einfach unmöglich, die Ketten hinzutransportieren. In diesem Zusammenhänge ist es die wichtigste Aufgäbe der Zionistischen Organisation, den Forderungen der Industrie sowohl in London als auch in Jerusalem den nötigen Nachdruck zu verleihen. Ferner ist die Industrie durch sachkundige Information, Beratung, Einrichtung und Unterstützung von Gewerbeschulen und im Falle von Haus- Industrie durch direkte Anweisung zu unterstützen. Die Frage der Industriebank und der Arbeitersiedlungen wurde schon erwähnt. In der letzten Zeit wurde auch in mehr oder weniger offener Form der Ruf nach direkten S u b - sldlen laut. Es sollte festgehaiten werden daß die Industrie grundsätzlich ein Feld für die Privatinitiative zu bleiben hat und daß daher Subsidien im besten Falle Ausnahmen sein könnten. Immerhin sind sie prinzipiell nicht abzti’ehnen und können etwa so durchgeführt werden, daß der Unternehmer das Kapital investiert und die Organisation ihm für eine gewisse beschränkte Zeit garantiert, den aus den höheren Produktionskosten usw. entstehenden Verlusi z׳« ersetzen. Das Corollar hierzu ist natürlich Kontrolle oder Aufsichtsrecht der Organisation während dieser Zeit, was für so manches Unternehmen ganz gesund wäre, natürlich wena die Kontrolle sachkundig ist. Wenn man nun die obenerwähnten Voraussetzungen im Auge behält und sich fragt, welche Textilindustrien eigentlich Aussichten auf Erfolg haben, so ist die Antwort die, daß sich das überhaupt nicht sagen läßt, eine bestimmte Art wäre ausgeschlossen. Das Feld ist ja hier so ungeheuer weit, daß tatsächlich zahlreiche Möglichkeiten gegeben sind, andererseits die Frage nicht allgemein beantwortet werden kann. Entscheidend ist letzten Endes die Frage des Marktes. Generoll kommen alle jenen Artikel, die im vorderen Orient wichtig sind, in Betracht. Es sind dies also Artikel aus Seide, Kunstseide, Baumwolle und Wolle und in der letzten Zeit auch Säcke, die aus Jute erzeugt werden. Für welche Artikel man sich dann im speziellen entscheidet, ist eine Tatfrage. Die produktionstechnischen Schwierigkeiten lassen sich natürlich fast stets überwinden, doch ist es oft zweifelhaft, ob die Sache konveniert. Die Se 1 denindustrie im allgemeinen hat z. B. in Palästina sicher sehr gute Aussichten, trotzdem glaube ich nicht, daß man in absehbarer Zeit Crfipe de Chine hier machen können wird, weil die produktionstechnischen, mit der Notwendigkeit der Beschwerung (Charge), verbundenen Schwierigkeiten, zwar überwindbar, aber doch so groß sind, daß die Erzeugung dieses Artikels, der einen sehr guten Absatz hat, im Moment nicht ratsam ist. Was die Frage des Binnenmarktes betrifft, so findet man in der Literatur über dieses Thema sehr oft eine gewisse Selbsttäuschung. Man operiert einfach mit den Zahlen der amtlichen Einruhrstatistik, die sehr hoch sind und ich gebe zu, daß diese Zahlen wahrscheinlich noch viel zu niedrig sind, denn die Kaufleute deklarieren in vielen Fällen die Waren unter ihrem wahren Wert. Ich will auch gern zugeben, daß Textilien im allgemeinen ein sehr großer Artikel sind und daher ist ja auch die Textilindustrie von so außerordentlicher Wichtigkeit. Dennoch dürfen wir dm inneren Markt nicht überschätzen. Die Textilien sind nämlich von einer ungeheuren Mannigfaltigkeit und ein einziger Druck der Statistik umfaßt natürlich mehrere Artikel, die keinesfalls von einem Unternehmen erzeugt werden können. Sogar derselbe Artikel wird vielfach in verschiedenen Stärken und Breiten hergestellt, zu denen man ganz verschiedene Maschinen braucht. Immerhin ist der innere Markt keinesfalls bedeutungslos und reicht vollkommen hin, um der Klein- und Hausindustrie das Bestehen zu ermöglichen. Dies führt zur Frage der Betriebsformen. Ich bin der Ansicht, daß im gegenwärtigen Momente zwei Formen die beste Aussicht auf Erfolg haben. Großbetriebe, welche das Rohmaterial selbst verspinnen und dem Artikel auch selbst das letzte Finish geben, also gewissermaßen vertikal aufebaut sind, ferner auch alle notwendigen Hilfsbetriebe entalten, bis zur Maschinenreparaturwerkstätte. Solche Betriebe müssen über große Kapitalien verfügen und einen so großen Umfang haben, daß sie an den Nebenlind Hiifsbetrieben nichts verlieren. Wenn ein solcher Betrieb wirklich konsequent aufgebaut ist, dann wird er sicherlich die nötige Schlagkraft haben, sich auf dem Weltmärkte durchzusetzen. Natürlich ist die Kapazität eines solchen Betriebes so groß, daß ihm der palästinensische Binnenmarkt nicht genügen kann, wenn auch die im Inlande erzielten höheren Preise in der Kalkulation sicherlich eine *׳Rolle spielen werden. In dieser Beziehung ist .sehr wertvoll, daß wir mit Syrien ein gemeinsames Wirtschafts- '•**btefctiflembERi ’/Tenti^oßtÄttelf tief Arten von Maschinen haben wird, kann sich relativ leicht umstellen und wenn auch manchmal gewisse Artikel erzeugt werden müssen, an denen man weniger verdient, so gibt es stets andere, die diesen Ausfall wettmachen. Die Kapitalskraft eines derartigen Unternehmens ermöglicht ihm überdies, sich moderne Erfindungen und Verbesserungen zunutze zu machen. Demgegenüber sind Mittelbetriebe insofern schlechter daran, als sie sich die zur Ausfertigung unbedingt nötigen Nebenbetriebe wie Färberei, Appretur, Druckerei usw. entweder überhaupt nicht leisten können oder aber sich diese bei ihnen nicht auszahlen, da sie nicht genügend beschäftigt sind. Im Auslande sind natürlich derartige Färbereien usw. selbständige Fabriken, die für eine ganze Reihe von Webereien arbeiten; da es aber in Palästina derartiges vorläufig nicht gibt, muß jede Weberei ihre eigene Appretur, Färberei usw. haben, was natürlich nur bei einem Großbetrieb rentabel ist Wenn es einmal in Palästina Lohnfärbereien, -Bleichereien und -Anpreturen geben wird, dann wird sich auch die Lage der Mittelbetriebe erleichtern, weil sie ganz einfach werden ihre Garne resp. Gewebe färben lassen können. Ich bemerke übrigens, daß Färbereien und Appreturen usw. in Palästina sehr gute Aussichten auf Erfolg haben mit Rücksicht auf den Mangel derartiger Betriebe in Syrien und Aegypten und das große fnteresse, das dort hierfür besteht. Jedoch ist unbedingt nötig, einen internationalen Vertrag mit Aegypten zu schließen, der den Veredlungsverkehr zuläßt. Neben den Großbetrieben scheint mir die Klein- Industrie, die auf den Binnenmarkt eingestellt ist und besonders die Hausindustrie, und zwar kombiniert mit Gemüsebau usw. gute Aussichten auf Erfolg zu haben. Der Kleinindustrielle wählt sich einen bestimmten Artikel, in dem er sich spezialisiert und so kommt er mit der Konkurrenz mit. Bei der Hausindustrie ist es sehr wünsehenswert, an die bei unseren orientalischen Volksteilen vorhandene Tradition anzuknüpfen. Ich denke hier vor allem an die Jemenitischen, persischen und bucharischen Juden. Hier können originelle Motive gefunden werden, die allmählich zu einem jüdischen Stil führen können. Nichts ist hingegen mehr zu perhorreszieren als die gewaltsame ״Judaisierung“ von Teppichen. Spitzen usw. durch Anbrlngung des Davidstems. Bildnisse von Weizmann, Herbert Samuel usw. Man findet da schreiende Geschmacklosigkeiten. Die hierbei leitende Idee, den palästinensischen resp. jüdischen Ursprung kenntlich zu machen, ist natürlich ganz richtig und aer jüdische Tourist, der aus Palästina etwas Charakteristisches mitbringen möchte, ist in einer schwierigen Lage, während der Nichtjude in der Damascener Textil- und Metallindustrie, in Hebroner Töpfer- und Bet-!eherner Perlmutterwaren reiche Auswahl hat. Diese einheimischen Industrien zeigen auch, welchen Weg wir gehen müssen: Durch ihren Stil ist ihr Ursprung sofort kenntlich und dadurch, daß sie geschmackvoll und charakteristisch sind, kann ihnen eine Veränderung der Mode kaum etwas anhaben. Natürlich läßt sich ein Stil ni'ht in kurzer Zeit schaffen. Wohl aber muß es unser Bemühen sein, q u a i i - tativ hochwertige Produkte herzustellen. In dieser Beziehung wird viel gesündigt und wenn auch klar ist, daß junge Unternehmungen nicht glerh die *״hörnten und besten Waren hersteilen können, so muß es doch das unausgesetzte Streben der Unternehmer wie der Arbeiter sein, das palästinensische Landesprodukt auf eine möglichst hohe Stufe zu bringen. Im Inland kann die lobenswerte Bewegung ״Für das Landesprodukt“ nur dann Erfolg haben, wenn dieses Produkt keine Schundware ist. Was aber den Weltmarkt betrifft so ist klar, daß es heute für uns keinen Zweck hat, in biFigen Massenartikeln konkurrieren zu wollen, da für absehbare Zeit die Herstellungspreise in Palästina höher sein werden als z. B. in Deutschland. Wir müssen also trachten, Qualitätsware zu erzeugen und solche Spezial•