Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24 25׳ JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 185 Ludwig Lewisolms ״Israel“ Ein amerikanisches Buch über die Juden* frag e*). Ludwig L e w i s o h n, der als Knabe aus Berlin nach Amerika gekommen ist und dort mit all der leidenschaftlichen Liebe des Juden sich an die anglo-amcrikanische Kultur zu assimilieren gesucht hat, ist durch den Weltkrieg au seiner Verwurzelung im Amerikanertum im* geworden. Der Antiseinitismus, dem er begegnete, erinnerte ihn an seine jüdische Abstammung. Die Geschichte dieser Jahre fiat er in seiner Autobiographie Up Strcarn erzählt. Noch ist das Judentum ihm nichts mehr als eine unangenehme Tatsache, ein Vorwurf, ein Ausgestoßensein. Er fühlt sich ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Amerikaner, das von ihm bisher verfolgte Ziel scheint ihm unerreichbar, er ist einsam und nirgendwo gehört er hin; denn auch an das Judentum kann er keinen Anschluß finden. Er weiß von ihm nichts, er selber halt noch in jenen Jahren sein seelisches Leben für durch und durch arisch, er bekennt, daß er in Wahrheit keinen Unterschied zwischen seinem eigenen inneren Leben und dem seiner nächsten Freunde, Amerikaner oder Deutsche, finden kann. Dennoch war Lewisohns Buch, obwohl es stofflieh nichts mit dem Judentum zu tun hatte, in seiner ganzen Einstellung der Protest eines Juden gegen die anglo-amerikanische Tradition. Aber dies hat Lewisolm damals noch nicht gewußt, ln ihm war das jüdische Bewußtsein kaum erst erwacht: es war nur die Verteidigung gegen die Zurück* Weisung durch eine Gesellschaft, in die er eiudringeu wollte. Es war noch allen jüdischen Inhalten völlig fremd, es war kaum erst ein Bewußtsein. Aber der Weg führte von hier weiter. Es galt, nicht nur den jüdischen Ursprung zu bejahen, sondern sein Wesen zu durchdringen und es ins Licht des Bewußtseins zu lieben. Schon vor mehr als zwei Jahren, als ich Lewisohns Up Streain kennen lernte, schrieb ich darüber, daß dieses neuerwachte jüdische Bewußtsein den Autor ״in Berührung mit der jüdischen Vergangenheit, in Berührung mit der neuen jüdischen Gegenwart zu weiteren Stufen führen werde“. Nun, drei Jahre nach Up Stream, liegt Ludwig Lew!• sohns neues Buch ״Israel“ vor. Es hat die gleichen Vor* züge wie sein früheres Werk: eine klare und faszinierende Sprache, ein leidenschaftliches Interesse, voll von Sympathie, für das menschliche Leben, und den Mut und die Ehrlichkeit des Denkers, der die Wahrheit zu sehen vermag. Das neue Buch handelt auch stofflich vom Judentum, von der jüdischen Assimilation in Amerika und Westeuropa, von dem Leben der jüdischen nationalen Minorität in Polen und ki Osteuropa und von dem neuen Aufbauwerke in Palästina. Aber es ist jüdisch darüber hinaus, jüdisch durch die Einstellung des Verfassers, der sie nun freilich nicht mehr als etwas Zufälliges und Unverbundenes betrachtet, sondem eingestellt weiß in den Bezirk des geistigen Lebens des Judentums aller Zeiten und der in seinen eigenen Worten das Echo jener Stimmen vernimmt, die ihm aus den Seiten der Bibel und aus den Kontroversen späterer Weiser entgegentönen. Und während noch in der Zeit seines Up Streams Ludwig Lewisohn befürchtet hat, daß sein Jude* sein ihn von seinem Amerika trennen und entfernen könne, so hat er jetzt erkannt, daß gerade das Judesein ihn der Menschheit nähert. Nach einer langen Pilgerfahrt hat er heimgefunden und weiß nun, daß er immer daheimgewesen ist, daß schon seine frühere Haltung jüdisch und typisch jüdisch war. Während aber die frühere Unklarheit ihn einsam und unglücklich gemacht hat, hat ihn das neue Wissen frei und sicher gemacht. Das neue Buch ist dreierlei; es ist das Buch eines Assiinilanten, der sich zu seinem Judentum durchringt; es ist eine Schilderung der Judenheit von heute, ihrer Be• Strebungen und Kämpfe; es ist eine Kritik an der überbrachten Ordnung der menschlichen Gemeinschaft und dieser Protest ist als ein Ausdruck jüdischer Mentalität gewußt und begründet. Lewisohn sieht den Menschen von heute und sieht ihn als den ewigen Barbaren. Das jüdisch-christliche ל Verlag Boni & Liveright, New York. Preis 3 Dollar. Ethos hat kaum den Rand seines Charakters berührt. Er ist im Grunde schwach und furchtsam. Daher fühlte er Sicherheit nur in der Stärke der Waffen und in der Zusammenhäufung zu Massen. Daher stützte er sich auf Armeen und auf die gedankenlose Loyalität den Massengemeinschaften gegenüber, dein Staat, dem Volk. Dem gegenüber siebt Lewisohn in den Juden das einzige Volk, das als Volk das getan hat, was viele einzelne unter den anderen Völkern getan haben: Stark und unerschrocken zu sein, einzelne, die nicht der Massensuggestion erliegen, die für Vernunft und Frieden einstehen. Auch das Judentum hat die Barbarismen, die Kriege und die patriotischen Täuschungen anderer Völker gekannt. Aber seit den Tagen der Propheten ist es diesen Einflüssen niemals ganz erlegen, hat sein Gewissen immer dagegen revoltiert. Dies ist die Aufgabe und Sendung Israels, wo immer es lebt, in der Diaspora wie in Palästina. Das ist die innere Kraft, die auch in dem Juden wirkt, der sich assimiliert wähnt. Das ist Israels Bestimmung und das rätselhafte Geheimnis seines Lebens. Lewisohn durchreist in seinem Buche die verschiedenen Bezirke der modernen Judenheit. Da ist die noch naive Assimilation des amerikanischen Juden. Er will ein Amerikaner sein, ein hundertprozentiger Amerikaner. Aber sein Verkehr besteht nur aus Juden und er ist heimlich noch immer stolz, wenn ein Jude etwas tut, das von den anderen Völkern anerkannt wird. Er liest jüdische Schriftsteller und hört jüdische Musik mit Verständnis und Vorliebe. Die ältere Generation hat so noch einen schwachen Zusammenhang mit dem Judentum, die Instinkte des Blutes sind noch stark. Tragisch wird erst die Lage ihrer Kinder. Sie sind allem Jüdischen fremd und doch noch irgendwie fühlen sie sich dafür verantwortlich. So beginnen sie es zu hassen, alles Jüdische unschön und schlecht zu finden, nicht nur die äußere Art, sondern auch die Wertmaßstäbe der anderen zu übernehmen, ihre Art zu urteilen und zu verurteilen. Aber selbst die amerikanischen Juden beginnen langsam unsicher und unglücklich in ihrer Assimilation zu werden. Sie fühlen das Kommen einer neuen ungewohnten seelischen Atmosphäre. Diesen Prozeß findet Lewisohn bereits viel weiter fortgeschritten in Deutschland, dem klassischen Lande der jüdisehen Assimilation und des Antisemitismus. Hier haben die Juden auf allen Gebieten des kulturellen Lebens schöpferisch gewirkt wie kaum in einem anderen Lande. Und dennoch findet Lewisohn: in Gcrmany assimilationism ist a byword and an evel jest, a thing absurd and bankrupt. Nirgendwo sind die Juden so isoliert wie in Deutschland. Deutschland war das große Laboratorium des Experiments der Assimilation, es war geschichtlich gesehen ein notwendiges Experiment, das versucht werden mußte. Es ist nicht geglückt. Und Lewisohn wünscht, daß die amerikanischen Juden vor einem ähnlichen Schicksal und vor einer ähnlichen Demütigung bewahrt bleiben. Lewisohn reist noch weiter östlich. Dort findet er das unassimilierte Judentum, aber auch zugleich den modernen Zwangsstaat in all seinem Barbarismus, ohne die konventioneilen Verhüllungen und Beschönigungen des Westens. Dort in dem neuen Mittel- und Osteuropa ist der Staat nichts anderes als an armed camp of drilled cannonfodder (ein bewaffnetes Lager gedrillten Kanonenfutters), Da passen die Juden schlecht hinein. So ist es in Polen, in Ungarn, in all den neuen Staaten. Die Juden sind dort ein Protest gegen den Barbarismus des allmächtigen Staates. Die Juden im Osten machen nicht den Versuch, auf Grund ihrer Leistengen im Weltkriege die Aufnahme in arische Klubs zu erlangen, sie sind Juden und wollen der Welt als Juden dienen. Gerade dadurch mögen sie für die Welt von Bedeutung sein. Nach der Diaspora führt Lewisohn seine Pilgerfahrt nach Palästina. Das erste Kapitel, das Lewisohn über Palästina schreibt, ist vielleicht die sprachlich schönste und färbenreichste Beschreibung des Landes. Aber darüber hinaus interessiert ihn mehr: das große Experiment der Wiederbesiedlung des Landes durch Juden. Er sieht die ganze Schönheit des Unternehmens, er versteht sehr wohl, daß es von einer großen, noch nicht abzuschenden Bedeutung für das Gesamt- Judentum und seine Zukunft werden kann. Er erkennt deutlieh die Pflicht aller Juden, wo und wie immer sie leben synagogale Musik ist, ja, man darf wohl sagen, wie ich es immer behaupte, daß eine wahrhaft jüdische Musik nur in der Synagoge zu hören ist. Denn auch die einzig wertvollen jüdischen Volkslieder, vor allem die clnssidischen, sind nur darum besser als die vielen übrigen, weil sie aus der Quelle der religiösen Musik ihre melodiöse Nahrung schöpfen. Auch die weltliche jüdische Musik (Instrumental-Musik und Lieder), die sich hier und da mit dem erstarkten Nationalbewußtsein zu regen beginnt, wird sich auf diese Basis stellen müssen. Es sei denn, daß wenigstens einige Jahrzehnte in Palästina verflossen sein werden und der Boden auf jüdische Art zu tönen beginnen wird. I>enn nur mit Kultur geht poetische und musikalische Ausdrucksweisc Hand in Hand. Und so bleibt vorerst unsere reiche Tradition an synagogalen Melodien der einzige Hort, der zu wahren ist und den es in idealer Weise auszubeuten und auszudeuten gilt. Hier aber wird, um es gleich zu sagen, noch •viel gesündigt. Sehen wir von den Sfarditn ab — seit •dem ausgezeichneten Werk C o n s o I o s ist bisher leider nichts Nennenswertes mehr erschienen —, so geht die Arbeit von zwei Ländergebieten aus: vom russisch-polnischen und vom deutschen Man kann das große Arbeitsfeld nicht gut anders umschreiben, weil der Boden weder auf der einen noch auf der anderen Seite sich genau begrenzen läßt. Der ganze Balkan muß beispielsweise zu Polen hinzugezogen werden. Das Wesentliche ist, daß auf deutschem Boden ein mehr temperierter, klassizistisch angehauchter Stil sich bemerkbar macht, während die polnischen Chasonim und Komponisten sich weltlicher und wilder geben. Etwas anderes ist es noch, wenn man die synagogale Musik aut den künstlerischen Wert hin betrachtet Das heißt, wenn man ihren Wert mit dem Maßstab mißt, den man sonst etwa an die christliche religiöse Musik anlegt. Da kommt unsere Synagoge schlecht weg und da ist noch viel zu tun. Die Gemeinde, der Gottesdienst, der Sinn für Tradition, alles, alles muß gefördert werden, wenn die synagogale Musik anspruchsvolleren Wünschen genügen soll. Geschieht etwas Bedeutendes auf diesem Gebiete, etwa wie im schönsten europäischen Kulturstaate, in Frankreich, dann kennt man es kaum. Ich meine die Bemühungen und Errungenschaften des Pariser Komponisten und Chordirigenten Samuel David in seinem Werse ״Ates'que religieuse ancienne et moderne. En!!sage dans les Tempies consistoriaux Israfüfes de Paris״, das vor mehr als 30 Jahren bereits erschienen ist. Nichts von Lewandowski, ja nichts von Sulzer reicht an die großen Piecen Davids heran, wenn man die Kunst des Satzes, die kulturelle Würde und die ganze hohe religiöse Atmosphäre in Betracht zieht. Da kommt man mit der raschen Beurteilung, etwa wie: ״das ist uns zu katholisch“ nicht weiter, sondern man rückt dadurch immer mehr vom Ziele ab. Vor mir liegt ein neues Werk von Samuel Alman, dem Chordirigenten der ״Great Synagogue“ in London. (Juwal-Verlag 1925.) Der Komponist kommt aus Podolicn und fchört zum Kreise der russischen Synagogenkomponisten. eine direkten Vorgänger sind Dunajewskv, Nowakowskv und Gcrowitsch. Alman ist ein ausgezeichneter Musiker. Damit ist bereits viel gesagt. Sogar das Wesentlichste. Sein Chorsatz —es sind fast nur Chöre, ohne Orgelhegleitung, in dem Bande enthalten — ist ebenso geschmackvoll wie "wahrhaft modern, und wo mail Alman singen wird, wird man sich des künstlcrisehen Geschmacks nicht zu schämen brauchen. Es fragt sich nur, was uns der Band inhaltlich Neues bietet Und da muß festgestellt werden, daß Alman zwar auf gediegene Art die ukrainisch-polnische Tradition bereichert und ausbaut, daß er aber leider nur in dieser Enge bleibt. Das Werk eignet sich für Rußland und das weite Polen und für die Länder, die aus Rußland den größten Zuzug haben. Sonst kann man Nummern wie Waj’chullu (Nr. 13) und ahnliehe Piecen als schöne, polnisch antiquierte Nummern im Gottesdienst überall bringen. Auf dem Grund aber des Almanschen Werkes, welches an sich eine wertvolle Bereicherang der Materialien bedeutet, einen Gottesdienst aufzubauen, das ist in kultivierten Ländern unmöglich. Dasselbe gilt vom im selben verdienstvollen Verlage erschienen«! Werke Rosowskys ״Schire Ffilloh״, zweiter Teil, mit etwa 13 Kompositionen für die Hohen Feiertage. Die künstlerische Struktur ist hier allerdings lange nicht auf der Höhe Almans, dafür aber entschädigt manches Rezitativ des berufenen Meisters. Die Sache liegt so: Sowohl dieses wie jenes Werk müßte jede Synagogengemeinde besitzen und hin und wieder etwas aus dem rein polnisch-russischen Bereiche bringen. Dem Juwal-Verlaj[ kann nicht genug für seine Opfer und Mühen in dieser nüchternsten aller Zeiten gedankt werden. Auch der beiden Bändchen des ebenfalls nun lihgegangenen Kantors Erslers aus Wloclawek für den Sabbath möge hier gedacht sein. Die Kompositionen sind künstlerisch noch geringeren Formates als die Rosowskys, aber auch hier sind die Rezitative und der Geist das Wichtige. Die Rezitative sind von einem echten Ciias'n und werden dem Kenner und dem Laien, der auf guten Nussach etwas gibt, viel Freude bereiten und den Odem ernster, schmerzerfüllter Gottesnähe heraufbeschwören. mögen, an diesem Werke teilzunehmcn und seine Verwirklicliung zu ermöglichen. Aber er wehrt sich dagegen, daß eine Strömung im Zionismus es als Ideal setzt, daß das jüdische Volk in Palästina ein normales Volk werde wie alle anderen Völker. Er empfindet das jüdische Volk durch seine ganze Geschichte als einzigartig und weiß seine Be• Stimmung in der Menschheit mit dieser Einzigartigkeit untrennbar verknüpft. Aus dieser Einzigartigkeit heraus muß Palästina aufgebaut werden. Und einzigartig ist auch unsere Stellung im Lande. Lewisohn fühlt den ganzen Zauber der schöpferischen Kräfte, die dort am Werke sind; er fühlt alle Verpflichtungen der eigenartigen Lage. ״Das zerstreute jüdische Volk baut durch seine Repräsentanten das Land auf und gründet dort auf seine eigenen Kosten und ohne die geringste Neigung oder. Hoffnung, dort politische Macht amzuübcn, eine neue und fruchtbare Kultur. Wir wollen das Land schöpferisch in Besitz nehmen und nicht in den Formen der Macht und Gewalt und Herrschaft. Wir erwarten gleiche Rechte mit Arabern und Christen. Nicht mehr. Für alles, das wir dem Lande bringen, fordern wir nur Gleichheit mit dem dort ständig wohnenden Volke.“ Die jüdische Kolonisation ist mit keiner anderen zu vergleichen. Die Juden kamen nicht wie Kolonisatoren sonst, mit einer staatlichen Macht hinter ihnen, mit Fahnen und Geschützen. Freiwillig bauten sie das Land auf. Aber Lew!• sohn teilt nicht das Ideal, in Paiästina ein autochthones jfldlsciies Volksleben mit hebräischer Sprache zu schaffen. Er glaubt es dem gleichen romantischen und verworrenen Nationaiismus entsprungei., der das Primitive ebenso kultiviert, wie der Antisemit es tut. De menschliche Zukunft hegt in der Befreiung von dieser überkommenen Romantik, von dieser falschen ״Volkstümlichkeit“. Es ist für den Juden ein falsches Ideal, nach der Naivität primitiver Bauernvölker streben zu wollen. Aufgabe des zionistischen Palästina ist cs, nicht ein anderes Dänemark zu werden. Darüber sind die Juden durch die vielen Jahrhunderte ihrer Geschichte hinaus. Palästina soll die Juden der Daspora lehren, sie selbst zu sein, Juden im tiefsten Sinne der eigenartigen Bestimmung dieses Volkes. Dazu die vorbildliche Konzentration eines Teiles des Judentums in Palästina. Und so wünscht auch Lewisohn, daß die hebräische Renaissance in Palästina nicht dazu führen möge, daß die Juden dort einsprachig werden. Er erschrickt vor den vielen schon größeren Kindern, die nur Hebräisch beherrschen. Er erschrickt vor der Verarmung und vor dem geistigen Rückgang, den dieser romantische Nationalismus mit sich bringen muß. Lewisohn bejaht den kulturellen Reichtum der Judenheit; eine nationale Kultur, umsomehr eine so stark innerlich gebundene wie die jüdische, verträgt sich sehr wohl mit Mannigfaltigkeit und Nuancen. Er sieht in dem romantischen Nationalismus, den er in Palästina trifft, nicht etwas jüdisches, sondern eine Assimilation, eine Assimilation an die Wertmaßstäbe der Antisemiten und des gegenwärtigen europäischen Nationalstaates. Die Einzigartigkeit des Juden ist die Frucht gewisser, vor vielen Jahrhunderten erworbener geistiger und moralischer Eigenschaften, die unsere Geschichte erhalten und gestärkt hat. Wir können und wollen dies nicht ändern. Wir können auch keine Orientalen werden; denn wir haben zu lange im Westen gelebt. Wir sind Juden, und das heißt, Europäer und Orientalen zugleich. Und so wie er den hundertprozentigen Amerikanismus beklagt mit seiner Einförmigkeit, seiner Verarmung, seinen Herdengefühlen, seiner blinden Solidarität, so beklagt er in Palästina den hundert* prozentigen Hebräismus mit den gleichen Folgen wie sie der hundertprozentige Amerikanismus oder der Chauvinismus der Deutschen oder Polen mit sich gebracht hat. Lewisohn weiß, daß der Zionismus nicht die Judenfrage lösen wird. Denn die Judenfrage besteht auch für ihn in der Einzigartigkeit unserer Lage und Veranlagung. Eine Lösung der Judenfrage würde bedeuten, die Juden und das Judentum zu zerstören. Wir wollen aber hn Gegenteil es stärken.. Wir sind ein Volk, das niemals oder jedenfalls nicht seit vielen, vielen Jahrhunderten, seit es im entscheidenden Sinne zu einem Volke geworden ist, durch den Besitz oder die Hoffnung voii Gewalt und Macht zusammengehalten wurde, und das daher einen Nationalismus darstellt, der die Hoffnung einer barbarischen und kriegerischen Menschheit ist. Wir haben Vom andern, vom aschkenasischen Lager, kommt ein willkommener Neudruck des Hauptwerkes von Ernst Deutsch, der ״Breslauer Synngogengesängc“. Das Werk ist bekannt, aber lange nicht" genügend ausgenutzt. Hier ist die wertvolle Tradition — man muß immer die wertvolle betonen — ausgezeichnet verwendet und mit gut musikalischen Mitteln ausgestattet. Der ebenso bedeutende wie bescheidene Autor weist in seiner Vorrede darauf hin, daß er bestrebt war, die echten Weisen ״mit einer dem Charakter ihres Tonsystems entsprechenden Harmonie zu versehen und Wendungen zu vermeiden, die ihr traditionelles Gepräge zu verdunkeln geeignet sein könnten“. Wie ist ihm das gelungen? Unsere schönste synagogale Musik lebt tatsächlich in der Partitur von Deutsch wie kaum in den bekanntesten Werken. Ich erinnere an die Piecen: Kaddisch für die Hohen Feiertage (Nr. 86) ״Uwaschofor godol“, ״B’rosch haschonoh“ und ״Asse lemaan sch’mecho“, die sogenannte berühmtere Synagogenkompositionen in den Schatten stellen. Wie wußte mein verewigter Lehrer Eduard Birnbaum in Königsberg, der weitaus anspruchsvollste und kenntnisreichste unter allen Kantoren der letzten Jahrzehnte, diesen Mann 711 schätzen! Seine leider nur handschriftlich vorhandene Partitur enthält viele der besten Nummern des vorliegenden Werkes. Immer wieder endlich muß auch auf die neuen Idelsohn ׳sehen Bände hingewiesen werden. Es sind zwei Bände vom ״Ozer n’ginos jisroel“ erschienen: De Gesänge der orientalischen Sfardiin und die Gesänge der persischen, bueha* rischen und daghestanischen Juden. Hier wird durch gediegene Einleitungen und durch eine Fülle von Jahrhunderte alten Melodien der Sinn für ursprüngliches Judentum ge* bildet und geschärft. Es gibt eben ein ernstes Judentum, das noch eine hohe Mission sowohl an sich wie am immer noch genügend heid• irischen Europa zu vollziehet! hat und daneben ein Pitzenaitzeles- und Nebbichjudentum. Nur wer resolut das ernste hohe Judentum stärkt und seine Vorzüge ins allsehende Licht rückt, sei gesegnet. Aber in einer so sorgenvollen, tief materiellen Zeit wie der unsrigen, ist wohl wenig Förderndes für die Entwicklung der svnagogalen Musik zu erhoffen. Jeder mäßig Beflissene, von kindlichen melodischen Erinnerungen eingelullt, glaubt mitreden und mitraten zu dürfen, wo selbst der Gelehrte Kunst, Religion und Wissenschaft miteinander vereinigen muß. um (Geschmack vorausgesetzt) das Echte vom Unechten una Schlechten zu scheiden, wo ihm, je weiter er in die sonderbare Materie eindringt, immer neue Rätsel aufgehen■