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Jüdische Rundschau · 1926-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1926) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1926)
Date
1926-03-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 184 J UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 24*25 sollte diescsmal allerdings Lügen gestraft werden. Ohne eine Panne legte der Motor die MO km lange Strecke nach Amman zurück. Hier kann ich mich nicht enthalten, dem Automobil einen Hymnus zu widmen. Was die Eisenbahn nicht veimocht hatte, ist ihm gelungen — die Durchquerung beliebiger Wiisteiigcbietc, auch solcher, die wegen zu weit auseinander liegender Wasserstellen nicht einmal mit dem Kamel durchquert werden konnten. Also — unser Auto rasselt los, den steilen Berg hinunter, auf dem Kerak liegt. Der Weg, eine Fuhre zwischen endlosem Geröll, Wadi nni. Wadi ab. Die frisch geackerten Felder werden seltener und hören bald ganz auf. Dunkle Massen schwarzen Basaltes zwischen dem hellen Kalkstein. Spärliche Vegetation, dünner Graswuchs. Ein paar Karawanen von Mauleseln, die Getreide zur Hedschasbahn bringen, die scheu gewordenen Tiere flüchten von der Straße. Die Kamele haben sich auch hier schon an ihren neuen Konkurrenten gewöhnt, mit der Würde ihrer Tradifion strafen sie den Eindringling mit Verachtung. Auf der offenen Streike liegen zwei Lastautos! Der sonst trockene Wadi ist vom Regen angrscliwollcn, der Damm der Brücke bis auf einen schmalen Grat fortgespült. Wir, versuchen, zusammen mit den Leuten der beiden Autos, die Röhren für die Keraker Wasserleitung von der Hbdschasbahn holen wollen, eins•» Damm aus Steinen aufzuschiehten. Die vom Regen aufgeweichtc Unterlage hält nicht einmal der Last eines Menschen stand. Die Lastautos müssen umkehren. Wir haben mehr Glück, wie ein Seiltänzer balanziert unser Ford über den stehengebliebenen Rest des Dammes. Nach einiger Zeit sieht man in der Ferne merkwürdige Gebäude auftauchen. Beim Näherkommen bemerkt man eine offene Zisterne, einen noch gut erhaltenen Chan in edlem arabischen Stil, einen runden eisernen Turm, der Wassertank der. Bahnstation. Diese selbst in k'.nssirch'tcm Bahnhofdeutsch, nicht ohne jenes kleine Häuschen daneben, dessen Notwendigkeit wohl von der einheimischen Bevölkerung in Frage gestellt werden dürfte. Kurze Begrüßung zwischen dem Chauffeur und den beiden Soldaten in zerlumpter, feldgrtiner Uniform, die gelangweilt an den ausgebrochenen Fensterhöhlen liegen. Ein paar Beduinen, die Säcke von ihren Eseln abladen. Der nächste Zug uach Maan wird wohl bald abgehen. ״Wann fährt die Balm?“ ״Bead bugra, iiischallah!“ (IJebermorgen, so Gott will.) Man muß wissen: Die Hedschasbahn ist noch immer nicht ganz ins Geleise gekommen. Für England hat sie heute nur beschränkten Wert, da fast das ganze Stück von Semach am Tiheriassce bis zum Knotenpunkt Deraa, wo die Strecke von Damaskus einkommt, und noch ein Stück weiter südlich, den Franzosen gehört. Immerhin konnte man bis zum Drusennufstand alle zwei Tage von Haifa per Bahn nach Amman kommen, von dort nach Maan einmal in der Woche. Hier aber ist endgültig Schluß. Die Balm hat durch den andauernden Krieg zwischen der Haschim'.tenfamilie und den Wahabiten Ibn-Sauds schwer gelitten und der gläubige Muslim muß, wenn er auf die Wallfahrt nach Mekka nicht verzichten will, den Seeweg durch das Rote Meer nehmen. Im Gegensatz zu den kleinen Stationsgebäuden, die halb verfallen und von Menschen verlassen, mit zerbrochenen Dächern und mit Steinen verbarrikadierten Fenstern, weitverloren in der Wüste liegen, ist der Bahnkörper völlig in Ordnung. Unter gut gebauten Brücken kreuzen wir die Linie, beobachten die Geschwindigkeit unseres Wagens an den großen, weithin sichtbaren Kilometertafeln. Auf dem flachen, durch die Sonne ausgetrockneten Mergelboden der Wüste, auf der im schwachen Graswuchs grünenden Steppe, fährt es sich wie auf Asphalt. Nur hier und da, ein wenig in die Hochfläche eingeschnittener Wadi, der mit grobem OeröU unsere Geschwindigkeit hemmt Der Eindruck der Hochebene ist vollkommen und nur im Osten schließen hohe Berge, zum Teil noch mit Ruinen gekrönt, den Blick gegen die arabische Wüste ab. Einmal halten wir vor einem großen Gebäude, das aus der klassischen Zeit der arabischen Baukunst zu stammen scheint. Es ist ein Chan (Herberge) der uralten Pilgerstraße. Der Hof und die weiten Hallen Hegen verödet und nur im Eingang sitzt eine Beduinin, die Handmühle drehend. Vor dem Gebäude haben Angehörige der Berii- Sacher, des bedeutendsten Stammes von 1 r״n:jordanien, ihr großes Zelt aufgeschlagen. Die Söhne der Wüste verschmähen die Wohnung aus Stein, auch da, wo sie frei und unbenutzt vor ihnen liegt. Nicht weit von hier, jenseits der Bahnlinie, müssen die Reste jenes Ghassanidenschlosses liegen, dessen Fassade das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum birgt. Man greift sich an den Kopf. Wie ist es möglich, daß hier, wo sich unendlich die Wüste dehnt, nur da ein Kamelgerippe, weißgebleicht von der Sonne, dort ein paar verrostete Konservenbüchsen vom Dasein des Lebens zeugen, einst ein blühendes Kulturland gewesen ist. Wenn nicht, hätte sonst der Römer seinen Urcii/wall noch über die Linie der heutigen Hedschasbahn nach Osten hinausgesdiobeii? Je weiter wir nach Norden kommen, desto klarer wird cs. Eine wunderbare ummauerte Zisterne, einige 1000 Quadratmeter groß, frisch mit Wasser gefüllt. .Aus der! Mauern eines zerfallenen Ilaustes stürzen ein paar Soldaten auf uns zu. Einzige Abwechslung in dem grauenvollen Einerlei des WüstentagesI Zwischen den Ruinen eines Fellacliendorfrs stellen noch aufrecht die Säulen eines griechischen lernpcLs. Hier!,ml ca b.c..t m :11 schmale Flächen frisch gepflügten Landes. Wieder ein Fellachendorf auf nie'- drigern Teil. Ein Üiu/.ei, der weiß Gott was hier zu tun hatte, hält uns an, und nimmt mit der Selbstverständlichkeit aller Militärs seinen Platz in dem engen Wagen ein. Glücklichcrwcisc sind wir von unserem Reiseziel nicht mehr weit entfernt In tief eingeschnittenem Tale, dessen weiße Kalkfclsen mit dem Grün der Gärten an irgend ein süddeutsches jurastädtchen erinnern, macht Amman auf denjenigen, der wochenlang zwischen Salzmeer, Wüste und Beduinen gelebt hat, den Eindruck eines Paradieses. Und dies ist es auch — für all die Beamten und Militärs, den ganzen Hofstaat dieses Duodezlämlehens, dem man hier, nicht zuletzt mit!Life Englatids, die Illusion einer europäischen Hauptstadt lüngestdit hat. Und man kann nicht einmal sagen, daß diese Fassade häßlich ist. Das Militär trägt tadellose und schmucke Uniformen und die Soldaten, die ich gesehen habe, grüßten, wie man cs in Deutschlands großer Zeit nicht schneidiger gemacht hat, die Offiziere fuchtelten mit der Reitpeitsche, so daß mir jeder Zweifel an der welthistorischen Aufgabe Transjordaniens schwand, (her Verkehrsschutzminn — es wimmelte in der kleinen Stadt von Autos — waltete seines Amtes ebenso gut wie sein Kollege vom Potsdamer Platz. Seine Majestät, der Emir Abdullah, der vor wenigen Jahren noch in ein paar Zelten wohnte, hat sich einen Palast gehaut, und der Geldrcgcn, den die Laune der englischen Politik über das Fellachen- und Tschcrkcsscnnest von vorgestern ausgestreut hat, hat eine schmucke Geschäftssfraßc aus dem Boden hervorgelackt. Zwischen den bunten Farben des Ostens flanieren die Nutznießer dieser Herrlichkeiten, europäisch modisch gekleidet bis auf den Fez. Auf dem Postamt kaufte ich mir Briefmarken, diese markantesten Zeichen jeder Souveränität Sie tragen nur eine einzige arabische Aufschrift ״Siicrk!1 Ordon ‘ (Ostjordanland). Soweit geht also die Großmut Britanniens, daß es zwar einen englsschen Residenten in Amman unterhält, aber auf den englischen Aufdruck der Briefmarke verzichtet. Dies ist wie ein Symbol für die englische Politik, deren Genialität eben in der Unsichtbarkeit ihrer Träger besteht. Teurer als das Empire zahlte das römische Imperium für seine Herrschaft. Es schuf in der alten Hauptstadt der Ammoniter eines der größten Amphitheater des Ostens, ln dem noch wolilerhaltenen Bau hätte die ganze heutige Bevölkerung Ammans bequem Platz. Dies ist nicht der einzige Rest aus der Römerzeit. Rings um die Stadt liegen S ulen und Quadern ragen Kapitale aus dem Baus hutt der Jahrtausende. Alles dies schuf Rom in seiner Spätzeit, während schon Barbaren die italienische Erde zerstampften und die aufgescheuchte ZivilisaEon auf asiatischem Boden noch einmal eine kurze Atempause gewinnen konnte. Wir verlassen Amman am späten Nachmittag in der Hoffnung, noch am Abend die Jordanbrücke bei Jericho zu erreichen. Als wir nach zweistündiger Fahrt in Es-Salt ankommen, erfahren wir, daß die Brücke hei Nacht nicht überschritten werden kann. Also noch eine Nacht in Transjordanien eine Nacht, die der in Kerak um nrhts nachstand. Dafür konnte man am Morgen die Stadt sehen, deren Häuser an dem steilen Hang überemandergetürmt, ineinandergepreßt lagen. In dem engen Tal, kaum 400 m breit, ist jedes Fleckchen ausgenutzt. Del- und Feigenbäume, dazwischen kohl und allerhand Grünzeug. Das Tal wird enger, die Felder hören auf, die Straße klammert sich an den steilen Berghang, kleine Quellen sickern da und dort aus dem Gestein, drunten schäumt der Wildbach zwischen immergrünen Oleanderbüschen. Kaum weitet sich das Tal wieder, da liegt in der unklaren vom Wasserdampf geschwängerten Luft, die Jordanebene, das Tote Meer, Drüben Jericho, ein weißer, in der Morgensonne flimmernder Fleck, dahinter die kahlen Berge von Judäa, winzig klein die beiden Türme Jerusalems. Kurze Fahrt über die topfebene, kahle Talterasse, ein Stück herunter zwischen den weißen Gipshügeln, da schimmert schon der Jordan zwischen dem Grün seines schmalen Uferwaldes. Die AIlenby-Brücke. Hochnotpeinliches Verhör seitens der transjordanischen Soldaten, die in ihrem WachhäuscFen herumlungern. Auf der anderen Seite steht das gleiche Theater bevor, aber hier wird mir von den palästinensischen Gendarmen — alles alte Bekannte —- ein glänzender Empfang zuteil. Man fragt sich, wozu hier ein doppelter Grenzkordon notwendig ist. Nun, die Eugländer sind auch hier großzügig. Warum sollen sie es ihrem kleinen Schützling nicht erlauben, an seiner Tür Grenzkontrolle zu spielen? Es ist so schön, den Leuten Stempel auf das Papier zu drücken und Namen aufzuschreiben, weh tut es ja sciiließlich nicht und die Tatsache, daß das Haus voller Löcher ist, durch die man ebenso gut aus- und eingeht wie durcli die Türe, vermag die Illusion des kindlichen Spieles nicht zu stören. 111 meinem Auto fuhr noch der schon oben erwähnte Viehhändler aus Jerusalem, der njir dauernd wie mein Schatten gefolgt war, und zwei Fellachen von irgendwo aus der Gegend von Hebron, hn Orient ist cs ebenso wie in der Welt überall, die schlechteste Art zu reisen ist die ohne Geld. Da uns beiden, dem Viehhändler und mir, infolge der geänderten Route selbi -es ausgegangen war, hoffte jeder von uns, der andere würde ihn aus dem Dreck ziehen. Ich hatte ihm schon auf Amman Hoffnungen gemacht, ohne daß ich selbst richtig daran geglaubt hätte. Die Folge war, daß ich dort keinen Schritt gehen konnte, ohne daß er mir nicht gefolgt wäre. So waren alle Stricke, sogar der Telegraph nach Jerusalem gerissen, der Chauffeur, der uns von Kerak gebracht hatte, nur zur Hälfte bezahlt. Schließlich gab mein Freund dem /weiten Chauffeur, der uns von Amman nach Jerusalem bringen sollte, eit! Säckchen türkisches Silbergeld zum Pfand und bürgte auch noch für mich und die beiden Fellachen, welche Stein und Bein schworen, in Jericho bezahlen zu wollen. Dort erwies sich nun auch glücklich — das Gegenteil. Die Fahrt nach lerusalem, gewürzt von reichlichen Flüchen, verging überraschend schnell. Als wir am Damaskustor ankamen, erklärten die beiden Kumpanen, daß sie in Ramallah Geld hätten. So beschloß man schließlich dorthin zu fahren. Ob man auf diese Weise schließlich noch bis Stambul gekommen ist, habe ich leider nie in Erfahrung bringen können. Ich seihst hatte jedenfalls in zehn Minuten das Geld für mich herbeigeschafft und übergab es nicht ohne den Triumph auskosten zu wollen, meinem Freunde. ״Wer ist besser, die Juden oder die Araber?“ Worauf er die Pfundnofe zusammenfaltete und ohne sich zu besinnen sprach: ״Jehudi“. Ob dieser moralische Erfolg eine längere Wirkung gehabt hat, wage ich allerdings zu bezweifeln. Ein Tanz der Entrückung Von A. N. StenseL ANZ loh einen Tant der Entrückung in Gott In Stunden der Trauer, In Stunden der Leere, Der kalten, stil'en Trübnia — — Nehm ich mich zusammen und schreite den {Entrückungstans Ein Hüpfer der grossen Heiterkeit, Ein Tanz Des: Meine Seele dürstet zu Gott —. — Ein Tanz Des: Alle meine Gebeine sprechen -Tanz ist eingebuckeit, Mit gepressten, heissen Wimpern; Eingeflochten, Eingekn&uelt, Mit verschiossnen festen F&aaten —> Trag ii ihnen der Sammlung Geheimnis’ Trag in mir der Sammlung Geheimnis! -Tanz ich Mit aufgerissnen Flammenaugen, Mit weit geprallten Flügelarmen, Tanz ich gen Herrlichkeit der Herrlichkeiten, Gen Gottes heU’ge Glo! ie. Ein Chassidlm-Reih'n gen Gottes heil’ge Glorie Mit aufgerissner, offner Brust — Ein Chassidim-Reih’n, Ein Tanz der Verzückung! Tanz ich meinen Verzückungstanz Mit aufgerissner, offner Brust! — — Aus d. Jidd. von A. Suhl, Die Kibezarnje (Das jüdische literarische Kaffeehaus in New York.) Von Sch. Gore 1 ik. Auf dem Broadway lärmt es, alles eilt und drängt. Ein vor kurzem aus Europa Angekommener begegnet einem guten Bekannten, bei dem er gestern zum Abendbrot zu Gast gewesen ist und mit dem er in intimster WeLe über vergangene Jahre in der alten Heimat sich unterhalten hat. Er ruft ihm einen lebhaften ״Guten Morgen“ zu und streckt die Hand aus. Aber die Hand bleibt in der Luft hängen. Der Bekannte begnügt sich mit einem geschäftlich trockenen ״Hallo“ und weg ist er. Der aus Europa Angekommene steht verdutzt da und begreift nichts. Er weiß vor allem nicht, daß er sich durch seine für amerikanische Begriffe höchst umständliche Begrüßungsart unterfangen hat, ein geheiligtes System, ein allererstes Prinzip, zu mißachten, nämlich das Prinzip ״Eine is money“. Nur derjenige, der in Amerika längere Zeit gelebt hat, kennt die Strenge dieses Prinzips, dem alles, alles untergeordnet ist Und derjenige, der es kennt, wundert sich dann nicht mehr, warum in den Restaurants jede Wärme, jede Gemütlichkeit fehlt und warum es dort niemanden einfaßen wird, vom Kellner ״seine Zeitung“ zu fordern. Diese Riescnhailen sind doch nur dazu da, uni große Menschenmassen schnell zu füttern, damit sie gleich weiter eilen können. In Amerika lebt jeder in der Illusion, daß dieses Eilen ihn womöglich doch zum ersehnten Ziel bringen wird: zum Reichtum. Es gibt in New York einen Ort, wo man auf das Prinzip ״time is money'‘ pfeift und sich nichts aus ihm macht. Ein Ort, wo tätlich im Plaudern über literarische, künstlerische Dinge die kostbare amerikanische Zeit vergeudet wird. Unaütz wird diese Zeit vertan in leidenschaftlichen Unterhaltungen und im Summen melancholischer Lieder, die man vor vielen Jahren aus Rußland mitgebracht hat. Dieser Ort ist das jüdische literarische Cafd auf dem Last-Broadway (in der Nähe der großen täglichen jüdischen Zeitungen ״Vorwärts“, ״Tog“), das den Namen ״Kibezarnje“ trägt. Die ״Kibezartije“, die nur aus einem Raum besteht, beherbergt das jüdische literarisch-journalistische Volk von New York־. Diejenigen, die n.chts zu tun haben, d. 11. die nicht zu den Mitarbeitern der täglichen Presse gehören, verweilen dort natürlich den größten' Teil des Tages und der Nacht. Aber auch die Vielbeschäftigten, die ,.alirig.it Literaten“ und iournalisten sind ein paarmal täglich in der Kibezarnje und «fleißigen sich in der Lästerung des Götzen ״time is money“. Man muß in Amerika einige Zeit gelebt haben, um zu begreifen, welch hohe Kulturbedeutung einem literarischen Cafe dort zukommt, und zwar nicht deshalb, weil man dort tiefe Gedanken austauscht und die Literatur fördert. Die Tatsache allein, daß man in unnützem Plaudern über unmaterielle Dinge Tage tmd Abende weggibt, diese Tatsache ist Balsam für die verletzte Seele, die es nicht hinnehmen kann, daß man Zeit mit Geld vergleicht. Am Nachmittag geht es besonders lebhaft in der Kibezaruje zu. ln dieser Stunde fehlt natürlich niemals der herzensgute, stark gealterte Volksdichter Awrohom Reis in. Ich treffe ihn gerade in großer Aufregung darüber, daß eine New Yorker Zeitung nicht gewillt ist, des ersten Todestages Morris Ros entelds mit einem größeren Artikel zu gedenken. ״Ich werde gegen Sie die gesellschaftliche Meinung mobilisieren“, schmettert er dem Redakteur ins Gesicht, ״ich werde selbst den Artikel schreiben.“ Manchmal überrascht Reisin . durch eine Naivität, die nicht ihresgleichen hat und auf die man nur mit einer herzlichen Um nnutig antworten kann. ״Wie!“ wendet er sich hastig zu mir, ״Sie behaupten, was Prosawerke in der jüdischen Literatur anbetrifft, so sei darin in der letzten Zeit nichts Nennenswertes geleistet? Aber warum, ich bitte Sie, erwähnen Sic mit keinem Wort meine Erzählungen?“ Wunderbar! Stendhal fragte einmal einen Maler, warum cs bis jetzt noch kein gutes Porträt von der von allen bewunderten Gräfin gäbe. ״Weil ich sie noch nicht gemalt habe,“ antwortete der Maler. Frechheit? Nur bei dem Maler, bei Reisin klingt es so unmittelbar, so rührend, daß man diesen verdienstvollen und echten Volksdichter wirklieh umarmen möchte. An einem besonderen Tisch sehe ich zwei weitere bekannte Dichter sitzen: J ehoasch und Li j es sin. Voll Achtung werden diese beiden Namen genannt, sie bedeuten: keine Konzession an das, was man Amerikanismus nennt. Jeder von ihnen schützt seinen kleinen Tempel, auf daß er nicht entweiht werde. Die dichterische Flamme, ob groß oder klein, aber eine reine Flamme soll sie sein. Beide sind sic ältere Menschen schon. Graues Haar, sehr sympathische Gesichter. Starke Arbeiter mit Liebüngsideen dazu. Jehonschs Ambition ist es, die Propheten ins jiddische zu übersetzen: Perez hat Versuche gemacht, Jehoescfi vollbringt es. Lijessins Stolz ist, eine ernste Monatsschrift für die amerikanischen jüdischen Arbeiter herauszugeben (sofern es gelingt, zu gleicher Zeit populär und ernst zu sein). Die ״Zukunft“ bleibt vorläufig die einzige Zeitschrift in jüdischer Sprache, die gewissennaßen ernst genommen werden kann. In Lijessin ist noch, trotzdem er schon 30 Jahre hier lebt, vieles von dem russisch-jüdischen Intellektuellen vom alten Typus geblieben, hn Gespräch zitiert er oft russische Schriftsteller. An der Wand seines Arbeitszimmers hängt in einem altmodischen runden Rahmen das Bild Lermontows. Wir sprechen über jüdische und russische Literatur, über Michalowsky und den genialen Kritiker und Enthusiasten Wissarion Bjelinsky, der auf uns alle in jungen Jahren so viel Einfluß hatte, und der uns lehrte, Shakespeare, Goethe zu verstehen, und Gogol. Herein kommt Sch. Niger, der bekannte und verdienstvoiic jüdische Kritiker, liebenswürdig, vornehm, ernst reserviert, wie immer. Die jungen modernen Dichter sind mit ihm unzufrieden. Viel wichtiger aber ist es, daß Niger zu den ganz Wenigen, Seltenen in Amerika gehört, die die literarische Fahne hoch und rein halten, die keine Kon- Zessionen an das Schreiende und Billige machen. Opatoschu, der Verfasser des erfolgreichen Buches ״Die polnischen Wälder“ faucht auf. Ich werde auf einen blonden jungen Mann aufmerksam gemacht, der in einer Ecke sitzt: Sieg eil, jüdischer Dichter aus Canada. Ich kenne seine schönen Gedichte. Er besingt das weite Canada. Aber er hielt es dort nicht aus. Es zieht ihn nach New York, wo mehr Leben herrscht. Er ist Schuster, arbeitet in der Werkstatt seines Kollegen, des Dichters Manje Leib. Awrohom Reisin aber läuft fortwährend von einem Tisch zum andern: ״Was! Sie sind noch nicht bekannt gemacht worden? Kommen Sie doch, ich werde Sie bekannt machen.“ Und er fängt an: ״Dies Ist unser großer, größter . . . und dies Ist unser berühmter, berühmtester . . . .“ Am lebendigsten jedoch wird es in der Kibezarnje, wenn jemand aus der literarischen Familie stirbt. Bei einer solchen Gelegenheit entfaltet der Perez-Verein eine erstaunliche Energie. Dem Verblichenen wird ein äußerst pompöses Qeleit egeben. Man übertreibt ungeheuerlich, man überschätzt die edcutung. Nach einer Woche spricht man in der Kibezarnje übet den fehlenden Kollegen etwas ruhiger, bescheidener. Noch ein wenig später übertreibt man wieder, dann aber in entgegengesetzter Richtung,_ Nene Syoaqogenmnsik Von Arno Nadel. Wenn man über synagogale Musik schreibt, muß man immer etwas Prinzipielles sagen. Weil der Begriff nicht klar ist und die Anschauungen über diese Materie 11! weiteren Kcisen dunkel sind. Man verwechselt leicht synagogale Musik mit jüdischer Musik. Das soll man und soll man nicht. Man soll es, weil tatsächlich jüdische Musik noch am ehesten

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