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Jüdische Rundschau · 1926-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1926) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1926)
Date
1926-03-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 24'25 JUEDISCH E RUNDSCHAU Seite 183 Reise in Transjordanien Segelfahrt auf dem Toten Meer Nach halbjährigem Aufenthalt in der kleinen, jedem Palästinareisenden bekannten Barackcnsied.ung am No.duler des Toten Meeres, sollte endlich mein lang gehegter Wunsch, auf einer Segelfahrt das südliche Ufer kennen zu lernen, in Erfüliung .gehen. — Es war eine große und bunte Gesellschaft, viel tu groß für das kleine Schiffchen, die die Vorbereitungen zur Abfahrt abwartete. Diese erstrecken sich gewöhnlich über mehrere Tage; sei es, daß der Nordwind ausbleibt oder daß man aus Jerusalem Passagiere erwartet, die meist einige Tage später als angekündigt eintreffen. Das Automobil, hier längst populär geworden, hat bis heute das Tempo des Orients nicht zu ändern vermocht. Endlich naht der Augenblick, wo man glaubt, daß cs losgehen kann. Das Schilf, an dem flachen Kiesufer festgeankert, wird bis zum Rande mit Kisten und Ballen beladen. Ein Kaufmann aus Kerak wird die Söhne Moabs mit den Schätzen des Okzidents beglücken; mit Oclsanlinen aus Norwegen, Makkaronis aus Italien, Zucker und Süßigkeiten aus Aegypten, mit Tee und billigen Baumwollstoffen aus England. Eine Gesellschaft von Beduinen — Greise, junge Männer, Frauen mit Säuglingen — die alle nach Moab hinüber wollen, ziehen die Abfahrt in die Länge. Da ihre Beteuerungen, kein Geld zu besitzen, nichts fruchten, zieht der älteste von ihnen schließlich sein Sacktuch hervor und legt schweren Herzens einen Napoleonsdor auf den Tisch.; Dicht gedrängt sitzen wir, ich als einziger Europäer unter den Händlern, Beduinen und Schiffern zwischen Körben, Ballen, Säcken und Kisten. Es ist eine mondlose Nacht, der Himmel halb bewölkt. Eine frische Brise treibt, uns schnell nach Süden Die paar Lichter auf dem flachen Strand verschwinden immer mehr. Der mächtige, mehrere 100 m hohe Absturz der Ostküste ist uns nahe. Zuweilen sieht inan oben im Gebirge, einige Male auch am Rande des Sees, die offenen Feuer der •Hirten als leuchtende Lichtpunkte. Weiter entrückt, aber noch sichtbar, bleibt das ebenso mächtig ins Meer abbrcchendc Westufer. Einer der Beduinen singt sein monoton schwermütiges Lied. Man schlummert langsam ein, wird geweckt von dem Zuruf der Seeleute, die beim Umschlagen des Windes die Segel drehen. Dann wieder stundenlange Windstille. Ein plötzlicher Stoß, das Schiff neigt sich bedenklich auf die Seite, aber bald ist es wieder oben auf. Immerhin, ein Vorfeschmack kommender Möglichkeiten. Einige Spritzer, die wie äuge in Mund und Augen brennen. Ertrinken kann man hier nicht — das Wasser ist zu schwer; dafür erwarten den Schiffbrüchigen andere Schrecken . . . Ueber dem östlichen Gebirge erscheint lange nach Mitternacht die flache Mondsichel. Ein gewaltiger Rücken schiebt sich ins Meer herein — Abulflus (Vater des Geldes). Nach den Erzählungen der Beduinen müßten hier einst Bergwerke gewesen sein. Dann' steigt, zuerst nur geahnt, ein flaches Land aus dem Meere, vor dem wir wieder festliegen. Hundefebell. Hähnekrähen, Rauschen fließenden Wassers. In einer leinen Bucht gehen wir vor Anker. Unsere Anrufe werden nicht gehört. Kurzei Schlaf bis zum Morgen auf dem kiesigen Strand. Oie Landungssteile El-Misra — einige lose gebaute Schilflütte* —. daföh ־ eme •׳ Zbllstaöbij.V'äie, to» ׳ ebnem־ einziger׳ Soldaten der transjordanischer Regierung bedient wird. Eine Telephonleitung, flüchtig, «de für den Kriegsfall gebaut und die beiden englischen Aeroplane, die zwischen Kairo und Amman täglich hier vorübertliegen, sind die einzigen -Wahr- Zeichen des 20. Jahrhunderts. ־ . Von überhöhtem Punkte überblicke ich die Landschaft, ln einer Breite von 10 km schiebt sich zwischen den Steilabfal) des Gebirges und das Meer ein sanft sich abdachender Streifen herrlich grünenden Landes. Mächtige Wassermassen strömen aus dem Gebirge, streuen den Schutt der Wildbäche über die Ebene, die neben spärlichem Baumwuchs mit den immergrünen Sträuchern des Sodomapfels bedeckt ist. Vor dieses grünende Land und noch weiter ins Meer hinaus schiebt sich wie eine lange Zunge El-Iissan (die Zunge!), ein schmaler, weißer Rücken niedriger, völlig vegitaiionsloser Tafelberge. Das Land zwischen diesen und dem Gebirge wäre, wenn man die Wildbäche eindämmen würde, die nach dem letzten Regen zahlreiches Vieh mitsamt den Hirten vernichtet haben, Raum für eine großartige tropische Bewässerungsoasc. Der Rauarne-Beduine, der in primitivem Hackbau Durrah und Weizen für seinen eigenen Bedarf baut, braucht allerdings nicht zu befürchten, daß diese Zukunftsmusik in nächster Zeit Wirklichkeit wird. Bis in dieses Land, fast nur auf dem stürmischen Meere zugänglich, die Kultur Vordringen wird, werden noch seine Kindeskinder auf der steinernen Handmühle das Korn mahlen und den Spinnwirtel drehen, wie es schon seine Vorfahren in der Steinzeit getan haben. Vor den langen, nach einer Seite offenen Zelten wimmelt es von Kindern in allen Größen, die sich neugierig an den Fremdling herandrängen. Ueber dem offenen Feuer, ohne jeden Kunstgriff bald da, bald dort gelegt, brodelt der Kaffee in kupfernem Kessel. Dem bitteren, ungesüßten Trank wird dauernd zugesprochen. Dort rührt ein schwangeres Weib aus Mehl und Wasser den Brotteig. Um ihre Brust baumelt eine ganze Münzensammlung, Maria Theresia neben Ludwig XIV. Auf das flach gewölbte, runde Blech, unter dem das Feuer glüht, wird der Teig in dünner Schicht auf gegossen. Die wie schlechte Fladen schmeckenden ״Brote“ lassen sich wie Papier zusammenknüllen. Die Erinnerung an die beduinische Vergangenheit unseres Volkes wird wach. Von dem ungesäuerten Brot der Ibn-Israel auf ihrem Zug durch die östliche Wüste bis zur viereckigen Mazze aus der Fabrik des Herrn Manischewitz in Chicago ist allerdings ein weiter Weg. ln Begleitung eines jungen, kräftigen Burschen streife ich in den nahen Bergen herum. Obwohl er mit einem Gewehr bewaffnet und sein Gürtel voller Patronen steckt, fürchtet er sich, weiter in das Gebirge hineinzugeheti. Er scheut die gewandteren Beduinen der Berge. Kaum triffst du ein tnänn- Rehes Wesen in dem Lande jenseits des Jordans, um dessen Schultern nicht das deutsche Infanteriegevvehr von Mauser in Oberndorf hängt; bei dem Eseltreiber der Karawanen, wie beim pflügenden Fellachen, beim freien Beduinen hoch zu Roß, wie beim Hirten der schwarzen, zottigen Ziegen. Wenn sich die Völker in diesen Gegenden schlagen, sind meist goldene Zeiten für den Nomaden der Wüste. Gespannt lauscht er auf jede Kunde kommender Kriege, denn jede Welle, die zu ihm herüberschlägt, wirft ihm Beute an den Strand. Und manch ein Gegenstand, der drüben in. dem rasenden Umlauf der Güter längst untergegangen ist, erinnert hier noch an eine Vergangenheit, die vor kurzem noch Gegenwart war. Wer denkt heute noch daran, daß es einst ‘ Bleistifte in 5chwarz-weiß-rot und feldgrau gegeben hat. Dazu muß man erst in eine Koranschule am Toten Meer kommen, ein Glieder unter freiem Himmel, unter Beduinenjünglinge, die den Niggun ihrer Koransuren selbst nicht unterbrechen würden, wenn Mohammed in eigener Person vom Himmel herabstiege. Wie an vielen Orten längs des Jordaiigrabens gibt es tuch hier Thermen. Wir folgen dem־ Bache, der zwischen * Unter Beduinen — In den Bergen Moabs - Abdullas Reich Von Stefan Loewengart, Tel - Awiw kopfgroßem Geröll und frischem Grün sich den Weg bahnt. Ein Becken, mit rohen Steinen eingefaßt, von der Größe einer kleinen Stube und mit Rohr »!gedeckt. Man sinkt tief in den Schlamm ein, das warme Bad ist dennoch köstlich. Leider kann man sich dem Genuß nicht ungestört hingeben, da zwei verwegene Burschen sich dauernd an uns hcrandrängen und mein Begleiter in Reichweite seines Gewehrs bleiben muß. In der vorigen Nacht weckte mich der eine von den drei Schiftern, der neben mir auf dem kiesigen Strand liegt. Wir haben günstigen Wind, Masri (von Aegypten, also Südwind) und wollen losfahren. Ein Dutzend mit Steinen gefüllter Säcke dient als Ballast für das völlig unbeladenc Schiff. Nur ein arabischer Viehhändler aus Jerusalem, der noch einen hier eingehandelten Ochsen mitnehmen will, schließt sich uns an. Das Tier, unter soviel Menschen das einzig gefühlsbegabte Wesen, widersetzt sich, wohl in Vorahnung des Kommenden. Mit vieler!Mühe gelingt es endlich, es an Bord zu ziehen. Kurze Zeit nachdem wir vom Ufer abgestoßen, schlägt der Südwind um. Ein kalter Wind kommt vom Gebirge, schlägt niedrige, immer höher werdende Wellen. Das Boot kracht in allen Fugen. Der Sturm zerrt an den Segeln, entreißt dem Schiffer das Tau, mit dem das größte von ihnen festgehalten wurde. Die zwei Seiten des Segels schlagen in schauerlichen Tönen aneinander, die sich wie e;cktrische Entladungen anhören. Der Ochse reißt sich von seinem Stricke los und bringt das kleine Boot noch mehr ins Schwanken. Mit den Füßen in der Schiffsluke klammere ich mich fest, um nicht über Bord zu stürzen, dauernd gewärtig, daß der schwere Mast auf mich herunterstürzt, denn er kracht bereits so, als wäre er jeden Augenblick zum Umfallen bereit. Der Viehhändler aus Jerusalem hat sich in den Schiffsbauch zurückgezogen und in seiner Abaje zu einem Knäuel zusammengerollt, aus dem stoßweise Hilferufe zu Allah einpordringen. Hin und wieder jagt eine Sturzwelle über uns hinweg, die eine hrennende, klebrige Feuchte an den Händen, unerträgliche Trockenheit in Gaumen und Kehle hervorruft. Mit dem letzten, kleinsten Segel steuern wir Cap Costigan an. (Dieses Cap wurde von den europäischen Geographen nach einem der Forscher benannt, die die Reise auf dem Toten Meere mit dem Leben bezahlt haben.) In diesem Augenblick verzichte ich feierlich auf diese Art und Weise, unsterblich zu werden. Das Ufer von Lissan ist glücklicherweise nur mehrere 100 m entfernt. Aber die Küste bricht steil ins Meer ab und ist kaum zu erklimmen. Zwar trägt dich das Wasser, aber der Schlag dieser schweren Wogen muß dich bald betäuben. Während ich noch so denke, rasselt schon ,die schwere Ankerkette; ■wir haben festen Grund. Einige Stunden werden wir noch tüchtig geschaukelt, dann glätten sich die Wasser inehr und mehr, und schließlich zeugen nur noch . ein paar Fetzen weißen Schaumes auf der spiegelglatten Fläche von, dem vergangenen Sturm. Mit ein paar klobigen Ruderstangen mühen wir uns ans Land. Während des Sturmes hätte ich mir geschworen, mich lieber den Gefahren einer Landreise zu unterziehen als nochmals der Möglichkeit des Schiffbradjes auszusetzen. Aber meine arabischen Freunde gaukeln mir Hoffnung auf rosigste Seefahrt vor und versuchen alles, mich von der Lanareise ab* zuhalten. ״Wenn du nicht mehr zurückkejirsj, so wird niemand glauben, daß dich die Räuber im Gebirge umgebracht haben. Man wird uns in das Gefängnis sperren. Ein Jade und vier Müslimin, natürlich haben sie den Juden ins Meer geworfen.“ Vor soviel weiser Voraussicht beuge ich mich beschämt und erwarte voll neuer Hoffnungen den Anbruch des kommenden Morgens. Der Morgen kam heran, schnell war das Boot flott und — die Efoffnungen vernichtet. Wir waren nicht einmal soweit gekommen wie am vorigen Tage, da riß der Wind uns wieder die Segel aus den Händen, knickte die Mastspitze und machte das Boot völlig manöverieninfähig. Das Ganze war von einem furchtbaren Donnerwetter begleitet, das in einer Ladung von Flüchen auf den armen Schiffsjungen herniederging, dessen Kräfte beim Halten der Taue versagt hatten. Der Kerl weinte jämmerlich, verkroch sich, nachdem der Anker in der seichten Bucht wieder Grund gefaßt hatte, unter eine der Bänke und ließ jetzt alle Flüche über sich ergehen. Infolgedessen wurde unser Boot im Morgensturm auf den Wellen hin- und hergeworfen, hob sich, senkte und drehte sich wie am Tage vorher. Aber diesesmal habe ich mir einen dreifachen Schwur geschworen, lieber den Räubern Moabs in die Hände zu fallen, als dieser widerlieh ekligen Salzflut noch einmal auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Morgens, es mag 0 Uhr gewesen sein, der Sturm hatte sein tägliches Pensum abgewickelt, kehrten wir wie am vorigen Tage als geschlagene Seehclden in den sicheren Port zurück. Der Kaufmann aus Kerak, der mit seinen Waren die ganze Zeit auf das Eintreffen der Karawanentiere gewartet hatte, war gerade zum Abmarsch bereit. 10 Esel, ebensoviel Maultiere, trugen Kisten und Säcke. Zwei Pferde standen zur Verfügung, von denen mir der Führer der Karawane, ein Beduine, dessen Schläfenlockcn, zu dicken Zöpfen geflochten, bis zum Kinn herunterhingen, eins überlassen wollte. Der Viehhändler aus Jerusalem schloß sich ebenfalls uns an und nur sein Ochse blieb als einziger Passagier auf dem Schiff zurück. Wenn man ihn um seine Meinung gefragt hätte, wäre er wohl auch mit uns mitgekommen. Dem Führer des Schiffes bestätigte ich schließlich noch schriftlich, daß ich ihn lebendig verlassen hätte! Meine Stute war ein recht brauchbares Tier. Zwar konnte ich sie auch durch angestrengteste Bemühungen nicht in Galopp bringen, aber sie nahm die schwierigsten und steilsten Wege mit spielender Leichtigkeit. Nie werde ich diesen Tag vergessen. Es war einer jener Herbsttage nach dem ersten Regen. Einzelne Wolken trieben am Fiimmcl, ein kühler Wind wehte vom Gebirge, lange Schatten zogen langsam über die Landschaft. Erst der Kontrast der Wolken gibt dem Bilde der südlichen Breiten Leben ein, denn, die eherne, eintönige Bläue des Sommerhimmcls wirkt erdrückend wie das Grau des nordischen Regentages. Auf kläglichem Saumpfad näherten wir uns dem Sturz des Gebirges. Aus engen Tälern quellen die Schuttmasscn, Blöcke von Häusergröße, denen der Regen die Unterlage weggespült, sperren den Weg. Durch tiefe Schluchten strömen reißende Wildbäche vom Regen geschwollen. Tief unten das Meer, eintöniges Blau zwischen dem Farbensniel der Gebirge. Steil, ja überhängend die Mauer des moabitischen Berglandcs. Aufgerissen, wie auf dem Seziertisch, liegt der Leib der Erde da. Rot und grün und gelb türmen sich die Schichten übereinander, senken sich im gewaltigen Schwünge in die Tiefe. Je höher wir kommen, desto mehr schwindet der Charakter der Wüste. Zwischen Geröll und Fels sprossen duftende Bergkräuter, vom Regen hervor gelockt. Flin und wieder knickt ein Esel zusammen, für einige Minuten stockt die Karawane und unter viel Geschrei bringt man ihn wieder auf die Beine. Der Blick der Leute streift das Gelände mit geschärften Sinnen, wo unsereiner nur Gestein und Gestrüpp sieht, vermögen sie menschliche Wesen zu erkennen. Der Beduine mit den geflochtenen Paje-s deutet vielsagend mit den Fingern: 1 larramije (Räuber)! Und mustert verständnisvoll meine Khakijacke, die ich ihm als Backschisrh für den Schutz gegen die Räuber schenken soll. Ich merke, wie der Hase läuft und mache halbe, nichtssagende Versprechungen. Ein einzelner Reiter kommt uns bergab entgegen gesprengt. Mein Beduine zieht den Revolver aus dem Gürtel und nimmt ihn geladen und ungesichert in die Linke. Der Reiter nimmt sein Gewehr von der Schulter . die Begrüßung ist überaus herzlich, man schüttelt sich mehrmals die Hände. Dann geht cs weiter, höher immer höher. An den Talhängen des Wadikerak entlang über mächtige Bastionen, in denen metertiefe Risse klaffen, Hohlwege, hinter denen jeden Augenblick Gefahr vorbrechen kann. Wir biegen um eine Ecke, da liegt als Abschluß und Krönung des Tales die feste Stadt Kerak, Wasserrinnen rieseln über den Weg, an einer Quelle tränken wir die Pferde. Der kühle, trockene Wind hat auch uns durstig gemacht, die Lippen vertrocknet. . Das Tal wird lebendiger, in der breiteren Sohle stehen. Oliven- und. Feigenbäume, dazwischen die naturgewachsencn Fellachenhäuschen. Ein paar Weiber, die ihre mit Brennholz beladenen Esel vor sich hertreiben, kommen uns entgegen. Man hört das Rauschen eines Wasserfalles. Es ist der Wadikerak, dessen Quelle hier aus dem Felsen hervorbricht. Die fast senkrechte Wand trägt üppiges Grün. Jetzt sind wir unmittelbar unter der Stadt; die letzte halbe Stunde steilsten Anstieges wohl an die 200 m zwischen Fels und lockerem Triimmergestein. Endlich sind wir oben, die Stute wittert schon den Stall, die Sonne gellt gerade unter. Noch ein Blick hinüber nach Westen, ein Ausschnitt in den Bergen, tief, tief unten ein blauer Streif, das Meer, die scharfe Wand dahinter, die eben im Rot der Abendsonne glänzt, Palästina. 1400 ni hoch sind wir gestiegen. Meine Erwartungen sind gespannt auf diese dem Wirken des Abendlandes so weit entrückte Stadt. Vielstimmiges Gejohle dringt uns entgegen, ermunternde, halb scheltende Rufe, Trillerpfeifen. Donnerwetter, das kommt dir doch alles irgendwie bekannt vor, das hast du schon hundertmal — da sind wir schon da, treten durch die Bresche einer verfallenen Mauer, was ich kaum zu ahnen gewagt hatte — ein freier Platz, auf dem sich die Jugend um den Fußball balgt. Mein Europaherz schlägt höher. Diese Burschen haben einen richtigen Fußball, Skoutsunit'ormen, wenn auch vorletzter Qualität und fast alle einen Fez auf dem Kopfe. (Was liier auch schon ans Vornehme streift, da die ganze übrige Bevölkerung die landesübliche Kcfije trägt.) Ein Dreikäsehoch windet sich aus dem Knäuel, stürzt auf seinen Vater los, der mit mir zusammen der Karawane vorausgeritten. Bald sind wir von der ganzen Familie umringt, die dem glücklich Heimgekehrten die Hände küßt. Die Frauen, wie Beduinen gekleidet, tragen auf der Brust ein silbernes Kreuz. Es sind Rumi, Anhänger der griechischen Kirche, die sich äußerlich in nichts von den Mohammedanern unterscheide* Mao hat mir erzählt, daß es dort auch einige christliche Beduinenstämme gäbe. Inzwischen ist es Nacht geworden. In der gedeckten Vorhalle hat man Matten ausgelegt. Ich bin natürlich Gast meines Reisegefährten, der vor dem reichlichen Familienanhäng seine Reiseerlebnisse erzählt. Um mich drängt sich die Jugend der Familie, bin ich doch für sie eine seltene Gelegenheit, ihre in der Missionsschule erworbenen engtischen Kenntnisse auszupacken. Vor Zärtlichkeit werde ich beinahe in Stücke gerissen. Nach Landessitte nehmen auch bei den Christen Frauen und Kinder am Mahle nicht teil. Letztere stürzen sich nachher mit um so größerer Begierde auf die Reste. Wenn es normal zugegangen wäre, hätte ich nach dem zehnstündigen Ritt in den sogenannten Armen des Morpheus einschlafen müssen. Daß dem nicht so war, verdanke ich ausschließlich der Tatsache, für die Haustierchen meines Wirtes ein besonders seltener Leckerbissen gewesen zu sein. Eine schlaflose Nacht war immerhin kein zu teurer Preis für die Erfahrung, daß selbst die ausgesuchtesten Flüche und Beschwörungen der jeweiligen Landessprache kein vollwertiger Ersatz, für Insektenpulver sind. Am Morgen pfiff der Wind eiskalt über die Dächer. Die Karawane mit meinem Gepäck war noch nicht eingetroffen, ich benützte daher die Zeit, um mir das Nest etwas anzusehen. Niedrige, einstöckige Häuser, viele halb oder ganz verfallen, dazwischen nur zwei größere Gebäude, die Missionsschule und der Serail. Vor letzterem ein paar Kanonen, wohl noch aus der Türkenzeit, vor denen ein paar Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wache halten. Einige offene Kaufläden, in denen der Fellache oder Beduine seine primitiven Bedürfnisse deckt. Die Stadt hat als Mittelpunkt des südlichen Transjordanien immerhin einige Bedeutung. Dazu liegt sie in einer wasserreichen und relativ fruchtbaren Umgebung. Schon in biblischer Zeit war sie die Hauptstadt des Moabiterlandes, ln kurzem wird sie eine Wasserleitung besitzen, die von einer Haifaer jüdischen Firma mit .jüdischen Arbeitern gebaut wird. Es sind fast alles alte Palästinenser bei diesem Werke beschäftigt, und ihr Verhältnis zu der einheimischen Bevölkerung ist, zumal sie ausgezeichnet arabisch sprechen,, ein glänzendes. Die Schwierigkeiten sind enorm. Alles muß auf dem langen Weg mit der Hedschasbahn heraiigeführt werden, die, während ich diese Zeilen schreibe, wahrscheinlich schon von den Drusen unterbrochen ist. Dazu ist die Station 45 km von der Stadt entfernt, der Weg in derartiger Verfassung, daß ein europäischer Chauffeur sich weigern wurde, ihn zu fahren. Audi ich sollte ihn noch kennen lernen. Die Lage von Kerak hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der von Jerusalem. Auf drei Seiten von tief eingeschnittenen Tälern umgeben, ist es nur von einer Seite von der Hochebene aus zu erreichen. Die Stadt muß nahezu uneinnehmbar gewesen sein, letztes Bollwerk dieses an und für sich schon unzugänglichen Landes, das seinen Beherrschern stets viel Blut gekostet hat. Für kurze Zeit nur stand cs unter jüdischer Herrschaft und auch die Türken haben durch dauernde Aufstände bis in die jüngste Vergangenheit hinein hier wenig Freude erlebt. Die gewaltige Zitadelle hat meterdicke Mauern, riesige unterirdische Gelasse, von den Moabitern der vorisraelitischcn Zeit bis zu den Osmanen haben alle Zeiten an ihr gebaut. Auf dem Platze vor dem Serail stehen ein paar Forts. Die Chauffeure machen sich gegenseitig die Passagiere streitig, so daß es mir gelingt, für billiges Geld einen Platz in einem der Wagen nach Amman zu bekommen. Der Anfang ist nicht vielversprechend. Das Auto kam! beim besten Willen nicht anfahren, schließlich müssen wir es auf die sacht abschüssige Straße schieben, wo es über riesige Steine hüpfend, endlich in Schwung kommt. Meine Skepsis

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