Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1926)
- Date
- 1926-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24/25 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 170 Naltum SoHolow nadi London zuriickgeHehrl Die Aufgaben des NationaUonds Von M. M. Ussischkin. Wir geben nachstehend einen gekürzten Auszug aus der interessanten Rede, die der Vorsitzende des J. N.-F. bei der Schriftstellerzusaninienkuuft in' Kirjath Anawitn am 14. Februar d. J. gehalten hat. In einer gewissen Beziehung ist die finanzielle Lage des K. K. L. erfreulich, in anderer Beziehung dagegen recht traurig. Wenn wir bedenken, daß die Einnahmen des K. K. L. vor zwei Jahren 167 000 £ betrugen, im vergangenen Jahre 260 000 £, so haben wir vor uns eine Steigerung der Einnahmen um 60 "/o. Trotz der mißlichen wirtschaftlichen Lage fast aller Länder der Welt sind die Einnahmen in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres im Vergleich zu denen des vergangenen Jahres um 22 *ס/י gestiegen. Wenn wir jedoch den Einnahmen unsere Bedürfnisse gegenüberstellen, dann sind sic gleich Null. Als wir im vergangenen Jahre mit der Parole 000 100״ Dunam“ in die Oeffentiichkeit traten, zweifelte man an dem Gelingen der Sache. Trotzdem wir das Doppelte kauften, ist der Bodenmangel heute noch stärker als vor zwei Jahren. Es scheint, als ob der Boden mit einem Schlag verschwunden wäre, denn der erworbene Boden wurde in einer Direktionssitzung verteilt. Der größte Teil der 100 000 Dunam, die auf unseren Namen übertragen wurden oder in der nächsten Zeit übertragen werden sollen, befindet sich im Emek. Noch ein Terrain will ich erwähnen, das für die. Zukunft von großer Bedeutung ist. Das ist der Komplex, den der K. K. L. im *Verein mit der Kehiliath Zion in der Haifff-Akko-Bucht erwarb. 12 000 Dunam gehören uns. Das Terrain liegt in der Nahe des zukünftigen Hafens und des Handels- und Industriezentrums. Aut der einen Hälfte unseres dortigen Besitzes beschlossen wir die erste Arbeiter -Garten* Vorstadt zu gründen. Vor einer Woche erhielt der jüdische Nationalrat von der Regierung die Antwort auf seine Forderung bezüglich der Regierungsböden. Eine deutlichere Antwort konnte man von dieser Regierung nicht erwarten. Ich sägte Jabotinsky unzählige Male: Icli habe nichts dagegen, daß Sie der Regierung und der Zionistischen Organisation an den Leib riieken und fordern, daß die Regierung uns ihren Boden übergibt. Wenn Sie jedoch auch nur für einen Moment die Arbeit des K. K. L. den Regierungsböden zuliebe vernachlässigen, begehen Sie ein Verbrechen. Auch ich bin der Meinung, daß man die nötigen Schritte unternehmen muß, um von der Regierung Böden zu erhalten. Die Erlösung des Ercz-Israci-Bodens werden die Regierungsböden jedoch nicht bringen, allenfalls nicht in der kürzesten Zeit. (Vielleicht nach 10- 20 Jahren, wenu wir einen ausschlaggebenden Faktor im Lande bilden werden, wird man uns die brachliegenden Böden übergeben. Bis zu jenem Zeitpunkte haben wir von der Regierung nichts zu erhoffen.) Jene, welche glauben, daß man auch nur für einen Moment die Arbeit für Geulath Haaretz, welche der K. K. L leistet, vernachlässigen darf im Vertrauen darauf, daß cs uns gelingen wird, mit Hilfe der Regierung oder im Kampfe mit der Regierung die Regierungsböden zu erhalten, rechnen in. E. nicht mit der Wirklichkeit. Erst in diesem Jahre schlug uns die Regierung für die demobilisierten Soldaten an zwei Stellen Böden vor: im Süden des Landes 10 000 und im Norden 12000 Dunam. Nachdem unsere Leute den Boden besichtigt hatten, gaben wir der Regierung folgende• Antwort: ״Besten Dank! Gute Böden, die wir selbst kaufen können, werden uns billiger zu stehen kommen, als die Ameliorisierung dieses f$8en-, und Sandbodens. -t »;.lit®« Hofftranfc :die njDch irgendweldi'e^BerecIitigiaigc.lMtte, war die PrivatinitiatiVe. Private Personen, so dachte man, würden größere Summen in die Erlösung des Bodens investieren. Sie wissen, mit welcher Begeisterung man die zahlreichen Bodenkäufe begrüßte, die von privaten Personn durchgeführt wurden. Auch dieser Versuch hat jedoch in gewisser Hinsicht ein Fiasko erlitten. Die Ursache liegt nicht nur im wirtschaftlichen Niedergang der europäischen und besonders der polnischen Judenheit, die sich am meisten an der Erlösung des Bodens beteiligten. Natürlich hat auch dieser Umstand mitgewirkt. Die Hauptursache Iieg־t jedoch darin, daß man ungesehen hat, daß bemittelte Leute, die über die notwendigen Mittel verfügen, Boden zu kaufen, Wohn- und Wirtschaftsgebäude zu errichten und den Lebensunterhalt der Familie in der ersten Zeit zu bestreiten, daß solche Leute nicht gewöhnliche Bauern in E r ez- Israel werden wollen. Ich will nicht darüber sprechen, daß, wenn sich schon ein oder zwei Idealisten treffen, Der Präsident der Zionistischen Exekutive, Nahum S o k o 10 \v , ist soeben von seiner Amerikareise nach London zurückgekehrt. Er hat bekanntlich der Konferenz in Baltimore als Vertreter der Exekutive beigewohnt und in sehr zahlreichen Meetings in den Vereinigten Staaten und Kanada Ansprachen gehalten. — Am 9. April tritt Sokolow seine Reise nach S ü d a f r i k a an, um die dortige Keren Hajessod-Kampngnc einzuleiten. * Herr Sokolow, der in der amerikanischen jüdischen Presse mit Vorliebe ״der Weise der zionistischen Bewegung“ genannt wird, richtete vor seiner Abreise aus Amerika eine Botschaft an die amerikanischen Zionisten, worin er erklärt, er habe diesmal ein zehnfach erhöhtes Interesse für Zionismus in Amerika feststellen könnet! als bei seinem letzten Besuche vor vier Jahren. ״Dieses erhöhte Interesse bezieht sich nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität,“ sagte Herr Sokolow. ״Es zeigt sich in der großen Zunahme der Mitglie.derz.ahl und der Beiträge, die in dem außerordentlichen Erfolg der vereinigten Palästina-Aktion gipfelt, aber auch in der geistigen Haltung der amerikanischen Juden zum zionistischen Ideal. Wir europäischen Zionisten wünschen, daß Amerika eine immer bedeutendere Rolle in der Bewegung spielt, und seinen geistigen Einfluß in der zionistischen Führung geltend macht. Der wichtigste Eindruck, den ich mifiuthnie, ist das Bedürfnis nach einer groß angelegt c11־ Er ri e 11 u 11 g s - a r b e i t zur Festigung der jüdisch-kulturellen Werte in Amerika. Es ist ein wahrer Hunger nach einem Erziehungsprograram zu beobachten. Nicht nur die eingewanderten Juden wünschen eine Fortführung ihrer traditionellen Beziehungen zur jüdischen Kultur, sondern auch die im Lande geborenen Juden fühlen eine Leere in ihrem jüdischen Leben, welche ausgefüllt werden muß. Durch derartige Kulturarbeit wird auch das zionistische Fühlen gestärkt und vertieft werden. Ohne diese Erziehungsarbeit wird weder die zionistische noch irgendeine andere jüdische Propaganda bleibende Resultate haben. die diese Arbeit auf sich nehmen wollen, die Frauen sich weigern, ins Dorf zu gehen Allenfalls kann man auf diese Leute keine großen Hoffnungen setzen. Sie kommen als wichtiger Faktor für die Erlösung des Bodens in Erez- Israel nicht in Betracht. Das war nur eine Illusion. Wenn jedoch ein Jude über die Hälfte des erforderlichen Betrages verfügt und sich der Landarbeit widmen will, daun kann er an eine Ansiedlung nur dann denken, wenn er für den Boden nicht zu bezahlen braucht, d. 11. wenn er sich auf K. K. L.-Boden niederlassen kann. Jetzt zeigen sich natür* lieh die traurigen Folgen der privaten Käufe. Sicherlich haben öhig«?i-1l»fer'1hnei;‘,:V0fr*׳def-,'V«p^tr®nf':geteet»|'sdtei-v6r 35 jaliren in Palästina durch־ die Bodenkäufe hervorgerufen wurden. Dasselbe hat sich jetzt wiederholt: Es kamen Juden, kauften Boden, beangabten ihn jedoch nur und — verfügen jetzt nicht über die notwendigen Mittel, um den Zahlangs- Verpflichtungen nachzukommen. Sowohl die Angabe als auch der Boden bleiben somit 1‘n arabischen Händen. Diese Juden kommen jetzt zum K. K. L. und rufen um Hilfe: ״Zahlet uns den Betrag, den wir den Arabern als Angabe gegeben haben, zurück und bezahlet den Arabern den fälligen Betrag.“ Auch die Chassidim, die vom K. K. L. 9000 Dunam erhielten und aus eigenen Mitteln mehrere Tausende von Dunam beangabten, auch die Chassidim kommen zun! K. K. L. und bitten, daß wir den Boden kaufen, sonst ersticken sic. Somit ist auch diese Illusion, die zum Teil begründet war, zerronnen. Ich gehöre nicht zu jenen extremen Leuten, die nur von einer Nationalisierung des Bodens wissen wollen. Wenn man mich vor die Alternative stellt, daß der Boden Ich werde von hier nach Südafrika die Kunde bringen von dein großen Erfolge der amerikanischen Fünf-Millionen- Dollar-Aktion. Ich bin überzeugt, daß das große Beispiel Amerikas in einer kritischen Zeit in allen Ländern einen großen Eindruck machen wird.“ Vor seiner Abreise wurde Herrn Sokolow ein Abs c 11 i c d s b a n k e 11 gegeben, an welchem alle führenden Persönliehkeitcii des Vereinigten Palästina-Appells teilnahmen. Unter den Rednern waren Stephan Wise, Lipsky, Rottenberg, Neumann, Bialik und Schmarja Lcwdn. Bei der Keren Hajessod - Konferenz, die Ende Februar in New York stattfand, und über die wir bereits kurz, berichtet haben, hielt Herr Sokolow eine mit großer Begeisterung aufgenommene Ansprache, über die die hier eingetroffenen amerikanischen Zeitungen spaltenlang berichten. Sokolow schilderte zunächst die Not in Osteuropa und den Drang der osteuropäischen Juden nach Palästina. ״Aber Ercz-Isracl fuhr er fort — wird nicht von der Not allein aufgebaut werden, sondern die treibende Kraft ist der große Protest gegen die jetzigen Lebensformen des jüdischen Volkes. Die amerikanischen Juden wünschen konkrete Leistungen zu sehen, aber die Geographic macht es unmöglich, von Amerika aus in unmittelbarer Anschauung die täglichen Fortschritte und das Wachstum unscres Werkes zu beobachten. Aber das jüdische Gefühl, das in Amerika zu immer stärkerer Aktivität sich durchringt, erfaßt die Wirkung Palästinas auch aus der Ferne. Wenn man als Propagandist nach Amerika kommt, so steht man wie vor einer Goldgrube. Erst sieht man nur Staub und Steine, sobald man aber zu graben beginnt, stößt man auf das Gold, das echte jüdische Gefühl. Ihr werdet ergriffen von der Freude des Bauens und gebet das Geld. Die Beiträge müssen sich verzehnfachen, aber wenn ich auch mit dem beruhigten Gefühl davonfahre, daß das Geld hereinkommen wird, so fühle ich doch zugleich Beunruhigung, es möge nicht vor lauter Geldsorgen der Zionismus vergessen werden. Das amerikanische Judentum muß sich einen immer größeren Einfluß im Zionismus sichern durch Anteilnahme an seinem geistigen Leben.“ entweder in privatjüdische Hände gelangt, oder uns ganz verloren geht, dann werde ich natürlich das erste wählen. Die Wirklichkeit hat uns jedoch gezeigt, daß mir der K. K. L. als Erlöser des Bodens in Betracht kommt. Die privaten Bodenkäufe haben uns mehr Schaden als Nutzen zugefügt, denn sie haben die Bodenspekulation hervorgerufen. Wenn Sie mich jedoch fragen, wer die Schuld daran trägt, dann werde ich Ihnen antworten: der K. K. L. Denn wenn Juden aus aßen Weltteilen mit geringeren Mitteln nach Erez- Israel kommen, um sich anzusiedeln, wenden sie sich vorerst an den K.K.L. und bitten um Boden. Da wir ihnen weder Boden geben noch Versprechungen 1Bäeh|i ’''■19hm»Q“%pd sie gezwungen, einen anderen Äüsweg zu suchen. So entstand die Bodenspekulation. Alle Zeitungsartikel der besten palästinensischen Schriftsteller und alle Proteste des Nationalrates werden da nichts nützen. Abhilfe kann nur dann geschaffen werden, wenn jeder Jude K. K. L.-Boden erhalten könnte. Wir haben eine Reihe von Bodenverträgen mit Arabern, die heute wertlos sind, da die Araber den Boden nicht übergeben wollen. Sie verlangen heute viel höhere Preise. So kauften wir z. B. nördlich von Tel-Awiw einen großen Bodenkotnpiex für eine Arbeiter-Gartenvorstadt zu 5 £ das Dunam. Der Verkäufer verlangt heute 15 £. Obwohl heute die Bodenkäufe aufgehört haben und die Preise wieder gefallen sind, werden letztere nie wieder jene Preisstufe erreichen wie vor einem halben Jahr. Das ist psychologisch ganz verständlich. Wir haben es hier mit keinem Handelsobjekt zu tun, da die Böden in Palästina dem Gewinne nach, den die Wirtschaften abwerfen, viel weniger An jenem Tage, an dem der ״Volksfiilirer“ mit seiner Armee in die Stadt cinzog, war Regen, Frost und eine durchdringende. Kälte. Die Notabein der Stadt und jüdische Massen strömen, um den Helden, den Erberer, zu empfangen, vielleicht auch um auszudrücken, daß das Gefühl der Hoffnung und des Vertrauens die Angst und die Furcht übertreffe. Das Herz wußte noch nicht, was bald folgen wird . . . Inzwischen kam eine Art Besserung: die Eisenbahnen wurden wiedcrhergestellt, eine Menge Leute beeilten sieh mit der Rückkehr nach Hause, in die Städte der Provinz. Die Wagen sind gesteckt voll. Auf eine wunderbare Weise sind alle hinein! und — mm hilft keine Reue: Umkehren kann man nicht mehr! Plötzlich fällt ein Gerücht: das ״befreite“ Volk tobt; das Wort ״Pogrome“ drängt sich im stillen von Mund zu Ohr . . . Dies eine Wort, sein Klang allein, ist dSnacli angetan, das Blut im Herzen gerinnen zu lassen und ein Schaudern in die Glieder zu jagen, besonders bei jenen, denen das Schicksal bereits einmal beschert hat, die Bedeutung dieses Wortes von der Nähe kennen zu lernen. Die Gerüchte verbreiten sich immer mehr. Jüdische Juqgcns kämpfen tapfer . . . fu jeder Stadt entstehen Selbst- Schutzabteilungen. Alle sind bereit . . . Aber das Herz gärt. Was nützt aller Mut und Tapferkeit, wenn das Ende gleich ist? Die Regierlmg beklagt sich: Sdbstwchr? vor wem? kann sie denn nicht allein ihre Bürger schützen? . . . 111 den Judengassen reiten Abteilungen Militär, mit gezogenen Säbeln und rasen mit wildem Lachen. Und trifft cs sich, daß ein Jude in solchem Momente die Straße passieren muß und es ihm nicht gelingt, vor den Blicken dieser ״Schutzleute“ sich zu retten — schon ist sein Schicksal besiegelt. — Noch sehe ich vor mir einen dieser Geretteten, einen armseligen Schneider: nur noch ein Sprung und er war gerettet . . . Er.ist bereits am Zufluchtsort . . . aber da erreicht ihn der Blick eines der Reiter . . . und mit wildem Gelächter richtet sich der Kosak auf seinem Pferde auf, erhebt sein Gewehr: Puff! Einen ״Spaß“ nu! machte sich der ukrainische ״Held“ ... zur Erheiterung. — Und der Jude macht sich sachte davon. Mit der Fratze des Schmerz.cs wegen des verwundeten Armes setzt er seinen Weg fort und seine Lippen lispeln Lob und Dank an seinen Schöpfer ob dieses ״Wunders“, das ihm geschehen, daß er am Leben geblieben war. Schon nahen die Peßachtage und die ״Helden“ — sie ״beschützen“ narb immer die Einwohner der Stadt, An jedem Abend sind Ueberfälle und Mord und ״Revisionen“ und jeder Tag bringt neue Angst. Am Abend bist du nicht sicher, daß du das Licht des morgigen Tages noch sehen wirst und beim Verlassen deines Hauses weißt du nicht, ob du zurückkehren wirst. Und so lebt man und bereitet sich für den Peßach vor . . . Heimlich und im stillen werden die Vorbereitungen getroffen, als ob jemand auf uns lauerte. Die Mazzoth bäckt jeder zu Hause, wenn auch keine Sicherheit bestand, daß man sie auch wird essen können. Aus den nahen Städten kamen fürchterliche Nachrichten. Die Kosaken wurden immer brutaler Ihre Anführer erfanden immer wieder einfach höllische Listen, um die jüdischen Bürger einzuschüchtern. Sie verlangten die Herausgabe von ״Waffen“ und dies bedeutete — alles, was nur einen Wert darstelite. Diese Forderung war ein Vorwand für Raub und Mord. Eine besondere Erfindung machten diese Boten der Hölle für Peßach. Sie verhafteten besonders vornehme Juden, sperrten sie in Gefängnisse, gaben kund, daß sie sie nicht lebend entlassen werden, wenn die Juden nicht allen ״Reichtum“, der sich in ihrer Hand befindet, ihnen ausliefern werden und alle Waffen aus den Händen der jungen Männer des Selbstschutzes. Währenddessen peinigten sie die Verhafteten und schreckten deren Verwandte mit Drohungen, die nur ein wildes Gehirn zu erfinden fähig ist Als Vorsitzende der Zionistischen Organisation des Ortes befand auch ich mich auf der Liste jener Verderber, da sie für mich ein ansehnliches ״Lösegeld“ zu erzielen hofften. Durch irgend ein Wunder erfuhren es meine Genossen noch rechtzeitig genug und konnten mich in größter Eile verständigen. So fand ich ein Asyl im Hause eines Bekannten, wo ich in einem verschlossenen Zimmer cingesperrt ganz allein verblieb; kein einziger meiner Verwandten und Bekannten wagte dieses Haus zu betreten, damit kein Verdacht erweckt werde, denn es ging um das Leben des mich verbergenden Hauseigentümers. Die Verwirrung und dig Angst wurden immer stärker. Wer hn Zentrum der Stadt wohnte, suchte Zuflucht bei seinem Freunde an der Peripherie, der aus der Peripherie schickte wenigstens seine Familie ins Zentrum, das er für ״sicherer“ hielt. Die christlichen Einwohner der Stadt blicken aus den Fenstern ihrer Wohnungen und machen als ob sic nichts spürten, das Lächeln voll Gift und Schadenfreude. Inzwischen werden ihre Heiligenbilder über die Tore ihrer Höfe und au die Mauern ihrer Häuser gehängt. So feierten die Juden jenen Peßacli fast in allen Orten .Ukrainas mt 6 Jahren. An jenem Abend verließ ich mein verschlossenes Zimmer. Der Sohn meines christlichen Bekannten, Freund eines ehren• haften Tschechen und Freundes meines Elternhauses, willigte ein, midi in das Haus zu begleiten, wo sich meines Wissens meine Mutter befand. in Männervcrklcidung, mit einer runden Kappe, ähnlich einer ״Papacha“, schritt ich in Begleitung meines Bekannten über die Gassen, in welchen nicht ein Schatten eines Lebe- Wesens zu sehen war. Die Fenster, die Läden und die Tore waren verschlossen und fest versperrt, so daß nicht zu erkennen war, ob es Wohnungen lebender Menschen waren. Kein einziger Lichtstrahl drang auf die Straße. Und diese Nacht war eine Pessachnacht?! Keine Stimme war zu hören, wie wenn alles Lebende auf der Erde erstarrt und nusgcstorben wäre. Ich klopfte leise an die Tür des betreffenden Hauses — an meine Ohren drang nur ein leises Geräusch verrückter Stühle, umgestürzter Becher und Flaschen, eiliger Menschenschritte, eine entfernte Tür. welche in ihren Angeln gedreht und geschlossen wurde. . . . Mein Herz klopfte, aber umkehren konnte ich nicht mehr. Ohnedies werden die Mensehen keine Ruhe finden, solange sic nicht wissen, wer an der Tür geklopft hatte. Endlich ließen sich Schritte hören. Ich erhob etwas meine Stimme. Die Tür wurde geöffnet, irrende Blicke aus furchtsamen Augen bohrten sich in mich — in meiner Verwirrung vergaß ich, daß meine Kleidung meinen Verwandten Angst einjagte. Meine Mutter erkannte mich sofort. Dann erkannten mich auch die anderen. Freude und Fröhlichkeit, Umarmungen und Küsse, Die Frauen und Kinder verlassen ihre Verstecke. .. Mein Begleiter wird ins Zimmer gezogen und mit einem Becher Wein beehrt. Jubel! Ich merke wehen Herzens den Umsturz, den mein Klopfen an der Tür verursacht hatte - — — ״Wie unsere Angst eben in Freude umgcwandclt wurde, so möge auch unsere ganze bedrückte Lage, in der wir uns befinden, in Freude umgewandelt werden, lind mögen wir aus der Finsternis in Licht ausziehen“ ... sagte die Mutter, und ihr Antlitz strahlte, und die Herzen erfüllten sich mit lichtvoller und warmer Hoffnung. Man vergaß, man wollte für einen Moment die sehwebende Gefahr vergessen. ״Geliebte Mutter, wie verstandest du es, die Seelen aufzurienten in der Stunde der Not! Wenn in uns noch Funken von Hoffnung und Zuversicht glimmen ln die große Zukunft, dir, dir sind wir dafür Dank schuldig! ... Dein Andenken sei gesegnet!“